Eva (Die Gartenlaube 1871/10)

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Textdaten
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Autor: Albert Fränkel
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Titel: Eva
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, 11, S. 160–163, 178–180
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eva.
Ein Frauenbild aus dem vorigen Jahrhundert von Albert Fränkel.

Wenn das jetzt so vielbesuchte Wald- und Bergstädtchen Ilmenau zu jenen „classischen Stätten“ des Thüringerlandes gehört, auf welche einst die goldenen und lustigen Tage von Weimar einen Strahl ihres unvergänglichen Glanzes warfen, so war es doch sicher noch ein recht öde und abgeschieden jenseits der Welt liegender Ort, als dort am Abend des 17. August 1770 eine fremde Dame verweilen und Stunden hindurch auf die Postpferde warten mußte, die sie mit ihrem Wagen und ihrer Dienerin weiter über das Gebirg führen sollten. Von dem aufblitzenden Stern des jungen Goethe wußten im Jahre 1770 nur seine nächsten Bekanntenkreise; er lebte damals als Student in Straßburg, und sein zukünftiger Freund und Lebensgenosse Karl August seufzte noch als ein elfjähriger Knabe unter der pedantischen Zucht eines strengen und steifen Erziehers. Niemand in Deutschland ahnte die Macht der hohen Culturblüthe, die bald in diesem stillen Winkel, auf dem Boden dieses unbedeutenden thüringischen Ländchens und seiner armen Hauptstadt sich entfalten sollte. Der Aufschwung war aber vorbereitet, es waren ihm schon die Wege geebnet und die Ziele gewiesen durch jenen gewaltigen Kämpfer, jenen großen Denker und Dichter, der jetzt vereinsamt durch die öden Räume der Wolfenbütteler Bibliothek wandelte und auf das arbeitsvolle Ringen zurückschaute, mit dem er nun beinahe zwanzig Jahre hindurch unermüdlich und unter unausgesetzten Bedrängnissen jene Keime ausgestreut hatte, denen Weimar seinen Ruhm, Deutschland bis zum heutigen

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Die Gartenlaube (1871) b 161.jpg

Eva Lessing.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Tage das Gefühl seiner Selbstständigkeit verdankt. Bei diesem einsamen Manne weilten die Gedanken der harrenden Fremden im Posthause zu Ilmenau, als an ihrem Geiste die theueren Personen vorüberzogen, welche sie in der Heimath zurückgelassen hatte. Sie setzte sich nieder und schrieb:

„Ilmenau, den 17. August 1770.     

Mein lieber Herr Lessing! Ich bin unschlüssig, ob ich an Sie schreiben, oder mich mit dem Postmeister zanken soll. Das Eine geschieht auf Ihre Unkosten, das Andere auf meine. Ich will dieses Mal eigennützig sein und Ihnen lieber einige Minuten verderben, als meiner Gesundheit schaden; zudem ist der Postmeister so freundlich, daß man ihm nicht ankommen kann. Es ist aber doch verzweifelt arg, daß er mich schon sieben Stunden hier sitzen läßt, und ich jetzo noch nicht sehe, wie ich fortkommen werde. Man erwartet die Pferde erst von einer Station zurück … Die Wege habe ich ganz abscheulich gefunden! so grundlos, daß es ein wahres Wunder ist, daß meine Chaise ganz geblieben ist. Das Heimweh stellt sich nun schon ein; es muß sich aber wieder verlieren, sonst geht es nimmer gut. Hier will ich abbrechen, ich möchte sonst wunderliches Zeug sagen. – Ich denke, ich lege mich [162] in’s Bett, denn noch ist kein Pferd zu sehen und am Ende möchte ich mich doch noch mit dem Postmeister zanken. – Schlafen Sie wohl und bitten Sie den Himmel, daß ich in’s Künftige geschwinder befördert werde, so bleiben Sie von meinen Briefen verschont.

Dero ergebene Dienerin E. C. König.“

Das muntere und flüchtige Briefchen ist an sich nicht von Bedeutung, erhält aber doch ein pikantes Interesse durch den Umstand, daß es an diesem Orte, zu dieser Zeit und von dieser Frau an den damaligen Einsiedler zu Wolfenbüttel geschrieben wurde. War etwas im Stande, den bittern und grollenden Unmuth zu verscheuchen, welcher den geselligen und lebensfrohen, an beweglichen Verkehr mit der großen Welt gewöhnten Schriftsteller schon hie und da in der unheimlichen Reiz und Regungslosigkeit seines gegenwärtigen Aufenthalts zu ergreifen begann, so waren es die Erinnerungen an seine zahlreichen Freunde in dem schönen und geistig angeregten Hamburg, wo er bekanntlich die vorangegangenen Jahre (vom April 1767 bis April 1770) gelebt hatte. Zu diesen Freunden gehörte auch die Familie des Fabrikanten und Seidenhändlers König, eines wohlhabenden und angesehenen Mannes, der mit anerkannter Rechtschaffenheit und Herzenswärme auch eine feinere Geistesbildung und ein Interesse für Literatur verbunden haben muß, da ihm Lessing sehr nahe stand, Taufpathe seines jüngsten Söhnchens war und ihn in einem Empfehlungsbriefe an Gleim seinen „speciellen Freund“ nannte. König, der zwar in Hamburg wohnte, aber Fabriken in Wien besaß, war durch seine weitverzweigten Geschäfte oft zum Reisen genöthigt. Als er im Jahre 1769 nach Venedig reiste, sagte er zu Lessing, der ihn eine Strecke begleitete: „Wenn mir etwas Menschliches begegnen sollte, so nehmen Sie sich meiner Frau und Kinder an.“ Es mochte wohl ein Vorgefühl sein, das sich plötzlich beim Abschiede des achtunddreißigjährigen Mannes bemächtigte. Denn er sollte in der That nicht zurückkehren. Kaum in Venedig angekommen, wurde er durch Erkältung von einer Krankheit ergriffen und schnell hinweggerafft, fern von der Gattin, mit der er elf Jahre in glücklichster Ehe gelebt, und die nun nickt blos die Sorge um die Erziehung ihrer vier unmündigen Kinder zu tragen, sondern auch durch unerwartete geschäftliche Bedrängnisse schwerster Art sich hindurchzukämpfen hatte. Denn die Vermögensverhältnisse König’s, der neben seiner Familie noch für elf Geschwister gesorgt, und sein und seiner Frau nicht unbedeutendes Vermögen in seinen umfangreichen Unternehmungen angelegt hatte, erwiesen sich bei der Regulirung des Nachlasses keineswegs als günstig, ja es stellten sich Verwicklungen heraus, die zu ihrer Ordnung einer starken Hand und eines klugen und redlichen Willens bedurften.

