Eine Wolfsjagd in Siebenbürgen

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Textdaten
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Autor: Albert Amlacher
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Titel: Eine Wolfsjagd in Siebenbürgen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 122–126
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[126] Eine Wolfsjagd in Siebenbürgen. Sie haben (so schreibt uns ein Freund der Gartenlaube aus Siebenbürgen) diesen Winter auch in Deutschland, an der rheinisch-belgischen Grenze von zeitweiligen Besuchen hungriger Wölfe zu leiden und so Gelegenheit zu einer seltenen Jagd gehabt; es interessirt daher wohl Sie und die Leser Ihres Blattes, wenn ich Ihnen in den nachstehenden Zeilen eine Wolfsjagd schildere, wie ich ihr unlängst in unsern transylvanischen Bergen beigewohnt habe.

Die ersten Tage des letzten November waren überaus freundlich und warm, plötzlich aber schlug das Wetter um und in wenigen Stunden hatte sich eine dichten weiße Schneedecke an die kalte Mutter Erde geschmiegt. Bald jedoch schmolz der Schnee wieder und blieb nur auf den Gebirgen, in versteckten Schluchten und in den Wäldern liegen. Durch diesen Schneefall gezwungen, mußte meine Heerde Zigaischafe, welche in den höheren Gebirgsgegenden auf der Weide war, herabgetrieben werden und weidete nun – da es der in Folge von Ueberschwemmungen karge Heuvorrath gebot – an einer sonnigen Berglehne, Vurfu genannt, den spärlichen Graswuchs ab.

Ich saß eben in meinem Arbeitscabinet, als mir mein erster Schafhirt gemeldet wurde, welcher mich allsogleich zu sprechen verlangte. Sofort trat er auch in seinem großen Schafpelze, die Mütze aus schwarzem Lammfell in der Hand, ein, begrüßte mich und senkte dann den Kopf.

„Was giebt es denn Wichtiges?“ fragte ich den Mann, denn aus dem Senken seines Kopfes und dem Stillschweigen schloß ich, daß seine Nachricht eine angenehme eben nicht sein müsse.

„Wie der Herr weiß, so weiden unsere Schafe oben am Vurfu – und da ist denn – da haben wir denn – der Herr weiß ja, der Wald ist da gar nahe.“

„Jawohl, und –“

„Da ist denn ein riesiger Wolf herausgebrochen, hat den besten Hund todtgebissen und, bis wir herangeeilt, das schönste Mutterschaf aus der Heerde herausgeholt. Bevor wir demselben noch recht nachsetzen konnten, war er schon im Walde verschwunden!“

Als der Schafhirt seinen Bericht geendet, ließ er den Kopf abermals sinken und seufzte, als ob ihm eine schwere Last vom Herzen genommen worden sei.

„Ist dies denn das ganze Unglück, Basil?“ fragte ich ihn lächelnd.

„Ach, Herr, ich gäbe viel darum, wenn es nicht geschehen wäre. Die Schuld daran trage ich bei allen Heiligen nicht; ich konnte es unmöglich verhindern. Doch,“ fügte er nach einer Pause hinzu, „der Wolf könnte bald wiederkommen, deshalb bitte ich den Herrn, mir ein Gewehr verabreichen zu lassen.“

„Um den Wolf zu erlegen?“

„Jawohl, Herr, ich fürchte auch, daß dieser nicht der einzige ist, der im Vurfu steckt!“

„Wie lange können die Heerden noch am Berge Futter finden?“ fragte ich den Hirten rasch.

„Etwa zwölf Tage, falls das Wetter nicht umschlägt, Herr.“

„Gut. Dafür, daß die Heerde weiter keiner Gefahr ausgesetzt sei, werde ich noch heute Sorge tragen. Um welche Zeit erscheint das Raubthier?“

„Zwei Stunden vor Mitternacht etwa, Herr.“

„Ganz recht, so erwartet mich diesen Abend in Eurer Lagerhütte; ich werde in Begleitung der Schützen aus dem Dorfe hinaufkommen. Zugleich soll morgen der Vurfu durch eine Treibjagd gesäubert werden.“

„Wie Du befiehlst, Herr! Habe ich sonst nichts zu bestellen?“

„Nein, Basil.“

[127] „Dann erhalte Gott den Herrn gesund!“

Hiermit verneigte er sich und schob sich zur Thür hinaus. Die Schützen aus dem Dorfe, neun an der Zahl, hatten sich auf meine Einladung etwa um sieben einhalb Uhr Abends eingefunden. Da ich nun durch meinen Hofrichter Alles, was zum Treiben am folgenden Tage nöthig war, bestellt hatte und uns sonst nichts im Wege stand, so machten wir uns auf den Weg zur Heerde.

