Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 12

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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 12
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 717-719
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wilhelmine Schröder-Devrient, berühmte deutsche Opernsängerin
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[717]

Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient.

Von Claire von Glümer
XII.


Nach unsäglichen Quälereien kam endlich der Proceß gegen Herrn von Döring zum Abschluß, d. h. Wilhelmine erkaufte sich ihre Freiheit für eine namhafte Summe, die sie theils durch ein kleines Capital, das sie noch bei Verwandten ausstehen hatte, theils durch den Beistand treuer Freunde zusammenbrachte. Die Lösung dieser Ehe war eben dem ganzen Verlauf derselben angemessen.

Inzwischen war Wilhelmine auf einige Zeit nach Dresden zurückgekehrt und hier empfing sie einen Beweis von Theilnahme, von dem sie oft mit der innigsten Dankbarkeit erzählte. Ein Unbekannter – dem höhern Bürgerstande angehörend – schickte ihr aus Berlin eine Summe Geldes; er schrieb dabei in einfach herzlicher Weise, daß er von den bedrängten Verhältnissen der Künstlerin gehört hätte, und bat sie, den kleinen Tribut seiner Verehrung nicht zu verschmähen. Wilhelmine antwortete ihm:

„Dresden, 30. December 1848.     

„Geehrtester Herr! Vergebens würde ich mich bemühen, Ihnen die freudige Ueberraschung zu schildern, welche mir der gestrige Empfang Ihres Schreibens bereitete. Nehmen Sie den tief gefühltesten Dank und die Versicherung, daß ich den ganzen vollen Werth Ihrer Hingebung aus tiefster Seele anerkenne! Sie sind der einzige Mensch, der in unserem großen deutschen Vaterlande daran gedacht hat, daß eine deutsche Künstlerin in Noth sein könnte, und sicher machen Sie hier eine große Ausnahme, denn noch habe ich es nicht erlebt, daß der Deutsche es zur Nationalsache gemacht hätte, seine heimischen Künstler nicht untergehen zu lassen, ein Beispiel, welches uns alle andern Nationen so oft gegeben, was aber in Deutschland noch keine Nachahmung gefunden. – Mich hat schweres Unglück getroffen, doch bin ich davon mehr moralisch als materiell niedergebeugt; ich weiß mich einzuschränken und habe das Glück, die Entbehrung aller überflüssigen Bedürfnisse nicht zu fühlen. Wären meine Seelenleiden nicht so tief, so hätte ich mich vielleicht schon längst wieder aufgerafft und durch die Ausübung meiner Kunst meine äußere Lage verbessert. Indessen davon hält mich für den Augenblick mehr als ein Grund ab, und wahrscheinlich werde ich das bescheidene Loos, welches mir gefallen, dem Rücktritt in die Kunstwelt vorziehen. Nehmen Sie Ihre Freundesgabe zurück – ich bedarf ihrer in diesem Augenblicke nicht, gestatten Sie mir aber, mich im Fall der Noth offen und vertrauensvoll an Sie zu wenden, was ich mit voller Unbefangenheit thun werde, denn Sie sind mir seit gestern kein Fremder mehr! Mitte Januar bin ich in Berlin und werde den Winter dort zubringen. Ich werde keine Fehlbitte thun, die dahin geht, daß mein erster Gang zu Ihnen sein darf.

Da ich nicht die Freude habe persönlich von Ihnen gekannt zu sein, so kann sich nur die Künstlerin Ihr Wohlwollen erworben haben, und das macht mich stolz! Ich habe ein aufrichtig redlich Herz, und mit diesem Herzen dankt Ihnen und grüßt

Ihre achtungsvoll ergebene          
Wilhelmine Schröder-Devrient.“

Die Künstlerin hat dann auch die Bekanntschaft des wackern Mannes gemacht und hat ihm bis an ihr Ende die freundschaftlichste Zuneigung bewahrt.