Für einen Charakter wie Lessing hätte es nicht erst der Mahnung des Freundes bedurft, um seine Anhänglichkeit einem so gebildeten Hause zu bewahren, in dem er sich wohl gefühlt, das ihn fast zu seinen Angehörigen zählte, dessen Kinder er liebte, als wären es seine eigenen. War er doch selber ein alleinstehender Mann, mit allem Drange seines Gemüths, mit all seinem Bedürfniß nach Mittheilung und herzlichem Anschluß an Diejenigen gewesen, die es mit Stolz erfüllte, ihm in ihren Häusern die gastliche Erholungsstunde bereiten zu dürfen. Er blieb also in dauernder Verbindung mit der verwittweten Frau Eva König, die ihm im hellen Glanze des bisherigen Glücks wohl immer schon eine anmuths- und eindrucksvolle Erscheinung gewesen, an der er aber jetzt auch die Kraft des Charakters, die praktische Tüchtigkeit, den klaren, tapfern und heitern Sinn, kurz alle jene Eigenschaften des Geistes und Herzens bewundern lernte, mit denen sie, kaum einige dreißig Jahre alt und bei zarter und schwächlicher Gesundheit, allen ungewohnten Pflichten und Widerwärtigkeiten einer ernsten Lebenslage zu begegnen wußte. Und sicherlich gereicht es dieser Frau zum besondern Ruhme, daß Lessing ihr nicht blos der gefeierte und verehrte Schriftsteller war, sondern daß sie mit feinem und sicherem Blicke in ihm auch das edle, reine und treue Herz, die selbstlose Lauterkeit des Gemüths, den großen und hochsinnigen Menschen erkannte, als den ihn erst die hervorragenden Geister der Nachwelt zu würdigen verstanden.

Leider aber war dieser große Mensch damals selber der Teilnahme in einem höheren Grade bedürftig, als seine Hamburger Freunde ahnen mochten. Seine persönliche Lage war eine gedrückte und sorgenvolle. Seitdem er seine schriftstellerische Thätigkeit eröffnet, hatte er abwechselnd in Leipzig, Berlin, Breslau und Hamburg gewirkt und seiner Nation an diesen verschiedenen Orten unter anderen Kleinigkeiten die „Literaturbriefe, den „Laokoon“, die „Dramaturgie“, ferner die „Fabeln“, „Philotas“, „Miß Sara Sampfon“ und „Minna von Barnhelm“ gegeben. Eine lange Zeit hindurch gefiel er sich in dieser wandernden Heimathlosigkeit, in diesem Leben des „Sperlings auf dem Dache“, wie er es nannte, weil es seinem Bedürfniß nach Bewegung und erregendem Wechsel, nach Bereicherung seiner Welt- und Menschenkenntnis entsprach; aber seit einer Reihe von Jahren schon war in ihm das Streben aller soliden Naturen, die Sehnsucht nach einem bleibenden Aufenthalt, einem gesicherten und umfriedeten Wirkungskreise, erwacht. Aber alle Bemühungen seiner Freunde, dem stolzen Manne die gewünschte feste Stellung zu schaffen, waren ohne Erfolg geblieben, und auch in Hamburg, wo er eine solche sich gründen wollte, waren die theatralischen und buchhändlerischen Unternehmungen gescheitert, auf die er schöne Hoffnungen für die Zukunft gebaut. So stand er in seinem vierzigsten Jahre wieder da ohne jeden bestimmten Anhalt, dabei arm und mannigfach verschuldet, denn seine Leistungen während der letzten Jahre hatten ihm wenig oder nichts eingebracht. Seine „Minna“ ward zwar auf allen Theatern gespielt und riß überall das Publicum zum Entzücken hin; es wurden Scenen daraus „in Kupfer gestochen und auf Punschnäpfe gemalt“. Während aber die Pariser Poeten – so schrieb damals Ramler an Knebel – „von Einen, solchen Stücke gespeist, getränkt, gekleidet und beherbergt wurden“, sann Lessing in gerechtem Mißmuthe nur über die Mittel und Wege nach, wie er am schnellsten seinem Vaterlande den Rücken kehren und auf italienischem Boden sein Wissen erweitern und verwerthen konnte.

Aber auch dieser Plan war leichter entworfen als ausgeführt; es fehlten zunächst die dreihundert Thaler, welche zur Bestreitung der Reise erforderlich waren, und im Uebrigen mag dann wohl auch der plötzliche Tod König’s und das Geschick seiner Angehörigen als ein Hinderniß dazwischen getreten sein. Genug, Lessing war in Hamburg geblieben und hatte in den Verlegenheiten, die ihn umdrängten, keinen anderen Ausweg, als sich selber die Schlinge um den Hals zu legen, mit der ihn bald der braunschweigische Hof in das elendeste aller Kummernetze zog. Die kleinen deutschen Höfe fingen damals an, sich gern mit glänzenden literarischen Persönlichkeiten herauszuputzen, wenn diese nämlich wohlfeil für den Fürstendienst sich anwerben und fangen ließen. Unter huldreichen Versprechungen für die Zukunft, die niemals erfüllt werden sollten, nahm ein Lessing auf der Höhe seines Wirkens die armselige Bibliothekarstelle in Wolfenbüttel mit einem Gehalte von sechshundert Thalern an!

