Etliche Mahnworte zur Frauenfrage

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Autor: Hermann von Bezzel
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Titel: Etliche Mahnworte zur Frauenfrage
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Erscheinungsdatum: o. A.
Verlag: Paul Müller
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Etliche Mahnworte
zur Frauenfrage


Gegeben in der Kreisversammlung
der süddeutschen Ortsgruppen des
Deutsch-evangelisch. Frauenbundes
von Oberkonsistorialpräsident
D. Dr. von Bezzel


Preis 25 Pfg.


[D]ruck und Verlag von Paul Müller, München
Mittererstraße 4.


|  Verehrte Anwesende! Die Höhenlage einer Zeit, die Bedeutung ihrer Entwicklung wird abgemessen daran, welche Stelle die Frau in der ganzen Geschichte des Tages und in der Bewegung der den Tag erfüllenden Fragen einnimmt. Wenn die Frau das gottgewollte und gotteingestiftete Ideal in ihrem Wesen und Wirken zur Verkörperung zu bringen bestrebt ist, wird die Zeit eine hohe, reiche und reine sein und gerade die Männerwelt wird aus dieser inneren, treuen Bewahrung schöpfungsgemäßer Gedanken all das von Anreiz und innerer Belebung holen, was ihr zur Ausrichtung der ihr befohlenen Aufgabe nütze und not ist. Andrerseits wird eine Zeit, in der die Frau die naturhaft gezogenen Grenzen überschreitet, in deren Wahrung ebenso ihre Kraft wie ihre Aufgabe liegt, eine langsam niedergehende sein. Man wird gewahr, daß, wenn das feinste Geäder in der großen Menschheitsgeschichte, eben die Frauenfrage, irgendwie degeneriert, die ganze Menschheitsgeschichte darniederliegt. Ueber den Pforten der jetzigen Kulturwelt steht das Wort: Siehe, ich bin des Herrn Magd, und je mehr dieses Wort in seiner ganzen schlichten Herrlichkeit ins Leben eingesetzt und verwirklicht werden will und wird, desto mehr leuchtet von dem wortlosen Wandel der Frau, von der schlichten Bescheidung eine unnachahmliche und unvergleichbare Größe, reich genug, um eine ganze Zeit mit Friede und Freude und eine ganze Welt mit Glück zu erfüllen.
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 Wir haben gestern einen Sonntag[1] erlebt durch die deutschen Lande, der da, soweit es ihm möglich war, sich anschickte, die Inschrift von diesem Portal aller gottgesegneten Kultur wegzutun; zuerst das Wort der Abhängigkeit von einem persönlichen Gott als ein überaltetes und überjährtes, um dann die ganze Torheit des andern Wortes darzustellen: Ich bin eine Magd. Denn dazu kann, so meint die durch deutsche Lande flutende Bewegung, die Frau nicht verordnet sein, daß sie in magdlicher Bescheidung durch die Welt gehe, an den großen Tagesfragen, besonders an den politischen, keinen Teil| habe, sondern dazu sei sie berufen, daß sie ihr gewichtiges Wort, auch wenn es nicht vom Verständnis der Lage beeinflußt ist, in die Wagschale werfe und den ganzen Nachdruck einer schrankenlosen Ichauslebung in die große Bewegung hineindränge.

 Wir, verehrte Anwesende, haben den gestrigen Sonntag, so hoffe ich, anders durchlebt. Wir haben ihn als einen Sonntag in der Passion unseres Herrn Jesus Christus gefeiert, in der er von seiner heiligen Krone eine Perle unvergänglichen Glanzes und unverlierbarer Schöne dem weiblichen Geschlecht verehrte und gab, da er zur Armen, die ihre Salbe weinend zu Seinen Füßen ausgoß, das ebenso ermutigende wie tröstende Wort sprach: Sie hat getan, was sie konnte, und jede ehrliche Christustat, jedes ernste Gottesopfer benedeite und adelte als ein Werk, das die Zeiten überdauert. Wahrlich, wo dieses Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen, was sie zu seinem Gedächtnis getan hat. Was ist das für eine wundersame Perspektive in die Entwicklung der Geschichte des Frauenlebens und Frauenwirkens, daß der alle Weltgeschichte überschauende König und Meister für die unscheinbarste Tat Unsterblichkeit des wahren Nachruhms sicherte und der armen Opferarbeit des Weibes eine Bedeutung zumaß und zuerkannte, die weit über die Gründung von Weltreichen und über die Erringung von Weltsiegen hinausreicht.

 Wenn Er vom Kreuze her die Männerwelt einsetzte, daß sie Stärke und Stütze, daß sie der aufrichtende Stab für alle Frauenbewegung sei, wenn Er uns Männern die Aufgabe zuerkennt, daß wir in Behauptung unseres Rechtes und unserer Arbeit sie schützen und stützen und uns wiederum das Größte geben lassen: Trost, Milderung der Gegensätze, freundliche Zusprache, wenn er der Frau wie jenen Johannes der Maria alle Verwaisten und Trostarmen zu treuem Herzen befiehlt – wo ist größere Frauenarbeit und wo je ein seligeres Frauenwerk angewiesen und genannt?

 Es sind, verehrte Anwesende, keine abgebrauchten Werte und keine nutzlosen Worte, die der König der Wahrheit in eine fragende, suchende und nach Lösung von Aufgaben verlangende Welt hineingelegt hat. Erst von dem Tag an müßten wir nach anderen Werten suchen, wenn die großen köstlichen Perlen aus dem Diadem unseres gebenedeiten Herrn ihren Glanz verloren hätten und der von ihm dargebotene und verliehene Reichtum seines Wertes entkleidet wäre!

