Frühlingsboten

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Autor: Elisabeth Bürstenbinder
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Titel: Frühlingsboten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19–34, S. 301–304, 317–320, 333–338, 349–352, 365–369, 381–384, 397–400, 413–416, 429–432, 449–452, 465–468, 481–484, 497–500, 513–516, 529–532, 558–560
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[301]
Alle Rechte vorbehalten.
Frühlingsboten.
Von E. Werner.

„Das nennt man nun hier zu Lande Frühling! Das Schneetreiben wird mit jeder Minute ärger, und dazu bläst dieser liebenswürdige Nordost mit einer Energie, als wollte er uns mit der ganzen Extrapost fortwehen. Es ist zum Verzweifeln.“

Die Postchaise, deren einer Insasse in dieser Weise seinem Unmuthe Luft machte, arbeitete sich in der That mühsam durch den Schnee der Landstraße. Die Pferde kamen trotz aller Anstrengung nur im Schritt und so langsam vorwärts, daß die Geduld der beiden Reisenden, die sich im Innern des Wagens befanden, auf eine harte Probe gestellt wurde.

Der Jüngere der Beiden, der einen sehr eleganten, aber für diese Witterung viel zu leichten Reise-Anzug trug, konnte höchstens vierundzwanzig Jahr alt sein. Der volle Lebensmuth oder vielmehr Uebermuth der Jugend leuchtete aus den schönen offenen Zügen, aus den dunklen Augen, die so keck und klar in die Welt blickten, als wären sie noch nie von irgend einem Schatten getrübt worden. Die ganze Erscheinung hatte etwas ungemein Fesselndes und Liebenswürdiges, aber der junge Reisende schien die Verzögerung der Fahrt sehr ungeduldig zu ertragen und gab seinem Aerger darüber jeden nur möglichen Ausdruck.

Desto gleichgültiger zeigte sich sein Begleiter, der, in einen grauen Mantel gehüllt, in der anderen Ecke des Wagens lehnte. Er schien einige Jahre älter zu sein, aber sein Aeußeres hatte wenig Anziehendes. Seine Gestalt war mehr kräftig als elegant, seine Haltung beinahe nachlässig. Sein Gesicht war nicht gerade häßlich; mindestens konnte es für charaktervoll gelten, wenn seine Linien auch keinen Anspruch auf Schönheit oder Regelmäßigkeit erheben durften, aber es lag ein Ausdruck darin, der befremdend und erkältend wirkte. Die tiefe Herbheit und Bitterkeit der schwersten Lebenserfahrungen mußte diesem jugendlichen Alter noch fremd sein, und doch war unbedingt etwas davon in jenem Zuge, der, ohne sich im Einzelnen verfolgen oder feststellen zu lassen, doch dem ganzen Antlitz sein eigenthümliches Gepräge lieh und den jungen Mann weit älter erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Das volle dunkle Haar harmonirte mit den dichten dunklen Augenbrauen, die Augen selbst aber waren von jener völlig unbestimmten Farbe, die gewöhnlich nicht für schön gilt. Es lag auch in der That wenig Sympathisches darin, kein froher Lebensmuth, keine einzige von jenen schwärmerischen oder leidenschaftlichen Regungen, an denen die Jugend sonst so reich ist. Der kalte, freudlose Blick hatte etwas ungemein Hartes, wie die ganze Persönlichkeit.

Der Letztgeschilderte hatte bisher ruhig in das Schneetreiben hinausgeblickt; jetzt wandte er sich um, und jenen ungeduldigen Ausruf seines Gefährten beantwortend, sagte er:

„Du vergißt, Edmund, daß wir uns nicht mehr in Italien befinden. In unserem Klima, und vollends hier in den Bergen, gehört der März noch ganz dem Winter an.“

„Mein schönes Italien! Dort verließen wir Alles im Sonnenschein und Blüthenduft, und hier in der Heimath empfängt uns ein Schneesturm, direct vom Nordpol importirt. Du scheinst Dich freilich bei dieser Temperatur ganz wohl zu befinden. Dir ist ja auch die ganze Reise nur eine lästige Aufgabe gewesen. Leugne es nicht, Oswald – Du wärst am liebsten zu Hause bei Deinen Büchern geblieben.“

Oswald zuckte die Achseln.

„Was ich wünschte oder nicht wünschte, kam wohl überhaupt nicht in Betracht. Du solltest nicht ohne Begleitung reisen – da hatte ich mich einfach zu fügen.“

„Ja, Du wurdest mir als Mentor beigegeben,“ lachte Edmund, „mit dem allerhöchsten Auftrage, mich zu beaufsichtigen und mir nöthigenfalls Zügel anzulegen.“

„Was mir durchaus nicht gelungen ist. Du hast Tollheiten genug ausgeübt.“

„Bah, wozu ist man denn jung und reich, wenn man das Leben nicht genießen soll! Ich habe das freilich stets allein thun müssen. Geh, Oswald, Du bist kein guter Camerad gewesen! Warum zogst Du Dich stets so eigensinnig und finster zurück?“

„Weil ich wußte, daß das, was dem Majoratsherrn und Grafen Ettersberg erlaubt ist oder ihm höchstens mit einem zärtlichen Vorwurfe verziehen wird, bei mir als Verbrechen gilt,“ lautete die schroffe Erwiderung.

„Warum nicht gar!“ rief Edmund. „Du weißt doch, daß ich in jedem Falle die Verantwortung für uns Beide auf mich genommen hätte. So freilich muß ich alle Schuld auf mich allein nehmen. Nun, der Richterspruch über mein Vergehen wird nicht allzu streng ausfallen, wenn aber Du bei der Rückkehr Deine Zukunftspläne zur Sprache bringst, so kannst Du Dich auf einen Sturm gefaßt machen.“

„Das weiß ich,“ versetzte Oswald lakonisch.

„Aber diesmal stehe ich Dir nicht zur Seite, wie damals, als Du so entschieden die Militärcarrière verweigertest,“ fuhr der junge Graf fort. „Ich half Dir das durchsetzen; denn ich glaubte natürlich, Du werdest in den Staatsdienst treten. Wir Alle glaubten das, und jetzt kommst Du auf einmal mit dieser unsinnigen Idee zum Vorschein.“

[302] „Die Idee ist weder so unsinnig noch so neu, wie Du glaubst. Bei mir stand sie bereits fest, als ich mit Dir die Universität bezog. Ich habe meine ganzen Studien darnach geregelt, wollte mir aber die jahrelangen, nutzlosen Kämpfe ersparen, deshalb schwieg ich bis jetzt, wo es zur Entscheidung kommen muß.“

„Und ich sage Dir, Du bringst die ganze Familie damit in Aufruhr; es ist auch unerhört. Ein Ettersberg als Advocat, den ersten besten Dieb oder Fälscher vertheidigend! Das giebt meine Mutter nun und nimmermehr zu, und sie hat vollkommen Recht. Wenn Du in den Staatsdienst trittst –“

„So dauert es noch Jahre, bis ich die ersten Stufen überwinde,“ unterbrach ihn Oswald, „und so lange bleibe ich gänzlich von Dir und Deiner Mutter abhängig.“

Der Ton der letzten Worte war so herb, daß Edmund sich rasch emporrichtete.

„Oswald! Habe ich Dich das je fühlen lassen?“

„Du – nein! Aber ich fühle es eben deshalb um so tiefer.“

„Da sind wir wieder auf dem alten Punkte. Du wärst im Stande, das Widersinnigste zu thun, nur um diese sogenannte Abhängigkeit – aber was ist denn das? Weshalb hält der Wagen? Ich glaube wahrhaftig, wir bleiben hier mitten auf der Landstraße im Schnee stecken.“

Oswald hatte bereits das Wagenfenster niedergelassen und sich hinausgelehnt.

„Was giebt es?“ fragte er.

„Wir sitzen fest,“ klang die phlegmatische Antwort des Postillons, der die Sache sehr natürlich zu finden schien.

„Wir sitzen fest!“ wiederholte Edmund mit einem ärgerlichen Auflachen. „Und das meldet uns der Mensch mit dieser philosophischen Ruhe. Wir sitzen also fest. Was nun?“

Oswald gab keine Antwort, sondern öffnete den Schlag und stieg aus. Die Situation ließ sich mit einem Blicke überschauen; angenehm war sie allerdings nicht. Der Weg senkte sich hier ziemlich steil abwärts, und der schmale Thaleinschnitt, den man passiren mußte, war durch Schneewehen vollständig versperrt. Der Schnee lag an dieser Stelle mehrere Fuß hoch und so dicht, daß ein Durchkommen unmöglich schien. Das mußten der Kutscher wie die Pferde wohl gleichzeitig eingesehen haben; denn die letzteren gaben jede fernere Anstrengung auf, und der Erstere hatte Peitsche und Zügel sinken lassen und sah seine beiden Passagiere an, als erwarte er von ihnen Rath oder Beistand.

„Diese verwünschte Extrapost!“ brach Edmund aus, der seinem Begleiter gefolgt und gleichfalls ausgestiegen war. „Weshalb ließen wir uns auch nicht die eigenen Pferde entgegenschicken! Jetzt kommen wir vor Einbruch der Dunkelheit nicht nach Ettersberg. Kutscher, wir müssen vorwärts.“

„Vorwärts geht es nicht,“ erklärte dieser in unzerstörbarer Gemüthsruhe. „Die Herren sehen es ja.“

Der junge Graf war im Begriff eine heftige Antwort zu geben, als Oswald die Hand auf seinen Arm legte.

„Der Mann hat Recht. Es geht wirklich nicht; mit den beiden Pferden allein kommen wir hier nicht vorwärts. Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, als einstweilen hier im Wagen auszuhalten und den Postillon nach dem nächsten Stationshause zu schicken, um Vorspann zu holen.“

„Damit wir inzwischen hier vollständig einschneien? Da ziehe ich es denn doch vor, zu Fuß nach der Poststation zu gehen.“

Oswald's Blick überflog mit sarkastischem Ausdruck das Reisecostüm seines Gefährten, das augenscheinlich nur für das Eisenbahncoupé oder den Wagen berechnet war.

„In diesem Anzuge willst Du den Fußweg durch den Wald zurücklegen, wo man bei jedem Schritt bis an die Kniee einsinkt? Das möchte denn doch seine Schwierigkeiten haben. Ueberhaupt wirst Du Dich erkälten hier in dem scharfen Winde. Nimm meinen Mantel!“

Damit nahm er ohne Weiteres den Mantel ab und legte ihn um die Schultern des Grafen, der lebhaft, aber vergeblich dagegen protestirte.

„Ich bitte Dich, dann bist Du ja ohne jeden Schutz gegen die Witterung.“

„Mir schadet das nichts. Ich bin nicht weichlich.“

„Aber ich bin es Deiner Meinung nach?“ fragte Edmund empfindlich.

„Nein – nur verwöhnt! Jetzt aber müssen wir einen Entschluß fassen. Entweder wir bleiben im Wagen und schicken den Postillon fort, oder wir versuchen es, auf dem Fußwege vorwärts zu kommen. Entscheide Dich rasch. Was soll geschehen?“

„Wenn Du nur nicht immer so entsetzlich kategorisch wärst!“ sagte Edmund mit einem Seufzer. „Fortwährend stellst Du ein Entweder – oder auf. Weiß ich es, ob der Fußweg zu passiren ist?“

Das Gespräch wurde hier unterbrochen. In einiger Entfernung ließ sich das Stampfen und Schnauben von Pferden hören, und jetzt sah man auch durch Nebel und Schneeflocken einen zweiten Wagen herankommen. Die kräftigen Thiere überwanden ziemlich leicht die Schwierigkeiten des Weges, an dieser bedenklichen Stelle machten sie aber doch Halt. Der Kutscher zog die Zügel an sich, betrachtete kopfschüttelnd das Hinderniß und wandte sich dann nach dem Innern des Wagens. Seine Meldung schien nicht viel tröstlicher zu lauten, als die des Postillons, und ebenso ungeduldig aufgenommen zu werden; denn die helle, jugendliche Stimme, welche ihm antwortete, klang in erregtem Tone.

„Das hilft Alles nichts, Anton; wir müssen hindurch.“

„Aber Fräulein, wenn es doch nun einmal nicht geht!“ wandte der Kutscher ein.

„Thorheit! Es muß gehen. Ich werde selbst nachsehen.“

Den sehr bestimmt gesprochenen Worten folgte die Ausführung sofort. Der Wagenschlag wurde geöffnet, und eine offenbar noch sehr junge Dame sprang heraus. Sie schien mit der Märztemperatur hier in den Bergen hinreichend vertraut zu sein; denn ihre Kleidung war noch ganz winterlich. Ein pelzbesetztes Jäckchen umschloß die schlanke Gestalt in dem dunklen Reisekleide, und ein dichter Schleier, der über dem Hute befestigt war, hüllte fast den ganzen Kopf ein. Es schien sie sehr wenig zu kümmern, daß ihr Fuß beim Aussteigen bis an den Rand des Stiefelchens in den weichen Schnee versank; sie that tapfer einige Schritte vorwärts, blieb aber stehen, als sie den andern Wagen bemerkte, der dicht vor dem ihrigen hielt.

Auch die beiden Herren waren aufmerksam geworden. Oswald freilich hatte nur einen flüchtigen Blick auf die neuen Ankömmlinge geworfen und dann seine ganze Aufmerksamkeit wieder der kritischen Lage zugewendet, Edmund dagegen verlor auf einmal alles Interesse dafür. Er überließ seinem Begleiter alles Weitere und stand schon in der nächsten Minute an der Seite der Fremden, der er mitten im ärgsten Schneegestöber eine Verbeugung von so tadelloser Eleganz machte, als befände er sich im Salon.

„Sie entschuldigen, mein Fräulein, aber wie ich sehe, sind wir nicht die Einzigen, die dies unvergleichliche Frühlingswetter überrascht hat. Es ist immer ein Trost, im Unglück Leidensgefährten zu haben, und da wir in der gleichen Gefahr sind, hier rettungslos einzuschneien, so gestatten Sie wohl, daß wir Ihnen unseren Beistand anbieten.“

Graf Ettersberg vergaß bei diesem ritterlichen Anerbieten vollständig, daß er und Oswald selbst ganz rathlos vor dem Hinderniß standen. Unglücklicher Weise wurde er auf der Stelle beim Worte genommen; denn die junge Dame sagte, ohne durch die Anrede irgendwie in Verlegenheit zu gerathen, in dem früheren bestimmten Tone:

„Nun, dann haben Sie die Güte, uns einen Weg durch den Schnee zu bahnen!“

„Ich?“ fragte Edmund betroffen. „Ich soll –?“

„Sie sollen uns eine Bahn durch den Schnee schaffen – gewiß, mein Herr!“

„Mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein, wenn Sie mir nur gefälligst sagen wollten, wie ich das anfangen soll.“

Die Spitze des kleinen Stiefels schlug ungeduldig gegen den Boden, und nicht minder ungeduldig klang die Erwiderung.

„Ich dachte, Sie hätten bereits ein Mittel gefunden, da Sie mir Ihre Hülfe anboten. Jedenfalls müssen wir hindurch, gleichviel auf welche Weise.“

Damit schlug die Sprechende den Schleier zurück und machte Anstalt, die Situation zu beaugenscheinigen. Das, was dies dichte dunkelblaue Gewebe aber jetzt entschleierte, war von so ungewöhnlichem Liebreiz, daß Edmund die Antwort darüber vergaß. Man konnte auch wirklich kaum etwas Anmuthigeres sehen als das von der scharfen Luft rosig angehauchte Gesicht dieses jungen Mädchens. Ihr dunkelblondes Haar drängte sich lockig und widerspänstig aus dem seidenen Netze hervor, das vergeblich versuchte, es zu fesseln. [303] Die Augen, von tiefstem Dunkelblau, hatten durchaus nichts von jener Ruhe und Sanftmuth, die man sonst in dem blauen Auge sucht; vielmehr sprühte auch hier der ganze kecke Uebermuth, den die Jugend und das Glück nur zu geben vermögen. Das Grübchen, das beim Lächeln die Wangen vertiefte, war allerliebst, aber um den kleinen Mund lag ein Zug, der entschieden auf Trotz deutete, und das Köpfchen dort unter den widerspänstigen Locken sah ganz so aus, als beherberge es allerlei Launen und Eigensinn. Aber vielleicht war es gerade dies, was dem Gesicht den eigenthümlich pikanten Zauber lieh, der unwiderstehlich fesselte und den Blick fast zwang, darauf zurückzukehren.

Der jungen Dame entging keineswegs der Eindruck, den ihre Erscheinung machte, und daher mochte auch wohl das Lächeln stammen, das den ungeduldigen Ausdruck in ihren Zügen verdrängte. Uebrigens dauerte das Verstummen Edmund's nicht lange. Verlegenheit und Schüchternheit gehörten durchaus nicht zu seinen Fehlern, und er war eben im Begriff, mit einem Compliment zu debütiren, als Oswald dazwischen trat.

„Die Schwierigkeit dürfte nunmehr gehoben sein,“ sagte er mit einer leichten Verbeugung. „Wenn Sie uns gestatten, mein Fräulein, Ihre Pferde vor die unsrigen zu legen, so wird es wohl möglich sein, zunächst die Postchaise durch den Schnee zu bringen, und dann in der gleichen Weise Ihren Wagen hinüber zu schaffen.“

„Ungemein praktisch!“ sagte Edmund, der sich unbeschreiblich ärgerte, daß er in seinem Complimente und in der sonstigen Entfaltung seiner Liebenswürdigkeit unterbrochen wurde, aber auch die junge Dame schien befremdet über den kurzen trockenen Ton, in welchem der Vorschlag gemacht wurde. Die höchst unpraktische Bewunderung des Grafen Ettersberg war ihr augenscheinlich weit angenehmer, als die praktische Gleichgültigkeit seines Begleiters.

Sie sagte nun auch ihrerseits sehr kurz:

„Ich bitte, verfügen Sie ganz nach Belieben!“ befahl dem Kutscher, den Anordnungen des fremden Herrn zu folgen, und machte dann Anstalt, in ihrem Wagen vor dem unaufhörlichen Schneetreiben Schutz zu suchen.

Edmund folgte ihr schleunigst. Er fand es nöthig, ihr beim Einsteigen zu helfen, und ebenso nöthig, auf den Wagentritt zu steigen, um über den weiteren Verlauf der Sache, die Oswald sofort mit voller Energie in Angriff nahm, Bericht zu erstatten.

„Jetzt setzt sich der Zug in Bewegung,“ rapportirte er durch das niedergelassene Wagenfenster. „Sie zwingen es kaum mit dem doppelten Gespann – da am Abhange wird die Sache bedenklich, die unglückliche Postkutsche kracht und wankt in allen Fugen – die beiden Rosselenker benehmen sich sehr ungeschickt; es ist nur ein Glück, daß mein Begleiter als Commandant das Ganze leitet. Das Commandiren versteht er ausgezeichnet. – Wahrhaftig, da legen sie Bresche in den Schneewall! Es geht wirklich. Oswald steht bereits drüben und giebt ihnen die Richtung an.“

„Und Sie stehen inzwischen hier auf dem Wagentritt,“ spottete die junge Dame.

„Aber mein Fräulein,“ vertheidigte sich Edmund. „Sie werden doch nicht verlangen, daß ich Sie allein auf der Landstraße lasse. Irgend Jemand muß doch zu Ihrem Schutze hierbleiben.“

„Ich glaube nicht, daß hier ein räuberischer Ueberfall zu fürchten ist; unsere Landstraßen sind sicher, so viel ich weiß. Sie scheinen aber diesen Standpunkt sehr zu lieben.“

„Da er mir eine so reizende Aussicht bietet – gewiß!“

Die kecke Galanterie mißfiel offenbar; denn augenblicklich flog der dunkelblaue Schleier wieder herab und verhüllte die eben noch so gerühmte Aussicht. Graf Edmund war etwas betreten. Er sah seine Uebereilung ein und wurde respectvoller.

Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis die Postkutsche über die bedenkliche Stelle geschafft war. Endlich stand sie drüben; Oswald kehrte zurück, und die Kutscher mit den Pferden folgten. Edmund stand noch immer auf dem Wagentritt und schien auch Absolution für seine Keckheit erhalten zu haben; denn es war ein äußerst lebhaftes Gespräch zwischen ihm und seiner Schutzbefohlenen im Gange. Nur fand diese ein boshaftes Vergnügen daran, ihm fortgesetzt ihren Anblick zu entziehen; der Schleier lag noch immer über ihrem Gesichte, als Oswald herantrat.

„Ich muß Sie ersuchen, auszusteigen, mein Fräulein,“ sagte er. „Der Abhang ist ziemlich steil und der Schnee sehr tief. Unsere Postchaise war mehrere Male in Gefahr, umgeworfen zu werden, und Ihr Wagen ist bedeutend schwerer. Die Fahrt würde bedenklich sein.“

„Aber Oswald, welche Idee!“ rief Edmund. „Die Dame kann doch nicht den Weg zu Fuß zurücklegen – das ist unmöglich.“

„Das nicht, nur etwas unbequem,“ lautete die gleichmüthige Antwort. „Die Wagen haben einigermaßen Bahn geschafft, und wenn wir ihnen unmittelbar folgen, so ist die Sache nicht so schwierig. Wenn die Dame es indessen nicht wagt –“

„Nicht wagt?“ unterbrach ihn diese in gereiztem Tone. „O, mein Herr, ich bitte mir doch nicht so viel Furchtsamkeit zuzutrauen. Ich werde es unter allen Umständen wagen.“

Damit verließ sie rasch den Wagen und stand in der nächsten Minute draußen auf der Chaussee. Hier aber erfaßte der Wind den bisher hartnäckig festgehaltenen Schleier, der hoch aufflatterte. Zwar griffen die kleinen Hände sofort danach, aber er hatte sich fest um den Hut geschlungen, und der Versuch, ihn wieder herabzuziehen, mißglückte, zum größten Vergnügen Edmund's, der nun ungestört die „Aussicht“ bewundern konnte.

Inzwischen waren die Pferde vor den zweiten Wagen gelegt worden. Da die Bahn bereits gebrochen war, so ging die Fahrt diesmal leichter von Statten; trotzdem hatte Oswald, der unmittelbar folgte, fortwährend zu lenken und einzugreifen. Das Schneetreiben wollte noch immer kein Ende nehmen, und der Wind trieb die Flocken wirbelnd durch einander. Die Dämme zu beiden Seiten des Weges waren nur undeutlich wie durch einen weißen Schleier sichtbar, während jeder weitere Ausblick im Nebel verschwand. Es gehörte sehr viel jugendlicher Uebermuth dazu, um dieses Wetter und diesen Weg erträglich oder gar amüsant zu finden. Zum Glücke besaßen die beiden jüngeren Passagiere diese Eigenschaft in hohem Maße. Sie betrachteten das Ganze offenbar als Vergnügungspartie. Das beschwerliche Vorwärtskommen, wo man bei jedem Schritt in den Schnee einsank, der fortwährende Kampf mit dem Winde, all die kleinen und großen Hindernisse, die überwunden werden mußten, waren ihnen eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit. Die Unterhaltung stockte nicht einen Augenblick – das flog wie Raketenfeuer hinüber und herüber; jedes Wort wurde aufgefangen und zurückgegeben. Keiner blieb dem Andern einen Spott oder eine Neckerei schuldig, und das Alles ging so unbefangen, so selbstverständlich, als hätten sich die Beiden schon seit Jahren gekannt.

Endlich war man glücklich drüben angelangt. Der Weg, der sich hier nach zwei verschiedenen Richtungen hin theilte, ließ ein ferneres Hinderniß nicht mehr besorgen. Die Wagen standen bereits neben einander, und die Gespanne wurden soeben in Ordnung gebracht.

„Wir werden uns jetzt wohl trennen,“ sagte die junge Dame, auf den Weg deutend. „Sie fahren jedenfalls die Poststraße; mein Reiseziel liegt nach jener Richtung hin.“

„Aber doch wohl nicht allzu weit?“ fragte Edmund rasch. „Ich bitte um Verzeihung, aber dieses Reise-Abenteuer mit seinen elementaren Hindernissen hat alle Etikette aufgehoben. Wir haben uns Ihnen noch nicht einmal genannt. Sie erlauben, mein Fräulein, daß ich in dieser etwas ungewöhnlichen Situation“ – er stemmte sich mit aller Gewalt gegen einen Windstoß, der ihm den Mantelkragen in die Höhe schlug und einen nassen Flockenschauer in das Gesicht trieb – „mich Ihnen vorstelle. Graf Edmund von Ettersberg, der das Vergnügen hat, Ihnen zugleich seinen Vetter, Oswald von Ettersberg, zu präsentiren. Die nöthigen Salonverbeugungen müssen Sie uns erlassen, sonst wirft uns dieser liebenswürdige Nordost sofort zu Ihren Füßen in den Schnee.“

Die junge Dame stutzte bei der Nennung des Namens.

„Graf Edmund? Der Majoratsherr zu Ettersberg?“

„Zu Befehl!“

Um die Lippen der Fremden zuckte es wie ein mühsam unterdrückter Lachreiz.

„Und Sie sind mein Beschützer gewesen? Wir haben uns mit unseren Pferden gegenseitig aus der Noth geholfen? O, das ist unvergleichlich.“

„Mein Name scheint Ihnen bekannt zu sein,“ sagte Edmund. „Darf ich nun auch meinerseits erfahren –“

„Wer ich bin? Nein, Herr Graf, das erfahren Sie jetzt [304] auf keinen Fall. Aber ich rathe Ihnen, dieses Zusammentreffen in Ettersberg zu verschweigen. Ich werde das zu Hause gleichfalls thun; denn so unschuldig wir daran sind, wir würden doch beiderseitig in Acht und Bann gethan bei dem Geständniß“. Hier war es zu Ende mit der Selbstbeherrschung der jungen Dame; sie brach in ein so lautes und muthwilliges Lachen aus, daß Oswald sie befremdet anschaute; Edmund dagegen ging sofort auf den Ton ein.

„Es bestehen also irgend welche geheime Beziehungen zwischen uns, von denen ich vorläufig keine Ahnung habe,“ sagte er. „Jedenfalls scheinen sie sehr heiterer Natur zu sein, und da Sie Ihr Incognito durchaus nicht lüften wollen, mein Fräulein, so gestatten Sie einstweilen, daß ich mitlache,“ damit stimmte er ebenso herzlich und übermüthig in das Gelächter ein.

„Die Wagen sind bereit,“ unterbrach Oswald diese stürmische Heiterkeit. „Es ist wohl Zeit, einzusteigen.“

Die Beiden hörten plötzlich auf zu lachen, und ihre Mienen zeigten, daß sie diese Unterbrechung sehr rücksichtslos fanden. Sie warf das Köpfchen zurück, sah den Sprechenden von oben bis unten an, kehrte ihm dann ohne Weiteres den Rücken und ging zu ihrem Wagen. Edmund ging natürlich mit, er schob den Kutscher bei Seite, der an dem geöffneten Schlage stand, hob seine schöne Schutzbefohlene hinein und schloß die Wagenthür.

„Und ich soll wirklich nicht erfahren, wen der Zufall so gütig und leider so flüchtig in meinen Weg geführt hat?“ fragte er sich niederbeugend.

„Nein, Herr Graf! Vielleicht erhalten Sie in Ettersberg die Aufklärung, falls nämlich mein Signalement dort bekannt ist. Ich gebe sie Ihnen auf keinen Fall. Aber noch eine Frage – ist Ihr Herr Vetter immer so artig und so – mittheilsam wie heute?“

„Sie meinen, weil er während des ganzes Weges kein Wort gesprochen hat? Ja, das ist leider seine Art Fremden gegenüber, und was seine Galanterie betrifft –“ Edmund seufzte – „Sie glauben nicht, mein Fräulein, wie oft ich da eintreten muß, um seinen gänzlichen Mangel daran wieder gut zu machen.“

„Nun, Sie unterziehen sich dieser Aufgabe auch mit großer Aufopferung,“ spottete die junge Dame, „und im Uebrigen hegen Sie eine unglaubliche Vorliebe für den Wagentritt. Sie stehen schon wieder oben.“

Edmund stand allerdings dort und hätte wahrscheinlich noch lange gestanden, wenn der Kutscher, der jetzt die Zügel ergriff, nicht sehr deutliche Zeichen von Ungeduld gegeben hätte. Die schöne Unbekannte neigte graziös das Haupt.

„Meinen Dank für die freundliche Hülfe! Leben Sie wohl!“

„Ich darf doch hoffen – auf Wiedersehen?“ rief Edmund beinahe ungestüm.

„Um des Himmels willen nicht! Darauf müssen wir unter allen Umständen verzichten. Sie werden das auch noch einsehen. Adieu, Herr Graf von Ettersberg!“

Der Abschiedsgruß verhallte in dem alten, muthwilligen Lachen. Die Pferde zogen an, und Graf Ettersberg kam nur mit genauer Noth noch vom Tritte herunter.

„Willst Du denn nun endlich die Güte haben, einzusteigen?“ klang Oswald’s Stimme. „Du hattest ja so große Eile, nach Hause zu kommen, und wir haben uns schon bedeutend verspätet.“

Edmund warf noch einen Blick auf den Wagen, der ihm die reizende Bekanntschaft entführte und der soeben zwischen den Bäumen verschwand; dann folgte er der Aufforderung.

„Oswald, wer war die Dame?“ fragte er rasch, während auch die Postchaise sich in Bewegung setzte.

„Darnach fragst Du mich? Wie soll ich das wissen?“

„Nun, Du warst ja lange genug bei den Wagen. Du wirst doch den Kutscher gefragt haben.“

„Es ist nicht meine Art, die Kutscher auszufragen, und überdies interessirt mich die Sache sehr wenig.“

„Aber mich desto mehr!“ rief Edmund ärgerlich. „Freilich, das sieht Dir ähnlich. Nicht einmal eine Frage hältst Du der Mühe werth, wo es sich um eine so interessante Begegnung handelt. Ich weiß nicht, was ich aus diesem Mädchen machen soll. Das sprüht ja Funken bei jeder Berührung – das zieht an und stößt ab in einem Athem. In der einen Minute glaubt man sich berechtigt, ihr ganz zwanglos zu nahen, und in der nächsten wird man wieder in die respectvollste Entfernung zurückgescheucht. Ein reizender kleiner Kobold!“

„Aber sehr verwöhnt und übermüthig!“ schaltete Oswald ein.

„Du bist ein entsetzlicher Pedant!“ fuhr der junge Graf auf. „Ueberall findest Du etwas zu tadeln. Gerade dieser launische Uebermuth ist es, der das Mädchen so unwiderstehlich macht. Aber wer in aller Welt kann sie sein? Der Wagenschlag trägt kein Wappen, der Kutscher nur einfach herrschaftliche Livrée, ohne jedes Abzeichen. Also irgend eine bürgerliche Familie aus der Nachbarschaft, und doch scheint sie uns sehr genau zu kennen. Woher denn aber dieses Verweigern des Namens, diese Hindeutung auf schon bestehende Beziehungen? Ich zerbreche mir vergebens den Kopf darüber.“

[317] Oswald, der das Kopfzerbrechen seines Vetters überflüssig zu finden schien, lehnte sich schweigend in die Ecke zurück, und die Fahrt wurde nunmehr ohne weiteres Hinderniß, aber mit der früheren Langsamkeit fortgesetzt. Man hatte, zum großen Aerger des Grafen, auf allen Stationen statt der verlangten vier Postpferde nur zwei erhalten, da in Folge des Schneefalls die Thiere bei den gewöhnlichen Posten Aushülfe leisten mußten, und so hatten die Reisenden sich seit der Abfahrt von der Bahnstation heute Mittag um volle zwei Stunden verspätet. Die Dunkelheit brach schon herein, als der Wagen endlich in den Schloßhof von Ettersberg rollte, wo die Ankömmlinge augenscheinlich längst erwartet wurden. Die Thüren der großen, hell erleuchteten Eingangshalle standen weit offen, und mehrere Diener eilten geschäftig herbei. Einer derselben, ein alter Mann, der gleichfalls die reiche Ettersberg’sche Livrée trug, trat sofort an den Wagen.

„Guten Abend, Eberhard!“ rief Edmund fröhlich. „Da sind wir, trotz Sturm und Schneegestöber. Es ist doch Alles wohl zu Hause?“

„Gott sei Dank, ja, Herr Graf! Aber die Frau Gräfin waren schon in großer Sorge wegen der Verspätung und fürchteten, daß die jungen Herrschaften einen Unfall gehabt hätten.“

Damit öffnete Eberhard den Schlag, und gleichzeitig erschien oben auf den Treppenstufen, die von der Eingangshalle in das Innere des Schlosses führten, eine Dame von imposanter Gestalt, in dunklem Seidenkleide. Aus dem Wagen springen, in die Halle stürzen und die Stufen hinauffliegen, war für Edmund das Werk eines Augenblicks, schon im nächsten lag er in den Armen seiner Mutter.

„Mama! geliebte Mama, endlich sehe ich Dich wieder.“

Der Ruf hatte nichts von jenem tändelnden Uebermuthe, den der junge Graf bisher ausschließlich gezeigt. Das war der volle, echte Herzenston, und derselbe Ausdruck leidenschaftlicher Zärtlichkeit lag in der Stimme und in den Zügen der Gräfin, als sie den Sohn in die Arme schloß und küßte.

„Mein Edmund!“

„Wir kommen spät, nicht wahr?“ fragte dieser. „Die verschneiten Wege und die elenden Posteinrichtungen sind schuld daran, und dann hatten wir auch unterwegs ein kleines Abenteuer.“

„Wie konntest Du überhaupt in solchem Wetter reisen!“ sagte die Gräfin mit liebevollem Vorwurf. „Ich erwartete stündlich die Nachricht, daß Du in B. bleiben und erst morgen eintreffen würdest.“

„Sollte ich noch vierundzwanzig Stunden von Dir getrennt sein?“ unterbrach sie Edmund. „Nein, Mama, das hätte ich sicher nicht vermocht, und das hast Du auch nicht geglaubt.“

Die Mutter lächelte. „Nein, und eben deshalb habe ich mich während der letzten beiden Stunden so geängstigt. Aber jetzt komm! Du mußt Dich von der kalten und stürmischen Fahrt erholen.“

Sie wollte den Arm ihres Sohnes nehmen, aber dieser blieb stehen und sagte mit leisem Vorwurfe:

„Mama, siehst Du denn Oswald nicht?“

Oswald von Ettersberg war seinem Vetter schweigend gefolgt. Er stand seitwärts im Schatten des Treppenpfeilers und trat erst hervor, als die Gräfin sich zu ihm wandte.

„Willkommen, Oswald!“

Die Begrüßung klang sehr kühl, und ebenso kühl und förmlich war die Art, mit welcher der junge Mann seine Lippen auf die Hand der Tante drückte, deren Blick jetzt befremdet über seinen Anzug hinglitt.

„Du bist ja vollständig durchnäßt. Was ist denn vorgefallen?“

„Mein Gott, das habe ich ganz vergessen zu erzählen,“ rief Edmund. „Er gab mir beim Aussteigen seinen Mantel und hat nun selbst die ganze Witterung aushalten müssen. Oswald,“ wandte er sich an seinen Vetter, „ich hätte ihn Dir doch wenigstens im Wagen zurückgeben können; warum erinnertest Du mich auch nicht daran? Nun bist Du noch eine volle Stunde lang in dem nassen Ueberrock gefahren. Wenn Dir das nur nicht schadet!“

Er nahm hastig den Mantel ab und legte die Hand prüfend auf den allerdings völlig durchnäßten Ueberrock Oswald’s; dieser machte eine abwehrende Bewegung.

„Laß doch – es ist ja nicht der Rede werth.“

„Das glaube ich auch,“ nahm die Gräfin das Wort, der diese Sorgfalt entschieden zu mißfallen schien. „Du weißt ja, daß Oswald Witterungseinflüssen ganz unzugänglich ist. Er braucht nur die Kleider zu wechseln. Geh, Oswald! Aber noch eins,“ setzte sie flüchtig und wie beiläufig hinzu, „ich habe Dir ein anderes Zimmer anweisen lassen – eines drüben im Seitenflügel.“

„Weshalb denn das?“ fragte Edmund betroffen. „Wir haben ja sonst stets neben einander gewohnt.“

„Ich habe einige Aenderungen in Deiner Wohnung getroffen, mein Sohn,“ sagte die Gräfin in sehr bestimmtem Tone, „und [318] mußte dabei nothgedrungen über Oswald's Zimmer verfügen. Er wird wohl nichts dagegen einzuwenden haben; er ist drüben in der Erkerwohnung auch recht gut logirt.“

„Gewiß, liebe Tante!“

Die Erwiderung klang vollkommen ruhig und gleichgültig, aber es mußte doch irgend etwas darin liegen, was dem jungen Grafen auffiel. Er runzelte leicht die Stirn und war im Begriff, etwas zu sagen, unterdrückte es aber mit einem Blick auf die umstehenden Diener. Statt dessen trat er plötzlich auf seinen Vetter zu und ergriff dessen Hand.

„Nun, das wird sich ja finden. Aber jetzt geh, Oswald, und kleide Dich sofort um! Hörst Du, auf der Stelle! Du darfst keine Minute länger in den nassen Kleidern bleiben, wenn ich mir nicht ernstlich Vorwürfe machen soll. Thu' es mir zu Liebe; wir warten jedenfalls bei Tisch auf Dich.“

„Edmund, ich warte auf Dich, klang die Stimme der Gräfin in unverkennbarer Schärfe.

„Im Augenblick, Mama! Eberhard, leuchten Sie Herrn von Ettersberg und sorgen Sie unverzüglich für trockene Kleider!“

Mit diesen Worten reichte er seiner Mutter den Arm, um sie hinaufzuführen. Oswald hatte die so herzlich kundgegebene Sorgfalt mit keiner einzigen Silbe beantwortet. Er blickte den Beiden einige Secunden lang nach und nahm dann dem alten Diener, der soeben herantrat, den Armleuchter aus der Hand.

„Es ist gut, Eberhard. Ich finde den Weg schon allein. Sehen Sie nach meinem Koffer!“

Damit trat er in den nur schwach erleuchteten Corridor, der nach dem Seitenflügel des Schlosses führte. Die Kerzen warfen ihren hellen Schein auf das Gesicht des jungen Mannes, das jetzt, wo er sich allein sah, seinen gleichgültige Ausdruck verloren hatte. Die Lippen waren fest auf einander gepreßt, die Brauen finster zusammengezogen, und ein Ausdruck fast des Hasses entstellte seine Züge, als er halblaut murmelte:

„Wann endlich werde ich frei werden?“




Das Geschlecht der Grafen von Ettersberg war ursprüglich ein großes und weitverzweigtes gewesen, aber im Laufe der Jahre hatten der Tod oder die Vermählung der weiblichen Mitglieder einen Zweig nach dem andern abgelöst, und gegenwärtig existirten außer der verwittweten Gräfin, die in Ettersberg lebte, nur noch zwei Vertreter des Namens, Graf Edmund, der jetzige Majoratsherr, und sein Vetter Oswald.

Der Letztere theilte das Schicksal aller jüngeren Söhne in den Familien, wo die Güter ausschließlich Majorat sind. Ohne jedes Vermögen, war er gänzlich auf die Abhängigkeit von dem Chef des Hauses angewiesen, wenigstens so lange, bis ihm eine eigene Lebensstellung zu Theil wurde. Freilich war das nicht immer so gewesen – im Gegentheil, seit seiner Geburt ward er von seinen Eltern als der voraussichtliche Majoratserbe begrüßt. Das damalige Haupt der Familie, Edmund's Vater, war kinderlos und erst in vorgerücktem Alter Wittwer geworden; sein einziger Bruder, der bedeutend jünger war und in der Armee diente, konnte sich also mit Fug und Recht als dereinstigen Erben betrachten. Es galt ihm deshalb auch als besonderes Glück, als ihm nach längerer Ehe, die bisher nur mit früh verstorbenen Töchtern gesegnet war, ein Sohn geboren wurde. Auch der Oheim begrüßte dieses Ereigniß, das die Zukunft seines Hauses sicherte, mit großer Freude, und die Aussichten des kleinen Oswald während seiner ersten Lebensjahre waren die glänzendsten.

Da trat eine ganz unerwartete Schicksalswendung ein. Der mehr als sechszigjährige Graf Ettersberg führte ein zwanzigjähriges Mädchen als zweite Frau zum Altar. Die junge Gräfin war sehr schön, aber sie stammte aus gänzlich verarmter, wenn auch edler Familie. Es hieß damals, ihre Familie habe Alles aufgeboten, um die glänzende Partie zu ermöglichen, die allerdings die Herzensbedürfnisse eines jungen Mädchens nicht befriedigen konnte, um so weniger, als, wie allgemein behauptet wurde, das Band einer schon bestehenden Neigung durch jene Werbung jäh und plötzlich zerrissen worden war. Ob dabei von Seiten der Verwandten Zwang oder nur Ueberredung vorwaltete, das wußte Niemand; jedenfalls willigte die junge Dame in die Verbindung, die ihr eine vielbeneidete Lebensstellung gab. Der alte Graf Ettersberg erlag so vollständig dem Zauber dieser so spät auflodernden Leidenschaft, daß er alles Andere darüber vergaß, und als er nun vollends das kaum mehr erhoffte Glück hatte, einen Majoratserben in seinen Armen zu halten, da war die Herrschaft der schönen und klugen Frau vollständig gesichert.

Es war begreiflich, daß der jüngere Bruder diese vollständige Vernichtung seiner Aussichten sehr peinlich empfand, und ebenso begreiflich, daß er seiner Schwägerin keine besondere Freundschaft entgegenbrachte. Das ehemals herzliche Verhältniß zwischen den Brüdern machte der Kälte und Entfremdung Platz, die bis zum Tode des jüngeren andauerte. Er und seine Gattin starben rasch hinter einander, und der verwaiste Knabe kam in das Haus des Oheims, wo er gemeinschaftlich mit dem jungen Majoratserben erzogen wurde.

Aber auch der alte Graf Ettersberg überlebte den Bruder nicht lange. In seinem Testamente hatte er Sohn und Neffen der Vormundschaft seines Schwagers, des Bruders seiner Gemahlin übergeben, welcher der Schwester denn auch überall zur Seite stand, wo eine männliche Vertretung nothwendig war.

Im Uebrigen aber sicherte jenes Testament der Gräfin die vollste Freiheit und Selbstständigkeit aller Verfügungen, und sie leitete auch selbst die Verwaltung der Familiengüter und die Erziehung der beiden Knaben.

Jetzt war die letztere vollendet; Graf Edmund hatte während des Winters, in Begleitung seines Vetters, eine längere Reise nach Frankreich und Italien unternommen und war nunmehr zurückgekehrt, um sich mit der Verwaltung seiner Güter vertraut zu machen, die er bei seiner bevorstehenden Mündigkeit selbst übernehmen sollte, während Oswald sich darauf vorbereitete, in den Staatsdienst zu treten. – –

Es war am Morgen nach der Ankunft der beiden jungen Männer. Das Wetter hatte sich aufgehellt, aber die Landschaft bot noch einen völlig winterlichen Anblick. In ihrem Wohnzimmer befand sich die Gräfin allein mit ihrem Sohne. Die Dame hatte sich, obgleich sie bereits in der Mitte der Vierzig stand, doch ihre einst so blendende Schönheit noch größtentheils zu bewahren gewußt. Man hätte in dieser imposanten, aber noch beinahe jugendlichen Erscheinung schwerlich die Mutter eines vierundzwanzigjährigen Sohnes vermuthet, um so weniger, als kein einziger Zug auf eine Aehnlichkeit zwischen ihnen hindeutete. Edmund mit seinen dunklen Haaren und Augen, mit dem sprudelnden, feurigen Uebermuth, der sich in jedem Worte, in jeder Bewegung kundgab, war der directe Gegensatz zu seiner schönen ernsten Mutter, deren hellblondes Haar und blaue Augen mit der kühlen Ruhe harmonirten, die ihr gewöhnlich eigen war und die nur dem Lieblinge gegenüber einem wärmeren Ausdruck Platz machte.

Der junge Graf schien soeben eine Beichte abgelegt zu haben über das, was Oswald seine „Tollheiten“ nannte, aber es mußte ihm wohl nicht allzu schwer geworden sein, Verzeihung zu erlangen; denn die Mutter schüttelte zwar den Kopf, aber der Ton klang weit mehr zärtlich, als vorwurfsvoll, in dem sie sagte:

„Du Wildfang! Es ist Zeit, daß ich Dich wieder in meine Obhut nehme. Du scheinst in der schrankenlosen Freiheit da draußen den mütterliche Zügel arg gelockert zu haben. Wirst Du ihn denn jetzt wieder ertragen?“

„Von Deiner Hand – immer!“ versicherte Edmund, ihre Hand innig an die Lippen drückend, dann aber, sofort wieder in seinen alten übermüthigen Ton fallend, setzte er hinzu: „Ich habe es dem Oswald vorhergesagt, daß mein Urtheil auf Gnade lauten würde. Ich kenne meine Mama.“

Das Gesicht der Gräfin verfinsterte sich.

„Oswald scheint seiner Pflicht sehr wenig nachgekommen zu sein,“ entgegnete sie, „das ersah ich schon aus Deinen Briefen. Als der Aeltere und Besonnenere sollte er Dir zur Seite stehen; statt dessen ließ er Dich überall allein, wo er nicht unbedingt folgen mußte. Wenn Deine eigene Natur Dich nicht davor bewahrt hätte, mehr als bloße Thorheiten zu begehen, er hätte es sicher nicht gethan.“

„Nun, gepredigt hat er genug,“ sagte Edmund. „Es war schließlich meine Schuld, wenn ich nicht darauf hörte. Aber jetzt vor allen Dingen eine Frage, Mama! Weshalb ist Oswald in den Seitenflügel verbannt worden?“

„Verbannt? Welch ein Ausdruck! Du hast ja die Aenderungen [319] gesehen, die ich in Deinen Zimmern vorgenommen habe. Gefällt Dir die neue Einrichtung nicht?“

„Ja, aber –“

„Es ist nothwendig, daß Du jetzt eine eigene Wohnung erhältst,“ schnitt die Gräfin ihrem Sohne das Wort ab. „Wenn Du als Majoratsherr Deine Güter übernimmst, kannst Du nicht wie bisher die gleichen Zimmer mit Deinem Vetter theilen. Er wird das selbst einsehen.“

„Es war aber nicht nöthig, ihn deshalb in den alten Bau zu weisen, der nur in Ausnahmefällen benutzt wird,“ warf Edmund ein. „Es sind im Hauptgebäude Zimmer genug zur Verfügung. Deine Anordnung hat Oswald verletzt; ich sah es ganz deutlich. Nimm sie zurück – ich bitte Dich.“

„Das kann ich nicht, ohne mich vor der ganzen Dienerschaft lächerlich zu machen,“ sagte die Gräfin in sehr bestimmtem Tone. „Wenn Du es meinem ausdrücklich gegebenen Befehle gegenüber thun willst, so steht es Dir frei.“

„Mama!“ rief der junge Graf unwillig. „Du weißt ja, daß ich nie in Deine Beschlüsse eingreife. Aber die Aenderung hätte für jetzt wohl unterbleiben können; Oswald verläßt uns ja ohnehin in einigen Monaten.“

„Ja, im Herbste! Bis dahin wird mein Bruder die nöthigen Schritte thun, um ihm den Eintritt in den Staatsdienst zu öffnen.“

Edmund sah zu Boden.

„Ich glaube, Oswald hat andere Zukunftspläne,“ sagte er mit einem gewissen Zögern.

„Andere Zukunftspläne?“ wiederholte die Gräfin. „Ich will doch nicht hoffen, daß er uns zum zweiten Male Ungehorsam entgegensetzt. Damals, als es sich um seine Bestimmung für die Armee handelte, hast Du allein mir die Nachgiebigkeit abgezwungen. Du warst ja wie immer auf seiner Seite. Ich habe ihm den damaligen Trotz noch heute nicht vergeben.“

„Es war kein Trotz,“ vertheidigte Edmund. „Nur die Ueberzeugung Oswald's, daß er als Officier und Vertreter eines altadeligen Namens nicht in der Armee existiren konnte, ohne dauernd meine Beihülfe in Anspruch zu nehmen.“

„Die Du ihm doch wohl überreichlich gewährt hättest.“

„Die er aber um keinen Preis annehmen will. Er besitzt nun einmal einen unbeugsamen Stolz.“

„Sage lieber einen unbändigen Hochmuth,“ fiel die Gräfin ein. „Ich kenne das; ich habe damit zu kämpfen gehabt von dem Tage an, wo er in unser Haus kam. Wäre es nicht die ausdrückliche, testamentarische Bestimmung meines Gemahls gewesen, daß er Deine ganze Erziehung, all Deine Studien und Reisen theilen sollte, ich hätte Dich nie so ausschließlich in seiner Gesellschaft gelassen. Mir war er nie sympathisch. Ich ertrage nun einmal nicht diese kalten, spürenden Augen, die immer wachsam, immer auf der Lauer sind, denen nichts verborgen bleibt, und wäre es das Geheimste.“

Edmund lachte laut auf.

„Aber Mama, Du machst ja einen förmlichen Criminalisten aus Oswald. Er ist allerdings ein ungewöhnlich scharfer Beobachter, das hört man an seinen gelegentlichen Bemerkungen über Menschen und Verhältnisse, an denen Anderen nicht das Geringste auffällt. Hier in Ettersberg kann er das doch aber nicht geltend machen; wir haben ja Gott sei Dank keine Geheimnisse.“

Die Gräfin beugte sich über die auf dem Tische liegenden Papiere und schien irgend etwas darin zu suchen.

„Gleichviel! Ich habe Deine blinde Vorliebe nie begriffen. Du mit Deiner warmen, offenen Natur, die sich immer voll und ganz giebt, und Oswald's eisige Verschlossenheit! Ihr paßt zusammen wie Wasser und Feuer.“

„Vielleicht ziehen wir uns gerade deswegen gegenseitig an,“ scherzte Edmund. „Oswald ist nicht liebenswürdig – das gebe ich zu, und gegen mich ist er es nun vollends nicht. Trotzdem zieht es mich immer wieder zu ihm, und er hat mich gleichfalls lieb – das weiß ich.“

„Meinst Du?“ fragte die Gräfin kalt. „Da täuschest Du Dich entschieden. Oswald gehört zu den Naturen, welche diejenigen hassen, von denen sie Wohlthaten annehmen müssen. Er hat es mir nie vergeben, daß meine Vermählung seine und seines Vaters Aussichten vernichtete, und Dir verzeiht er es nicht, daß Du zwischen ihm und dem Majorate stehst. Ich kenne ihn besser als Du.“

Edmund schwieg; er wußte aus Erfahrung, daß seine Vertheidigung die Sache nur verschlimmerte; denn hier sprach die mütterliche Eifersucht mit, die sich jedesmal regte, so oft der Sohn seine Zuneigung zu dem Vetter und Jugendgefährten offen eingestand. Die Fortsetzung des Gespräches verbot sich überdies von selbst, da der Gegenstand desselben eintrat.

Oswald's Begrüßung war ebenso förmlich und die Antwort der Gräfin ebenso kühl, wie gestern Abend; welcher Art ihre Empfindungen dem Neffen gegenüber auch sein mochten, die Förmlichkeit dieses Morgengrußes und der Erkundigung nach dem Befinden der Tante wurde ihm nie erlassen. Für diesmal gab die eben vollendete Reise Anlaß zu einem längeren Gespräche. Edmund schilderte einige Erlebnisse derselben; Oswald ergänzte und vervollständigte und so kam es, daß der Besuch, der sich sonst immer nur auf wenige Minuten beschränkte, über eine Viertelstunde dauerte.

„Ihr habt Euch Beide verändert während der sechs Monate,“ sagte die Gräfin endlich. „Du besonders, Edmund, siehst mit Deinem jetzt so dunklen Teint vollständig wie ein Südländer aus.“

„Ich bin auch oft genug dafür gehalten worden,“ entgegnete Edmund. „In dieser Hinsicht habe ich leider gar nichts geerbt von meiner schönen blonden Mama.“

Die Mutter lächelte.

„Nun, ich dächte, Du könntest zufrieden sein mit dem, was Dir die Natur gegeben hat. Mir gleichst Du allerdings nicht, eher Deinem Vater.“

„Dem Onkel? Schwerlich!“ warf Oswald ein.

„Wie willst Du das beurtheilen?“ fragte die Gräfin etwas gereizt. „Du und Edmund, Ihr waret ja noch Knaben, als mein Gemahl starb.“

„Nein, Mama, gieb Dir keine Mühe, irgend eine Aehnlichkeit zu entdecken,“ fiel Edmund ein. „Ich erinnere mich des Papa freilich nur noch dunkel, aber wir haben ja sein lebensgroßes Bild, das ihn im kräftigsten Alter darstellt. Ich habe auch nicht einen einzigen Zug von ihm, und das ist eigentlich wunderbar; denn gerade in unserem Geschlechte pflegen die Familienzüge besonders stark ausgeprägt zu sein. Sieh Dir Oswald an! Das ist ein Ettersberg vom Scheitel bis zur Sohle. Der gleicht Zug um Zug den alten Familienportraits drüben im Saale, bei denen sich von Generation zu Generation immer dieselben Linien wiederholen. Der Himmel weiß es, weshalb ich allein dieser historischen Aehnlichkeit nicht gewürdigt worden bin. – Was siehst Du mich so an, Oswald?“

Das Auge des jungen Mannes lag allerdings scharf und prüfend auf dem Gesichte seines Vetters.