Seine gelehrten Freunde, die ihn gern an Deutschland gefesselt sahen, jubelten über dieses Ereigniß, ihn selbst aber schienen bange Vorgefühle beschlichen zu haben. Denn trotz wiederholter Mahnungen aus Braunschweig, daß dort „alle fürstlichen Herrschaften, Prinzen und Prinzessinnen sehnlich auf sein Erscheinen warten“, dauerte es doch noch vier Monate, ehe er seiner bisherigen Unabhängigkeit entsagen und von seinen herzlichen bürgerlichen Kreisen in Hamburg sich losreißen konnte. Schon kurze Zeit nach seiner Ankunft in Wolfenbüttel klingt denn auch aus den Briefen des festen und entschlossenen Mannes ein weicher Ton von Sehnsucht heraus. Frau König hatte ihm Proviant geschickt und er entschuldigt sich wegen seines bisherigen Stillschweigens mit dem Geständniß, er sei eben den ganzen Tag unruhig, wenn er nach Hamburg schreibe, und es vergingen sodann drei Tage, ehe ihm Alles um ihn her wieder so recht gefiele, wie es ihm doch gefallen solle. Besonders nach den Kindern erkundigt er sich lebhaft und schreibt: „Es ist jetzt Alles so weitläufig und öde um mich, daß ich zu mancher Stunde gern wie viel darum geben wollte, wenigstens von meinen kleinen Gesellschaftern in Hamburg etwas um mich zu haben. Leben Sie wohl, meine liebe Freundin, und bedenken Sie fein, daß der Mensch nicht blos von geräuchertem Fleisch und Spargel, sondern, was mehr ist, von einem freundlichen Gespräche, mündlich oder schriftlich, lebet.“

Lessing hat um dieselbe Zeit manchen bedeutsamen oder interessanten Brief an Nicolai und Mendelssohn, an Ramler und Elise Reimarus geschrieben, aber in keinem dieser Briefe das drückende Gefühl der Vereinsamung, die innerste Stimmung seines Herzens so vertraulich und doch in so anmuthig scherzender Weise angedeutet, wie in den obigen Zeilen an die befreundete Kaufmannswittwe. Man sieht, er sehnt sich nach dem Hause, das doch in der letzten Zeit seines Hamburger Aufenthaltes keineswegs eine Stätte der Freude und der Zerstreuung war. Die Freundin [163] antwortet ihm mit gleicher Schalkhaftigkeit und sie stellt ihn zur Rede, daß er sie eine „so fertige Briefschreiberin“ genannt, und meint: „Ohnmöglich wollen Sie mich zum Besten haben. Viel lieber will ich glauben, daß Sie diesesmal in den Ihnen ganz ungewöhnlichen Complimententon gefallen sind. Er kleidet Sie nicht; drum hüten Sie sich in’s Künftige davor.“ Von ihren geschäftlichen Mißhelligkeiten meldet sie nichts, gleichwohl wären dieselben noch immer so schwieriger und verwickelter Art, daß sie endlich den Entschluß fassen mußte, sich nach Beendigung einer Badereise wiederum von ihren Kindern zu trennen und in eigener Person nach Wien zu reisen. Auf dieser Reise, die ihr auch Gelegenheit zu einem Besuche Lessing’s gab, haben wir sie am Eingange unserer Schilderung im Posthause zu Ilmenau gefunden.

Das Reisen war in jener Zeit des vorigen Jahrhunderts noch eine ebenso beschwerliche, als gefahrvolle Sache und wurde im Allgemeinen nicht ohne dringende Veranlassung und nur äußerst selten zum bloßen Vergnügen unternommen. Schon in Ilmenau hatte Frau König über die bisherige Grundlosigkeit der Wege zu klagen. Um zwölf Uhr in der Nacht war sie endlich von dort weggekommen mit einem trunkenen Postillon und einem Halbblinden, der ihr leuchtete, aber schon nach einer Viertelstunde kein Licht mehr hatte. „Und just,“ so erzählt sie, „just im Thüringer Walde, wo man auf zwei Meilen keine Hütte antrifft und wo solche Wege sind, die man am Tage mit Lebensgefahr passirt. Nun glauben Sie, daß mir der Muth gefallen sei? Wahrhaftig nicht! ich stieg aus und suchte Tannenzapfen, die steckten wir an und so halfen wir uns fort! “

In allen ihren Reisebriefen finden sich lebhafte, culturgeschichtlich höchst interessante Schilderungen der ganz außerordentlichen Beschwerlichkeiten, Aergernisse, Gefahren und Gesundheitsschädigungen, die sie auf der langen Tour zu bestehen hatte. Ein erhebender Lichtpunkt dagegen war die überaus entgegenkommende und herzliche Aufnahme, welche ihr bei der Durchreise in angesehenen Häusern der süddeutschen Städte und endlich auch in Wien zu Theil wurde. „Ich stehe nicht dafür,“ schreibt sie aus Augsburg, „daß ich nicht sehr aufgeblasen und stolz zurückkomme, wenn ich überall so aufgenommen werde wie bisher.“ Dennoch wurde sie innerlich von der entgegengesetzten Stimmung, einer tiefen Schwermuth und Traurigkeit beherrscht und nur höchst ungern folgte sie den mannigfachen Zerstreuungen, die ihr die freundlichen und aufmerksamen Wiener bereiten wollten. Wiederholt klagt sie das schriftlich dem Freunde, geht aber dann bald scherzend über diese Empfindungsausdrücke hinweg, indem sie ihn durch Urtheile und Mittheilungen über Persönlichkeiten und über gesellschaftliche, literarische und künstlerische Verhältnisse Wiens zu unterhalten sucht.

