Eine Haferrequisition

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Textdaten
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Autor: Hermann Knackfuß
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Titel: Eine Haferrequisition
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 104
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1871) b 097.jpg

Der Maire. Haferrequisitation in Auflance bei Montmedy. Der Dorfschulmeister.
Nach der Natur aufgenommen von H. Knackfuß.

[104] Eine Haferrequisition. (Mit Abbildung.). Wir lagen in Avioth und belagerten Montmedy, was uns dazumal wenig Beschwer machte; das Dorf war reich und hatte noch wenig Einquartierung gehabt, es fehlte uns weder an Wein noch an Gänsebraten und zu thun hatten wir fast gar nichts. Da äußerte an einem Samstagabend unser Escadronchef gegen den Wachtmeister, die „jungen Herren“ müßten doch etwas mehr Bewegung haben, und in Folge dessen wurde ich mit einem Cameraden, Graf T., und einem andern Husaren commandirt, in aller Frühe am nächsten Morgen nach Thonne le Thil zu reiten, um einen Intendanturbeamten bei einer Requisition in verschiedenen Dörfern längs der belgischen Grenze zu beschützen.

Nachdem wir in Thonne le Thil ungefähr eine Stunde lang bei großer Kälte gewartet hatten, erschien der Intendant, Herr K., in voller Würde, bestieg seinen Schimmel, und wir folgten in achtungsvoller Entfernung. In Margut, wo zuerst einige kleine Einkäufe gemacht wurden, lernten wir uns beim Frühschoppen gegenseitig näher kennen, und Herr K. bemühte sich auf’s Angelegentlichste, uns vergessen zu lassen, daß er uns beim Abmarsch zwei Cigarren durch seinen Burschen hatte überreichen lassen, die sicherlich nicht aus seinem Etui genommen waren, und die wir unmöglich hatten rauchen können.

Wir waren schon in ziemlich fröhlicher Stimmung, als wir gegen Mittag in Auflance, einem wohlhabenden Dorfe im Departement der Ardennen, ankamen. Die Messe war gerade beendet, und bald hatten wir die ganze schöne und unschöne Einwohnerschaft des Ortes um uns versammelt. Die Leute sahen zum ersten Male preußisches Militär, und mit Zittern und Beben schleppte ein Pisang (so nennen unsere Soldaten die paysans, Bauern) Hafer und Heu herbei, als wir unsere Pferde in seinen Stall zogen. Mit dem Carabiner an der Hüfte und den Säbel über das Straßenpflaster klirren lassend, flößten wir gewaltigen Respect ein. Man holte alsbald den Maire zur Stelle, und wir begaben uns mit ihm in das Wirthshaus, gefolgt von sämmtlichen Notabeln des Dorfes. Als man sah, daß wir unser Bier ganz wie gewöhnliche Menschen zu uns nahmen, und daß die einleitenden Redensarten ganz höflich waren, verlor sich allmählich die Furcht vor uns; man näherte sich uns und fragte nach diesem und jenem. Als aber nun der Intendant plötzlich mit kurzen und deutlichen Worten den Zweck unserer Ankunft kund gab, entstand allgemeines Entsetzen; er verlangte nämlich bis zu einer bestimmten Stunde des folgenden Tages fünfzig Centner Hafer gegen eine ganz annehmbare Entschädigung.

„Nous n’avons point d’avoine du tout, du tout, du tout,“ („wir haben keine Idee von Hafer, keine Idee, keine Idee,“) jammerte der Maire und faltete die Hände im Schooß; – „du tout, du tout,“ repetirte der Chor im breitesten Patois der Ardennen; der Schulmeister, der zugleich angestellter Spaßmacher des Ortes zu sein schien, schnitt entsetzliche Grimassen und hielt flammende Reden an den Intendanten, an den Maire, an uns und an das versammelte Volk.

„Wenn bis morgen Mittag der verlangte Hafer nicht an Ort und Stelle ist, wird er ohne Weiteres sans prix genommen,“ erklärte Herr K.

Eine Pause stummer Verzweiflung entstand, nur durch den gesticulirenden Schulmeister bisweilen unterbrochen. Ich barg mich hinter dem Mantel meines Nebenmannes, und es gelang mir, das Portrait des Herrn Maire, sowie die ganze Situation in meinem Skizzenbuch aufzubewahren; Niemand wagte mir auf die Finger zu sehen: ich notirte ja vermuthlich diejenigen, die des Aufhängens am würdigsten waren, falls die Lieferung nicht pünktlich erfolgte.

„Zwanzig Centner ließen sich vielleicht wohl auftreiben,“ meinte schüchtern der Maire. Aber Herr K. bestand auf fünfzig und bewies sehr augenscheinlich, daß dieses Quantum für ein Dorf von solcher Größe gar keine Sache von Bedeutung sein könnte. Der Maire verschanzte sich hinter der Ausrede, der übrige Hafer sei noch nicht ausgedroschen.

„Dann kann heute Nacht gedroschen werden,“ war die Antwort, und mit diesem Bescheide mußte man sich zufrieden geben.

Wir ritten weiter; in den übrigen Ortschaften wickelte sich der Handel glatter ab. Herr K. schien mit den gemachten Geschäften ganz zufrieden zu sein. Als wir in Margut wieder eine kleine Rast machten, wurde selbst der vin Champagne nicht geschont, und wir konnten beim Heimritt allen guten Geistern danken, daß unseren Pferden der Schwerpunkt nicht ebenso verschoben war wie uns; sonst wäre es uns bei der Dunkelheit und dem glatten Schnee wohl schwerlich gelungen, den Herrn Intendanten nach Thonne le Thil und uns nach Avioth glücklich zurückzubringen.

Der Hafer war am folgenden Tage pünktlich zur Stelle.

H. Knackfuß.