„Ich finde, daß Du Recht hast,“ entgegnete er. „Du hast auch nicht einen einzigen Ettersberg'schen Zug.“

„Das ist nun wieder eine von Deinen gewagten Behauptungen,“ sagte die Gräfin in scharf zurechtweisendem Tone. „Solche Familienzüge fehlen in der Jugend oft ganz und treten im späteren Alter um so deutlicher hervor. Das wird auch bei Edmund der Fall sein.“

Der junge Graf schüttelte lachend den Kopf. „Ich glaube kaum. Ich bin nun einmal gänzlich aus der Art geschlagen und frage mich oft, wie ich mit meinem brausenden, leicht beweglichen Blute, diesem Leichtsinne und Uebermuthe, um deren willen mir fortwährend der Text gelesen wird, in dieses Geschlecht gerathen bin, das von jeher so verzweifelt ernsthaft und verständig und nebenbei ein wenig langweilig und schwerfällig gewesen ist. Oswald würde sich weit besser zum Chef desselben eignen, als ich.“

„Edmund!“ rief die Gräfin zürnend. Man wußte nicht, galt der Ausruf der letzten Behauptung oder dem leichtsinnigen Ausfalle auf die Vorfahren.

„Ja so,“ sagte Edmund etwas beschämt. „Ich bitte die Schatten meiner Ahnen um Verzeihung. Du siehst es ja, Mama, ich habe leider nichts von ihren hundertjährigen Vortrefflichkeiten geerbt, nicht einmal die Verständigkeit.“

„Ich glaube, die Tante meinte etwas Anderes,“ sagte Oswald ruhig.

Die Gräfin preßte die Lippen zusammen. Ihr Gesicht zeigte, daß sie wieder einmal den vollsten Widerwillen gegen die „kalten, spürenden Augen“ empfand, die jetzt auf ihr ruhten.

„Laßt doch endlich den Streit über die Familienähnlichkeiten!“ sagte sie abbrechend. „Die Tradition weist da mindestens [320] ebenso viele Ausnahmen wie Regeln auf. – Oswald, ich wünsche, daß Du einmal diese Papiere durchsiehst. – Du bist ja auch Jurist. Unser Rechtsanwalt scheint den Ausgang der Sache für zweifelhaft zu halten, ich hoffe aber, Edmund ist meiner Meinung, daß wir sie bis auf’s Aeußerste verfolgen müssen.“

Damit schob sie die auf dem Tische liegenden Papiere ihrem Neffen hin, der einen flüchtigen Blick hineinwarf.

„Ah so! Es handelt sich um den Proceß gegen den Oberamtsrath Rüstow auf Brunneck.“

„Mein Gott, ist die Geschichte noch nicht zu Ende?“ fragte Edmund. „Der Proceß wurde ja schon eingeleitet, ehe wir abreisten.“

Oswald lächelte etwas spöttisch. „Du scheinst einen eigenthümlichen Begriff von der Dauer solcher gerichtlichen Proceduren zu haben. Das kann jahrelang währen. Wenn Du erlaubst, Tante, so nehme ich die Papiere mit in mein Zimmer, um sie dort durchzusehen, wenn nicht Edmund vorher –“

„Nein, mich verschont mit dergleichen!“ wehrte der Graf ab. „Ich habe die Geschichte schon halb und halb wieder vergessen. Dieser Rüstow hat ja wohl die Tochter des Onkels Franz geheirathet und erhebt nun Ansprüche auf Dornau, das der Onkel mir in seinem Testamente vermacht hat?“

„Und mit vollem Rechte,“ ergänzte die Gräfin, „denn jene Heirath fand wider seinen ausdrücklichen Willen statt. Seine Tochter hat durch ihre Mesalliance mit ihm und der gesammten Familie gebrochen. Es war natürlich, daß er sie vollständig enterbte, und ebenso natürlich, daß er, da keine näheren Verwandten existiren, Dornau dem Majoratsbesitz unserer Familie hinzufügen wollte, also Dir vermachte.“

Auf der Stirn Edmund’s zeigte sich eine leichte Wolke bei dieser Auseinandersetzung.

„Das mag sein, aber mir ist die ganze Sache peinlich. Was brauche ich als Herr von Ettersberg nach dem Besitze von Dornau zu fragen? Ich komme mir da wie ein Eindringling in fremde Rechte vor, die doch nun einmal trotz aller Familienzerwürfnisse und Testamente den directen Erben zustehen. Ich würde am liebsten sehen, wenn irgend ein Vergleich geschlossen würde.“

„Das ist unmöglich,“ sagte die Gräfin mit Bestimmtheit. „Die Schroffheit Rüstow’s hat der Sache von vornherein eine Wendung gegeben, die jeden Vergleich ausschließt. Die Art, wie er das Testament anfocht und gegen Dich, den erklärten Erben, auftrat, war förmlich beleidigend und machte jede Nachgiebigkeit unsererseits zu einer unverzeihlichen Schwäche. Ueberdies hast Du kein Recht, die ausdrückliche Willensmeinung unseres Verwandten umzustoßen. Er wollte nun einmal diese 'Frau Rüstow' gänzlich von der Erbschaft ausgeschlossen wissen.“

„Sie ist aber doch auch schon seit Jahren todt,“ warf Edmund ein. „Und ihr Mann ist doch in keinem Falle erbberechtigt.“

„Nein, aber er erhebt die Ansprüche im Namen seiner Tochter.“

Die beiden jungen Männer blickten gleichzeitig auf; Edmund fuhr wie elektrisirt in die Höhe.

„Seiner Tochter? Er hat also eine Tochter?“

„Gewiß! Ein achtzehnjähriges Mädchen, so viel ich, weiß.“

„Und diese junge Dame und ich sind also die beiden feindlichen Erbschaftsprätendenten?“

„Allerdings! Aber was interessirt Dich denn auf einmal so an der Sache?“

„Victoria, ich habe es!“ rief Edmund. „Oswald, das ist unsere reizende Bekanntschaft von gestern. Deshalb also fand sie das Zusammentreffen so unbeschreiblich komisch; deshalb verweigerte sie uns den Namen; daher die Hindeutung auf die Beziehungen zwischen uns – es trifft Alles zu, Wort für Wort. Es ist gar kein Zweifel möglich.“

„Willst Du mir denn nicht endlich sagen, was das alles zu bedeuten hat?“ fragte die Gräfin, welche diese Lebhaftigkeit sehr unpassend zu finden schien.

„Gewiß, Mama, auf der Stelle! Wir lernten gestern eine junge Dame kennen, oder vielmehr ich lernte sie kennen; denn Oswald kümmerte sich wie gewöhnlich gar nicht darum. Ich that es aber für uns Beide“ – und nun begann der junge Graf das gestrige Abenteuer mit allen Einzelnheiten zu erzählen, mit unverkennbarem Triumphe darüber, daß er seine schöne Unbekannte entdeckt hatte, und mit der sprudelndsten Laune. Trotzdem gelang es ihm nicht, ein Lächeln auf dem Gesichte seiner Mutter hervorzurufen. Sie hörte schweigend zu, und als er mit einer sehr enthusiastischen Schilderung endigte, sagte sie sehr kühl und gemessen:

„Du scheinst diese Begegnung als ein Vergnügen zu betrachten. Mir an Deiner Stelle wäre sie peinlich gewesen. Es ist nicht angenehm, mit Personen zusammenzutreffen, denen man feindlich gegenübersteht.“

„Feindlich?“ rief Edmund. „Einer Dame von achtzehn Jahren stehe ich nie feindlich gegenüber, und dieser nun vollends nicht, und wenn sie Ettersberg selbst beanspruchte. Ich würde ihr mit Vergnügen ganz Dornau zu Füßen legen, wenn –“

„Ich bitte mir aus, Edmund, daß Du die Sache nicht mit diesem Leichtsinn behandelst,“ fiel ihm die Gräfin in das Wort. „Ich weiß, Du liebst dergleichen Thorheiten, wo es sich aber um ernste Dinge handelt, müssen sie zurückstehen, und diese Angelegenheit ist ernster Natur. Der Proceß wird von Seiten der Gegenpartei mit einer Erbitterung und Rücksichtslosigkeit geführt, die jede persönliche Berührung ausschließt. Ich hoffe, Du wirst das einsehen und etwaige fernere Begegnungen mit aller Entschiedenheit vermeiden. Ich erwarte das mit Bestimmtheit.“

Damit erhob sie sich, und um dem Sohne ja keinen Zweifel über ihre völlige Ungnade zu lassen, verließ sie das Zimmer.

Der junge Majoratsherr, dessen Stellung die Mutter bei jeder Gelegenheit betonte, schien gleichwohl noch sehr unter dem mütterlichen Scepter zu stehen; denn er wagte kein Wort der Erwiderung, obgleich der Proceß im Grunde doch nur ihn allein anging.

[333] „Das war zu erwarten, sagte Oswald, als die Thür sich geschlossen hatte. „Weshalb hast Du Deine Vermuthung nicht verschwiegen?“

„Konnte ich denn wissen, daß sie so ungnädig aufgenommen werden würde? Das scheint ja eine förmliche Feindschaft mit diesem Rüstow zu sein. Aber das thut nichts, deshalb gehe ich doch nach Brunneck.“

Oswald ließ plötzlich die Papiere sinken, mit deren Durchblättern er beschäftigt war.

„Du willst doch nicht etwa dem Oberamtsrath einen Besuch machen?“

„Gewiß will ich das! Glaubst Du, ich werde diese reizende Bekanntschaft aufgeben, weil unsere beiderseitigen Advocaten einen Proceß führen, der mir im Grunde höchst gleichgültig ist? Im Gegentheil, ich werde die Gelegenheit benutzen, um mich meiner schönen Gegnerin als Feind und Widersacher vorzustellen. In den nächsten Tagen reite ich hinüber.“

„Der Oberamtsrath wird Dich zur Thür hinauswerfen,“ bemerkte Oswald trocken. „Er ist in der ganzen Gegend bekannt wegen seiner unendlichen Grobheit.“

„Dann bin ich um so höflicher! Dem Vater einer solchen Tochter nehme ich überhaupt gar nichts übel, und schließlich wird auch dieser Bär irgend eine menschliche Seite haben. Sieh doch nicht so finster aus, Oswald! Bist Du etwa eifersüchtig? Dann steht es Dir ja frei, mit mir hinüberzureiten und selbst Dein Glück zu probiren.“

„Verschone mich doch mit solchen Possen!“ sagte Oswald kurz, indem er sich erhob und an das Fenster trat. Es lag in der Bewegung und in dem Tone etwas wie mühsam verhaltene Gereiztheit.

„Meinetwegen! Aber noch Eines!“ Das Gesicht des jungen Grafen wurde plötzlich ernst, während er einen bedenklichen Blick nach der Thür des Nebenzimmers warf. „Halte vorläufig noch zurück mit Deinen Zukunftsplänen! Der Boden ist jetzt nicht günstig dafür. Ich wollte vorbeugen und Dir die unvermeidliche Erklärung erleichtern, es zog aber ein solcher Sturm heran, daß ich es vorzog, meine Mitwissenschaft zu verschweigen.“

„Wozu das? Die Sache muß doch nächstens zwischen mir und der Tante zur Sprache kommen. Ich sehe also nicht ein, wozu ein Aufschub nützen soll.“

„Nun, acht Tage lang wirst Du doch wenigstens noch schweigen können?“ rief Edmund ärgerlich. „Ich habe jetzt ganz andere Dinge im Kopfe und gar keine Lust, wieder fortwährend als Friedensengel zwischen Dir und meiner Mutter zu stehen.“

„Habe ich Dich schon darum ersucht?“ fragte Oswald so herb und abweisend, daß der Graf auffuhr.

„Oswald, das geht zu weit. Ich bin es freilich gewohnt, von Dir stets in dieser Weise zurückgewiesen zu werden, aber ich begreife wirklich nicht, warum ich von Dir allein ertrage, was ich keinem Anderen verzeihen würde.“

„Weil Du in mir den Unterdrückten, den Abhängigen siehst, und Dich zur Großmuth verpflichtet fühlst gegen den – armen Verwandten.“

Es sprach eine so grenzenlose Bitterkeit aus diesen Worten, daß Edmund's Heftigkeit sofort verschwand.

„Du bist gereizt,“ sagte er begütigend, „und mit Recht. Aber weshalb läßt Du mich den gestrigen Vorfall entgelten? Ich trage doch keine Schuld daran. Du weißt, ich kann der Mama nun einmal nicht ernstlich entgegentreten, auch wenn ich entschieden anderer Meinung bin. In diesem Falle aber wird sie nachgeben; denn entweder werden Deine Zimmer morgen wieder neben den meinigen eingerichtet oder – ich ziehe selbst in den Seitenflügel und quartiere mich bei Dir ein, trotz Staub und Fledermäusen.“

Der bittere Ausdruck in Oswald's Zügen verschwand, und seine Stimme klang milder, als er entgegnete:

„Du wärst im Stande dazu. Aber laß das, Edmund! Es kommt wirklich nicht darauf an, wo ich die wenigen Monate meines Hierseins zubringe. Die Erkerwohnung ist sehr ruhig, ganz zum Studium geeignet. Ich bin weit lieber dort, als hier in Eurem Schlosse.“

„In Eurem Schlosse!“ wiederholte Edmund empfindlich. „Als ob es nicht von jeher auch Deine Heimath gewesen wäre! Aber Du suchst förmlich etwas darin, Dich fremd zu uns zu stellen. Oswald, Du trägst auch einen großen Theil der Schuld an dem peinlichen Verhältniß, das zwischen Dir und meiner Mutter besteht. Du hast ihr nie Zuneigung, nie auch nur Fügsamkeit entgegengebracht. Kannst Du Dich denn nicht überwinden?“

„Wo eine blinde Unterwerfung gefordert wird, wenn es sich um meine ganze Zukunft handelt – nein!“

„Nun, dann haben wir nächstens wieder eine Familienscene zu erwarten!“ sagte Edmund mit sichtlicher Verstimmung. „Du willst also durchaus keine Aenderung der Zimmer?“ [334] „Nein.“

„Wie es Dir beliebt! Adieu!“

Er ging nach der Thür, hatte sie aber noch nicht erreicht, als Oswald rasch aus der Fensternische hervortrat und ihm folgte.

„Edmund!“

„Nun?“ fragte dieser, indem er stehen blieb.

„Ich bleibe auf jeden Fall im Seitenflügel, aber – ich danke Dir.“

Der junge Graf lächelte.

„Wirklich? Das klingt ja fast wie Abbitte. Ich glaubte gar nicht, daß Du so warm denken könntest. Oswald –“ er legte plötzlich mit vollster Herzlichkeit den Arm um die Schulter seines Vetters – „ist es wahr, daß Du mich hassest, weil das Schicksal mich zum Majoratserben gemacht hat, weil ich zwischen Dir und der Herrschaft in Ettersberg stehe?“

Oswald sah ihn an. Es war wieder jener seltsame durchdringende Blick, der in den Zügen des jungen Erben irgend etwas zu suchen schien, diesmal aber ging das Forschen unter in einem Strahl warmer, voller Empfindung, die sich durch alles Andere hindurch Bahn brach.

„Nein, Edmund!“ war die feste, ernste Antwort.

„Ich wußte es ja,“ rief Edmund. „Und nun wollen wir die Mißverständnisse ruhen lassen! Was aber unsere Reisebekanntschaft betrifft, so sage ich es Dir voraus, ich werde meine ganze, so oft gerühmte Liebenswürdigkeit zusammennehmen, um in Brunneck Effect zu machen, trotz Deines finsteren Gesichtes und trotz der Ungnade meiner Mutter. Und ich werde Effect machen – verlaß Dich darauf!“

Damit ergriff er den Vetter beim Arm und zog ihn lachend mit sich fort.




Brunneck, das Eigenthum des Oberamtsrath Rüstow, lag nur zwei Stunden von Ettersberg entfernt und war schon seit einer Reihe von Jahren in den Händen seines jetzigen Besitzers. Es war ein bedeutendes, umfangreiches Gut, mit mehreren Vorwerken und ausgedehnten Betriebsanlagen. Der Oberamtsrath galt als Landwirth für eine Autorität ersten Ranges, und da er überdies Besitzer eines der schönsten Rittergüter der Provinz war, so war seine Stellung in der Umgegend eine sehr einflußreiche. Mit der großen Ettersberg’schen Herrschaft konnte sich Brunneck freilich nicht messen, dennoch wurde allgemein behauptet, daß der Reichthum Rüstow’s dem seiner gräflichen Nachbarn nichts nachgebe. Die wirthschaftlichen Anlagen, die er auf seinem Gute geschaffen und mit rastloser Thätigkeit noch immer vermehrte, hatten sich im Laufe der Zeit vorzüglich bewährt und ließen sein Vermögen immer bedeutender anwachsen, während in Ettersberg die Bewirthschaftung fast gänzlich in den Händen der Beamten lag und überhaupt in einer so vornehm sorglosen Weise geführt wurde, daß von einer wirklich nutzbringenden Verwerthung der Güter kaum die Rede sein konnte.

Wie schon erwähnt, waren die beiden Familien mit einander verschwägert, aber diese Beziehung wurde von beiden Seiten mit der gleichen Hartnäckigkeit und Erbitterung ignorirt. In seiner jetzigen Stellung hätte der Oberamtsrath es wohl eher wagen dürfen, um die Hand eines Fräulein von Ettersberg zu werben. Damals freilich, vor mehr als zwanzig Jahren, war der junge Landwirth, der sich in Dornau mit seinem Berufe vertraut machen sollte und dem für die eigene Zukunft nur ein sehr bescheidenes Vermögen zur Seite stand, keine passende Partie für die Tochter des Hauses gewesen, aber die Liebe der jungen Leute fragte nicht nach Vorurtheilen und Hindernissen.

Als man sie mit voller Härte trennte, als alle Bitten, alle Kämpfe sich als nutzlos erwiesen, wußte Rüstow seine Braut, die inzwischen mündig geworden war, zu einem entscheidenden Schritte zu bestimmen. Sie verließ das elterliche Haus und die Trauung fand, zwar wider den Willen des Vaters, aber in aller Form statt. Das junge Paar hoffte wohl, daß, wenn der Schritt einmal unwiderruflich gethan sei, die Verzeihung folgen werde, aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Weder die wiederholten Annäherungs- und Versöhnungsversuche der jungen Frau, noch die Geburt einer Enkelin, noch selbst die Veränderung in den Verhältnissen Rüstow’s, der sich ungemein rasch zu Stellung und Reichthum emporarbeitete, vermochten es, den Zorn des Vaters zu besänftigen. Er stand allzu sehr unter dem Einfluß seiner Verwandten, und diese verabscheuten nun einmal die bürgerliche Heirath und bestärkten ihn immer wieder in seiner Härte.

Frau Rüstow starb, ohne daß eine Versöhnung erfolgt war, und mit ihrem Tode hörte überhaupt jede Möglichkeit dazu auf. Ihr Gatte hatte von jeher die vollste Abneigung gegen eine Familie bekundet, die seinen Stolz und sein Selbstgefühl so tief verletzte. Nur aus Liebe zu seiner Frau hatte er die Versöhnungsversuche überhaupt geduldet und jetzt, wo diese Rücksicht fortfiel, stellte er sich seinem Schwiegervater und dessen ganzer Verwandtschaft mit einer Schroffheit und Feindseligkeit gegenüber, die jede Beziehung ausschloß. Die Folge davon war jenes Testament, das mit vollständiger Uebergehung der Enkelin und ohne ihrer und ihrer Mutter auch nur zu erwähnen, Dornau dem Majoratsbesitze der Familie zusprach. Dieses Testament nun wurde von Rüstow angefochten, der gegen das völlige Ignoriren seiner Ehe protestirte und seine Tochter als rechtmäßige Erbin ihres Großvaters anerkannt wissen wollte. Ganz aussichtslos war dieser Proceß nicht; denn der Verstorbene hatte es unterlassen, die Enterbung ausdrücklich auszusprechen. Er hatte sich damit begnügt, die Enkelin einfach als nicht existirend anzusehen, und demgemäß über sein Vermögen verfügt. Dies und einige Formfehler, die sich noch nachträglich herausstellten, machten das Testament in der That anfechtbar. Jedenfalls war der Ausgang der Sache sehr ungewiß, und die Advocaten der beiden Parteien hatten volle Gelegenheit, ihren Scharfsinn daran zu üben.

Das Herrenhaus von Brunneck war weder so weitläufig noch so imposant, wie das gräfliche Schloß zu Ettersberg, aber das geräumige und alterthümliche Gebäude machte dennoch einen höchst stattlichen Eindruck. In der inneren Einrichtung war zwar jeder Luxus vermieden, aber sie entsprach doch vollständig der Stellung und dem Vermögen des Besitzers.

In dem großen Balkonzimmer, wo sich die Familie gewöhnlich zusammenfand, saß heute eine Dame, mit der Durchsicht einiger Haus- und Wirthschaftsrechnungen beschäftigt. Es war eine ältere Verwandte des Gutsherrn, welche seit dem vor acht Jahren erfolgten Tode seiner Frau dem Haushalte vorstand und bei seiner Tochter Mutterstelle vertrat. Sie beugte sich über die Rechnungen und machte einige Notizen, als die Thür hastig geöffnet wurde und der Oberamtsrath selbst eintrat.

„Ich wollte, der Kukuk holte sämmtliche Processe, Acten und Gerichte, inclusive der Herren Advocaten!“ rief er und ließ die Thür so rücksichtslos hinter sich in’s Schloß fallen, daß seine Cousine zusammenfuhr.

„Aber Erich, wie können Sie mich wieder so erschrecken! Seit dieser unglückselige Proceß begonnen hat, ist gar nicht mehr mit Ihnen auszukommen. Sie haben nichts Anderes mehr im Kopfe. Können Sie den Ausgang denn nicht geduldig abwarten?“

„Geduldig?“ wiederholte Rüstow mit einem bitteren Auflachen. „Ich möchte den sehen, der da nicht die Geduld verliert! Das ist ein ewiges Hin- und Herziehen, ein ewiges Protestiren und Appelliren. Ueber jeden Buchstaben des Testamentes giebt es Erörterungen, Eingaben, Beweisführung, und dabei ist die Geschichte noch genau auf demselben Fleck, wie vor sechs Monaten.“

Damit warf er sich in einen Sessel. Erich Rüstow war ein Mann in den besten Jahren, dem man es ansah, daß er in seiner Jugend schön gewesen sein mußte. Jetzt freilich waren Stirn und Antlitz tief durchfurcht und trugen deutlich die Spuren all der Sorgen und Erfahrungen eines rastlos thätigen Lebens. Aber die Erscheinung war noch immer eine stattliche und wäre auch anziehend gewesen, wenn nicht ein Zug von Ungestüm, der bei jeder Gelegenheit hervorbrach, jenen Eindruck beeinträchtigt hätte.

„Wo ist Hedwig?“ fragte Erich nach einer kurzen Pause.

„Sie ist vor einer Stunde ausgeritten,“ antwortete die Cousine, die ihre Notizen wieder aufgenommen hatte.

„Ausgeritten? Das hatte ich ihr ja für heute verboten. Bei dem plötzlich eingetretenen Thauwetter sind die Wege grundlos, und oben in den Bergen liegt noch tiefer Schnee.“

„Allerdings, aber Sie wissen ja, daß Hedwig gewöhnlich das Gegentheil von dem thut, was sie soll.“

„Ja, das ist merkwürdig; das thut sie,“ sagte der Gutsherr, der das in der That nur merkwürdig zu finden schien, ohne weiter darüber in Zorn zu gerathen.

[335] „Sie haben das Mädchen in einer zu schrankenlosen Freiheit aufwachsen lassen. Wie oft habe ich Sie gebeten, Hedwig nur für einige Jahre einem Institut anzuvertrauen, aber Sie waren ja nie zu bewegen, sich von ihr zu trennen.“

„Weil ich nicht wollte, daß sie mir und ihrer Heimath entfremdet werden sollte. Ich habe ihr hier in Brunneck Lehrer und Gouvernanten genug gehalten, und sie hat ja auch alles Mögliche gelernt.“

„Gewiß, wenigstens versteht sie es ausgezeichnet, Sie und ganz Brunneck zu tyrannisiren.“

„Predigen Sie nicht fortwährend, Lina!“ sagte Rüstow ärgerlich. „Immer finden Sie an Hedwig etwas zu tadeln. Bald ist sie Ihnen zu oberflächlich, bald nicht tief, nicht gefühlvoll genug. Mir ist sie recht so! Ich will ein frisches, lebensfrohes und lebenslustiges Kind haben, keine empfindsame Dame mit 'Gefühlen' und 'Nerven'.“

Bei den letzten Worten fiel ein etwas anzüglicher Blick auf Fräulein Lina, die ebenso anzüglich erwiderte:

„Ich dächte, dergleichen müßte man sich hier in Brunneck abgewöhnen – dafür sorgen Sie schon hinreichend.“

„Ja, Ihre Nerven sind Ihnen in den acht Jahren glücklich abhanden gekommen,“ versetzte Rüstow mit unverkennbarer Genugthuung. „Aber Gefühle haben Sie noch immer. Wie gefühlvoll waren Sie nicht vorgestern, als Hedwig Ihrem Schützlinge, dem Baron Senden, in aller Form einen Korb gab!“

In dem Gesichte des Fräuleins stieg ein leises Roth des Aergers auf, als sie antwortete:

„Nun, dafür war Hedwig um so gefühlloser. Sie lachte über die Werbung, die jedes andere junge Mädchen doch wenigstens ernst gestimmt haben würde. Der arme Senden! Er war in voller Verzweiflung.“

„Er wird sich trösten,“ meinte Rüstow; „denn erstens glaube ich, daß seine Leidenschaft wie seine Verzweiflung mehr meinem Brunneck als meiner Tochter gilt. Ihre Mitgift käme ihm gerade recht, sein tief verschuldetes Gut zu retten. Zweitens war es seine eigene Schuld, daß er sich einen Korb holte; ein Mann muß wissen, woran er ist, ehe er zu einer bestimmter Erklärung schreitet; und drittens hätte ich die Partie überhaupt nicht zugegeben, denn ich will nicht, daß Hedwig in die Aristokratie heirathet. Ich habe Erfahrungen genug gemacht in meiner eigenen Ehe. Von der ganzen vornehmen Gesellschaft, die uns hier in Brunneck mit ihren Besuchen plagt, bekommt Keiner das Mädchen, kein Einziger, sage ich Ihnen. Ich werde ihr schon selbst einen Mann aussuchen, wenn es Zeit ist.“

„Und Sie glauben wirklich, daß Hedwig darauf warten wird?“ fragte das Fräulein mit leisem Spotte. „Bisher ist ihr noch jeder Freier gleichgültig gewesen, wenn sie aber erst eine Neigung hat, so wird sie gar nicht darnach fragen, ob der Bräutigam der Aristokratie angehört oder nicht, ob sie dabei auch mit etwaigen Principien ihres Vaters in Widerspruch geräth – und Sie, Erich, werden sich dem Willen Ihres Lieblings fügen, wie gewöhnlich.“

„Lina, reizen Sie mich nicht!“ fuhr Rüstow auf. „Sie scheinen zu glauben, daß ich meiner Tochter gegenüber überhaupt gar keinen Willen habe.“

Er war aufgesprungen und sah drohend auf seine Cousine herab, aber diese blickte sehr furchtlos zu ihm auf.

„Nein, gar keinen!“ versetzte sie mit der größten Bestimmtheit, nahm ihre Rechnung zusammen und verließ das Zimmer.

Der Gutsherr war außer sich, vielleicht weil er die Wahrheit der Behauptung nicht ganz in Abrede stellen konnte. Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und fuhr den Diener an, der mit einer Karte in der Hand eintrat.

„Was giebt es denn? Schon wieder ein Besuch?“ damit nahm er die Karte, hätte sie aber beinahe vor Ueberraschung wieder fallen lassen.

„Edmund Graf von Ettersberg! Was soll das heißen?“

„Der Herr Graf wünscht den Herrn Oberamtsrath persönlich zu sprechen,“ berichtete der Diener.

Rüstow sah wieder auf die Karte; da stand klar und deutlich der Name Ettersberg, und so unerklärlich die Sache auch sein mochte, es blieb doch nichts übrig, als den seltsamen Besuch eintreten zu lassen. Der Diener erhielt die Weisung dazu und gleich darauf erschien der junge Graf und begrüßte den ihm bisher gänzlich fremden Gutsherrn mit einer Unbefangenheit und Sicherheit, als sei dieser Besuch etwas ganz Selbstverständliches.

„Herr Oberamtsrath, Sie gestatten wohl, daß ich persönlich die Bekanntschaft meines Gutsnachbars mache? Ich hätte das längst gethan, aber meine Reisen und Studien haben mich meist von Ettersberg entfernt gehalten. Ich war immer nur auf kurze Zeit dort und bin jetzt erst im Stande, das Versäumte nachzuholen.“

Rüstow war im ersten Augenblick noch so verblüfft über diese Art, die bestehenden Verhältnisse zu ignoriren, daß er vorläufig noch gar nicht zum Aerger kam. Er brummte etwas, was wie eine Aufforderung klang, Platz zu nehmen. Edmund that das ganz zwanglos, und da sein Gegenüber keine Neigung zeigte, die Unterhaltung zu beginnen, so übernahm er selbst diese Mühe und begann von den vorzüglichen wirthschaftlichen Anlagen in Brunneck zu sprechen, die kennen zu lernen längst sein Wunsch gewesen sei.

Rüstow hatte inzwischen seinen Gast vom Kopf bis zu den Füßen gemustert und mußte wohl zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß dessen ganze Persönlichkeit mit den vorgeblichen landwirthschaftlichen Interessen sehr wenig übereinstimmte. Er unterbrach daher die Begeisterung Edmund's dafür mit der sehr rücksichtslosen Frage:

„Darf ich fragen, Herr Graf, was mir denn eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft?“

Edmund sah, daß er seine Taktik ändern mußte. Mit bloßen Höflichkeitsphrasen war hier nicht durchzukommen, die vielgerühmte Grobheit des Oberamtsrathes grollte bereits in der Ferne, aber der junge Graf war vollständig darauf vorbereitet und entschlossen, das Feld zu behaupten.

„Sie scheinen mich in meiner Eigenschaft als Gutsnachbar nicht gelten lassen zu wollen,“ sagte er mit dem liebenswürdigsten Lächeln.

„Sie scheinen ganz zu vergessen, daß wir noch etwas Anderes sind als Nachbarn, nämlich Gegner vor Gericht,“ erwiderte Rüstow, der jetzt anfing, gereizt zu werden.

Edmund betrachtete angelegentlich die Reitpeitsche, die er in der Hand hielt.

„Ah, so! Sie meinen den langweiligen Proceß um Dornau?“

„Langweilig? Langwierig wollen Sie wohl sagen. Das scheint er allerdings zu werden. Sie kennen ja doch die Proceßacten so gut wie ich.“

„Nein, die kenne ich nicht,“ gestand Edmund mit der größten Unbefangenheit. „Ich weiß nur, daß es sich um das Testament meines Onkels handelt, das mir Dornau zuspricht und das von Ihnen angefochten wird. Proceßacten? Ja wohl, ich habe auch die Abschriften erhalten, ganze Bände voll, aber angesehen habe ich sie noch nicht.“

„Aber, Herr Graf, Sie führen ja doch den Proceß,“ rief Rüstow, dem diese sorglose Gleichgültigkeit unbegreiflich war.

„Bitte, mein Rechtsanwalt führt ihn,“ protestirte Edmund, „und er meint, ich sei verpflichtet, die Verfügung meines Onkels unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. Ich selbst lege gar keinen so großen Werth auf den Besitz von Dornau.“

„Glauben Sie vielleicht, daß ich es thue?“ fragte Rüstow scharf. „Mein Brunneck wiegt sechs solcher Güter auf, und meine Tochter braucht wahrhaftig nach der Erbschaft ihres Großvaters nicht zu fragen.“

„Ja, weshalb streiten wir dann aber eigentlich? Wenn die Sache so steht, dann ließe sich ja wohl ein Vergleich schließen, der beide Theile –“

„Ich will keinen Vergleich,“ fuhr der Oberamtsrath ungestüm auf. „Für mich handelt es sich hier nicht um eine Erbschaft, sondern um ein Princip, und das werde ich durchfechten bis auf's Aeußerste. Wenn mein Schwiegervater die Enterbung ausgesprochen hätte – gut! Wir hatten ihm getrotzt – er hatte das Recht dazu. Ich bestreite es ihm nicht, aber daß er meine Ehe in einer so beleidigenden Weise ignorirte, als ob sie gar nicht rechtmäßig geschlossen wäre, daß er das Kind dieser Ehe nicht als seine Enkelin anerkennen wollte, das ist's, was ich ihm noch im Grabe nicht verzeihe und wogegen ich mein Recht geltend mache. Die Ehe soll existiren, gerade denen gegenüber, die sie ableugnen möchten; meine Tochter soll als legitime und alleinige Erbin ihres Großvaters anerkannt werden, und dann, [336] wenn der Spruch der Gerichte das unumstößlich festgestellt hat, dann mag Dornau meinetwegen zum Teufel oder zum Majoratsbesitz Ihrer Familie gehen!“

„Da bricht die Grobheit durch!“ dachte Graf Edmund, der längst darauf gewartet hatte und den die ganze Sache höchlich amüsirte. Er war mit dem festen Vorsatze gekommen, dem als eine Art von Original bekannten Herrn von Brunneck überhaupt nichts übel zu nehmen. So nahm er denn auch diesen Ausfall von der humoristischen Seite und erwiderte mit der größten Artigkeit:

„Es ist eine sehr schmeichelhafte Zusammenstellung, die Sie da auszusprechen belieben, Herr Oberamtsrath. Daß Dornau zum Teufel geht, dürfte wenig wahrscheinlich sein; ob es an Ettersberg oder an Brunneck fällt, müssen wir abwarten – doch das ist ja Sache der Gerichte. Ich gestehe Ihnen offen, ich bin sehr neugierig, was die Weisheit der Herren Rechtsgelehrten da eigentlich zu Tage fördern wird.“

„Nun, das muß ich sagen, eine solche Auffassung der Sache ist mir noch nicht vorgekommen,“ erklärte Rüstow, ganz starr vor Erstaunen.

„Aber, weshalb denn nicht? Sie verfechten, wie Sie selbst sagen, nur ein Princip; ich vertrete gleichfalls nur die Pietät für den Willen meines Verwandten. Wir sind ganz beneidenswerth objectiv in der Angelegenheit. Also lassen wir in Gottes Namen die Herren Advocaten den Proceß weiter führen! Uns hindert das ja durchaus nicht, freundnachbarlich mit einander zu verkehren.“

Rüstow war eben im Begriff, energisch gegen diesen freundnachbarlichen Verkehr zu protestiren, als die Thür geöffnet wurde und seine Tochter auf der Schwelle erschien. Die junge Dame sah heute in dem dunkeln, enganliegenden Reitkleide mit dem von dem schnellen Ritt leicht gerötheten Antlitz noch viel reizender aus, als neulich in der winterlichen Umhüllung. Das fand auch Graf Edmund, der eiligst aufgesprungen war, viel eiliger, als die bloße Höflichkeit erforderte. Hedwig mochte wohl schon von dem Diener erfahren haben, wer sich bei ihrem Vater befand; denn sie verrieth keine Ueberraschung, als sie die Verneigung des Grafen mit einem halb fremden Gruße erwiderte, aber das muthwillige Aufblitzen ihrer Augen zeigte ihm, daß sie die Begegnung so wenig vergessen hatte, wie er selber. Der Oberamtsrath mußte sich wohl oder übel zu einer Vorstellung herablassen, und die Art, wie er den in seinem Hause so verpönten Namen Ettersberg nannte, verrieth, daß der Träger desselben trotz alledem schon einiges Terrain gewonnen hatte.

„Mein Fräulein,“ wandte sich Edmund zu dem jungen Mädchen, „ich habe erst kürzlich erfahren, wen mir das Schicksal in dem Proceß um Dornau zur Gegnerin gegeben hat. Sie werden daher begreifen, daß ich mich nun beeile, mich Ihnen in aller Form als Feind und Widersacher vorzustellen.“

„Sie kommen also nach Brunneck, um das feindliche Terrain zu recognosciren?“ fragte Hedwig, sofort auf den übermüthigen Ton eingehend.

„Allerdings! Das ist meine Pflicht unter den obwaltenden Umständen. Ihr Herr Vater hat mir bereits diesen Einbruch in das feindliche Lager verziehen. Vielleicht dürfte ich das auch von Ihnen hoffen, obgleich Sie mir neulich so bestimmt Ihren Namen verweigerten.“

„Was ist das?“ fuhr Rüstow dazwischen. „Du kennst den Grafen?“

„Jawohl, Papa,“ sagte Hedwig unbefangen. „Du weißt es ja, daß ich bei der Rückkehr aus der Stadt beinahe mit dem Wagen und dem Anton im Schnee stecken geblieben wäre, und ich habe Dir ja auch von den beiden Herren erzählt, mit deren Hülfe wir endlich hindurch kamen.“

Dem Oberamtsrath schien jetzt ein Licht aufzugehen über die Quelle, aus der die freundnachbarliche Zuneigung seines jungen Gastes stammte. Bisher hatte er sich vergebens den Kopf darüber zerbrochen, aber sehr erfreulich mußte ihm die Entdeckung wohl nicht sein, denn seine Stimme klang ziemlich scharf, als er erwiderte:

„Das war also Graf Ettersberg! Warum hast Du mir denn den Namen verschwiegen?“

Hedwig lachte. „Weil ich Dein Vorurtheil gegen denselben kannte, Papa. Ich glaube, wenn irgend eine Lawine uns getroffen hätte, Du hättest mir nicht einmal verziehen, mit einem 'Ettersberg' zusammen verschüttet zu sein.“

„Lawinen giebt es nicht auf unserer Landstraße,“ grollte Rüstow, dem diese Heiterkeit durchaus nicht gefiel.

„Doch, Herr Oberamtsrath, es war etwas dergleichen in der Thalsenkung niedergegangen,“ mischte sich Edmund ein. „Ich versichere Ihnen, die Sache war äußerst schwierig und gefährlich. Ich schätzte mich glücklich, dem Fräulein meinen Beistand anbieten zu können.“

„Nun, Herr Graf, Sie standen ja größtenteils auf dem Wagentritt,“ spottete Hedwig. „Ihr schweigsamer Begleitet war es, der uns aus der Noth half. Er“ – die Frage kam etwas zögernd heraus – „er ist natürlich nicht mit Ihnen gekommen?“

„Oswald weiß es nicht, daß ich gerade heute nach Brunneck geritten bin,“ gestand Edmund. „Er wird mir jedenfalls Vorwürfe machen, daß ich ihn des Glückes beraubt habe –“

„O, ich bitte, geben Sie sich doch keine Mühe, mir das einzureden!“ unterbrach ihn die junge Dame, indem sie, genau so wie damals am Wagen, das Köpfchen zurückwarf und eine höchst ungnädige Miene annahm. „Ich habe die Artigkeit Ihres Herrn Vetters hinreichend kennen gelernt und trage meinerseits gar kein Verlangen nach einer Erneuerung unserer Bekanntschaft.“

Edmund beachtete nicht die Gereiztheit dieser Worte. Er fand es sehr natürlich, daß man den finstern, ungeselligen Oswald nicht vermißte, wo er, Graf Ettersberg, seine ganze Liebenswürdigkeit entfaltete, und er that dies jetzt in so ausgedehnter Weise, daß sogar Rüstow diesem Zauber unterlag. Zwar sträubte er sich mit allen Kräften dagegen, er strebte, seinen Aerger festzuhalten und durch verschiedene grimmige Bemerkungen das Gespräch wieder in's Feindselige hinüberzuspielen, aber eins gelang ihm so wenig wie das andere; das Wesen und die Persönlichkeit des jungen Grafen nahmen ihn mit jeder Minute mehr gefangen. Dieser setzte augenscheinlich Alles daran, das gegen ihn bestehende Vorurtheil zu brechen. Er war sprühend, hinreißend in der Unterhaltung und unendlich liebenswürdig selbst in seinem Muthwillen. Der feindliche Gutsherr wurde überstürzt, gebändigt, noch ehe er es selbst recht wußte; er vergaß zuletzt vollständig, mit wem er es eigentlich zu thun hatte, und als Edmund endlich aufstand, um zu gehen, da geschah das Unerhörte, daß Rüstow ihn hinausbegleitete und ihm sogar zum Abschied die Hand schüttelte.

Erst als er wieder in das Zimmer trat, kam ihm die Besinnung und damit auch der Aerger zurück, und als er vollends sah, daß Hedwig am Balcon stand und dort den Abschiedsgruß des davonsprengenden jungen Grafen empfing, da brach das Ungewitter los.

„Nun, das übersteigt denn doch alle Begriffe. Solch eine Ueberrumpelung ist mir noch nicht vorgekommen. Da kommt dieser Graf Ettersberg ohne Weiteres angeritten, spielt den Liebenswürdigen, behandelt die ganze Proceßangelegenheit als eine Bagatelle, spricht von Vergleichen, von freundschaftlichem Verkehr, von allem Möglichen – er behext Einen ja förmlich mit dieser Manier, sodaß man gar nicht zu Athem kommt. Aber zum zweiten Male lasse ich mir das nicht gefallen. Wenn er wirklich wieder kommt, so werde ich ihm höflichst melden lassen, daß ich nicht zu Hause bin.“

„Das thust Du nicht, Papa,“ sagte Hedwig, die jetzt neben ihm stand und schmeichelnd den Arm um seinen Hals legte. „Dazu hat er Dir selbst viel zu sehr gefallen.“

„So? Und Dir wohl auch?“ fragte der Vater mit einem sehr kritischen Blicke. „Denkst Du etwa, ich weiß es nicht, was den jungen Herrn nach Brunneck führt? Denkst Du, ich habe den Handkuß nicht gesehen, mit dem er sich von Dir verabschiedete? Aber dergleichen verbitte ich mir ein für alle Mal. Ich will nun einmal mit keinem Ettersberg zu thun haben; ich kenne die Gesellschaft hinreichend. Hochmuth, Selbstsucht, unvernünftiger Starrsinn – das sind die Kennzeichen dieses Geschlechtes; da ist Einer wie der Andere.“

„Das ist nicht wahr, Papa,“ sagte Hedwig mit Entschiedenheit. „Meine Mutter war auch eine Ettersberg, und Du bist mit ihr sehr glücklich gewesen!“

Die Bemerkung war so schlagend, daß Rüstow ganz aus der Fassung gerieth.

„Das – das war eine Ausnahme,“ versetzte er endlich.

[338] „Mir scheint, Graf Edmund ist auch eine Ausnahme,“ erklärte Hedwig in zuversichtlichem Tone.

„So? Scheint Dir das? Du entwickelst ja eine gewaltige Menschenkenntniß mit Deinen achtzehn Jahren,“ rief der Oberamtsrath und begann seiner Tochter eine Rede zu halten, in der die „Principien“ eine große Rolle spielten. Fräulein Hedwig hörte zu, aber mit einer Miene, die deutlich bewies, daß ihr diese „Principien“ höchst gleichgültig seien, und wenn der Vater ihre Gedanken hätte errathen können, so würde er es wahrscheinlich wieder „merkwürdig“ gefunden haben, daß sie sich auch diesmal vornahm, genau das Gegentheil von dem zu thun, was ihr befohlen wurde.

[349] Der März und auch der größte Theil des April waren vergangen, und Schneegestöber und Kälte hatten nun endlich ein Ende genommen. Trotzdem ließ sich der Frühling noch immer erwarten; es sah noch recht öde aus draußen im Freien, wo sonst um diese Jahreszeit schon Alles im Frühlingsschmuck prangte. Vorläufig war von Wärme und Sonnenschein noch nicht viel die Rede, und die Witterung war und blieb wochenlang so unerfreulich wie nur möglich.

In den feindseligen Beziehungen zwischen Ettersberg und Brunneck hatte sich, dem äußeren Anschein nach, nichts geändert. Der Proceß nahm ungestört seinen Fortgang; jede der Parteien behauptete nach wie vor ihren Standpunkt, und von irgend einem Vergleich war nicht die Rede. Die Gräfin ertheilte alle Anweisungen im Namen ihres Sohnes, der sich um die ganze Angelegenheit nicht im geringsten kümmerte, und der Oberamtsrath vertrat seine minderjährige Tochter, die ja überhaupt noch gar keine Meinung haben konnte. Das war von Anfang an so gewesen und wurde als selbstverständlich angenommen.

Aber die beiden Hauptpersonen, die eigentlich den Proceß mit einander führten, verhielten sich keineswegs so passiv, wie es den Anschein hatte, und die Eltern, die mit der größten Hartnäckigkeit ihre „Principien“ verfolgten, ahnten nicht, was sich inzwischen im Stillen vorbereitete.

Rüstow war überhaupt während der letzten Wochen nicht in Brunneck gewesen. Seine Betheiligung an einem großen industriellen Unternehmen hatte ihn nach der Residenz gerufen. Man forderte auch hier seinen Rath und Beistand, aber die Sache zog sich in die Länge, und aus der anfangs nur kurz bemessenen Abwesenheit wurden volle vier Wochen.

Als Graf Ettersberg nach Verlauf von acht Tagen seinen Besuch in Brunneck wiederholte, fand er den Herrn desselben schon abwesend, aber Fräulein Hedwig und ihre Tante waren zu Hause, und Edmund versäumte es natürlich nicht, sich bei den Damen liebenswürdig zu machen. Diesem zweiten Besuch folgte bald ein dritter und vierter, und von nun an fügte es ein merkwürdiger Zufall, daß regelmäßig, wenn die beiden Damen einen Spaziergang, eine Ausfahrt oder einen Besuch in der Nachbarschaft unternahmen, der junge Graf immer genau zu derselben Zeit auf demselben Wege war. Das gab dann stets Gelegenheit zur Begrüßung und zu einem längeren oder kürzeren Zusammensein – kurz, der freundnachbarliche Verkehr war im vollsten Gange.

Der Oberamtsrath wußte freilich nichts davon. Seine Tochter hielt es nicht für nöthig, dergleichen in ihren Briefen zu erwähnen, und Edmund befolgte die gleiche Taktik seiner Mutter gegenüber. Seinem Vetter hatte er allerdings jenen ersten „Einbruch in das feindliche Lager“ triumphirend mitgetheilt, da Oswald aber einige scharfe Bemerkungen darüber gemacht und den Verkehr mit Brunneck während der Dauer des Processes als unpassend bezeichnet hatte, so wurde auch er keiner ferneren Mittheilung mehr gewürdigt.

Es war gegen das Ende des April, an einem ziemlich kühlen und trüben Vormittage, als Graf Edmund und Oswald durch den Wald schritten. Die Ettersberg'schen Waldungen waren sehr ausgedehnt und erstreckten sich auch über einen Theil jenes Höhenzuges, der sich als Vorläufer der eigentlichen Berge in das Land hineinschob. Die beiden Herren stiegen dort bergaufwärts, aber es schien nicht der Spaziergang zu sein, der sie hinausgelockt hatte; denn sie musterten prüfend die Umgebung, und Oswald sprach eindringlich auf seinen Vetter ein.

„Nun sieh Dir doch Deine Forsten an! Es ist unglaublich, wie in den letzten Jahren da gewirthschaftet worden ist; den halben Wald haben sie Dir niedergeschlagen. Ich begreife nicht, wie Dir das nicht auffallen konnte; Du bist ja fast täglich ausgeritten.“

„Bah, ich habe nicht darauf geachtet,“ sagte Edmund. „Du hast Recht, das sieht allerdings bedenklich aus, aber der Administrator behauptet, er hätte den Ausfall der anderweitigen Einnahmen nur auf diese Weise decken können.“

„Der Administrator behauptet alles Mögliche, und da er bei Deiner Mutter in großer Gunst steht, so glaubt sie ihm anstandslos und läßt ihn überall gewähren.“

„Ich werde mit meiner Mama darüber sprechen,“ erklärte der junge Graf. „Eigentlich wäre es besser, wenn Du das thätest. Du verstehst es weit klarer und nachdrücklicher auseinander zu setzen als ich.“

„Du weißt, daß ich Deiner Mutter nie einen Rath ertheile,“ entgegnete Oswald kalt. „Sie würde das auch von meiner Seite als ein unberechtigtes Eindringen auffassen und demgemäß abweisen.“

Edmund schwieg zu der letzten Bemerkung, deren Wahrheit er wohl fühlen mochte.

„Hältst Du den Administrator für betrügerisch?“ fragte er nach einer kleinen Pause.

„Nein, aber für gänzlich unfähig, seine Stellung auszufüllen. [350] Er versteht nichts zu leiten, nichts zusammen zu halten. Wie in den Forsten, so sieht es in der ganzen Verwaltung aus. Jeder der Beamten wirthschaftet auf eigene Hand, und wenn das so fortgeht, werden sie Dir Deine Güter bald in Grund und Boden wirthschaften. Sieh Dir Brunneck an, wie es dort zugeht! Der Oberamtsrath zieht aus dem einen Gute so viel, wie Du aus Deiner ganzen Herrschaft, und Ettersberg hat noch ganz andere Hülfsquellen. Bisher hast Du Dich auf Andere verlassen müssen. Du warst ja jahrelang auf der Universität und dann im Auslande, jetzt aber bist Du eigens hier, um Deine Güter zu übernehmen; jetzt muß auch energisch eingegriffen werden.“

„Was Du in den sechs Wochen nicht alles herausgefunden hast!“ sagte Edmund mit aufrichtiger Bewunderung. „Wenn die Sache so steht, werde ich allerdings eingreifen müssen; wenn ich nur wüßte, wo ich eigentlich anfangen soll.“

„Für's Erste entlaß die Beamten, die sich unfähig erweisen, und ersetze sie durch bessere Kräfte! Ich fürchte freilich, daß Du dann fast das ganze Personal wechseln mußt.“

„Um des Himmelswillen nicht! Das giebt Weitläufigkeiten und Widerwärtigkeiten ohne Ende. Es ist mir peinlich, lauter neue Gesichter um mich zu sehen, und es wird Monate dauern, ehe sie sich einarbeiten. Inzwischen habe ich die ganze Last und muß Alles selbst thun.“

„Dafür bist Du aber der Herr. Du wirst doch wenigstens befehlen können.“

Edmund lachte. „Ja, wenn ich Deine Leidenschaft für das Commandiren hätte und Dein Talent dazu! Du würdest in vier Wochen Ettersberg total umgestalten und in drei Jahren eine Musterwirthschaft daraus machen, wie Brunneck es ist. Wenn Du mir nur wenigstens zur Seite bliebest, Oswald! Dann hätte ich doch eine Stütze, aber nun willst Du durchaus im Herbste fort, und dann sitze ich hier allein mit unzuverlässigen oder fremden Beamten. Schöne Aussichten! Ich habe das Majorat noch gar nicht einmal officiell angetreten, und schon ist es mir eine Plage geworden.“

„Das Schicksal hat Dich aber doch nun einmal zum Majoratsherrn gemacht,“ sagte Oswald sarkastisch, „also wirst Du die schwere Last wohl tragen müssen. Noch einmal, Edmund, es ist die höchste Zeit, daß hier irgend etwas geschieht. Versprich mir, daß Du ungesäumt zur Abhülfe schreiten wirst!“

„Ja, gewiß, unter allen Umständen,“ versicherte der junge Graf, den das Gespräch sichtlich langweilte. „Sobald ich nur irgend Zeit habe – jetzt habe ich so viel andere Dinge im Kopfe.“

„Wichtigere Dinge als das Wohl und Wehe Deiner Güter?“

„Vielleicht! Aber ich muß jetzt fort. Kehrst Du von hier aus nach Hause zurück?“

Die Frage klang eigenthümlich forschend. Oswald achtete jedoch nicht darauf; er hatte sich in offenbarer Verstimmung abgewendet.

„Gewiß! Kommst Du nicht mit mir?“

„Nein, ich will nach dem Forsthause hinüber. Der Förster hat meine Diana in Dressur genommen; ich muß einmal nach dem Thiere sehen.“

„Muß denn das gerade jetzt sein?“ fragte Oswald befremdet. „Du weißt ja, daß heute Mittag Dein Rechtsanwalt aus der Stadt kommt, um mit Dir und Deiner Mutter wegen des Processes zu conferiren, und Du hast versprochen, pünktlich zu sein.“

„O, bis dahin bin ich längst wieder zurück,“ sagte Edmund leichthin. „Adieu, Oswald! Mach' mir kein so finsteres Gesicht. Ich verspreche Dir, daß ich morgen ausführlich mit dem Administrator reden werde, oder übermorgen. Jedenfalls wird es geschehen – verlaß Dich darauf!“

Damit schlug er einen Seitenpfad ein und verschwand bald darauf zwischen den Bäumen.

Oswald sah ihm finster nach.