 Darum möchte ich für die schwere Zeit, in der wir stehen, als erste Aufgabe darzubieten mir gestatten, nicht als eigene Erfindung, davor behüte mich Gott, sondern als ein Herrengebot und im Vollzug desselben:

WOLLEN SIE DAS WORT JESU BEWAHREN!
| Dort bei Lukas am 12., im 49. Vers, sagt unser Herr: Ein Feuer auf Erden zu werfen bin ich gekommen, und was wollte ich lieber, denn es brennte schon.
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 Daß unter Ihnen die Bewahrung der Tatsache als das Größte erkannt und erfaßt werde und wäre, als eine Dankespflicht ohnegleichen und ohne Ende, das einfache Wort im Herzen zu behalten: Christus ist gekommen!, nachdem er Ihnen Perlen aus seiner Krone und aus seinem Malschatz geschenkt hat! Wäre es nicht übel getan und schlecht gelohnt, wenn Sie Ihm aus seiner königlichen Majestät und deren Krone auch nur die kleinste Perle herausbrächen? Wir wissen wohl, was gegen dieses ewige Jesuswort modernerseits eingewendet worden ist. Wir sollen es verfeinern; es sei zu gröblich und zu rauh, zu eng und zu karg, es gehe von einem verdüsterten Weltbild aus und sehe in engen Grenzen und schmalen Bahnen den Verlauf einer Geschichte, die sich mitnichten in einen so knappen Rahmen drängen lasse. Und das ist das Wort, welches gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, das Wort, das aus der Ewigkeit geboren Zeitformen, Zeitmaße und Zeitengen an sich nahm, damit es nicht einer Zeit, sondern der Zeit, nicht einer Geschichtsform, sondern aller Geschichte entspräche; das ist das Wort, welches, wenn es verfeinert, humanisiert würde, den eigentlichen Nerv und den eigentlichen Duft verlöre; den eigentlichen Nerv von Sünde und Gnade, den eigentlichen Duft der Demut, die nicht das ihre sucht. Ich darf als ein Diener der Kirche herzlich bitten und treulich vermahnen: Halten Sie über diesem verachteten und unwerten Wort, schließen Sie sich von all den Versuchungen ab, die diesem Wort die Kanten abglätten und den Ernst wegnehmen und ein sonniges Christentum darstellen in einer Zeit, wo die Sonne so trübe zur Rüste geht. Schließen Sie sich, ich bitte darum, weil ich für mein Volk bei Ihnen bitte und weil ich für meine Jugend bei Ihnen werbe, schließen Sie sich von all den Versuchen ab, die das teure Jesuswort und die treue Jesustat zurückstellen und Augenblickseinfälle und Geistreichigkeit Dem aufnötigen wollen, der reich ist an heiligem Geist. Ich brauche die Karrikaturen nicht erst zu nennen und zu kennzeichnen, aber das sage ich als meine tiefstinnere Ueberzeugung: Wenn unsere evangelischen Frauen sich schämen dessen, der sie zu solcher Höhe erhoben hat und sich des Wortes entäußern, das in ihr Leben solche Sonne und solchen Segen gebracht hat, wird die Strafe des Undankes nicht ausbleiben. Mit Humanitarismus kann man die Sünde wohl verbergen, aber nicht heilen, in Humanität kann man den Abgrund mit Blumen verdecken, aber nicht schließen, mit einem welttrunkenen Christentum kann man manche berauschen, aber niemanden in seiner letzten Not trösten. Und je gefährlicher es ist, interessant werden| zu wollen und geistreich zumal, je leichter es manchem dünkt, von dem alten Evangelium abzurücken, desto mehr bitten und beschwören wir Euch, die das Evangelium froh und frei gemacht hat, treu zu bleiben. Nicht Verfeinerung, aber auch nicht Verkleinerung!

 Man hat uns gesagt, das Christentum müsse nach den Gesetzen der fortgeschrittenen Vernunft bemessen und korrigiert werden, es sei zu viel Überlebtes, zu viel für eine vergangene Zeit Gesagtes darin. Je mehr wir aber Christus und sein Wort verkleinern und je mehr wir verzichten, desto leerer wird es in unseren Häusern. Männer können ihre Zweifel eine Zeit lang unbeschadet tragen, eine gewisse Willensreaktion läßt sie nicht zur ganzen Furchtbarkeit gereichen und ausreifen. Aber die Frauenseele, einmal dem Zweifel erschlossen, wird nicht bloß in Einem Betracht an Christo irre, sondern er erscheint ihr immer kleiner und geringer, jedes seiner Worte ganz unbedeutend. Von Christi Verwerfung geht sie über zur Zurückstellung der göttlichen Offenbarung und das Haus, das sie freundlich aufnahm mit dem Kreuz auf dem Giebel und mit den teueren Trostworten, wird im Frauengemüt eine große Trümmerstätte, über die der Wind klagend hinzieht. „Ich habe meinen Herrn begraben und weiß nicht, wo ich ihn hingelegt habe.“

