Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 13

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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 13
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 798-
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wilhelmine Schröder-Devrient, berühmte deutsche Opernsängerin
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[798]

Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient.

Von Claire von Glümer
XIII.

Im Sommer 1853 brachte Wilhelmine längere Zeit in Mannheim zu, ging später mit ihrem Gatten nach Elgersburg in Thüringen und blieb dort, wo sie sich in der herrlichen Natur besonders wohl fühlte, bis Ende October, während Herr von Bock nach Rußland zurückkehrte, um noch einmal Alles daran zu setzen, Wilhelmine von der Verbannung zu erlösen. Nach unsäglichen Mühen und namhaften Opfern wurde endlich dies Ziel erreicht. Wilhelmine erhielt die ersehnte Kunde in Berlin, wohin sie sich von Elgersburg aus begeben hatte, und in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1854 trat sie die zweite Reise nach Trikaten an. Vorher schrieb sie an Carus:

„Berlin, 2. Januar 1854.

„Mein hoch und innig verehrter Freund! Die endliche glückliche Lösung unserer unseligen Angelegenheit wird Ihnen wohl schon bekannt geworden sein, und so greife ich denn heule mit jubelvollem Herzen zur Feder, um Ihnen meinen herzinnigsten Glückwunsch zu Ihrem wiedergekehrten Wiegenfeste zu bringen. Mir ist so leicht und wohl in der Seele, daß ich allen Menschen ein gleiches Gefühl der Glückseligkeit wünschte und vor allen Ihnen, mein verehrter Freund, der Sie so Vielen zu Freude und Trost leben; aber leider wird es in Ihrer edlen Seele nicht so heiter glänzen, sondern Schatten der tiefsten Schwermuth dieselbe umziehen, da der Tag, an welchem Sie das Licht der Welt erblickten, zu nahe den berührt, an welchem sich zwei Augen schlossen, aus denen Ihnen die dankbarste und zärtlichste Kindesliebe entgegenlachte. Sie schwebe ein Engel des Lichtes über Ihrem Haupte und breite sanft und schützend ihre Flügel über Sie aus, damit Sie den Ihren, uns Allen noch recht, recht lange erhalten bleiben!

Ich werde nun in kurzer Zeit nach einem Lande zurückkehren, welchem ich, meinem ganzen Wesen nach, ewig fremd bleiben werde, und in welches mich nichts zurückruft, als eine heilige Pflicht, an welches mich nichts fesselt, als die Liebe und Hochachtung für den besten und edelsten Mann. Ich steige in ein offenes Grab, und mit dem Niedersinken des russischen Schlagbaumes versinkt auch für mich Alles, was sonst ein Leben wohl schmückt. Kunst und Poesie, der Verkehr mit Menschen, an deren reichem Wissen man sich erlaben kann, Industrie und Weltgeschichte, alles das bleibt jenseit jenes Schlagbaums zurück! Ader ich werde dort eine Häuslichkeit, Ordnung und – Ruhe, wenigstens äußere Ruhe finden und an der Seile eines Mannes leben, der mir ein treuer und liebevoller Freund ist. Ich werde nicht allein sein in der Einöde, die mich erwartet, ich habe den Irenen Freund, den geliebten Mann und – mich selbst! – “

Die Ruhe, die Wilhelmine in ihrer Häuslichkeit zu finden hoffte, wurde ihr nicht zu Theil. Es gelang ihr nicht, sich in Rußland einzugewöhnen. Ihr Körper litt mehr und mehr unter den Einflüssen des Klimas, und ihr Gemüth wurde nur zu bald wieder von einem Heimweh bedrückt, das ihr Alles, was sie umgab, im düstersten Lichte erscheinen ließ und sie endlich nach Deutschland zurücktrieb. Aber in Deutschland entbehrte sie den Gatten, und die Sehnsucht nach ihm ließ sie wiederum vergessen, was ihr das Leben in Rußland unerträglich gemacht hatte. Ueberdies fand sie in der alten Heimath mancherlei, was sie schmerzlich berührte und ihr zu gerechten Klagen Anlaß gab. Theils hatte sie, selbst in ihren geselligen Beziehungen, unter den Nachwirkungen der Dresdener Anklage zu leiden; theils war sie im Allgemeinen mit den politischen und socialen Zuständen des Vaterlandes unzufrieden. So sehen wir sie in den nächsten Jahren immer unstät, immer unbefriedigt, bald in den deutschen Bädern, deren Gebrauch ihr verordnet war, bald in Berlin, bald wieder in der Einsamkeit des livländischen Gutes. Im Frühjahr 1855 schreibt sie an Herrn von Donop:

„Schloß Trikaten, 15. April.