„Es wird auch morgen und übermorgen nichts geändert werden und überhaupt niemals. Da hat er wieder irgend eine unnütze Tändelei im Kopfe, und darüber kann ganz Ettersberg zu Grunde gehen. Freilich,“ hier zuckte ein Ausdruck tiefer Bitterkeit über das Gesicht des junge Mannes, „freilich, was geht das mich an! Ich bin ja ein Fremder auf diesem Boden und werde es bleiben. Wenn Edmund durchaus nicht hören will, so mag er die Folge tragen! Ich kümmere mich nicht mehr darum.“

Das war aber leichter gesagt als gethan. Oswald's Blick kehrte immer wieder zu dem arg gelichteten Wald zurück. Sein zorniger Unwille über die völlig planlose Verwüstung ringsum wollte sich nicht unterdrücken lassen, und anstatt nach Hause zurückzukehren, wie es seine Absicht gewesen war, stieg er weiter bergaufwärts, um auch den hochgelegenen Theil zu untersuchen. Es war nicht viel Tröstliches, was er dort entdeckte. Auch hier hatte die Axt überall in zerstörender Weise gehaust, und das nahm erst oben auf der Höhe ein Ende. Dort begann bereits das Gebiet von Brunneck, wo es nun allerdings anders und besser aussah.

Es war zunächst nur dieser Vergleich, der Oswald bewog, das fremde Gebiet zu betreten, aber sein Unwille stieg beim Anblicke dieser prächtigen, sorgfältig geschonte Waldungen, hinter denen die Ettersberg'schen Forsten in ihrem jetzigen Zustande weit zurückblieben. Was hatte überhaupt die Thätigkeit eines einzigen Mannes aus diesem Brunneck gemacht, und wie war dagegen Ettersberg gesunken! Seit dem Tode des alten Grafen befanden sich die Güter fast gänzlich in den Händen der Beamten. Die Gräfin, eine vornehme Dame, die seit ihrer Vermählung nur von Glanz und Reichthum umgeben war, fand es selbstverständlich, daß die Verwaltung von den Untergebenen geführt und die Herrschaft so wenig wie möglich damit behelligt wurde. Ueberdies war der gräfliche Haushalt auf einem sehr großen Fuße zugerichtet; die Summen dazu mußten geschafft werden, und die Güter mußten sie schaffen, gleichviel auf welche Weise. Der Bruder der Gräfin, Edmund's Vormund, lebte in der Residenz, wo er ein höheres Staatsamt bekleidete, und war sehr von seinem Berufe in Anspruch genommen. Er trat überhaupt nur selten und nur in besonderen Fällen ein, wenn die Schwester seinen Rath und Beistand verlangte; nach den Verfügungen ihres Gemahls war sie ja auch die eigentlich Beschließende. Das nahm nun freilich mit Edmund's Mündigkeit ein Ende, aber was von der Thätigkeit und dem Interesse des jungen Majoratsherrn für seine Güter zu erwarten war, das hatte sich ja soeben gezeigt. Oswald sah mit Bitterkeit, wie eine der reichsten Herrschaften des Landes durch die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit ihrer Besitzer dem sicheren Verfalle entgegen ging, und er empfand das um so schwerer, als er sich sagte, daß ein ungesäumtes, energisches Eingreifen noch Alles wieder gut machen konnte. Noch war es Zeit; in zwei Jahren vielleicht war es schon zu spät.

Der junge Mann war auf diese Weise immer tiefer in den Wald hineingerathen; jetzt blieb er stehen und sah nach der Uhr. Mehr als eine Stunde war vergangen, seit er sich von Edmund getrennt hatte; dieser mußte längst auf dem Rückwege sein. Auch Oswald beschloß jetzt umzukehren, aber er wählte dazu einen andern, etwas weiteren Weg. Er hatte ja nichts zu versäumen; seine Gegenwart bei der Conferenz war weder nöthig noch erwünscht; also konnte er den Spaziergang ganz nach Belieben ausdehnen.

Es mußten eigenthümliche Gedanken sein, die in der Seele des jungen Mannes wühlten, als er so langsam dahinschritt. Er dachte längst nicht mehr an Forsten und Gutsverwaltung. Es war etwas Anderes, was seine Stirn so drohend faltete und auf sein Antlitz einen so herben, feindseligen Ausdruck legte, als sei er bereit, mit aller Welt den Kampf aufzunehmen. Es war ein finsteres, forschendes Grübeln, das sich ruhelos um einen einzigen Punkt drehte, von dem er sich vergebens loszureißen suchte, und das ihn trotzdem immer mehr und mehr gefangen nahm.

„Ich will nicht mehr daran denken,“ sagte er endlich halblaut. „Immer und immer wieder dieser unselige Verdacht, den ich nicht los werden kann! Ich habe nichts, was ihn bestätigt, und doch verbittert er mir jede Stunde, vergiftet mir jede Regung – fort damit!“

Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er die quälenden Gedanken verscheuchen, und verfolgte rascher den Weg, der jetzt eine Biegung machte und den Wald verließ. Oswald trat auf die freie Höhe hinaus, blieb aber hier wie angewurzelt stehen bei dem gänzlich unerwarteten Anblick, der sich ihm darbot.

Kaum zwanzig Schritt von ihm entfernt, am Rande des Waldes, saß auf dem rasigen Abhange eine junge Dame. Sie hatte den Hut abgenommen, sodaß man ihr Gesicht voll erblicken konnte, und wer dies reizende Gesicht mit den leuchtenden, dunklen [351] Augen nur einmal gesehen hatte, der vergaß es so leicht nicht wieder. Es war Hedwig Rüstow, und dicht neben ihr saß in sehr vertraulicher Weise Graf Edmund, der in der Zwischenzeit unmöglich im Forsthause gewesen sein konnte. Die Beiden waren in ein äußerst lebhaftes Gespräch vertieft, das aber weder ernst noch inhaltreich zu sein schien. Es war vielmehr wieder jenes muthwillige Spiel, das sie schon bei der ersten Begegnung mit solcher Vorliebe getrieben hatten, ein neckisches Hin- und Herfliegen von Worten, ein Lachen und Scherzen ohne Ende, nur daß dies heut alles den Anschein der engsten Vertraulichkeit hatte. Und jetzt nahm Edmund neckend den Hut aus den Händen des jungen Mädchens und warf ihn auf den Rasen, während er sich der Hände selbst bemächtigte, um stürmisch Kuß auf Kuß darauf zu drücken, und Hedwig ließ das ohne jeden Einspruch geschehen, als sei es durchaus selbstverständlich.

Einige Minuten lang stand der fremde Zuschauer regungslos und sah den Beiden zu; dann wandte er sich um und wollte unbemerkt wieder unter die Bäume zurücktreten, aber dabei krachte ein trockener Ast unter seinen Füßen und verrieth ihn. Hedwig und Edmund blickten gleichzeitig auf und der letztere sprang rasch empor.

„Oswald!“

Dieser sah, daß ein Zurückziehen jetzt nicht mehr möglich war. Er verließ daher seinen Standpunkt und näherte sich dem jungen Paare.

„Du bist es!“ sagte Edmund in einem Tone, der zwischen Verlegenheit und Aerger schwankte. „Wo kommst Du denn her?“

„Aus dem Walde!“ versetzte der Gefragte lakonisch.

„Aber Du wolltest ja sofort nach Hause zurückkehren?“

„Und Du wolltest nach dem Forsthause, das ja wohl in entgegengesetzter Richtung liegt.“

Der junge Graf biß sich auf die Lippen. Er mochte wohl fühlen, daß es nicht möglich war, dieses Beisammensein für ein zufälliges auszugeben; überdies mußten die leidenschaftlichen Handküsse gesehen worden sein; er suchte sich deshalb so gut wie möglich zu fassen.

„Du kennst Fräulein Rüstow bereits von unserer ersten Begegnung her,“ warf er leicht hin. „Ich brauche Dich also nicht vorzustellen.“

Oswald verneigte sich völlig fremd vor der jungen Dame.

„Ich bitte die Störung zu entschuldigen; sie war durchaus unfreiwillig. Ich konnte meinen Vetter unmöglich hier vermuthen. Sie gestatten wohl, mein Fräulein, daß ich mich sofort wieder zurückziehe?“

Hedwig hatte sich gleichfalls erhoben. Sie empfand das Peinliche der Situation augenscheinlich viel tiefer als Edmund; denn auf ihrem Gesichte lag eine flammende Röthe, und ihr Auge haftete am Boden. Erst bei dem Ton der Anrede, der trotz aller Höflichkeit doch eine wahre Eiseskälte hatte, hob sie den Blick empor. Er begegnete dem Oswald's, und das junge Mädchen mußte darin wohl etwas sehr Verletzendes lesen; denn die dunkelblauen Augen sprühten plötzlich auf, und die Stimme, die soeben noch in jenem frischen, silberhellen Lachen geklungen, bebte in zorniger Erregung, als sie rief:

„Herr von Ettersberg – ich bitte Sie zu bleiben.“

Oswald, der wirklich im Begriff war zu gehen, hielt betroffen inne. Hedwig stand bereits neben dem jungen Grafen und legte ihre Hand auf die seinige.

„Edmund, Du wirst Deinen Vetter nicht so gehen lassen. Du wirst ihm die nöthige Aufklärung geben – sofort, auf der Stelle! Du siehst es ja, daß er sich im – Irrthum befindet.“

Oswald war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, als er dies „Du“ vernahm, aber auch Edmund sah sehr überrascht aus bei dem energischen, fast befehlenden Tone, den er wohl zum ersten Male von diesen Lippen hörte.

„Aber Hedwig, Du selbst warst es ja, die mir Schweigen auferlegte,“ sagte er. „Sonst hätte ich Oswald sicher kein Geheimniß aus unserer Liebe gemacht. Du hast Recht, wir müssen ihn in's Vertrauen ziehen; mein gestrenger Mentor ist sonst im Stande, Dir und mir eine vollständige Strafpredigt zu halten. Also mag die Vorstellung in aller Form erfolgen. Oswald – meine Braut und Deine künftige Cousine, die ich hiermit Deiner verwandtschaftlichen Liebe und Hochachtung empfehle.“

Der junge Graf hielt auch bei dieser gewiß ernst gemeinten Vorstellung den heiter scherzenden Ton fest, aber Hedwig, die sonst stets bereit war, darin einzustimmen, schien ihn hier beinahe peinlich zu empfinden. Sie stand wortlos an der Seite ihres Bräutigams und blickte mit eigenthümlicher Spannung zu dem neuen Verwandten hinüber, der noch immer schwieg.

„Nun?“ fragte Edmund befremdet und etwas verletzt durch dieses Schweigen. „Und Du gratulirst uns nicht einmal?“

„Ich habe wohl zunächst um Verzeihung zu bitten,“ sagte Oswald, indem er sich an die junge Braut wandte. „Auf eine solche Neuigkeit war ich allerdings nicht gefaßt.“

„Das ist Deine eigene Schuld,“ lachte Edmund. „Warum hast Du meine Mittheilungen über meinen ersten Besuch in Brunneck so schroff zurückgewiesen! Du hattest alle Aussicht auf den Posten eines Vertrauten. Aber nicht wahr, Hedwig, wir haben Unglück mit unserem Rendez-vous? Es ist das erste Mal, daß wir uns allein, ohne die schützenden Flügel der Tante Lina treffen, und sofort überrascht uns dieser Cato, auf dessen Gesicht das Entsetzen über den Handkuß, den er mit angesehen, so deutlich ausgeprägt stand, daß wir ihn schleunigst mit der Verlobungsanzeige beruhigen mußten. Hoffentlich nimmst Du jetzt Deine Malice wegen der 'Störung' zurück – und im Uebrigen warten wir noch immer auf Deinen Glückwunsch.“

„Ich gratulire Dir,“ sagte Oswald, die dargebotene Hand seines Vetters ergreifend. „Auch Ihnen, mein Fräulein!“

„Wie einsilbig das klingt! Willst Du Dich etwa auch zu unserem Gegner erklären? Das fehlte noch! Wir haben genug mit dem voraussichtlichen Widerstande unserer Eltern zu thun. Der Sturm zieht von zwei Seiten zugleich heran, und da muß ich wenigstens Dich als Verbündeten haben.“

„Du weißt, daß ich bei der Tante keinen Einfluß habe,“ sagte Oswald ruhig. „Du mußt da Deiner eigenen Macht vertrauen. Aber eben deshalb solltest Du es gerade jetzt vermeiden, Deiner Mutter anderweitigen Anlaß zur Verstimmung zu geben, und das wird sicher geschehen, wenn Du die heutige Conferenz versäumst. Dein Rechtsanwalt ist jedenfalls schon in Ettersberg, und Du hast noch eine volle Stunde bis zum Schlosse. – Sie entschuldigen, mein Fräulein, aber ich muß meinen Vetter an eine Pflicht erinnern, die er vollständig vergessen zu haben scheint.“

„Du hast eine Conferenz im Schlosse?“ fragte Hedwig, die sich während der letzten Minuten auffallend schweigsam verhalten hatte.

„Ja, wegen Dornau's,“ lachte Edmund. „Wir befehden uns ja noch immer unversöhnlich deswegen. Bei Dir habe ich freilich Proceß und Conferenzen vergessen; es ist ein Glück, daß Oswald mich daran erinnert. Ich muß heute noch nothgedrungen mit der Mama und dem Herrn Advocaten Pläne schmieden, wie Dornau der Gegenpartei zu entreißen ist. Sie haben ja keine Ahnung davon, daß wir beide den Proceß längst auf dem etwas ungewöhnlichen, aber sehr praktischen Wege der Verlobung erledigt haben.“

„Und wann werden sie das erfahren?“ fragte Oswald.

„Sobald ich weiß, wie Hedwig's Vater die Sache aufnimmt. Er ist gestern zurückgekommen und eben deshalb mußten wir uns noch einmal ungestört sprechen, um den Kriegsplan zu berathen. Es hilft nun einmal nichts: wir müssen jetzt hervor mit unserem Geheimniß. Ettersberg und Brunneck werden freilich darüber entsetzt sein und noch eine Weile Montecchi und Capuletti spielen, aber wir werden schon dafür sorgen, daß das Drama keinen tragischen Ausgang nimmt, sondern mit einer fröhlichen Hochzeit endigt.“

Es sprach eine so heitere Zuversicht aus den Worten des jungen Grafen, und das Lächeln, mit dem Hedwig ihm antwortete, war so siegesgewiß, daß man sah, der Widerstand der Eltern wurde hier gar nicht als wirklich ernster Conflict in Betracht gezogen. Das junge Paar war sich seiner Macht über Vater und Mutter hinreichend bewußt.

„Aber nun muß ich nach Hause,“ rief Edmund aufbrechend. „Es ist wahr, ich darf jetzt die Ungnade der Mama nicht herausfordern, und sie ist sehr ungnädig, wenn sie warten muß. Verzeih, Hedwig, daß ich Dich nicht durch den Wald zurückbegleite! Oswald wird es statt meiner thun. Du mußt ihn als Verwandten ja jetzt überhaupt näher kennen lernen; er ist nicht immer so schweigsam wie bei der ersten Begegnung. Oswald, ich übergebe meine Braut feierlichst Deinem Schutze und Deiner Ritterlichkeit. Und nun lebe wohl, meine süße Hedwig!“

[352] Er zog die Hand seiner Braut zärtlich an die Lippen, winkte seinem Vetter einen Abschiedsgruß zu und eilte davon.

Die beiden Zurückgebliebenen schienen nicht sehr angenehm überrascht von der Bestimmung des Grafen und fanden jedenfalls nicht so schnell, wie er es voraussetzte, den Ton verwandtschaftlicher Vertraulichkeit. Auf der Stirn des jungen Mädchens ruhte eine Wolke, und Oswald's Haltung verrieth vorläufig noch wenig von der anempfohlenen Ritterlichkeit. Endlich nahm er das Wort:

„Mein Vetter hat mir ein so vollständiges Geheimniß aus seinen Beziehungen zu Ihnen gemacht, daß seine jetzige Eröffnung mich im höchsten Grade überrascht.“

„Das haben Sie hinreichend gezeigt, Herr von Ettersberg,“ erwiderte Hedwig. Es war seltsam, wie stolz und entschieden sie sprechen konnte, sobald sie wirklich einmal ernst war.

Oswald trat langsam etwas näher. „Sie sind beleidigt, mein Fräulein, und mit Recht, aber die größere Schuld liegt doch wohl auf Edmund's Seite. Ich konnte unmöglich glauben, daß er seine Braut, seine künftige Gemahlin solchen Mißdeutungen aussetzen würde, wie die, deren ich mich vorhin schuldig machte.“

Dunkle Gluth floß wieder heiß über Hedwig's Wangen.

„Gegen Edmund sprechen Sie den Vorwurf aus, und mir soll er gelten; ich habe ja eingewilligt. Daß das eine Unvorsichtigkeit war, ist mir erst klar geworden bei Ihrem Blick und Ton.“

„Ich habe schon einmal um Verzeihung gebeten,“ sagte Oswald ernst, „und ich wiederhole diese Bitte jetzt. Aber fragen Sie sich selbst, mein Fräulein, wie ein Fremder, dem man die Aufklärung nicht so schnell und unumwunden geben konnte, diese Zusammenkunft beurtheilt haben würde! Ich bleibe dabei: mein Vetter durfte Sie nicht dazu veranlassen.“

[365] „Edmund nennt Sie stets seinen Mentor,“ warf Hedwig mit unverkennbarer Gereiztheit hin. „Es scheint, als seine Braut genieße auch ich jetzt das Vorrecht, von Ihnen – erzogen zu werden.“

„Ich habe nur warnen, nicht verletzen wollen. Es steht ja bei Ihnen allein, wie Sie diese Warnung auffassen wollen.“

Sie gab keine Antwort. Der tiefe Ernst, mit dem die Worte gesprochen wurden, blieb nicht ohne Wirkung auf sie, wenn er ihre Gereiztheit auch nicht völlig besiegte.

Hedwig nahm ihren Hut auf, der noch unbeachtet am Boden lag, und ließ sich auf ihrem früheren Platze nieder, um die zerdrückten Blumen zu ordnen. Das zierliche Frühjahrshütchen hatte auf dem reif- und nebelfeuchten Grase doch etwas gelitten; es paßte überdies nicht recht zu dem rauhen Apriltage. Der Frühling kommt spät in den Bergen, und diesmal zeigte er überhaupt kein heiter lächelndes Antlitz. Er kam ziemlich ungestüm, mit Sturm und Regen, mit Nachtfrösten und Nebeltagen, kaum daß sich hin und wieder ein matter Sonnenblick hindurchstahl.

Auch heute war der Himmel dicht umzogen; die grauen Wolken ließen keinen einzigen Sonnenstrahl passiren; die Ferne umschleierte ein trüber Nebel, und die Luft lag schwer und regenfeucht über der Erde. Noch stand der Wald kahl und blattlos da, nur an den niederen Gesträuchen und am Boden sproßte schüchtern das erste Grün hervor. Jedes Blättchen, jede Knospe mußte ihr Dasein ja erst der rauhen Luft abringen und mühsam vertheidigen. Es war noch recht öde und leer ringsum.

Oswald hatte keinen Versuch gemacht, das Gespräch wieder anzuknüpfen; auch Hedwig zeigte wenig Neigung dazu, aber auf die Dauer wurde ihr das Schweigen doch peinlich, und sie warf die erste beste Bemerkung hin.

„Welch ein unfreundlicher April! Es ist, als ob wir mitten in den nebligen Herbsttagen wären und uns auf den Winter vorbereiten müßten. Wir werden diesmal um die ganze Frühlingsfreude betrogen.“

„Lieben Sie den Frühling so sehr?“ fragte Oswald.

„Ich möchte wissen, wer ihn nicht liebt! In der Jugend kann man nun vollends den Blüthenduft und Sonnenschein nicht entbehren. Oder sind Sie darin anderer Meinung?“

„Es kommt darauf an. Nicht jeder Frühling hat Blumen und Sonnenschein – und nicht jede Jugend.“

„Hat die Ihrige das nicht gehabt?“

„Nein!“

Es klang sehr hart und entschieden, dieses Nein. Hedwig's Blick streifte den Sprechenden; sie mochte wohl bei sich denken, er sei ebenso herb und unfreundlich, wie der Frühlingstag, der ihr Mißfallen erregte. Es war auch ein großer Gegensatz zwischen dieser Unterhaltung und dem muthwilligen Getändel, mit dem sich das junge Brautpaar noch vor Kurzem hier unterhalten hatte. Nicht ein einziges ernstes Wort war dabei gefallen; selbst der „Kriegsplan“ gegen die Eltern wurde unter allerlei Neckereien entworfen und jede Sorge um etwaige Hindernisse weggelacht und weggescherzt. Jetzt aber, wo dieser Oswald von Ettersberg dastand, in seiner starren Haltung, jetzt war nicht blos die Heiterkeit, sondern auch die Lust dazu wie fortgeweht; dieses verzweifelt ernste Gespräch erschien ganz selbstverständlich, und das junge Mädchen fand sogar einen gewissen Reiz darin, es fortzusetzen.

„Sie haben freilich Ihre Eltern sehr früh verloren. Ich weiß es durch Edmund. Aber Sie fanden ja doch in Ettersberg eine zweite Heimath und eine zweite Mutter.“

In dem Gesichte des jungen Mannes zeigte sich wieder jener herbe, feindselige Ausdruck, der für einige Zeit gewichen war, und seine Lippen zuckten fast unmerklich.

„Sie meinen meine Tante, die Gräfin?“

„Ja. Hat sie denn nicht Mutterstelle an Ihnen vertreten?“

Wieder erschien dieses leise Zucken des Mundes, das alles Andere, nur kein Lächeln war, aber Oswald's Stimme klang vollkommen ruhig, als er antwortete:

„O gewiß! Es ist aber doch ein Unterschied, ob man das einzige, geliebte Kind des Hauses ist, wie Sie und Edmund zum Beispiel, oder ob man als Fremder aufgenommen wird.“

„Edmund betrachtet Sie ganz als seinen Bruder,“ fiel das junge Mädchen ein. „Er empfindet es sehr schwer, daß Sie sich sobald schon von ihm trennen wollen.“

„Edmund scheint in Bezug auf mich sehr mittheilsam gewesen zu sein,“ sagte Oswald kalt. „Also auch das hat er Ihnen bereits erzählt.“

Hedwig erröthete leicht bei dieser Bemerkung.

„Es ist doch wohl natürlich, daß er mich mit allen Verhältnissen der Familie bekannt macht, in die ich später eintreten soll. In diesem Falle aber beklagte er sich, daß all seine Bemühungen, Sie zum Bleiben in Ettersberg zu bewegen, vergebens gewesen sind.“

„Zum Bleiben in Ettersberg?“ wiederholte Oswald mit unverstelltem Erstaunen. „Das kann mein Vetter unmöglich im Ernste gemeint haben. In welcher Eigenschaft hätte ich denn bleiben sollen?“

[366] „Nun, doch wohl in der bisherigen eines Freundes und Verwandten.“

Der junge Mann lächelte bitter.

„Mein Fräulein, Sie haben schwerlich eine Ahnung von der Stellung eines so vollständig überflüssigen Freundes und Verwandten; sonst würden Sie mir nicht zumuthen, länger darin auszuharren, als es die Nothwendigkeit gebietet. Es mag Naturen geben, die sich mit den Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten eines solchen Lebens über seine wahre Bedeutung hinwegtäuschen. Ich habe das nie vermocht. Es ist überhaupt niemals meine Absicht gewesen, dauernd in Ettersberg zu bleiben, und jetzt nun vollends nicht – um keinen Preis der Welt!“

Sein Blick flammte auf bei den letzten Worten. Es war ein seltsamer blitzähnlicher Strahl, den man in diesen kalten Augen für unmöglich gehalten hätte. Er traf das junge Mädchen nur einen Moment lang und erlosch dann sofort wieder, aber es war nicht möglich, zu sagen, was eigentlich darin stand. Jedenfalls nicht die zärtliche Bewunderung, die Hedwig gewohnt war, in einem anderen Blicke zu lesen; dieser blieb ihr völlig räthselhaft.

„Weshalb denn gerade jetzt nicht?“ fragte sie betreten. „Was meinen Sie damit?“

„O nichts, durchaus nichts – Familienbeziehungen, die Ihnen noch fremd sind,“ antwortete Oswald hastig.

Er bereute augenscheinlich seine Uebereilung und zerdrückte, wie im Zorne über sich selbst, einen Zweig, den er von dem nächsten Gebüsch abgerissen.

Hedwig schwieg, aber die Erklärung genügte ihr nicht. Sie fühlte, daß die jähe Heftigkeit und Bitterkeit, mit der er jene Worte hervorgestoßen, einen andern Grund haben mußte. Galten sie ihrem Eintritt in die Familie? Stellte auch dieser neue Verwandte sich ihr gleich im Anfange feindlich gegenüber? Und was sollte der räthselhafte Blick bedeuten? Sie dachte noch immer darüber nach, während Oswald sich abgewendet hatte und nach der entgegengesetzten Richtung blickte.

Da tönte aus der Höhe ein ferner, zarter Laut hernieder; es klang wie Vogelgezwitscher und war doch nur ein einziger, langgezogener Ton.

Hedwig und Oswald blickten gleichzeitig empor; hoch über ihnen flatterte eine Schwalbe, die sich jetzt niedersenkte und dicht über ihren Häuptern hinschoß, sie im pfeilschnellen Fluge fast berührend, um dann von Neuem emporzusteigen. Der ersten folgte die zweite und dritte, und jetzt tauchte aus dem Nebel der Ferne ein ganzer Schwarm hervor, der näher und immer näher heranzog. Sie strichen durch die feuchte, regenschwere Luft, umkreisten Berge und Wälder und flatterten dann nach allen Richtungen hin auseinander, als wollten sie ihre alte Heimath grüßeu – die ersten Boten des Frühlings!

Auf der einsamen Höhe war es plötzlich lebendig geworden. Unaufhörlich und ruhelos strichen die Schwalben darüber hin, bald hoch oben in unerreichbarer Ferne, bald dicht am Boden hinziehend. Mit leichtem Flügelschlage schossen die schlanken, zierlichen Geschöpfe hierhin und dorthin, so blitzschnell, daß das Auge kaum vermochte, ihnen zu folgen, und dabei schwirrte immer wieder jener leise grüßende Ton durch die Luft, der so ganz anders klingt als Nachtigallenschlag und Lerchenjubel, und doch süßer als beides, weil er der erste ist, der den nahenden Frühling verkündet, sein erster Gruß an die erwachende Natur.

Hedwig war aus ihrem Nachsinnen aufgefahren; alles Andere trat plötzlich in den Hintergrund. Weit vorgebeugt, mit strahlenden Augen, rief sie mit dem ganzen Jubel und dem ganzen Entzücken eines Kindes:

„Ach, die Schwalben!“

„Ja wirklich, es sind die Schwalben!“ bestätigte Oswald. „Sie können sich Glück wünschen, so freudig begrüßt zu werden.“

Die kühle Bemerkung fiel wie ein Reif auf die helle Freude des jungen Mädchens, das sich jetzt umwandte und den nüchternen Beobachter mit einem entrüsteten Blicke maß.

„Sie finden es wohl überhaupt unbegreiflich, Herr von Ettersberg, daß man sich über irgend etwas freuen kann. Sie machen sich dessen jedenfalls nicht schuldig, und den armen Schwalben haben Sie sicher nie die geringste Aufmerksamkeit geschenkt.“

„O doch! Ich habe sie stets beneidet um ihren Zug in's Weite, um den freien Flug, den nichts hemmt und fesselt. Es giebt ja doch nichts Höheres im Leben, als die Freiheit.“

„Gar nichts Höheres?“

Die Frage klang gereizt und unwillig. Um so kälter und entschiedener war die Antwort.

„Nein – wenigstens nicht für mich!“

„Das klingt ja, als hätten Sie bisher in Fesseln geschmachtet,“ sagte Hedwig mit unverhehltem Spotte.

„Muß man denn immer gerade in Kerkermauern athmen, um sich nach Freiheit zu sehnen?“ fragte Oswald in dem gleichen Tone, nur daß sich sein Spott bis zum Sarkasmus steigerte. „Das Leben schmiedet Ketten genug, die oft schwerer drücken, als die wirklichen Fesseln eines Gefangenen.“

„Nun, dann muß man diese Ketten abschütteln.“

„Ganz recht, man muß sie abschütteln. Nur ist das unendlich viel leichter gesagt, als gethan. Wer die Freiheit nie entbehrt hat, der begreift es freilich nicht, daß Andere jahrelang ringen und kämpfen, daß sie Alles einsetzen müssen für ein Gut, das sonst als selbstverständlich erachtet wird. Doch das ist im Grunde einerlei, wenn es nur überhaupt errungen wird.“

Er wandte sich ab und schien aufmerksam den Flug der Schwalben zu verfolgen. Es trat ein neues Schweigen ein, das diesmal länger dauerte und die Geduld Hedwig's auf eine noch härtere Probe stellte, als vorhin. Diese Pausen in der Unterhaltung waren ihr ebenso ungewohnt, wie unerträglich. Freilich, dieser Oswald von Ettersberg nahm sich ja alles Mögliche heraus. Zuerst erlaubte er sich eine förmliche Zurechtweisung über die Zusammenkunft mit Edmund; dann erklärte er in der schärfsten, fast beleidigenden Weise, daß er um keinen Preis der Welt im Hause seines Vetters bleiben werde; dann sprach er von den allerunerquicklichsten Dingen, wie Kerker und Ketten, und jetzt schwieg er und hing ganz ungestört seinen Gedanken nach, während sich doch eine junge Dame, die Braut seines nächsten Verwandten, in seiner Gesellschaft befand. Hedwig fand, daß das Maß der Rücksichtslosigkeit jetzt gefüllt sei, und erhob sich.

„Es ist wohl Zeit, daß ich den Rückweg antrete,“ bemerkte sie kurz.

„Wie Sie befehlen!“ Oswald machte Miene, sich ihr anzuschließen, wurde aber mit ungnädiger Handbewegung zurückgewiesen.

„Ich danke, Herr von Ettersberg; ich kenne den Weg ganz genau.“

„Edmund hat mir ausdrücklich aufgetragen, Sie zu begleiten,“ warf Oswald ein.

„Und ich erlasse es Ihnen,“ erklärte die junge Dame in einem Tone, der deutlich zeigte, daß sie die Anordnungen des Grafen nicht für maßgebend erachtete, wo ihr eigener Wille in Betracht kam. „Ich bin allein gekommen und werde auch allein zurückkehren.“

Oswald trat sofort zurück. „Dann werden Sie eilen müssen, nach Brunneck zu kommen,“ sagte er kühl. „Die Wolken dort ziehen immer näher heran, und in einer halben Stunde haben wir den Regen.“

Hedwig warf einen prüfenden Blick nach den drohenden Wolken. „Bis dahin bin ich längst zu Hause, und im schlimmsten Falle mache ich mir nichts daraus, von einem Frühlingsregen durchnäßt zu werden. Die Schwalben haben es uns ja jetzt verheißen – es wird doch endlich Frühling.“

Die letzten Worte klangen halb wie eine Herausforderung, doch der hingeworfene Fehdehandschuh wurde nicht aufgenommen. Oswald verneigte sich nur mit gemessener Artigkeit und verscherzte dadurch den letzten Rest von Nachsicht bei der jungen Dame, die sich nun auch ihrerseits bemühte, die möglichste Kälte in ihren Abschiedsgruß zu legen; dann eilte sie leicht und schnell wie ein Reh davon.

Diese Eile galt indessen nicht der Furcht vor dem Regen; denn sobald die Höhe hinter ihr lag, mäßigte Hedwig ihren Schritt. Sie wollte nur aus der Nähe dieses unerträglichen „Mentors“ kommen, der seine Erziehungsversuche auch auf sie ausdehnte und dabei von einer unerhörten Rücksichtslosigkeit war. Er hatte nicht einmal einen Einwand erhoben, als sie seine Begleitung ablehnte. Es war ihr freilich Ernst damit, aber die Rücksicht auf die einfachste Höflichkeit hätte doch einige Worte des Bedauerns verlangt. Doch nichts von alledem; er war augenscheinlich froh, des lästigen Ritterdienstes überhoben zu sein. Die junge, sehr verwöhnte Dame, die in Folge ihrer Schönheit und vielleicht auch ihres Reichthums überall mit Aufmerksamkeiten und Huldigungen

[367] überschüttet wurde, empfand eine derartige Gleichgültigkeit fast als Beleidigung, und sie war noch nicht mit ihrem Aerger darüber fertig geworden, als sie aus dem Walde trat und Brunneck dicht vor ihr lag.

Oswald war allein zurückgeblieben, aber er schien den heranziehenden Regen völlig vergessen zu haben; denn er lehnte unbeweglich, mit verschränkten Armen an dem Stamme eines Baumes und machte keine Anstalt zum Gehen.

Die Wolken senkten sich immer tiefer; der ganze Wald verschleierte sich im Nebel, und die Schwalben schossen jetzt dichter über den Boden hin, der noch hier und da die weißen Spuren des Nachtfrostes trug. Aber mitten unter Reif und Nebel keimte still und mächtig all das Leben, das noch in tausend Knospen schlummerte; es wartete auf den ersten warmen Hauch, auf den ersten Sonnenglanz, der es erwecken sollte. Es lag etwas wie Frühlingsathem in dieser herben Luft, und wie Frühlingswehen ging es durch den öden Wald. Es war, als rege sich ringsum ein geheimnißvolles Weben und Walten, lautlos und unsichtbar, aber es wurde doch gefühlt und verstanden, auch von dem einsamen Manne, der wie träumend in die umschleierte Ferne blickte.

Vorhin, als er auch einsam durch den Wald ging, da war das Alles so leer und todt gewesen, da vernahm er auch nicht einen einzigen Laut der Sprache, die jetzt so deutlich zu ihm redete. Er wußte nicht oder wollte nicht wissen, was ihm auf einmal das Verständniß erschlossen hatte, aber der herbe, feindselige Zug verschwand aus seinem Antlitz und mit ihm versank auch die Erinnerung an eine öde, freudlose Jugend ohne Liebe und Sonnenschein, versanken der Haß und die Bitterkeit, mit denen eine stolze energische Natur Abhängigkeit und Zurücksetzung ertrug. Jenes weiche, halb unbewußte Träumen, das Anderen so oft naht, hatte auch den starren kalten Oswald umsponnen, vielleicht zum ersten Male, aber es hielt ihn nur um so unwiderstehlicher fest. Ueber ihm schwebten die Schwalben noch immer rastlos auf und nieder in der regenschweren Luft; immer noch schwirrte ihr leise grüßender Laut herab, und dieser Gruß und das Frühlingsweben ringsum und die Stimme in der eigenen Brust wiederholten immer nur das Eine, das vorhin so triumphirend und siegesgewiß von anderen Lippen geklungen: Es wird doch endlich Frühling.




Im Laufe der nächsten Tage kam nun wirklich der „Kriegsplan“ zur Ausführung, den Edmund und Hedwig entworfen hatten. Die unumwundene Erklärung des jungen Paares den Eltern gegenüber hatte genau den erwarteten Effect, hochgradige Empörung in Brunneck, wie in Ettersberg, Vorwürfe, Bitten und Drohungen, schließlich ein bestimmtes und unwiderrufliches Nein von beiden Seiten. Der junge Graf und nunmehrige Majoratsherr hatte die entschiedene Erklärung seiner Mutter entgegen zu nehmen, daß sie ihre Einwilligung zu dieser Verbindung ein für alle Mal versage, und Fräulein Hedwig Rüstow hatte einen gelinden Wuthanfall ihres Vaters auszuhalten, der förmlich außer sich gerieth bei der Nachricht, daß ein Ettersberg, ein Mitglied der verhaßten Familie und sein Gegner in dem Processe um Dornau, ihm als Schwiegersohn präsentirt werden sollte. Der in der schärfsten Weise kundgegebene elterliche Unwille machte aber leider nur einen sehr geringen Eindruck auf die jungen Herrschaften, denen natürlich jeder fernere Verkehr verboten wurde, und die sich noch in derselben Stunde hinsetzten, um an einander zu schreiben; denn sie hatten, in weiser Voraussicht des Kommenden, bereits einen sicheren Weg für ihre Briefe verabredet.

In dem Balkonzimmer des Herrenhauses von Brunneck ging der Oberamtsrath mit großen Schritten auf und nieder. Hedwig hatte für gut befunden, nach den ersten heftigen Debatten sich zurückzuziehen und ihren wüthenden Papa sich selber zu überlassen. Dieser schüttete jetzt, da die Tochter ihm nicht erreichbar war, das ganze Maß des Zornes über seine Cousine aus, der er die heftigsten Vorwürfe machte, sie habe durch ihre unverzeihliche Nachgiebigkeit und Begünstigung dieser Bekanntschaft die ganze Sache verschuldet.

Fräulein Lina Rüstow saß auf ihrem gewöhnlichen Platz am Fenster und hörte zu, ohne sich im Geringsten bei der Handarbeit stören zu lassen, mit der sie beschäftigt war. Sie wartete geduldig, bis eine Pause eintrat und ihr aufgebrachter Cousin genöthigt war, Athem zu schöpfen; dann fragte sie in voller Seelenruhe:

„Vor allen Dingen, Erich, sagen Sie mir, was haben Sie eigentlich gegen diese Heirath einzuwenden?“

Der Gefragte blieb plötzlich stehen – das war ihm denn doch zu stark. Seit einer halbe Stunde bemühte er sich, seinem Aerger, seiner Wuth, seiner Empörung jeden nur möglichen Ausdruck zu geben, und jetzt fragte man ihn in aller Gemüthsruhe, was er denn eigentlich gegen diese Heirath einzuwenden habe. Die Frage brachte ihn so gänzlich aus der Fassung, daß er im Augenblicke gar keine Antwort darauf fand.

„Ich begreife Ihren Unwillen wirklich nicht,“ fuhr das Fräulein in dem gleichen Tone fort. „Es handelt sich hier um eine aufrichtige Herzensneigung von beiden Seiten; Graf Ettersberg ist eine höchst liebenswürdige Persönlichkeit. Der unselige Proceß, der Ihnen schon den ganzen Winter die Laune verdirbt, wird dadurch in der allereinfachsten Weise beendigt, und äußerlich betrachtet, ist diese Partie für Hedwig eine glänzende. Warum also sträuben Sie sich so dagegen?“

„Warum? warum?“ rief Rüstow, noch mehr gereizt durch diese Ruhe. „Weil ich es nicht leiden will, daß meine Tochter einen Ettersberg heirathet. Weil ich es ein für alle Mal verbiete.“

Fräulein Lina zuckte die Achseln.

„Ich glaube nicht, daß sich Hedwig diesen Gründen fügen wird. Sie wird sich einfach auf das Beispiel ihrer Eltern berufen, die ja auch ohne Zustimmung des Vaters –“

„Das war etwas Anderes,“ fiel Rüstow ungestüm ein, „etwas ganz Anderes!“

„Es war genau dasselbe, nur daß die Verhältnisse damals weit ungünstiger lagen als jetzt, wo wirklich nur Vorurtheil und Starrsinn dem Glücke des jungen Paares im Wege stehen.“

„Das sind ja sehr liebenswürdige Complimente, mit denen Sie mich überhäufen,“ rief der Oberamtsrath von Neuem in Wuth gerathend. „Vorurtheil! Starrsinn! Haben Sie nicht noch mehr dergleichen Schmeicheleien für mich in Bereitschaft? Geniren Sie sich nicht! Ich warte darauf.“

„Mit Ihnen ist heut wieder einmal nicht zu reden,“ bemerkte das Fräulein, gleichmüthig die Arbeit wieder aufnehmend, die während der letzten Minuten geruht hatte. „Wir wollen das später besprechen, wenn Sie ruhiger geworden sind.“

„Lina, Sie bringen mich um mit dieser entsetzlichen Gelassenheit,“ fuhr Rüstow auf. „Legen Sie wenigstens die verwünschte Näherei bei Seite! Ich halte es nicht aus, wenn Sie mit dieser unverwüstlichen Ruhe den Faden auf und nieder ziehen, während ich – ich –“

„Das ganze Haus umreißen möchte. Geben Sie sich keine Mühe – es bleibt doch stehen.“

„Jawohl, es bleibt schon, und wenn auch Alles gegen mich rebellirt, und wenn auch Sie in heller Opposition gegen mich stehen. Ich habe Gott sei Dank noch einen Bundesgenossen, die Gräfin Mutter in Ettersberg. Die wird noch mehr Starrsinn zeigen, als ich – darauf können Sie sich verlassen. Wir können uns zwar nicht leiden; wir thun uns in dem Processe alle nur möglichen Chicanen an, in diesem Punkte aber sind wir einmal ausnahmsweise einer Meinung. Sie wird ihrem Sohne schon den Kopf zurechtsetzen, und das freut mich; damit bin ich einverstanden; ich werde es gerade so mit meiner Tochter machen.“

„Ich glaube auch nicht, daß die Gräfin so schnell ihre Einwilligung ertheilen wird,“ sagte Lina in kühlem Tone. „Das zu erreichen ist eben Edmund's Sache.“

„Edmund!“ wiederholte Rüstow, der heut von einer Aufregung in die andere gerieth. „Das klingt ja schon recht vertraulich, recht verwandtschaftlich. Sie betrachten ihn wohl schon ganz und gar als Ihren Neffen? Aber daraus wird nichts. Ich sage Nein und nochmals Nein, und dabei bleibt es.“

Mit diesen Worten stürmte er aus dem Zimmer, und warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster klirrten. Fräulein Lina mußte sich wirklich „die Nerven“ abgewöhnt haben, denn sie fuhr nicht einmal zusammen bei dem Lärm, sondern sah dem heftigen Manne nur kopfschüttelnd nach und sagte halblaut:

„Ich möchte wissen, wie lange es dauert, bis er nachgiebt.“

In Ettersberg ging es nun allerdings etwas weniger stürmisch zu, aber die Aussichten für das junge Paar waren darum nicht hoffnungsreicher. Die Gräfin hielt die Sache für wichtig genug, [368] um ihren Bruder, den Baron Heideck, der in allen wichtigen Fällen ihr Rathgeber und ihre Stütze war, zu sich zu rufen. Er war auch sofort aus der Residenz eingetroffen, und Graf Edmund hatte nunmehr den Kampf mit der Mutter und dem Vormund zugleich aufzunehmen.

Der Letztere war erst vor einigen Stunden angelangt und befand sich jetzt mit der Gräfin allein im Zimmer. Er war um mehrere Jahre älter als seine Schwester, aber während sie sich eine noch beinahe jugendliche Erscheinung zu bewahren gewußt hatte, war bei ihm eher das Gegentheil der Fall. Kalt, ernst und sehr gemessen in Haltung und Sprache, verrieth er schon in seinem Aeußern den vornehmen Bureaukraten. Er hörte schweigend und aufmerksam der Gräfin zu, die soeben ihren Bericht schloß.

„Wie ich Dir bereits schieb, ist mit Edmund nichts anzufangen. Er besteht hartnäckig auf diesem Heirathsplane und bestürmt mich mit Bitten um meine Einwilligung dazu. Ich wußte mir schließlich nicht anders zu helfen, als indem ich Dich herbeirief.“

„Daran hast Du sehr recht gethan,“ sagte der Baron, „denn ich fürchte, Du allein hast nicht die nöthige Festigkeit, wenn es sich um einen Herzenswunsch Deines Lieblings handelt. Ich denke aber, wir sind darin einig, daß diese Verbindung unter allen Umständen verhindert werden muß.“

„Gewiß sind wir das,“ stimmte die Gräfin bei. „Es fragt sich nur, wie wir sie verhindern. Edmund wird in Kurzem mündig und ist dann unumschränkter Herr seines Willens.“

„Er hat sich bisher stets dem Deinigen gefügt,“ warf Heideck ein. „Er liebt Dich über alles.“

„Bisher!“ sagte die Gräfin mit aufquellender Bitterkeit. „Jetzt liebt er noch eine Andere außer seiner Mutter. Es muß sich erst zeigen, ob ich noch den alten Platz in seinem Herzen behaupte.“

„Laß Deine mütterliche Empfindlichkeit, Constanze!“ mahnte der Bruder, „sie allein hat das Ganze verschuldet. Du hast Deinen Sohn von jeher mit einer Ausschließlichkeit und Eifersucht geliebt, die Dir den Gedanken an seine Heirath unmöglich machte. Deshalb allein wiesest Du den Vorschlag zu einer standesgemäßen Verbindung zurück, den ich Dir im vorigen Jahre machte, und der damals leicht zu verwirklichen war. Du siehst, was daraus entstanden ist. Doch wir müssen jetzt Stellung zu der Sache nehmen. Dieser Rüstow ist sehr reich?“

„Wenigstens gilt er dafür in der ganzen Umgegend.“

„Auch in der Residenz! Er hat sich erst kürzlich bei einer unserer großen industriellen Unternehmungen mit ganz erstaunlichen Mitteln betheiligt. Ueberdies wird er von allen Seiten als eine Autorität in seinem Fache angesehen; sogar im Ministerium legt man Werth auf seine Meinung in wirthschaftlichen Fragen. Dazu kommt noch seine Verschwägerung mit der Ettersberg'schen Familie, welche trotz alledem doch nun einmal existirt – man kann die Sache nicht so ohne Weiteres als eine Mesalliance behandeln.“

„Nein, und ich glaube, darauf baut Edmund.“

„Er baut nur auf Deine grenzenlose Liebe für ihn, von der er Alles zu erreichen hofft und auch erreichen würde, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre. Du hast aber hier das Andenken und den Namen Deines Gemahls zu repräsentiren, der eine derartige Verbindung nie geduldet haben würde. Erinnere Dich, wie scharf er damals die Heirath seiner Cousine mit Rüstow verurtheilte! Du mußt durchaus in seinem Sinne handeln.“

„Das habe ich ja bereits gethan,“ sagte die Gräfin ein wenig gereizt, „aber wenn Edmund nicht hören will – –“

„So wirst Du seinen Gehorsam zu erzwingen wissen, gleichviel auf welche Weise. Dieses bürgerliche Element darf sich nicht wieder in den Stammbaum der Ettersberg eindrängen – es war genug an dem einen Male.“

Er sprach langsam, mit schwerer Betonung, und die Gräfin erbleichte unter dem beinahe drohenden Blicke des Bruders.

„Armand, was soll das? Ich –“

„Ich sprach von der Heirath Rüstow's mit der Cousine Deines Gemahls,“ unterbrach sie der Baron kalt. „Aber ich glaube, die Erinnerung war nothwendig, um Dich daran zu mahnen, daß Du hier nicht schwach sein darfst. So wenig es Dir sonst an Energie fehlt: Deinem Edmund gegenüber bist Du stets eine allzu zärtliche Mutter gewesen.“

„Vielleicht!“ sagte die Gräfin mit schmerzlicher Bitterkeit. „Er ist ja das Einzige gewesen, was ich lieben durfte, seit – seit Du mich zwangest, dem Grafen die Hand zu reichen.“

„Nicht ich, die Verhältnisse haben Dich dazu gezwungen. Ich dächte, Du hättest in Deiner Jugend Armuth und Entbehrungen genug kennen gelernt, um die Hand des Bruders zu segnen, die Dich aus diesem Elend riß, um Dich auf die Höhen des Lebens zu führen.“

„Segnen?“ wiederholte die Gräfin leise, mit halb erstickter Stimme. „Nein, Armand, das habe ich nie gethan.“

Baron Heideck runzelte die Stirn.

„Ich habe damals nach Pflicht und Gewissen gehandelt. Es galt, unserem Vater eine letzte Lebensfreude, der Mutter eine sorgenfreie Zukunft und Dir selber eine glänzende, vielbeneidete Lebensstellung zu sichern. Wenn ich Dich dazu drängte, wenn ich Dich gewaltsam von einer Jugendschwärmerei losriss, so geschah es in der festen Ueberzeugung, daß die Vergangenheit für die Gräfin Ettersberg nicht mehr existiren werde. Ich konnte unmöglich voraussehen, daß ich meiner Schwester – zu viel getraut hatte.“

Die Gräfin zuckte zusammen bei den letzten Worten und wendete sich ab.

„Laß diese Erinnerungen, Armand! Ich ertrage sie nicht.“

„Du hast Recht,“ sagte Heideck abbrechend. „Wir wollen die Vergangenheit ruhen lassen; hier handelt es sich um die Gegenwart. – Edmund darf diesen romantischen Jugendstreich nicht ausführen. Ich habe nur erst flüchtig mit ihm gesprochen, auf dem Wege hierher, als er mich von der Bahnstation abholte. Ich vermied absichtlich, näher auf die Sache einzugehen, um erst Rücksprache mit Dir zu nehmen. Ich habe aber mit Bestimmtheit den Eindruck empfangen, daß es sich hier um keine tiefe und ernste Leidenschaft handelt, die alle Schranken niederwirft und Alles daran setzt, ihr Ziel zu erreichen – davon ist keine Rede. Er ist eben verliebt in ein junges und, wie es heißt, sehr schönes Mädchen und möchte nun gleich auf der Stelle heirathen. Wir werden aber dafür sorgen, daß das nicht geschieht. Gegen derartige tändelnde Gefühle haben wir noch Waffen genug.“

„Das hoffe ich auch,“ entgegnete die Gräfin, die sich augenscheinlich zwang, zu dem ruhigen Gesprächston zurückzukehren. „Eben deshalb bat ich Dich zu kommen. Du bist der Vormund.“

Heideck schüttelte den Kopf. „Meine Vormundschaft ist stets nur ein formelles Recht gewesen, und in wenigen Monaten erlischt es ganz. Dem wird sich Edmund schwerlich beugen, aber Dir beugt er sich; denn er ist es gewohnt, sich von Dir leiten zu lassen. Stelle ihm einmal die Wahl zwischen Dir und seiner Neigung, drohe ihm, Ettersberg zu verlassen, wenn er diese Braut hier einführt! Er hängt mit ganzer Seele an Dir; er wird seine Mutter nicht verlieren wollen.“

„Nein, das wird er nicht,“ fiel die Gräfin mit vollster Ueberzeugung ein. „Noch bin ich seiner Liebe sicher.“

„Du wirst es auch ferner sein, wenn Du es verstehst, Deine Macht über ihn zu gebrauchen und ich zweifle nicht, daß das im vollen Umfange geschehen wird. Du weißt es ja, Constanze, daß bei Deinem Sohne, gerade bei ihm, die Tradition der Familie um jeden Preis gewahrt werden muß. Bedenke das!“

„Ich weiß es,“ sagte die Gräfin tief aufathmend. „Sei ohne Sorge.“

Es trat eine kurze Pause ein; dann nahm Baron Heideck von Neuem das Wort.

„Und nun zu der andern unerquicklichen Angelegenheit! Willst Du Oswald rufen lassen? Ich möchte ihn doch über seine wunderbaren Zukunftspläne zur Rede stellen.“

Die Gräfin klingelte. „Melden Sie dem Herrn von Ettersberg, daß Baron Heideck ihn zu sprechen wünscht und ihn hier erwartet,“ befahl sie dem eintretenden Diener. Dieser entfernte sich mit der gegebenen Weisung, während der Baron sarkastisch fortfuhr:

„Das muß man zugestehen, Edmund und Oswald wetteifern förmlich darin, dem Ettersberg'schen Namen erhöhten Glanz zu verleihen. Der Eine will die Tochter eines ehemaligen Pächters heirathen und der Andere sich eine Advocatenpraxis gründen. Oswald kann doch nicht plötzlich auf diese Idee gekommen sein.“

„Ich glaube, er hat sie schon jahrelang mit sich herumgetragen und jahrelang darüber geschwiegen,“ sagte die Gräfin. [369] „Erst jetzt, wo er unmittelbar vor dem Examen steht, kommt er damit zum Vorschein. Ich habe ihm aber mit der größten Entschiedenheit erklärt, daß von Advocaturpraxis keine Rede sein könne, und daß er in den Staatsdienst treten werde.“

„Und was hat er Dir darauf erwidert?“

„Nichts – wie gewöhnlich! Du kennst ja dies starre, finstere Schweigen, das er schon als Knabe jedem Vorwurf und jeder Strafe entgegensetzte, diesen Blick voll unerträglichem Trotze, den er stets in Bereitschaft hat, wenn sein Mund schweigt. Ich bin überzeugt, er hält nur um so hartnäckiger fest an seinem unsinnigen Plane.“

„Das sieht ihm ähnlich, aber in diesem Falle wird er sich doch fügen müssen. Wer so gänzlich mittellos ist, wie Oswald, der ist in jeder Lebensstellung noch für’s Erste von der Beihülfe seiner Verwandten abhängig. Der Ungehorsam würde ihm doch allzu theuer zu stehen kommen.“

Das Gespräch hatte während der letzten Minuten einen ganz andern Ton angenommen. Vorhin, als von Edmund die Rede war, hatten die Gräfin und ihr Bruder wohl ernst und sorgenvoll gesprochen, aber jedes Wort zeugte doch von der höchsten Rücksicht für den eigensinnigen Sohn und Neffen. Sie wollten ihn nur leiten, nur zurückführen, und die Liebe zu seiner Mutter war das einzige Zwangsmittel, das überhaupt in Betracht kam. Von dem Augenblicke an aber, wo Oswald’s Name genannt wurde, gewann das Gespräch eine andere Färbung. Da wurde im herbsten Tone berichtet und mit der schärfsten Strenge abgeurtheilt; da war sofort von Zwangsmaßregeln gegen den Ungehorsamen die Rede. Baron Heideck theilte augenscheinlich die Abneigung seiner Schwester gegen den jungen Verwandten im vollsten Maße.