Während Lessing vom Herbst 1776 bis zum Frühling 1771 – denn so lange währte die Abwesenheit der Frau König – diese Berichte empfing, hatten seine eigenen Verhältnisse sich gegen früher nicht verbessert, sondern verschlimmert und es war zu der peinigenden Geldnoth, von der ihn eine karge Besoldung nicht befreien konnte, noch die hemmende Gebundenheit in der Fessel des Herrendienstes und das einsiedlerische Leben einer menschenöden Winkelexistenz gekommen. Zum ersten Male mußte er, der stets so gern und so reichlich gegeben, der bisher namentlich seine unbemittelten Eltern und Geschwister, so aufopfernd unterstützt hatte, dem hochbetagten, dicht am Rande des Grabes stehenden Vater gestehen, daß er jetzt gänzlich außer Stande sei, ihm mit einer Geldsumme beizustehen. „Ich habe es,“ so schrieb er damals als nunmehriger herzoglich braunschweigischer Bibliothekar an seinen Bruder, „ich habe es, weiß Gott, noch niemals nöthiger gehabt, für Geld zu schreiben, als eben jetzt, und diese Nothwendigkeit hat natürlicher Weise sogar Einfluß auf die Materie, wovon ich schreibe. Was eine besondere Heiterkeit des Geistes, was eine besondere Anstrengung erfordert, was ich mehr aus mir selbst ziehen muß, als aus Büchern, damit kann ich mich jetzt nicht abgeben. Ich muß das Brett bohren, wo es am dünnsten ist; wenn ich mich von außen weniger geplagt fühle, will ich das dicke Ende wieder vornehmen.“ Dennoch schuf er seine „Emilia Galotti“ in dieser Zeit.

Daß Frau König in Wien die drangvolle Lage ihres großen Freundes in ihrem ganzen Umfange geahnt haben sollte, läßt sich nicht annehmen. In seinen Briefen findet sich keine Andeutung darüber, und hinter der Beharrlichkeit, mit der sie ihn auf einen Gewinn im Lotto hoffen sah, hat sie gewiß nicht die heimlichen Gründe vermuthet, welche ihn dazu veranlagten.

Es ist nicht mit Bestimmtheit anzugeben, wann in der Seele Lessing’s das herzliche Freundschaftsgefühl für Frau König zu einer klaren und bewußten Neigung sich entfaltet hat. Sollte er aber diese Liebe schon mit sich genommen haben, als er so ungern von Hamburg schied, so war sie doch sicher damals nur ein leise und heimlich glimmendes Fünkchen, das erst in jenem einsamen Wolfenbütteler Winter allmählich zu einem Feuer geworden und wie ein lichter Morgen- und Hoffnungsstrahl aus der Nacht der Sorge und des Mißmuths hervorgebrochen ist. Aus den Briefen des strengen, mit Gefühlsäußerungen so äußerst sparsamen Denkers klingen in dieser Zeit mit einem Male hie und da Gemüthstöne heraus, wie er sie in so besorgter und zärtlicher Weise niemals einem Menschen und besonders niemals einem Weibe geäußert hatte. Lessing war einer der schönsten und stattlichsten Männer seiner Zeit; es konnte nicht fehlen, daß die noble Eleganz seiner weltgewandten, durch körperliche Uebungen zu feinster Natürlichkeit entwickelten Haltung, sein regelmäßiges geistdurchleuchtetes Gesicht mit den offenen tiefdunkelblauen Augen, vor Allem aber der als hinreißend geschilderte Zauber seines entschiedenen und doch immer anspruchslosen und zuvorkommenden Wesens ihn frühe schon zu einem Liebling der Frauen machten. Um so auffallender ist es, daß die Geschichte seines langen Junggesellenlebens nichts von jenen stürmischen Herzensneigung und zärtlichen Beziehungen weiß, welche in der Jugend aller anderen Heroen unserer klassischen Literatur eine mehrfach so bedeutsame Rolle spielten. Die Annahme, daß es ihm an Seele, an Blutwärme und Leidenschaft gefehlt, ist durch viele Beweise des Gegentheils widerlegt, aber der große und platte Haufe der Toiletten- und Gesellschaftsweiber konnte ihm allerdings ein tieferes Interesse nicht abgewinnen.

Noch abstoßender und widerwärtiger aber mußte seinem immer geraden und wahrheitsliebenden Sinne alle gedunsene Schöngeisterei und Schönseligkeit, die geschraubte Unnatur jenes vordringlichen Blaustrumpfthums erscheinen, wie es schon damals bald als literarischer Dilettantismus, bald als erlogener, künstlich zusammengeflickter Bildungsaufputz in der deutschen Frauenwelt sich breit zu machen begann. Berührungen mit allen diesen Sphären, auch mit den Damen vom Theater, sind wohl mannigfach vorhanden gewesen; um sie jedoch ohne ernsteren Antrieb zu vorübergehenden Beschäftigungen seines Herzens und zu leidenschaftlichen Gefühlsspielereien zu benutzen, war der Sohn des sittenstrengen Pfarrhauses zu stolz gegen sich selber und zu gewissenhaft gegen Andere. Bei aller nachsichtsvollen Milde seines Urtheils und bei aller eleganten und weltmännisch freien Richtung seines Wesens war Lessing eine so durchweg keusche, aller Frivolität abgewendete Natur, daß wohl in dem damals sehr französirten Deutschland manches gelehrte Haupt mitleidig lächelnd die ehrwürdige Perrücke geschüttelt haben mag, als einst der fünfundzwanzigjährige Mann in seiner „Rettung des Horaz“ in Bezug auf manche diesem römischen Dichter vorgeworfene geschlechtliche Sünde das naive Geständniß ablegte: „Ich verstehe eigentlich hiervon nichts, ganz und gar nichts.“