Anfang März 1849 ging Wilhelmine nach Paris. Das Verlangen nach künstlerischer Thätigkeit war endlich erwacht, und sie hoffte dort am leichtesten Anknüpfungspunkte zu finden. Aber die Zeitverhältnisse waren ihren Plänen nicht günstig, die politischen Kämpfe verschlangen jedes andere Interesse; überdies bedurfte sie einer längeren Ruhe für ihre durch Anstrengung und Leiden sehr erschöpfte Stimme – sie kam unverrichteter Sache nach Deutschland zurück. Im Mai führten ihre Geschäfte sie nach Dresden, und hier erlebte sie den Ausbruch der Mairevolution, die auch auf ihr Leben einen unberechenbaren Einfluß gewinnen sollte.

Es war am Nachmittag des 4. Mai, als am Zeughause die ersten Opfer fielen. Wilhelmine befand sich in der ersten Etage eines Hauses am Altmarkt, als plötzlich der ganze Platz von wüthendem Geschrei erdröhnte. Sie stürzte an’s Fenster – ein paar blutende Leichen wurden vorbei gefahren, und die wilden Ausrufungen des Volkes, das die Karren umdrängte, machten ihr den ganzen Vorgang klar. Mit einem Schrei des Entsetzens antwortete sie auf das Toben der Menge. Aber schon im nächsten Augenblick wurde sie vom Fenster zurück gezogen – und ihre vielbesprochene Betheiligung am Maiaufstande, die ihr später unzählige bittere Stunden bereiten sollte, war zu Ende!

Wie die meisten Frauen wurde auch Wilhelmine in ihrer politischen Richtung nur durch das Gefühl bestimmt. Zu allen Zeiten hatten sich ihre Sympathien dem Volke zugewandt, – wie viel mehr mußte das in jenen Tagen der Fall sein, als ein frisches Leben in die Massen drang und Jeder bereit war, Gut und Blut im Kampfe für seine Ueberzeugung hinzugeben. – Sie hätte nicht sie selbst sein müssen, wenn sie beim Anblick dieser noch blutenden Wunden, dieser eben gebrochenen Augen im Stande gewesen wäre, den Jammerschrei ihres Herzens zu unterdrücken.

Am nächsten Morgen verließ Wilhelmine die von allen Schrecken des Bürgerkrieges bedrohte Stadt. „Der Frühling hatte sich in voller Schönheit über die Erde ausgebreitet,“ schreibt sie, „und nie werde ich den erschütternden Eindruck vergessen, den es auf mich machte, als ich durch die üppig blühenden Fluren fuhr, über welche der Himmel seinen hellsten Glanz ergoß, während aus der im Thale liegenden Stadt die Sturmglocken des Aufruhrs herüber schallten. Tief habe ich da Schiller’s Worte empfunden:

„Die Welt ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.“

Wilhelmine wendete sich zunächst nach Gotha und von dort nach Heidelberg. Aber schon nach wenigen Wochen wurde sie durch die wachsenden Unruhen aus Baden vertrieben und ging nun in die Schweiz, die sie nur zum kleinsten Theile kannte. Sie wohnte längere Zeit am Brienzer See. In der Frische und Stille, in der Pracht der Natur, die sie hier umgab, fand sie Genesung für Leib und Seele. Als der Winter sie abermals nach Paris führte, war sie wieder heiter, lebensmuthig, hoffnungsreich. Im Laufe dieses Winters verlobte sie sich mit Herrn von Bock aus Livland, den sie seit Jahren kannte, und in dem sie das volle Verständniß, die treue Liebe fand, deren sie so sehr bedurfte. Am 14. März 1850 wurden sie in Gotha getraut. Wilhelminens Künstlerlaufbahn war damit abgeschlossen.

Nur zu bald sollte Wilhelmine erfahren, daß auch die innigste Herzensbefriedigung nicht vor Kämpfen und Schmerzen schützt. Sie begleitete ihren Mann nach Livland, wo derselbe Ritterschaftsgüter in Pacht hatte und das Gut Trikaten bewohnte. Sie trat damit in Verhältnisse ein, die ihrem Wesen, ihrer Eigenthümlichkeit nach keiner Seite angemessen waren. Die Gleichförmigkeit des Landlebens hätte schon an und für sich genügt sie unglücklich zu machen. Sie bedurfte eines immerwährenden wechselvollen Verkehrs mit der Außenwelt, weniger um Anregungen zu empfangen, als um den Reichthum des eignen Wesens auszuströmen. War ihr das versagt, so wurde ihr das rastlose Treiben und Fluthen ihres Geisteslebens [718] zur unerträglichen Pein. Sich selbst hat sie das niemals klar gemacht und hat immer nur in äußern Zufälligkeiten die Ursache des Leidens gesucht, das tief in ihrer Natur begründet war.