Der Gerufene trat jetzt, ein und begrüßte die Tante und den Vormund, den er bei der Ankunft nur flüchtig gesehen hatte, in der gewohnten ruhigen Haltung, aber ein schärferer Beobachter konnte bemerken, daß er sich für die kommende Scene gewaffnet hatte. Er stand wieder da mit dem „starren finsteren Schweigen“, mit jenem Blicke „unerträglichen Trotzes“, und wartete, was man ihm eröffnen werde.

[381] „Du hast uns eine eigenthümliche Ueberraschung bereitet,“ wandte sich Baron Heideck an Oswald. „Vor allen Dingen mir, der ich schon im Begriffe stand, Schritte für Deine nächste Zukunft zu thun. Was sind das für unsinnige Ideen, mit denen Du auf einmal zum Vorschein kommst! Die Militärcarrière hast Du verweigert; jetzt machst Du es ebenso mit der Staatscarrière, und gerade Dir – in Deiner abhängigen Lebensstellung – ist ein solches Schwanken zwischen allen möglichen Laufbahnen am wenigsten gestattet.“

„Ich selbst habe wohl nie geschwankt; denn ich habe nie eine eigene Wahl gehabt,“ entgegnete Oswald ruhig. „Ich wurde für den Staatsdienst bestimmt, wie anfangs für die Armee, ohne daß meine Neigung dabei befragt wurde.“

„Und warum äußertest Du nie ein Wort darüber, daß es Dir schließlich belieben würde, Dich auch dieser Bestimmung zu widersetzen?“ fragte die Gräfin.

„Das ist leicht zu errathen,“ fiel Heideck ein. „Er scheute einen längeren Kampf mit Dir und mir, in dem er doch wohl zu unterliegen fürchtete, und dachte durch Ueberraschung unseren Widerstand zu brechen. Aber da bist Du im Irrthum, Oswald. Meine Schwester hat Dir bereits erklärt, daß wir den Namen und Rang der Grafen von Ettersberg für unvereinbar mit einer Advocatenpraxis halten, und ich wiederhole Dir, daß Du dazu nie unsere Einwilligung erhalten wirst.“

„Das thut mir leid,“ war die feste Antwort. „Dann bin ich eben gezwungen, den Weg, den ich mir vorgezeichnet habe, ohne die Einwilligung meiner Verwandten zu gehen.“

Die Gräfin wollte auffahren, aber ihr Bruder winkte beschwichtigend mit der Hand.

„Laß ihn, Constanze! Es wird sich zeigen, ob er das kann. Ich begreife Dich wirklich nicht, Oswald,“ fuhr er mit vernichtendem Spotte fort. „Du bist doch lange genug auf der Universität und auf Reisen gewesen, um wenigstens einigermaßen die Anforderungen der Welt zu kennen. Hast Du Dir denn nie gesagt, daß Du ohne Existenzmittel weder Dein Examen in der Residenz machen, noch Jahre lang leben kannst, bis sich irgend ein Einkommen für Dich findet, und daß Dir diese Mittel entzogen werden, wenn Du es bis zum Bruche mit Deiner Familie treibst? Du rechnest wahrscheinlich auf Edmund's Gutmüthigkeit und seine Zuneigung zu Dir, in diesem Falle aber wird meine Schwester dafür sorgen, daß er Deinen Eigenwillen nicht unterstützt.“

„Ich rechne auf Niemand als auf mich selbst,“ erklärte Oswald. „Edmund weiß es bereits, daß ich seine Hülfe nie in Anspruch nehmen werde.“

„Nun, dann erlaubst Du vielleicht mir, als Deinem ehemaligen Vormund, die Frage, wie Du Dir eigentlich die nächste Zukunft denkst,“ sagte Heideck in dem früheren hohnvollen Ton.

„Ich gehe zunächst nach der Residenz zu dem Justizrath Braun. Der Name ist Ihnen vermuthlich bekannt?“

„Allerdings. Er hat einen bedeutenden Ruf als Vertheidiger.“

„Er war der Rechtsfreund meines verstorbenen Vaters und verkehrte damals viel in unserem Hause. Ich habe ihn jedesmal aufgesucht, wenn ich mit Edmund in der Residenz war, und er hat die alte Freundschaft für den Vater auf den Sohn übertragen. Schon während meiner Universitätszeit gab er mir die nöthigen Winke, wie ich meine Studien für die schon damals erwählte Laufbahn einzurichten hatte, und seitdem sind wir regelmäßig in Verkehr geblieben. Jetzt wünscht er einen Gehülfen und späteren Nachfolger in seiner allzu großen Praxis und hält mir diese Stellung bis nach vollendetem Examen offen. Für die Zeit des Examens selbst hat er mir den Aufenthalt in seinem Hause angeboten, und ich habe das dankend angenommen.“

Oswald setzte das Alles mit unerschütterlicher Ruhe auseinander, um so erregter aber waren seine beiden Zuhörer, denen das im höchste Grade unerwartet kam. Sie hatten geglaubt, mit einem bloßen Machtworte die „unsinnigen Ideen“ des widerspänstigen Neffen zu brechen, der durch seine Abhängigkeit ja vollständig in ihren Händen war, und stießen nun auf einmal auf einen fest und sicher gegründeten Lebensplan, in dem alles bestimmt, alles vorhergesehen war, und der den jungen Mann vollständig ihrer Macht entzog. Die unliebsame Ueberraschung verrieth sich deutlich in dem Blicke, den sie miteinander wechselten.

„Das sind ja merkwürdige Neuigkeiten,“ brach die Gräfin aus, die ihre Gereiztheit nicht länger zu beherrschen vermochte. „Du hast also hinter unserem Rücken mit einem Fremden ein förmliches Complot gegen uns geschmiedet? Und dieses Complot hat schon seit Jahren bestanden.“

„Und zu welchem Zwecke!“ ergänzte Heideck. „Während Dir in der Armee wie im Staatsdienst Dein altadliger Name die Carrière sichert, stößt Du das Alles zurück um einer Advocatenpraxis willen. Ich glaubte denn doch, daß Dein Ehrgeiz einen höheren Flug nähme. Hast Du wirklich eine so unglaubliche Schwärmerei für diesen Stand?“

[382] „Nein,“ sagte Oswald kalt, „nicht die mindeste! Aber in jeder anderen Laufbahn bin ich gezwungen, noch Jahre lang die bisherigen – Wohlthaten anzunehmen, und das will ich nicht. Jener Weg ist der einzige, der mich zur Unabhängigkeit und Freiheit führt, und diesem einen Ziele opfere ich Alles.“

Es sprach ein unbeugsamer Entschluß aus diesen Worten, zugleich aber auch ein herber Vorwurf, den die Gräfin nur zu gut verstand.

„Du hast allerdings diese Wohlthaten so lange angenommen, daß Du sie füglich jetzt entbehren kannst,“ warf sie hin.

Der Ton der Bemerkung war noch verletzender als ihr Inhalt, aber auch Oswald verlor jetzt seine Ruhe. Seine kurzen heftigen Athemzüge verriethen, wie erregt er war, als er ebenso verletzend antwortete:

„Wenn man mich bisher an der Kette meiner Abhängigkeit festhielt, so ist das sicher nicht meine Schuld gewesen. Einem Ettersberg war es ja nicht erlaubt, sein Fortkommen in der Welt auf eigene Hand zu suchen, wie das in bürgerlichen Verhältnissen geschieht. Ich hatte mich der Tradition meiner Familie zu fügen. Ich habe warten müssen bis zu dieser Stunde, wo ich endlich meine Zukunft selbst in die Hand nehme.“

„Und Du thust das in der rücksichtslosesten Weise,“ sagte die Gräfin mit steigender Heftigkeit. „In vollster Gleichgültigkeit gegen diese Traditionen, in offener Empörung gegen die Familie, der Du Alles verdankst. Hätte mein Gemahl das vorhergesehen, er hätte nie die Bestimmung getroffen, daß Du mit seinem eigenen Sohne erzogen und wie ein Kind des Hauses gehalten werden solltest, dem Du jetzt in einer solchen Art dankst. Freilich, Dankbarkeit ist ein Wort, das Du überhaupt nicht zu kennen scheinst.“

Oswald's Blick flammte auf, und ein drohender, unheilverkündender Strahl brach daraus hervor.

„Ich weiß es, Tante, welch eine schwere Last Dir der Onkel mit dieser Bestimmung auferlegte, aber glaube mir, ich habe daran noch schwerer getragen als Du! Wäre ich als Waise in die Welt hinausgestoßen, wäre ich von Fremden auferzogen worden, ich hätte es leichter ertragen, als das Leben in diesen glänzenden Umgebungen, wo ich täglich und stündlich an meine Nichtigkeit erinnert wurde, wo die stolze Ettersberg'sche Ader in mir sich nicht regen durfte, ohne sofort unterdrückt zu werden. Der Onkel hat meine Aufnahme in seinem Hause durchgesetzt, mich zu schützen hat er nie versucht, und Dir war ich ja von jeher nur das Vermächtniß eines feindseligen und gehaßten Schwagers. Ich bin mit Abneigung empfangen, mit Widerwillen geduldet worden, und dieses Bewußtsein hat mich oft genug zur Verzweiflung getrieben. Wäre nicht Edmund gewesen, der Einzige, der mir Liebe entgegenbrachte, der Einzige, der fest zu mir hielt, trotz Allem, was geschah, ihn mir zu entfremden, ich hätte dieses Leben nicht ausgehalten. Du verlangst Dankbarkeit von mir? Ich habe sie nie gegen Dich gefühlt, werde sie nie fühlen; denn tief in meinem Innern regt sich oft eine Stimme, die mir zuruft, daß ich hier nicht zu danken habe, sondern – anzuklagen.“

Er schleuderte das letzte Wort voll und drohend heraus; die Schranke war gebrochen, und all der Haß, all die Bitterkeit, die er Jahre lang verborgen in sich getragen, flutheten jetzt in wilder Empörung der Frau entgegen, die, äußerlich wenigstens, Mutterstelle bei ihm vertreten hatte. Auch sie hatte sich erhoben und stand ihm jetzt Auge in Auge gegenüber. Sie maßen sich, wie zwei Todfeinde vor dem beginnenden Kampfe, und die nächsten Worte hätten vielleicht zu einem unheilvollen Bruche geführt, wenn sich nicht Baron Heideck rasch in's Mittel gelegt hätte.

„Oswald, Du vergißt Dich,“ rief er. „Was ist das für eine Sprache, die Du Deiner Tante gegenüber zu führen wagst!“

Die kalte scharfe Stimme brachte die Beiden gleichzeitig zur Besinnung. Die Gräfin ließ sich langsam wieder auf ihren Sitz nieder, und ihr Neffe trat einen Schritt zurück. Einige Secunden hindurch herrschte ein peinliches Schweigen; dann nahm Oswald in völlig verändertem, eiskaltem Tone das Wort:

„Es ist wahr – ich habe um Verzeihung zu bitten. Zugleich bitte ich aber auch, mich meinen Weg fortan ungehindert gehen zu lassen. Er entfernt mich voraussichtlich für immer von Ettersberg und hebt jede fernere Beziehung zwischen uns auf. Ich glaube, das liegt in unseren beiderseitigen Wünschen, und jedenfalls ist es das Beste für uns.“

Und ohne irgend eine Antwort oder Entlassung abzuwarten, wandte er sich und verließ das Zimmer.

„Was war das?“ fragte die Gräfin tonlos, als die Thür sich geschlossen hatte.

„Eine Drohung!“ sagte Heideck. „Hast Du sie nicht verstanden, Constanze? Ich denke, sie war deutlich genug.“

Er sprang auf und ging einige Male rasch und unruhig auf und nieder. Selbst die kühle Gemessenheit des Bureaukraten hielt vor dieser Scene nicht Stand; endlich blieb er vor seiner Schwester stehen.

„Wir werden nachgeben müssen. Die Sache liegt jetzt anders, ganz anders. Ein energischer Widerstand unsererseits könnte bedenklich werden – das haben mir die letzten Minuten gezeigt.“

„Meinst Du?“

Die Worte fielen fast mechanisch von den Lippen der Gräfin; sie blickte noch immer starr auf die Thür, hinter der Oswald verschwunden war.

„Unbedingt!“ sagte Heideck rasch und bestimmt. „Der Bursche ahnt mehr als gut ist; es ist gefährlich ihn zu reizen. Wenn er es durchaus will, so mag er gehen. Wir haben ohnehin keine Macht mehr, ihn zu halten; er hat sich ja völlig unangreifbar gemacht mit diesem meisterhaft ausgearbeiteten Zukunftsplane. Darauf war ich allerdings nicht gefaßt, aber wir wissen jetzt wenigstens, was hinter seiner scheinbare Ruhe und Gleichgültigkeit verborgen ist.“

„Ich habe das längst gewußt,“ erklärte die Gräfin, die jetzt erst wieder zur klaren Besinnung zu kommen schien. „Ich habe nicht umsonst diese kalten, spürenden Augen gefürchtet. Schon als sie mir das erste Mal aus dem Antlitz des Knaben entgegenblickten, wehte es mich an wie eine Ahnung, daß sie einst Verderben über mich und meinen Sohn bringen würden.“

„Thorheit!“ sagte Heideck. „Was sich Oswald auch einbilden mag, es kann und wird nie mehr als eine Ahnung bleiben, und er wird sich hüten, ihr je wieder Worte zu leihen. Es war nur die äußerste Aufregung, die ihm jene Andeutung entriß, aber gleichviel – derartige Scenen dürfen nicht wiederkehren. Darin wenigstens hat er Recht, daß es das Beste ist, wenn er Ettersberg für immer meidet. Dann hören schließlich auch seine Beziehungen zu Edmund auf. Wir müssen in unserem eigenen Interesse ihn jener Laufbahn überlassen.“

Oswald hatte inzwischen rasch die Gemächer der Gräfin durchschritten und war eben im Begriff, sie zu verlassen, als er Edmund begegnete, der auf dem Wege zu seiner Mutter war. Heiter, sorglos und übermüthig wie gewöhnlich bemächtigte sich der junge Graf sofort seines Vetters und hielt ihn fest.

„Nun, Oswald, wie ist die Gerichtsscene da drinnen ausgefallen? Wir müssen jetzt fest zusammenhalten; wir sind ja in dem gleichen Falle, nur daß der meinige romantisch und der Deinige juristisch ist. Ich hatte schon vorhin im Wagen eine kleine Voruntersuchung auszuhalten, und jetzt kommt die hochnothpeinliche Verhandlung selbst. Ist der Onkel sehr ungnädig?“

„Gegen Dich wird er es schwerlich sein,“ war die einsilbige Antwort.

„O, ich fürchte mich auch nicht im Mindesten!“ rief Edmund lachend. „Die Mama allein hätte ich längst auf meine Seite gebracht; leider weiß sie das und hat sich den Onkel zur Hülfe kommen lassen. Mit dem ist nun allerdings schwerer fertig zu werden, doch allzu arg verfährt er auch nicht mit mir. Aber Du, Oswald,“ er trat dicht vor seinen Vetter hin und sah ihm forschend in die Augen. „Du siehst wieder so finster, so verbittert aus. Dich haben sie wohl recht gequält?“

„Du weißt ja, daß es bei solchen Dingen nicht ohne heftige Debatten abgeht,“ versetzte Oswald ausweichend. „Ich habe aber trotzdem meinen Willen durchgesetzt. Doch noch Eines, Edmund! Ich werde Ettersberg wahrscheinlich früher verlassen, als es anfangs bestimmt war, vielleicht schon in den nächsten Tagen.“

„Weshalb?“ fuhr der junge Graf auf. „Was ist vorgefallen? Du warst ja entschlossen, bis zum Herbste zu bleiben. Hat Dich der Onkel beleidigt, daß Du fort willst? Das dulde ich nicht; ich werde auf der Stelle –“

„Ich sage Dir ja, daß Alles geordnet und ausgeglichen ist,“ unterbrach ihn Oswald. „Es ist durchaus nichts vorgefallen. Die Tante und ihr Bruder sind natürlich etwas gereizt gegen [383] mich, aber sie werden mir kein Hinderniß mehr in den Weg legen.“

„Ist das Dein Ernst?“ fragte Edmund überrascht. Er konnte sich offenbar diese plötzliche Nachgiebigkeit nicht erklären.

„Mein voller Ernst; Du wirst es ja von ihnen selbst hören. Und nun geh zu Deiner Gerichtsscene! Dir wird sie nicht allzu schwer gemacht werden; Du hast ja nur an die Liebe Deiner Mutter zu appelliren, wo ich die – Furcht zu Hülfe rufen mußte.“

Edmund sah ihn verwundert an. „Furcht? Vor wem? Du bist manchmal ganz räthselhaft in Deinen Ausdrücken.“

„Geh’ nur!“ drängte Oswald. „Ich kann Dir ja später den Verlauf der Unterredung erzählen.“

„Nun gut!“ Edmund wandte sich nach der Thür, blieb aber noch einmal stehen. „Aber Eines sage ich Dir, Oswald, aus Deiner frühen Abreise wird nichts. Du hast mir versprochen, bis zum Herbste zu bleiben, und eher lasse ich Dich unter keiner Bedingung fort. Schlimm genug, daß ich Dich dann monatelang entbehren muß; denn vor Beendigung des Examens kommst Du schwerlich zum Besuche nach Ettersberg – das weiß ich im Voraus.“

Er ging. Oswald blickte ihm düster nach. „Monatelang? Wir werden es wohl lernen müssen, uns für immer zu entbehren,“ und mit sinkender Stimme setzte er hinzu: „Ich habe nicht geglaubt, daß mir das so schwer werden würde.“




Mehr als zwei Monate waren vergangen. Man befand sich schon mitten im Sommer, aber Ettersberg und Brunneck spielten immer noch, wie Graf Edmund sich ausdrückte, Montecchi und Capuletti. Weder die Gräfin noch Rüstow hatten den Widerstand gegen die Verbindung ihrer Kinder aufgegeben; desto hartnäckiger hielten diese selbst daran fest. Trotz des Verbotes sahen sie sich sehr oft und schrieben sich noch öfter. Um das Erstere zu ermöglichen, hatte man Fräulein Lina Rüstow in das Complot gezogen, und diese hielt es für besser, die Zusammenkünfte, die doch jedenfalls stattgefunden hätten, unter ihren Schutz zu nehmen; sie stand überhaupt gänzlich auf Seiten des jungen Paares, das sein Schicksal ziemlich leicht trug. Weder Edmund noch Hedwig waren danach geartet, die vorläufige Trennung sentimental oder gar tragisch zu nehmen. Eine Verbindung ohne jedes Hinderniß wäre ihnen wahrscheinlich langweilig erschienen, der elterliche Widerstand gab der Sache in ihren Augen erst die nöthige Romantik. Sie vertieften sich darin mit dem ganzen Eifer ihrer achtzehn und vierundzwanzig Jahre und fanden sich und ihre treue Liebe über alle Maßen interessant und poetisch. Ueber den Ausgang des Romans machten sich Beide im Grunde wenig Sorge; sie wußten zu gut, daß sie die verwöhnten und verzogenen Lieblinge ihrer Eltern waren und ihren Willen schließlich doch durchsetzen würden. Einstweilen zeigte sich die Gräfin zwar noch als unerbittliche Mutter, und der Oberamtsrath war wüthender als je, aber es fehlte doch nicht an Anzeichen, daß die Festungen nicht so unüberwindlich waren, wie sie sich stellten, und daß sie dem fast täglich wiederholten Ansturme doch endlich erliegen würden.

Die Entscheidung kam schneller, als alle Betheiligten es ahnten. Fräulein Lina Rüstow war auf einige Tage nach der Stadt gefahren, um Einkäufe zu machen, und kehrte nun ganz harmlos nach Brunneck zurück, das sie noch in voller Feindschaft mit Ettersberg verlassen hatte. Etwas befremdet darüber, daß ihr Cousin sie allein empfing und Hedwig sich nirgends blicken ließ, fragte sie nach derselben.

„Hedwig?“ fragte Rüstow mit einer Miene, die zur Hälfte Verlegenheit und zur Hälfte Ingrimm ausdrückte. „Sie ist augenblicklich nicht hier; sie wird später kommen.“

Die Cousine forschte nicht weiter. Es hatte vermuthlich wieder eine Debatte hinsichtlich der Heirathsangelegenheit gegeben, und das war nie erfreulich für die Umgebung des Oberamtsraths, denn dieser pflegte seinen Aerger an aller Welt auszulassen, nur nicht an seiner Tochter. Diesmal aber wußte sich Fräulein Lina im Besitze einer Nachricht, die jede Mißstimmung verscheuchen mußte, und kaum waren sie Beide in das Zimmer getreten, so kam sie damit zum Vorschein.

„Ich bringe Ihnen eine Neuigkeit mit, Erich. Der Rechtsanwalt wollte Ihnen ein Telegramm schicken, ich bat es mir aber aus, die Ueberbringerin der frohen Botschaft zu sein. Sie haben den Proceß in erster Instanz gewonnen; Dornau ist Hedwig zugesprochen worden.“

Merkwürdiger Weise hatte diese so sehr ersehnte und ganz unerwartete Nachricht gar keine besondere Wirkung. Das finstere Gesicht Rüstow’s hellte sich zwar auf, aber aus seiner Stimme klang noch immer ein unverkennbarer Aerger, als er ausrief:

„Das freut mich. Das freut mich trotz alledem. Wenn die Sache nur ein paar Wochen früher gekommen wäre; jetzt ist mir das ganze Vergnügen daran verdorben. Der Proceß ist also gewonnen?“

„In der ersten Instanz. Unser Anwalt hegt jedoch die zuversichtlichste Hoffnung auch für die endgültige Entscheidung. Allerdings wird die Gegenpartei appelliren und Alles aufbieten, Ihnen den Sieg streitig zu machen.“

„Nein, das wird sie nicht!“ brummte Rüstow, in dessen Gesicht wieder jener seltsam verlegene Ausdruck erschien.

„Doch! Daran ist gar kein Zweifel. Der Anwalt hat sich schon auf die sämmtlichen Instanzen vorbereitet.“

„Er soll sich gefälligst die Mühe sparen,“ brach Rüstow los. „Kein Mensch wird appelliren. Der Proceß ist aus, rein aus, und das Ende vom Liede ist, daß Dornau nun doch an Ettersberg fällt.“

„An Ettersberg? Ich sage Ihnen ja aber – mein Gott, Erich, was soll diese finstere Miene bedeuten, und warum ist Hedwig nirgends zu erblicken? Was ist vorgefallen? Ist sie krank oder gar –“

„Echauffiren Sie sich nicht!“ unterbrach Rüstow die angstvollen Fragen. „Hedwig ist ganz wohl und munter, und im Uebrigen ist sie drüben in Ettersberg bei ihrer künftigen Frau Schwiegermutter. – Ja, setzen Sie sich nur, Lina! Ich nehme es Ihnen gar nicht übel, wenn Sie auf’s Höchste überrascht sind; mir ist es ebenso gegangen.“

Fräulein Lina war in der That auf einen Stuhl gesunken und starrte völlig sprachlos vor Ueberraschung ihren Cousin an, der jetzt fortfuhr:

„Dies junge Volk hat ein ganz unerhörtes Glück. Um ein Haar hätten Sie Keinen von uns mehr am Leben getroffen, Lina. Die Gräfin war am Ertrinken; wir Anderen hätten beinahe Hals und Beine gebrochen.“

„Um des Himmelswillen! Und das nennen Sie ein unerhörtes Glück?“ rief das Fräulein entsetzt.

„Ich sage ja nur 'beinahe'. Schließlich ist eine Verlobung daraus geworden, und Hals über Kopf ist die Geschichte gegangen. Todesgefahr, Rührung, Umarmung – wir waren auf einmal mitten darin und konnten uns erst als segnende Eltern wieder herausfinden: O, diese verwünschten Ettersberg’schen Rappen! Ich wollte ihnen das Durchgehen abgewöhnen! Warum gehen denn meine Pferde niemals durch?“

„Aber was gehen mich denn Ihre Pferde an?“ unterbrach ihn die Cousine in halber Verzweiflung. „Auf diese Weise erfahre ich gar nicht, was eigentlich passirt ist. So erzählen Sie doch vernünftig!“

„Ja richtig, ich muß Ihnen das in Ruhe erzählen,“ sagte der Oberamtsrath und leitete diese Ruhe damit ein, daß er heftig im Zimmer auf und nieder zu schreiten begann, wie es seine Art war, wenn er sich in Aufregung befand.

„Also, ich fahre vorgestern mit Hedwig zum Besuch nach Neuenfeld. Sie wissen ja, wir müssen dabei den steilen Hirschberg passiren, und oben auf der Höhe ist der Weg so schmal, daß zwei Wagen nur mit Vorsicht an einander vorüber fahren können. Gerade an der Stelle begegnet uns die Ettersberg’sche Equipage mit der Gräfin. Wir ignoriren uns natürlich, unsere Herren Kutscher aber ignoriren sich nicht, sondern fahren wie toll auf einander los. Auf meinen Zuruf bringt Anton zwar die Pferde zum Stehen, aber die anderen drängen vorwärts, und so gerathen die Thiere an einander. Die wilden Ettersberg’schen Rappen nehmen das übel; sie bäumen sich hoch auf, rasen an uns vorbei, so dicht, daß sie uns fast die Räder zerschmettern, und als der Kutscher nun noch allerlei unsinnige Manöver macht, fangen sie in aller Gemüthlichkeit an durchzugehen. Als ich aus dem Wagen springe, ist es bereits zu spät; das geht wie die wilde Jagd den Berg hinunter. Der Kutscher fliegt vom Bock; der [384] Diener, anstatt die Zügel zu fassen, klammert sich an den Sitz fest; die Gräfin ruft um Hülfe, und so geht es geradewegs dem Weiher zu, der so recht hübsch bequem zum Ertrinken unten am Berge liegt.

Das Fräulein hörte in athemloser Erwartung zu. „Schrecklich! War denn keine Hülfe da?“

„Nun ich war da,“ sagte Rüstow trocken. „Und ich kann zur Noth auch einmal den Rettungsengel spielen, wenn das auch nicht gerade meine gewöhnliche Beschäftigung ist. Langes Besinnen galt hier nicht und das Nachlaufen hätte ich bleiben lassen sollen. Zum Glück hielten wir gerade an dem steilen Fußwege, der die gewundene Fahrstraße um die Hälfte abkürzt. Wie ich hinunter gekommen bin, weiß ich nicht – genug, ich war unten, gleichzeitig mit dem Wagen, und brachte ihn dicht vor dem Weiher zum Stehen.“

„Gott sei Dank!“ rief das Fräulein aufathmend.

„Ja, das sagte ich auch, aber erst später, vorläufig war ich wüthend; denn ich stand da mit der ohnmächtigen Gräfin im Arme, und der Diener war vor Schreck und Angst fast ebenso besinnungslos, wie seine Herrin. Ein paar wilde Pferde kann ich zur Noth bändigen, aber mit ohnmächtigen Damen weiß ich nichts anzufangen. Jetzt aber flog auch Hedwig den Fußweg herab, und dann kam Anton und dann der Kutscher, hinkend zwar und mit einer tüchtigen Beule an der Stirn, aber das geschah ihm recht – er hatte durch sein unsinniges Fahren das ganze Unglück verschuldet.“

„Und die Gräfin?“ warf die Zuhörerin ein.

„Nun, die Gräfin war zum Glück unverletzt. Wir brachten sie in das nahegelegene Haus des Feldhüters, wo sie sich denn auch einigermaßen erholte. Von Fortkommen aber war vorläufig keine Rede. Die liebenswürdige Rappen hatten sich neben dem Durchgehen noch das Specialvergnügen gemacht, die Deichsel ihres Wagens zu zerbrechen und den unserigen beim Vorbeijagen so zu beschädigen, daß er nicht von der Stelle konnte. Ich schickte also den Diener nach Ettersberg, um ein anderes Fuhrwerk zu holen, den Anton und den Feldhüter nach der Unglücksstätte, um womöglich den Wagen herab zu schaffen, und den Kutscher zu seinen schwarzen Ungethümen, die er denn auch glücklich nach Hause gebracht hat. Wir drei blieben allein – es war ein recht gemüthliches Zusammensein.“

„Ich will doch nicht hoffen, Erich, daß Sie selbst da grob gewesen sind,“ sagte das Fräulein in vorwurfsvollem Tone.

„Nein, das ging leider nicht,“ versicherte Rüstow mit aufrichtigem Bedauern. „Die Gräfin war noch immer todtenblaß und halb ohnmächtig. Ich hatte auch einen kleinen Denkzettel erhalten, eine bloße Schramme am Arme, aber sie blutete doch, und das arme Kind, die Hedwig, lief angstvoll von Einem zum Anderen und wußte nicht, wem sie zuerst helfen sollte – in solcher Situation kommt die Höflichkeit ganz von selbst. Wir waren denn auch ungeheuer höflich mit einander und ungeheuer besorgt um einander, aber ich hoffte doch, die Sache würde mit einem schönen Danke und einer Empfehlung abgemacht sein, und wartete sehnlich auf den Wagen von Ettersberg. Statt dessen kam Graf Edmund angestürzt. Er hatte nach dem confusen Berichte des Dieners geglaubt, seine Mutter sei verletzt oder halb todt, und da hatte er gar nicht auf das Anspannen gewartet, sondern sich auf das erste beste Pferd geworfen und war hergejagt, als gelte es sein eigenes Leben. Ich hätte dem leichtsinnigen Springinsfeld gar nicht so viel Herz zugetraut. Er stürzte wie ein Verzweifelter in das Haus und in die Arme seiner Mutter, und im ersten Augenblick sah und hörte er überhaupt nichts weiter als sie allein. Das hat mir bei alledem gefallen, sehr gefallen. Er scheint die Mutter leidenschaftlich zu lieben.

Die Stimme des Erzählenden hatte einen weichen Klang angenommen. Unglücklicher Weise ließ sich die Cousine beikommen, ihr Taschentuch hervorzuziehen und an die Augen zu drücken, was den Oberamtsrath sofort in die entgegengesetzte Stimmung warf.

„Ich glaube gar, Sie wollen weinen!“ fuhr er auf. „Die Rührung verbitte ich mir; wir haben genug davon gehabt. Jetzt kam es natürlich“ – nahm er den Faden seiner Erzählung auf – „zu Fragen und Erklärungen, bei denen ich trotz all meines Sträubens als Retter und Held figurirte. Die Gräfin floß über von Dankbarkeit, und urplötzlich fällt mir dieser Edmund um den Hals und behauptet, ich hätte seiner Mutter das Leben gerettet, und er verdanke das Niemandem auf der Welt lieber, als dem Vater seiner Hedwig.“ Hier wurden die Schritte Rüstow's immer größer und sein Antlitz immer grimmiger. „Ja, das sagte er ganz ungenirt: dem Vater seiner Hedwig! Ich will mich losmachen – da faßt mich Hedwig von der anderen Seite und erzählt mir genau dieselbe Geschichte von der Mutter ihres Edmund; jetzt tritt auch noch die Gräfin auf mich zu, bietet mir die Hand und – nun, das Uebrige können Sie sich denken. Wie gesagt, wir waren auf einmal mitten in der allgemeinen Umarmung und Versöhnung und kamen erst wieder zur Besinnung, als der Wagen, der dem Grafen nachgekommen war, draußen vorfuhr. Da es sich nun ergab, daß der unserige vorläufig nicht zu brauchen war, so blieb nichts übrig, als daß wir sämmtlich einstiegen und zunächst nach Ettersberg fuhren. Schließlich ist Hedwig dort geblieben bei der Gräfin, die wirklich recht elend und angegriffen war von dem Schrecken, und ich – ich sitze hier mutterseelenallein in Brunneck ohne irgend einen Menschen.“

„Bitte, ich bin ein Mensch,“ sagte Fräulein Lina etwas pikirt. „Rechnen Sie mich etwa nicht dazu?“

Rüstow brummte irgend etwas Unverständliches; in diesem Augenblicke trat der Diener ein und meldete den Herrn Pfarrer von Brunneck, der mit dem Gutsherrn befreudet war.

„Da habe wir es,“ rief dieser verzweiflungsvoll. „Der Pastor kommt sicher, um zu der Verlobung zu gratuliren. Die Geschichte ist ja schon in der ganzen Umgegend bekannt. Seit heute Morgen darf ich mich nicht aus der Thür wagen, ohne daß alle Welt mich anlächelt und mir Andeutungen über das 'erfreuliche Ereignis' macht. Aber das halte ich nicht aus. Ich muß mich erst fassen; ich muß mich erst daran gewöhnen. Lina, thun Sie mir den Gefallen: empfangen Sie den geistlichen Herrn; denn ich werfe in meiner jetzigen Stimmung alle Gratulationsbesuche zum Fenster hinaus.“

Damit lief der Oberamtsrath zu der einen Thür hinaus, während der Herr Pfarrer durch die andere eintrat und dem Fräulein nun in der That feierlich und salbungsvoll zu dem „erfreulichen Ereigniß“ gratulirte.




Der Tag, an welchem der junge Majoratsherr von Ettersberg seine Mündigkeit erreichte, war herangekommen und wurde mit einer glänzenden Festlichkeit begangen. Die Gräfin hielt gerade diesen Zeitpunkt für geeignet, all die Pracht zu entfalten, deren Ettersberg nur fähig war, und das geschah denn auch im vollsten Maße. Die weiten, im hellsten Lichtglanz strahlenden Räume des Schlosses sahen an diesem Tage eine äußerst zahlreiche Gesellschaft, für welche das Fest neben seinem eigentlichen Anlaß noch ein besonderes Interesse hatte. Das junge Brautpaar, dessen Verlobung vor einigen Wochen in Brunneck im Familienkreise gefeiert worden war, erschien zum ersten Male in einem größeren gesellschaftlichen Cirkel und nahm dessen Glückwünsche entgegen.

Die Verlobung selbst hatte in der Umgegend begreiflicher Weise viel Aufsehen erregt, aber mit jener Thatsache erfuhr man auch zugleich, was sie herbeigeführt hatte, und das erklärte Manches, das sonst unbegreiflich erschienen wäre. Es war erklärlich, daß die Gräfin dem Manne, dessen muthiger Entschlossenheit sie ihr Leben verdankte, die Hand zur Versöhnung bot und ihre aristokratischen Bedenken gegen eine Verbindung fallen ließ, die sie, wie es hieß, im Anfange sehr heftig bekämpft hatte. Es war ebenso begreiflich, daß der Oberamtsrath nach jener Lebensrettung seinen Groll gegen die Ettersberg'sche Familie nicht länger festhielt, um so mehr, als der Proceß um Dornau jetzt zu seinen Gunsten entschieden und seinem Starrsinn damit eine Genugthuung bereitet worden war. Im Ganzen wurde die Wahl des Grafen Edmund mehr beneidet als angefochten, besonders von seinen jüngeren Standesgenossen. Die Erbin von Brunneck und Dornau war keine unangemessene Partie, selbst für einen Grafen Ettersberg. Es wurden oft ähnliche Verbindungen geschlossen, bei denen keine so romantische Neigung vorwaltete, bei denen die reiche Erbin nicht zugleich auch ein schönes und liebenswürdiges Mädchen war. Wie man aber auch die Sache beurtheilen mochte, das Brautpaar selbst bekam natürlich nur Liebenswürdigkeiten und Artigkeiten zu hören.

[397] Baron Heideck fehlte bei dem Feste, zu dem man ihn, als den bisherigen Vormund, bestimmt erwartet hatte. Er gab seinen Standpunkt nicht so leicht auf wie die Gräfin, sondern beharrte in seinen exclusiven Ansichten. Zum Glücke hatte Edmund dafür gesorgt, daß der Onkel in der Residenz die Verlobung erst in dem Augenblicke erfuhr, wo sie veröffentlicht wurde. Die Gräfin konnte jetzt in keinem Falle mehr zurück, und das Eingreifen ihres Bruders kam zu spät. Trotzdem machte er seiner Schwester brieflich die heftigsten Vorwürfe über ihre Nachgiebigkeit und wollte nicht begreifen, wie man sich von der Erregung des Augenblicks so weit fortreißen lassen konnte, „Principien“ zu opfern. Er wußte nicht, wie sehr die Liebe zu dem Sohne jenem Augenblicke bereits vorgearbeitet hatte, jedenfalls aber war er im höchsten Grade gereizt darüber und ging so weit, seine Anwesenheit bei dem heutigen Feste zu versagen. Er hatte den Brief seines Neffen, in welchem ihn dieser auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter um sein Kommen ersuchte, kurz und kühl mit der Erklärung beantwortet, seine Amtsgeschäfte erlaubten ihm jetzt nicht, die Residenz zu verlassen; er werde die Förmlichkeiten der Majoratserklärung schriftlich abmachen.

Edmund ertrug diesen Beschluß sehr leicht; um so verstimmter war die Gräfin darüber. Sie hatte von jeher unter dem Einflusse ihres Vetters gestanden und ertrug seinen Unwillen um so schwerer, als sie ja im Grunde mit ihm gleicher Meinung war. Trotzdem sah sie ein, daß jetzt, wo der Schritt einmal gethan war, der eingenommene Standpunkt vor der Welt behauptet werden mußte, und sie that dies mit so viel Tact und Liebenswürdigkeit, daß Jedermann überzeugt war, jene Einwilligung, zu der sie eigentlich nur die Verhältnisse gezwungen hatten, sei ihr freier Entschluß gewesen.

Ihren Sohn und dessen Braut zur Seite, empfing die Gräfin die ankommenden Gäste. Sie war in reichster und gewähltester Toilette, und daß sie in der That noch eine sehr schöne Frau war, hatte sich vielleicht noch nie so siegreich gezeigt, wie an dem heutigen Abende, wo ihre Erscheinung sich selbst neben der jugendlich blühenden und reizenden Gestalt ihrer künftigen Schwiegertochter behauptete, ohne irgendwie dabei zu verlieren. Edmund's Auge ruhte bisweilen mit einer förmlichen Begeisterung auf seiner schönen, stolzen Mutter, die ihn fast ebenso sehr an Anspruch zu nehmen schien, wie seine Braut.

„Die Gräfin sieht heute sehr imposant aus,“ sagte der Oberamtsrath, indem er zu seiner Cousine trat. „Wirklich höchst imposant, und Feste versteht sie anzuordnen – das muß man ihr lassen. Das hat Alles einen so vornehm großartigen Zuschnitt, und dabei besitzt die Frau ein bewunderungswürdiges Talent, sich zum Mittelpunkte des Ganze zu machen, Jeden anzuregen, Jedem etwas Angenehmes zu sagen – Hedwig kann in dieser Beziehung sehr viel von ihr lernen.“

„Sie scheinen die Extreme zu lieben,“ bemerkte Fräulein Lina, die sich auf einen Eckdivan zurückgezogen hatte und dort mehr die ruhige Beobachterin spielte. „Von Ihrer ganz unvernünftigen Abneigung gehen Sie zu einer schrankenlosen Bewunderung der Gräfin über. Sie haben ihr vorhin sogar die Hand geküßt.“

„Bin ich Ihnen etwa wieder nicht recht?“ fragte Rüstow beleidigt. „Sie haben mir das feierliche Versprechen abgenommen, heute Abend liebenswürdig zu sein, und nun ich auch ganz unglaubliche Anstrengungen dazu mache, erkennen Sie es nicht einmal an.“

Das Fräulein lächelte ein wenig boshaft. „O doch! Ich bewundere Ihre 'unglaublichen Anstrengungen' ebenso sehr wie die Gesellschaft, die sich vorläufig noch gar nicht darein finden kann. Man ist gewohnt, Sie immer in einer Art von Donnergewölk zu sehen, und kann sich diesen plötzlichen Sonnenschein gar nicht erklären. Aber noch eine Frage, Erich! Was hat Hedwig mit Oswald von Ettersberg? Sie vermeiden sich ja in einer beinahe auffallenden Weise.“

„Mit Edmund's Cousin? Gar nichts, so viel ich weiß. Hedwig kann ihn nicht leiden, und ich glaube, er macht sich auch nicht viel aus ihr.“

Die letzten Worte klangen sehr entrüstet. Der Oberamtsrath begriff es offenbar nicht, daß irgend Jemand sich nichts aus seiner Tochter machte.

„Diese gegenseitige Abneigung muß aber doch irgend einen Grund haben. Der junge Ettersberg besitzt allerdings keine hervorragende Liebenswürdigkeit.“

„Aber immense landwirthschaftliche Anlagen!“ sagte Rüstow enthusiastisch. „Wenn der das Majorat unter den Händen hätte, sähe es anders hier aus. Er durchschaut die Wirthschaft auf den Gütern ganz klar und hat mir neulich, als er mit in Brunneck war, Aufklärungen und Winke darüber gegeben, die mich denn doch veranlassen werden, einmal ernstlich dazwischen zu fahren, wenn Edmund es nicht thut. Wir sprachen sehr eingehend darüber.“

[398] „Ja, und sehr lange,“ warf das Fräulein hin. „Mir machte es fast den Eindruck, als wollte Herr von Ettersberg Sie um jeden Preis bei dem Gespräche festhalten, um die Zärtlichkeiten nicht mit anhören zu müssen, mit denen Edmund seine Braut überschüttete.“

„Ich fürchte, er hat aristokratische Mucken,“ sagte Rüstow. „Die Verlobung erfreut sich nicht seines hohen Beifalls, das habe ich gesehen, als er uns nach dem Unfall hier in Ettersberg empfing und Edmund seine Braut aus dem Wagen hob. Der junge Herr machte ein Gesicht, als sei urplötzlich der Himmel eingefallen, und schoß einen Blick auf die Beiden, der mir ganz und gar nicht gefiel. Zwar faßte er sich schon im nächsten Augenblicke wieder und war sehr höflich, aber das Bedauern über den Unfall seiner Tante und der Glückwunsch für seinen Vetter kamen so einsilbig und kühl heraus, daß man ihnen das Gezwungene anmerkte. Viel Herz scheint er nicht zu haben, aber er ist trotzdem ein landwirthschaftliches Genie.“

„Gilt dieses schmeichelhafte Compliment mir?“ fragte Edmund, der soeben mit seiner Braut herantrat und die letzten Worte hörte.

Rüstow wandte sich um. „Dir? Nein, wir sprachen von Deinem Vetter. Du hast leider gar keine praktischen Anlagen.“

„Nein, nicht die mindesten!“ versicherte Edmund lachend. „Das ist mir erst neulich in Brunneck klar geworden bei Euren endlosen Debatten über Forstcultur und Drainirung. Hedwig und ich haben nur hin und wieder ein Wort davon aufgefangen, aber es war schrecklich langweilig.“

„Das sind ja vielversprechende Ansichten für einen Gutsherrn!“ sagte der Oberamtsrath ärgerlich. „Also langweilig hast Du das gefunden? Du und Hedwig, Ihr habt allerdings kein vernünftiges Wort mit einander gesprochen; das war ein Lachen und Necken ohne Ende. Und doch hättest Du allen Grund gehabt, zuzuhören. Deine Waldungen –“

„Um des Himmelswillen, Papa, verschone mich heute mit solchen Dingen!“ unterbrach ihn Edmund. „Wenn Du durchaus landwirthschaftliche Gespräche führen mußt, werde ich Dir Dein vielbewundertes Genie herbeischaffen. Oswald ist im Stande, den ganzen Abend mit Dir von Forstcultur zu reden. Aber wo ist er denn eigentlich? Ich vermisse ihn schon seit einer Viertelstunde. Eberhard, haben Sie Herrn von Ettersberg nicht gesehen? Ist er vielleicht drüben im Tanzsaal?“

„Nein Herr Graf, ich komme eben von dort,“ erwiderte der alte Diener, der mit einem Präsentirbrett vorüberging.

„So werde ich wohl selbst nachsehen müssen. Auf Oswald ist in solchen Dingen nie zu rechnen; er läßt mir die ganze Last der Anordnung allein. Komm, Hedwig! Der Tanz soll bald beginnen; wir wollen uns überzeugen, ob die nöthigen Arrangements getroffen sind.“

Damit nahm der junge Graf den Arm seiner Braut und führte sie nach dem Tanzsaal, der auf der anderen Seite der Gesellschaftsräume lag.

Der Saal war augenblicklich noch ganz leer, ebenso wie das anstoßende Gewächshaus, und das mochte der Grund gewesen sein, weshalb Oswald sich dorthin zurückgezogen hatte. Seine frühere Absicht, Ettersberg sofort zu verlassen, war von allen Seiten bekämpft worden. Zunächst von Edmund, der leidenschaftlich auf dem Bleiben seines Vetters bestand und ihn unausgesetzt mit Bitten und Vorwürfen bestürmte. Aber auch die Gräfin und Baron Heideck hatten es für bedenklich erachtet, wenn der widerspenstige Neffe im vollen Bruche mit ihnen in die Welt hinausging, und widersetzten sich seiner Abreise. Die Differenz, die nun einmal nicht auszugleichen war, sollte wenigstens nicht unter die Leute kommen. Den Zukunftsplänen des jungen Mannes selbst wollte man kein ferneres Hinderniß in den Weg legen, und so hatte er denn halb gezwungen nachgegeben und eingewilligt, bis zum Herbste zu bleiben, wie es ursprünglich bestimmt war.

Oswald stand vor einer blühenden Cameliengruppe und schien in den Anblick derselben versunken zu sein, in Wirklichkeit aber sah er nichts von all der Blüthenpracht, nichts von der Umgebung überhaupt. Der Ausdruck seines Gesichtes paßte wenig zu dem Glanze und der Festlichkeit des Tages, der den jungen Majoratsherrn von Ettersberg in die unumschränkte Herrschaft seiner Güter einsetzte. Dieses finstere, drohende Gesicht hätte sich freilich nicht inmitten der Gesellschaft zeigen dürfen. Es war wieder einer jener Momente, wo die Maske ruhiger Gleichgültigkeit herabsank, welche jahrelange Gewöhnung und Selbstbeherrschung dem jungen Manne aufgezwungen hatten und die so wenig seiner wahren Natur entsprach. Man sah es an dieser schwerathmenden Brust, an diesen fest zusammengebissenen Zähnen, er hatte es nicht länger ausgehalten in dem glänzenden Gewühl, er hatte in die Einsamkeit flüchten müssen, um nur einmal aufzuathmen, um nicht zu ersticken an all den Gedanken, die jetzt so wild in ihm stürmten und wogten. War das wirklich nur der kleinliche, bittere Neid eines Undankbaren, der die empfangenen Wohlthaten mit Haß vergalt, und es nicht verschmerzen konnte, daß das Glück seinen Vetter reicher als ihn bedacht hatte? In der Haltung Oswald's lag etwas von dem stolzen Trotz des unterdrückten und zu Boden getretenen Rechtes, etwas wie ein unausgesprochener, aber drohender Protest gegen den Glanz dieses Festes.

„Also hier findet man Dich!“ tönte Edmund's Stimme.

Oswald fuhr auf und wandte sich um. In der Thür des Gewächshauses stand der junge Graf, der jetzt rasch näher trat und in vorwurfsvollem Tone fortfuhr:

„Du scheinst Dich heut ganz und gar als Gast zu betrachten. Du entziehst Dich der Gesellschaft und weilst in ruhiger Beschaulichkeit hier vor den Camelienbäumen, anstatt mir zu helfen, die Honneurs des Hauses zu machen.“

Oswald hatte nur eines Augenblickes bedurft, um seine gewöhnliche Ruhe wieder zu finden, aber es lag dennoch eine versteckte Bitterkeit in seinen Worten, als er entgegnete:

„Das ist wohl ausschließlich Deine Sache; Du bist ja der Held des heutigen Tages.“

„Ja, in doppelter Eigenschaft,“ scherzte Edmund. „Als Majoratsherr und als Bräutigam. In der letzteren Eigenschaft habe ich Dir übrigens den Text zu lesen. Du hast es versäumt, Dich um einen Tanz bei Hedwig zu bewerben, und Du konntest doch voraussehen, daß sie von allen Seiten bestürmt werden würde. Zum Glück bin ich für Dich eingetreten und habe Dir den einzigen Walzer gesichert, über den sie noch Verfügung hatte. Ich hoffe, daß Du meine Aufopferung gebührend anerkennst.“

Das schien leider nicht der Fall zu sein, wenigstens nicht in dem erwarteten Maße; denn Oswald's Antwort verrieth eine merkliche Kälte:

„Du bist sehr freundlich. Eigentlich war es meine Absicht, heut überhaupt nicht zu tanzen.“

„Nein, das ist zu arg,“ fuhr der junge Graf erzürnt auf. „Es wäre unverantwortlich, wenn Du Dich auch davon zurückziehen wolltest. Weshalb denn? Du hast ja sonst getanzt.“

„Weil mir die Tante das früher nicht erließ. Lästig ist es mir immer gewesen. Du weißt ja, wie wenig ich den Tanz liebe.“

Edmund zuckte die Achseln.

„Gleichviel! Den Walzer wirst Du unter allen Umständen tanzen müssen, da ich ihn ausdrücklich für Dich verlangt habe.“

„Wenn Fräulein Rüstow damit einverstanden ist.“

„Fräulein Rüstow! Genau derselbe Ton, mit dem Hedwig mir sagte: 'Wenn Herr von Ettersberg es wünscht!' Wie oft habe ich Euch schon gebeten, diese steifen Formen zu lassen und endlich der Verwandtschaft ihr Recht zu geben, aber Ihr werdet nur immer fremder und förmlicher bei jedem Zusammensein. Es ist kaum mehr auszuhalten.“

„Ich wüßte nicht, daß ich es jemals an der schuldigen Achtung gegen Deine Braut hätte fehlen lassen.“

„Ach nein, gewiß nicht! Ihr seid im Gegentheil so unglaublich hochachtungsvoll gegen einander, daß mir beim Zuhören oft ganz eisig zu Muthe wird. Ich begreife Dich nicht, Oswald, Du trägst gerade Hedwig gegenüber eine so absichtliche Zurückhaltung zur Schau, daß Du Dich wirklich nicht beklagen darfst, wenn Du von ihr bisweilen ein wenig – rücksichtslos behandelt wirst.“

Oswald nahm den Vorwurf sehr gleichgültig hin; seine Hand spielte, wie in halber Zerstreutheit, mit einem der Blüthenzweige, als er antwortete:

„Laß das gut sein, Edmund, und sei überzeugt, daß ich mit dieser Zurückhaltung nur den Wünschen Deiner Braut entgegenkomme! Da Du den Walzer in meinem Namen erbeten hast, so werde ich ihn natürlich tanzen, im Uebrigen aber mußt Du mir die Betheiligung an dem Balle erlassen. Es war wirklich meine Absicht, heute nicht zu tanzen.“

[399] „Nun meinetwegen,“ sagte Edmund, der ebenso leicht versöhnt als gereizt war, und dessen Unmuth nie lange Stand hielt. „Wenn Du durchaus unseren Damen den Tänzer entziehen willst – zwingen kann ich Dich nicht und ärgern will ich mich um keinen Preis. Das wäre wirklich undankbar an dem heutigen Tage, der mir jeden Wunsch erfüllt. Du siehst, Hedwig und ich hatten ganz Recht, die Hindernisse unserer Liebe nicht so tragisch zu nehmen, wenn auch Papa Rüstow's Heldenthat die Sache weit schneller in Ordnung gebracht hat, als wir zu hoffen wagten. Die feindlichen Häuser sind versöhnt, und unser Roman endigt mit einer fröhlichen Hochzeit. Ich wußte es ja.“

Der sorglose und siegesgewisse Uebermuth, der heute mehr als je in dem Wesen des jungen Grafen zum Ausdruck kann, bildete einen scharfen Contrast zu dem beinahe finsteren Ernste Oswald's, dessen Auge schwer und düster auf dem heiteren Antlitz seines Vetters haftete.

„Du bist eben ein Kind des Glückes,“ sagte er langsam. „Dir fällt Alles zu.“

„Alles?“ wiederholte Edmund neckend. „Nein, da bist Du doch im Irrthum. Die uneingeschränkte Bewunderung meines Schwiegervaters zum Beispiel fällt Dir zu. Er erklärt Dich geradezu für ein landwirthschaftliches Genie, schwärmt für Deine praktischen Ideen und bedauert es gewiß von ganzer Seele, daß Du nicht anstatt meiner sein Schwiegersohn geworden bist.“

So harmlos der Scherz auch hingeworfen wurde, er machte einen sichtlich peinlichen Eindruck. Oswald zog die Stirn finster zusammen und erwiderte in gereiztem Tone:

„Wie oft habe ich Dich schon gebeten, mich mit derartigen Neckereien zu verschonen! Kannst Du denn nie davon lassen?“

Graf Edmund, der sich an dem Aerger seines Vetters unendlich ergötzte, lachte ausgelassen.