Hatte also der Dichter der „Minna von Barnhelm“, der bereits in diesem Drama, sowie in seiner „Dramaturgie“ die echte Liebe mit so überaus warmen und lebhaften Farben zu schildern gewußt, hatte er, sagen wir, die Machte dieses Gefühls erst in seinem vierzigsten Jahre in sich selber erfahren, so ist damit nicht mehr und nicht weniger gesagt, als daß ihm bis dahin wohl kein Weib begegnet war, dem er eine so ganze und volle Hingebung hätte widmen mögen. Erst in Frau Eva König hatte sein reifes und waches Mannesauge dieses Weib erkannt, von ihr schrieb er später an seinen Bruder: „Es ist die einzige Frau in der Welt, mit der ich mich zu leben getraute.“ Und doch war sie keineswegs eine gelehrte Frau. Ihre Briefe aber zeichnen sich nicht blos in Bezug auf den klaren Fluß des Stils und die schöne Reinheit des oft naturwüchsig-derben Ausdrucks vor manchen zwanzig Jahre später geschriebenen Briefen hervorragender Männer aus, sie verrathen auch in der Selbständigkeit des Urtheils und in vielen treffenden meistens ganz beiläufig hingeworfenen Bemerkungen einen bei Frauen noch heute nicht alltäglichen Grad von inhaltsvoller Geschmacks- und Geistesbildung. Es ist Lessingischer Geist in diesen so schlichten und anspruchslosen Briefen, und Lessingisch ist auch der schelmische und schalkhafte Humor, hinter welchem die Schreiberin den Ernst ihrer tüchtigen Gesinnung zu bergen weiß.

[178] Frau König war eine geborene Heidelbergerin und hatte sich trotz einer Anlage von Schwermuth die heitere süddeutsche Beweglichkeit auch in den nordischen Umgebungen ihrer neuen Heimath bewahrt. Dem Freunde sind ihre eingestreuten, meistens epigrammatisch zugespitzten Aeußerungen über literarische und künstlerische Dinge stets willkommen. Als sie ihm z. B. einmal schreibt, daß die Frauen in Wien sehr gut sein müssen, weil dort ein Stück, dessen Hauptheldin eine böse Frau ist, so vielen Zulauf habe, erwidert er: „Ihre Anmerkung, daß die Weiber da sehr gut sein müssen, wo es sich der Mühe verlohnt, eine Böse auf das Theater zu bringen, finde ich sehr richtig: und wo nicht nur gar eine solche Vorstellung mehr Schaden als Gutes stiftet! Viele Weiber sind gut, weil sie nicht wissen, wie man es machen muß, um böse zu sein.“

Ein gegenseitiges Verständniß im Ton und in der Weise des Urtheilens und Auffassens war also vorhanden, aber auch die Charaktere zeigen in den großen und brillanten Zügen der Gesinnung und des Seelenadels eine so innige Verwandtschaft, daß man bei der Betrachtung dieses Verkehrs unwillkürlich an die beiden Gestalten des Tellheim und der Minna in dem berühmten Lessing’schen Stücke erinnert wird. Wir haben oben schon verschiedene auszeichnende Eigenschaften der Frau König, ihren klaren und scharfen Frauenverstand, ihre standhafte Sicherheit in unglücklichen und schwierigen Lagen kennen gelernt. Dazu kam ein gänzlicher Mangel jener beschränkten Vorurtheile, jener kleinlichen Eitelkeiten und eigensinnigen Leidenschaften, mit denen so oft Frauen sich und den Ihrigen das Leben verbittern. Sie trieb und drängte den Mann ihrer Wahl nicht zur Erreichung glänzender Aemter und Würden, die bescheidenste Unabhängigkeit war ihr in der That lieber als das übergoldete Brod der Knechtschaft, und sie mahnte ernstlich ab, wenn Lessing aus Rücksicht für sie etwas unternehmen und sich in etwas begeben wollte, was seinen Neigungen, seinem Charakter, seinem und auch ihrem Stolze zuwider war. Als man ihn gern nach Wien in eine Stellung ziehen wollte, die ihm keine Unabhängigkeit vom Hofe gewährte, schrieb sie ihm, er passe gewiß besser in die Wolfenbütteler Bibliothek als unter die Hofschranzen. Und wie groß mußte seine Hochachtung vor der künftigen Lebensgenossin sein, wenn er sich gleichsam bei ihr entschuldigen zu müssen glaubte, daß er nicht umhin gekonnt, den braunschweigischen Hofrathstitel anzunehmen, er habe es wahrlich nicht abwenden können, wenn er den Herzog nicht beleidigen wollte.

Im Uebrigen hatte er diese Frau als die zärtlichste, liebevollste Gattin und Mutter in ihrem Hause walten sehen, hatte auch vielfach Gelegenheit gehabt, sich an ihrer mildthätigen Herzensgüte gegen [179] Arme und Unglückliche, sowie an ihrer Rührigkeit als tüchtige Leiterin eines beträchtlichen Hauswesens zu erfreuen. In die mannigfachen Gegenstände, welche ihre Briefe berühren, spielen auch hie und da diese letzteren Interessen hinein, und recht anheimelnd und keineswegs trivial klingt es aus ihrem Munde, wenn sie den Freund um ein ihm bekanntes Recept gegen die erfrorenen Finger ihrer Tochter oder zum Kitten des Porcellans bittet, oder wenn es als Nachschrift eines Briefes heißt: „Haben Sie die Recension von Claudius über Klopstock’s Oden noch nicht gelesen, so schicke ich sie Ihnen. Schicken Sie mir davor bald die Erbsen und Linsen.“ Lessing sind diese Aufträge nicht befremdend, er entledigt sich ihrer mit ganz ernsthafter Gewissenhaftigkeit. Wußte er doch, daß alle die kleinen und großen Züge in dem anmuthigen Charakterbilde seiner Freundin auf einem einzigen, wahrhaft goldenen Grunde ruhten, auf dem Grunde einer unbegrenzten Rechtschaffenheit, vor deren fast schwärmerischer Uebertreibung er sie sogar einige Mal warnen mußte, sowie auf einem seltenen Abscheu vor allem Unwahren und Gemachten. „Sie glauben nicht,“ sagt er ihr bei einer wichtigen Gelegenheit, „wie viel ich auf ein einziges Wort von Ihnen baue und wie überzeugt ich bin, daß so ein einziges Wort von Ihnen auf immer gilt.“ Und in der That konnte sie ohne Verlegenheit nicht die unbedeutendste Nothlüge über die Lippe bringen, ja sie vertheidigt sich sogar deswegen einmal bei dem so peinlich wahrhaftigen Lessing, indem sie ausruft: „Ich kann nicht lügen, Sie wissen, ich bin ein altfränkisch Weib.“