„... Ihr Brief vom 22. Februar vorigen Jahres traf mich wenige Tage vor meiner Abreise und in der fürchterlichen Unruhe des Einpackens. Damals fand ich also keinen freien, ungestörten Moment mehr, um Ihnen auf heimischem Boden noch ein Wort des Dankes und ein Lebewohl zuzurufen. In meiner neuen Heimath angelangt, war die erste Zeit meines Hierseins dadurch in Anspruch genommen, das Chaos, welches mich umgab, zu lichten, Ordnung und Sauberkeit – soweit das hier überhaupt möglich ist – herzustellen und wenigstens den Räumen, die ich bewohne, einen Anstrich von Poesie zu geben, ohne die es mir einmal nicht möglich ist zu leben, was aber mit den unendlichsten Schwierigkeiten verknüpft war, denn hier ist Alles Prosa, nackte, kahle Prosa in ihrer unschönsten Gestalt. Sie rufen mir in einem Ihrer Briefe zu, den Sie mir nach C..... schrieben: „was will die Muse unter den Abderiten?“ – Was würden Sie sagen, wenn Sie mich hier sehen könnten? Schlagen Sie Goethe's Iphigenia auf und lesen Sie den ersten Monolog, lassen Sie nur den „rauhen Gatten“ weg, so paßt das Uebrige meist auf mich und meine Stimmung, denn – es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher! – Sind wir wirklich nur dazu geboren, von der Wiege bis zum Grab in ewigen Kämpfen durchs Leben zu gehen, so ist dies Loos vor Allem meines. Es könnte jetzt Alles gut sein; das Schicksal hat mir für so manche harte Prüfung reichlich Rechnung getragen, denn es hat mir einen treuen, edlen Freund zur Seite gestellt; aber es ist schon dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Mich hat hier ein unüberwindliches Unbehagen erfaßt, welches die Folge vergeblichen Bemühens ist, Resultate erreichen zu wollen, die unter den hiesigen Verhältnissen zu den Unmöglichkeiten gehören, ein Unbehagen, das wie eine düstere Wolke auf meinem Gemüthe lastet, das, niedergedrückt mit betrübt, nicht einmal zu der Energie gelangen konnte, lieben Freunden zu sagen, daß ich noch lebe, und daß die Erinnerung an vergangne schöne Tage, mit ihnen verlebt, meinem abgeschiedenen und monotonen Dasein die einzige heitere Abwechselung gewährt. Nun kommt auch noch das peinliche Gefühl dazu, wenn ich am Schreibtisch sitze, daß ich nicht niederschreiben kann, wie ich empfinde, sondern mit ängstlicher Sorgfalt meine Gedanken umgehen muß, was mir alle Unbefangenheit raubt. Jeder Zwang ist lästig, besonders mir, aber der, ein übervolles Herz nicht ausschütten zu dürfen, ist gewiß der lästigste. Und wie viel hätte ich Ihnen zu sagen, wie viel möchte ich Ihnen mittheilen! Doch, wie gesagt, einem Blatt Papier darf man nicht immer anvertrauen, wozu man sich getrieben fühlt, besonders wenn es einen so weiten Weg zu machen hat, wie von hier nach Deutschland – man hat Beispiele, daß Briefe verloren gehen. Sie verstehen mich. So will ich denn für jetzt den heißen Wunsch unterdrücken, einem Mann mein Herz rückhaltlos [799] zu öffnen, den ich als einen lieben freund verehre und dem ich daher so gern mit ganzem, vollem Vertrauen entgegen kommen möchte, da ich weiß, daß er mich und mein ganzes Wesen erkannt hat und richtig zu beurtheilen versteht. Lassen Sie mich mein nächstkünftiges Leben an der Hoffnung aufrichten, die mir von Weitem lächelt, daß ich bald einmal die liebe eigentliche Heimath wiedersehen werde.“

Aus der Zeit ihres nächsten Aufenthalts in Deutschland (Sommer 1856) bewahrte Wilhelmine als Curiosum ihren kurzen Briefwechsel mit einer Fürstin, deren Namen ich verschweigen will; ich kann mir aber nicht versagen, als Beitrag zur Culturgeschichte unseres Jahrhunderts den Schluß des ersten Briefes der Fürstin hier einzuschalten. Sie war mit Wilhelminen sehr befreundet gewesen, war ihr zu ernstem Danke verpflichtet, fühlte sich aber – wahrscheinlich weil Wilhelmine politisch compromittirt war – veranlaßt, sich von ihr zurückzuziehen. Nachdem sie Wilhelminen in Berlin flüchtig begegnet war, traf sie in Carlsbad abermals mit ihr zusammen und schrieb ihr einen Brief, in welchem sie sich und ihre Töchter entschuldigt, daß sie nicht mehr öffentlich mit der „geliebten und verehrten Künstlerin“ verkehren könnten. Träfen sie sich allein, auf einsamen Spaziergängen, fährt die Fürstin fort, so würde sie sich freuen, von Wilhelminens Freuden und Schmerzen zu hören. Sie schließt mit den Worten: „O, wie gern hörte ich Sie wieder einmal singen! Ja – da meldet sich doch das Verlangen nach irdischen Freuden in meiner Brust, und ich glaubte, daß mich hier nichts mehr sehr freudig erregen könnte; aber der Mensch hofft und wünscht, bis er die müden Glieder ganz zur Ruhe legt; nun sind diese Wünsche ruhigerer Natur, und man ist nicht mehr unglücklich, wenn sie auch nicht erfüllt werden! – Möge Gott Ihnen den Frieden schenken, dessen ich mich jetzt so sehr erfreue, durch das mir fast unentbehrlich gewordene Geisterklopfen! – –“