„Nun, beruhige Dich nur! Gegen eine solche Stellvertretung würde ich am meisten protestiren, und auch Hedwig würde sehr wenig damit einverstanden sein. Ich beabsichtige durchaus nicht, Dir meine Rechte abzutreten. Aber jetzt komm! Es ist die höchste Zeit, daß wir zu der Gesellschaft zurückkehren.“

Oswald, der keinen Vorwand mehr hatte, zurück zu bleiben, folgte der Aufforderung, und die jungen Männer kehrten zusammen in die Gesellschaftsräume zurück. Hier war die Abwesenheit des Grafen bereits bemerkt worden. Die Augen der Gräfin suchten mit einiger Ungeduld ihren Sohn, da sie den Tanz beginnen lassen wollte, und auf das Gesicht Hedwig's, die neben ihr stand, legte sich eine Wolke, als die beiden Herren herantraten. Die junge Dame fand es sehr überflüssig, daß Edmund seinen ungeselligen Vetter eigens aufsuchte, und ganz unverzeihlich, daß er sie deswegen allein ließ. Sie liebte nun einmal nicht diesen neuen Verwandten mit seiner eisigen Zurückhaltung, der sich nie zu einem Worte der Schmeichelei oder Bewunderung verstieg, und gab sich sehr wenig Mühe, zu verbergen, daß die Zusage für den Walzer eine halb und halb erzwungene war. Oswald mußte nothgedrungen mit einigen Worten dafür danken und that dies auch, schien aber im Ganzen sehr unempfänglich für die ihm bewilligte Auszeichnung. Dafür ward ihm nun auch freilich keine besondere Rücksicht zu Theil. Hedwig studirte während ihrer kurzen, kalten Erwiderung angelegentlich die Zeichnung ihres Fächers und wandte sich dann sofort zu ihrem Bräutigam. Dieser machte wieder einmal die Erfahrung, daß seine Bemühungen, seine Braut und seinen Vetter einander zu nähern, bei Beiden stets die entgegengesetzte Wirkung hatten, und der halb scherzhafte, halb ernst gemeinte Versuch, sie zu einer Annäherung zu zwingen, scheiterte nun vollends.

Der Ball begann jetzt in der That und nahm bald den jüngeren Theil der Gesellschaft vollständig in Anspruch. Nur Oswald von Ettersberg machte eine Ausnahme. Er blieb seinem Vorsatze getreu und tanzte wirklich nicht, zum großen Mißfallen der Gräfin, die es gleichwohl seit jener letzten Unterredung aufgegeben hatte, auf ihren Neffen irgend einen Zwang auszuüben und ihn schweigend gewähren ließ. Um so lebhafter gaben sich Edmund und Hedwig dem Vergnügen des Tanzes hin, den sie beide leidenschaftlich liebten. Man konnte nicht leicht ein schöneres Paar sehen, als den jungen Majoratsherrn und seine Braut, wie sie so durch den Saal schwebten, beide strahlend von Jugend, Schönheit und Freude, beide umgeben von allem Glanze des Reichthums und des Glückes, das seine Gaben in unerschöpflicher Fülle über sie ausschüttete. Es trübte ja auch nicht eine einzige Wolke den sonnenhellen Horizont ihrer Zukunft.

Selbst Baron Heideck würde sich an dem heutigen Abend mit der Wahl seines Neffen ausgesöhnt haben – so reizend war die Erscheinung des jungen Mädchens in dem zartrosigen Seidenkleide, mit den duftigen, weißen Spitzen und den hier und da verstreuten Rosen. Das Haar, von keinem Netze mehr gefesselt, nur von einem Rosenzweige gehalten, wallte in seiner ganzen lockigen Fülle nieder, und aus dem schönen, von der Erregung des Tanzes höher gerötheten Antlitz, aus den strahlenden dunkelblauen Augen leuchtete viel Jugendlust und Jugendfreude, wenn auch freilich keine ganz unbefangene mehr; denn man sah es deutlich, wie sehr sich die junge Dame ihrer siegreichen Schönheit und ihrer Triumphe bewußt war.

Aber auch Edmund war keineswegs gleichgültig dagegen; die sichtliche Bewunderung, welche seine Braut überall fand, war ihm auf's Höchste schmeichelhaft. Er war voll zärtlicher Aufmerksamkeit gegen Hedwig und überhaupt von hinreißender Liebenswürdigkeit. Oswald hatte Recht, der junge Graf war in der That ein Kind des Glückes, das ihm zu Allem, was es ihm schon bei der Geburt gegeben, nun auch erlaubte, frei der Wahl seines Herzens zu folgen. Es fiel ihm Alles zu.

Drei oder vier Tänze waren bereits vorüber; jetzt begann der Walzer, den Edmund von seiner Braut für Oswald erbeten hatte, und dieser trat heran, um seiner Tänzerin mit gewohnter kühler Höflichkeit den Arm zu bieten.

„Sie haben ja heute noch gar nicht getanzt, Herr von Ettersberg,“ sagte Hedwig mit leisem Spott. „Wie es scheint, wird nur mir die Ehre einer Ausnahme zu Theil. Ist es wirklich wahr, was eine der Damen vorhin behauptete, daß Sie den Tanz überhaupt verabscheuen?“

„Wenigstens liebe ich ihn nicht,“ war die Antwort.

„O, dann bedaure ich aufrichtig, daß Sie sich meinetwegen ein solches Opfer auferlegen. Es war wohl Edmund's ausdrücklicher Wunsch, daß wir mit diesem Walzer die 'Etiquettenpflicht' erledigen sollten?“

Der Stich verfehlte seine Wirkung; denn Oswald blieb vollkommen ruhig, aber er umging die Antwort auf die allerdings verfängliche Frage und entgegnete doppelsinnig:

„Ich wußte nicht, ob ich Edmund's Zusage so ohne Weiteres annehmen durfte. Ich mußte mich doch erst Ihrer Zustimmung versichern, mein Fräulein.“

Hedwig biß sich auf die Lippen. Sie fand ihre Vermuthung bestätigt, aber dieser ungalante Verwandte machte gar nicht einmal den Versuch, zu leugnen, daß es sich bei diesem Arrangement um eine Art von Gewaltstreich ihres Bräutigams handelte, sondern ließ sie ruhig den Zusammenhang errathen. Es schien, als werde Edmund das zu büßen haben; denn auf dem Gesicht der jungen Dame erschien jener Ausdruck von Trotz, den auch er bereits kennen gelernt hatte. Indessen zurücknehmen ließ sich die einmal gegebene Zusage nicht ohne directe Beleidigung, um so weniger, als der Tanz bereits begonnen hatte.

„Wenn Sie befehlen,“ sagte Oswald, auf die vorüberfliegenden Paare deutend. Hedwig gab keine Antwort, aber sie legte mit resignirter Miene ihren Arm in den seinigen und in der nächsten Minute schwebten Beide durch den Saal.

Es war trotz alledem ein seltsamer Tanz, dieser Walzer, mit dem nur eine „Etiquettenpflicht“ erledigt wurde. Hedwig hatte sich vorgenommen, dies so kurz und förmlich wie nur möglich zu thun, und doch empfand sie etwas wie eine Beklemmung, als ihr Tänzer den Arm um sie legte. Sie hatten sich ja bisher noch nicht einmal die Hand gereicht; es war bei dem Gruße, bei den fremdesten Formen der Höflichkeit geblieben, und nun waren sie sich auf einmal so nahe. Vorher hatte Oswald kaum einen Blick gehabt für den Liebreiz seiner Tänzerin; er vermied es beinahe absichtlich, sie anzusehen, und sie hatte das als eine Art von Beleidigung empfunden; jetzt hafteten seine Augen wie festgebannt auf ihrem Antlitz, von dem sie sich nicht losreißen konnten. Seine Augen redeten eine ganz andere Sprache, als die so herb geschlossenen Lippen; seine Brust hob sich in kurzen, stürmischen Athemzügen, und der Arm, der sich um die schlanke Gestalt des jungen Mädchens legte, bebte.

Hedwig fühlte das; sie hob befremdet und fragend das Auge empor – da begegnete sie wieder demselben räthselhaften [400] Ausdruck, wie damals bei dem ersten Alleinsein auf der Waldhöhe. Damals hatte sie diesen so heiß und jäh aufflammenden Strahl nicht verstanden und oft genug darüber nachgegrübelt, was er bedeutete – viel öfter, als sie sich eingestand – jetzt begann ihr das Verständniß aufzudämmern. Es war noch kein klares Erkennen der Wahrheit; es tauchte nur dunkel und undeutlich auf wie ein Schatten, der erst allmählich Form und Gestalt gewann, aber er quälte und beängstigte dennoch. Mochte die Gefahr, die da heraufstieg, auch noch so fern drohen, sie übte bereits ihren magnetischen Reiz, der langsam, aber unwiderstehlich näher und näher zog.

Mechanisch, wie halb im Traume, folgte das junge Mädchen den Wendungen des Tanzes. Der hell erleuchtete Saal, die rauschende Musik, die tanzenden Paare, das alles verschwamm und wich zurück in weite Ferne. Es war Hedwig, als lege sich eine endlose Kluft zwischen sie und die ganze Umgebung, als sei sie allein mit dem Einen, der sie in den Armen hielt, allein unter dem Banne dieser Augen, dem sie zu entfliehen strebte, und der sie unwiderstehlich festhielt, und mitten durch dieses Wogen unklarer und unverstandener Gefühle fluthete es plötzlich voll und mächtig, wie die Ahnung eines bisher noch nicht gekannten, aber grenzenlosen Glückes.

Der Tanz war zu Ende. Er hatte kaum zehn Minuten gedauert und doch viel zu lange für die Beiden. Noch einmal begegneten sich ihre Augen und ruhten secundenlang in einander; dann verneigte sich Oswald tief und trat zurück.

„Ich danke, mein Fräulein,“ sagte er tonlos.

Hedwig erwiderte keine Silbe; sie neigte nur leise das Haupt. Es blieb ihr auch keine Zeit zur Antwort; denn Edmund stand bereits neben ihr, triumphirend darüber, daß er seinen Willen durchgesetzt hatte, und sehr geneigt, seinen Neckereien wieder freien Lauf zu lassen. Für diesmal kam es jedoch nicht dazu; denn bei dem Aufhören des Tanzes lösten sich die Paare, und mehrere Herren und Damen traten heran. Der Graf und seine Braut wurden umringt, wurden von allen Seiten in Anspruch genommen, und es begann ein äußerst lebhaftes Geplauder.

Edmund war in der sprudelndsten Laune und bildete sofort den Mittelpunkt der ganzen Gruppe. Auch Hedwig lächelte und antwortete, aber ihre Antworten waren eigenthümlich matt, ihr Lächeln höchst gezwungen. Die strahlende Heiterkeit, die sie während des ganzen Abends gezeigt, war plötzlich wie verwischt und ausgelöscht. Vorhin hatte sie sich mit voller Seele der Freude, dem Vergnügen hingegeben, hatte sich in diesem heiteren, glänzenden Gewühl wie in ihrem eigensten Elemente bewegt; jetzt war ihr das alles auf einmal so fremd und gleichgültig geworden. All die Scherze und Schmeicheleien schwirrten so völlig inhaltlos an ihrem Ohre vorüber. Es lag wie ein Schleier auf ihrer Seele und wie ein Schleier auf der Pracht des Festes; sie mußte sich förmlich zwingen, daran Theil zu nehmen.

Oswald hatte das Herantreten der Fremden benutzt, um sich unbemerkt zurückzuziehen und den Saal zu verlassen. Graf Edmund hätte doch besser gethan, seinen Willen nicht so übermüthig zur Geltung zu bringen. Er wußte freilich nicht, daß sein Vetter dem Tanze nur fern bleiben wollte, um der einen „Etiquettenpflicht“ zu entgehen, die er sonst nicht vermeiden konnte, und nun war ihm gerade diese eine aufgedrängt worden. Oswald mochte es wohl fühlen, daß er sich theilweise verrathen hatte, und es half nun nichts mehr, daß der Zorn über sich selbst heiß und wild in ihm aufloderte. Was er sich bisher immer noch abgeleugnet, was er sich um keinen Preis eingestehen wollte, das hatte ihm dieser unselige Tanz endlich klar gezeigt. Er wußte jetzt, wie es um ihn stand.

Das so sehnlich gesuchte Alleinsein sollte dem jungen Manne aber diesmal nicht zu Theil werden; denn in einem der Nebenzimmer traf er den Oberamtsrath Rüstow, der dort von den ebenso ungewohnten wie unerhörten Anstrengungen seiner Liebenswürdigkeit ausruhte. Er hatte sich heute Abend selbst übertroffen und förmliche Ritterdienste bei der Gräfin geleistet, aber schließlich war ihm dies doch etwas unbequem geworden, und er begrüßte mit Freuden die Gelegenheit, einmal wieder ein „vernünftiges“ Gespräch zu führen. Er bemächtigte sich sofort Oswald's, der ihm nothgedrungen Stand halten mußte.

„Sie hatten leider Recht!“ sagte Rüstow im Laufe des Gespräches. „Ich habe mir auf Ihre Eröffnungen hin die Ettersberg'schen Güter einmal gründlich angesehen. Das ist ja eine ganz heillose Wirthschaft! Die Beamten taugen sämmtlich nichts; der Administrator ist vollständig unfähig, und die Gräfin hat sich jahrelang auf ihn allein verlassen. Nun, von ihr kann man den Ueberblick nicht verlangen, aber meinen Herrn Schwiegersohn werde ich mir ernstlich vornehmen. Bisher war freilich nicht viel mit ihm anzufangen; er hatte nichts als seine Bräutigamständeleien im Kopfe, aber das muß jetzt aufhören. Der heutige Tag macht ihn zum wirklichen und alleinigen Herrn von Ettersberg, jetzt trägt er aber auch allein die Verantwortung und muß Ordnung schaffen.“

„Edmund wird nichts thun,“ erklärte Oswald. „Er wird alles Mögliche versprechen, sich auch alles Mögliche vornehmen, es wird aber nicht das Geringste geschehen. Verlassen Sie sich darauf!“

Rüstow stutzte bei dieser mit voller Bestimmtheit gegebenen Erklärung.

„Sie meinen, daß Edmund der Aufgabe nicht gewachsen ist?“ fragte er gedehnt.

„Nein! Er ist eine liebenswürdige, aber keine energische Natur, und hier ist volle Energie nothwendig. Sie werden selbst eingreifen müssen, Herr Oberamtsrath, wenn Sie ihm die Güter retten wollen.“

„Und weshalb haben Sie denn das nicht längst gethan?“ fragte Rüstow in vorwurfsvollem Tone. „Sie sahen ja doch bei Ihrer Rückkehr, wie die Sachen hier standen.“

„Ich habe kein Recht, mich in fremde Angelegenheiten zu mischen.“

„Fremde? Ich dächte, Sie wären gleichfalls der Sohn des Hauses, dessen Namen Sie tragen.“

Oswald schwieg; er konnte dem Oberamtsrath unmöglich auseinandersetzen, wie er mit seiner Tante stand, und wie wenig eine Einmischung von seiner Seite geduldet worden wäre. Er erwiderte deshalb ausweichend:

„Ich habe bereits im Frühjahre meinem Vetter rücksichtslos die Mängel der Verwaltung aufgedeckt und ihn zum Einschreiten aufgefordert, aber ohne jeden Erfolg. Ihnen steht jetzt die väterliche Autorität zur Seite; und Edmund wird sich Ihnen überhaupt sehr gern fügen, sobald Sie ihn nur der Nothwendigkeit überheben, selbst irgend etwas zu thun.“

[413] Rüstow sah bedenklich vor sich hin. Er schien nicht sehr erbaut von der vielleicht unabsichtlichen Charakteristik seines künftigen Schwiegersohnes, welche ihm hier in Oswald's Worten entgegentrat.

„Edmund ist noch so jung,“ sagte er endlich wie entschuldigend, „und er ist bisher noch wenig auf seinen Gütern gewesen. Mit dem Besitze wird auch die Freude daran kommen und das Interesse dafür. Vor allen Dingen aber muß der unsinnigen Wirthschaft in den Forsten ein Ende gemacht werden.“ Damit fing der Oberamtsrath an, seine wirthschaftlichen Pläne und Ansichten aus einander zu setzen, und vertiefte sich so darein, daß er es gar nicht bemerkte, wie er fast allein sprach und wie schweigsam sich sein Zuhörer verhielt. Erst als die Antworten Oswald's immer einsilbiger ausfielen, seine Zustimmung immer matter wurde, begann Rüstow aufmerksam zu werden.

„Fehlt Ihnen etwas, Herr von Ettersberg?“ fragte er. „Sie sehen ja so bleich aus.“

Oswald zwang sich zu einem Lächeln und fuhr mit der Hand über die Stirn.

„Es ist nichts von Bedeutung, nur ein Kopfschmerz, der mich schon seit heute Morgen plagt. Ich wäre am liebsten dem Feste ganz fern geblieben.“

„Dann hätten Sie wenigstens nicht tanzen sollen,“ meinte Rüstow. „Das steigert nur ein derartiges Uebel.“

Die Lippen des jungen Mannes zuckten. „Ganz recht! Ich hätte nicht tanzen sollen. Es wird auch nicht wieder geschehen.“

Seine Stimme klang so dumpf und gepreßt, daß Rüstow im vollen Ernste besorgt wurde und ihm rieth, auf die Terrasse hinauszugehen; in der freien Luft werde sich der Kopfschmerz eher verlieren. Oswald ergriff hastig den ihm gebotenen Vorwand und ging. Der Oberamtsrath schaute ihm kopfschüttelnd nach und bedauerte, daß das Gespräch schon endigte. Die „immensen landwirthschaftlichen Anlagen“ des jungen Ettersberg waren heute gar nicht recht zur Geltung gekommen.

Der Abend verlief, wie das bei solchen Festen üblich ist, geräuschvoll und sehr glänzend. Ettersberg rechtfertigte auch heute seinen alten Ruf in dieser Hinsicht; denn die Gräfin war nun einmal Meisterin in der Anordnung wie in der Repräsentation derartiger Festlichkeiten. Die Nacht war schon weit vorgerückt, als die Gäste das Schloß verließen und die Wagen davon rollten. Auch die Familienglieder trennten sich bald. Edmund begleitete seinen zukünftigen Schwiegervater, der mit seiner Verwandten nach Brunneck zurückkehrte, bis an den Wagen, während Hedwig, die noch einige Tage in Ettersberg bei der Gräfin bleiben sollte, dieser bereits „Gute Nacht!“ gesagt und sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte.

Die vor Kurzem noch so geräuschvoll belebten Räume des Schlosses waren jetzt völlig leer und einsam, obwohl sie noch im vollen Licht- und Festesglanze strahlten. Nur die Gräfin war hier zurückgeblieben. Sie stand, wie in Gedanken versunken, vor dem Bilde ihres Gemahls, das dieser ihr bei der Vermählung zum Geschenk gemacht hatte und das jetzt den großen Empfangssalon zierte. Es war ein gütiges, mildes Antlitz, das da aus dem reich vergoldeten Rahmen hervorblickte, aber es war das Antlitz eines Greises, und die Frau, die vor ihm stand, konnte noch jetzt Anspruch auf Schönheit erheben. Diese stolze, fast königliche Gestalt, in dem reichen Atlaskleide, mit dem kostbaren Diamantschmucke an Hals und Armen, wäre noch heute keine passende Gefährtin für einen Greis gewesen – und vor mehr als fünfundzwanzig Jahren war sie ihm angetraut worden! Es lag eine ganze Lebens- und vielleicht auch Leidensgeschichte in dem Contrast dieser Erscheinung mit jenem Bilde.

Auch der Gräfin mochte sich das in dieser Stunde aufdrängen. Ihr Blick, der auf dem Gemälde haftete, wurde immer düsterer, und als sie sich jetzt abwandte und ihr Auge die Zimmerreihe durchflog, die eine prachtvolle Einrichtung zeigte, da legte sich ein unendlich bitterer Ausdruck um ihre Lippen. Der Glanz und die Pracht dieser Umgebung bekundeten so deutlich die Lebensstellung, welche die Gräfin Ettersberg einnahm und in welcher sie lange Jahre hindurch Alleinherrscherin gewesen war. Vielleicht galt jene Bitterkeit dem Gedanken, daß die Zeit der Alleinherrschaft vorüber war, wenn eine neue, jüngere Herrin hier einzog, vielleicht auch anderen Erinnerungen. Es gab doch Momente, wo die sonst so stolze, selbstbewußte Frau trotz der glänzenden Rolle, die ihr im Leben zugefallen war, es nicht verzeihen konnte, daß man sie – geopfert hatte.

Die Stimme Edmund's, der soeben zurückkehrte, riß die Gräfin aus ihren Träumereien.

„Papa Rüstow läßt sich Dir nochmals empfehlen,“ sagte er heiter. „Du hast eine vollständige Eroberung an ihm gemacht. Er stürzte sich ja förmlich in die Galanterie um Deinetwillen und war den ganzen Abend hindurch von einer so unerhörten Liebenswürdigkeit, daß ich ihn gar nicht wiedererkannte.“

[414] „Es läßt sich besser mit ihm auskommen, als ich dachte,“ entgegnete die Gräfin. „Er ist eine etwas rücksichtslose, aber offene und energische Natur, die man in ihrer Eigenthümlichkeit hinnehmen muß. – Deine Braut hat ja heute förmliche Triumphe gefeiert, Edmund. Du hast freilich in ihrer Erscheinung den besten Fürsprecher für Deine Wahl.“

Edmund lächelte. „Ja, Hedwig sah heute Abend unendlich reizend aus. Es gab in der ganzen Gesellschaft nur eine einzige Dame, die es mit ihr aufnehmen konnte – meine Mutter!“

Seine Augen, die mit zärtlicher Bewunderung an dem schönen Antlitze der Mutter hingen, bezeugten, daß die Worte keine bloße Schmeichelei waren. Auch die Gräfin lächelte flüchtig; sie wußte sehr gut, daß sie noch so viel jüngere Frauen und Mädchen überstrahlte und selbst vor ihrer vielbewunderten Schwiegertochter nicht in den Schatten trat. Aber ihre Genugthuung darüber verschwand jetzt vor einer tieferen Regung, als sie dem Sohne die Hand hinstreckte und fragte:

„Bist Du denn jetzt zufrieden mit Deiner Mutter?“

Der junge Graf zog leidenschaftlich die dargebotene Hand an seine Lippen.

„Das fragst Du heute, wo Du mir jeden Wunsch erfüllst? Ich weiß, daß Du mir ein Opfer gebracht hast mit Deiner Einwilligung, weiß, welche Kämpfe Du um meinetwillen mit dem Onkel zu bestehen hattest.“

Die Gräfin unterdrückte einen Seufzer bei der Erwähnung ihres Bruders.

„Armand wird mir meine Nachgiebigkeit nie verzeihen. Er mag ja Recht haben. Es wäre wohl meine Pflicht gewesen, die Traditionen unseres Hauses um jeden Preis zu wahren. Ich habe trotz alledem Deinen Bitten nicht widerstehen können. Ich wollte wenigstens Dich glücklich sehen.“

Ihr Blick streifte bei den letzten Worten unwillkürlich das Bild des alten Grafen. Edmund fing diesen Blick auf und verstand den Ton, der auf jenem Worte lag.

„Du bist es nicht gewesen?“ fragte er leise.

„Ich habe in meiner ganzen Ehe nie einen Grund zur Klage gehabt. Mein Gemahl ist stets die Güte und Nachsicht selbst gegen mich gewesen.“

„Aber er war ein Greis,“ sagte Edmund, dessen Auge jetzt auch auf den freundlichen und doch so welken Zügen des Vaters haftete, „und Du warst jung und schön, wie Hedwig, und hattest wie sie ein Recht, Glück vom Leben zu fordern. Meine arme Mutter!“ seine Stimme bebte in unterdrückter Bewegung. „Erst seit ich selbst so glücklich bin, begreife ich, wie öde Dein Leben gewesen sein muß an der Seite des Vaters, trotz all seiner Güte. Er konnte Dir ja nicht mehr das Herz und die Liebe der Jugend geben. Du hast freilich Dein Loos so stark und fest getragen, aber es ist trotz alledem ein hartes Loos, sich ewig nur dem Gebote der Pflicht zu beugen und jede Stimme zu ersticken, die nach Glück und Leben ruft –“

Er hielt inne; denn die Gräfin zog plötzlich mit einer raschen Bewegung ihre Hand aus der seinigen und wandte sich ab von ihm und dem Bilde.

„Laß das, Edmund!“ sagte sie hastig abwehrend. „Du peinigst mich.“

Der Sohn schwieg betreten; es war das erste Mal, daß er sich eine derartige Hindeutung erlaubt hatte. Er hatte nicht geglaubt, daß sie die Mutter verletzen könnte.

„Verzeih!“ sagte er nach einer Pause. „Es sollte kein Vorwurf gegen das Andenken meines Vaters sein. Seine Schuld war es sicher nicht, wenn Du an seiner Seite etwas entbehrtest.“

„Ich habe nichts entbehrt,“ rief die Gräfin aufwallend. „Nichts; denn ich hatte Dich, mein Edmund. Du bist mir Alles gewesen, hast mir Alles ersetzt; ich fragte nach keinem anderen Glücke mehr, seit ich die Liebe meines Sohnes hatte. Bisher freilich“ – hier sank ihre Stimme – „besaß ich diese Liebe allein, jetzt muß ich sie mit einer Anderen theilen, die fortan den ersten Platz in Deinem Herzen einnimmt.“

„Mama!“ fiel der junge Graf halb bittend, halb vorwurfsvoll ein. „Du bleibst ja doch, was Du mir stets gewesen.“

Die Gräfin schüttelte leise das Haupt. „Ich habe ja längst gewußt, daß die Zeit kommen werde, wo die Mutter der Braut weichen muß, und nun sie da ist, trage ich es doch schwer, so schwer, daß ich bisweilen ernstlich daran denke, bei Deiner Vermählung Ettersberg zu verlassen und mich in Schönfeld einzurichten, das mir zum Wittwensitze bestimmt ist.“

„Niemals!“ fuhr Edmund ungestüm auf. „Das kannst, das wirst Du mir nicht anthun. Du darfst nicht von mir gehen, Mama; Du weißt, daß ich Dich nicht entbehren kann, auch um Hedwig’s willen nicht. So sehr ich sie liebe, sie würde mir doch nie ersetzen können, was ich mit Dir verlieren würde.“

Die Gräfin hörte seinen Worten mit geheimem Triumphe zu. Sie wußte, daß Edmund die Wahrheit sprach; diese Stunde bewies es ihr auf’s Neue. Für seine Braut hatte er nie etwas Anderes, als Scherze und Tändeleien; sie kannte nur die liebenswürdige, aber oberflächliche Seite seines Wesens, die er aller Welt zeigte. Was er wirklich an Ernst, an Tiefe und Innigkeit besaß, das gehörte nach wie vor einzig und allein seiner Mutter, das strömte ihr auch jetzt wieder so warm und voll entgegen, daß sie triumphirend erkannte, wie der erste Platz in dem Herzen ihres Sohnes ihr gewahrt blieb. Sie hatte es freilich längst gewußt, und vielleicht verdankte Hedwig nur diesem Bewußtsein die Freundlichkeit, mit der sie von ihrer zukünftigen Schwiegermutter aufgenommen wurde. Eine glühend und leidenschaftlich geliebte Braut hätte an der mütterlichen Eifersucht einen schweren Gegner gefunden, dieses junge, schöne Wesen, das eine tiefere Neigung weder gab noch verlangte, wurde geduldet, weil es die Herrschaft der Mutter nicht gefährdete.

„Still, still! Laß das Niemand hören!“ sagte die Gräfin scherzend und doch mit überströmender Zärtlichkeit. „Es schickt sich wenig für einen Bräutigam und Majoratsherrn, wenn er so unumwunden erklärt, nicht ohne seine Mutter leben zu kämen. Glaubst Du denn, daß es mir leicht werden würde, von Dir fort zu gehen?“

„Und glaubst Du, ich würde Dich gehen lassen? Die Form meiner Mündigkeitserklärung ändert ja nicht das Geringste an unserem beiderseitigen Verhältniß.“

„Doch, Edmund!“ sagte die Gräfin ernst. „Der heutige Tag bedeutet Dir mehr als eine bloße Form. Bisher warst Du nur mein Sohn, nur der Erbe, über den ich die Vormundschaft führte: Von heute an bist Du der Chef des Hauses, das Haupt; Du hast jetzt den Namen und das Geschlecht der Ettersberg zu vertreten. Möge es in Glück und Glanz geschehen! Dann soll mir kein Opfer zu groß gewesen sein, dann will ich gern Alles ertragen und erduldet haben – um Deinetwillen.“

Es sprach eine tiefe, innere Genugthuung aus diesen Worten, und sie hatten vielleicht noch einen anderen Sinn, als Edmund ihnen beimaß. Er dankte nur für das Opfer der Einwilligung zu seiner Vermählung, als er sich niederbeugte und die Mutter küßte. Die Gräfin erwiderte seine Umarmung mit vollster Innigkeit, aber plötzlich zuckte sie zusammen, und ihre Arme schlossen sich fest und angstvoll um den Sohn, als müsse sie ihn vor einer Gefahr schützen.

„Was hast Du?“ fragte Edmund unbefangen, indem er der Richtung ihres Auges folgte. „Es ist ja nur Oswald.“

„Oswald – ja wohl!“ murmelte die Gräfin. „Er und immer nur er!“

Es war in der That Oswald, der von außen die Glasthür geöffnet hatte, die nach der Terrasse führte, und etwas befremdet schien, als er seine Verwandten erblickte.

„Ich glaubte, es sei Niemand mehr in den Sälen,“ sagte er näher tretend.

„Und ich glaubte, Du hättest Dich längst zurückgezogen,“ entgegnete die Gräfin. „Wo bist Du denn gewesen?“

„Im Parke,“ versetzte der junge Mann lakonisch, ohne den herben Ton der Frage beachten zu wollen.

„Jetzt, nach Mitternacht?“ fiel Edmund ein. „Wenn es nicht eine Beleidigung wäre, Dir Mondscheinschwärmereien zuzutrauen, so würde ich glauben, daß eine der Damen des heutigen Festes Dein Herz gerührt hat. Man fühlt in solchem Falle stets eine unwiderstehliche Reizung, den Sternen sein Glück oder Unglück vorzuseufzen. – Nimmst Du das schon wieder übel? Oswald, die Mama hat mich soeben feierlichst zum Chef des Hauses und zum Haupte der Familie proclamirt. In dieser erhabenen Eigenschaft verbiete ich Dir diesen finsteren Blick und befehle mit aller Strenge ein freundliches Gesicht. Ich will nur Glück in meinem Ettersberg sehen.“

[415] Er wollte in der alten vertraulichen Weise den Arm um die Schulter seines Vetters legen, aber die Gräfin trat plötzlich zwischen Beide. Es war ein stummer, aber so energischer Protest gegen die Vertraulichkeit der jungen Männer, daß Edmund unwillkürlich zurücktrat. Oswald sah seine Tante an, und sie gab ihm den Blick zurück; keines von Beiden sprach ein Wort, aber der Ausdruck unversöhnlichen Hasses, der in ihren Augen sprühte, sagte genug.

„Nur Glück!“ wiederholte Oswald kalt. „Ich fürchte, Du dehnst die Machtvollkommenheit in Deinem Hause doch allzuweit aus. Das anzubefehlen, dürfte nicht einmal dem 'Chef der Familie' und dem 'Haupte des Hauses' möglich sein. – Gute Nacht, Edmund! Ich will Dich und die Tante nicht länger stören.“

Er verneigte sich vor der Gräfin, ohne ihr wie sonst die Hand zu küssen, und verließ den Saal. Edmund blickte ihm halb verwundert, halb unwillig nach.

„Oswald wird jeden Tag herber und unzugänglicher. Findest Du das nicht auch?“

„Warum hast Du ihn gezwungen, zu bleiben?“ sagte die Gräfin kurz und bitter. „Du siehst, wie er Dir Deine Liebe lohnt!“

Der junge Graf schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht. Mir gilt dieses seltsame Wesen nicht. Es lastet etwas auf Oswald, irgend etwas Schweres. Ich sehe es ganz deutlich, wenn er mir auch nie Rede stehen will. Dir gegenüber kehrt er freilich immer im Trotze die herbsten Seiten seines Charakters heraus; ich kenne ihn, wie er wirklich ist, und deshalb habe ich ihn lieb.“

„Und ich hasse ihn,“ brach die Gräfin aus. „Ich weiß, daß er etwas gegen uns im Schilde führt. Vorhin, als sich mir der Segenswunsch für das Glück Deiner Zukunft so heiß auf die Lippen drängte, da tauchte er plötzlich auf wie ein Schatten, da trat er dazwischen wie ein Unglücksbote. Weshalb hast Du ihn zurückgehalten, als er gehen wollte? Ich kann nicht aufathmen, so lange er in Ettersberg weilt.“

Edmund blickte seine Mutter ganz erschreckt an. Leidenschaftliche Ausbrüche waren bei ihr etwas so Ungewöhnliches, daß er sie in diesem Augenblicke gar nicht wieder erkannte. Ihm war ja ihre Abneigung gegen Oswald nicht fremd, aber diese furchtbare Gereiztheit vermochte er sich doch nicht zu erklären.

Der Eintritt Eberhard's und noch eines Dieners machte dem Gespräch ein Ende. Sie hatten drüben im Tanzsaal die Lichter gelöscht und wollten nun das Gleiche hier thun. Die Gräfin, gewohnt, sich in Gegenwart der Dienerschaft zu beherrschen, faßte sich auch jetzt schnell. Sie gab noch einige Befehle und nahm dann den Arm Edmund's, der sie nach ihrem Zimmer geleitete. Sie schien es bereits zu bereuen, daß sie sich ihrem Sohne gegenüber so weit hatte fortreißen lassen, und auch diesem war die Störung willkommen gewesen. In der Beurtheilung Oswald's verstanden er und die Mutter sich nun einmal nicht.

In den Festräumen wurde es gleich darauf still und dunkel; die Thüren wurden geschlossen, und die Dienerschaft zog sich zurück. Auch in den Zimmern der Gräfin und Edmund's erlosch das Licht bald, nur zwei Fenster waren noch hell im ganzen Schlosse, das Erkerzimmer im Seitenflügel, das Oswald von Ettersberg bewohnte, und ein anderes Gemach, das im Hauptgebäude neben der Wohnung der Gräfin lag.

Auch die junge Braut war noch nicht zur Ruhe gegangen. Sie saß in den Armstuhl zurückgelehnt, das Haupt in die Polster gedrückt, und achtete nicht darauf, daß sie die Spitze und Rosen ihres Seidenkleides zerdrückte. Vor ihr auf dem Tische lag das Brautgeschenk ihres Verlobten, ein kostbares Perlenhalsband, das sie heute zum ersten Mal getragen hatte, aber auch nicht ein einziger Blick fiel darauf, und doch hatte sie es vor wenigen Tagen mit solcher Freude empfangen.

Der heutige Abend war ja überhaupt so reich an Freuden gewesen. Hedwig war zum ersten Mal als Braut in die Gesellschaft getreten; zum ersten Mal hatte sie sich in dem neuen, glänzenden Rahmen bewegt, der ihr Leben fortan umschließen sollte. Es war immerhin ein beneidenswerthes Loos, als Herrin in das stolze Ettersberg einzuziehen, selbst für eine reiche Erbin und ein so verwöhntes Schooßkind des Glückes, wie Hedwig Rüstow war. Sie hatte noch nie so viel Triumphe gefeiert, so viel Huldigungen empfangen, wie sie heute der künftigen Gräfin Ettersberg zu Theil wurden.

Und doch zeigte sich kein Lächeln des Glückes oder der befriedigten Eitelkeit auf dem Gesichte des jungen Mädchens. Unbeweglich, die Hände im Schooße gefaltet, blickte sie mit träumendem Ausdrucke vor sich hin. Der Schleier, der auf ihrer Seele lag, wollte nicht weichen; der Traum hielt sie noch immer umsponnen. Er führte sie fort von all den glanzvollen Bildern des Festes, weit hinweg, bis zu einer einsamen Waldhöhe, wo ein trüber, dicht umschleierter Himmel niederblickte, wo die Schwalben durch die regenschwere Luft zogen und ihre Grüße niedersandten.

Sie hatten damals wirklich den Frühling gebracht. Mitten unter Reif und Kälte keimte das noch tief verborgene, aber mächtige Frühlingsleben, und ringsum regte es sich lautlos und unsichtbar, wie das Weben geheimnißvoller Kräfte. Ja wohl, es wird doch endlich Frühling, in der Natur wie im Menschenleben – aber bisweilen kommt er zu spät.




Das Fest in Ettersberg war im Hochsommer gefeiert worden; jetzt befand man sich bereits im September. Der junge Majoratsherr hatte nunmehr selbst die Verwaltung seiner Güter übernommen, aber es ließ sich nicht behaupten, daß irgend etwas dadurch anders oder besser geworden wäre – im Gegentheil: es blieb Alles beim Alten. Dem Administrator war zwar auf energisches Andrängen Rüstow's gekündigt worden, aber er blieb bis zum Beginn des nächsten Jahres noch in seiner Stellung, und weder ihm noch den übrigen Beamten wurde der so nothwendige Zügel auferlegt; denn Graf Edmund fand es sehr überflüssig und unbequem, sich um dergleichen zu kümmern. Er hörte zwar stets mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit den Vorschlägen und Pläne seines Schwiegervaters zu, gab ihm in allen Stücken Recht und versicherte regelmäßig, er werde gleich morgen die Sache in Angriff nehmen, aber dies „morgen“ kam niemals. Oswald's Vorhersagung bestätigte sich; der Oberamtsrath sah bald genug ein, daß er selbst ergreifen mußte, wenn irgend etwas geschehen sollte.

Edmund seinerseits wäre auch ganz einverstanden damit gewesen, dagegen stieß Rüstow auf unerwarteten Widerstand bei der Gräfin, die es höchst überflüssig fand, daß man ihren Sohn bevormunden wollte, und durchaus nicht geneigt war, dem Schwiegervater desselben eine Machtvollkommenheit einzuräumen, die sie bisher allein ausgeübt hatte.

Ueberdies waren die Aenderungen, die der Oberamtsrath vorschlug, durchaus nicht nach dem Geschmack der Dame. Einrichtungen und Anlagen, die für das bürgerliche Brunneck paßten, waren für das aristokratische Ettersberg nicht geeignet. Mochte ein Theil der Beamten auch noch so überflüssig, mochte die Art der Bewirthschaftung auch noch so kostspielig sein, das war seit langen Jahren so gewesen, das gehörte zu dem großen Stil, in dem man zu leben gewohnt war. Eine Einschränkung des Beamtenpersonals, eine peinliche Controlle über die Details der Verwaltung, die Rüstow forderte, erschienen der Gräfin als eine Art von Herabsetzung, und da sie nach wie vor die entscheidende Stimme in Ettersberg hatte, so drang ihre Opposition durch. Es hatte bereits sehr lebhafte Debatten zwischen ihr und dem Oberamtsrath gegeben, und wenn Edmund auch noch stets dazwischen getreten war und Frieden gestiftet hatte, so blieb doch eine gewisse Verstimmung zurück.

Die Bewunderung Rüstow's vor der imposanten Dame hatte merklich abgenommen, seit er erfahren hatte, wie imposant sie ihre Privilegien zu vertheidigen wußte, und die Gräfin ihrerseits fand, daß der Oberamtsrath doch Eigenthümlichkeiten habe, die man nicht so ohne Weiteres hinwegnehmen könne, kurz, die Harmonie des Verhältnisses war gestört, und es zogen bereits Wolken an dem bisher so klaren Himmel des Familienfriedens auf.

Oswald hatte sich von all diesen Erörterungen consequent fern gehalten. Er schien sich bereits als ein Fremder in dem Hause zu betrachten, das er nun bald verlassen sollte. Ueberdies nahmen ihn seine Studien für das bevorstehende juristische Examen vollständig in Anspruch und gaben ihm den Vorwand, sich von allen Besuchen und Einladungen zurückzuziehen, mit denen das Brautpaar und dessen Familie überschüttet wurde.

Jetzt war das Ende des September und damit der zur Abreise nach der Residenz bestimmte Termin herangekommen. [416] Die Vorbereitungen waren getroffen, die Abschiedsbesuche gemacht und die Reise selbst auf den zweitnächsten Tag festgesetzt worden. Nur in Brunneck galt es noch, sich zu verabschieden; das konnte bei dem jetzigen verwandtschaftlichen Verhältniß nicht umgangen werden, wenn Oswald es auch bis zuletzt aufgeschoben hatte. Er beabsichtigte in Begleitung Edmund’s hinüber zu fahren, aber der Graf hatte gerade für diesen Tag eine Einladung zur Jagd angenommen, und so blieb seinem Vetter nichts übrig, als die Fahrt allein zu machen. Trotz der wiederholten freundschaftlichen Einladungen des Oberamtsrathes hatte Oswald dessen Haus seit jenem Tage nicht wieder betreten, wo dort die Verlobung gefeiert wurde, der er nothgedrungen beiwohnen mußte. Trotzdem hatte er die Braut seines Vetters häufig gesehen; denn Hedwig kam sehr oft mit ihrem Vater nach Ettersberg. Man begann dort bereits einen Theil des Schlosses zur Wohnung für das künftige Ehepaar einzurichten.

Der Gutsherr von Brunneck saß im Balkonzimmer und las die Zeitungen, während seine Cousine vor einem Seitentische stand und mit prüfender Miene verschiedene elegante Toilettengegenstände musterte, die dort ausgebreitet waren. Es waren Muster und Proben, vor Kurzem erst aus der Residenz angelangt und für die Tochter des Hauses bestimmt, mit deren Ausstattung man bereits eifrig beschäftigt war.

Der Oberamtsrath schien nicht sehr von seiner Lectüre in Anspruch genommen zu sein; er blätterte zerstreut in den Zeitungen; endlich blickte er davon auf und sagte ungeduldig:

„Sind Sie denn mit Ihrem Wählen und Prüfen noch nicht fertig, Lina? Warum lassen Sie sich nicht von Hedwig helfen?“

Die Angeredete zuckte die Achseln:

„Hedwig hat wie gewöhnlich erklärt, daß sie mir Alles überlasse. Ich werde wohl allein die Auswahl treffen müssen.“

Ich begreife nicht, wie das Mädchen so wenig Interesse dafür haben kann,“ sagte Rüstow. „Es handelt sich ja um ihre eigene Ausstattung, und sonst war ihr die Toilette ja doch eine Haupt- und Staatsangelegenheit.“

„Ja – sonst!“ sagte das Fräulein mit Betonung.

Es trat eine Pause ein; der Oberamtsrath schien etwas auf dem Herzen zu haben; plötzlich legte er die Zeitungen weg und stand auf.

„Lina, ich muß etwas mit Ihnen besprechen – Hedwig gefällt mir nicht.“

„Mir auch nicht,“ sagte die alte Dame halblaut, aber sie vermied es dabei, ihren Cousin anzusehen, und betrachtete angelegentlich ein Spitzenmuster.

„Nicht?“ rief Rüstow, der, wenn er sich ärgerte, stets auch streitsüchtig wurde. „Nun, ich dächte, Ihnen müßte sie doch jetzt ausgezeichnet gefallen. Hedwig war Ihnen ja immer zu oberflächlich; nun ist sie so ungeheuer tief geworden, daß sie sogar das Lachen darüber verlernt hat. Nicht einmal Widerspruchsgeist, nicht einmal Unarten hat sie mehr. Es ist zum Davonlaufen.“

„Weil der Widerspruch und die Unarten aufgehört haben?“

Rüstow beachtete den ironischen Einwurf nicht; er stellte sich in drohender Haltung vor seine Cousine hin.

„Was ist mit dem Mädchen vorgegangen? Wo ist mein lebensfrohes, übermüthiges Kind hingekommen, mein Wildfang, der sich vor Tollheiten und Neckereien nicht zu lassen wußte? Ich muß das wissen.“

„Sehen Sie mich nicht so wüthend an, Erich!“ sagte Fräulein Lina gelassen. „Ich habe Ihrem Kinde nichts gethan.“

„Aber Sie müssen wissen, was diese Veränderungen hervorgebracht hat,“ rief der besorgte Vater diktatorisch. „Sie müssen es wenigstens in Erfahrung bringen.“

„Auch das kann ich nicht; denn Ihre Tochter hat mich nicht zur Vertrauten gemacht. Nehmen Sie doch die Sache nicht so schwer! Hedwig ist allerdings sehr ernst geworden, aber es ist ja auch ein ernster Schritt, der ihr bevorsteht, die Trennung vom Vaterhause, der Eintritt in ganz neue Verhältnisse und Umgebungen. Sie mag ja noch Manches durchzukämpfen und zu überwinden haben, aber wenn sie nur erst vermählt ist, wird ihr das Pflichtgefühl den nöthigen Halt geben.“

„Pflichtgefühl?“ wiederholte der Oberamtsrath, ganz starr vor Erstaunen. „Ist der Verlobung denn nicht ein vollständiger Liebesroman vorhergegangen? Haben die Beiden nicht ihren Willen durchgesetzt, mir und der Gräfin zum Trotze? Ist Edmund nicht der zärtlichste, aufmerksamste Bräutigam? Und da reden Sie von Pflichtgefühl? Das ist jedenfalls eine sehr vortreffliche Eigenschaft, aber wenn eine junge Frau von achtzehn Jahren ihrem Manne nichts Anderes entgegenbringt, so giebt das eine ganz jammervolle Ehe – darauf können Sie sich verlassen.“

„Sie mißverstehen mich,“ beruhigte die Cousine. „Ich meinte nur, daß der Ernst und die Pflichten auch an Hedwig herantreten werden, wenn sie erst in Ettersberg lebt. Die Verhältnisse dort scheinen doch nicht ganz so dornenlos zu sein, wie wir im Anfange voraussetzten.“

Rüstow merkte nicht das sichtbare Bestreben, ihn von dem eben besprochenen Thema abzulenken. Er ging sofort auf die hingeworfene Bemerkung ein.

„Nein, wahrhaftig nicht!“ sagte er heftig. „Wenn das so fortgeht, gerathe ich mit der Gräfin noch einmal ernstlich zusammen. Was ich auch anfangen und vorschlagen mag, ich stoße immer wieder auf diese verwünschten aristokratischen Mucken, denen sich Alles unterordnen muß. Es ist der Frau nicht klar zu machen, daß der drohende Verfall der Güter nur durch energische Mittel aufzuhalten ist; es soll Alles in dem alten Schlendrian bleiben. Die nothwendigsten Maßregeln werden verworfen, sobald sie sich nicht mit dem sogenannten Nimbus des alten Grafengeschlechtes vertragen, und mit dem verträgt sich überhaupt nichts, was Ordnung und Sparsamkeit heißt. Der eigentliche Herr und Gebieter von Ettersberg thut überhaupt gar nichts. Er glaubt schon das Aeußerste geleistet zu haben, wenn er sich einmal von seinem Administrator einen halbstündigen Vortrag halten läßt – und im Uebrigen liegt er anbetend vor seiner Frau Mama auf den Knieen und hält sie für den Inbegriff aller Weisheit und Vollkommenheit. Hedwig wird sich ihres Mannes ernstlich versichern müssen, wenn sie nicht von der Schwiegermutter vollständig in den Hintergrund gedrängt werden will.“

Dex Oberamtsrath hätte seinem Herzen wahrscheinlich noch mehr Luft gemacht; denn er war nun einmal im Zuge, aber das Geräusch eines vorfahrenden Wagens unterbrach ihn.

[429] Fräulein Lina, die am Fenster stand, blickte hinaus.

„Es ist Herr von Ettersberg,“ sagte sie, den Gruß desselben erwidernd.

„Oswald?“ fragte Rüstow. „Er kommt vermuthlich, um Abschied zu nehmen; er wollte ja in diesen Tagen abreisen. Lassen Sie doch Hedwig rufen! Sie ist im Parke.“

Die alte Dame zögerte. „Ich weiß nicht – ich glaube, Hedwig wollte noch einen Spaziergang machen. Sie wird gar nicht zu finden sein, und überdies sind Sie und ich ja hier.“

„Nun, das wäre aber doch mehr als unhöflich, wenn Hedwig nicht einmal bei dem Abschiedsbesuche ihres künftigen Cousins erscheinen wollte,“ sagte Rüstow unwillig. „Der Diener soll wenigstens nachsehen, ob sie im Parke ist, und sie in diesem Falle benachrichtigen.“

Er wollte klingeln, aber Fräulein Lina kam ihm zuvor.

„Ich werde hinausschicken. Empfangen Sie inzwischen Herrn von Ettersberg!“

Damit verließ sie das Zimmer und kam erst nach Verlauf von einigen Minuten zurück. Sie wußte sehr gut, daß Hedwig sich im Parke befand; trotzdem war der Befehl, sie zu rufen nicht gegeben worden.

Oswald war inzwischen eingetreten. Er kam in der That, um Abschied zu nehmen, hatte aber noch einige dringende Geschäfte und Reisevorbereitungen, die durchaus noch heute erledigt werden mußten. Er konnte deshalb nur ein flüchtiges Lebewohl sagen. Man sprach von allem Möglichen; der Oberamtsrath bedauerte, daß seine Tochter in der That auf einem Spaziergange sei; er habe bereits nach dem Parke hinaus gesandt, der Diener müsse sie aber nicht gefunden haben. Oswald bedauerte das gleichfalls höflich, bat, dem Fräulein seine Empfehlungen und Abschiedsgrüße auszurichten, und beendigte den Besuch nach kaum einer Viertelstunde. Rüstow sah seinen Günstling mit schwerem Herzen scheiden; Fräulein Lina dagegen athmete verstohlen auf, als der Wagen aus dem Hofe rollte. –

Oswald hatte sich in die Ecke des Wagens zurückgelehnt. Er war froh, daß dieser Abschied überstanden war, unendlich froh, wenigstens sagte er sich das. Er hatte diese Stunde lange genug gefürchtet – oder vielleicht auch erhofft. Gleichviel, jedenfalls war es am besten so. Mit dem Lebewohl, das der Zufall ihm verwehrte, wurde ihm nur eine letzte nutzlose Qual erspart. Jetzt waren die Kämpfe der letzten Tage und Wochen zu Ende, Kämpfe, die freilich Niemand gesehen hatte, die aber doch das ganze Wesen des jungen Mannes aus seinen Fugen zu reißen drohten. Es war die höchste Zeit, daß er ging. Mit der Entfernung wurde vielleicht der Bann gebrochen, und wurde er es nicht, so war wenigstens eine Scheidewand aufgerichtet. Jetzt galt es, sich mit voller Energie in das neue Leben zu werfen, zu arbeiten, zu ringen und womöglich zu vergessen – und während sich Oswald das immer und immer wiederholte, pochte es wild und verzweiflungsvoll in seiner Brust und mahnte ihn daran, daß er sich ja gesehnt hatte nach dieser letzten nutzlosen Qual, wie nach einem letzten Glücke. Er ging ja auf Nimmerwiederkehr.

Der Wagen bog jetzt um die Ecke des Parkes; Oswald wandte sich um und blickte nochmals zurück. Da entdeckte er drüben, auf einem kleinen dicht umbuschten Altane, eine schlanke Mädchengestalt, und in dem Momente sanken all die weisen Tröstungen und Vorsätze der Vernunft in nichts zusammen. Nur noch ein einziges Mal! Vor dem Gedanken schwanden Besinnung und Ueberlegung. In der nächsten Secunde hatte Oswald dem Kutscher bereits zugerufen, zu halten, und war aus dem Wagen gesprungen.

Der Wagen fuhr, dem erhaltenen Befehle gemäß, nach dem Dorfe voraus, um dort zu warten. Oswald dagegen trat durch die hintere Pforte in den Park, aber seine Schritte wurden immer langsamer, je mehr er sich dem Altane näherte, und als er endlich die Stufen hinaufstieg und Hedwig ihm entgegentrat, da hatte er so völlig wieder die gewohnte Haltung angenommen, als erfülle er wirklich nur eine Pflicht der Artigkeit, wenn er im Vorbeifahren anhielt, um sich von der Braut seines Vetters zu verabschieden.

„Ich habe soeben Ihrem Herrn Vater meinen Abschiedsbesuch gemacht,“ begann er, „und konnte es nicht unterlassen, mich auch Ihnen persönlich zu empfehlen, mein Fräulein.“

„Sie reisen schon in den nächsten Tagen?“ fragte Hedwig.

„Schon übermorgen.“

„Edmund sagte mir bereits, daß Ihre Abreise nahe bevorstände. Er wird Sie sehr vermissen.“

„Ich ihn gleichfalls, aber das Leben fragt nun einmal nicht nach unseren Empfindungen, wenn es eine Trennung verhängt.“

Die Bemerkung sollte scherzhaft sein, aber sie klang bitter genug, während der Blick des jungen Mannes über Hedwig hinglitt, die sich leicht auf das hölzerne Geländer stützte. Die Besorgnisse des Oberamtsrathes mochten doch wohl übertrieben sein; [430] die Erscheinung seiner Tochter war noch ebenso rosig und blühend, ebenso anmuthig wie sonst. In ihrem Aeßeren hatte sich nicht das Geringste verändert, und doch war sie eine ganz Andere, als jene neckische, launische Elfe, die einst, von Lust und Uebermuth sprühend, aus dem Schneesturme auftauchte. Die Blume, die so lange im vollsten Sonnenschein geblüht hat, und auf die plötzlich ein Schatten fällt, bleibt auch unverändert. Es sind noch dieselben Formen und Farben, derselbe Duft, aber das Sonnenlicht ist gewichen. Ein solcher Schatten lag jetzt auch auf dem Antlitz der glücklichen, vielbeneideten Braut des Grafen Ettersberg, und die dunkelblauen Augen hatten einen feuchten Schimmer, als hätten sie etwas kennen gelernt, was ihnen so lange fremd gewesen war – die Thränen.

