Eine Winter-Erinnerung an die Belagerung von Paris

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Wilhelm Heine
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Winter-Erinnerung an die Belagerung von Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 36
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1874) b 025.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[36] Eine Winter-Erinnerung an die Belagerung von Paris. Unser Feldmaler im französischen Kriege, F. W. Heine, hat eine der vielen interessanten Skizzen, welche er aus Frankreich mit heimbrachte, als ein höchst wirkungsvolles Oelgemälde ausgeführt und darnach uns eine Holzzeichnung übergeben. Wir theilen dieselbe unseren Lesern auf Seite 25 mit und lassen die aus der Feder des Künstlers geflossene Schilderung dieser Kriegsscene hier folgen:

„Das sächsische zweite Reiterregiment hielt in der Zeit der großen Ausfälle gegen das zwölfte Corps seitens der Franzosen, an den Tagen vom 29. November bis zum 2. December 1870, meist vereint mit einer Alarmstellung südöstlich von Noisy le Grand, hinter den theils im Gefecht befindlichen, theils in der Reservestellung haltenden Truppen der vierundzwanzigsten Infanteriedivision. Obwohl nach den Terrainverhältnissen das Regiment nicht gut vom Feinde bemerkt werden konnte, fielen doch Granaten, welche die Franzosen in der richtigen Meinung, hinter den kämpfenden Truppen noch Reserven vorzufinden, auf’s Gerathewohl in unregelmäßigen Zeiträumen abfeuerten, in der Nähe des Regiments. Die Hauptaufgabe desselben bestand darin, den Ordonnanzdienst für die ganze Division zu thun, die rückwärtige Verbindung der einzelnen Armeecorps- und Divisionsstäbe während der Schlachten vom 30. November und 2. December aufrecht zu erhalten und kleinere Officiers-Patrouillen zu entsenden, um über die Bewegung und Stärke des Feindes genaue Nachricht zu erhalten. Am 30. November und 2. December kamen einzelne Schwadronen als Batteriebedeckung zur Verwendung, wodurch dieselben bis in unmittelbare Nähe der fechtenden Infanterie-Abtheilungen gezogen wurden und dabei vom feindlichen Feuer nicht unerheblich zu leiden hatten.

Meine Auffassung des Bildes stellt den Morgen des 2. December dar. Nachdem wir schon in frühester Morgenstunde aus unsern Quartieren in Champs durch das Geräusch einzelner in der Nähe einschlagender Granaten aufgescheucht waren, zogen Beck, der Artist der „Illustrirten Zeitung“, und ich hinaus, dorthin, wo das Rollen des Kleingewehrfeuers, der schnarrende unheimliche Ton der Mitrailleusen, das gewaltige Donnern der unzähligen Batterien schon stundenlang mit seinen gräßlichen Wirkungen in Thätigkeit war. Der Kampf um die am vorgestrigen Tage von den Franzosen in überlegenen Streitkräften genommenen Positionen war wieder aufgenommen. Die Franzosen sollten keinen Fuß breit von unsern ehemaligen Stellungen behalten, nicht der geringste moralische Sieg durfte ihnen gegönnt sein.

An uns vorbei in der Richtung nach Noisy le Grand und mehr links nach Villiers sur Marne zu zogen die sächsischen Regimenter. Ein kalter Wind wehte und trieb die feinen Schneeflocken den bärtigen kleinen Gestalten der Sachsen in’s Gesicht. Wohlbepackt mit Lebensmitteln zogen einige Regimenter hinaus. Andere dagegen waren weniger gesegnet und fielen mit Hast die wenigen Marketender- und andere Vorrathswagen an. Wie fast überall in der Nähe der Forts waren auch hier die Bäume der Chaussee größtentheils von Franzosenseite aus gefällt, nur an einigen hervorragenden Punkten hatten sie einige als Merkzeichen stehen lassen.

Links vom Wege hielt unser Reiterregiment. Schon den vierten Tag waren sie vom frühen Morgen bis zum Dunkelwerden auf einen Fleck gebannt, – eine der schwierigsten Aufgaben für jede Truppe, am meisten aber doch für Cavallerie, wo der Mann um sein Roß meistens mehr leidet, als um sich. Dazu war der Tag vorher bitterlich kalt gewesen. Wie um eine kriegerische Ausnahme zu machen, trat der sonst so milde Pariser Winter diesmal im Eispanzer auf und blies seine Sturmkälte bis in die Knochen von Roß und Mann. Die Kälte wirkt einschläfernd. Es gehörte alle Energie und Aufmerksamkeit der Führer dazu, dagegen anzukämpfen. Dennoch wurden, je näher dem Abend, Roß und Mann ein immer traurigerer Anblick – so todtmüde, so durch und durch von Frost geschüttelt standen sie da. Alles sehnte sich nach Ruhe und Wärme, die Pferdchen ließen die Köpfe hängen und knickten dann und wann halb im Schlaf mit den Beinen. Mager waren sie auch geworden; der Bauch-Sattelgurt war schon bis in’s letzte Loch zusammengezogen. Da kam endlich der Sieg und erlöste sie von ihrem Leidensposten.

Der Ausgang der Schlacht ist ja bekannt: als es Abend war, standen unsere Truppen wieder in all ihren am 30. November verloren gegangenen Stellungen, – und damit war des Kampfes Zweck, freilich mit allzuviel deutschem Blut, schließlich doch erreicht worden.“