Etwas aus der Werkstätte der amerikanischen Presse

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Titel: Etwas aus der Werkstätte der amerikanischen Presse
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 567–568
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[567] Etwas aus der Werkstätte der amerikanischen Presse. J. H. Wehle weist in dem, kürzlich von der „Gartenlaube“ Jahrgang 1878, Nr. 8, aus seinem bald daraus erschienenen Buche „Die Zeitung“ mitgetheilten Abschnitt „Aus den Werkstätten der Presse“ mit Recht darauf hin, daß das Zeitungswesen in den Vereinigten Staaten von Amerika, so weit wenigstens die industrielle Seite in Betracht kommt, am höchsten entwickelt ist. Das zeigt sich nicht nur in so außerordentlichen Unternehmungen, wie es die durch den „New-York Herald“ ins Werk gesetzte Aufsuchung Livingstone’s war, sondern der viel bewunderte praktische Sinn des Amerikaners bekundet ich auch in dem Herstellungsproceß der Tagesblätter, selbst in den scheinbar geringfügigsten Dingen. Vieles hat die europäische, besonders die englische Presse, seither von „drüben“ gelernt und mit Vortheil verwerthet; aber es bleiben der amerikanischen Presse noch manche Vorzüge, welche zum Theil in den eigenthümlichen Verhältnissen des Landes gegründet sind.

Was den Fremden, der zum ersten Male den amerikanischen Boden in New-York betritt, am meisten überraschen wird, das ist das Geschrei der aller Orten die neu erschienenen Blätter ausrufenden Zeitungsjungen. Und die Presse hat dort nur wenige Stunden des Tages, in denen sie, wenigstens scheinbar, ruht. Die Redactionen der Morgenblätter setzen bei wichtigen Vorkommnissen ihre Thätigkeit häufig bis zur fünften Morgenstunde fort, um dann, mitunter ohne jede Pause, von den sogenannten Abendblättern abgelöst zu werden. Beides sind nämlich in Amerika gesonderte Kategorien: es giebt dort – und das wird Vielen [568] neu sein – keine Zeitung, welche regelmäßig Morgens und Abends erscheint. Dafür erscheinen aber die Abendblätter regelmäßig viermal täglich, nämlich die erste Ausgabe um zwölf Uhr, die zweite gegen zwei, die dritte um drei und die vierte um fünf Uhr Nachmittags; außerdem bleibt es ihnen fast ausschließlich überlassen, wichtige Nachrichten dem Publicum in Extra-Ausgaben mitzutheilen. Zur Veranstaltung solcher „Extras“ ist jeder Anlaß recht. Die Uebergabe von Sedan, der Brand von Chicago hatten keinen größeren Anspruch, die Zeitungsjungen schon um acht Uhr Morgens in Bewegung zu setzen, als ein „prize fight“, eine nach den Regeln der Kunst ausgeführte Prügelei zwischen zwei „Rowdies“. Es ist dies einer der Auswüchse des amerikanischen Zeitungswesens. Specialberichterstatter werden von den Zeitungen oft Hunderte von Meilen weggeschickt, um für das sensationshungrige Publicum Futter zu schaffen, und sie entledigen sich ihrer Aufgabe meist mit aller erdenklichen Umständlichkeit in spaltenlangen telegraphischen Berichten. Daß unter diesen Umständen die Localberichterstattung eine ganz außerordentliche Bedeutung in der amerikanischen Tagespresse hat, ist selbstverständlich. Ueber den Ausfall eines Concerts, über ein neues Theaterstück, über ein Meeting – Versammlungen und Vergnügungen fangen in Amerika erst um acht Uhr an – müssen die Zeitungen am nächsten Morgen bereits ausführlich berichten, und sie besorgen dies so gewissenhaft, daß Berichte über politische Meetings gewöhnlich – nicht Spalten, sondern ganze Seiten füllen. Im Polizeihauptquartier aber halten die Polizeiberichterstatter bis gegen drei Uhr Morgens Wacht, um die aus den verschiedenen Revieren einlaufenden Rapporte, die ihnen sofort zur Einsicht gegeben werden, zu prüfen und entweder selbst daraus Auszüge zu machen oder die Redactionen zu verständigen, damit sie einen Specialreporter an den Schauplatz eines größeren Unfalls oder Verbrechens entsenden. Auf diese Weise kann den Zeitungen nichts entgehen, was unter die genannte Rubrik gehört, und Alles, was sich bis um zwei Uhr in der Stadt ereignet hat, erfährt der Bürger beim Kaffeetisch aus der Zeitung. Es gehört auch keineswegs zu den Seltenheiten, daß noch nach zwei Uhr in der Nacht ein Reporter aus einer der vielen Städte und Ortschaften, welche New-York in fast ununterbrochenem Kranze umgeben, freudestrahlend in das Redactionsbureau gestürzt kommt, um noch einen „schönen Mord“ zu melden. Freilich ist dieser Liebe Müh’ nicht umsonst. Solche Berichte werden ohne Rücksicht auf ihren Umfang gut bezahlt, und alle Redactionen, denen sie angeboten werden, sehen sich veranlaßt, sie zu acceptiren, um hinter anderen nicht zurückzubleiben. Auch kann ein Reporter seine Tour durch die verschiedenen Zeitungs-„Offices“ sehr bald zurücklegen, weil sie sämmtlich in einem engen Bezirk, in der Nähe der City-Hall liegen. Am besten freilich fährt er, wenn ihm eine Zeitung seinen Bericht für ihren ausschließlich alleinigen Gebrauch abnimmt. Dafür werden oft Hunderte, für politisch wichtige Notizen auch Tausende von Dollars bezahlt.