„Die Trennung wird Ihnen also doch schwer?“ setzte Hedwig das Gespräch fort.

„Gewiß! Ich werde mich in der Residenz oft genug nach Edmund und nach – den Bergen sehnen.“

„Nicht auch nach Ettersberg?“

„Nein!“

Das Wort klang so hart und entschieden, daß Hedwig befremdet aufblickte. Oswald bemerkte es und lenkte ein.

„Verzeihung! Ich vergaß, daß Ettersberg in Kurzem Ihre Heimath sein wird. Mein Wort galt auch nur den Verhältnissen, die mir den Aufenthalt dort peinlich machen und die Ihnen ja längst bekannt sind.“

„Diese Verhältnisse sind ja aber doch ausgeglichen. Die Familie legt Ihrer juristischen Laufbahn jetzt kein Hinderniß mehr in den Weg.“

„Nachdem ich mir die Freiheit des Handelns erzwungen habe, allerdings nicht mehr, aber es hat doch Kämpfe deswegen gegeben, und es ist nicht leicht, mit meiner Tante zu kämpfen. Das werden Sie auch noch erfahren.“

„Ich?“ fragte Hedwig betreten. „Ich hoffe doch nicht in den Fall zu kommen, mit meiner Schwiegermutter kämpfen zu müssen.“

Hedwig richtete sich empor; es war ein halb stolzer, halb unwilliger Blick, mit dem sie den Sprechenden maß, doch dieser erwiderte ihn mit ruhiger Festigkeit.

„Vielleicht ist es unzart, daß ich diesen Punkt überhaupt berühre, und vielleicht weisen Sie meine Einmischung als unberechtigt zurück, aber ich kann nicht gehen, ohne wenigstens eine Warnung auszusprechen. Meine Tante spricht öfter davon, bei der bevorstehenden Vermählung Ettersberg verlassen und sich nach Schönfeld zurückziehen zu wollen. Edmund hat den Plan stets in der heftigsten Weise bekämpft, und Sie haben ihn dabei unterstützt. Thun Sie das in Zukunft nicht mehr – im Gegentheil bestimmen Sie ihn, seine Mutter gehen zu lassen! Sie sind das seinem und Ihrem Glücke schuldig. Es ist in Ettersberg kein Platz für eine junge Herrin, wenn die ältere ihre Stellung behauptet, und Ihnen vollends tritt dort mit der alten Feindschaft noch ein neues Vorurtheil entgegen.“

„Ich verstehe Sie nicht, Herr von Ettersberg,“ sagte Hedwig erregt. „Vorurtheil? Feindschaft? Sie können doch unmöglich den einstigen Proceß um Dornau meinen.“

„Nicht den Proceß, aber das, was die Veranlassung dazu gab. Sie wissen vermutlich nicht, wer es war, der Ihren Großvater in seiner Härte bestärkte und ihn schließlich bestimmte, die bürgerliche Heirath seiner Tochter nicht anzuerkennen. Aber Ihr Vater weiß es, und er täuscht sich, wenn er glaubt, daß die Gräfin ihre Vorurtheile gegen derartige Verbindungen besiegt hat. Sie hat allerdings nachgegeben, in einem Moment der Ueberraschung, in einer Aufwallung des Dankes gegen ihren Lebensretter und vor Allem aus Liebe zu ihrem Sohne. Was thäte sie nicht um seinetwillen! Aber sie wird ihre Nachgiebigkeit früher oder später bereuen, wenn sie es nicht schon jetzt thut, und das wird nicht Edmund, das werden Sie zu büßen haben.“

Hedwig hörte in steigender Erregung zu. Was ihr hier so klar und unbarmherzig enthüllt wurde, das hatte sie selbst schon im Verkehr mit der Gräfin empfunden, zumal in der letzten Zeit, freilich nur dunkel und ohne sich deutlich Rechenschaft darüber zu geben.

„Ich habe bisher noch nicht über meine Schwiegermutter zu klagen gehabt,“ sagte sie zögernd. „Sie war mir gegenüber stets freundlich und entgegenkommend.“

„Auch herzlich?“

Das junge Mädchen schwieg.

„Glauben Sie nicht, daß mein persönliches Verhältniß zu meiner Tante mein Urtheil beeinflußt!“ fuhr Oswald fort. „Ich würde es sicher nicht unternehmen, Mißtrauen zu säen, wüßte ich nicht, wie gefährlich ein zu argloses Vertrauen werden kann. Es ist ein heißer Boden, auf den Sie in Ettersberg treten, und Sie müssen ihn wenigstens kennen lernen, ehe er Sie trägt. Auch Ihre Mutter mußte sich das Glück ihrer Ehe erst erkämpfen, aber sie hatte wenigstens an dem Gatten eine feste Stütze und einen muthigen Vertheidiger. Bei Ihnen werden diese Kämpfe erst nach der Vermählung beginnen, aber erspart bleiben sie Ihnen nicht; denn Sie treten ein in den Kreis jener Vorurtheile, aus dem Ihre Mutter sich losriß, und ob Sie an Edmund die so nothwendige Stütze finden, das muß sich erst zeigen. In jedem Falle ist es besser, auf sich selbst zu vertrauen. Ich bitte Sie nochmals: gehen Sie unter keiner Bedingung auf das Zusammenleben mit Ihrer Schwiegermutter ein – Edmund muß den Gedanken aufgeben.“

Hedwig schüttelte leise das Haupt. „Das wird schwer, wenn nicht unmöglich sein. Er liebt seine Mutter –“

„Mehr als seine Braut!“ fiel Oswald mit schwerer Betonung ein.

„Herr von Ettersberg!“

„Das verletzt Sie, mein Fräulein? Gewiß, es ist auch verletzend, aber eben deshalb müssen Sie es lernen, der Wahrheit in das Auge zu sehen. Sie haben bisher allzu sorglos mit der Liebe Edmund's gespielt und dafür auch nur Spiel und Tändeleien empfangen. All die tieferen Regungen seiner Natur haben Sie der Mutter gelassen, die das nur zu bereitwillig unterstützte. Edmund kann mehr als blos tändeln. Unter seiner muthwilligen Außenseite verbirgt er warme, sogar leidenschaftliche Empfindungen, aber sie müssen geweckt werden, und das hat bisher allein seine Mutter verstanden. Sichern Sie sich, was Ihnen gehört! Noch steht Ihnen die Macht der Braut, der ersten Jugendliebe zur Seite; wenn dieser verklärende Schimmer erst geschwunden ist, möchte es zu spät sein.“

Er hatte mit tiefem Ernste, aber auch mit seiner gewohnten Rücksichtslosigkeit gesprochen. Jedes Wort fiel schwer und schonungslos in das Ohr des jungen Mädchens, und schmeichelhaft waren diese Worte nicht. Noch vor wenigen Monaten hätte Hedwig eine derartige Warnung entweder als Beleidigung betrachtet oder im Uebermuthe ihres Glückes verlacht; jetzt hörte sie stumm, mit gesenktem Haupte zu. Er hatte ja Recht – das fühlte sie, aber warum mußten denn die Rathschläge für ihr Glück an Edmund's Seite gerade von diesen Lippen kommen?

„Sie schweigen?“ fragte Oswald, der vergebens auf eine Antwort wartete. „Sie weisen meine unerbetene Einmischung zurück?“

„Nein,“ entgegnete Hedwig mit einem tiefen Athemzuge. „Ich danke Ihnen, denn ich weiß, was eine derartige Warnung in Ihrem Munde bedeutet.“

„Und was sie mich kostet –“ drängte es sich unwillkürlich auf Oswald's Lippen, aber er sprach das Wort nicht aus. Vielleicht wurde es trotzdem errathen.

Der kleine Altan, auf dem die Beiden standen, hob sich aus dichten Gebüschen empor und bot einen vollen Ausblick auf das Gebirge. Man sah hinweg über weite Wiesenflächen und grüne Waldhöhen, bis hin zu den hohen Bergkuppen, die so fern lagen und in der klaren Herbstluft doch so nahe gerückt schienen. Man unterschied deutlich den waldigen Vorsprung, der die Grenze zwischen den Ettersberg'schen und Brunneck'schen Forsten bildete, und Oswald's wie Hedwig's Augen suchten nur den einen Punkt. Sie waren zum ersten Mal wieder allein seit jenem Zusammentreffen dort drüben. Es lag ein ganzer Sommer dazwischen und so manches Andere noch.

Damals war es ein rauher, stürmischer Frühlingstag gewesen, ohne Wärme und Sonnenlicht. Blatt und Blüthen bargen sich noch in der dunklen Knospenhülle, wie die Landschaft sich im Nebel und Regengewölk barg, und die Schwalben, die heranzogen, tauchten aus trüb umschleierter Ferne auf. Aber es war doch der Frühling gewesen, den seine geflügelten Boten auf ihren Schwingen in das Land trugen; das wußten die Beiden am besten, die hier so wortlos neben einander standen. Sie

[431] hatten es erfahren, wie der Frühling gleichsam über Nacht aufwachen und wie siegreich er sich Bahn brechen kann.

Jetzt war es Herbst geworden. Es war freilich ein schöner, klarer Tag, mit milder, weicher Luft und hellem Sonnenschein, aber doch immer ein Herbsttag. Das Laub, das noch so dicht und voll an den Zweigen hing, hatte schon jenen leisen, bräunlichen Schimmer, der auf ein baldiges Vergehen deutet. Auf den Wiesen war die bunte Blumenpracht verschwunden, nur die Herbstzeitlose zeigte noch hier und da ihre matten Farben, und die Schwalben, die dort oben am Himmel in langen Schwärmen hinzogen, sammelten sich schon zum Fluge nach dem Süden. Abschied nehmen, hieß die Losung, in der Natur wie bei den Menschen, Abschied von dem Sommer, von der Heimath und dem Glücke.

Hedwig brach zuerst das drückende Schweigen, das nach den letzten Worten eingetreten war.

„Die Schwalben wollen uns auch verlassen,“ sagte sie, nach oben deutend. „Sie ziehen fort.“

„Und ich mit ihnen,“ ergänzte Oswald. „Nur, daß ich für immer gehe.“

„Für immer? Sie werden doch bisweilen nach Ettersberg kommen?“

Es lag etwas wie verhaltene Angst in der Frage; Oswald sah zu Boden.

„Ich glaube kaum, daß mir das möglich sein wird. Ich werde wenig Zeit haben, und überdies – wer sich so vollständig von seinem bisherigen Lebenskreise losreißt, wie ich, der thut am besten, ihm für's Erste fern zu bleiben und sich ganz und voll der neuen Sphäre zuzuwenden. Edmund will das freilich nicht einsehen. Er kennt eben nicht den Zwang der Pflichten.“

„Und doch sorgt er sich mehr um Sie und Ihre Zukunft, als Sie glauben,“ warf Hedwig ein.

Oswald lächelte halb verächtlich. „Er soll sich die Sorge ersparen. Ich gehöre nicht zu denen, die etwas unternehmen, was über ihre Kräfte geht, und dann auf halbem Wege muthlos die Hände sinken lassen. Was ich unternommen habe, werde ich wohl auch durchführen, und in jedem Falle mache ich mich damit frei von den Fesseln der Abhängigkeit.“

„Drücken Sie diese Fesseln denn so schwer?“

„Ja, zu Boden!“

„Herr von Ettersberg, Sie sind ungerecht gegen Ihre Verwandten.“

„Und undankbar,“ fiel Oswald mit ausbrechender Bitterkeit ein. „Das haben Sie oft genug von meiner Tante gehört, nicht wahr, mein Fräulein? Sie mag ja von ihrem Standpunkte aus Recht haben. Ich hätte mich vielleicht geduldiger in die Rolle finden müssen, die das Schicksal mir auferlegte. Ich habe das aber nun einmal nicht gekonnt. Sie wissen nicht, was es heißt, sich fortwährend unter einen fremden Willen zu beugen, wenn der eigene längst mündig geworden ist, sich in jedem Streben gehemmt, in jeder Regung unterdrückt zu sehen, und nicht einmal das Recht des Widerspruches zu haben. Ich weiß, daß meine Zukunft unsicher, vielleicht dornenvoll ist, daß ich meine ganze Kraft dafür einzusetzen habe, aber es ist meine Zukunft, mein Leben, das mir fortan allein gehört, und nicht immer und ewig an der Kette fremder Wohlthaten geleitet wird. Und wenn ich zu Grunde ginge in der selbsterwählten Laufbahn, sie giebt mir wenigstens das Recht auf ein eigenes Schicksal.“

Er hatte sich emporgerichtet bei den letzten Worten, und seine Brust hob sich unter einem tiefen, freien Athemzuge. Es war, als sinke mit der Vergangenheit die ganze so stumme und doch so schwer getragene Last von der Seele dieses Mannes, der so kühn und trotzig dastand, daß man wohl sah, er war im Stande, den Kampf mit der Welt aufzunehmen und durchzufechten, wie starr und feindselig sie ihm auch entgegentreten mochte. Hedwig begriff zum ersten Male ganz, was diese stolze, unbeugsame Natur gelitten hatte unter einem Loose, das so Vielen beneidenswerth erschien, weil es den Glanz des Ettersberg'schen Hauses theilte.

„Und nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen,“ begann Oswald von Neuem, aber seine Stimme war auf einmal klanglos geworden. „Ich kam ja, um Abschied zu nehmen.“

„Edmund erwartet Sie im December, wenn auch nur auf einige Tage,“ sagte Hedwig leise, mit stockender Stimme. „Er rechnet mit Bestimmtheit auf Ihre Gegenwart bei – bei unserer Trauung.“

„Ich weiß es, und weiß auch, daß er es mir als Lieblosigkeit auslegen wird, wenn ich fern bleibe. Mag er es thun – ich muß mich eben darein finden.“

„Sie wollen also nicht kommen?“

„Nein!“

Oswald fügte kein einziges Wort hinzu, keinen Vorwand, der ja doch nicht geglaubt worden wäre. Nur sein Auge tauchte tief in das Hedwig's und gab die Erklärung für dieses so herb klingende Nein. Es war verstanden worden – das sah er an dem Blick, der dem seinigen antwortete, aber wie wild auch das Weh des Scheidens in den beiden jungen Herzen aufstürmen mochte, ausgesprochen wurde es nicht.

„So leben Sie wohl, Herr von Ettersberg,“ sagte Hedwig, ihm die Hand reichend.

Er beugte sich nieder; es waren ein Paar heiße, zuckende Lippen, die sich auf die bebende Hand preßten, welche sich ihm entgegenstreckte, und sie allein zeigten, wie es um Oswald stand. Schon in der nächsten Minute ließ er die Hand fahren und trat zurück.

„Vergessen Sie mich nicht ganz, mein Fräulein – leben Sie wohl!“

Er ging. Hedwig war allein. Ihre Hand griff wie unwillkürlich in die Gebüsche, um sie zurückzubiegen und den Scheidenden noch einmal zu sehen, aber es war zu spät; er war bereits hinter den Bäumen verschwunden. Als das Laubwerk wieder zusammenschlug, sanken die ersten welken Blätter herab auf das junge Mädchen, das wie unter einer ernsten Mahnung zusammenschauerte. Ja wohl, es war Herbst geworden, wenn die Landschaft ringsum sich auch noch in goldenes Sonnenlicht tauchte.

Jener rauhe stürmische Frühlingstag war doch so reich an Verheißungen gewesen mit seinem unsichtbar mächtigen Leben und Werden, mit seinen tausend geheimnißvollen Stimmen, die ringsum zu flüstern schienen. Jetzt waren all diese Laute verstummt; das Leben hatte ausgeblüht und neigte sich langsam zum Vergehen. Es war so leer und still überall geworden.

Hedwig lehnte stumm und bleich an dem Geländer des Altans; sie weinte nicht, regte sich auch nicht; ihr Blick streifte nur mit unendlich schwerem, sehnendem Ausdruck über die Bergkette hin und hob sich dann empor zu den Wolken, wo die Wandervögel in langen Zügen hinschwärmten. Heute senkten die Schwalben sich nicht mehr grüßend und glückverheißend nieder wie damals; sie zogen in unerreichbarer Höhe dahin, der blauen Ferne zu, und nur ganz fern und leise, wie halb verweht, klang ihr grüßender Laut hernieder, ein letzter matter Wiederhall jenes Wortes, das hier unten in so heißem Trennungsweh ausgesprochen wurde: Lebewohl!




Es war am nächstfolgenden Tage, dem letzten, den Oswald in Ettersberg zubringen sollte. Graf Edmund war noch nicht von seinem Jagdausfluge zurückgekehrt, wurde aber stündlich erwartet, dagegen war Baron Heideck schon am Vormittage aus der Residenz eingetroffen. Er hatte für gut befunden, dem Feste, das mit der Mündigkeitserklärung seines Neffen zugleich die Veröffentlichung von dessen Verlobung brachte, in demonstrativer Weise fern zu bleiben; erst jetzt, nach mehr als zwei Monaten, hatte er sich zu einem kurzen Besuche in Ettersberg entschlossen. Obwohl die Thatsache jener Verlobung nicht mehr zu ändern war, schien es doch eine lebhafte Debatte deswegen zwischen den Geschwistern gegeben zu haben. Sie waren über eine Stunde lang mit einander allein geblieben, und die Vorwürfe Heideck's waren um so weniger wirkungslos geblieben, als seine Schwester in der That schon im Stillen ihre „Uebereilung“ bereute, wenn sie es vorläufig auch noch nicht zugeben wollte.

Die Gräfin hatte sich endlich sichtlich verstimmt in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie saß vor ihrem Schreibtische und hatte vermittelst des Druckes einer verborgenen Feder das geheimste Schubfach desselben geöffnet. Die Unterredung mit dem Bruder mochte wohl alte Erinnerungen berührt oder wenigstens wach gerufen haben; denn jedenfalls hing das, was die Gräfin jenem Fache entnommen hatte, mit alten Erinnerungen zusammen. Die kleine, kaum handgroße Kapsel, die dem Anscheine nach ein Bild enthielt, hatte wahrscheinlich Jahre lang unberührt an ihrem Platze gelegen; daß sie aus einer weit zurückliegenden Zeit stammte, das zeigten sowohl die altmodische Form, wie die verstaubte und [432] verblichene Außenseite. Die Gräfin hielt sie jetzt geöffnet in der Hand, und während sie unverwandt darauf niederblickte, nahm ihr Antlitz immer mehr einen Ausdruck an, der ihm sonst ganz fremd war.

Es war jenes trübe, halb unbewußte Hinträumen, das uns der Gegenwart völlig entrückt und zurückführt in eine ferne Vergangenheit, wo längst versunkene Erinnerungen wieder auftauchen, längst vergessene Freuden und Leiden aufwachen und Gestalten, die seit Jahren das Grab deckt, auferstehen.

Die Gräfin bemerkte es nicht, daß Minuten und Viertelstunden vergingen, während sie so dasaß, und fuhr halb erschreckt, halb unwillig auf, als die Thür unvermuthet geöffnet wurde. Mit einem raschen Drucke schloß sie die Kapsel und legte die Hand darauf, während ihr ungnädiger Blick zu fragen schien, was die Störung bedeute.

Es war der alte Eberhard, der eintrat, aber nicht in seiner gewöhnlichen feierlichen Haltung. Er war sichtlich bestürzt, und ohne erst eine Frage seiner Gebieterin abzuwarten, begann er sogleich seine Meldung.

„Der Herr Graf ist soeben zurückgekommen.“

„Nun, und wo ist er denn?“ fragte die Gräfin, die gewohnt war, daß der erste Gang des Sohnes bei der Rückkehr ihr galt.

„In seinem Zimmer,“ berichtete Eberhard. „Herr von Ettersberg war zufällig unten an der Treppe, als der Wagen vorfuhr, und hat den Herrn Grafen hinaufgeleitet.“

Die Gräfin erbleichte. „Hinaufgeleitet? Was soll das heißen? Ist irgend etwas vorgefallen?“

„Ich glaube wohl,“ sagte der alte Diener zögernd. „Der Reitknecht sagt, es wäre ein Unfall auf der Jagd gewesen. Das Gewehr des Herrn Grafen hat sich zufällig entladen und ihn verwundet –“

Weiter kam Eberhard nicht mit seinem Berichte; denn die Gräfin war mit einem lauten Schreckensrufe emporgefahren. Die geängstigte Mutter stürzte, ohne weiter zu fragen, ohne irgend etwas hören zu wollen, in das anstoßende Gemach, von wo aus ein Corridor nach den Zimmern ihres Sohnes führte. Der alte Diener, der vollständig den Kopf verloren hatte und ebenso erschrocken war wie seine Gebieterin, wollte ihr eiligst folgen, als Oswald von der andern Seite her durch den Salon eintrat.

„Wo ist meine Tante?“ fragte er hastig.

„Wahrscheinlich schon bei dem Herrn Grafen,“ sagte Eberhard, auf die geöffnete Thür zeigend. „Die Frau Gräfin war so sehr erschrocken, als ich ihr die Nachricht von der Verwundung brachte.“

Oswald machte eine unwillige Bewegung. „Wie konnten Sie so unvorsichtig sein! Die Wunde des Grafen ist ja gar nicht von Bedeutung. Ich komme eben selbst, meiner Tante das mitzutheilen.“

„Gott sei Dank!“ sagte Eberhard aufathmend. „Der Reitknecht erzählte –“

„Der Reitknecht hat den Unfall arg übertrieben,“ unterbrach ihn Oswald. „Der Graf hat eine leichte Verletzung an der Hand, nichts weiter. Es war durchaus nicht nöthig, die Gräfin deswegen so zu erschrecken. Gehen Sie jetzt und melden Sie das dem Herrn Baron Heideck, damit er nicht gleichfalls durch die Nachricht von einer wirklichen Gefahr in Schrecken versetzt wird!“

Eberhard entfernte sich, um den erhaltenen Befehl auszuführen, und auch Oswald stand im Begriff das Zimmer zu verlassen, als sein Blick, der zerstreut und gleichgültig über den Schreibtisch hinglitt, auf die dort liegende Kapsel fiel.

[449] Die Neugierde gehörte nicht zu Oswald's Fehlern, und er würde es indiscret gefunden haben, irgend etwas zu untersuchen, was, wenn auch offen, im Zimmer seiner Tante lag; hier aber leitete ihn ein sehr verzeihlicher Irrthum. Er hatte bereits gestern die Gräfin um ein Bild seines verstorbenen Vaters ersucht, das sich im Besitze von dessen Bruder befunden hatte und wahrscheinlich in dem Nachlasse desselben noch vorhanden war. Oswald wünschte bei seiner bevorstehenden Abreise dieses Familienandenken, das nur für ihn Werth hatte, mitzunehmen; die Gräfin war auch bereit gewesen, es ihm abzutreten und verhieß, nachzusehen. Jedenfalls, so sagte er sich, hatte sie jetzt das Gesuchte gefunden.

In dieser sicheren Voraussetzung griff Oswald, der sich jenes kleinen Bildes nur dunkel erinnerte und gar nicht wußte, ob es sich in einem Rahmen oder einer Kapsel befunden hatte, nach der letzteren. Ihr verblichenes Aussehen schien seine Vermuthung durchaus zu bestätigen, und so öffnete er sie denn.

Die Kapsel enthielt in der That ein Bild, ein auf Elfenbein gemaltes Portrait, aber es war nicht das gesuchte. Schon beim ersten Blicke darauf stutzte Oswald und schien im höchsten Grade überrascht zu sein.

„Edmund's Bild?“ fragte er sich halb laut. „Seltsam, das habe ich ja noch nie gesehen, und er hat ja auch niemals Uniform getragen.“

Er betrachtete mit steigendem Befremden erst das Bild, das unverkennbar die Züge des jungen Grafen trug, und dann die altmodische und verblichene Kapsel, in die es sichtlich schon seit langer Zeit eingefügt gewesen war. Die Sache war ihm durchaus räthselhaft.

„Was soll das bedeuten? Das Bild ist alt – das zeigen die Farben und die Umhüllung, und doch stellt es Edmund dar, wie er jetzt aussieht. Freilich, ganz ähnlich ist es nicht: es hat einen durchaus fremden Zug und – Ah!“

Der letzte Ausruf wurde mit wilder Heftigkeit hervorgestoßen. Dem jungen Manne war urplötzlich das Verständniß aufgegangen. Wie ein zündender Blitz war die Erkenntniß der Wahrheit niedergefahren und hatte ihm das Räthsel gelöst. Mit einer stürmischen Bewegung trat er dicht vor das lebensgroße Oelgemälde des Grafen Edmund, das im Zimmer der Mutter hing, und die geöffnete Kapsel in der Hand, begann er Zug um Zug, Linie um Linie zu vergleichen.

Es waren dieselben Züge, dieselben Linien, auch die dunklen Haare und Augen, nur der Ausdruck des Gesichts war ein anderer auf jenem kleinen Bilde, das Edmund so täuschend glich, als habe er selbst dazu gesessen, und das doch einen Anderen darstellte. Einen ganz Anderen! Das ergab sich bei der längeren Prüfung mit überzeugender Gewalt.

„Also doch!“ sagte Oswald dumpf. „Ich hatte Recht mit meinem Verdachte.“

Der Ausruf verrieth weder Triumph noch Schadenfreude – im Gegentheil, es sprach ein unverhülltes Grauen daraus, aber als der Blick des jungen Mannes jetzt auf den Schreibtisch und das noch offenstehende geheime Fach fiel, da ging jede andere Empfindung unter in der ausbrechenden Bitterkeit.

„Ganz recht!“ murmelte er. „Sie hat es tief genug verborgen, so tief, daß ein fremdes Auge es wohl nie erblickt hätte, wenn die Todesangst um Edmund ihr nicht alle Besinnung geraubt hätte. Und gerade in meine Hände mußte es fallen – das war mehr als Zufall. Ich denke denn doch,“ hier richtete sich Oswald stolz und drohend empor, „ich denke, ich habe ein Recht, zu fragen, wen dieses Bild vorstellt, und ich werde es nicht eher wieder aus den Händen geben, bis mir die Antwort darauf geworden ist.“

Damit schob er die Kapsel in seine Brusttasche und verließ rasch das Zimmer.

Die Schreckensnachricht, die Eberhard der Gräfin gebracht hatte, erwies sich in der That als sehr übertrieben. Der Unfall, der den jungen Grafen betroffen, war von gar keiner ernsteren Bedeutung. Beim unvorsichtigen Uebersteigen einer Hecke hatte sich sein Jagdgewehr entladen, aber der Schuß hatte zum Glück nur die linke Hand gestreift – es war mehr eine Verletzung, als eine Wunde. Trotzdem gerieth das ganze Schloß in Aufruhr; Baron Heideck eilte sofort zu seinem Neffen, und die Gräfin beruhigte sich nicht eher, bis der eiligst herbeigerufene Arzt ihr versicherte, daß nicht das Geringste zu befürchten sei und die Verletzung in wenigen Tagen geheilt sein werde.

Edmund selbst nahm die Sache am leichtesten. Er lachte und scherzte alle Besorgnisse seiner Mutter hinweg, protestirte energisch dagegen, sich als Verwundeter behandeln zu lassen, und war nur mit Mühe zu bewegen, der Anordnung des Arztes nachzukommen und auf dem Sopha zu bleiben.

So war der Abend herangekommen. Oswald befand sich allein in seinem Zimmer, das er seit jener Entdeckung noch nicht wieder verlassen hatte. Die auf dem Tische brennende Lampe erhellte nur matt das große und ziemlich düstere Gemach mit [450] den dunklen Ledertapeten und seinem mächtigen Erker. Die Einrichtung war gediegen, wie in allen Räumen des Ettersberg'schen Hauses, aber sie war seit Jahren nicht erneuert worden und stand in scharfem Gegensatze zu der Pracht, die im Hauptgebäude des Schlosses und in den Zimmern des jungen Grafen herrschte. Den Neffen, den Sproß der Seitenlinie, hatte man in den Nebenflügel verwiesen. Er mußte hier, wie in Allem, hinter dem Majoratsherrn zurückstehen, und wie der Charakter Oswald's nun einmal geartet war, würde er niemals den Schutz und die Vertretung Edmund's bei diesen fortwährenden Zurücksetzungen angenommen haben.

Auf dem Schreibtische lagen verschiedene Briefschaften und Papiere, die Oswald vor seiner Abreise noch hatte ordnen wollen; jetzt dachte er nicht mehr daran. Mit rastlosen Schritten durchmaß er immer wieder das Zimmer, während die tiefe Blässe seines Gesichtes und die heftig arbeitende Brust verriethen, wie furchtbar die Aufregung war, die in ihm wühlte. Was Jahre lang wie eine dunkle quälende Ahnung in seiner Seele gelegen, was er oft genug mit dem Aufgebot all seiner Willenskraft von sich gewiesen, das stand jetzt in voller Klarheit vor ihm. Mochte ihm der Zusammenhang der Ereignisse und die Geschichte jenes Bildes auch noch dunkel bleiben, es erhob den lang genährten Verdacht zur Gewißheit und rief einen Sturm widerstreitender Empfindungen in ihm wach.

Oswald blieb jetzt vor dem Schreibtische stehen und nahm von Neuem das verhängnißvolle Bild in die Hand, das dort zwischen den Papieren lag.

„Was nützt das schließlich Alles!“ sagte er bitter. „Ich brauche freilich keinen anderen Beweis mehr, aber es fehlt die Bestätigung, und die Einzige auf der ganzen Welt, die sie geben könnte, wird schweigen. Sie würde eher sterben, als zugestehen, was sie und ihren Sohn zugleich vernichtet, und zwingen kann ich sie nicht. Ich kann und darf die Ehre unseres Geschlechtes nicht öffentlich preisgeben, selbst wenn es die Herrschaft in Ettersberg gilt. Und doch muß ich Gewißheit haben – ich muß! Koste es, was es wolle!“

Er schloß langsam die Kapsel und legte sie wieder nieder, während er düster nachsinnend vor sich hinblickte.

„Einen Weg gäbe es vielleicht, einen einzigen. Wenn ich mit diesem Bilde vor Edmund hinträte und ihn zur Erklärung, zur Nachforschung aufriefe. Er erzwingt die Wahrheit von seiner Mutter, wenn er ernstlich will, und er wird es wollen, wenn ich den Verdacht in seine Seele werfe – darauf kenne ich ihn. Aber freilich, der Schlag würde ihn furchtbar treffen, ihn, mit seinem reizbaren Ehrgefühl, mit seiner wahren, offenen Natur, die nie eine Lüge gekannt hat. Und nun herausgerissen zu werden aus der ahnungslosen Sicherheit, aus der Fülle des Glückes, zum Werkzeuge eines Betruges gestempelt zu sein – ich glaube, er ginge zu Grunde an diesem Bewußtsein.“

Die Liebe zu dem Jugendfreunde regte sich in ihrer alten Macht, aber mit ihr zugleich erwachten auch andere, feindseligere Regungen. Sie wiesen drohend auf den begangenen unerhörten Verrath und flüsterten und raunten dem Schwankenden in's Ohr:

„Willst Du wirklich schweigen und auf die Rache verzichten, die das Schicksal selbst in Deine Hand gelegt hat? Willst Du schweigend von hier gehen, hinaus in eine dunkle, ungewisse Zukunft, Dich Fremden unterordnen, Dich mühsam emporarbeiten und vielleicht untergehen im vergeblichen Ringen, während Du Herr sein kannst auf diesem Boden, der Dir von Rechtswegen gehört? Soll die Frau, die von jeher Deine bitterste Feindin gewesen ist, triumphirend die Macht behaupten und ihren Sohn mit allen Gütern des Lebens überschütten, wo Du unterdrückt und ausgestoßen bleibst aus dem Erbe Deiner Väter? Wer hat nach Deinen Empfindungen, nach Deinen Kämpfen gefragt? Gebrauche die Waffe, die der Zufall Dir gegeben! Du kennst die Stelle, wo sie trifft.“

Sie hatten Recht, diese anklagenden Stimmen, und sie fanden ein nur zu lautes Echo in Oswald's Brust. All die Zurücksetzungen, all die Demüthigungen, die er jahrelang erlitten, erhoben sich jetzt von Neuem und drückten den Stachel tiefer in seine Seele. Was er so lange in stummem Groll als ein Verhängniß getragen, das stachelte ihn jetzt, wo er es als Verrath erkannte, zur wildesten Empörung. Jede andere Regung ging unter in Haß und Bitterkeit. Die Gräfin würde doch wohl gezittert haben, wenn sie jetzt das Antlitz ihres Neffen gesehen hätte. Er konnte nicht mit einer offenen Anklage vor sie hintreten, aber er kannte die Stelle, wo sie verwundbar war.

„Es giebt keinen anderen Weg,“ sagte er entschlossen. „Mir wird sie keinen Schritt weichen; mir trotzt sie bis zum letzten Athemzuge. Edmund allein ist im Stande, ihr das Geheimniß zu entreißen. So mag er es denn erfahren! Ich will nicht länger das Opfer eines Verrathes sein.“

Ein leichter, rascher Schritt draußen auf dem Corridor unterbrach den Gedankengang des jungen Mannes. Er schob rasch das Bild unter die auf dem Schreibtische liegenden Papiere und warf einen unmuthigen Blick nach der Thür, aber er fuhr beinahe zusammen, als er den Eintretenden erkannte.

„Edmund – Du!“

„Nun, so erschrick doch nicht, als ob Du ein Gespenst vor Dir sähest,“ sagte der junge Graf, indem er die Thür wieder schloß. „Noch gehöre ich zu den Lebenden und komme sogar, um Dir in eigener Person anzuzeigen, daß Du trotz meiner sogenannten Wunde noch gar keine Hoffnung auf das Majorat hast.“

Edmund ahnte nicht, wie furchtbar sein unbefangener Scherz und sein Erscheinen gerade in diesem Augenblicke seinen Vetter berührten. Oswald bedurfte einer gewaltsamen Anstrengung, um sich zu fassen. Seine Stimme klang beinahe rauh, als er erwiderte:

„Wie kannst Du so unvorsichtig sein und durch die langen, kalten Corridore gehen! Du sollst ja heute Dein Zimmer nicht verlassen.“

„Ich kümmere mich viel um die weisen Verordnungen des Doctors,“ sagte Edmund leichthin. „Denkst Du, ich werde mich als Schwerverwundeter behandeln lassen, weil ich eine Schramme an der Hand davongetragen habe? Einige Stunden habe ich das ausgehalten, meiner Mutter zu Liebe, nun ist es aber genug. Mein Diener hat strengen Befehl, auf jede Nachfrage zu erklären, daß ich schlafe, und ich bin eigens herübergekommen, um mit Dir zu plaudern. Ich kann Dich unmöglich entbehren, Oswald, an dem letzten Abende, den Du in Ettersberg zubringst.“

Die letzten Worte waren so voller Herzlichkeit, daß Oswald sich unwillkürlich abwandte.

„So laß uns wenigstens in Deine Gemächer zurückkehren,“ sagte er hastig.

„Nein, hier sind wir ungestörter,“ beharrte Edmund, indem er sich in einen Armstuhl warf. „Ich habe Dir noch so Manches zu erzählen, zum Beispiel, wie ich zu dieser vielbesprochenen und vielbeklagten Wunde gekommen bin, die ganz Ettersberg in Aufruhr brachte, obgleich sie nicht der Rede werth ist.“

Oswald's Blick richtete sich unruhig auf die Papiere, unter denen die Kapsel verborgen lag.

„Wie Du dazu gekommen bist?“ wiederholte er zerstreut. „Ich denke, Deine Büchse ist losgegangen, als Du eine Hecke übersteigen wolltest.“

„Ja, das haben wir allerdings der Dienerschaft gesagt, und auch Mama und der Onkel werden nichts Anderes erfahren. Dir brauche ich ja aber kein Geheimniß aus der Sache zu machen. Es war ein Rencontre mit einem der gleichfalls zur Jagd geladenen Gäste, dem Baron Senden.“

„Mit Senden?“ fragte Oswald aufmerksam werdend. „Was ist denn zwischen Euch vorgefallen?“

„Er ließ eine verletzende Aeußerung gegen mich fallen. Ich stellte ihn darüber zur Rede; ein Wort gab das andere, und wir kamen schließlich überein, die Sache gleich am nächsten Morgen auszumachen. Du siehst, sie ist ziemlich ungefährlich verlaufen. Ich werde höchstens acht Tage lang die Hand verbunden tragen, und Senden ist mit einem ebenso leichten Streifschuß an der Schulter davongekommen.“

„Also deshalb bist Du über Nacht ausgeblieben! Warum ließest Du mich denn nicht durch einen Boten hinüberrufen?“

„Als Secundanten? Das war nicht nöthig, unser Wirth hat mir diesen Dienst geleistet, und als leidtragender Verwandter wärst Du ja immer noch früh genug gekommen.“

„Edmund, sprich nicht so leichtsinnig von ernsten Dingen!“ sagte Oswald unwillig. „Bei einem Duell steht doch immer das Leben auf dem Spiele.“

Edmund lachte. „Mein Gott, ich hätte wohl gar erst ein Testament machen, Dich feierlichst zum Abschiede herbeirufen und ein rührendes Lebewohl an Hedwig hinterlassen sollen? Solche

[451] Dinge muß man möglichst leicht nehmen und sich im Uebrigen auf sein Glück verlassen.“

„Du scheinst doch die Worte Deines Gegners nicht leicht genommen zu haben. Womit hat er Dich denn eigentlich beleidigt?“

Das Antlitz des jungen Grafen verfinsterte sich, und seine Stimme nahm einen erregten Ton an.

„Es war von dem ehemaligen Streite um Dornau die Rede. Man neckte mich wegen meiner praktischen Idee, den Proceß durch eine Verlobung zu erledigen. Ich ging auch unbefangen auf den Scherz ein. Da Dornau ja nun doch an Ettersberg fiele, so seien gewisse frühere – Bemühungen in dieser Hinsicht ganz überflüssig gewesen.“

„Du weißt ja, daß der Baron sich bei Deiner Braut ein Nein geholt hat,“ sagte Oswald achselzuckend. „Er trägt Dir nun natürlich bei jeder Gelegenheit eine möglichste Gereiztheit entgegen.“

„Die Aeußerung war aber gegen meine Mutter gerichtet,“ brauste Edmund auf. „Es ist ja kein Geheimniß, daß sie entschieden gegen die Heirath ihrer Cousine mit Rüstow Partei genommen und ganz auf der Seite des erzürnten Vaters gestanden hat. Sie hegt nun einmal eine hohe Meinung von ihren Standesvorrechten und hat sich damals verpflichtet gefühlt, das aristokratische Princip mit aller Energie zu vertreten. Eben deshalb rechne ich ihr das Opfer, das sie mir jetzt bringt, um so höher an. Jene Bemerkung klang aber, als sei das Testament des Onkel Franz aus eigennützigen Rücksichten beeinflußt worden, um Dornau mir zuzuwenden. Sollte ich das vielleicht dulden?“

„Du gehst zu weit. Ich glaube nicht, daß Senden einen derartigen Hintergedanken gehabt hat.“

„Gleichviel, ich habe es so aufgefaßt. Weshalb widerrief er nicht, als ich ihn zur Rede stellte? Es mag sein, daß ich das etwas allzu heftig that, aber in dem Punkte vertrage ich nun einmal nichts. Du wirfst mir oft genug meinen Leichtsinn vor, Oswald, es giebt aber eine Grenze, wo er aufhört, und dann nehme ich die Dinge ernster als Du.“

„Ich weiß es,“ sagte Oswald langsam. „Es giebt zwei Punkte, in denen Du tief und ernst empfinden kannst: Dein Ehrgefühl und – Deine Mutter!“

„Und die gehören zusammen!“ fiel Edmund beinahe drohend ein, „und wer sie auch nur mit dem Schatten eines Verdachtes beleidigt, der treibt mich zum Aeußersten.“

Er war aufgesprungen und stand jetzt hoch aufgerichtet da. Der sonst so heitere, sorglose Ausdruck seiner Züge war einem tiefen Ernste gewichen, und seine Augen blitzten in leidenschaftlicher Erregung.

Oswald schwieg; er stand an seinem Schreibtisch und hatte bereits die Papiere ergriffen, um sie bei Seite zu schieben und das Bild hervorzuziehen, bei den letzten Worten des jungen Grafen aber hielt er unwillkürlich inne. Warum mußte in diesem Augenblick auch gerade ein solches Gespräch aufkommen?

„Ich habe nie geahnt, daß jenes Testament zu einer derartigen Auffassung Anlaß geben könnte,“ nahm Edmund wieder das Wort, „sonst hätte ich schon damals, bei dem Tode des Onkels, der Erbschaft entsagt und nie die Einleitung des Processes geduldet. Wenn mir Hedwig nun fremd geblieben wäre und die Gerichte mir Dornau zugesprochen hätten, ich glaube, die Verleumdung hätte sich nicht gescheut, mich zum Helfershelfer eines Betruges zu machen.“

„Man kann auch das Opfer eines Betruges sein,“ sagte Oswald dumpf.

„Das Opfer?“ wiederholte der junge Graf, indem er mit eine raschen Bewegung vor seinen Vetter hintrat. „Was meinst Du damit?“

Oswald's Hand lag schwer auf den Papieren, die so Verhängnißvolles deckten, aber seine Stimme klang kalt und unbewegt, als er erwiderte:

„Nichts! Ich sprach in diesem Augenblicke gar nicht von Dornau. Wir wissen ja am besten, daß der Onkel ganz nach eigenem Willen gehandelt hat. Aber das Testament lautet nun einmal zu Deinen Gunsten, mit Uebergehung der Tochter; da hat die Verleumdung immer Spielraum und spricht von Beeinflussung. In diesem Falle würde man es vielleicht sogar natürlich gefunden haben, wenn eine Mutter sich im Interesse ihres Sohnes über alle Bedenken hinwegsetzt.“

„Das wäre aber eine Erbschleicherei gewesen,“ rief Edmund von Neuem aufflammed. „Ich begreife Dich nicht, Oswald. Wie kannst Du mit einer solchen Gleichgültigkeit von einer derartigen Annahme, einer derartigen Beschimpfung sprechen? Oder wie nennst Du es denn, wenn der rechtmäßige Erbe verdrängt und ein Anderer an seine Stelle gesetzt wird, um diesem das Vermögen zu sichern? Ich nenne das einen Betrug, eine Ehrlosigkeit, und der bloße Gedanke schon, daß man so etwas mit dem Namen Ettersberg in Verbindung bringen könnte, macht mein Blut sieden.“

Oswald's Hand glitt langsam von dem Schreibtische und er trat einige Schritte seitwärts in den Schatten, wohin der Lichtkreis der Lampe nicht reichte.

Dir würde man auch schweres Unrecht thun mit einem solchen Gedanken,“ sagte er mit Nachdruck. „Aber die Welt urtheilt meist in gehässiger Weise; freilich macht sie auch oft gehässige Erfahrungen. Gerade in unseren Lebenskreisen spielen so manche dunkle Familiengeschichten, die, jahrelang verborgen, plötzlich durch irgend ein Verhängniß an's Licht gezogen werden, und so Mancher, der eine glänzende Stellung behauptet, trägt das Bewußtsein einer Schuld mit sich herum, die ihn vernichten würde, wenn man sie aufdeckte.“

„Nun, ich könnte das nicht,“ sagte der junge Graf, indem er das schöne, offene Antlitz seinem Vetter voll zuwendete. „Ich muß mit freier Stirn dastehen vor der Welt und vor mir selber, muß frei athmen und jede Verleumdung verachten können – sonst giebt es für mich kein Leben mehr. Dunkle Familiengeschichten! Gewiß, es giebt mehr dergleichen, als man ahnt, aber ich würde einen solchen Schatten in meinem Geschlechte nicht dulden, und sollte ich ihn selbst an's Licht bringen.“

„Und wenn Du schweigen müßtest um der Familienehre willen?“

„Dann würde ich vielleicht daran sterben; denn leben mit dem Bewußtsein, daß ein Makel auf mir und meinem Namen ruht – das könnte ich nicht.“

Oswald fuhr mit der Hand über die Stirn, die von kaltem Schweiße bedeckt war, während sein Blick in furchtbarster Spannung jeder Bewegung seines Vetters folgte. Es bedurfte vielleicht seines Eingreifens nicht mehr, der Zufall nahm ihm die schwere Pflicht ab, die doch nun einmal vollzogen werden mußte. Edmund war an den Schreibtisch getreten und warf, während er erregt weiter sprach, die einzelnen Papiere durch einander, ohne sie anzusehen. In der nächsten Minute schon konnte er die Kapsel entdecken, deren Form ihm nothwendig auffallen mußte, und dann – dann kam die Katastrophe.

„Wenigstes weiß man es jetzt, wie ich derartige Andeutungen auffasse,“ fuhr er fort, „und die Lehre, die Senden erhalten hat, wird auch für Andere von Nutzen sein. Der Verleumdung ist ja nichts heilig, mag es noch so rein und hoch dastehen, mag es einem Anderen das Ideal sein.“

„Auch Ideale können in den Staub sinken,“ warf Oswald ein. „Du hast das freilich noch nicht erfahren.“

„Ich sprach von meiner Mutter,“ sagte der junge Graf mit tiefer Empfindung.

Oswald gab keine Antwort, aber es war gut, daß er so tief im Schatten stand; so sah der Andere wenigstens nicht, wie diese Unterredung ihn marterte. Es kam ja so selten vor, daß Edmund einmal ernst war, und gerade heute war er es, gerade jetzt zeigte er die ganze Tiefe seiner Empfindung. Dabei blätterte seine Rechte immer noch mechanisch in den Papieren, und er kam dem verhängnißvollen Punkte immer näher. Oswald's Arm zuckte, um den Ahnungslosen zurückzureißen, aber es geschah nicht, der junge Mann verharrte unbeweglich auf seinem Platze.

„Du begreifst es jetzt wohl, warum ich der Mama dieses Rencontre verschweige, trotz seines ungefährlichen Ausganges,“ nahm Edmund wieder das Wort. „Sie würde nach dem Anlaß fragen, und der würde sie kränken. So lange ich noch dastehe, soll ihr aber auch nicht die leiseste Kränkung nahen. Ehe ich dulde, daß sie von der Verleumdung auch nur berührt wird – eher gebe ich das Leben hin.“

Er hatte die einzelnen Papiere, Blatt für Blatt, bei Seite geworfen und griff nun nach dem letzten, unter welchem das Bild lag; in demselben Augenblicke aber legte sich Oswald's Hand auf die seinige und hinderte ihn daran.

„Was soll das?“ fragte Edmund erstaunt. „Was hast Du denn?“

Statt aller Antwort umfaßte ihn Oswald und zog ihn einige Schritte seitwärts.

[452] „Komm Edmund! Wir wollen uns auf das Sopha drüben setzen.“

„Und deshalb ziehst Du mich so gewaltsam von Deinem Schreibtische fort? Du thust ja, als ob er in der nächsten Minute explodiren müsse. Hast Du eine Mine dort gelegt?“

„Vielleicht!“ sagte Oswald mit einem seltsamen Lächeln. „Laß die Papiere liegen, komm!“

„O, Du brauchst keine Indiscretion von meiner Seite zu befürchten,“ erklärte der Graf mit heftig aufwallender Empfindlichkeit. „Du brauchtest nicht so verbietend die Hand auf Deine Papiere zu legen. Ich habe sie nicht angesehen; es geschah rein zufällig, daß ich sie in die Hand nahm. Du scheinst da Geheimnisse zu haben, und ich störe Dich wohl überhaupt im Ordnen Deiner Briefschaften. Es ist daher besser, ich gehe.“

Er machte wirklich Miene, zu gehen, aber Oswald hielt den Arm fest, der sich ihm unwillig entziehen wollte.

„Nein Edmund, so darfst Du nicht von mir gehen. Heute darfst Du das nicht.“

„Ja freilich, es ist der letzte Abend, den Du hier verlebst,“ sagte Edmund, halb grollend, halb versöhnt. „Du thust Dein Mögliches, mir zu zeigen, wie gleichgültig Dir das ist.“

„Du thust mir Unrecht – die Trennung wird mir schwerer, als Du ahnst.“

Oswald's Stimme bebte so hörbar, daß Edmund ihn betroffen ansah und all seine Empfindlichkeit fahren ließ.

„Mein Gott, was ist Dir denn? Du bist ja todtenbleich. Du warst überhaupt so seltsam den ganzen Abend. Doch, ich errathe es. Du hast da in den alten Papieren und Schriften gekramt, die wohl noch von Deinen Eltern herstammen, und das hat Dir schwere Erinnerungen wachgerufen.“

„Jawohl, sehr Schweres!“ sagte Oswald mit einem tiefen Athemzuge, „aber jetzt ist es überwunden. Du hast Recht, es waren alte Erinnerungen die mich verstimmten. Ich werde jetzt ein Ende damit machen.“

„Dann will ich wirklich gehen,“ erklärte Edmund. „Ich vergaß, daß Du noch Vieles zu ordnen hast, und wir sehen uns ja noch morgen früh. Gute Nacht, Oswald!“

Er wollte seinem Vetter die Hand reichen, aber dieser schloß ihn, wohl zum ersten Male in seinem Leben, fest und innig in die Arme.

„Gute Nacht, Edmund! Ich bin Dir wohl oft herb und kalt erschienen, wenn Du mir Deine Freundschaft so warm und voll entgegenbrachtest. Ich habe Dich aber doch sehr lieb gehabt, wie sehr, das hat mir erst diese Stunde gezeigt.“

„Die Scheidestunde!“ sagte Edmund mit halbem Vorwurf, während er doch zugleich die Umarmung mit vollster Herzlichkeit erwiderte. „Sonst wäre dieses Geständniß auch nie über Deine Lippen gekommen. Ich habe aber trotzdem gewußt, was ich Dir werth war.“

„Vielleicht doch nicht so ganz. Weiß ich es doch selbst erst seit heute. Aber nun geh! Du darfst bei Deiner Wunde wirklich nicht länger aufbleiben. Geh zur Ruhe!“

Den Arm um die Schulter seines Vetters gelegt, begleitete er diesen zur Thür und durch den Corridor. Dort trennten sie sich, aber während der junge Graf nach seinem Zimmer zurückkehrte, stand Oswald wieder vor seinem Schreibtische, das Bild in der Hand. Noch einmal ruhten seine Augen darauf; dann schloß er mit festem Drucke die Kapsel und sagte halblaut:

„Er würde daran sterben – um den Preis will ich nicht Herr in Ettersberg sein.“

[465] Am nächsten Morgen trafen sich nur die drei Herren beim Frühstück, obschon die Abreise Oswald's auf den Vormittag festgesetzt worden war. Graf Edmund kümmerte sich auch heute nicht um die ärztliche Verordnung, die ihn an das Zimmer fesselte. Er erschien mit verbundener Hand, sonst aber ganz wohl und munter, und lachte über die Vorwürfe des Baron Heideck, der eine größere Schonung verlangte. Die Gräfin dagegen blieb heute unsichtbar. Sie litt an einem heftigen Nervenanfall, wahrscheinlich in Folge des Schreckens über die erste übertriebene Nachricht von der Verwundung ihres Sohnes.

Edmund, der bereits bei seiner Mutter gewesen, hatte sie in sehr nervöser Aufregung gefunden, und auf seine Frage, ob Oswald kommen dürfe, um sich von ihr zu verabschieden, die entschiedene Erklärung erhalten, sie sei zu leidend, um irgend Jemand außer ihrem Sohne zu sehen. Der junge Graf war in einiger Verlegenheit, als er die Nachricht seinem Vetter mittheilte. Er fühlte, wie rücksichtslos es sei, dem Scheidenden das Lebewohl zu verweigern, und meinte, die Mutter hätte sich wohl so weit überwinden können, ihren Neffen für einige Minuten zu empfangen.

Oswald nahm die Nachricht, daß er seine Tante gar nicht mehr sehen werde, sehr ruhig und ohne jede Ueberraschung auf. Er mochte wohl errathen, welchen Antheil das spurlose Verschwinden des Bildes und dessen muthmaßlicher Verbleib an diesem „Nervenanfall“ hatten. Die Gräfin hatte jedenfalls von Eberhard erfahren, daß ihr Neffe unmittelbar nach ihrer Entfernung im Zimmer gewesen und dort allein geblieben war.

Die Unterhaltung bei dem Frühstück war ziemlich einsilbig. Baron Heideck, obgleich er schließlich selbst für Oswald's Entfernung eingetreten, zeigte doch keine besondere Herzlichkeit gegen den Neffen, der seinen Willen so entschieden durchkreuzt hatte. Edmund war verstimmt wegen der Trennung, die er erst jetzt, wo sie unmittelbar bevorstand, in ihrer ganzen Schwere empfand, nur Oswald bewahrte seine ernste Ruhe. Man stand eben vom Tische auf, als der junge Graf abgerufen wurde, um den soeben eingetroffenen Arzt zu empfangen. Baron Heideck wollte folgen und dem Doctor eine größere Strenge gegen seinen leichtsinnigen Patienten einschärfen, als eine leise Bitte Oswald's ihn zurückhielt. Sobald sie allein waren, zog der letztere ein kleines, sorgfältig versiegeltes Päckchen hervor.