 Ich bin gekommen, spricht der Herr. Lassen Sie bei diesem einfachen Jesuswort, daß er die Ewigkeit verlassen und in die Zeit gekommen und aus der Zeit heimgekehrt ist, um wieder am Ende der Tage die Welt zu vollenden, lassen Sie bei diesem einfachen Jesuswort Ihr Herz ruhen! Eine fromme Frau ist eine wunderbare Gabe Gottes, eine überzeugende Gewalt, vor der die Spötter schweigen und die Zweifler in Andacht sich neigen, eine Frau, die Christum ins Herz genommen und sein Wort in den Willen gesenkt hat, die keinen anderen Standort kennt als unter dem Kreuz des Erbarmers, ist für weite Kreise, nicht nur für die enge Familie, wo der ungläubige Mann von ihr bekehrt wird, eine unwiderstehliche Kraft, eine unbezwingbare Apologie Jesu Christi. Das sind keine phantastischen Märlein, sondern aus der Geschichte der Kirche wohl bewährte Tatsachen, und wir alle, die wir das Glück haben oder hatten, fromme Mütter zu besitzen, rühmen als das Höchste, was unser Leben verklärte, daß sie uns beten lehrten: Abba, lieber Vater. – Elisabeth, die Braut des großen Theologen Kaspar Cruciger in Leipzig, träumte einmal, daß sie auf der Kanzel stehe und an Stelle ihres erkrankten Bräutigams der großen Nikolaigemeinde predige. Schamrot gestand sie diesen Traum ihrem Verlobten, der sprach: Elisabeth, die Predigt des Weibes unter der Kanzel ist weit machtvoller als wie unsere auf der Kanzel, wie denn auch, was auf der Kanzel verkündigt wird,| unter der Kanzel am wirksamsten betätigt, aber auch niedergerissen werden kann. – Indem Sie also, und ich glaube in Ihrer aller Meinung und Auftrag zu reden, bei dem Jesuswort bleiben, es sich und Ihrer Umgebung bezeugen, geloben Sie zugleich in dieses Jesuswort immer mehr sich einzugründen.

 Verehrte Damen! Bibelkenntnis ist ein etwas veraltetes Wort und riecht nach der Schule. Aber wie man in den großen Nöten der Zeit ohne Kenntnis des eigenen Herzens und ohne Bekanntschaft mit Seinem Herzen durchgehen kann, wüßte ich nicht. Indem Sie Ihr eigenes Herz erforschen und in ihm all die Möglichkeiten zu dem finden, was wir beklagen und bekämpfen, flüchten Sie sich auch in all die großen Gottesfragen und Gottestaten, wie sie in der heiligen Schrift niedergelegt sind, gründen Sie sich in dem Wort Gottes, suchen Sie in Ihm, bleiben Sie bei ihm und erleben Sie es, und weder Verfeinerung und Ästhetisierung noch Verkleinerung wird es uns nehmen.

 „Ich bin gekommen.“ - Ist er nur gekommen, um neue Anstalten ins Leben zu rufen, große weitsichtige Unternehmungen vorzubereiten, ist er auf dieser Erde erschienen, um einen großen Plan vor erstaunten Augen zu entwickeln? Er sagt einfach: Ich bin gekommen ein Feuer auf die Erde zu werfen. Wir wollen uns das gesagt sein lassen!

 Je einfacher man die Arbeit tut, die der Herr uns vor die Füße legt und je schlichter wir die nächstliegende Pflicht auf uns nehmen, desto größere Beiträge bringen wir zur Lösung der sozialen Frage, die eben letztlich in der individuellen sich gründet. Ich kann nie zur Lösung großer Fragen etwas tun, wenn ich nicht deren Entstehung im engsten Kreise berücksichtige. Alle Geschosse gehen weit übers Ziel, wenn sie nicht dem nächsten vermeint sind, und alle Arbeit, ob auch in treuester Meinung unternommen, muß scheitern, wenn sie nicht an der ernsten Wahrung des Nächstliegenden ihren Anfang nahm. Die Frau, die ihr eigenes Reich verläßt, weil sie in allen möglichen Vereinigungen zu arbeiten sich vornahm, kann für diese Vereinigungen Großes leisten, aber der Wert der Leistungen leidet darunter, daß sie im eigenen das Rechte nicht suchte und traf. Je mehr aber eine Frau in dem engsten Kreis ihrer Beschränkung, in der einfachen, von Gott jedem Menschen zugewiesenen Pflichtbetätigung sich erweist, desto mehr wird die Arbeit für das große Ganze ausrichten. „Ich bin gekommen“ wie ein Hausvater, der an kalten Tagen ein Feuer anschürt. So ganz alltäglich, möchte ich sagen, so selbstverständlich, so dem Durchschnittsmilieu entsprechend, woraus hervorgeht, daß nicht die Präzellenzen und nicht die prominenten Leistungen Ihm etwas gelten, sondern nur die einfachen Verpflichtungen des Tages, in seiner Nachfolge aufgenommen und aus gerichtet, etwas bedeuten.

