Einleitung des Herausgebers (Wilbrandt)

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Textdaten
Autor: Adolf von Wilbrandt
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Titel: Einleitung des Herausgebers
Untertitel:
aus: Georg Christoph Lichtenbergs ausgewählte Schriften, S. III–VIII
Herausgeber: Adolf Wilbrandt
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Giessener Elektronische Bibliothek = Commons
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[III]
Einleitung des Herausgebers

Lichtenberg ist im wahrsten und schönsten Sinn einer der klassischen Schriftsteller der Deutschen; aber wer kennt ihn denn? Sowie man die Heerstraße der Gelehrsamkeit, der Fachbildung verläßt, findet man wenige wirkliche Lichtenberg-Kenner mehr. Was ist daran schuld? Für die große Menge wohl dies, daß er nicht irgend ein Hauptwerk zurückgelassen hat, das jedem als Bestandteil unsrer klassischen Litteratur gepredigt, in dem die Persönlichkeit des Mannes sofort gesehen, begriffen und genossen werden kann. Dringt jemand dennoch in Lichtenbergs gesammelte Werke ein, so verwirrt ihn in dieser Vielzahl von Bänden leicht die Masse des gleichsam zersprengten, wie von Steinklopfern zerschlagenen Stoffs; die Vermengung des Veralteten mit dem Lebendigen, des für den Tag Geschriebenen mit dem Unsterblichen, des Unbedeutenden mit dem Außerordentlichen. Die Herausgeber von Lichtenbergs Schriften, sein Bruder, dann seine Söhne, von berechtigter Pietät geführt, doch wohl auch verführt, haben sowohl in seine nachgelassenen „Bemerkungen vermischten Inhalts“, wie in die „Fragmente“, dann in die übrigen „Vermischten Schriften“, endlich auch in die „Briefe“ manches Vergängliche, Geringere aufgenommen, das der, welcher Lichtenberg ganz erkennen will, ihnen danken wird; aber sein Anrecht, ein volkstümlicher Schriftsteller seiner Nation zu werden, ging ihm so verloren.


[IV] Ich habe mich unterfangen, durch die hier vorliegende gesichtete Auswahl seiner Schriften einen Versuch zu machen, ob dieses Mißgeschick – nicht für ihn, sondern für die Nation – nicht noch heute gutzumachen ist. Die Kühnheit meines Unternehmens fühle ich sehr wohl; denn ich nehme damit eine Verantwortung auf mich, die mir vielleicht keiner der Leser dieses Buches völlig abnehmen wird. Dem einen wird die Auswahl zu ängstlich, zu eng, dem andern noch zu lang und zu breit erscheinen; der dritte würde sie im einzelnen ganz anders gemacht, der vierte nirgends gekürzt oder weggelassen, der fünfte noch ganz anders gekürzt haben. Indessen man ist dazu da, um Verantwortung zu tragen; und meine liebende Verehrung für Lichtenberg, mein Wunsch, meinen Landsleuten zu nützen, gibt mir mehr Kühnheit, als ich irgend brauche.

Die Frage konnte nur sein: was verdient zu leben? was lebt? Ich wollte eine wirkliche Auslese aus dem gesamten Schriftstellerischen (nicht rein gelehrten) Nachlaß des Verfassers machen; nicht eine Anthologie von „Gedanken und Maximen“ – oder „Lichtstrahlen aus seinen Werken“ – wie sie Eduard Grisebach herausgegeben hat, sondern den ganzen Lichtenberg, aber etwa so aus sich herausgeschält, wie er selber, wenn er heute statt meiner hier am Schreibtisch säße, sich wohl herausschälen möchte. Seine eigentliche Stärke liegt ganz ohne Frage in den Aufzeichnungen seiner Gedenk- oder Tagebücher, die nach seinem Tode erschienen; in der unendlichen Verschiedenheit dieser ernsten und heiteren, tiefsinnigen und leichtbeschwingten Gedanken entfaltet sich der ganze Reichtum dieses echten Deutschen, der zugleich Physiker, Astronom, Aesthetiker, Satiriker, Physiognom, Natur- und Menschenforscher, Philosoph und Humorist war. Aus einem so vielfarbigen Chaos (das die ersten Herausgeber nur oberflächlich gesondert hatten) galt es vor allem einen Hausschatz zu gewinnen, wie wir meines Erachtens noch keinen besitzen; ein „Buch der Weisheit und des Witzes“, wie vielleicht auch keines der andern Völker vorzuweisen vermag: denn so tiefem Ernst fehlt gewöhnlich so leichtfüßiger Witz und so unwiderstehlichem Humor fehlt gemeiniglich so edle Weisheit. Meine Aufgabe schien mir zu sein, aus allen [V] diesen Aufzeichnungen, die, nicht für den Druck bestimmt, nicht gefeilt, dem einsamen Denker aus der Feder flossen, nur das wahrhaft Eigene, Besondere oder Bedeutende zu wählen; ohne jede Antastung der Form doch hie und da wegzulassen, wo sich das Denken zu sorglos oder behäbig ergangen, ausgebreitet hatte; aus seinen andern, hier nicht abgedruckten Schriften (auch aus den Erklärungen zum Hogarth, die nicht ohne Hogarths Bilder zu genießen sind) alles Verwandte und Wertvolle zu retten; und dann diese Gesamtheit von „Allerlei Gedanken“ in einer gewissermaßen organischen Entwickelung zu ordnen, die, wie der aufmerksame Leser leicht beobachten wird, auch innerhalb jedes einzelnen Abschnitts wiederzukehren sucht.