Wilhelmine antwortete umgehend:

„Soeben erhalte ich Ew. Durchlaucht Zuschrift und will keinen Augenblick säumen, Ihnen die nöthige Beruhigung zu geben. Sie hätten sich die Angst und den Brief ersparen können, denn es war seit meinem Zusammentreffen mit Ihnen in Berlin mein fester Vorsatz, Sie wie Ihre Töchter bei einer abermaligen Begegnung gänzlich zu ignoriren. Ich bin nicht die Frau, die ein unehrerbietiges Betragen von jungen, unbedeutenden Mädchen duldet, deren Bildung so mangelhaft ist, daß sie das Recht zu haben glauben, einer Frau, die so weit über ihnen steht, nach Belieben ihren Hochmuth fühlbar machen zu dürfen.

Wenn Sie mich recht verstanden härten, so mußten Sie wissen, daß ich damals in Berlin für dieses Leben Abschied von Ihnen genommen hatte und zwar mit dem Ausdrucke des Dankes, den ich Ihrer früheren Freundlichkeit gegen mich schuldig zu sein glaubte. Es thut mir für Sie leid, daß Sie den Verhältnissen unterliegen mußten; für mich hat ein solches Gebahren nur etwas höchst Lächerliches! Möchte Ihnen die Gnade durch Gott zu Theil werden, den Geist herbeizuklopfen, der uns die eigentliche

Menschenwürde verleiht.
Wilhelmine von Bock.“

Die Fürstin schrieb daraus noch einen langen Brief, in welchen, sie wiederholt von ihrer unwandelbaren Liebe für Wilhelmine spricht und die Hoffnung ausdrückt, daß diese nach einiger Ueberlegung erkennen würde, wie ungerecht sie ihre fürstliche Freundin beurtheilt hätte. Sie hat auf diesen Brief keine Antwort bekommen.

Wilhelmine hat in ihren geselligen und freundschaftlichen Beziehungen eine Menge ähnlicher Erfahrungen machen müssen. War die erste Empörung überwunden, so lachte sie darüber und warf die Menschen, die sich dumm, feig oder undankbar benahmen, zu den Todten. Viel tiefer schmerzte sie der Undank, den sie als Künstlerin erfuhr oder zu erfahren glaubte. Das Bewußtsein, durch ihr künstlerisches Schaffen, so groß und glänzend dasselbe auch gewesen war, keinen nachhaltigen Einfluß errungen zu haben, verursachte ihr eine Pein, die sie zuweilen mißtrauisch, bitter, selbst ungerecht werden ließ. 1855 schrieb sie an ihren Freund, den Kammerherrn von Donop:

„Nun habe ich eine Bitte an Sie. Ein junger, sehr talentvoller Bildhauer in Gotha hat ein Medaillon in Marmor von mir gemacht, welches in der Gothaer Kunstausstellung den ersten Preis erhielt und vergangenes Jahr in Berlin den ganzen Winter in der permanenten Kunstausstellung aufgestellt war und dort die allgemeinste Anerkennung fand. Dieses Medaillon in Lebensgröße hatte ich als Geschenk für Dresden bestimmt, wo man es zu meinem Gedächtniß in den Hallen aufstellen sollte, wo ich so oft mit voller Begeisterung, mit dem ganzen Enthusiasmus meiner Seele vor ein Volk hingetreten bin, das nur zu schnell über neue Erscheinungen, wären sie auch noch so mittelmäßig, das früher Gebotene vergißt. Weil ich nun aber fühle, daß das, was ich gegeben, wohl werth war, der Vergessenheit entrissen zu werden, so wollte ich als Mahnung jenes Kunstwerk hinstellen, das außer meinen genial ausgeführten und ähnlichen Gesichtszügen auch noch die Namen von vier aus meiner innigsten Seele entsprungenen Schöpfungen trägt. Die schmachvolle Behandlung aber, die ich bei meinem letzten Aufenthalt in Dresden, im Herbst 1851, erfahren mußte, hat mich bestimmt, das Geschenk nicht zu machen. Nun wünsche ich diesem Medaillon aber einen würdigen Platz zu geben, denn es in der Kiste verpackt vermodern zu lassen, wäre wirklich zu schade. Da wollte ich Sie nun bitten, ihm in Ihrer Bibliothek ein Plätzchen zu gönnen und es zu meinem Andenken dort aufzustellen. Wer kümmert sich jetzt in Deutschland noch um die Schröder-Devrient? Darum will ich es keinem öffentlichen Kunstinstitute aufdrängen, sondern bei Ihnen will ich es wissen, der Sie ja auch der Künstlerin Ihr ganzes Interesse zugewendet hatten. Gönnen Sie unter den hohen Geistern, die in ihren Werken Sie umgeben, dem Abbild einer Frau ein stilles Eckchen, in deren Busen ein Herz voll heiliger Begeisterung schlug, die die Kunst um ihrer selbst willen geliebt und verehrt hat, und nicht um den schnöden Gewinn einzig und allein, wie es viele der jetzigen entarteten Priester und Priesterinnen der holden Musen thun, welche gewiß ob der Schmach, die ihnen angethan wird, oft ihr Antlitz erzürnt abwenden.

