Eine Stunde auf dem berliner Leihamt

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Titel: Eine Stunde auf dem berliner Leihamt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 549-550
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[549] Eine Stunde auf dem berliner Leihamt. Mit jenem demüthigen Gefühl, welches uns beschleicht, wenn wir genöthigt sind, profanen Blicken Einsicht in unsere Kasse zu gestatten, trat ich in das Leihamt ein. Schüchern öffnete ich die Thür und befand mich nun in einem Saal, der durch ein breites Bureau in zwei Hälften getheilt war. Jenseits der Barren befanden sich die Pulte, die Tintenfässer, die Pfandzettel, die Wiegeschaalen und die Beamten der Mitleidigkeit; diesseits derselben stand ein geldbedürftiges Publikum, das meist aus alten Frauen und Kindern bestand und nur durch einzelne männliche Individuen schattirt war. Sie drückten sich sämmtlich an die Barre, auf deren breiter Platte sie ihre Pfänder ausgebreitet hatten. Die Gleichheit, die man hier vermuthen sollte, wo ein gleiches Bedürfniß sie alle herbeiführt, hatte sich jedoch keineswegs hier geltend gemacht, und sowohl von Seiten der Beamten als auch des Publikums wurde denjenigen besondere Achtung gezollt, die mit Pfändern von größerem Werth erschienen waren. Nur unter einer Erfahrung schienen Alle zu leiden, die von dem Beamten in großen und lakonischen Schriftzügen Ausdruck gefunden hatte; denn an der Wand hing jene liebenswürdige Papptafel mit den Worten. „Vor Taschendieben wird gewarnt." Wie dankbar war ich jenen Beamten, die mich auf solche Weise darauf aufmerksam machten, nach meinen Taschen zu fassen, in welchen sich zu meiner Beruhigung Nicht’s befand, was den Instinkt der Taschendiebe auf mich lenken konnte.

Ich legte mein bescheidenes Pfand neben den seidenen Mantel einer in tiefer Trauer gekleideten, sehr hübschen jungen Frau und dem kleinen Wäschebündel eines alten Mütterchens, die liebevoll mein respektables Kleidungsstück betrachtete und seufzend versicherte, daß das Leihamt fast gar nichts mehr auf die Pfänder leihe. Am Ende, seitwärts von mir standen mehrere Glückliche, die noch Goldsachen besaßen und der Reihe nach dem kleinen dicken Taxator für ihre Gegenstände Mittheilungen machten, die ihn von dem nur denkbar höchsten Werth derselben überzeugen sollten und die in lächelnde Entrüstung geriethen, wenn er ihnen versicherte, daß das Pfand nicht so viel werth sei. Sie legten sich dann auf Bitten und betheuerten, daß sie den Gegenstand bald wieder abholen würden – umsonst, der kleine Mann zuckt mit den Achseln und die Pfandgeber fügen sich schließlich in das Unvermeidliche.

In London haben die Leihhäuser eine sehr gute und auf Schonung des peinlichen Gefühls der Armen berechnete Einrichtung, indem sie in zehn bis zwölf kleine und abgeschlossene Zellen eingetheilt sind, die jede ihre besondere Thüre vom Flur aus haben und es unmöglich machen, daß Einer den Andern sehen kann. Eine so zuvorkommende Artigkeit ist in Berlin nicht, und bei jedem Oeffnen der Thüre verbirgt ein großer Theil sein Gesicht, bis er sich versichert hat, daß kein ihm Bekannter demselben Schicksal erlegen sei.

