Für Mütter (Die Gartenlaube 1876/9)

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Textdaten
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Autor: Dr. –a–
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Titel: Für Mütter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 156
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[156] Für Mütter. Ein Kind zog sich eine geringfügige Verbrennung am Fuße zu. Die Mutter suchte die Heilung ihres Lieblings möglichst zu beschleunigen und klebte ein Glöckner’sches Zugpflaster auf die nur thalergroße Stelle. Das Resultat dieser Unvorsichtigkeit kam schon nach dem dritten Tage zum Vorscheine; es schloß sich eine so starke Entzündung an, daß nicht nur der Fuß, sondern der gesammte Körper des Kindes in den gefährlichsten Zustand versetzt wurde. Erst nach Entfernung des Pflasters stellte sich die verzögerte Abheilung ein. Wie verkehrt dieses Verfahren bei Brandwunden ist, das möge die folgende Auseinandersetzung klarlegen.

Die menschliche Haut besteht aus zwei Schichten. Die oberste, Epithel genannt, enthält nur aneinander gedrängte rundliche Körperchen, Zellen genannt; diese Lage ist vollständig solid. Die untere Schicht besteht aus Fasern, welche in ihren Lücken Blutgefäße, Drüsen, Nerven, Haarbälge enthalten. Die Zellen des Epithels zeigen zweierlei Beschaffenheit. Die zu unterst dicht über einem starken Blutgefäßnetze der zweiten Lage befindlichen vermehren sich durch Theilung. Es müssen deshalb, um Raum zu gewinnen, ältere Zellen nach oben rücken. Je weiter sie aber nach außen kommen, desto mehr ändert sich ihr Inhalt und ihre Gestalt; sie werden zuletzt in nicht mehr lebensfähige hornartige Schüppchen verwandelt, von denen die äußersten bei dem Menschen sich täglich abstoßen. Die weißen Massen, welche in dem warmen Badewasser nach dessen Gebrauche, vorzüglich wenn man diesen Genuß nicht zu häufig ausübt, schwimmen, sind solche abgeschuppte Zellen. Der Nutzen dieser Umwandlung der oberen Zellen in eine verhornte Masse ist leicht ersichtlich. Wenn die ganze äußere Schicht aus lebensfähigen Zellen bestände, wie es bei den Schleimhäuten der Fall ist, so würde, weil durch die Wärme und durch wässerige Theile des Blutes diese Zellen sehr leicht bis an die Körperoberfläche fortgeleitet werden, eine so erhebliche Wärmeentziehung durch die große Körperoberfläche stattfinden, daß die stärkste Bedeckung nicht das Erfrieren verhindern könnte. Die verhornten Zellen wirken, weil sie die Blutwärme äußerst schlecht leiten, als der beste natürliche Pelz.

Was geschieht nun bei einer Verbrennung? Die kleinsten ganz oben gelegenen Blutgefäße werden durch die Hitze gelähmt; in Folge dessen erweitert, enthalten sie mehr Blut. Es entsteht die Röthe der betroffenen Stelle. War die Verbrennung stärker, so tritt etwas Blutwasser zwischen die untersten lebensfähigen Zellen der oberen Schicht und hebt die höheren in den verschiedenen Stadien der Umwandlung in Horn begriffenen Zellen ab; es kommt ein mit wässeriger Flüssigkeit erfüllter Hohlraum zum Vorscheine, die Brandblase. Oeffnet man die Blase sofort nach ihrer Entstehung, so tritt das Wasser heraus, und es bleibt die unterste Epithelzellenlage ohne Bedeckung. Weil aber unter derselben sich die schon durch die Hitze gereizten Nervenendigungen befinden, erklärt sich die Schmerzhaftigkeit, wenn man die ganze Blasenhaut wegnimmt. Aus diesem Grunde handelt man nach der Volkssitte richtig, wenn nur durch eine kleine Oeffnung, z. B. einen durchgezogenen Faden, das Wasser herausgelassen wird, weil so die Blasenhaut erhalten bleibt, bis sich unter ihr neue Hornzellen gebildet haben. Erreicht die Verbrennung einen noch höheren Grad, dann tritt zu der Lähmung der kleinsten Blutgefäße eine Tödtung der untersten Epithelzellen; das in denselben enthaltene sonst flüssige Eiweiß schlägt sich, ähnlich wie in dem gekochten Eie, nieder; es entsteht eine regellose Masse, der Brandschorf.

Welchen Effect muß nun auf eine so verbrannte Hautstelle, selbst wenn es nur zu einer größeren Blase gekommen ist, ein Glöckner’sches oder überhaupt ein derartiges Pflaster ausüben? Wie eben auseinandergesetzt, sickert Blutflüssigkeit durch die erweiterten Gefäße nach der freien Oberfläche. Außer dem Blutwasser gelangen aber bald kleinste körperliche Bestandtheile, die weißen Blutkörperchen, nach oben und bilden mit dem Wasser zusammen den Eiter. Je nachdem das Wasser oder die Blutzellen überwiegen, ist der Eiter dünn- oder dickflüssig. Für eine schnelle Heilung einer Wunde ist es nun vor Allem erforderlich, daß dieser Wundausfluß so gut und schnell wie möglich abfließen kann. Klebt man aber ein Pflaster hermetisch über die Wunde, so wird dieser Abfluß gehindert, der Eiter zersetzt sich, fault und giebt den Pestheerd ab für den ganzen Organismus. Die faulenden Bestandtheile werden aufgesaugt und setzen von der Wunde aus die Entzündung nach allen Seiten hin fort. Die vollständig illusorische Wirkung dieser aus Mennige und Olivenöl zusammengesetzten Pflaster beruht bei nicht offenen Hautstellen nur in der zurückgehaltenen Wärme, bei Wunden dagegen stiften sie den offenbarsten Schaden.

Die einfache naturgemäße Heilungsmethode folgt aus unserer Betrachtung. Die Mutter verliert bei der plötzlichen Entstehung der Verbrennung durch das ahnungslose Hereinbrechen der Gefahr und das Geschrei des kleinen Patienten beinahe immer die Besonnenheit; es wird daher, bis der Arzt kommt, Nichts oder in der Mehrzahl Verkehrtes gethan. Kaltes Wasser stiftet bei einer größeren Verbrennung keinen Nutzen. Die starke Hitze erforderte einen Wechsel von Minute zu Minute, was außer der starken Wärmeentziehung eine erhebliche Reizung der Wundfläche veranlassen würde. Die Volkssitte hat seit Jahren das Verfahren angewendet, welches auch die Wissenschaft als das Beste anerkennen muß. In Leinöl oder auch gewöhnliches Olivenöl, welchem man, wenn es möglich, die Hälfte Kalkwasser zusetzen läßt, werden Leinwandstücke stark getränkt und auf die Wunde gelegt; über diesen Verband kommt eine dichte Schicht von Watte. Wenigstens zweimal täglich müssen die Leinwandstücke erneuert werden. Die Watte hindert die zu starke Wärmeausstrahlung und ersetzt die verloren gegangene Hornschicht; das Kalkwasser stumpft die gereizten Hautnerven etwas ab und desinficirt den Wundabfluß. Will man, wie es am besten ist, eine derartige Mischung vorräthig halten, so muß man sich von Zeit zu Zeit überzeugen, daß das Oel keinen ranzigen Geruch zeigt. Besitzt es diesen, so würde es ebenso schädlich wirken, wie die von den Frauen so überaus bevorzugten, hoffentlich aber nun bald in der Vergangenheit lebenden geheimen Zug- und Heilpflaster.

Dr. –a–