|  Ein Feuer leuchtet weithin und lockt viele an. Und so selbstverständlich diese hausväterliche, diese hausfrauliche Pflicht ist, es zu entzünden, so reich ist sie in ihrer Erfüllung, denn sehe ich recht, so hat der Herr mit diesem Wort eine dreifache Bedeutung des Feuers im Auge gehabt, die belebende, die erwärmende und die verzehrende. Nach diesen drei Richtpunkten darf ich auf die weiteren Fragen, die uns bewegen, eingehen.
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 Verehrte Anwesende! Wo Feuer ist, da ist Leben. Feuer der Begeisterung, der inneren Überzeugung, feuriges Wort, feurige Tat, glühende Liebe, ernste, selbstverzehrende Opferhingabe: überall Leben! Ein totes Feuer, ein gemaltes Feuer haben keine Kraft. Aber wenn zu dem Feuer, das jeder Christ anzünden soll, die Treue das Holz herbeiträgt und die innere Liebe die Glut anfacht, so ist das belebend. Sie wollen beleben, werben, Sie möchten durch Begeisterung, wie sie aus Ihrem Leben leuchtet, andere anziehen. Aber nicht das ist Begeisterung, daß man hochtönende Programme in die Welt wirft und allerlei Versprechungen und Verheißungen gibt, welche die Ewigkeit einlösen kann, weil man von der Zeit ihrer Einlösung gar nicht spricht, sondern das ist Begeisterung, daß man der schlichtesten Einfachheit und der geringsten Alltäglichkeit sein ganzes Herz und dessen ganzen Willen gibt. So sind wir durch die Treue unserer Lehrer begeistert worden, es waren vielleicht keine flammenden Persönlichkeiten, keine hochberedten Männer, aber in der Selbstverständlichkeit der Treue, mit der sie ihrem Tagesberuf nachgingen, haben sie uns zur Nachfolge gereizt. In diesem Ernst, in guter Begeisterung für eine große und herrliche Sache, für die Schlichtheit des Frauenberufes in seiner Erweiterung auf nächste Kreise werden Sie beleben. Sie werden es mir glauben, in unserer Zeit sind so viele Persönlichkeiten, die gesucht sein wollen, die nur auf ein gutes Wort warten: komm und hilf uns, es stehen so viele müßig am Markt, weil sie niemand gedingt hat, sie wollten helfen und wußten nicht wann und wo und wie. Wenn sie aber durch Gottes Gnade auf eine Persönlichkeit stoßen, der die Begeisterung der Arbeit tief eingelebt ist, so werden sie gewonnen. Sie möchten ja, indem Sie Ihre Arbeit tun, auch größere Bildungsmöglichkeiten schaffen, wenn ich recht sehe. – Sie sagen sich, daß für die Frauen, deren Überzahl über die Männer so oft und schon über Gebühr betont wird, nicht mehr Berufe genug vorhanden seien. – Ich halte es aber für eine der fatalsten Werbungen, wenn man sagt, weil es nicht Frauenberufe genug gibt, empfehlen wir den Eintritt in Diakonissenhäuser. Wer deshalb in sie kommt, weil andere Berufe besetzt und vergeben sind, wird nie eine richtige Diakonisse werden; wenn nicht andere Voraussetzungen gegeben sind,| die glühende Liebe zum Heiland, der ernste, tiefe Sinn seiner Nachfolge – der Mangel an Frauenberufen kann und wird wohl jene Häuser numerisch und quantitativ füllen und bereichern, qualitativ aber verarmen und verkümmern lassen. Ich darf mich zu Ihnen versehen, daß Sie nie jemand mit dem Hinweise einer Versorgung für den Diakonissenberuf werben wollen. – Aber Sie möchten ja größere Bildungskreise ziehen, mehr Bildungsgelegenheiten erschließen. Ich greife das Frauenstudium heraus, wenn ich auch persönlich aus nicht ganz oberflächlicher Erfahrung kein großer Freund desselben bin und mir die Frage billig vorlege, wenn das Frauenstudium immer mehr sich verbreiten würde, was das Männerstudium noch bedeutete und wo es bei Aufteilung der Welt noch weilen sollte. Wenn ich also mit einem erlaubten und gottgeborenen Egoismus das Frauenstudium etwas ängstlich betrachte, möchte ich doch zugeben, daß es eine belebende Aufgabe Ihrerseits ist, allerlei größere Bildungsgelegenheiten zu eröffnen. Wir können im 20. Jahrhundert nicht mehr wie im 18. Jahrhundert die Frage lösen. Gott hat Ungleichheiten geschaffen, die in gottgemäßer Weise getragen und gelindert werden müssen. Wenn nur dann, indem Sie für solche größere Bildungsmöglichkeiten bedacht sind, aus der Ausbildung nicht die Einbildung und aus der Einbildung nicht die Verbildung wird. Sie wollen eine weitere Ausbildung des weiblichen Geschlechtes, Sie können es nicht billigen, daß ganz bestimmte Bildungsstätten der Frau verschlossen sind. Aber Sie werden mir auch zugeben, welch eine Sorge es ist, daß man nicht eine oberflächliche Bildung aus Kompendien sich vermittle, die das große Heer der gebildeten Proletarier vermehrte. Wenn Ihnen ein besonders begabtes, besonders interessiertes Menschenkind begegnet, dem Sie Eifer abspüren sich weiterzubilden und weiter zu vervollkommnen, dann geben und schaffen Sie Gelegenheit und beraten Sie; solch ein weibliches Wesen wird durch seinen Wissensdrang und Forschungstrieb vor Ungründlichkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Es ist gut und löblich, wenn die evangelische Frauenbewegung darnach trachtet, ihren Geschlechtsgenossinnen möglichst viele Ämter und Berufe zu erschließen. Gott läßt ja jetzt auch ganz neue Berufe aus der Erde hervorwachsen und gibt für die Suchenden Gelegenheit und für die Fragenden die Antwort. Aber immer sei das die große Sorge, daß das spezifisch Weibliche, die heilige, reine Bescheidung, der Ernst der Selbstbeschränkung nicht ausgetan und weggetilgt werde. Mädchengymnasien, Studium der Philosophie und Philologie, der Medizin und Rechtswissenschaft, alles in Würden und Ehren, Gott gebe nur, daß aus Ihren werbenden und belebenden Bestrebungen etwas Reiches und Reines erwachse, daß das Feuer bleibe, welches anzieht und belebt.
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|  Im letzten Grunde aber, verehrte Damen, ist doch das die eigentlich bildende Kraft, daß man sich in engeren Kreisen verstehen lernt. Wenn Sie für die Erschließung weiterer Bildungsgelegenheiten als Korrelate und Korrektive zugleich die Ermöglichung engerer Familienkreise ins Auge fassen, werden Sie ein großes Werk tun. Sehen Sie auf die studierenden Jungfrauen, wie sie so ohne Anschluß Weihe und Weiblichkeit verlieren, denken Sie an das große Heer der Literatinnen, der Künstlerinnen, alle Ehren und Würden ungeschmälert, wie sie, damit nicht Unnatur die Natur vertreibe, alle nach familiärem Zusammenschluß sich sehnen; das belebende Feuer sei immer ein aus der Weite wieder in die Enge lockendes und ladendes: Weiterbildungsmöglichkeiten und enge Freundeskreise, weite Ziele und treue Bewahrung auf dem Weg zu ihnen, indem Sie Großes anstreben, vergessen Sie, ich bitte, das Größte nicht!