Die in Europa den wichtigsten Theil der Zeitung bildenden Postsachen – Correspondenzen und Zeitungen – haben in der amerikanischen Presse nur eine untergeordnete Bedeutung, weil der Telegraph alle Nachrichten von Belang überholt. Die „New-York Associated Preß“ hat die Depeschenübermittelung an Zeitungen zu einer so ausgedehnten gemacht, daß selbst relativ interesselose Localnachrichten durch die ganze Union verbreitet werden. Wenn heute in Kentucky bei einer Rauferei zwei oder drei Halunken niedergestochen werden, weiß es morgen, vielleicht auch heute schon, sowohl New-York wie San Francisco. Die Jahresbotschaft des Präsidenten, welche in der Regel acht bis neun Zeitungsspalten füllt, kann man in New-York eine Stunde, nachdem sie in Washington verlesen worden, in den Zeitungen studiren. Früher wurde die gedruckte Botschaft von Washington aus schon vorher durch die ganze Union an die Regierungsbehörden versandt, welche sie dann auf telegraphische Anweisung den Blättern zustellten. Seitdem es aber einmal einem pfiffigen Reporter gelungen ist, sich vor der Zeit ein Exemplar zu verschaffen und in einer Zeitung zu veröffentlichen, ehe sie überhaupt dem Congreß zugegangen war – seitdem ist man vorsichtiger. Die „Message“ wie die anderen wichtigen Actenstücke werden jetzt von Washington nach New-York telegraphirt und zwar gleichzeitig auf zehn Drähten. Das geschieht so, daß das betreffende Document in zehn gleiche Theile getheilt wird, deren Uebermittelung je einem Draht überwiesen wird; die Zusammenstellung der numerirten Bruchstücke muß dann von den Redactionen besorgt werden. Hiernach wird es nicht weiter auffallen, daß die Zeitungen nicht selten an einem Tage drei bis vier Seiten Depeschen aus dem Inlande, das heißt aus Amerika, enthalten.

Der Kabeldepeschenverkehr hält mit dieser außerordentlichen Leistung gleichen Schritt. Durchschnittlich füllt der Raum der Kabeltelegramme in den Zeitungen nicht weniger als eine Spalte aus, häufig aber erstrecken sie sich auf drei bis vier Spalten, und zur Zeit des deutsch-französischen Krieges waren seitenlange Kabeldepeschen keine Seltenheit. Die in Wehle’s Buch citirte Bemerkung Grant’s, daß die Thronrede der Königin von England in New-York früher gedruckt erscheint, als sie im Parlamente verlesen worden, mag auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, erfährt aber täglich Bestätigung. Die Erklärung ist sehr einfach. Die Zeitdifferenz zwischen London und New-York beträgt nämlich ziemlich genau fünf Stunden. Eine Depesche, welche um zwei Uhr von London abgeschickt wird, kann also, wenn man zwei Stunden Zeitverlust bei der Uebermittelung in Anschlag bringt, in New-York bereits um elf Uhr Vormittags nach dortiger Zeit eintreffen. So ist es nichts Seltenes, daß Privatdepeschen aus Londoner Blättern, welche der dortige Correspondent der „Associated Preß“ um fünf Uhr Morgens aufgiebt, in New-York noch rechtzeitig ankommen, um in der ersten Ausgabe der Morgenzeitungen, welche ungefähr um drei Uhr zur Presse geht, Aufnahme finden.

Vollständig können allerdings die Kabeldepeschen die „Post“ nicht ersetzen – das wäre doch selbst für Amerika zu theuer. Aber auch hier hat die „Associated Preß“ Mittel erdacht, um die denkbar schnellste Zustellung der Postsachen an die Zeitungen zu ermöglichen, freilich nur die Postsachen, welche durch das Londoner Bureau des Instituts bezogen werden. Diese werden bereits in London den einzelnen New-Yorker Blättern zugetheilt und in Pakete gesondert, die mit den Namen der Zeitungen versehen werden. Bei der Ablieferung der Pakete kommt nun der Specialdampferdienst, welchen Herr Wehle ebenfalls erwähnt, in Anwendung. Sobald von Sandy-Hook aus die Ankunft eines Postdampfschiffes nach New-York signalisirt wird, fährt eine der stets bereit liegenden Dampfyachten zum Hafen hinaus dem Schiffe entgegen, nimmt die Postsachen in Empfang und stellt dieselben den Zeitungen sofort durch ihre Boten zu. Auf diese Weise geht den Redactionen die neueste europäische Post noch um zwei Uhr Nachts zu und wird dann noch für die kaum eine Stunde später erscheinende Zeitung ausgebeutet. Nachrichten aus Ländern, mit denen New-York nicht in directem telegraphischem oder Postverkehr steht, werden von dem entsprechenden Hafen aus telegraphirt; so werden die Neuigkeiten aus China und Japan z. B. von San Francisco aus nach New-York depeschirt. In ähnlicher Weise lassen sich die Londoner Zeitungen wichtige Correspondenzen und Actenstücke aus Amerika, welche für die Kabelbeförderung zu umfangreich waren, beim Eintreffen des Postdampfers von Queenstown aus telegraphiren und können dieselben so vierundzwanzig Stunden früher mittheilen, als wenn sie den gewöhnlichen Postweg abgewartet hätten.

Diese Mittheilungen werden einen kleinen Einblick in die Werkstätte speciell der amerikanischen Presse gewähren und im Anschlusse an den Eingangs citirten Artikel vielleicht nicht ohne Interesse gelesen werden.

– s.