„Ich hatte gehofft, meine Tante noch vor der Abreise zu sprechen,“ begann er. „Da das nicht mehr möglich ist, so möchte ich Sie ersuchen, ihr eine letzte – Mittheilung zu überbringen. Ich bitte aber ausdrücklich, dies Packet nur in die eigenen Hände der Gräfin, und nur dann zu übergeben, wenn sie allein ist.“

„Was ist das für ein geheimnißvoller Auftrag?“ fragte Heideck befremdet. „Und warum wählst Du mich, nicht Edmund?“

„Weil es wohl schwerlich in den Wünschen der Tante liegen möchte, daß Edmund von der Uebergabe oder dem Inhalte dieses Päckchens etwas erfährt. Ich wiederhole meine Bitte, es ihr nur unter vier Augen zu übergeben.“

Die eisige Kälte dieser Worte und der stolze, drohende Blick, der sie begleitete, waren die einzige Rache, die der junge Mann sich erlaubte. Heideck verstand ihn natürlich nicht, aber er begriff doch, daß es sich hier um etwas Ungewöhnliches handelte, und nahm das kleine Packet an sich.

„Ich werde Deinen Auftrag ausrichten,“ sagte er.

„Ich danke!“ entgegnete Oswald zurücktretend, aber so kurz und herb, daß jede fernere Entgegnung damit abgeschnitten war. Zu einem weiteren Gespräche kam es auch nicht, denn Edmund trat bereits wieder ein, in Begleitung des Arztes, den er durchaus zuerst zu seiner Mutter führen wollte, weil deren Zustand ihn besorgt machte.

Der ärztliche Ausspruch hinsichtlich der beiden Patienten lautete indessen sehr beruhigend. Die Wunde des Grafen erwies sich immer mehr als unbedeutend, und die Gräfin litt an einem gewöhnlichen Nervenanfalle in Folge des gestrigen Schreckens. Bei Beiden waren nur Ruhe und einige leichte Mittel nothwendig, und Edmund erzwang sogar die Erlaubniß, nach Belieben sein Zimmer verlassen und seinem Vetter bis zum Wagen das Geleit geben zu dürfen.

Der Abschied von dem Baron Heideck war sehr kurz und kalt, um so leidenschaftlicher erregt zeigte sich Edmund bei der Trennung. Er bestürmte Oswald mit Bitten, auf jeden Fall zu der bevorstehenden Vermählung nach Ettersberg zu kommen, und verhieß seinerseits einen baldigen Besuch in der Residenz. Oswald nahm das mit einem trüben Lächeln hin; er wußte, daß Eins so wenig geschehen würde, wie das Andere. Die Gräfin fand sicher ein Mittel, ihren Sohn von dem beabsichtigten Besuche zurückzuhalten. Noch eine letzte herzliche Umarmung, dann rollte der Wagen davon, und Edmund empfand, als er in das Schloß zurückkehrte, die ganze Leere, welche das Scheiden des Jugendfreundes zurückließ. –

Mehr als zwei Stunden waren seit der Abreise vergangen, als Baron Heideck sich zu seiner Schwester begab, um den übernommenen [466] Auftrag auszuführen. Er hatte keine besondere Eile damit gehabt, denn bei dem gespannten Verhältniß, das zwischen Oswald und seiner Tante herrschte, bot diese „letzte Mittheilung“ voraussichtlich nichts Erfreuliches und war vielleicht nur geeignet, das Unwohlsein der Gräfin noch zu steigern. Der Baron hatte deshalb auch anfangs im Sinne gehabt, das Ganze bis zum nächsten Tage zu verschieben, aber Oswald's Blick und Ton bei der Uebergabe des Päckchens waren ihm doch so bedenklich erschienen, daß er beschloß, auf alle Gefahr hin die Sache noch heute zu erledigen. Auf seinen Wunsch hatte die Gräfin ihre Kammerfrau fortgesandt mit dem Befehle, Niemand einzulassen, und die Geschwister waren längere Zeit allein geblieben.

Die Gräfin saß bleich und angegriffen auf der Chaiselongue. Man sah es ihr an, was sie seit gestern Abend gelitten hatte und noch litt, während sie widerstandslos die Vorwürfe des Bruders über sich ergehen ließ, der mit dem geöffneten Päckchen in der Hand vor ihr stand und, zwar mit gedämpfter Stimme, aber in der heftigsten Erregung zu ihr sprach:

„Also hast Du Dich wirklich nicht von diesem unglückseligen Bilde trennen können! Ich glaubte, es sei längst vernichtet. Wie konntest Du den Wahnsinn begehen, es aufzubewahren?“

„Schilt mich nicht, Armand!“ – die Stimme der Gräfin klang wie erstickt in Thränen. „Es ist das einzige Andenken, welches ich behalten habe. Ich erhielt es mit seinen letzten Grüßen, als er – gefallen war.“

„Und um dieser Sentimentalität willen beschworst Du eine so furchtbare Gefahr über Dich und Deinen Sohn herauf? Reden diese Züge denn nicht deutlich genug? Damals, als Edmund ein Kind war, trat die Aehnlichkeit nicht so deutlich hervor, jetzt, wo er genau in dem Alter steht wie – Jener, jetzt ist sie geradezu vernichtend. Du hast freilich eine harte Lehre für Deine Unvorsichtigkeit erhalten. Du weißt, in wessen Händen das Bild war.“

„Ich wußte es seit gestern Abend. O mein Gott, was wird darauf erfolgen!“

„Nichts!“ sagte Heideck in kaltem Tone. „Das beweist Dir ja die Rückgabe. Oswald ist zu sehr Jurist, um sich nicht zu sagen, daß ein bloßes Bild noch keinen Beweis bietet, und daß sich absolut keine Anklage darauf gründen läßt. Es war trotzdem ein Act der Großmuth, daß er es zurückgab. Ein Anderer hätte es wenigstens benutzt, um Dich zu quälen und zu ängstigen. Dies Bild darf nicht existiren.“

„Ich werde es vernichten,“ sagte die Gräfin tonlos.

„Nein, ich werde das thun,“ fiel der Bruder ein indem er die Kapsel sorgfältig in der Tasche barg. „Du könntest wieder irgend einer romantischen Anwandlung erliegen. Ich habe Dich schon einmal vor einer wirklichen Gefahr retten müssen, Constanze, jetzt muß ich es vor der Erinnerung thun, die Dir fast ebenso verhängnißvoll geworden ist. Der Schatten ist jahrelang begraben gewesen, laß ihn nicht wieder auferstehen, er könnte leicht alles Glück in Ettersberg zerstören. Das unselige Andenken soll noch heute verschwinden. Edmund darf nicht ahnen, was es verschließt, so wenig wie Dein Gemahl es je geahnt hat.“

Er hatte die letzten Worte unwillkürlich lauter, mit erhobener Stimme gesprochen, brach aber plötzlich ab, denn in demselben Momente wurde die Thür, die in das Nebenzimmer führte, aufgestoßen und Edmund stand auf der Schwelle.

„Was darf ich nicht ahnen?“ fragte er rasch und heftig.

Der junge Graf hatte natürlich nicht angenommen, daß das Verbot der Gräfin, irgend Jemand zu ihr zu lassen, auch ihn betreffe. Er war eingetreten und leise, um die Mutter nicht zu stören, durch das Nebenzimmer gegangen. Bei der geschlossenen Thür und dem sorgfältig gedämpften Tone des Gespräches war es freilich unmöglich, daß er mehr gehört haben konnte, als die letzten Worte seines Onkels. Das zeigte auch der Ausdruck seines Gesichtes, das wohl Erstaunen und Befremdung, aber keinen Schrecken verrieth.

Trotzdem war die Gräfin zusammengefahren, und es bedurfte der stummen, aber bedeutsamen Mahnung ihres Bruders, der mit schwerem Drucke seine Hand auf die ihrige legte, um ihr die Fassung zu wahren.

„Was darf ich nicht ahnen?“ wiederholte Edmund, indem er schnellen Schrittes näher trat und sich an den Baron wandte.

„Hast Du uns etwa belauscht?“ fragte dieser, und auch ihm stockte der Athem, als er an eine solche Möglichkeit dachte.

„Nein, Onkel,“ sagte der junge Graf unwillig. „Ich gebe mich nicht mit Horchen ab. Nur Deine letzten Worte habe ich gehört, als ich im Begriff stand, die Thür zu öffnen. Es ist doch wohl begreiflich, daß ich zu erfahren wünsche, was sie bedeuten, und was man bisher mir, wie einst meinem Vater, verborgen hat.“

„Du hörtest ja, daß ich meine Schwester bat, es Dir zu verschweigen,“ entgegnete Heideck. der seine ganze Ruhe wiedergefunden hatte. „Es handelt sich um ein trübes Ereigniß aus unserer Jugendzeit, das wir besser für uns allein behalten. Du weißt es ja, daß unsere Jugend ernster und entsagungsreicher gewesen ist, als die Deinige. Wir haben damals so Manches durchkämpfen müssen, wovon Du keine Ahnung hast.“

Die Erklärung klang sehr glaublich und schien auch geglaubt zu werden, aber in dem Tone Edmund's lag, trotz aller Zärtlichkeit, ein tiefer Vorwurf, als er jetzt zu seiner Mutter sprach:

„Mama, ich habe bisher nicht geglaubt, daß Du ein Geheimniß vor mir hättest.“

„Quäle doch Deine Mutter nicht,“ fiel Heideck ein. „Du siehst es ja, wie angegriffen sie ist.“

„Eben deshalb hättest Du sie schonen und nicht gerade heute trübe Erinnerungen wach rufen sollen,“ gab Edmund etwas gereizt zur Antwort. „Ich kam Dir mitzutheilen, Mama, daß meine Braut und ihr Vater soeben angelangt sind. Ich darf doch Hedwig zu Dir führen? Da Du wohl genug bist, den Onkel zu empfangen, wirst Du sie jedenfalls sehen können.“

„Gewiß, mein Sohn,“ stimmte die Gräfin hastig zu. „Ich fühle mich bedeutend wohler. Bringe Hedwig sofort zu mir!“

„Ich werde sie holen,“ sagte Edmund, indem er ging, aber er wandte sich noch einmal um, und ein seltsam forschender Blick streifte über die Mutter und den Onkel hin. Es lag kein Argwohn darin, aber doch eine unbestimmte Ahnung von irgend etwas Unheilvollem.

Der junge Graf hatte schon am vergangenen Abend einen Boten nach Brunneck gesandt, mit der Nachricht, daß er sich auf der Jagd eine leichte Verletzung der Hand zugezogen habe und deshalb nicht kommen könne, ohne daß darum etwas zu besorgen sei. Aus diesem Grunde war der Oberamtsrath mit seiner Tochter nach Ettersberg gekommen, und der Anblick Edmund's, der sie heiter wie gewöhnlich empfing, zerstreute den letzten Rest ihrer Besorgnisse. Fast gleichzeitig mit ihnen war auch der benachbarte Gutsherr, bei dem der „Unfall“ stattgefunden, mit seinem Sohne vorgefahren, um sich nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen.

Das erste Zusammentreffen des Baron Heideck mit den neuen Verwandten gestaltete sich auf diese Weise zwangloser, als es wohl sonst der Fall gewesen wäre. Die Schönheit der jungen Braut blieb keineswegs ohne Einfluß auf den gestrengen Onkel, der trotz all seiner aristokratischen Bedenken doch der Wahl seines Neffen nicht ganz den Beifall versagen konnte. Nur dem Oberamtsrath gegenüber behielt Heideck den etwas kühlen und gemessenen, wiewohl artigen Ton bei. Die Gegenwart der Fremden machte das Gespräch überhaupt lebhafter und allgemeiner; nur Edmund war ungewöhnlich schweigsam und zerstreut, wollte aber durchaus nicht zugeben, daß dies irgendwie mit seiner Wunde in Zusammenhang stehe, sondern schob seine Verstimmung auf die Trennung von Oswald. Er mochte sich selber nicht eingestehen, daß es noch etwas Anderes war, was ihn bedrückte.

Die fremden Gäste blieben nicht allzulange, und nach einigen Stunden fuhr auch Rüstow mit seiner Tochter wieder nach Brunneck. Edmund hatte seine Braut in den Wagen gehoben und zärtlich Abschied genommen. Er war jetzt in sein Zimmer zurückgekehrt, aber es litt ihn nirgend, eine eigenthümliche Unruhe trieb ihn umher. Er hatte sich schließlich auf das Sopha geworfen und versuchte zu lesen, aber es wollte ihm nicht gelingen, den Worten und Gedanken des Buches zu folgen. Auf der sonst so wolkenlosen Stirn des jungen Grafen stand heute ein ganz ungewohnter Ausdruck, ein finsteres, quälendes Grübeln, das sich mit peinigender Beharrlichkeit immer wieder an jene Worte heftete, die vorhin im Zimmer seiner Mutter gesprochen worden waren. Was durfte er nicht erfahren? Was verbarg man so sorgsam vor ihm?

Edmund war viel zu wenig gewohnt, sich von irgend etwas bedrückt zu fühlen, irgend etwas Räthselhaftes mit sich herumzutragen, um diesen Zustand nicht unerträglich zu finden. Er

[467] warf endlich das Buch hin, stand auf und ging geradewegs zu seinem Onkel.

Baron Heideck bewohnte die Fremdenzimmer, die im oberen Stockwerke lagen, und hatte sich bald nach der Abfahrt der Gäste dorthin zurückgezogen. Er stand vor dem Kamin und war beschäftigt, das in demselben lodernde Feuer heller anzufachen. Beim Eintritt seines Neffen wandte er sich überrascht um, aber es schien beinahe, als sei diese Ueberraschung keine angenehme.

„Störe ich Dich?“ fragte Edmund, der das bemerkte.

„O, durchaus nicht,“ sagte Heideck. „Aber ich finde es sehr leichtsinnig, daß Du so gar keine Rücksicht auf Deine Wunde nimmst und überall im Schlosse herumstreifst, anstatt ruhig auf Deinem Sopha zu bleiben.“

„Ich habe ja Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen,“ warf Edmund ein, „und ich wünschte Dich auf einige Minuten zu sprechen. Du hast ein Feuer anzünden lassen? Ist Dir das nicht zu warm, bei der heutigen milden Witterung?“

„Ich finde es schon recht kühl hier in den hohen Zimmern, besonders gegen Abend,“ meinte Heideck, indem er sich auf einen der vor dem Kamin stehenden Sessel niederließ und seinen Neffen mit einer Handbewegung einlud, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Edmund blieb indeß stehen.

„Ich möchte Dich um nähere Auskunft über die Worte bitten, die ich zufällig beim Eintritt hörte,“ begann er, ohne weitere Einleitung. „Vorhin, in Gegenwart der Mama, wollte ich nicht ernstlich darauf dringen, sie ist in der That sehr angegriffen. Jetzt aber sind wir allein, und die Sache läßt mir nun einmal keine Ruhe. Was meintest Du mit jener Aeußerung?“

Heideck runzelte die Stirn. „Ich habe es Dir ja bereits gesagt! Ich sprach von Beziehungen in unserer Familie, die überdies längst gelöst und vergessen sind, und die Dich nur peinlich berühren würden.“

„Ich bin aber kein Kind mehr,“ sagte Edmund mit ungewöhnlichem Ernste. „Und ich darf wohl jetzt beanspruchen, in die sämmtlichen Familienbeziehungen eingeweiht zu werden. Es war von einem Schatten die Rede, der das Glück hier in Ettersberg zerstören könnte. Gegenwärtig bin ich Herr von Ettersberg, also geht die Sache auch wohl mich an, und ich habe ein Recht, darnach zu fragen. Ein für allemal, Onkel – ich will wissen, um was es sich handelt!“

Das Verlangen wurde mit einer Energie kundgegeben, die sonst gar nicht in der Art des jungen Grafen lag, Baron Heideck aber zuckte nur die Achseln und erwiderte ungeduldig:

„Laß mich endlich in Ruhe mit Deinen Fragen, Edmund! Wie kannst Du Dich mit einer solchen Hartnäckigkeit an ein bloßes Wort klammern! Es war eine Aeußerung, wie sie Einem oft im lebhaften Gespräch entfährt, die aber gar keine tiefere Bedeutung hat.“

„Du sprachst aber in sehr erregtem Tone.“

„Und Du scheinst trotz Deines Protestes gegen das Horchen doch einige Minuten hinter der Thür gestanden zu haben.“

„Wenn ich mich hätte so weit erniedrigen wollen, dann wüßte ich mehr und brauchte Dich nicht um Auskunft zu bitten,“ versetzte Edmund in gereiztem Tone.

Heideck preßte die Lippen zusammen. Er mochte daran denken, was geschehen wäre, wenn sein Neffe sich wirklich zum Horchen erniedrigt hätte, aber er sah auch die Nothwendigkeit ein, dessen fernere Fragen abzuwehren, und entgegnete daher mit der kältesten Entschiedenheit:

„Die Angelegenheit betrifft hauptsächlich mich, und deshalb wünsche ich, sie nicht weitläuftig zu erörtern. Ich denke, das wird Dir genug sein und Dich verhindern, auch Deine Mutter mit Fragen zu bestürmen. Und nun laß uns darüber schweigen!“

Auf diese mit voller Bestimmtheit und zugleich mit der ganzen Autorität des ehemaligen Vormundes gegebene Erklärung ließ sich füglich nichts erwidern. Edmund schwieg auch, aber er fühlte, daß man ihm nicht die Wahrheit sagte, ihn vielmehr davon abzulenken suchte. Trotzdem sah er ein, daß von dem Onkel nichts zu erreichen war, und daß er sein Forschen vorläufig aufgeben mußte.

Heideck schien geradezu jede Fortsetzung des Gespräches unmöglich machen zu wollen. Er hatte das Schüreisen ergriffen und begann in sehr geräuschvoller Weise das Feuer zu schüren. Die Art, wie er das that und wiederholt auf die Platte des Kamins und in die Flammen stieß, zeigte, daß die kalte Ruhe, die er zur Schau trug, nur eine äußerliche war. Seine Bewegungen verriethen die heftigste Ungeduld und eine nur mühsam verhaltene Gereiztheit. Dabei beugte er sich unvorsichtig allzu weit vor, und als das Feuer jetzt plötzlich mit voller Gewalt aufflackerte und sprühte, zog der Baron zusammenzuckend mit einem halb unterdrückten Schmerzenslaut die Hand zurück.

„Hast Du Dich verbrannt?“ fragte Edmund aufblickend. Heideck betrachtete seine Hand, an der sich allerdings eine leichte Brandwunde zeigte.

„Der Kamin ist höchst unpraktisch eingerichtet!“ rief er, seinem Aerger Luft machend, und riß mit derselben nervösen Hast wie vorhin das Taschentuch aus seiner Brusttasche, um es auf die kleine Wunde zu drücken. Mit dem Tuch zugleich wurde aber auch ein anderer Gegenstand hervorgerissen, der auf den Boden fiel und bis dicht vor Edmund's Füße rollte. Heideck bückte sich zwar sofort darnach, aber es war zu spät, sein Neffe war ihm bereits zuvorgekommen und hatte die Kapsel aufgehoben, deren längst schlaff gewordene Feder bei dem Fall nachgegeben hatte – der Deckel war aufgesprungen. Es mußte doch wohl ein Verhängniß über diesem unseligen Bilde walten. Unmittelbar vor seiner Vernichtung gerieth es in die Hände dessen, der es nie hätte erblicken sollen!

„Mein Bild?“ fragte Edmund mit dem äußersten Erstaunen. „Wie kommst Du dazu, Onkel?“

Aus dem Antlitz des Barons war alle Farbe gewichen, aber nur für einen Augenblick. Er wußte, was hier auf dem Spiele stand. Mit Aufbietung all seiner Willenskraft gelang es ihm, die Fassung zu behaupten, und so erwiderte er, den Irrthum benutzend:

„Nun ja! Weshalb soll ich Dein Portrait nicht besitzen?“

Zugleich machte er einen raschen Versuch, die Kapsel aus der Hand des jungen Grafen zu nehmen aber dieser trat zurück und verweigerte die Herausgabe.

„Aber ich habe ja niemals dazu gesessen?“ warf er ein. „Und was soll die Uniform, die ich nie getragen habe?“

„Edmund, gieb mir die Kapsel zurück!“ sagte Heideck kurz und befehlend, und streckte von Neuem die Hand darnach aus; allein vergebens. Wäre jener Vorfall im Zimmer der Gräfin nicht gewesen, so hätte sich Edmund wahrscheinlich leicht durch irgend eine Ausflucht täuschen lassen, denn Argwohn und Mißtrauen lagen seiner offenen Natur unendlich fern. Jetzt aber war ihm Beides eingeflößt worden, jetzt wußte er, daß irgend etwas Geheimnißvolles, Unheimliches über ihm schwebte. Sein Instinct sagte ihm, daß es in Zusammenhang mit diesem Bilde stehe, und er verfolgte hartnäckig die einmal gefundene Spur, freilich ohne vorläufig zu ahnen, wohin sie führte.

„Wie kommst Du zu dem Bilde, Onkel?“ fragte er zum zweiten Male, aber diesmal in gesteigertem Tone.

„Das werde ich Dir sagen, wenn Du es mir zurückgegeben hast,“ lautete die scharfe Erwiderung.

Statt aller Antwort trat Edmund aus der Mitte des dämmernden Zimmers an das Fenster, wo noch das volle Tageslicht weilte, und begann, wie Oswald es gestern gethan hatte, Zug um Zug und Linie um Linie zu prüfen.

Es folgte eine lange, schwere Pause. Heideck umfaßte krampfhaft die Lehne des Sessels, von dem er aufgespungen war. Er mußte schweigend zusehen, denn er sagte sich, daß ein gewaltsames Einschreiten seinerseits Alles verderben würde; aber es war eine Tortur, die er ausstand.

„Bist Du nun endlich fertig?“ fragte er nach Verlauf von einigen Minuten, „und werde ich die Kapsel zurück erhalten?“

Edmund wandte sich um.

„Das ist nicht mein Bild,“ sagte er langsam, jede Silbe schwer betonend. „Es ist nur eine unglaubliche, unerhörte Aehnlichkeit, die im ersten Augenblick täuscht. Wen stellt es dar?“

Baron Heideck hatte die Frage kommen sehen und sich darauf vorbereitet, er entgegnete deshalb ohne Zögern:

„Einen Verwandten, der seit langen Jahren todt ist.“

„Einen Ettersberg?“

„Nein. Ein Mitglied unserer Familie.“

„So? Und weshalb habe ich nie von diesem Verwandten und von dieser seltsamen Aehnlichkeit gehört?“

„Wahrscheinlich durch Zufall! Mein Gott, so starre doch nicht fortwährend auf das Bild! Solche Aehnlichkeiten kommen ja unter Verwandten öfter vor.“

[468] „Oefter?“, wiederholte Edmund mechanisch. „War dies vielleicht das ,unselige Andenken‘, das noch heute verschwinden sollte? Es sollte wohl in den Flammen dort verschwinden und Du hast deswegen das Feuer anzünden lassen?“

Die Todtenblässe des jungen Grafen, seine völlig erloschene Stimme zeigten, daß er Schritt für Schritt dem Abgrunde näher kam, wenn er auch wohl noch nicht dessen ganze Tiefe ermaß. Heideck sah das und machte einen letzten, verzweifelten Versuch, ihn davon zurückzureißen.

„Edmund, jetzt ist meine Geduld zu Ende!“ sagte er, zur anscheinenden Gereiztheit seine Zuflucht nehmend. „Du verlangst doch wohl nicht im Ernste, daß ich Dir auf dergleichen tolle Phantasiegespinnste antworte?“

„Ich verlange, daß mir das Geheimniß dieses Bildes gelöst wird,“ rief Edmund, sich gewaltsam zusammenraffend. „Ich will wissen, wen es vorstellt. Du wirst mir Antwort geben, Onkel! Jetzt, in dieser Minute wirst Du das thun, oder Du treibst mich zum Aeußersten!“

Heideck zermarterte vergebens seinen Kopf, um irgend eine Ausflucht zu ersinnen. Er war nicht geschickt im Lügen und fühlte überdies, daß sein Neffe sich nicht mehr täuschen ließ. Die einzige Möglichkeit, die ihm noch blieb, war, Zeit zu gewinnen.

„Du sollst es später erfahren,“ sagte er ausweichend. „Jetzt bist Du allzu sehr erregt, bist noch krank an den Folgen Deiner Wunde. Jetzt ist keine Zeit, dergleichen zu erörtern.“

„Du verweigerst mir also die Antwort?“ brach Edmund los, plötzlich zur wildesten Heftigkeit übergehend. „Du kannst und willst sie mir nicht geben? Nun denn, so werde ich meine Mutter fragen – sie soll mir Rede stehen!“

Er stürzte aus dem Zimmer und stürmte die Treppe hinab; ehe der Oheim es verhindern konnte. Dieser eilte zwar sofort nach, aber es war vergebens. Als der Baron die Zimmer seiner Schwester erreichte, hatte Edmund die Thür des Salons bereits hinter sich abgeschlossen. Es war unmöglich, auch nur zu hören, was in dem zweiten dahinter liegenden Gemache vorging. Heideck sah ein, daß er jede Einmischung aufgeben müsse. Das Verhängniß ging seinen Gang.

„Das giebt ein Unglück,“ sagte er dumpf. „Arme Constanze, ich fürchte, Du wirst in dieser Stunde schwerer gestraft, als Du je gefehlt hast.“

[481] Der nächste Tag brachte unfreundliches Herbstwetter. Nebel und Staubregen hüllten die Landschaft ein; an den Blumen und Gesträuchen zeigten sich die Spuren des ersten Nachtfrostes.

In Ettersberg steckte die Dienerschaft die Köpfe zusammen und fragte, was denn eigentlich vorgefallen sei; denn vorgefallen war etwas, das stand fest. Gestern Nachmittag, bei dem Besuche der Brunnecker Herrschaften, war noch Alles Heiterkeit und Eintracht gewesen; aber bald darauf, von dem Augenblicke an, wo der junge Graf aus dem Zimmer seiner Mutter gekommen war, herrschte eine völlige Zerstörung.

Der Graf hatte sich seitdem eingeschlossen und wurde nicht wieder sichtbar. Die Gräfin war, wie die Kammerfrau behauptete, sehr krank, ließ aber Niemand zu sich und hatte sogar verboten, den Arzt zu rufen. Baron Heideck endlich hatte heute Morgen schon zweimal vergebens versucht, Einlaß bei seinem Neffen zu erlangen. Auch für ihn blieb die Thür geschlossen. Je weniger man im Schlosse an Familienscenen gewöhnt war, desto freieren Spielraum hatten die Vermuthungen, die freilich auch nicht annähernd das Richtige trafen.

Jetzt war es beinahe Mittag geworden. Heideck hatte soeben einen dritten Versuch gemacht, zu dem jungen Grafen zu gelangen, aber auch diesmal ohne Erfolg. Der alte Eberhard stand rathlos und bestürzt neben dem Baron, der jetzt mit voller Entschiedenheit sagte: „Ich muß zu meinem Neffen, koste es was es wolle. Es ist unmöglich, daß er dieses Pochen und Rufen überhören kann. Es muß irgend etwas passirt sein.“

„Ich habe den Herrn Grafen unaufhörlich auf- und niedergehen hören,“ wandte Eberhard ein. „Erst seit einer halben Stunde ist es drinnen still geworden.“

„Gleichviel!“ erklärte Heideck. „Er kann in Folge seiner Wunde einen neuen Blutverlust, eine Ohnmacht gehabt haben. Es bleibt nichts Anderes übrig, als die Thür mit Gewalt zu öffnen.“

„Vielleicht gäbe es noch ein anderes Mittel,“ sagte Eberhard zögernd. „Die kleine Tapetenthür, die von der Garderobe des Herrn Grafen nach dem Schlafzimmer führt, ist wahrscheinlich nicht verschlossen; wenn wir –“

„Und das sagen Sie erst jetzt?“ unterbrach ihn Heideck heftig. „Warum erfuhr ich das nicht schon heute Morgen? Zeigen Sie mir sofort den Zugang!“

Der alte Diener ließ den Vorwurf schweigend über sich ergehen. Er glaubte nicht an den Vorwand von Ohnmacht und Blutverlust, mit dem man das gewaltsame Eindringen decken wollte; denn er hatte deutlich die Schritte seines jungen Gebieters gehört, aber auch gefühlt, daß dieser um jeden Preis allein sein wollte. Jetzt freilich blieb nichts übrig, als den Zugang zu zeigen, der sich in der That als unverschlossen erwies.

Heideck winkte dem Diener, zurückzubleiben, und ging allein zu seinem Neffen, indem er die kleine Tapetenthür sorgfältig hinter sich verriegelte. Das Schlafzimmer war leer, das Bett unberührt. Mit raschen Schritten trat der Baron in das anstoßende Wohngemach, und unwillkürlich entrang sich seiner Brust ein erleichternder Athemzug, als er Edmund erblickte. Er hatte einige Minuten lang das Aergste gefürchtet.

„Edmund, ich bin es,“ sagte er halblaut.

Es erfolgte keine Antwort. Der junge Graf schien die Schritte des Nahenden nicht vernommen, die Anrede nicht gehört zu haben. Er lag auf dem Sopha, das Gesicht in die Polster gedrückt, wie todtmüde hingeworfen. Die Stellung verrieth jene tödtliche Erschöpfung, die als ein Rückschlag nach der äußersten Anstrengung einzutreten pflegt.

„Wie konntest Du uns so ängstigen!“ sagte Heideck in vorwurfsvollem Tone. „Dreimal bin ich heute schon vergebens an Deiner Thür gewesen und habe mir endlich halb mit Gewalt den Eingang erzwingen müssen.“

Auch diesmal kam keine Erwiderung; Edmund verharrte in seiner unbeweglichen Stellung. Der Oheim trat näher und beugte sich über ihn.

„So gieb mir doch wenigstens eine Antwort! Du bist gestern Abend wie ein Wahnsinniger davon gestürzt, ohne zu hören, ohne Dich halten zu lassen. Hoffentlich bist Du jetzt ruhiger geworden und kannst mich wenigstens anhören. Ich komme eben von Deiner Mutter –“

Dieses letzte Wort schien endlich einige Wirkung zu äußern. Edmund zuckte leise zusammen und richtete sich empor; aber Baron Heideck fuhr erschrocken zurück bei seinem Anblick.

„Um Gotteswillen – was ist Dir? Wie kannst Du Dich so niederwerfen lassen?“

Die Züge des jungen Grafen waren in der That so verändert, daß man ihn kaum wieder erkannte. Der Blitzstrahl, der ihn getroffen, hatte mit einem Schlage alle Lebenskraft und allen Lebensmuth vernichtet; das zeigten seine erloschenen Augen und der Ausdruck völliger Gebrochenheit in Haltung und Sprache, als er erwiderte:

[482] „Was kann ich denn noch hören?“

„Du weißt noch gar nichts Näheres. Hast Du wirklich keine einzige Frage an mich?“

„Nein!“

Heideck blickte seinen Neffen unruhig an; ein leidenschaftlicher Ausbruch wäre ihm lieber gewesen, als diese starre Theilnahmlosigkeit. Er setzte sich neben Edmund und ergriff seine Hand; dieser ließ es ohne Widerstand geschehen; er schien kaum zu wissen, was um ihn her vorging.

„Ich habe gestern Alles aufgeboten, Dir die Wahrheit zu verhehlen,“ fuhr der Baron fort; „denn auch ich bin vielleicht nicht ohne Schuld in dieser unglückseligen Sache. Ich habe damals eigenmächtig und gewaltsam in das Schicksal zweier Menschen eingegriffen und das hat sich schwer gerächt. Meine Absicht freilich war die beste. Ich wußte, daß der junge Officier, der meine Schwester liebte und dem sie sich heimlich verlobt hatte, ebenso arm war, wie sie selber. Er konnte ihr keine Zukunft, konnte ihr überhaupt erst nach langen Jahren seine Hand bieten, und ich liebte Constanze zu sehr, um sie in Sorgen und Trauer verblühen zu lassen. Als ich sie von dem Jugendgeliebten losriß und sie bestimmte, die Hand des Grafen Ettersberg anzunehmen, geschah es in der festen Ueberzeugung, daß es sich nur um eine flüchtige, romantische Mädchenneigung handelte, die mit der Vermählung zu Ende sei. Hätte ich geahnt, wie tief diese Leidenschaft wurzelte, ich hätte niemals eingegriffen. – Erst nach Jahresfrist, als ich erfuhr, daß jenes Regiment in die Ettersberg zunächst liegende Garnison versetzt worden war, kam mir eine Ahnung der Gefahr, und mein nächster Besuch hier machte diese Ahnung zur Gewißheit. Die alte Jugendliebe war bei dem Wiedersehen in ihrer ganzen Macht wieder aufgeflammt und zur Leidenschaft geworden, die alle Schranken niederriß. Als ich das entdeckte, als ich zwischen die Beiden trat und sie gewaltsam zum Bewußtsein ihrer Pflichten zurückrief, da – war es bereits zu spät.“

Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten. Edmund zog seine Hand aus der des Oheims und stand auf.

„Weiter!“ sagte er mit halberstickter Stimme.

„Ich habe nichts weiter hinzuzufügen; mit jener Trennung war Alles zu Ende. Ich sagte Dir bereits gestern, daß das Bild einen Todten darstelle. Er fiel schon im nächsten Jahre, als eines der ersten Opfer des damals ausbrechenden Krieges. Meine Schwester hat ihn nie wiedergesehen. – Nun kennst Du den Zusammenhang, und nun versuche, Dich zu fassen! Ich begreife es ja, daß der Schlag Dich furchtbar trifft. Du mußt ihn eben als ein Verhängniß nehmen.“

„Jawohl, als ein Verhängniß!“ wiederholte Edmund. „Du siehst es ja, daß ich ihm erliege.“

„Man erliegt nicht so leicht dem ersten Sturm des Lebens,“ sagte Heideck ernst. „Du wirst es auch lernen zu tragen, was Du doch nun einmal tragen mußt. Aber jetzt raffe Dich auf und entreiße Dich diesem trostlosen Brüten über das Unabänderliche! Willst Du nicht endlich zu Deiner Mutter kommen?“

Der junge Graf machte eine heftig zurückweisende Bewegung.

„Nein, Onkel! Verlange das nicht von mir – nur das nicht!“

„Edmund, sei vernünftig! Du kannst Dich doch nicht ewig in Deinen Zimmern einschließen.“

„Ich verlasse sie noch heute. Ich reise in zwei Stunden ab.“

„Du willst fort? Wohin denn?“

„Nach der Residenz – zu Oswald.“

„Zu Oswald?“ rief Heideck, indem er jäh von seinem Sitze emporfuhr und seinen Neffen anstarrte, als habe er nicht recht gehört. „Bist Du von Sinnen?“

„Habt Ihr vielleicht geglaubt, ich werde mich zum Mitschuldigen des Verrathes machen?“ brach Edmund aus, dessen bisherige unheimliche Ruhe jetzt einem fieberhaften Aufflammen wich. „Habt Ihr es wirklich für möglich gehalten, daß ich schweigen und fortfahren würde, den Majoratsherrn zu spielen, während der rechtmäßige Erbe vertrieben und in ein Leben voll Entbehrungen hinausgejagt wird? Wenn Ihr das vermochtet – ich vermag es nicht. Wie ich das Furchtbare ertragen werde, und ob ich es überhaupt tragen kann, das weiß ich nicht. Aber eins weiß ich: ich muß zu Oswald, muß ihm sagen, daß er betrogen ist, daß ihm die Herrschaft in Ettersberg gebührt. Er soll Alles wissen und dann – werde aus mir, was da will.“

Heideck hatte mit tödtlichem Schrecken zugehört. Was er auch gefürchtet haben mochte – auf diese Wendung war er nicht gefaßt gewesen. Wenn Edmund erfuhr, daß Oswald das Geheimniß bereits kannte oder doch wenigstens ahnte, so war eine Erklärung zwischen den Beiden nicht mehr zu verhindern, und dann stürzte Alles zusammen. Der Oheim erkannte die unabsehbaren Folgen einer derartigen Katastrophe besser, als sein leidenschaftlicher Neffe, und war entschlossen, sie um jeden Preis abzuwenden.

„Du vergissest, daß es sich hier nicht um Dich allein handelt,“ sagte er mit Nachdruck. „Hast Du bedacht, wen Du mit diesem Geständniß anklagst?“

Edmund zuckte zusammen, und die fieberhafte Gluth, die eben noch sein Antlitz färbte, wich einer Leichenblässe.

„Oswald ist von jeher der Feind Deiner Mutter gewesen,“ fuhr Heideck fort. „Er hat sie stets gehaßt, und sie hat sich niemals darüber getäuscht. Willst Du wirklich ihm, gerade ihm das Geständniß machen, das sie vernichtet? Er wird triumphiren, wenn er die gehaßte Frau endlich im Staube vor sich sieht, wenn der eigene Sohn –“

„Onkel, hör' auf!“ unterbrach ihn Edmund mit einem wilden Aufschrei. „Ich ertrage das nicht.“

„Ich habe nicht geglaubt, daß Du auch nur einen Augenblick zwischen Deiner Mutter und Oswald schwanken könntest,“ sagte der Baron finster. „Du hast hier überhaupt keine Wahl; Du mußt Dich der Nothwendigkeit beugen.“

Edmund hatte sich in einen Sessel geworfen und das Gesicht in den Händen verborgen; ein leises Stöhnen rang sich aus seiner Brust hervor.

„Glaubst Du, daß es mir leicht geworden ist, zu schweigen und das zu unterstützen, was Du Verrath nennst?“ fragte der Oheim nach einer kurzen Pause. „Aber ich wiederhole Dir: es gab und giebt hier keine Wahl für Dich. Das Majorat ist nicht übertragbar und haftet an Deiner Person. Du mußt entweder Herr in Ettersberg bleiben, oder aller Welt das Geheimniß aufdecken, und dann wird die Ehre der Ettersberg wie die der Heideck rettungslos preisgegeben. Einen anderen Ausweg giebt es nicht. Das habe ich damals meiner Schwester in's Gedächtniß gerufen, als sie auf dem Punkte stand, sich ihrem Gemahl zu entdecken, und das rufe ich Dir jetzt zu. Du mußt schweigen! Wenn Oswald's Zukunft dabei geopfert wird, so können wir das nicht ändern. Die Familienehre steht höher, als sein Recht.“

Er sprach mit eiserner Ruhe, aber eben deshalb wirkten seine Worte um so tiefer, und Edmund fühlte nur zu sehr deren Wahrheit. Es war ein verzweifelter Kampf zwischen dem Rechtsgefühl des jungen Mannes und der Nothwendigkeit, die man ihm so gebieterisch vor Augen hielt. In seinem Inneren klang noch Oswald's Frage: „Und wenn Du schweigen müßtest, um der Familienehre willen?“ Er war freilich weit entfernt, dieser Frage des Vetters eine tiefere Bedeutung beizulegen oder dessen Kenntniß der Wahrheit zu ahnen. Jenes Gespräch hatte sich ja ganz selbstverständlich und natürlich ergeben. Damals war der junge Graf in so leidenschaftlicher Empörung aufgeflammt, weil man es wagte, seiner Mutter eigennützige Berechnung vorzuwerfen. Er hatte so stolz und verächtlich erklärt, daß er keinen Schatten, keine Lüge in seinem Leben dulde, daß er der Welt mit freier Stirn gegenüber treten müsse. Das war vor zwei Tagen gewesen, und jetzt –?

Baron Heideck verlor keine Zeit, seinen Sieg zu einem vollständigen zu machen. Er ergriff das letzte und wirksamste Mittel dazu.

„Und nun komm zu Deiner Mutter!“ sagte er in weicherem Tone. „Du weißt nicht, in welchem Zustande sie seit gestern Abend ist. Sie wartet in Todesangst auf eine Nachricht von Dir, auf ein Wort aus Deinem Munde. Komm!“

Edmund ließ sich willenlos emporziehen und einige Schritte führen; an der Thür aber blieb er plötzlich stehen.

„Ich kann nicht.“

Heideck, der bereits die von innen verschlossene Thür geöffnet hatte, achtete nicht auf diesen Protest, sondern suchte seinen Neffen fortzuziehen; aber dieser widerstrebte jetzt entschieden.

„Ich kann die Mutter nicht sehen. Dränge mich nicht dazu, Onkel, zwinge mich nicht, oder – Du erlebst eine Wiederholung der gestrigen Scene!“

[483] Er machte sich los und riß an der Klingel. Eberhard trat ein.

„Mein Pferd!“ befahl der junge Graf. „Es soll augenblicklich gesattelt werden.“

„Aber ist denn Alles, was ich Dir vorgehalten habe, umsonst gewesen?“ rief Heideck verzweiflungsvoll, als der Diener sich entfernt hatte. „Kannst Du wirklich noch an die Abreise denken?“

„Nein, ich werde bleiben. Aber ich muß hinaus in’s Freie, wenn ich nicht ersticken soll. Laß mich, Onkel!“

„Erst gieb mir Dein Wort darauf, daß Du nichts Unsinniges, nichts Verzweifeltes unternehmen willst! Du bist jetzt zu Allem fähig. Was soll ich Deiner Mutter sagen?“

„Was Du willst. Ich habe nichts vor, als ein paar Stunden im Freien umherzujagen. Vielleicht wird es dann besser!“

Damit eilte Edmund davon. Der Oheim machte keinen Versuch mehr, ihn zu halten. Er sah, daß hier weder Zureden noch Beruhigen half. Vielleicht war es am besten, den Sturm austoben zu lassen.

Stunde auf Stunde verging, es war Nachmittag, war beinahe Abend geworden, und noch immer kehrte der junge Graf nicht zurück. Im Schlosse wuchs die Besorgniß über sein Ausbleiben mit jeder Minute. Baron Heideck machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er den Neffen in einer solchen Stimmung fortgelassen, und er durfte das nicht einmal zeigen, sondern mußte noch Kraft und Besinnung für seine Schwester haben, die der Angst zu erliegen drohte. Sie eilte von Zimmer zu Zimmer, von Fenster zu Fenster und hatte für die Trostesworte ihres Bruders nur ein stummes, verzweiflungsvolles Ablehnen. Sie kannte freilich ihren Sohn am besten und wußte, was zu fürchten stand.

„Es nützt wirklich nichts, Constanze, wenn wir Boten aussenden,“ sagte Heideck, der jetzt neben ihr am Fenster stand. „Wir kennen ja nicht einmal annähernd die Richtung, die Edmund eingeschlagen hat, und das Aufsehen und Kopfschütteln unter der Dienerschaft wird dadurch nur größer. Der Tollkopf muß sich doch nun ausgejagt haben; jetzt, wo es dämmert, wird er sicher schon auf dem Rückwege sein.“

„Oder er ist dennoch abgereist,“ flüsterte die Gräfin, deren Blick nicht einen Moment die zum Schlosse führende Allee verließ.

„Nein!“ entgegnete Heideck mit vollster Bestimmtheit. „Seit ich ihm klar gemacht habe, wen sein Geständniß trifft, steht das nicht mehr zu fürchten. Zu Oswald ist er in keinem Falle, aber –“ Er unterdrückte die Fortsetzung mit Rücksicht auf die Gräfin. Auch er begann jetzt irgend einen Verzweiflungsschritt seines Neffen zu fürchten, eine Lösung, die noch schlimmer war, als das Geständniß an Oswald.

Es war wieder trostloses Schweigen eingetreten, wie so oft schon am heutigen Nachmittage. Da plötzlich fuhr die Gräfin mit einem Ausruf empor und beugte sich weit vor. Heideck, der ihrem Beispiel folgte, konnte nichts entdecken, aber das Auge der Mutter hatte trotz Nebel und Dämmerung den Sohn erkannt, der jetzt am Ende der Allee erschien. Die Selbstbeherrschung der Gräfin war zu Ende; sie dachte nicht daran, daß sie bei der Dienerschaft noch für krank galt, fragte nicht, wie Edmund ihr begegnen würde. Sie wollte ihn nur sehen, nur wieder haben und eilte ihm entgegen, so schnell, daß ihr Bruder kaum folgen konnte.

Sie mußten noch einige Minuten drunten im Vestibül warten, denn der junge Graf, der in rasender Carrière davongesprengt war, kehrte jetzt im Schritt zurück. Das über und über mit Schweiß bedeckte Pferd zitterte am ganzen Leibe, als es endlich stille stand. Es war augenscheinlich dem Zusammenbrechen nahe, und der Reiter schien in einem ähnlichen Zustande zu sein. Er, der sich sonst so leicht aus dem Sattel schwang, stieg heute beinahe mühsam ab, und es kostete ihn sichtliche Anstrengung, die wenigen Stufen bis zu dem Eingange hinaufzusteigen.

Die Gräfin stand an derselben Stelle, wo sie damals den Sohn bei der Rückkehr von seiner Reise empfangen hatte, wo er so stürmisch und glückstrahlend in ihre Arme geflogen war. Heute bemerkte er die Mutter nicht einmal. Seine Kleidung war völlig durchnäßt vom Regen, das Haar lag ihm schwer und feucht in der Stirn, und langsam, ohne aufzusehen, trat er ein und wandte sich nach der Treppe.

„Edmund!“

Der Ruf klang bebend, halb gebrochen. Edmund blickte auf und sah erst jetzt seine Mutter, die dicht vor ihm stand. Sie sprach kein Wort weiter, aber er las in ihrem Auge all die Todesangst und Todesqual der letzten Stunden. Und als sie jetzt die Arme nach ihm ausstreckte, da wich er nicht zurück, sondern beugte sich zu ihr nieder. Seine Lippen berührten feucht und eiskalt ihre Stirn, und leise, nur ihr allein verständlich sagte er:

„Sei ruhig, Mutter! Ich will versuchen, es zu tragen – um Deinetwillen.“




Oswald befand sich bereits seit zwei Monaten in der Residenz und hatte dort die freundlichste Aufnahme gefunden. Justizrath Braun nahm unter den dortigen Rechtsgelehrten eine der ersten Stellen ein und stand dem Sohne seines verstorbenen Freundes in jeder Beziehung helfend und fördernd zur Seite. Er hatte volles Verständniß für die Handlungsweise des jungen Mannes, der sich mit solcher Energie einem äußerlich bequemen und glänzenden Leben entriß, weil er es nicht ertragen konnte, seine Existenz als Wohlthat aus den Händen seiner Verwandten zu empfangen und dafür zeitlebens eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Der Justizrath und seine Gattin waren kinderlos, und der junge Gast wurde von ihnen fast wie ein Sohn empfangen und betrachtet. Oswald warf sich mit leidenschaftlichem Eifer in die Arbeit, und das unmittelbar bevorstehende Examen ließ ihm wenig Zeit, an das zurückzudenken, was er in Ettersberg verlassen hatte; aber es befremdete ihn doch, daß gar keine Nachricht von dort eintraf. Auf seinen ersten ausführlichen Brief hatte Edmund allerdings geantwortet – nur wenige Zeilen, die eigenthümlich gezwungen lauteten und ihre auffallende Kürze mit der noch immer nicht ganz geheilten Wunde an der Hand entschuldigten. Der zweite Brief dagegen harrte noch immer der Beantwortung; und doch waren schon Wochen seit seiner Absendung vergangen.

Oswald wußte freilich, daß er mit der Rücksendung jenes Bildes die Brücke zwischen sich und der Gräfin abgebrochen hatte und daß sie jetzt alles daran setzen werde, das Band zu lösen, das ihn noch mit ihrem Sohne verknüpfte; aber es war unmöglich, daß Edmund so schnell und vollständig diesem Einflusse erlag. Wie leichtsinnig der junge Graf sich auch oft zeigen mochte – an der Freundschaft für seinen Vetter hatte er stets treu und unverbrüchlich festgehalten. Er konnte den Jugendfreund nicht in wenigen Wochen vergessen haben. Es mußte etwas Anderes sein, was ihn am Schreiben hinderte.

Es war in den ersten Tagen des December. Oswald hatte das Examen glänzend bestanden und wollte nun sofort seine neue Laufbahn beginnen. Justizrath Braun aber forderte entschieden, daß der junge Mann sich nach den Anstrengungen der letzten Wochen einige Ruhe gönne und sich vorläufig noch als Gast in seinem Hause betrachte. Halb widerstrebend gab Oswald nach; er fühlte freilich selbst, daß er der Erholung bedurfte nach all dem rastlosen Studiren und Arbeiten seit dem vorigen Frühjahr. In dem leidenschaftlichen Ringen nach Selbstständigkeit hatte er seinen Kräften doch etwas zu viel zugemuthet.

Der Justizrath befand sich in seinem Arbeitszimmer und hatte soeben die Geschäftsstunden beendigt, als Oswald eintrat und einen Brief, den er in der Hand hielt, zu der übrigen Correspondenz legte, die gewöhnlich um diese Zeit von dem Diener zur Post befördert wurde.

„Haben Sie nach Ettersberg geschrieben?“ fragte der alte Herr aufblickend.

Oswald bejahte; er hatte Edmund die Nachricht von dem glücklich bestandenen Examen mitgetheilt. Darauf mußte doch endlich eine Antwort erfolgen; dieses lange Schweigen fing wirklich an, beunruhigend zu werden.

„Es war soeben hier von den Gütern Ihres Vetters die Rede,“ warf der Justizrath hin. „Einer meiner Clienten beabsichtigt, dort bedeutende Holzankäufe zu machen, und zog mich über einige Punkte des Vertrages zu Rathe.“

Oswald wurde aufmerksam. „Bedeutende Holzankäufe? Das muß ein Irrthum sein. In den Ettersberg’schen Waldungen ist während der letzten Jahre so viel niedergeschlagen worden, daß sie der äußersten Schonung bedürfen. Mein Vetter weiß das und kann sich unmöglich zu einem derartigen Schritte haben bestimmen lassen.“

Der Justizrath zuckte die Achseln. „Trotzdem kann ich Ihnen versichern, daß sich die Sache so verhält. Mein Client verhandelt allerdings nicht mit dem Grafen selbst, sondern mit dessen Administrator; aber dieser muß doch wohl zu solchen Abschlüssen ermächtigt sein.“ [484] „Der Administrator verläßt in Kurzem seine Stellung,“ fiel Oswald ein. „Er erhielt schon im Sommer die Kündigung wegen vollständiger Unzuverlässigkeit. Er kann unmöglich mehr im Besitze der allerdings sehr ausgedehnten Vollmachten sein, die Baron Heideck ihm vor Jahren ertheilt hat. Ich glaubte, Edmund hätte sie zurückgezogen, als er seine Güter selbst übernahm; sollte das dennoch nicht geschehen sein?“

„Das wäre aber eine unverantwortliche Nachlässigkeit von Seiten des jungen Grafen,“ meinte der Rechtsgelehrte. „Einem Beamten, den er entläßt und mit dem er unzufrieden ist, noch monatelang derartige Vollmachten in Händen zu lassen – halten Sie das wirklich für möglich?“

Oswald schwieg; er kannte Edmund’s unglaubliche Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit in geschäftlicher Hinsicht und war überzeugt, daß sich die Sache in der That so verhielt.

„Die in Rede stehende Summe ist bedeutend,“ fuhr der Justizrath fort, der dieses Schweigen verstand. „Gleichwohl ist der Kaufpreis, wie der Käufer selbst zugiebt, sehr niedrig, da sofortige baare Auszahlung verlangt wird.“

„Ich fürchte, es handelt sich hier um Schlimmeres, als einen bloßen Uebergriff des Administrators,“ sagte Oswald unruhig. „Er galt bisher für ehrlich, jetzt aber, wo ihm die Stellung doch verloren ist, erliegt er vielleicht der Versuchung, noch einen letzten betrügerischen Vortheil aus ihr zu ziehen. Mein Vetter kann zu einer derartigen Verwüstung seiner Forsten nicht seine Zustimmung gegeben haben; ich bin überzeugt, er weiß nichts von der Angelegenheit.“

„Das ist möglich. Wenn aber die Vollmacht wirklich nicht zurückgezogen ist, wird er trotz alledem den Vertrag anerkennen müssen, der in seinem Namen abgeschlossen ist. Sie sollten einmal telegraphisch in Ettersberg anfragen, wie sich die Sache verhält; vielleicht ist eine rechtzeitige Warnung nothwendig.“

„Gewiß; wenn sie nur noch rechtzeitig eintrifft. Wann soll der Kaufvertrag abgeschlossen werden?“

„In diesen Tagen. Wahrscheinlich schon übermorgen.“

„Dann muß ich selbst nach Ettersberg,“ sagte der junge Mann entschlossen. „Eine bloße Anfrage nützt nichts. Es muß sofort eingeschritten werden; denn wie ich die Sache beurtheile, gilt es hier, einem Betruge zuvorzukommen. Edmund ist leider allzuvertrauend in solchen Dingen und läßt sich nur zu leicht durch Ausflüchte hinhalten und täuschen, bis es zu spät ist. Ich bin für den Augenblick ja frei und kann in drei Tagen zurück sein. Es ist jedenfalls am besten, wenn ich selbst meinem Vetter die nöthigen Aufschlüsse gebe, damit er ohne Verzug handeln kann.“

Der Justizrath stimmte bei. Auch ihm erschien die ganze Angelegenheit und die Eile, mit der sie betrieben wurde, im höchsten Grade verdächtig, und es gefiel ihm, daß der junge Mann, der doch beinahe mit seinen Verwandten gebrochen hatte, so entschlossen und ohne eine Minute zu zögern, eintrat, als es galt, sie vor Schaden zu bewahren.