Wenn ich dabei, ehe „der Verfasser über sich selbst“ den Abschluß macht, in einem besonderen Abschnitt „Witz, Satire, Humor“ zusammengestellt habe, so wolle man mir nicht einwenden, daß ja doch auch in all den voraufgehenden „Allerlei Gedanken“ Witz, Satire und Humor schon vertreten seien. Das war so gewiß und so selbstverständlich, wie Lichtenberg Lichtenberg ist; was er auch in sich bearbeiten mochte, er konnte das Licht seines Witzes nicht unter den Scheffel stellen. Es erschien mir aber doch als eine Pflicht gegen den Verfasser und zugleich als ein Geschenk für den Leser, aus jedem dieser Abschnitte („Natur“, „Mensch“ u. s. w.) auszuscheiden, was mehr Witz oder Humor an sich, schnurrig, drollig ist und nicht sowohl den inneren Gedankengang des „einsamen Denkers“, als die eigentümliche, von Gott gesegnete Form seines Geistes ausspricht, und diese Fülle von Heiterkeit in einem besonderen Schubfach zu vereinigen, das der zuerst öffnen möge, dem es so am leichtesten wird, Lichtenberg lieben zu lernen.

An jenen vornehmsten Schatz hab‘ ich dann in der zweiten Abteilung: „Abhandlungen, kleine Schriften“ eine Auslese aus den gedruckten Werken angeschlossen, auch hier der Anordnung folgend, die ich für die „Allerlei Gedanken“ gewählt hatte: die „Natur“ beginnt, der „Humor“ macht den Schluß. Den größten Sachwert, denk‘ ich, werden unter diesen „Kleinen Schriften“ die Theaterbriefe aus England und die Abhandlung über Physiognomik behaupten; von wahrhaft [VI] genialer Flamme des Humors leuchtet das physiognomische „Fragment von Schwänzen“, und die beiden Träume am Anfang und am Schluß der Abteilung werden wohl jeden gewinnen, der noch erst für Lichtenberg zu gewinnen ist. Hat sich diese Erweiterung seines Ichs vollzogen, hat er sich mit wachsender geistiger Wollust in den tiefsinnigsten und philosophischsten Humoristen unsres Volks vertieft, so wird ihm auch willkommen sein, in der dritten Abteilung: „Aus Lichtenbergs Briefen“, die ich chronologisch angeordnet habe, das Bild eines so merkwürdigen und so liebenswürdigen Menschen sich mehr und mehr runden zu sehen, bis es, plastisch und voll geworden, in den unbekannten Abgrund alles Seins zurücksinkt.