Es fehlte freilich auch nicht an äußerer Veranlassung zum Unbehagen. Klima, Lebensweise, häusliche Einrichtungen, Alles war anders als in Deutschland, und Wilhelmine war nicht mehr jung genug, um sich in das fremde Wesen einzuleben.

Sie suchte ihre Umgebung den eignen Wünschen und Gewohnheiten nachzuformen, aber der Versuch mißlang, mußte mißlingen, da die Menschen, auf die sie wirken wollte, nicht einmal ihre Sprache verstanden. „Mit der ganzen Energie meiner Seele warf ich mich auf die Thätigkeit in meinem Hausstande,“ schreibt sie; „ich hoffte dadurch die Lücke auszufüllen, die durch das Aufgeben meines künstlerischen Berufes in mein Leben gekommen war. Ich wollte reformiren, wollte die Menschen aus ihrer Verthierung herausziehen, wollte sie lehren und unterweisen – aber alle Mühe war vergebens! Umsonst habe ich ein volles Jahr mit Trägheit, Rohheit, Sclavensinn, mit Dummheit, Böswilligkeit und Unsauberkeit gekämpft, bis meine Kraft zusammenbrach und meine ganz zerrüttete Gesundheit die Rückkehr nach Deutschland nothwendig machte.“

Ein Brief Wilhelminens an ihren langjährigen Freund, den Geheimrath C. G. Carus in Dresden, giebt ein treues Bild ihrer Stimmung und Lebensweise. Sie schreibt:

„Mein hochverehrter Freund! Sie hätten längst meinen Dank für Ihr liebes, liebes Schreiben empfangen, wäre ich nicht zum größten Theil durch Krankheit und dann durch Besuche abgehalten worden, die man hier zu Lande gleich auf mehrere Tage im Hause hat. Vor allen Dingen möchte ich Ihnen noch danken, daß Sie das Zeichen meiner Anhänglichkeit und Verehrung so freundlich aufgenommen und im Herzen gefühlt haben, daß ich Sie nie und nimmermehr vergessen kann. Es ist mir immer schwer geworden, für Gefühle, in welche meine ganze Seele getaucht war, Worte zu finden, und so können Sie es eigentlich bis zu dieser Stunde noch nicht wissen, was ich Ihnen in meinem Herzen eingeräumt habe. Nur so viel weiß ich, daß ich die Tage, an denen Sie zu mir gesprochen, in einer erhöhten Stimmung zubrachte, welche ich nicht selten in meine Darstellungen, meine Lieder übertrug. Sah ich Sie in der Loge, im Saale sitzen, mir aufmerksam zuschauend und horchend, da habe ich oft ganz allein nur für Sie gesungen und hätte es Ihnen gerne so recht zu Danke gemacht. Ihre freundlichen Worte haben mich dann über manches Mißlungene getröstet und beruhigt und mich angefeuert, es das nächste Mal besser zu machen. Wußt’ ich doch, daß Sie unter so viel Larven nicht allein die einzige fühlende Brust, sondern auch die ruhige Klarheit des besonnenen Urtheils mitbrachten. Lob und Tadel war mir aus Ihrem Munde gleich erfreulich. Habe ich nun zwar lange nicht erreicht, was ich gewollt, bin ich auch weit hinter dem zurückgeblieben, was ich eigentlich empfunden, so muß ich mich, muß ich Euch, die Ihr wohl manchmal mit Recht mehr von mir fordern konntet, mit dem alten Sprüchwort trösten: ein Schelm’ macht’s besser als er kann – ich habe gethan, was ich konnte. Jetzt blicke ich manchmal nicht ohne Wehmuth auf mein künstlerisches Wirken zurück, denn war ich auch noch weit vom Ziel entfernt, so war ich doch immer den Andern ein großes Stück voraus. Doch das ist von der Mehrzahl längst vergessen, und das Mittelmäßige, was jetzt in meiner Kunst geleistet wird, genügt vollkommen. Ich spreche das eben Gesagte nicht ohne Schmerz aus, denn ich hatte gehofft, für länger als einen flüchtigen Augenblick gestrebt zu haben. Doch das ist das traurige Loos des Mimen, daß, einmal aus dem Kreis des Wirkens herausgetreten, seine Spur nur allzuschnell verweht wird! und doch weiß ich, daß ich in manchen Herzen fortlebe, die mir tausend andere aufwiegen, und in dieser Gewißheit liegt für mich ein großer Trost, eine freundliche Genugthuung.