Aber gerade das, was damals in den vornehmen Kreisen Deutschlands schon als „altfränkisch“ belächelt wurde, gerade dieser kernhafte, auf das Gediegene, das Reine und Echte gerichtete Biedersinn, diese von gezierter Empfindelei oder geleckter Frivolität noch nicht angekränkelte alte deutsche Ehrenfestigkeit, gerade das war es, was der kern- und grunddeutschen Natur Lessing’s so wohlthuend in die Seele leuchtete und ihn so unwiderstehlich anzog. Von einer sicheren Erkenntniß zum festen Entschlusse war bekanntlich bei ihm kein weiter Weg. Als die Freundin im Frühling von Wien zurückkehrte und ihn auf der Durchreise in Wolfenbüttel besuchte, da hatte wohl die warme Strömung der Herzen alle Zurückhaltung durchbrochen und es begann nun die Zeit eines heimlichen, selbst den nächsten Verwandten verborgen gehaltenen Brautstandes. Eine bestimmte Andeutung über diesen Wechsel findet sich freilich in den folgenden Briefen nicht, der Punkt wird nur in fast jungfräulich schüchterner, allerzartester Weise berührt, aber unverkennbar ist eine vertraulichere Beziehung, und statt der bisherigen steifen Anrede („meine liebe Madame“ und „lieber Herr Lessing“) heißt es jetzt: „meine liebste Freundin“ und „mein lieber Freund“.

Man sieht, es ruht auf dieser Liebe nicht der romantische Duft einer späteren Epoche, sie hat keine blühenden Rosen durch jugendliche Locken geflochten, hat nicht im Schimmer des Mondes geträumt und nicht in lispelnden Jasmin- und Fliederlauben ihr Wehe und ihre Wonne verseufzt, es war auch nichts in ihr von jener Gefühlstrunkenheit und jenen wilden Gluthen eines brausenden Gemüthslebens, wie es erst der Taumelbecher der Wertherzeit erzeugt und entfesselt hat. Zwei besonnene, gute und hochstrebende, in herben Stürmen geprüfte und geläuterte Menschen finden sich auf der heißen und sorgenreichen Mittagshöhe des Lebens; mit ruhigem und klarem Auge erkennt Jeder von ihnen den echten und seltenen Werth des Andern, und still wächst in allmählichem Verkehr das Edelste ihres Wesens zu einem Bunde ineinander, der an hingehender Aufopferung, an demuthsvoller Kraft des Ueberwindens, an idealer Macht und Wärme der Innigkeit seines Gleichen in der Geschichte menschlicher Herzen sucht. Das war die Liebe Lessing’s und, seiner Eva König, wie sie in ihrem Briefwechsel sich darstellt. Wie ergreifend zum Beispiel klingt es, wenn er sie in ihrem tiefen Schmerze über den Tod ihrer alten Mutter mit den schlichten Worten tröstet: „Wollte Gott, daß Ihnen die Versicherung, bei dem Allen noch eine Person in der Welt zu wissen, die Sie über Alles liebt, zu einigem Troste gereichen könnte. Diese Person erwartet alle Glückseligkeit, die ihr hier noch beschieden ist, nur allein von Ihnen, und sie beschwört sie, um dieser Glückseligkeit willen, sich allem Kummer über das Vergangene zu entreißen und Ihre Augen lediglich auf eine Zukunft zu richten, in welcher es mein einziges Bestreben sein soll, Ihnen neue Ruhe, neues, von Tag zu Tag wachsendes Vergnügen zu verschaffen.“

Und wie zart und anmuthig läßt sie gleichfalls ihr tieferes Interesse zum Ausdruck gelangen, wenn sie ihm einmal schreibt: „Ich schließe diesen Brief in der Nacht um zwölf Uhr, wo ich Sie mir, ermüdet von der Reise, im tiefsten Schlafe gedenke und Ihnen von ganzem Herzen die angenehmste Ruhe wünsche, mir aber die baldige Versicherung, daß Sie sich, von den Fatiguen der Reise erholt, recht gesund und vergnügt befinden. Sie können dann noch wohl was hinzufügen, was mir eben nicht zuwider sein wird. Aber! aber! es müssen lauter Worte sein, die aus ihrem Herzen kommen, so wie es diejenigen sind, mit welchen ich Ihnen sage, daß ich bin, bester liebster Freund, dero aufrichtigste Freundin etc.“

Alle inneren Bedingungen zu häuslichem Glücke waren somit vorhanden, und schon das Lebensalter der beiden Liebenden hätte sie wohl an ein langes Hinausschieben der beschlossenen Vereinigung nicht denken lassen. Das Geschick aber thürmte Berge von widerlichen Schwierigkeiten entgegen. Denn die Verwickelung der König’schen Geschäfts- und Vermögensverhältnisse wollte sich mit aller thatkräftigen Einsicht noch immer nicht entwirren lassen, und der berühmte Lessing war von seinem Herzoge, der bekanntlich Hunderttausende an seine Maitressen verschwendete, noch immer nicht so gestellt, um sich in dem kleinen Wolfenbüttel ein bescheidenes Familienleben gründen zu können. Er erwartete aber täglich die Erfüllung des fürstlichen Versprechens und drang deshalb mit einigem Ungestüm auf baldige Verbindung. Als ihm die Freundin klagte: „Ich wollte gerne in dem elendesten Winkel der Welt Wasser und Brod essen, wenn ich nur aus dem Labyrinth einmal heraus wäre,“ erwidert er ihr in der Hoffnung auf eine schleunige Verbesserung seiner Stellung: „Wenn Sie lieber in dem elendesten Winkel, lieber bei Wasser und Brod leben wollten, als länger in Ihrer gegenwärtigen Verwirrung: so ist Wolfenbüttel Winkels genug, und an Wasser und Brod, auch an etwas mehr, soll es uns gewiß nicht fehlen.“