 Und dieses belebende, anzündende Feuer sei zugleich ein erwärmendes. Ich möchte sagen, je mehr ein Mensch seine Persönlichkeit mit ihren Fehlern und Gaben, mit ihrem heiligen Ernst und ihrer in Christo ungebrochenen Natürlichkeit zur Geltung bringt, desto mehr wirkt er. Lassen Sie in diesen Tagen, die so oft mit Resolutionen gearbeitet haben, Ihr persönliches Interesse immer hervortreten! Wenn die einzelne Frau die persönliche ureigene Wärme ihres Interesses, die aufrichtige Erschlossenheit für allerlei Leid zum Wort kommen läßt, so wirkt sie wahrhaft sozial. Man werfe an einer Stelle in den See den Stein: der Kreis, den er erstmalig beschreibt, ist ganz eng, dann wird er immer größer, und die Kleintat eines Momentes wirkt in die Weite, in die Ferne. Was Sie an persönlicher Teilnahme Ihrem Geschlecht und Ihrer Zeit darbringen, das ist wirklich etwas von diesem heimatlichen und heimlichen Feuer, das anzuzünden der Herr Christus gekommen ist.

 Ich möchte dabei einige Gesichtspunkte hervorheben. Zuerst die Jugendpflege. Ich gedenke nicht auf die Fragen einzugehen, die mit bekannten Namen verknüpft sind, ich nenne nur Helene Stöcker und stelle nicht die Frage über Mutterschutz hier zur Diskussion, aber gehen Sie hinein in die Hütten der Armut, um der armen jungen Kinder sich in mitleidiger Liebe anzunehmen, denn so sehr ich alles Anstaltliche für die Kleinen segne, ihr Ideal, meine ich, bleibt doch, daß sie sich selbst überflüssig machen. Suchen Sie in den Familien wieder den Ernst für die Pflege der Kinder zu erwecken; rufen Sie den Müttern ins Gedächtnis, welche Aufgaben sie haben nicht nur für das leibliche, sondern auch für das seelische Leben ihrer Kinder! Schärfen Sie das Gewissen, treten Sie mahnend und warnend auf. Es müssen nicht immer ärztliche und psychologische Ratschläge| sein, wenn nur das Herz zum Herzen spricht! Das Aufsuchen der Not, nicht nur sie beraten lassen von den Geistlichen und von der offiziellen Armenpflege, das ist ein gutes Ding. Diakonissen können auch nicht alles; die innere Mission darf und will nicht alles können. Hier setzen die großen freiwilligen Aktionen ein, für die es so wenig Konkurrenz gibt, als sie Konkurrenz machen wollen. Man soll selbst in die Häuser gehen, sich nicht weigern in die Hütten des Elends hinabzusteigen und die schöpfungsmäßig bestimmten Pflichten einzuschärfen und einzuprägen. Und wo das nicht ausreichend möglich ist, weil die Not so übermächtig, die Gebundenheit so schwer und der Schrei nach Verdienst und Brot so laut ist, wäre auch für Ihre Bewegung die Aufgabe gegeben, Familien zur Hülfe zu suchen! Was wäre es ein Großes, wenn zwei, drei fromme Frauen und Familien, denen die Liebe Christi Drang und Zwang ist, sich zusammentäten, um der armen Kinder persönlich sich anzunehmen! Wir müssen mehr das persönliche Moment betonen, das sachliche ist jetzt oft genug erwogen worden. – Und nun sehen Sie, wie die Jugend heranwächst: gottfern, liebearm, aushäusig, ohne daß man sie bewillkommnet und segnet, wenn sie das Haus verläßt, falsch gezogen, verzogen und verwöhnt, bald darbend, bald in Ueberfluß sich ergehend, wächst ein armes, willensschwaches Geschlecht heran.