Sie wollen von meinem Leben wissen, theurer Freund! Es ist still und einfach und mitunter wohl etwas zu monoton, was hauptsächlich in den hiesigen Ortsverhältnissen liegt; man lebt einsam auf seinem Gute, kommt mit den nächstwohnenden Nachbarn höchst selten zusammen und muß seine Zeit, so gut es bei dem gänzlichen Mangel an äußerer Anregung gehen will, aus sich selbst heraus auszufüllen suchen. Ich habe viel gelesen und mich an ältern Sachen erhoben und erbaut, zumal an Goethe, der uns überall mit so viel Würde, Klarheit und antiker Ruhe entgegen tritt, daß seine Nähe uns immer in eine „behagliche“ Stimmung versetzt. „Wahrheit und Dichtung“ habe ich wieder mit unendlicher Befriedigung gelesen, nur ist dadurch meine Sehnsucht nach Italien wieder hoch in mir aufgeflammt! Nun, wer weiß, vielleicht sehe ich das Wunderland früher als ich denke. Ihnen, mein theurer Freund, haben wir auch schöne und feierliche Stunden zu danken.

Mein Mann hat mir Ihre „Psyche“ vorgelesen und was mir in diesem hohen und edlen Werke unzugänglich war, wußte er mir mit Verstand und Klarheit näher zu bringen. Die würdige Richtung, die mein Mann auch in der Musik hat, läßt auch in diesem Fache nichts von der neuen Seichtheit zu, und so sind Beethoven, Mozart, Schumann und Schubert immer unsere Auserwählten. Ich habe für Sie manches Lied aus dem reichen Schatze, den uns Schubert hinterlassen, hervorgesucht, die will ich Ihnen vorsingen und das vielleicht bald. Was mich sonst in meiner nächsten Nähe umgiebt, ist häßlich und grauenhaft; die Menschen sind kaum Menschen zu nennen, und was sie thun, treiben und hervorbringen, zeugt von der niedern Culturstufe, auf welcher diese Unglücklichen noch stehen. Was ließe sich über hiesige Zustände nicht Alles sagen – sie sind entsetzlich. – Mein Mann ist ein edler, begabter Mensch, voll zarter Liebe und Sorgfalt für mich, ach! und darum kein „Scheinbild“! Sie werden ihn hoffentlich bald kennen lernen, denn wir wollen einmal wieder freiere Luft athmen und uns Gesundheit holen, die uns leider Beiden fehlt. Ich bin sehr elend; zu meinen alten Leiden haben sich, durch Klima und eine meiner ganzen Natur heterogene Lebensweise hervorgerufen, neue gesellt, und besonders ist es die Leber, die mir viel zu schaffen macht. Da muß Carus helfen! und da der Haß in der Leber sitzt, müssen wir die vor allen Dingen vornehmen, denn weil so viel Liebe in meinem Herzen lebt, will ich nun auch den Haß vollends abschütteln, den ich doch noch gegen manches Menschenkind im Busen trage.