Wer die Sehnsucht eines liebenden Frauenherzens kennt, wird den schweren Kampf begreifen, den es Frau Eva gekostet hat, das so rührend ausgesprochene und sicher von ihr selber getheilte Verlangen des Freundes abzuweisen. Ihr edler Stolz aber und ihre kluge Gewissenhaftigkeit ließen es nicht zu, dem geliebten, auf hoher Geisteswarte stehenden Manne ein Heer von prosaischen Wirr- und Kümmernissen in’s Haus zu tragen, die sie allein durchleiden und von sich und den Ihrigen abwälzen wollte. Sie antwortete standhaft: „Die ganze verflossene Zeit meines Lebens kann ich ruhig zurückedenken, bis auf den Augenblick, wo ich schwach genug war, eine Neigung zu gestehen, die ich zu verbergen so fest beschlossen hatte; wenigstens so lange, bis meine Umstände eine glückliche Wendung nähmen. Ich bin überzeugt, Sie würden dennoch einen freundschaftlichen Antheil an Allem genommen haben, was mich betroffen hätte; allein Sie hätten nicht meine Angelegenheiten zu Ihren eigenen gemacht, wie Sie jetzt thun, ob Sie es gleich nicht sollten. Denn der Vorsatz bleibt unumstößlich: bin ich unglücklich, so bleibe ich es allein, und Ihr Schicksal wird nicht mit den meinigen verflochten. Meine Gründe hierüber wissen Sie, noch mehr, Ihre Aufrichtigkeit erlaubte Ihnen nicht, sie zu mißbilligen; nennen Sie sie also nicht Ausflüchte – Ihr Wort Ausflucht hat mich gekränket. – Fragen Sie Ihr Herz, ob es in dem nämlichen Falle nicht so handeln würde, und antwortet es Ihnen Nein, so glauben Sie nur, daß Sie mich nicht halb so sehr lieben, als ich Sie liebe. Das Einzige, warum ich Sie bitten will, ist, daß Sie sich durch mich in Ihrem Plan nicht irre machen lassen, sondern eben das thun, was Sie gethan hätten, wenn Sie mich nicht kennten.“

Das war, wie Adolf Stahr in seiner berühmten Lessing-Biographie bemerkt, die Sprache des Tellheim’schen Hochsinnes, und Niemand verstand diese Sprache besser, als Lessing. Er schwieg und mußte im Februar 1772 die Verlobte zum zweiten Male den gefährlichen und traurigen Zug nach Wien unternehmen sehen. Vier Wochen glaubte sie daselbst durch die Ordnung ihrer Sachen festgehalten zu werden. Aber aus den Wochen wurden Monate, aus den Monaten Jahre, drei volle Jahre und sechs Monate der Trennung, der verzehrenden Sehnsucht, der schleppendsten, kummervollsten und verdrüßlichsten Mühsal. Wir schreiben hier keine Biographie Lessing’s, sonst würden wir schildern müssen, was dieser mannhafte Charakter in jenen furchtbarsten Jahren seines bisherigen Daseins an Groll und Beschämung, an tiefem Mißmuth und Aergerniß durchgekostet hat. Die Erfüllung „der einzigen, ernsten [180] Hoffnung seines Lebens“, wie er seine Vermählung nannte, war ihm so nahe gewesen, und er sah sie immer ferner und ferner rücken, ohne daß ein Ende abzusehen war. Der braunschweigische Hof wußte den stolzen Edelhirsch fest an der Kette und kümmerte sich nicht um seine Lage und seine Wünsche, seitdem man die gefürchtete Berufung nach Wien hatte scheitern sehen. Breiten wir einen Schleier über das empörende Nachtbild aus und wenden wir uns dem freundlich heraufstrahlenden Tage zu, der ja doch endlich, ja endlich aus dieser Nacht des Kampfes und der Schmerzen sich losgerungen hat. Während Lessing als Begleiter des braunschweigischen Prinzen Leopold sich acht Monate hindurch auf einer ziemlich unerquicklichen und auch wissenschaftlich für ihn unergiebigen Reise durch Italien befand, war seine Verlobte, die er bei dieser Gelegenheit in Wien besucht hatte, im August 1775 nach Hamburg zurückgekehrt. Ihre Gläubiger waren bezahlt, es war ihr eine kleine Rente geblieben, und Lessing erhielt längere Zeit nach seiner Rückkehr eine unbedeutende Zulage nebst freier Familienwohnung, ein Einkommen, das ihn, seinem Vorsatze gemäß, in den Stand setzte, jede Betheiligung an dem Vermögen seiner Frau fest abzuweisen, und die Sicherstellung desselben für ihre Kinder zu verlangen. Nun erst konnte ernstlich an die Verbindung gedacht werden, die am 6. October 1776 auf dem Landsitze einer befreundeten Familie (zu Jork im Alten Lande) in aller Stille gefeiert wurde.

So war denn das Ziel jahrelangen Ringens erreicht und schon einige Wochen nach der Ankunft der Neuvermählten blühete in dem stillen Wolfenbüttel ein glückliches Haus empor, getragen von jenem Frieden, den nur die Liebe giebt, durchweht und durchwärmt vom Hauche des Geistes und einer heiteren und anmuthigen Geselligkeit, eine Stätte auch des erbarmungsvollen Wohlthuns für alle Hilfsbedürftigen und Bedrängten. Durch die Räume der Bibliothek wandelte nicht mehr der gebeugte und finster blickende Mann, welchen die letzten Jahre hier gesehen hatten, sein Haupt war aufgerichtet, aus seinem Antlitz schaute das sichere und freudige Behagen eines Gemüths, das endlich den Frieden gefunden, den es so lange und so schmerzlich hatte entbehren müssen. Moses Mendelssohn und andere Freunde, die Lessing in dieser Zeit besuchten, fanden ihn merkwürdig verjüngt und erfrischt wie in seiner besten Lebenszeit, und es ist wohl nur ein Zufall, daß sich unter ihren Aufzeichnungen kein Urtheil über die Frau findet, welche einen so wunderbaren Einfluß zu üben vermochte. Ein sehr wichtiges Zeugniß über das Lessing’sche Haus aber besitzen wir doch, es kommt von dem nachher so berühmt gewordenen Historiker Spittler, der sich damals einige Wochen in Wolfenbüttel aufgehalten und an Meusel Folgendes geschrieben hat:

„In Wolfenbüttel war ich fast drei Wochen und es waren drei der glücklichsten und lehrreichsten meines Lebens, da mir Lessing einen völlig freien Zutritt in sein Haus und einen ebenso völlig ungehinderten Gebrauch der dasigen Bibliothek gestattete. Ich darf Sie versichern, daß er der größte Menschenfreund, der thätigste Beförderer aller Gelehrsamkeit, der hülfreichste und der herablassendste Gönner ist. Man wird unvermerkt so vertraut mit ihm, daß man schlechterdings vergessen muß, mit welch’ großem Manne man umgeht. Und, wenn’s möglich wäre, mehr Menschenliebe, mehr thätiges Wohlwollen irgendwo anzutreffen, als bei Lessing – so wär’s bei Lessing’s Gattin. Eine solche Frau hoffe ich nimmermehr kennen zu lernen. Die unstudirte Güte des Herzens, immer voll der göttlichen Seelenruhe, die sich auch durch die bezauberndste Sympathie Allen mittheilt, welche mit ihr umzugehen das Glück haben. Das Beispiel dieser großen, würdigen Frau hat meine Begriffe von ihrem Geschlecht unendlich erhöht; und vielleicht bin ich noch viel zu kurz in Wolfenbüttel gewesen, um sie nach allen ihren Vorzügen kennen zu lernen.“

Das Glück aber, welches die gewöhnlichen Erdenkinder oft so verschwenderisch mit seinen Spenden überschüttet, pflegt bekanntlich den erkornen und zu hohen Aufgaben berufenen Menschen ein treuloser und heimtückischer Gefährte zu sein. Als das Weihnachtsfest Lessing zum zweiten Male in seiner eigenen traulichen Behausung fand, hatte es dem großen Kinderfreunde zur Vollendung seines Glückes auch ein eigenes Söhnchen in die Arme gelegt. Aber nur wenige Stunden konnte er an dem warmen Athem dieses jungen Lebens sich erfreuen, dann schloß das Kind die Augen und war starr und kalt. In jenem bitteren Humor, der bei ihm immer der Ausdruck verzweifelten Schmerzes war, meldete er seinem Freunde Eschenburg: „Meine Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand! – Glauben Sie nicht, daß die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu so einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. War es nicht Verstand, daß man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen mußte? daß er sobald Unrath merkte? War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? – Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort! denn noch ist wenig Hoffnung, daß ich sie behalten werde. Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen.“ Und auch dieser erschütterndste und verhängnißvollste aller Schläge sollte ihm nicht erspart bleiben. Viele Tage und Nächte hindurch saß er, von heißer Angst zermartert, von kurz aufleuchtender Hoffnung belebt, am Lager der Besinnungslosen, die nur ihn erkannte, und mußte endlich gewaltsam von ihr entfernt werden. „Meine Frau ist todt und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht,“ so meldete er endlich die schnelle Zertrümmerung seines ganzen Lebensglückes wiederum an Eschenburg.

Ist der Morgenfrühe des 12. Januar 1778, ein Jahr und einige Monate nach ihrer zweiten Vermählung wurde Eva Lessing zur Erde bestattet. Auf dem Friedhofe zu Wolfenbüttel liegt sie begraben. Das deutsche Volk hat den Bräuten und Frauen seiner Dichter ein liebreiches Andenken bewahrt und duftige Blumenkränze auf ihre Gräber gelegt. Möge es fortan in seine Erinnerungen auch das hohe und fast verschollene Bild der geist- und tugendreichen, wahrhaft deutschen Frau verweben, welche der einzige kurze Freudenblick, aber ein warmer und mächtig tiefer, auf dem freudenarmen Lebenswege unseres großen Lessing gewesen ist. Drei Jahre hat er die Geliebte überlebt, bis auch er (noch nicht zweiundfünfzig Jahre alt) das kranke, kampf- und kummermüde Haupt zur Ruhe legte. „Ich war einmal," schrieb er an Mendelssohn, „ein gesundes schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler, knorriger Stamm. Ach! lieber Freund, die Scene ist aus!“

Der knorrige Stamm aber trieb noch gar wunderbar frische und grünende Zweige. Es waren die Jahre, in denen Lessing, aus dumpfer Trauer zu hoher Verklärung sich aufraffend, seine gewaltigen Schlachten gegen den finstern Orthodoxismus geschlagen, in denen er „die Erziehung des Menschengeschlechts“ geschrieben, und im „Nathan“ sein unsterbliches und ewig junges Schwanenlied vom Siege der Menschlichkeit gesungen hat. Er gehörte nicht zu den lyrischen Naturen die ihr persönliches Empfinden gern auf die Märkte tragen. Gewiß aber ist, daß ihn unter allen diesen Schöpfungen bis zu seinem letzten Augenblicke die Gestalt der verklärten Gattin umschwebte, von der er nach ihrem Hinscheiden sagte: „Wenn Du sie gekannt hättest!“ „Wenn ich noch mit der Hälfte meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt’ ich es thun!“[1]

  1. Wer Eva Lessing aus ihren eigenen Aeußerugen kennen lernen will, der lese ihre mit Lessing gewechselten Briefe. Dieselben waren in den bisherigen Ausgaben unter die übrige Correspondenz Lessing’s verstreut, bis sie neuerdings von Dr. Alfred Schöne in Erlangen mit großer Sorgfalt zu einer besonderen Sammlung vereinigt wurden, die kürzlich unter dem Titel „Briefwechsel zwischen Lessing und seiner Frau“ (bei S. Hirzel in Leipzig) erschienen ist.