 Eine Elisabeth Fry ist ein „Sammelort“ für Kinder der Straße geworden; sie liefen auf sie zu, sie gab ihnen wohl ein gutes Bild, weil „Bilder bilden“. Wie viel Bilder warfen Sie beiseite, wie viel Ueberflüssiges wird oft im Hausrat weggelegt? – Was wäre es eine gute Arbeit, wenn wieder einige Frauen sich zusammenscharen würden. Wir wollen die Kinder, welche die Kinderschule nicht mehr fassen kann, mütterlich pflegen, ein freundliches Wort, eine alltägliche Sonntäglichkeit und eine sonntägliche Alltäglichkeit gewähren und bereiten, die Kinder sollen sich auf uns freuen, sie sollen von unserem Anblick sehen, wie wärmend die Sonne Gottes ist. Wenn Sie es über sich gewännen, nicht lange Moralpredigten zu halten, sondern wenn Sie es ihnen wohl zu Ihren Füßen sein lassen würden! Damit haben Sie in die Jugend Sonne gebracht und in ein verfinstertes, verarmtes oder verzerrtes und verkümmertes Leben etwas von einem Frieden eingesenkt, nach dessen Empfang man das Heimweh nimmer verlernt bis in die letzten Tage. Gerade das ist mir so am Herzen gelegen, daß unsere Kinderwelt wieder Sonne bekommt, in kleinen Freuden, in kleinen Herrlichkeiten, Sonne, die sie mit den Händen fassen, einsammeln, ins Herz legen kann, bis das arme Herz und Leben wieder mit Glanz durchleuchtet und mit Freuden angetan ist und es stark genug wurde, die schwere Häuslichkeit oder richtiger die schwere Unhäuslichkeit zu tragen.

|  Unser Geschlecht wächst heran, rings von Gefahren und Versuchungen umgeben. Vorgestern hat mir jemand gesagt: Man muß seinen Kellnerinnen und Ladnerinnen so und so oft einen ganzen freien Tag geben, 24 Stunden ohne Kontrolle, ohne Beaufsichtigung, sich selbst und allerlei Anfechtungen ausgeantwortet und überlassen! Was wäre das, wenn unsere Frauen, unsere evangelischen Frauen auf ihre freien Stunden willig verzichteten, um solcher auf den Markt des Lebens in falsch verstandener Freiheit hinausgeworfener Mädchen sich anzunehmen? Heißen sie Flick- oder Leseabende, ich segne alle Veranstaltungen, wenn in ihnen ein volles Maß von Liebe entgegengebracht wird. So entnervt ist selten ein weibliches Wesen, daß es sich hier nicht wieder erfrischte und entwickelte, daß es nicht sich sehnte nach dem Feuer des heimatlichen Herdes. Hier braucht es keine großen Verabredungen, sondern wenn es bekannt geworden ist: hier kann man ein gutes Wort und ein gutes Buch hören - so kommen manche und lassen sich im Stillen von der Liebe erwärmen. Es ist etwas Großes: Freude haben und gewähren. Ich greife auf ein verschollenes Buch zurück, auf das Buch vom Schulmeisterlein Wutz. Da heißt es einmal: Mein Leben ist so reich gewesen, weil ich mich von Tag zu Tag freuen konnte. Wenn das möglich wäre, daß man unseren in Not der Arbeit, in viel Drang der falschen Freiheit und Gebundenheit geknechteten weiblichen Kräften ein Heim gewährte – wenn sie wüßten: in diese schlichte Witwenstube, in diese Umgebung darf ich mich wagen und auch eine Freundin mitbringen, es wird mir eine gute Aufnahme zuteil –, so wäre etwas davon erfüllt: ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden. Suchen Sie aber diese Not doch nicht bloß bei den arbeitenden Klassen! Wie viele einsame, vertrocknete Existenzen hat die Großstadt, wie viele Persönlichkeiten, die äußere Mittel hätten sich froh zu stimmen und verschmähen sie, weil sie nichts mehr haben, was innerlich erwärmt und interessiert! Ziehen Sie auch diese in den Bannkreis Ihrer Liebe und geben Sie von der Wärme Ihrer suchenden und freundlichen Gesinnung etwas zu spüren.

 Und unsere Frauen, die in schweren, in verkehrten und verödeten Verhältnissen leben, die in harter Arbeit stehen! – Wenn hier der evangelische Frauenbund nicht große Massen sammeln, sondern offene Abende halten wollte im Gruppensystem, wo die Leute kommen dürften mit ihrer Arbeit, mit ihren Kindlein, mit ihren großen und kleinen Nöten, das wäre ein schönes und gerechtes Werk! Meine verehrten Damen, das sind keine großen Dinge, es sind Selbstverständlichkeiten, aber gerade an Selbstverständlichkeiten geht man am leichtesten vorüber.

 Wenn Sie so in Christi Kraft erwärmendes Feuer anzünden, in einem kleinen Kreis, das da weithin leuchtet und lockt, wenn Sie| ringsum sich brauchen und fragen und begehren lassen und das große Geheimnis von dem Meister aller Zeiten sich erbitten, immer Zeit zu haben, er wolle auch das offizielle Christentum von Ihrem Antlitz wegtun und allen äußeren Formalismus, der mehr zerstört als aufbaut und erreicht, von Ihnen nehmen, wird Ihnen nichts unmöglich sein. Die Kirche Jesu Christi dankt Ihnen aus bewegtem Herzen, wenn Sie dieses Liebesfeuer unseres einigen Erbarmers, ob auch manchmal in eigenartiger Weise, leuchten und glühen lassen! Darf ich’s hinzusetzen, nehmen Sie jeden Tag auch eine Fürbitte für Ihr armes und reiches Geschlecht ins Gewissen! Je mehr eine Bewegung betet, verinnerlicht sie sich und je mehr sie die großen Fragen der Zeit ihrem Herrn vorträgt, desto mehr flutet sein Segen hernieder. Die Frage darf ich ins Gewissen werfen: Haben wir nicht zu wenig gebetet, haben wir nicht über all den Veranstaltungen und Versuchen den größten Versuch unterlassen? „Meister, hilf uns, wir versinken!“ – Nicht nur die Kirche Christi, auch die ganze Männerwelt dankt dafür. Wenn durch das wärmende Feuer der Christusliebe wieder geordnete Zustände herbeigeführt werden könnten, das wäre eine Mission des evangelischen Frauenbundes. Wie er die Gewissen schärft, die Häuslichkeit erbaut, die Frauen wieder an ihre höchste Arbeit mahnt, wenn er wieder menschenwürdige Verhältnisse herzustellen sucht! In der Not der Zeit gehen die Männer rücksichtslos oft in das Große und ihre Seelen vergessen das Kleine. Aber der Frau höchstes Regale und seligstes Vorrecht bleibt es, im Kleinen zu bessern, im Unscheinbaren zu helfen und an der Lösung weltbewegender Fragen durch Darreichung scheinbar geringer Beiträge größtes zu leisten.