Sie erinnern mich an meine Memoiren – noch habe ich mich nicht entschließen können ans Werk zu gehen; ich muß da so manche Wunde aufreißen, die kaum geheilt, manch strenges, unerbitlliches Urtheil fällen über Solche, die noch leben und die ich gerne schonen möchte. Einen Schritt habe ich für diese Arbeit gethan, ich habe meine Papier geordnet, und kommt einmal die gehörige Stimmung über mich, so liegt Manches schon bereit.“

Wilhelmine ging nach Ems (1851); im Herbst traf sie mit ihrem Gatten, der das Seebad von Ostende gebraucht hatte, wieder zusammen und machte mir ihm eine Reise nach Dresden. Kaum waren sie hier angelangt, als Wilhelmine wegen ihrer angeblichen Betheiligung am Maiaufstande zur Untersuchung gezogen wurde. Herr von Bock stellte Caution, und Wilhelmine, die Zeit ihres Lebens nichts so sehr gescheut hatte, als Conflicte mit den Behörden, ging sofort nach Berlin, um von dort aus die nöthigen Schritte zu thun. Hier traf sie ein neuer Schlag – auf Grund der Dresdner Anklage wurde sie aus Rußland ausgewiesen.

Ihre Verzweiflung kannte keine Grenzen, besonders als Herr von Bock im Frühjahr nach Livland zurückkehren mußte. Alles, was ihr peinlich, beinah unerträglich gewesen war, trat zurück vor dem Verlangen mit ihrem Manne vereinigt zu sein, aber während schon zu Ende 1851 die Untersuchung in Dresden niedergeschlagen wurde, mußte Wilhelmine bis zum Winter 1853 warten, ehe die ersehnte Erlaubniß zur Rückkehr nach Rußland erfolgte. Welchen verdüsternden Einfluß diese Verwicklungen auf sie ausübten, geht am deutlichsten aus einem Briefe an Carus hervor, dem sie am 2. Januar 1852 von Berlin aus schreibt:

„Hochverehrter Freund! Sie haben mir so manches Jahr gestattet, mich an dem Tage Ihres Wiegenfestes in den Kreis derer mischen zu dürfen, die sich um Sie drängen, um ihre Glückwünsche zu bringen – sei es mir, der Ausgestoßenen, auch dies Jahr vergönnt, die Wünsche wiederholen zu dürfen, die ich Ihnen in den vergangenen Jahren aus vollem, treuem, wahrhaftem Herzen gebracht hatte. Mögen Sie denn ihnen Allen, denen Sie Freund, Rather und Tröster sein können, noch lange, recht lange erhalten bleiben! Gern hätte ich Ihnen diesmal, da mich der Zufall so in Ihrer Nähe hält, diese Wünsche selbst überbracht, aber mein Fuß wird jene Stadt, die mich mit dankbarem Jubel, statt mit polizeilichen Maßregeln hätte empfangen sollen, in diesem Leben nicht mehr betreten. Es beschleicht mich überhaupt bei dem Schreiben dieser Zeilen ein Gefühl der Wehmuth, denn mir ist, als müsse ich Ihnen ein ewiges Lebewohl sagen. Durch das ruchlose Verfahren gegen mich in Dressen bin ich – Dank sei es den Machinationen meiner dortigen Freunde – heimathlos geworden, und [719] wer weiß, wo mich der Strom des Lebens hinführen wird. Zudem fühle ich durch die letzte Katastrophe meinen Lebens mein Herz so angefüllt mit Bitterkeit und Groll, das? es am besten ist, ich scheide auch von den letzten wenigen Freunden, die mir leider zu fern stehen, als daß sie diese herben Empfindungen in meiner Brust mildern könnten. Wie klein diese Zahl wahrer, aufrichtiger Freunde war, die ich mir mit aller Treue und Offenheit von meiner Seite im Leben erworben hatte, das hat mich die letzte Zeit gelehrt. Doch fahret hin! –“