Den Vurfu, dessen Gipfel ein mächtiger Buchenwald bedeckt, erreichten wir bald. Sogleich spürten uns die wachsamen, weißen, zottigen Hirtenhunde und kamen uns mit wüthendem Gebell entgegengerannt. Gleich darauf eilten auch die Hirten heran, und ihrem Rufe gehorsam kehrten die treuen Hunde knurrend zu der Heerde zurück. Die Hirten, welchen unsere Ankunft äußerst erwünscht war, führten uns sogleich an das flammende Lagerfeuer, dessen feurige Lohe funkensprühend weithin die Umgebung erhellte. Wir setzten uns Alle auf Holzklötze um das Feuer herum und erwärmten unsere von der grimmen Kälte erstarrten Glieder an der wohlthuenden Flamme.

„Glaubst Du, der Wolf werde diese Nacht die Heerde wieder besuchen, Basil?“ fragte ein Jäger, indem er sich zu dem neben ihm stehenden Hirten wandte, der eben eine glühende Kohle in seine Tabakspfeife legte.

„Möglich und auch nicht!“ erwiderte dieser lakonisch. „Wenn er das Pulver gerochen hat, trägt er seinen Pelz sicher nicht zu Markte.“

„Nun, dann wird er doch beim morgigen Treiben herhalten müssen, wenn wir ihn nicht schon bis Tagesanbruch auf dem Anstande erlegt haben.“

In diesem Augenblicke schlugen die Hunde laut an, verstummten jedoch gleich wieder. Wir erhoben uns rasch und eilten zur Heerde hin. Wieder erscholl nun das weithin hallende, geltende Heulen der Hunde.

„Diesmal ist der Wolf da!“ flüsterte mir ein Jäger zu; „eilen wir rasch hinauf!“

Als wir jedoch am Gipfel des Berges anlangten, war das Raubthier, welches einen Einbruch in die wohlbewachte Heerde nicht gewagt hatte, schon im nahen Walde verschwunden. Einige Zeit blieben wir rathlos stehen.

„Zögern wir nicht lange!“ rief Andre, der beste Schütze. „Ihr Andern geht, bis die Treiber erscheinen, zur Heerde hinab, indeß ich versuchen will in der Zeit das Raubthier durch den Lockruf dem Herrn zum Schusse zu bringen.“

Der Weisung gemäß gingen die übrigen Jäger zurück; Andre aber und ich eilten mit raschen Schritten in den Wald hinein. Hier lag noch der Schnee, der auf dem offenen Lande geschmolzen war, und knarrte unter unseren Fußtritten. Die mächtigen kahlen Buchenstämme waren mit dünnem, durchsichtigem Reife überzogen, welcher, von dem mit falbem Glanze durch die Zweige schimmernden Monde beleuchtet, wie Milliarden von Diamanten flimmerte und glänzte. Auch der Schnee am Boden glitzerte so sehr, daß mir die Augen feucht wurden. Alles im Walde war still und ruhig, nur das Aechzen einiger vom Winde gebeugten Aeste und das Knistern des Schnees unter unseren Fußtritten war vernehmbar.

Wir mochten etwa eine Viertelstunde vorwärtsgeschritten sein, als mein Begleiter plötzlich lauschend still stand. „Ich irre nicht! Ich habe des Wolfes Ruf gehört! Wir wollen nun nicht weiter vordringen, sondern uns hier postiren. Bergt Euch rasch hinter jener dicken Buche dort und haltet die Büchse zur Hand.“