In Lichtenberg ist süddeutsches und norddeutsches Wesen so eigentümlich innig gemischt, wie in wenigen von uns. Südlich vom Main, in dem Dorf Oberramstadt bei Darmstadt am 1. Juli 1742 als protestantischer Pfarrerssohn geboren, in Darmstadt geschult und herangewachsen, kam er als Student nach Göttingen, ward dort Dozent und Professor der Naturwissenschaften und verlebte in dieser neuen Heimat den Mittag, und den Abend, bis er ebendaselbst (am 24. Februar 1799) starb. Er war durchaus Hannoveraner und halber Norddeutscher geworden; seine Schreibweise bezeugt es an hundert Stellen. Sein innerstes Wesen hätte ihn wohl in größere Verhältnisse gezogen; nach einem langen Aufenthalt in England, dessen Kraft, Kultur, Freiheit und Größe tief auf ihn wirkte, blieb ihm zeitlebens ein Heimweh nach der wunderbaren Insel; aber wie alle die Führer unsrer Litteratur suchte und fand er für das kleine, enge Leben Ersatz in der Vielfarbigkeit seiner Weltbetrachtung und dem Reichtum seiner umherspähenden Gedanken. Den Menschen zu beobachten und mehr und mehr zu erkennen war er unermüdlich; sich für den reinsten, gesundesten Menschenverstand zu erziehen, schien ihm angeboren; doch warf er wohl um so eifriger, bewußter alle Kraft auf diesen Gleichgewichtspunkt, da er in sich einen tiefen, von der Mutter ererbten Hang zu zerfließender Schwärmerei und einen wunderlich starken Trieb zu allerlei Aberglauben fühlte. Hier erkennt man denn schon die fruchtbare Mischung, die ihn zum [VII] Humoristen bestimmte; eine Grausamkeit des Schicksals gab vielleicht den Ausschlag. Denn da ein unglücklicher Fall, durch die Unvorsichtigkeit einer Wärterin herbeigeführt, in frühen Jahren seinen geraden Wuchs durch einen Buckel entstellte und wohl den Keim zu allerlei Gebrechen, die ihn bis in den Tod verfolgten, in seinem zarten Körper zurückließ, so sah er sich in einen immer erneuten Kampf zwischen Sorge und Humor, Hypochondrie und Witz gestellt, und in diesem aufreibenden, aber auch aufstachelnden Kampf stählten sich die Kräfte, denen wir das Beste seines Witzes und seiner Weisheit verdanken.

Lichtenberg war zum mindesten so weise, wie er witzig war; er kannte die Menschen und den Wert der Dinge, er wußte, wie klug es ist, gut und edel zu sein; und in der entscheidenden Stunde hat es ihm weder an „Munterkeit“ noch an Liebesglück, in einer an Kindern gesegneten Ehe nicht an reiner und sonniger Zufriedenheit gefehlt. Es ist ein hoher Ruhm unsrer Litteratur, daß unsre erlauchten Talente zumeist auch vornehme, edle Charaktere sind; zu diesen gehört Lichtenberg; dem Makel seines Leibes entsprach keiner in seiner lauteren Seele. Wen nicht schon seine Schriften davon überzeugen, dem werden wohl die hier mitgeteilten Briefe, voran die jugendlich humorblühenden der ersten Jahre, das Bild seiner liebenswerten Menschlichkeit und seines Wertes enthüllen.

Wer aber zu philosophischem Denken geschult ist, wird in dem Abschnitt „Philosophie“ (unter „Allerlei Gedanken“) gewiß nicht ohne Staunen eine spekulative Begabung finden, die allerersten Ranges zu sein scheint; wenn ihr auch so wenig wie seinen andern Gaben der Triumph gegönnt war, einen entscheidenden Schritt zu thun, eine „große Entdeckung zu machen“, wie sein Ehrgeiz so gerne träumte. Was war daran schuld, daß er nicht nur als satirischer Romanschreiber – zu dem ihm doch das eigentlich dichterische Vermögen fehlte – sondern auch als Naturforscher und als Philosoph bei ungewöhnlichen Fähigkeiten keine schaffende That vollbrachte? daß sein wissenschaftlicher Name nur in einem Ringgebirg auf dem Mond und in den „Lichtenbergschen Figuren“ fortlebt, die auf elektrisierten Körpern sich bilden? War es die [VII] verhängnisvolle Gebrechlichkeit seines Organismus, die ihn halb unbewußt antrieb, den höchsten Anspannungen seiner Kraft aus dem Wege zu gehen, immer „aufzuschieben“, wie er von sich klagte, und in zersplitternder Verteilung seiner Interessen die lebenserhaltende Ausgleichung zu finden? Oder war es die Anordnung seines geistigen Organismus, daß ihm auf seinem Baum doch nur wohl war, wenn er von Ast zu Ast flatterte, nirgends zu lange verweilend; daß sein vogelklarer, humorfroher Blick nur in diesem beweglichen Wechsel sein Genüge fand, sich zur Vollkommenheit schärfte, bis dann vom höchsten Wipfel des Humors die hellen und tiefen Töne erklangen, die sein eigenster, unvergeßlichster Gesang sind?

Wer weiß, wie das ist und wie das geschieht? – Genug, daß wir an ihm unsern heitersten Weisen haben, der uns mit seiner lustigen, verlockenden Stimme unvermerkt in die Tiefe führt; doch während wir da unten die edlen Gesteine, die geheimnisvollen Gänge anstaunen, hören wir immer wieder, wie einen rechten Trostgruß aus der Oberwelt, die helle, heitere Stimme.