Den Sommer 1852 verlebte Wilhelmine von ihrem Gatten getrennt theils in Coburg, theils in Ems und Schlangenbad. Im Herbst kam Herr von Bock, sie nach Paris abzuholen. Mit ihm vereinigt, in Umgebungen, die ihr behagten, inmitten eines regen geselligen Verkehrs, fand sie die Verlorne Frische und Freudigkeit wieder. Aber trotz ihrer entschiedenen Vorliebe für die Franzosen und für französisches Wesen fühlte sich Wilhelmine doch eigentlich nur heimisch und behaglich, wo das deutsche Element vorherrschte, und so waren es denn auch vorzugsweise deutsche Künstlerkreise, mit denen sie verkehrte. Unter diesen behaupteten eine hervorragende Stelle – auch in der Vorliebe Wilhelminens – die Abende bei Ferdinand Hiller, der damals in Paris lebte und mit dem sie seit Jahren in den freundlichsten Beziehungen stand. Dort war man sicher, den ausgezeichnetsten Persönlichkeiten aus der französischen und deutschen Künstlerwelt zu begegnen, und es fehlte, unter den Auspicien des Meisters, nicht an den auserlesensten musikalischen Leistungen.

Ueberhaupt gab sich Wilhelmine den künstlerischen Genüssen, die Paris in so reichem Maße bietet, mit voller Seele hin. Der Besuch von Museen – besonders der Antiken im Louvre – entzückte sie immer aufs Neue. Wie hoch sie die Leistungen der Doche, der Rachel schätzte, ist bereits gesagt. War sie mit der musikalischen Richtung im Allgemeinen nicht einverstanden, so litt sie doch nicht so dabei, als wenn ihr dergleichen „Verirrungen“ in Deutschland begegneten – wie wir ja nie von Fremden so viel verlangen, wie von unsern Freunden – und daß auch die Musik, die sie als die rechte, echte erkannte, ihren Einfluß, ihr Publicum nicht verloren hatte, sah sie mit großer Freude.

Ihr selbst war im Laufe dieses Winters noch einmal beschieden, die deutsche Kunst aufs Würdigste zu vertreten. Sie sang zum Besten des deutschen Hülfsvereins und am folgenden Morgen erhielt sie von dem bekannten Kritiker Gathy folgende Zeilen:

„Paris, den 11. Februar 1853.

„Verehrte Frau! Wozu es mich gestern unwiderstehlich drängte in meiner Freude, das muß ich heute geistig wiederholen: Ihnen die Hand drücken, so recht aus der Fülle des bewegten Herzens.

Das war ein Triumph deutscher Kunst in Paris! Welche Bewegung beim Erscheinen der großen Sängerin, deren Name auch hier in der Fremde am Kunsthimmel in ungetrübter Glorie prangt! Bei ihrem Auftreten welche Spannung der Gemüther, welche Gefühle bei ihrem Gesang, wie schwebten über uns Allen die Töne so übermächtig, daß unter ihrer hinreißenden Gewalt Alle in eine einzige Seele zusammenflössen, in eine und dieselbe Empfindung! Von dem Ausdruck der Begeisterung, von dem nimmer rastenden Ergusse will ich schweigen. Und wie Viele waren, denen der Zauber der Worte, dieses zum vollen Verständniß und Genuß des Kunstwerks so wesentlichen Theils, gänzlich unzugänglich blieb! Ein Sieg der reinen Gemüthskraft also, in der Vollendung des künstlerischen Ausdrucks.

Und war es nicht charakteristisch und wahrlich rührend zugleich, daß flüsternd von Mund zu Mund auf französischen Zungen durch den ganzen Saal das begeisterte Wort „Fidelio“ flog und Erinnerungen belebte, die, wie in ganz Deutschland, auch hier unverlöschlich bleiben, hier in Paris, dem Orte des Leichtsinns und des Unbestandes, des Wechsels und der Vergeßlichkeit aller Dinge, der höchsten und wichtigsten Angelegenheiten? Wie muß sich nicht glücklich fühlen bei solchem Erlebnis; der Hochbegabte, im stolzen Bewußtsein seiner so mächtig einwirkenden Persönlichkeit!

Ja, es ist noch immer dieselbe geniale Frau, die wir früher gekannt; und mit dem Namen Fidelio auf immer verschmolzen und unsterblich in den Annalen der Geschichte, bleibt als Ausdruck des höchsten Kunstgenusses, als Gegenstand der unbedingten Bewunderung den Herzen der Zeitgenossen theuer der Name Schröder Devrient.

Aug. Gathy.“