 Aber könnte der evangelische Frauenbund in falscher Rücksichtnahme und in konventionellem Schweigen die Liebe der Wahrheit unterordnen? Wäre es so gemeint, als ob man nun zu aller Not und ihrer inneren Verursachung schweigen sollte und um nicht anzustoßen, alles gut heißen dürfte? Das sei ferne! Das werbende und wärmende Feuer ist zugleich ein verzehrendes.

 Der Herr, der seinem Volk Frieden gegeben hat, hat das Schwert gezogen und der in seinem Herzen den Mühseligen helfen wollte, hat aus dem Heiligtum die Krämer und Wechsler mit der Geißel vertrieben. Es ist eine Pflicht, die nicht ernst genug genommen werden kann, daß evangelische Frauen ein flammendes, ernstes Zeugnis wider alles Unrechte und Unreine ablegen. Lassen Sie mich mit kurzem Wort noch auf die Nachtseiten unserer Zeit zu reden kommen!

 Wenn das Weib seine heilige und heiligende Eigenart schnöde vergißt und willig verliert, wenn es zu den höchsten Gaben der Heiligung, Verschönerung, Bereicherung des Mannesleben berufen sich| in falscher Verkehrung all seiner Gaben ungescheut und zuchtferne begibt, so tritt furchtbare Verkehrung ein und was höchstes Glück war, wird tiefste Schmach. Ich gedenke nicht groß von der furchtbaren sozialen Gefahr zu reden, die durch unser armes geliebtes Volk geht, das, wie ein neuerer Soziologe sagt, mit einer Pestleiche an Bord durch das Meer der Zeiten steuert, sie heißt Unkeuschheit in Wort und Werk. Ich kann und will Ihnen, verehrte Damen, nicht zumuten, daß Sie in einer nie ganz schadlos haltenden und nie ohne innere Gefährdung sich vollziehenden Suche auf all die Furchtbarkeit der Seuche eingehen. Es ist mir ein Grauen, wenn ich über den schwersten Fragen, bei denen sich Richter, Arzt und Seelsorger begegnen, Frauen mit kaltem Antlitz sprechen höre. Es ist hier auch nicht zu untersuchen, wie man den furchtbaren Gefahren äußerlich, rechtlich, polizeilich begegnen kann. Wir haben nicht all die Fragen aufzurühren, ob das oder jenes geändert, eingeschränkt, ob die Straße freigegeben werden soll oder die Unkeuschheit sich in Spelunken und Winkel flüchten darf. Aber das ist die Aufgabe der deutschen Frau, der evangelischen Christin, die unter der Gnade Jesu stehen: selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen, daß sie ein flammendes Zeugnis gegen alle Unreinheit ablegen. Gedenken Sie in Ihrem letzten Seufzer abends Ihrer armen Geschlechtsverwandten, die nun in doppelte Nacht versinken; denken Sie an die vielen, die einst noch an Menschenwürde und Menschenweihe glaubten und nun ist ihnen alles durch fremde und eigene Verschuldung geraubt. Aber denken Sie auch des größten Hirten und Seelsorgers: Tröstet, tröstet mein Volk, redet mit Jerusalem freundlich! und glauben Sie, die hart Gebundenen macht Er frei, seine Gnade ist mancherlei. So ernst Ihre Gegnerschaft gegen alles Gemeine sein soll bei hoch und niedrig und je mehr Sie abwehren und zugreifen sollen, so sehr bitte ich um ein barmherziges Herz für die Erschlagenen Ihres Geschlechtes. Nein, wir wollen nicht pharisäisch richten, als ob die Damen, die im Boudoir einen schlüpfrigen Roman schlürfen, höher stünden als die armen Mädchen auf der Straße in ihrer schnöden Sünde und Lust, wir wollen nicht, daß gewisse Etablissements und Theaterstücke höher gewertet werden als wenn ein armes Geschöpf in der schlimmsten Varietévorstellung nach seiner Art sich armselig belustigt, wir wollen die großen Reformationsrufe ans eigene Herz ergehen und das verzehrende Feuer bei uns selbst wirken und verbrennen lassen. Es ist in der ganzen Sittlichkeitsbewegung wohl das Beste, wenn sich Frauen zusammentun in Reinheit des Wollens, sich das Versprechen geben nichts zu lesen, nichts zu sehen, dessen sie sich vor ihren Kindern, ihren Dienstboten, vor uns Männern schämen müßten. Es ist das die| größte Heiligung, wenn ich im eigenen Herzen streng und treu werde. Weil ich meine eigene Versuchung kenne und die schweren Anfechtungen im eigenen Sinn, will ich umso barmherziger und freundlicher mit den anderen reden. Ueber 100000 im deutschen Reich, über hunderttausend weibliche Wesen leben – polizeilich bekannt – vom Dienst des Lasters, ihre Gebeine bleichen in der Wüste und über dem Leben der von Christo Getauften und Erkauften steht: Ihr habt nicht gewollt. Ach, wenn ich aus der allzu reichen Erfahrung meines amtlichen Lebens erzählen möchte und dürfte! Nur eins lassen Sie mich nennen: Der Inhaber eines furchtbaren Hauses in einer großen Stadt hat an manchen Tagen von seinem schauerlichen Tun und Dulden einen Reingewinn von 900 Mark! Und mit diesem Judasgeld und Schandlohn geht der Christ aus unserem Volk von dannen und weist dann mit pharisäischem Hochmut auf die Gefallenen, Verkauften und Lustdirnen! Ihre Opferer gehen frei einher, die sie überantwortet haben, werden nicht verworfen, die Männer, die schnöde genug waren sich so schmählich zu vergessen, stehen oft in Würden, Ehren und Ansehen. Manche Jungfrau aber hat nicht den Mut, ihr Leben eher in Einsamkeit verbringen zu wollen, ehe sie sich einem erschließt, der nicht vorher reines Lebens war. Ja, die ernsten Eltern unserer Töchter sind unsinnig genug, ihre armen Kinder an solche mit Frauenehre spielende Missetäter zu geben, als ob das eine glückliche Ehe werden könnte, wenn der eine Teil unrein und gebrochen zu ihr schreitet. Hier ist eine Aufgabe: flammendes Zeugnis heiligen Ernstes, ernster Tadel dieser doppelten Moral, aufrichtige Verweisung all dieser Unwahrheiten! Aber noch einmal: dem verkauften Volk ein herzliches Erbarmen! Es ist ja doch Ihr Geschlecht, auch im Staube, es trägt auch diese Münze des himmlischen Königs heiliges Gepräge, suchen Sie im Staub und erbarmen Sie sich! Das verzehrende Feuer gelte der Sünde und das wärmende dem Sünder!

 Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden auf Erden. – Nun wendet sich der Herr, nachdem er seine hausväterliche Pflicht erfüllt und auf schlichtem Herde seines Lebens und Wandels die heilige Flamme entzündet hat, zu uns und sagt betend, hoffend, in heiliger Ungeduld sich zu verzehren bereit: Was wollte ich lieber, denn es brennte schon!

 In dieser Abendstunde, da Sie, verehrte Anwesende, sich zu ernster treuer Mildigkeit in Arbeit und Mahnung zusammengeschlossen haben, in diesen Tagen, da Sie bedeutsamen Aufgaben nachsinnen, tritt der größte aller Missionare, der Seelsorger ohnegleichen und ohne Ende, in Ihre Mitte und spricht: Was wollte ich lieber, denn es brennte schon! Sein Apostel schreibt einmal: Erwecke die Gabe, die in dir| ist. Im griechischen Testament heißt es: Blaset die Kohlen an, reihet sie aneinander, daß ihre Glut feurig werde und ein Brand vor dem Herrn.

 Sie sind aus verschiedenen Gauen unseres geliebten Bayernlandes zusammengetreten, Sie wollen Erfahrungen austauschen, Rat und Wink sich geben, der Herr segne Sie aus der Fülle des Reichtums seiner Weisheit und Erbarmung, er lasse die einsam klimmenden und treu meinenden Gedanken recht aneinander kommen und sein heiliger Geist gehe wie Sturmesbrausen durch Ihre Reihen, auf daß Sie in wahrer Liebe brennend werden und in feuriger Begeisterung erglühen. Es mag dann manches geirrt, gefehlt werden; Jesus sieht die Absicht an. Es mag mancher Fehlschlag gemacht werden; Jesus achtet das treue Herz. Es werden manche Pläne gefaßt, die der Ausführung nimmer teilhaftig werden; aber was Sie in treuer Liebe tun, ist nicht umsonst, andere werden später an Ihrer Statt ausführen, was Sie hier ersannen und begannen.

 Sein Volk brennt auch vor Verlangen. Es ist nicht Verlangen nach Unbekanntem, es ist nicht flüchtiges Interesse, um etwas zu tun, es ist der heilige, treue Gemeindeeifer: ich möchte gerne Jesu in meiner Zeit dienen. Daß die Flamme, die Er anfachte, weithin leuchte und der evangelische Frauenbund in der Schlichtheit des Glaubens, in der Erfindsamkeit der Liebe Großes vor Gott leiste, ist unser aufrichtiger und herzlicher Wunsch. Die Kirche Jesu, ihre Diener, Wächter und Hirten freuen sich aufs ernstlichste über jeden Versuch, einer todkranken Zeit Heilung zu bringen; und als ein Diener dieser Kirche rufe ich am Ende: Gott segne Ihren Eingang und Ausgang!

O, daß doch bald Dein Feuer brännte,
O möcht es doch in alle Lande geh’n!
Gib zu der Ernte doch die Hände,
Gib Leute, die in treuer Arbeit steh’n!
O Herr der Ernte, siehe doch darein,
Die Ernt’ ist groß, die Zahl der Deinen klein.

 AMEN.



  1. Die Bewegung der Suffragettes, ins Deutsche übersetzt „für das Frauenstimmrecht“