Der Beamte, der hier die Wäsche und Kleidungsstücke taxirt, untersucht [550] sucht mit Virtuosität alle ihm dargereichten Pfänder, und vertraut mit den Geheimnissen der verstecktesten Damengarderobe, kennt er auch die Schwächen und Gebrechen derselben, wo sie zuerst zum Vorschein zu kommen pflegen. Er weiß, wie oft ein Kattunkleid schon gewaschen, ein seidenes Kleid schon den Strapatzen und handschuhlosen Händen eines Galans ausgesetzt gewesen, und entdeckt mit seiner Kunst die dünnen Stellen an einem Unterrock, die sonst keinem Sterblichen so deutlich zu sehen erlaubt wurden. Die Paletots und Röcke, die Beinkleider und Mäntel sezirt er mit anatomischer Schneiderkenntniß und führt Einem - auch ich litt darunter - oft die Fadenscheinigkeit, ja selbst Offenherzigkeit eines theuren Models vor Augen, welches wir noch für treu und diskret hielten; aber ein kluger Mann muß nie Häuser auf Tugenden bauen, am Allerwenigsten bei - Kleidungsstücken.

Meine trauernde Nachbarin hörte seufzend den Preis, der ihr aug den seidenen Mantel geboten wurde und nickte resignirt mit dem Kopfe; auch ich seufzte, am Meisten über den elenden Rock, der sich trotz meiner Anstrengung nicht in dem Zustande tadelloser Gediegenheit befand, obgleich ich ihn noch dem Schneider zum Ausbügeln gegeben. Aber unglücklicher erging es dem alten Mütterchen, deren bescheidenes Wäschebündel in den Augen des Taxators hartherzig ohne Werth blieb, und die Arme, die das Beste und Werthvollste ihrer Wirthschaft zusammengesucht, um durch wenige Groschen vielleicht den Hunger ihrer Kinder zu stillen, sie ging gedrückt und mit sichtlichem Widerstreben von dannen, ohne die Wohlthaten des Instituts noch in Anspruch nehmen zu können und mit der fester gewurzelten Meinung, daß das Leihamt nichts mehr auf Pfänder leihe.

Während dessen die Beamten sich beschäftigten, auch das jetzt in meinen Augen gesunkene Kleidungsstück unter die Insassen den Hauses aufzunehmen, sah ich den Beamten immer weiter schreiten und Wäsche, Kleider, Kessel und Tuchsachen in dem Hintergrunde verschwinden, wo ein Beamter von Zeit zu Zeit erschien, um die ferner nur noch nach Rnmmern gekannt ten Pfänder in die Gefängnisse zu bringen, wohin sie hartherzige Mütter und Väter ohne Bedauern geschickt. Endlich erhielt jene trauernde Dame ihr Geld, und auch mein bescheidener Name erklang. Stillvergnügt steckte ich das Geld in meine Tasche, die ich mitßtrauisch festhielt, hauptsächlich weil ich ihr den ungewohnten Dienst nicht mehr zutraute, Thalerstücke zu tragen.

Als ich unten auf den Hausflur kam, stand jene junge Dame vor einem unangenehmen Mann mit Stock und Blechschild, dem sie das Geld gab.

„Was?“ rief der Executor, „da fehlt noch ein Thaler.“

Die Dame bat flehentlich, sich denselben morgen zu holen, da sie nicht mehr auf ihren Mantel erhalten hatte. Der Executor sah sie forschend an und versprach bis morgen zu warten.

Das schöne trauernde Antlitz der Dame zog mich an, Ich hatte zwar das Geld nicht übrig, aber . . . „Madame," sagte ich, „kann ich mit einem kleinen Vorschuß dienen, so befehlen Sie . . .“

Fast erschrocken sah mich die Dame an. „Ich danke Ihnen," sagte sie dann mit einem schmerzlichen Lächeln, „es wird nicht nöthig sein. Mein Emil ruht nunmehr schuldenfrei im Grabe - und der Sargfabrikant wird mit dem letzten Thaler wohl auch noch einige Tage warten. Und mich wird Gott doch nicht ganz verlassen.“

Sie verneigte sich still und ging. Ich sah ihr lange nach. Die Aufopferung der jungen, schönen Frau für den todten Gatten hatte etwas ungemein Rührendes, besonders in Berlin.