Ich folgte der Weisung. Andre eilte weiter hinauf und stellte sich gleichfalls hinter einer dicken, mächtigen Buche auf, lehnte aber, was mich in Erstaunen setzte, seine Büchse an den Stamm des Baumes. Hierauf legte er beide Hände zusammen, so daß sie eine eiförmige Höhlung bildeten, und brachte sie an den Mund. Der täuschend nachgeahmte dumpfe Ruf des Wolfes, das weithin schallende Hu–u–u–u–u–u–u–u, nach der Tonleiter steigend und fallend, erscholl. Nicht lange darauf antwortete ein ähnlicher langgedehnter Ruf, jedoch, wie es schien, aus weiter Ferne. Nach verschiedenen Pausen, je nachdem Andre im Lockrufe anhielt, erschallte das Geheul des Wolfes, und zwar immer näher und näher, bis es plötzlich verstummte. Nun stieß Andre den Ruf in dumpfen, knurrenden Tönen heraus, ließ die Hände rasch vom Munde sinken und erfaßte die Büchse. Plötzlich erdröhnte das markerschütternde Hu–u–u–u–u–u kaum hundert Schritte oberhalb unserer Standplätze. In solcher Nähe hatte ich die Stimme des Wolfes noch nie vernommen, sie machte mich in meinem Innern erbeben. Etwa siebenzig Schritte oberhalb Andre’s erschien zwischen den Stämmen ein hohes, schlankes Thier, von der Größe eines Schäferhundes, braun, mit dickem Kopfe, spitzer Schnauze, schmalem Leibe, langen Füßen und buschigem Schwanze – der Wolf. Er schaute mit aufgeworfenem Kopfe spähend umher, als suche er den Gegner, auf dessen aufforderndes Geheul er sich herangenaht, um sich mit demselben zu messen. Dann senkte er den Kopf und stieß nochmals auffordernd sein markerschütterndes Geheul aus, indem er sich Andre näherte. Doch dies sollte zugleich sein Schwanengesang sein, denn in diesem Augenblicke blitzte es aus Andre’s Büchse. Ein dumpfer Knall ertönte, hierauf ein heiseres Geheul, dem eines geschlagenen Hundes nicht unähnlich. Im nächsten Augenblicke sprang der Wolf in großen Sätzen an mir vorüber. Meine Kugel flog ihm pfeifend nach.

Als sich der Pulverdampf verzogen, wälzte der Wolf sich in den letzten Zuckungen auf dem von seinem Blute gerötheten Schnee und einige Augenblicke später war er verendet.

„Den hätten wir!“ meinte Andre, indem er mit mir zum erlegten Raubthiere herantrat, „doch haben wir weiter keine Zeit zu verlieren, denn der Morgen dämmert bald. Ich werde also das Wild, ohne ihm vorher den Pelz abzustreifen, in Sicherheit bringen.“

Er beugte sich über den erlegten Wolf und löste ihm rasch durch den Schnitt seines Messers die Sehnen der Hinterfüße von den Knochen, hob ihn hierauf mit meiner Hülfe in die Höhe und befestigte die Füße an einen Ast. Kaum war dieses geschehen, als auch vom Saume des Waldes her ein greller Pfiff ertönte; es war dies das Zeichen, daß sich alle Jäger eingefunden und daß die Treiber den Wald umstellt hatten.

Wir eilten rasch zur Lichtung des Gehölzes zurück und fanden die Schützen daselbst versammelt.

„Nun rasch die Linie gebildet!“ gebot Andre.

Wir leisteten Folge, schritten in den Wald hinein und nahmen Jeder, in gehöriger Distanz, den Stand ein. Bald darauf ertönte das laute Geschrei der sich nahenden Treiber, das im mächtigen Walde ein entsetzliches Getöse verursachte. Schon war die heranrückende Linie der Treiber kaum tausend Schritte von uns entfernt und noch immer zeigte sich kein Wolf. Bereits glaubten wir, daß der erlegte der einzige in diesem Reviere gewesen sei, als plötzlich eine große Wölfin hinter einer Buche aufsprang und in wilden Sprüngen in den Wald hineinstürmte. Sie that dies so blitzesschnell, daß kein Schütze Feuer gegeben hatte. Auf ein gegebenes Zeichen verdoppelte sich das Geschrei und der Lärm der sich langsam nahenden Treiber. Durch dies Getöse erschreckt, kehrte sich die Wölfin abermals zu unserer Linie und näherte sich uns, durch die Buchenstämme gedeckt, sehr vorsichtig. Nunmehr stieß sie ein wildes Geheul aus und wollte in jähem Sprunge unsere Linie durchbrechen. Doch mitten im Sprunge durchbohrten sie die sichertreffenden Kugeln der Schützen, und dicke Blutströme vergießend stürzte sie röchelnd zu Boden.

Eben zeigte die Sonne den Mittag an, als wir in das Dorf zurückkehrten. Wie im Triumphe wurden die beiden erlegten Raubthiere auf geflochtenen, mit Immergrün und Moos geschmückten Tragbahren dem stattlichen Zuge der Jäger vorangetragen, umschwärmt von den fröhlichen, jubelnden Dörflern, die sich über den Tod der Räuber nicht genug freuen konnten.
Albert Amlacher.