Ich habe im vorigen Winter oft mit blutendem Herzen im Theater gesessen. ... Man hat es ihnen doch vorgemacht, wie kommt es denn, daß sich auch nicht eine leise Andeutung übertragen hat von dem, was ich vor dem ganzen Olymp verantworten konnte?

Das Publicum, was mich doch auch gesehen und gehört hat, jubelte und schrie, mehr als es jemals bei mir gethan. Da rollte mir wohl eine stille Thräne über die Wangen, und leise seufzend rief ich aus: Unsinn, Du siegst, und ich muß untergehen! Es giebt wohl kein schmerzlicheres Gefühl, als das – umsonst gelebt zu haben. Aber ist nicht jetzt die ganze Welt ein großes Narrenhaus? Wohin man sieht, ist an die Stelle der göttlichen Vernunft ein Zerrbild getreten. Wahrheit und Natur sind verschwunden, vor Allem aus der darstellenden Kunst, und das einzige Ziel, welchem nachgejagt wird, ist – ein voller Geldbeutel, gleichviel, durch welche Mittel er gefüllt wird. Zum größten Theile sind die Künstler der Jetztzeit Heuchler außer der Bühne, wie aus derselben – und wo im Leben keine Wahrheit ist, da ist sie auch nicht in der Kunst.“

Trotz dieser Schmerzen waren die Erinnerungen an die Zeit ihrer künstlerischen Wirksamkeit Wilhelminens Trost und Freude in der Einsamkeit ihres russischen Lebens. Tagelang war sie ganz allein, während ihr Gatte seine weitläufigen Güter inspicirte. Neue Bücher kommen schwer nach Rußland. Von Allem, was ihr durch Freunde empfohlen worden war, erlangte Wilhelmine nur Lübke’s Geschichte der Architektur. Singen mochte sie nicht; der Ton ihrer Stimme – die hier so ungehört verhallte, während sie einst das Entzücken von Tausenden gewesen war – brachte sie zum Weinen. Die Beschäftigung mit ihrem Haushalt wurde ihr durch die Rohheit und Dummheit der Dienstboten zur Qual – so saß sie denn stundenlang, tagelang mit irgend einer mühsamen Stickerei beschäftigt und versenkte sich tiefer und tiefer in die Erinnerung an vergangene Zeiten. Mit der Erinnerung kam die Sehnsucht nach dem, was sie aufgegeben hatte; mit der Sehnsucht die Hoffnung, daß sie es wiederfinden könnte. Sie fühlte sich heißer als je zuvor vom Enthusiasmus für die Kunst durchglüht; ihre Ansprüche an den Künstler waren in dem Maße gewachsen, wie sich ihre rastlos fortschreitende Seele erweitert und verlieft hatte – und Alles, was in Deutschland in ihrer Kunst geleistet wurde, blieb so weit hinter ihren Anforderungen zurück, daß ihr jede Opernvorstellung namenlose Pein bereitete. Der Drang, mit ihrer Gluth und Kraft da einzuschreiten, wo sie so viel Lauheit, Schwäche und Unwahrheit sah, wurde immer mächtiger, Ob ihre Mittel noch ausreichen würden, das zur Erscheinung dem bringen, was die schöpferische Kraft ihrer Seele dem geistigen Auge so klar nur gewaltig [800] darstellte, fragte sie nicht. Die innere Lebensfülle ließ sie vergessen, daß auch sie dem allgemeinen „Sterben und Vergehen“ ihren Tribut zahlen mußte, und so kam sie im Frühjahr 1858 zum letzten Male nach Deutschland, fest entschlossen, zur Kunst zurückzukehren. Sie sollte nur ihr Grab in der heimischen Erde finden.