Oswald traf noch im Laufe des Abends die Vorbereitungen für die improvisirte Reise. Ettersberg lag nicht allzuweit entfernt; wenn er mit dem Morgenzuge abreiste, konnte er schon um die Mittagszeit dort sein. Er fand leicht irgend einen Vorwand, um den Aufenthalt auf einen oder zwei Tage zu beschränken, und die Vermählungsfeier, der er um jeden Preis ausweichen wollte, sollte ja erst um die Weihnachtszeit stattfinden.

In Ettersberg ahnte man natürlich nichts von dem bevorstehenden Besuche. Man hatte dort vollauf zu thun mit den Vorbereitungen für die Hochzeit und für den Einzug des jungen Paares in seine künftige Heimath. Die Einrichtungen im ersten Stockwerke des Schlosses, das der Graf mit seiner Gemahlin bewohnen sollte, waren noch immer nicht ganz vollendet; außerdem galt es noch, Schönfeld für die Gräfin Mutter in Bereitschaft zu setzen, die gleich nach der Hochzeit dorthin übersiedeln wollte.

Der Entschluß der Gräfin, Ettersberg bei der Vermählung ihres Sohnes zu verlassen, war sehr überraschend gekommen. Sie hatte wohl früher bisweilen davon gesprochen, aber es war ihr niemals Ernst damit gewesen, und sie fügte sich nur zu gern dem leidenschaftlichen Proteste Edmund’s, der nichts von der Trennung wissen wollte. Jetzt aber schienen Beide ihre Ansichten geändert zu haben. Die Gräfin erklärte auf einmal, sie werde in Zukunft das Gut bewohnen, das ihr Gemahl in seinem Testamente ihr ausdrücklich als Wittwensitz bestimmt hatte, und Edmund erhob nicht den mindesten Widerspruch dagegen. In Brunneck war man allerdings befremdet über diesen plötzlichen Entschluß, aber durchaus mit ihm einverstanden. Der Oberamtsrath hatte das Zusammenleben mit der Schwiegermutter stets für seine Tochter gefürchtet, und die unerwartete Wendung war ihm viel zu willkommen, als daß er darüber hätte nachgrübeln sollen, was sie veranlaßte.

Man war überhaupt in den letzten beiden Monaten gar nicht recht zur Besinnung gekommen. Die Uebernahme und Einrichtung von Dornau, das, als Hedwig’s Erbtheil, ja nun doch an Ettersberg fiel, die Vorbereitungen für die sehr glänzend projectirte Vermählungsfeier, die zahlreichen Einladungen und Besuche von allen Seiten brachten eine förmlich athemlose Unruhe hervor. In der Herbstzeit herrschte überhaupt ein regeres Gesellschaftsleben unter den Gutsherrschaften der Umgegend. Es fanden überall große Jagden statt, an die sich alle möglichen anderen Festlichkeiten anschlossen. Man hatte seit dem September in einem fast ununterbrochenen Wirbel von Zerstreuungen gelebt, und wenn man wirklich einmal zu Hause und ohne Gäste war, so gab es so viel zu besprechen und zu berathen, daß von einem ruhigen Zusammensein gar keine Rede war. Rüstow hatte mehr als einmal erklärt, daß er das auf die Dauer nicht aushalte und daß er wünsche, die Hochzeit sei vorüber, um nur endlich wieder Ruhe zu haben. Der Zeitpunkt war bereits festgesetzt worden; in drei Wochen sollte die Trauung in Brunneck stattfinden, und alsdann wollten sich die Neuvermählten nach ihrer künftigen Heimath begeben.

[497] In dem Salon des Ettersberg'schen Schlosses, wo man sich gewöhnlich versammelte, wenn die Familie allein war, saß die Gräfin mit einem Buche in der Hand und las, oder schien doch wenigstens zu lesen. Hedwig, die sich, wie das oft geschah, auf einige Tage zum Besuche bei ihrer Schwiegermutter befand, stand am Fenster und blickte in die schneebedeckte Landschaft hinaus. Der Winter war längst eingezogen, und auch heute herrschte draußen ein leichtes Schneetreiben, das den Aufenthalt im Freien mindestens nicht behaglich machte.

„Edmund kommt noch immer nicht zurück,“ unterbrach die junge Dame das Stillschweigen, welches schon seit einiger Zeit eingetreten war. „Welch ein Einfall, bei solchem Wetter auszureiten!“

„Du weißt ja, daß er das täglich thut,“ erwiderte die Gräfin, ohne von ihrem Buche aufzusehen.

„Aber doch erst seit einiger Zeit. Früher war er sehr empfindlich gegen die Witterung, und ein Regen trieb ihn sofort nach Hause. Jetzt scheint er am liebsten in Sturm und Unwetter umherzujagen und bleibt stundenlang draußen im Freien.“

Die Worte klangen in unverkennbarer Besorgniß. Die Gräfin gab keine Antwort darauf; sie schlug die Blätter ihres Buches um, aber wer sie genauer beobachtet hätte, würde gesehen haben, daß sie auch nicht eine einzige Zeile las. Hedwig wandte sich jetzt in das Zimmer zurück und trat zu ihrer Schwiegermutter.

„Findest Du nicht, Mama, daß Edmund seit den letzten Monaten seltsam verändert ist?“

„Verändert? Worin?“

„In Allem.“

Die Gräfin stützte den Kopf in die Hand und schwieg auch diesmal. Sie wollte offenbar einer Erörterung über diesen Punkt ausweichen, aber das junge Mädchen hielt ihn trotzdem fest.

„Ich habe schon längst mit Dir darüber sprechen wollen, Mama. Ich kann es Dir nicht mehr verhehlen, daß Edmund's Wesen mich jetzt oft beunruhigt, ja geradezu erschreckt. Er ist so ganz anders als früher, so ungleich und wechselvoll in jeder Beziehung, sogar in seiner Zärtlichkeit. Er betreibt die Vorbereitungen zu unserer Hochzeit mit einem beinahe fieberhaften Eifer, und bisweilen ist er wieder so gleichgültig dagegen, so gänzlich theilnahmlos, daß mir schon der Gedanke gekommen ist, er wünsche sie aufgeschoben zu sehen.“

„Sei ruhig, mein Kind!“ sagte die Gräfin mit einem Tone, der beruhigend sein sollte, durch den aber doch eine tiefe Bitterkeit hindurchklang. „Du hast seine Liebe nicht verloren, Dich umfaßt er nach wie vor mit der gleichen Zärtlichkeit. Ich dächte, das müßtest Du empfinden. Edmund ist etwas überreizt, das gebe ich zu. Er hat sich in der letzten Zeit zu stürmisch der Geselligkeit hingegeben, der wir uns freilich Alle nicht entziehen können. Man kam ja kaum zu Athem bei all diesen Jagden, Diners und Soiréen. Du hast Dir in dieser Beziehung auch etwas zu viel zugemuthet, und es sollte mich nicht wundern, wenn Du gleichfalls nervös würdest bei diesem aufregenden Leben.“

„Ich hätte gern die Hälfte der Einladungen abgelehnt,“ sagte Hedwig gepreßt, „aber Edmund bestand ja darauf, daß wir sie annähmen. Seit dem September jagen wir förmlich von einer Festlichkeit in die andere, von einem Besuch zum anderen, und wenn wir wirklich einmal ausruhen wollen, so kommt Edmund schon wieder mit einem neuen Vorschlag oder bringt uns neue Gäste. Es ist, als könnte er auch nicht eine Stunde mehr allein hier oder in Brunneck aushalten, als würde ihm die Einsamkeit zur ärgsten Qual.“

Die Lippen der Gräfin zuckten, und sie wandte wie zufällig das Antlitz zur Seite, als sie scheinbar gelassen erwiderte:

„Thorheit! Was machst Du Dir für Gedanken! Edmund hat die Geselligkeit stets geliebt, und auch Du kanntest früher kein höheres Vergnügen, als ein glänzendes, reichbewegtes Gesellschaftsleben. Von Dir erwartete ich am wenigsten eine Klage darüber. Warum hast Du denn Deinen Geschmack auf einmal geändert?“

„Weil ich mich um Edmund ängstige,“ gestand das junge Mädchen, „und weil ich sehe, daß auch er keine Freude an diesem Treiben findet, so leidenschaftlich er es auch aufsucht. In seiner Heiterkeit liegt jetzt etwas so Wildes, so Krampfhaftes, daß es mir oft bis in die Seele hinein wehe thut. – Mama, versuche doch nicht, Dir und mir das abzuleugnen! Es ist ja unmöglich, daß Du diese Veränderungen nicht bemerkt hast. Ich fürchte, Du ängstigst Dich im Geheimen darüber nicht weniger, als ich.“

„Was hilft meine Angst?“ sagte die Gräfin in einem beinahe herben Tone. „Edmund fragt ja nichts darnach.“

Aber rasch einlenkend, als habe sie bereits zuviel gesagt, setzte sie mit erzwungener Kälte hinzu:

„Du wirst es wohl lernen müssen, mein Kind, allein mit dem Wesen und mit den Launen Deines künftigen Gatten fertig zu werden. Er ist nicht so leicht zu behandeln, wie Du Dir im Anfange Deiner Brautzeit vorgestellt haben magst. Doch er liebt Dich ja, also wird es Dir nicht schwer werden, den richtigen [498] Weg zu finden. Ich habe mir vorgenommen, niemals zwischen Euch zu treten; Du siehst ja, daß ich sogar den Gedanken an ein Zusammenleben mit Euch aufgegeben habe.“

Die Abweisung war deutlich genug. Hedwig fühlte sich bis in's Innerste erkältet, wie so oft schon, wenn sie es versucht hatte, der Schwiegermutter mit Herzlichkeit zu nahen. Sie wußte freilich seit jener Unterredung mit Oswald, welchen gefährlichen Gegner sie an der mütterlichen Eifersucht hatte, aber sie merkte doch, daß diese herbe Zurückweisung nicht blos in der Eifersucht wurzelte. Es lag irgend etwas zwischen Edmund und seiner Mutter – Hedwig hatte das längst bemerkt, so sehr die Beiden sich Mühe gaben, äußerlich das alte Verhältniß festzuhalten. Die Gräfin hatte in der ersten Zeit der Verlobung ihren Sohn noch so ganz für sich in Anspruch genommen, war so wenig geneigt gewesen, der Braut den ersten Platz einzuräumen – woher nun auf einmal dies Verzichten auf jeden Einfluß, das so gar nicht in ihrem Charakter lag?

Im Eifer der Unterredung hatten die beiden Damen den Galopp eines ansprengenden Pferdes überhört. Sie wandten sich erst um, als die Thür sich öffnete und der junge Graf erschien. Er hatte Hut und Ueberrock bereits abgelegt, aber in seinen dunklen Haaren hingen noch einzelne Schneeflocken, und sein erhitztes Gesicht verrieth, wie wild der Ritt gewesen war, den er soeben beendigt hatte. Er trat rasch ein und drückte hastig, beinahe stürmisch seine Lippen auf die Stirn seiner Braut, die ihm entgegengetreten war und jetzt vorwurfsvollen Tones sagte:

„Du bist zwei Stunden lang draußen gewesen, Edmund. Wäre das Schneetreiben schon früher eingetreten, so hätte ich Dich nicht fortgelassen.“

„Willst Du mich verweichlichen? Ich liebe nun einmal gerade dieses Wetter.“

„Seit wann? Sonst liebtest Du nur den Sonnenschein.“

Auf Edmund's Antlitz legte sich eine Wolke bei dieser Bemerkung, und er entgegnete kurz:

„Ja, sonst! Das ist eben anders geworden.“

Damit trat er zu der Gräfin und küßte ihr die Hand. Die Umarmung, mit der er in früherer Zeit die Mutter stets bei der Rückkehr begrüßte, unterblieb jetzt, und er vermied auch wie zufällig den Fauteuil zwischen den Plätzen der beiden Damen und warf sich in einen Sessel, der an der anderen Seite seiner Braut stand. Es lag eine nervöse Hast und Unruhe in all seinen Bewegungen, die ihm niemals eigen gewesen war, und dieselbe unruhige Hast verrieth sich auch in seiner Stimme und in der Art, wie er im Gespräche von einem Gegenstande zum anderen sprang, ohne einen einzigen festzuhalten.

„Hedwig hat sich bereits wegen Deines langen Ausbleibens geängstigt,“ warf die Gräfin hin.

„Geängstigt?“ wiederholte Edmund. „Was fällt Dir ein, Hedwig? Fürchtest Du etwa, daß ein harmloses Schneegestöber mich verschütten könne?“

„Nein, ich fürchte nur Dein wildes Reiten in solchem Wetter. Du bist seit einiger Zeit grenzenlos unvorsichtig darin.“

„Warum nicht gar! Du bist ja selbst eine leidenschaftliche Reiterin und zeigst niemals Aengstlichkeit bei unseren Spazierritten.“

„Wenn Du mich begleitest, bist Du auch vorsichtiger, aber allein giebst Du Dich immer wieder diesem tollkühnen Jagen hin, das doch wirklich gefährlich ist.“

„Pah, gefährlich! Mich trifft keine Gefahr, darauf kannst Du Dich verlassen.“

Die Worte hatten nichts von jenem heiteren, sorglosen Uebermuth, mit dem der junge Graf sich sonst auf sein Glück zu berufen pflegte, sie klangen im Gegentheil wie eine bittere Herausforderung des Schicksals, ja beinahe wie eine versteckte Anklage. Die Gräfin hob langsam das Auge, und ein düsterer, schwerer Blick fiel auf den Sohn, aber dieser schien das nicht zu bemerken, sondern fuhr in leichtem Tone fort:

„Hoffentlich haben wir morgen besseres Wetter zu unserer Jagd. Ich erwarte einige Herren, die wahrscheinlich schon heute Nachmittag eintreffen werden.“

„Du hast ja erst vorgestern die ganze Umgegend zur Jagd in Ettersberg versammelt,“ wandte Hedwig ein. „Und übermorgen steht uns das Gleiche in Brunneck bevor.“

„Ist Dir die Einladung nicht recht?“ scherzte Edmund. „Ja freilich, ich hätte erst die allergnädigste Erlaubniß der Damen einholen sollen und bin untröstlich, das versäumt zu haben.“

„Hedwig hat Recht,“ nahm die Gräfin das Wort. „Du muthest Dir und uns jetzt wirklich allzu viel zu. Seit Wochen haben wir keinen einzigen Tag gehabt ohne Gäste oder Ausfahrten. Ich will froh sein, wenn ich erst in meinem ruhigen Schönfeld bin und es Euch allein überlassen kann, dies aufreibende Gesellschaftsleben weiter zu führen.“

Noch vor wenigen Monaten würde eine solche Hindeutung auf die bevorstehende Trennung die leidenschaftlichsten Proteste und Bitten von Seiten Edmund's hervorgerufen haben, der ja stets behauptete, nicht ohne seine Mutter leben zu können – heute schwieg er. Er hatte nicht ein einziges Wort des Widerspruches, nicht einmal einen Vorwurf dafür, daß die Mutter sich sehnte, Ettersberg zu verlassen.

„Mein Gott, Ihr seht ja die Herren nur bei Tische!“ rief er, die letzte Bemerkung vollständig ignorirend. „Sie sind den ganzen Tag draußen im Walde.“

„Und Du mit ihnen,“ ergänzte Hedwig. „Wir hofften Dich morgen wenigstens für uns allein zu haben.“

Edmund lachte laut auf. „Wie schmeichelhaft für mich! Aber Du hast wirklich Deine ganze Natur geändert, Hedwig. Ich habe diese romantische Neigung zur Einsamkeit früher niemals an Dir bemerkt. Bist Du menschenfeindlich geworden?“

„Nein, ich bin nur müde,“ sagte das junge Mädchen leise, aber in einem Tone, der wirklich die tiefste Ermüdung verrieth.

„Wie kann man mit achtzehn Jahren müde sein, wenn es sich um ein Vergnügen handelt!“ spottete Edmund, und nun begann er, wie sonst, seine Braut mit Neckereien und Zärtlichkeiten zu überströmen. Es war ein förmliches Raketenfeuer von Scherzen, das da aufflammte, aber es war doch nicht die alte Weise, nicht jenes heitere, muthwillige Getändel, in dem der junge Graf so hinreißend liebenswürdig sein konnte. Hedwig hatte Recht, es lag jetzt etwas Wildes, Krampfhaftes in seiner Heiterkeit, die viel zu laut und stürmisch war, um natürlich zu erscheinen. Sein Scherz gestaltete sich zum Spott, sein Uebermuth zum Hohne. Dabei klang sein Lachen so grell und laut, und die Augen glänzten so fieberhaft, daß es beinahe wehe that, ihn zu sehen und zu hören.

Der alte Eberhard trat jetzt ein und meldete, daß der Bote, den man nach Brunneck senden wollte, draußen warte; das gnädige Fräulein habe noch eine Bestellung an den Herrn Oberamtsrath mitgeben wollen. Hedwig erhob sich und verließ den Salon. Fast gleichzeitig stand auch Edmund auf und machte Miene, ihr zu folgen, als ihn die Gräfin zurückrief.

„Willst Du auch den Boten sprechen?“

„Jawohl, Mama. Ich will in Brunneck sagen lassen, daß wir übermorgen zur Jagd bestimmt dort eintreffen.“

„Das war ja ohnehin ausgemacht, und überdies steht es in dem Billet Hedwig's an ihren Vater. Es ist nicht nöthig, daß Du es noch einmal wiederholst.“

„Wie Du befiehlst, Mama!“ Der junge Graf, der bereits an der Schwelle stand, schloß zögernd die Thür und schien unentschlossen, ob er wieder auf seinen Platz zurückkehren solle oder nicht.

„Ich befehle nichts,“ sagte die Gräfin. „Ich meine nur, daß Hedwig in fünf Minuten zurückkommen wird, und daß Du deshalb nicht so ängstlich nach einem Vorwande zu suchen brauchst, um das Alleinsein mit mir zu vermeiden.“

„Ich?“ fuhr Edmund auf. „Ich habe ja niemals –“ er verstummte mitten in der Rede, denn er begegnete wieder jenem düsteren, vorwurfsvollen Blicke, dem sich diesmal nicht ausweichen ließ.

„Du hast das niemals ausgesprochen,“ vollendete die Gräfin. „Nein, mein Sohn, aber ich sehe und fühle es doch, wie Du meine Nähe fliehst. Ich würde Dich auch jetzt nicht bei mir zurückhalten, wenn ich nicht eine Bitte an Dich richten müßte. Laß dieses wilde Jagen nach Zerstreuung, dieses stundenlange Umherstürmen im Freien! Du reibst Dich auf. Von meiner Angst spreche ich nicht, Du hörst ja längst nicht mehr darauf, aber auch Deine Braut täuschest Du nicht länger mit dieser erzwungenen Heiterkeit. Ich habe es vorhin während Deiner Abwesenheit hören müssen, wie sie sich um Deinetwillen ängstigt.“

Sie sprach in gedämpftem Tone. Ihre Stimme war matt und klanglos, und dennoch zitterte ein schmerzliches Weh hindurch. [499] Edmund war langsam näher gekommen und stand jetzt am Tische, der Mutter gegenüber, aber er hob den Blick nicht vom Boden als er erwiderte:

„Mir ist ja nichts! Ihr sorgt Euch ganz unnöthiger Weise um mich.“

Die Gräfin schwieg, aber dasselbe schmerzvolle Zucken der Lippen, mit dem sie vorhin Hedwig's Besorgnisse aufgenommen hatte, zeigte auch jetzt, wie viel ihr diese Versicherung galt.

„Unser Leben ist ja jetzt überhaupt so voll Unruhe und Aufregung,“ fuhr Edmund fort. „Es wird schon besser werden, wenn Hedwig nur erst dauernd in Ettersberg ist.“

„Und wenn ich in Schönfeld bin!“ ergänzte die Gräfin mit tiefster Bitterkeit. „Nun, das wird in wenigen Wochen geschehen.“

„Mama, Du bist ungerecht. Habe ich Dein Fortgehen verschuldet? Die Trennung war doch Dein ausdrücklicher Wunsch.“

„Weil ich sah, daß sie uns Beiden nothwendig ist, denn so können wir nicht neben einander hinleben, wie in diesen letzten zwei Monaten. Du bist furchtbar überreizt, Edmund, und ich weiß nicht, wie das enden soll, wenn Deine Vermählung nicht Deine Stimmung ändert. Vielleicht gelingt es Hedwig, Dich wieder ruhig und glücklich zu machen. Deine Liebe zu ihr ist jetzt noch meine einzige Hoffnung, denn ich – habe keine Macht mehr über Dich.“

Es mußte weit gekommen sein, wenn die stolze Frau, die stets so triumphirend und siegesgewiß die Liebe ihres Sohnes behauptet hatte, sich ein solches Geständniß entreißen ließ. Es lag keine Bitterkeit und kein Vorwurf mehr in den letzten Worten aber ihr Ton war so erschütternd, daß Edmund in aufwallender Reue herantrat und die Hand der Mutter ergriff.

„Verzeihe, Mama! Ich wollte Dich nicht kränken, gewiß, ich wollte das nicht. Du mußt Nachsicht mit mir haben.“

In seiner Stimme lag ein Anflug der alten Zärtlichkeit, und mehr bedurfte es nicht, um die Gräfin Alles vergessen zu lassen. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie den Sohn an ihre Brust ziehen, aber es kam nicht dazu. Edmund wich, wie einer unwillkürlichen Regung folgend, zurück, dann besann er sich plötzlich, und sich über die Hand der Mutter beugend, drückte er stumm seine Lippen darauf.

Die Gräfin war bleich geworden; und doch kannte sie längst dieses scheue Ausweichen, dieses Grauen vor ihrer Umarmung, das gewaltsam bezwungen wurde, um sie nicht zu beleidigen. Das war ja schon seit Monaten so gewesen, aber die Mutter konnte und wollte es noch immer nicht begreifen, daß sie die Liebe ihres Sohnes verloren hatte.

„Denke an meine Bitte!“ sagte sie, sich zusammenraffend. „Schone Dich, um Hedwig's willen! Du bist es ihr und Dir schuldig.“

Sie ging und zögerte doch noch einen Moment lang an der Schwelle. Vielleicht hoffte sie, zurückgehalten zu werden, aber vergebens. Edmund stand unbeweglich an seinem Platze und sah nicht auf, bis sie das Zimmer verlassen hatte.

Erst als er allein war, richtete sich der junge Graf empor. Sein Blick haftete einige Minuten lang unverwandt auf der Thür, hinter der seine Mutter verschwunden war, dann trat er an das Fenster und drückte die heiße Stirn gegen die Scheiben.

Jetzt, wo er sich unbeobachtet wußte, sank die Maske der Heiterkeit, mit der er seine Umgebung zu täuschen suchte, und an ihre Stelle trat ein Ausdruck so düsterer, so hoffnungsloser Verzweiflung, daß die Besorgnisse der Gräfin nur zu sehr gerechtfertigt erschienen. Es mußten finstere, unheimliche Gedanken sein, die in dem Inneren des jungen Mannes bohrten und wühlten, als er so starr in den immer dichter fallenden Schnee blickte. Sie beschäftigten ihn so völlig, daß er es nicht vernahm, wie seine Braut wieder eintrat. Erst als die Schleppe ihres Kleides dicht hinter ihm rauschte, fuhr er auf und wandte sich um.

„Ah, Du bist es! Hast Du dem Papa die Nachricht von unserem Kommen gesandt?“

Hedwig konnte beim Eintreten wohl kaum das Gesicht ihres Verlobten gesehen haben. Dennoch mußte sie etwas von jener Stimmung gewahr geworden sein, der er sich einen Augenblick überlassen; denn anstatt auf seine Frage zu antworten, legte sie ihre Hand auf die seinige und fragte leise:

„Was hast Du, Edmund?“

„Ich? Nichts! Ich ärgerte mich nur soeben über das Wetter, das auch für morgen nichts Gutes verspricht. Ich weiß, was dies Schneetreiben auf sich hat, wenn es sich erst einmal in unseren Bergen festsetzt. Möglicherweise können wir morgen vor Schnee und Nebel gar nicht in den Wald hinaus.“

„So gieb die Jagd auf! Du hast ja doch keine Freude an ihr.“

Edmund runzelte die Stirn. „Warum nicht?“ fragte er in gereiztem Tone.

„Die Frage möchte ich an Dich richten. Warum hast Du keine Freude mehr an Allem, was Dir sonst lieb war? Soll ich denn nie erfahren, was Dich quält und drückt? Ich habe doch wohl das erste Recht dazu.“

„Das ist ja eine förmliche Inquisition,“ rief Edmund lachend. „Wie kannst Du eine augenblickliche Laune und Verstimmung so ernst nehmen! Aber Du schlägst jetzt bei jeder Gelegenheit diesen elegischen Ton an. Wenn ich darauf eingehen wollte, würden wir ein recht sentimentales Brautpaar abgeben, und Sentimentalität ist immer gleichbedeutend mit Lächerlichkeit.“

Hedwig wandte sich tiefverletzt ab. Es war nicht das erste Mal, daß Edmund sie mit diesem herben Spott zurückscheuchte, wenn sie es versuchte, in die räthselhafte Veränderung seines Wesens einzudringen. Es schien, als müsse er dies Räthsel auf Leben und Tod vor aller Welt und auch vor ihr vertheidigen.

Was war überhaupt aus dem frohen, glückstrahlenden Brautpaar geworden, das es als selbstverständlich hinnahm, wenn Glück und Leben es mit all ihren Gaben überschütteten, das mit so sorglosem Uebermuthe der sonnigen Zukunft entgegeneilte, und in dessen spielendes Getändel sich kaum jemals ein Hauch von Ernst mischte! Sie hatten Beide nur zu bald den Ernst des Lebens kennen gelernt, und wenn er dem jungen Mädchen genaht war wie ein kalter dunkler Schatten, vor dem alles Sonnenlicht verschwand, so war in dem Inneren Edmund's dafür eine Flamme aufgeschlagen, welche ruhelos und verzehrend fortbrannte und sich oft gegen jene richtete, die ihm die Nächsten und Liebsten waren.

Hedwig hatte sich zum Gehen gewandt, aber sie hatte kaum einige Schritte gethan, als sie sich von Edmund's Armen umfaßt und zurückgehalten fühlte.

„Habe ich Dir wehe gethan?“ fragte er. „Schilt mich, Hedwig! mach' mir Vorwürfe – aber gehe nicht so von mir! Das ertrage ich nicht.“

Die Abbitte war so stürmisch und innig, daß das verletzte Gefühl der Braut davor nicht Stand hielt. Sie lehnte leise den Kopf an seine Schulter, als sie entgegnete:

„Ich fürchte, Du thust Dir selbst wehe mit diesem Spotte. Du weißt nicht, wie herb und bitter er oft klingt.“

„Ich bin wohl recht unleidlich gewesen in der letzten Zeit?“ sagte Edmund mit einem Versuche, zu scherzen. „Nach der Hochzeit werde ich um so liebenswürdiger sein. Dann werfen wir den ganzen Gesellschaftstrubel hinter uns und bleiben allein in unserem Schlosse. Nur jetzt – jetzt kann ich dieses Alleinsein nicht aushalten. Aber ich sehne mich unendlich nach dem Tage unserer Vereinigung.“

„Thust Du das wirklich?“ fragte Hedwig, den Blick fest auf sein Gesicht heftend. „Bisweilen ist es mir vorgekommen, als fürchtetest Du diesen Tag.“

Die flammende Röthe, welche in dem Antlitze des jungen Grafen aufschlug, schien diesen Worten Recht zu geben, und doch widersprach ihnen die leidenschaftliche Zärtlichkeit, mit der er seine Braut an sich preßte.

„Fürchten? Nein, Hedwig, wir lieben uns ja, und – nicht wahr, Deine Liebe gilt mir allein? Nicht dem Majoratsherrn, dem Grafen Ettersberg? Du hattest ja unter so Vielen zu wählen, die Dir Aehnliches bieten konnten, und Du hast mich gewählt – nicht so?“

„Um des Himmels willen, wie kommst Du auf solche Gedanken?“ rief Hedwig, halb erschreckt und halb beleidigt. „Wie kannst Du glauben, daß ich an dergleichen auch nur gedacht habe?“

„Ich thue es ja auch nicht,“ sagte Edmund mit einem tiefen Athemzuge. „Und darum halte ich fest, was mir allein gehört, und behaupte es, Allem zum Trotze. An Deine Liebe kann ich wenigstens noch glauben, sie ist doch wenigstens keine Lüge. Wenn auch das mich täuschte, wenn ich auch an Dir verzweifeln müßte, dann – machte ich je eher, je lieber ein Ende.“

„Edmund, Du ängstigst mich namenlos mit diesem wilden [500] Wesen!“ rief Hedwig, vor seiner Heftigkeit zurückschreckend. „Du bist krank, Du mußt es sein, sonst könntest Du nicht so sprechen.“

Der angstvolle Ruf brachte Edmund zur Besinnung. Er versuchte, sich zu fassen, und es gelang ihm sogar, ein Lächeln zu erzwingen, als er antwortete:

„Nun muß ich das auch von Dir hören! Die Mama hat es mir vorhin erst vorgehalten, wie nervös und überreizt ich bin. Weiter ist es auch in der That nichts; es wird vorübergehen – es geht ja Alles vorüber im Leben. Aengstige Dich nicht, Hedwig! – Und nun muß ich nachsehen, ob Eberhard Anstalten zur Aufnahme der Gäste getroffen hat. Ich vergaß, ihm specielle Befehle zu geben. Entschuldige mich nur für zehn Minuten! Ich bin sogleich wieder bei Dir.“

Er ließ seine Braut aus den Armen und ging wirklich. Es war wieder dieses jähe Abbrechen, diese förmliche Flucht vor jedem Aussprechen, jeder Erklärung. Es war nicht möglich, die Lösung des Räthsels zu finden; die Gräfin wie Edmund waren gleich unzugänglich in dieser Beziehung.

Hedwig kehrte zu ihrem früheren Platze zurück und stützte, in trübes Nachsinnen versunken, den Kopf in die Hand. Edmund verbarg ihr etwas, und doch hatte sie an seiner Liebe nichts verloren, das sagte ihr eigenes Gefühl ihr besser, als die Gräfin es vermochte. Er schien sie im Gegentheil weit leidenschaftlicher zu lieben, als früher, wo die Mutter noch so vollständig bei ihm im Vordergrunde stand, aber die junge Braut bebte oft unwillkürlich zurück vor der düsteren Gluth, die ihr entgegenschlug, wo sie sonst nur tändelnde Zärtlichkeit gefunden. Wie seltsam, wie beängstigend war Edmund’s Benehmen vorhin wieder gewesen! Weshalb forderte er so stürmisch die Gewißheit, daß ihre Liebe ihm allein gelte? Und womit wollte er „ein Ende machen“, wenn diese Gewißheit ihn täuschte? Eins war so räthselhaft wie das Andere.

Hedwig fühlte freilich, daß sie sich an die Brust ihres Verlobten hätte werfen und seine Offenheit erzwingen müssen. Wie hartnäckig er sich auch vor ihr verschließen mochte, er würde jetzt sicher nachgegeben haben, wenn sie mit der vollen Innigkeit der Liebe gebeten hätte – aber das eben konnte sie nicht. Es war etwas wie ein geheimes Schuldbewußtsein, das sie zurückhielt, ihre volle Macht zu gebrauchen, und sie hatte doch so tapfer gekämpft gegen die Träume, die ihr immer wieder die Gestalt eines Anderen zeigten, der jetzt so fern war und den sie vielleicht niemals wiedersah!

[513] Oswald von Ettersberg schien seit seiner Abreise fast verschollen zu sein. Die Gräfin sprach nie von ihrem Neffen und hatte die Erkundigungen Rüstow's kurz und kalt dahin beantwortet, daß Oswald sich in der Residenz ganz wohl befinde, daß er aber nur äußerst wenig mit seinen Verwandten correspondire. Sie wünschte offenbar, diesen Gegenstand zu vermeiden, und er war in Folge dessen auch nicht weiter berührt worden. Daß aber auch Edmund niemals den Namen seines Vetters nannte, von dem er doch sonst unzertrennlich gewesen war, daß auch ihm die Erwähnung desselben peinlich zu sein schien, das gehörte gleichfalls zu seinen jetzigen Unbegreiflichkeiten. Wahrscheinlich hatte es kurz vor der Abreise Oswald's noch eine neue Differenz gegeben, und der Bruch war ein vollständiger geworden.

Müde vom Sinnen und Träumen hatte sich Hedwig in den Sessel zurückgelehnt. Sie vernahm wohl, daß die Thür des Nebenzimmers geöffnet wurde, daß ein Schritt näher kam, aber in der Voraussetzung, daß Edmund zurückkehre, änderte sie ihre Stellung nicht, und erst als der Kommende eintrat, wandte sie matt und langsam den Kopf nach jener Richtung.

Da war es auf einmal, als ob ein elektrischer Schlag die Gestalt des jungen Mädchens durchzucke. Bebend, von glühender Röthe übergossen, sprang sie auf, das Auge auf die Thür gerichtet. War es Schrecken oder Freude, was mit so betäubender Gewalt auf sie einstürmte – sie wußte es nicht, gab sich auch keine Rechenschaft davon, aber der Name, der sich unbewußt ihren Lippen entrang, und der Ton, mit dem er ausgesprochen wurde, verrieth Alles:

„Oswald!“

Es war wirklich Oswald, der dort auf der Schwelle stand. Er mußte wohl auf die Möglichkeit eines Wiedersehens gefaßt sein, als er nach Ettersberg kam; dennoch war auch ihm dieses Zusammentreffen ein unerwartetes; das zeigte die Gluth, die auch seine Stirn färbte, als er die Braut seines Vetters erblickte. Im ersten Moment stand er noch zögernd, unentschlossen da, aber als er seinen Namen von ihren Lippen hörte, da war es vorbei mit dem Zögern. In der nächsten Minute war er an ihrer Seite.

„Hedwig! Habe ich Sie erschreckt?“

Die Frage schien nur zu sehr gerechtfertigt; denn Hedwig war noch völlig fassungslos.

„Herr von Ettersberg – Sie kommen so plötzlich – so unerwartet – –“

„Ich konnte meine Ankunft nicht erst anzeigen. Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit, um derenwillen ich Edmund persönlich sprechen muß.“

Er sprach die Worte fast ohne zu wissen, was er sagte; denn sein Blick hing unverwandt an den Zügen des jungen Mädchens. Der eine Moment des Wiedersehens vernichtete Alles, was eine Trennung von zwei Monaten so mühsam geschaffen hatte.

Hedwig machte eine Bewegung, um sich zu entfernen.

„Ich – ich werde Edmund benachrichtigen.“

„Meine Ankunft wird ihm bereits gemeldet. Fliehen Sie doch nicht so vor mir, Hedwig! Gönnen Sie mir nicht eine Minute?“

Hedwig blieb stehen. Der schmerzliche Vorwurf bannte sie an ihren Platz, aber sie wagte es nicht, darauf zu antworten.

„Ich kam nicht freiwillig und nicht in meinem Interesse,“ fuhr Oswald fort. „Ich reise schon morgen wieder ab und konnte nicht ahnen, daß Sie gerade in diesen Tagen in Ettersberg sein würden, sonst – hätte ich uns Beiden dieses Wiedersehen erspart.“

Uns Beiden! Mitten durch die Bitterkeit seiner Worte brach es doch wie ein heller Strahl des Glückes. Jener unbewachte Ausruf hatte ihm ja endlich die Gewißheit dessen gegeben, was er bisher nur geahnt, und wenn er auch keine einzige Hoffnung daran knüpfen konnte und durfte, er hätte diese Gewißheit doch um keinen Preis hingegeben. Beim Abschiede hatte der junge Mann noch so energisch seine Selbstbeherrschung behauptet, dieses unerwartete Wiedersehen aber drohte das Siegel von seinen Lippen zu nehmen. Die lang verborgene Gluth wollte zur hellen Flamme aufschlagen – das las Hedwig in seinen Augen, und jetzt war sie es, die ihre volle Fassung zurückgewann und behauptete.

„So lassen Sie uns wenigstens das Wiedersehen abkürzen,“ sagte sie leise, aber mit festem Tone und wandte sich ab. Doch Oswald that ihr einen Schritt nach.

„Und so wollen Sie von mir gehen? Darf ich Ihnen denn nicht einmal ein einziges Wort sagen?“

„Ich fürchte, wir haben uns schon zu viel gesagt. Lassen Sie mich gehen, Herr von Ettersberg – ich bitte Sie darum.“

Oswald gehorchte. Er trat zurück, um sie vorüber zu lassen. Sie hatte ja Recht – und es war gut, daß sie wenigstens die Besinnung behielt, wo ihn die seinige zu verlassen drohte. Er blickte ihr schweigend, mit unendlich düsterem Ausdrucke nach, aber er machte keinen Versuch mehr, sie zurückzuhalten.

Kaum war Hedwig in den Zimmern der Gräfin verschwunden, als Edmund von der anderen Seite her eintrat. Die Ankunft seines Vetters war ihm jedenfalls gemeldet worden, aber sein [514] Gesicht verrieth nichts von freudiger Ueberraschung. Der junge Graf erschien im Gegentheile sehr erregt, beinahe verstört. Als Oswald ihm entgegen eilte und ihm mit der alten Herzlichkeit die Hand reichen wollte, wich er zurück, und auch seine Bewillkommnung klang eigenthümlich fremd und gezwungen.

„Welche Ueberraschung, Oswald! Ich ahnte nicht, daß Du uns hier in Ettersberg einen Besuch zugedacht habest.“

„Bin ich Dir unwillkommen?“ fragte Oswald befremdet und erkältet von dem ganz ungewohnten Empfange, indem er die ausgestreckte Hand sinken ließ.

„Durchaus nicht!“ rief Edmund hastig. „Ganz im Gegentheil! Ich meinte nur, Du hättest mir zuvor irgend eine Nachricht senden können.“

„Die Nachricht durfte ich wohl von Dir erwarten,“ sagte Oswald vorwurfsvoll. „Du hast meinen ersten Brief nur mit einigen Zeilen, den zweiten gar nicht beantwortet. Ich konnte mir dieses Schweigen ebenso wenig erklären, wie jetzt Deinen Empfang. Bist Du krank gewesen oder ist etwas vorgefallen?“

Der junge Graf lachte; es war wieder jenes laute, höhnische Lachen, das jetzt so oft von seinen Lippen kam:

„Was fällt Dir ein! Du siehst es ja – ich bin ganz gesund. Ich hatte nur keine Zeit zum Schreiben.“

„Nicht?“ sagte Oswald verletzt. „Nun, da habe ich doch mehr Zeit für Dich übrig, trotz meiner dringenden Berufsarbeiten. Ich komme einzig und allein Deinetwillen, um Dich vor einem Verluste zu bewahren, und nicht als Besuch. Hast Du die Vollmachten Deines Administrators zurückgezogen?“

„Was für Vollmachten?“ fragte Edmund zerstreut und unruhig. Er vermied es consequent, dem Blicke seines Vetters zu begegnen.

„Die früheren, welche Baron Heideck noch als Vormund in Deinem Namen ertheilte, die den Administrator ermächtigten, Ettersberg ganz selbstständig zu verwalten. Hat er sie wirklich noch in Händen?“

„Ja, vermuthlich; denn ich habe sie nicht zurückgefordert.“

Oswald's Stirn faltete sich unwillig. „Wie konntest Du so unvorsichtig sein und einem Manne, den Du als unzuverlässig kennst, ein solches Vertrauen schenken! Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er es in der schmählichsten Weise mißbraucht. Oder weißt Du etwas davon, daß der dritte Theil Deiner Forsten niedergeschlagen und verkauft werden soll?“

„So? Soll das geschehen?“ fragte Edmund, wie abwesend. Die Nachricht schien keinen Eindruck auf ihn zu machen.

„Aber so besinne Dich doch!“ drängte Oswald. „Wenn Du nichts davon weißt, wenn es ohne Deine Zustimmung geschieht, so liegt der Betrug ja klar vor Augen. Die Kaufsumme, ein wahrer Spottpreis, soll baar ausgezahlt werden, und der Administrator hofft jedenfalls, sich damit unsichtbar zu machen, ehe die Sache entdeckt wird. Ich erfuhr durch einen Zufall davon – der Käufer legte dem Justizrath Braun den Vertrag zur Einsicht vor – und bin sofort hierhergeeilt, um Dich und Ettersberg vor einem ganz unberechenbaren Schaden zu bewahren.“

Edmund fuhr mit der Hand über die Stirn, als müsse er sich gewaltsam zwingen, seine Gedanken auf den Gegenstand des Gespräches zu richten.

„Das ist sehr freundlich von Dir. Deshalb bist Du gekommen? Nun, wir können das ja zu einer anderen Zeit besprechen.“

Oswald's Befremden wuchs bei dieser völligen Theilnahmlosigkeit, und mehr noch als diese machte ihn der eigenthümlich starre Ausdruck in den Zügen des jungen Grafen besorgt, der mit seinen Gedanken augenscheinlich ganz anderswo war.

„Edmund, hast Du denn gar nicht gehört, was ich Dir sagte? Die Angelegenheit ist von der äußersten Wichtigkeit und duldet nicht den geringsten Aufschub. Du mußt augenblicklich jene Vollmachten für erloschen erklären und Dich des Betrügers versichern, oder Du bist gezwungen, einen Vertrag anzuerkennen, der Deine Forsten geradezu verwüstet und das ganze Majorat in einer Weise schädigt, die vielleicht nie wieder gut zu machen ist.“

„Das Majorat?“ wiederholte Edmund, der von der ganzen Auseinandersetzung nur dieses eine Wort aufgefangen zu haben schien. „Ja freilich, das darf nicht geschädigt werden. Uebernimm Du die Sache, Oswald! Du hast sie ja doch einmal in die Hand genommen.“

„Ich? Wie kann ich Bestimmungen auf Deinen Gütern treffen, wenn Du selbst anwesend bist? Ich kam nur, um Dich zu warnen und Dir den Betrug aufzudecken. Das Handeln ist Deine Sache. Du bist ja der Herr von Ettersberg.“

In dem Antlitze des jungen Grafen zuckte es, wie eine innere, mühsam unterdrückte Qual, und sein Auge suchte wieder scheu den Boden vor dem erstaunt fragenden Blicke seines Vetters. Er preßte die Lippen zusammen und schwieg.

„Nun?“ fragte Oswald nach einer Pause. „Wirst Du den Administrator rufen lassen?“

„Wenn Du meinst.“

„Gewiß meine ich das. Es muß unverzüglich geschehen.“

Edmund trat an den Tisch und wollte die Klingel ergreifen, als Oswald, der ihm gefolgt war, plötzlich die Hand auf seine Schulter legte und in ernstem, eindringlichem Tone fragte:

„Edmund, was hast Du gegen mich?“

„Gegen Dich? Nicht das Geringste! Du mußt es schon entschuldigen, wenn ich jetzt etwas zerstreut bin. Ich habe alle möglichen Dinge im Kopfe; Unannehmlichkeiten mit der Verwaltung, mit den Beamten. Du siehst es ja an diesem Zwischenfall mit dem Administrator, was für Erfahrungen man macht.“

„Das ist es nicht,“ sagte Oswald mit voller Bestimmtheit. „Deine Verstimmung gilt mir allein. Mit welcher Herzlichkeit hast Du mich bei der Trennung entlassen, und wie empfängst Du mich jetzt dagegen! Was ist zwischen uns getreten?“

Er hatte bei der letzten Frage den jungen Grafen umfaßt und wollte ihm prüfend in's Auge sehen, aber Edmund machte sich mit Ungestüm los.

„So quäle mich doch nicht fortwährend mit solchen Vermuthungen und Voraussetzungen!“ brach er heftig aus. „Muß ich Dir denn von jedem Worte, von jedem Blicke Rechenschaft ablegen?“

Oswald war zurückgetreten und blickte seinen Vetter mehr erstaunt als beleidigt an. Dieser Ausbruch, zu dem so gar keine Veranlassung vorlag, war ihm ganz unerklärlich. In diesem Augenblicke vernahm man das Geräusch anfahrender Wagen und das laute Gebell von Hunden. Edmund athmete auf, als sei er von einer unerträglichen Pein erlöst.

„Ah, unsere Gäste! Verzeih, Oswald, daß ich Dich allein lasse! Ich erwarte einige Herren zu der Jagd, die morgen stattfindet. Du bist doch auch von der Partie?“

„Nein,“ sagte Oswald kalt. „Ich kam nicht des Vergnügens wegen und muß schon morgen Nachmittag abreisen.“

„So bald schon? Das thut mir leid, aber Du mußt ja wissen, über wie viel Zeit Du verfügen kannst. Ich werde Befehl geben, Deine Zimmer in Stand zu setzen.“

Er stand bereits an der Schwelle:

„Und noch Eines, Oswald! Stelle Du den Administrator zur Rede! Ich habe kein Geschick, keine Geduld. – – Ich bin mit Allem einverstanden, was Du anordnest. Auf Wiedersehen!“

Die letzten Worte verriethen wieder jene athemlose Hast, die in jähem Wechsel die frühere Theilnahmlosigkeit ablöste. Dann eilte er fort, als brenne ihm der Boden unter den Füßen. Oswald stand allein da und wußte nicht, ob er erzürnt oder besorgt sein sollte über einen derartigen Empfang.

Was war das? Es gab nur eine einzige Erklärung dafür. Edmund war in den Salon getreten, fast unmittelbar nachdem Hedwig ihn verlassen hatte. Vielleicht war er schon früher gekommen und hatte im Nebenzimmer das kurze und doch so inhaltreiche Gespräch theilweise angehört. Wenn auch kein Wort dabei gefallen war, das auf ein Einverständniß hindeutete, so war es doch genug, um zu zeigen, wie es zwischen Oswald und der Braut des junge Majoratsherrn stand, genug, um diesen in heller Eifersucht aufflammen zu lassen. Das erklärte auch sein Zurückweichen, als Oswald ihm die Hand bot, seine Gleichgültigkeit den drohenden Vermögensverlusten gegenüber, sein stürmisch aufgeregtes Wesen. Es konnte gar nicht anders sein.

„Das war es also,“ sagte Oswald halblaut. „Er muß irgend etwas gehört haben. Nun denn, so hat er auch gehört, wie unschuldig wir Beide an diesem Zusammentreffen waren und wie wir uns trennten. Ich weiß mich frei von Schuld, und wenn die Sache zwischen uns zur Sprache kommen muß, so werde ich ihm Rede stehen.“

Drunten im Schloßhofe hörte man jetzt lebhaftes Sprechen und Begrüßen, vor allem Edmund's Stimme, der mit lauter [515] Heiterkeit seine Gäste empfing. Oswald warf einen Blick durch das Fenster. Er kannte die Herren sämmtlich, die soeben ausstiegen, aber er war nicht in der Stimmung, sich begrüßen zu lassen und auf alle möglichen Fragen zu antworten. Er verließ deshalb rasch den Salon und schlug den Weg nach seinen ehemaligen Zimmern ein, noch ehe die Fremden in das Schloß getreten waren.




Das Wetter erwies sich der beabsichtigten Jagd günstiger, als man voraussetzte. Wenn es sich auch nicht vollständig aufhellte, so hörte doch das Schneegestöber und der dichte Nebel auf, und der nächste Morgen verhieß einen zwar etwas trüben, aber im Ganzen doch vortrefflichen Jagdtag.

Es war noch sehr früh am Tage, als Oswald seine Zimmer verließ und sich nach dem Hauptgebäude des Schlosses begab, wo die Wohnung des Grafen lag. Noch war Niemand von den Gästen sichtbar, aber unten im Hofe traf die Dienerschaft bereits Vorbereitungen zum Aufbruche der Herrschaften, der unmittelbar nach dem Frühstücke erfolgen sollte.

Oswald fand die Zimmer seines Vetters verschlossen, seltsamer Weise; denn es war sonst nie dessen Gewohnheit gewesen, sich einzuschließen. Erst auf wiederholtes Klopfen öffnete Edmund die Thür.

„Du bist es, Oswald? So früh schon?“

Seine Stimme verrieth deutlich genug, daß die Ueberraschung eine peinliche war. Oswald trat nichtsdestoweniger ein.

„Du bist schon angekleidet, wie ich sehe,“ sagte er. „Ich störe Dich also nicht mit meinem frühzeitigen Besuche.“

Der junge Graf war allerdings schon in vollem Jagdanzug, aber er sah bleich und überwacht aus, und seine Augen brannten fieberhaft. Die Spuren einer schlaflosen Nacht waren seinem Antlitze nur zu deutlich eingeprägt. Er hatte augenscheinlich seit gestern Abend weder Schlaf noch Ruhe gefunden.

„Du hast wohl Deine Absicht geändert und kommst, mir zu sagen, daß Du doch an der Jagd Theil nimmst?“ fragte er leichthin, entzog sich aber zugleich den beobachtenden Augen seines Vetters, indem er sich abwandte und sich an seinem Schreibtisch zu schaffen machte.

„Nein,“ entgegnete Oswald, „Du weißt ja, daß ich am Nachmittag abreise. Vielleicht bist Du dann noch nicht einmal zurück. Ich wollte Dir daher jetzt Lebewohl sagen.“

„Muß denn das unter vier Augen geschehen?“

„Allerdings, denn ich habe noch einiges von Wichtigkeit mit Dir zu besprechen. Du pflegtest mir sonst nicht so geflissentlich auszuweichen, Edmund. Ich habe gestern Abend vergebens versucht, Dich eine Minute allein zu sprechen. Du warst so vollständig von Deinen Gästen in Anspruch genommen und überhaupt so erregt, daß ich es aufgab, mit geschäftlichen Angelegenheiten bei Dir Gehör zu finden.“

„Geschäftliche Angelegenheiten? Ah so, Du meinst die Sache mit dem Administrator. Hast Du mir den Gefallen gethan, mit ihm zu sprechen?“

„Ich mußte wohl, da Du trotz meiner wiederholten Mahnungen keine Anstalt dazu machtest. Die Sache verhielt sich genau so, wie ich fürchtete, und da der Administrator sah, daß ich hinreichend orientirt war, so gab er schließlich das Leugnen auf. Ich ließ ihm die Wahl, entweder Ettersberg noch heute zu verlassen oder einer gerichtlichen Untersuchung gewärtig zu sein. Er hat natürlich das Erstere vorgezogen. Hier sind die Vollmachten zurück, die er mir ausgeliefert hat, Du thust aber doch besser, sie noch in aller Form für erloschen zu erklären. Auch der Käufer ist bereits benachrichtigt. Ich hatte mir für alle Fälle seine Adresse notirt, und habe ihm telegraphisch mitgetheilt, daß der Kaufvertrag nicht vollzogen werden kann, da die Vollmacht Deines Vertreters zurückgezogen ist und die Verhandlungen ohne Deine Zustimmung geführt wurden. Der Verlust ist also für diesmal abgewendet.“

Er berichtete das alles ruhig und geschäftsmäßig, ohne das mindeste Gewicht auf die jedenfalls sehr energische Thätigkeit zu legen, die er dabei entwickelt hatte. Edmund mochte trotzdem fühlen, wie viel er dem umsichtigen Einschreiten seines Vetters dankte, aber das schien ihn eher zu drücken, denn seine Antwort klang sehr einsilbig:

„Ich bin Dir sehr dankbar. Ich wußte es ja, Du verstehst in solchen Dingen viel energischer aufzutreten als ich.“

„Das Auftreten wäre hier wohl Deine Sache gewesen,“ sagte Oswald vorwurfsvoll. „Ich habe den Administrator glauben lassen, daß vorläufig nur ich von seinem versuchten Betruge wisse, daß ich ihn auf eigene Verantwortung zur Rede stelle, und Dir erst heute nach seinem Verschwinden die nöthigen Mittheilungen mache – sonst hätte er sich wohl nicht erklären können, daß Du Dich so entschieden einer Angelegenheit fern hältst, die doch nur Dich allein angeht.“

„Ich sagte es Dir ja bereits gestern: ich war nicht in der Stimmung –“

„Das sah ich und habe dieser Stimmung Rechnung getragen; denn ich weiß, was sie veranlaßt.“

Edmund zuckte zusammen und wendete sich jäh und heftig um.

„Du weißt –? Was soll das heißen? Was weißt Du?“

„Den Grund Deines seltsamen Empfanges, Deiner beinahe feindseligen Haltung gegen mich, und deshalb allein bin ich hergekommen. Es muß klar zwischen uns werden Edmund. Wozu dieses Schweigen und Verbergen? Wo man mit einander steht, wie wir, da ist ein offenes Wort das Beste.“

Der junge Graf stützte sich auf den Tisch, an dem er stand. Er erwiderte nichts, sondern starrte todtenbleich, keines Wortes mächtig, den Sprechenden an, der unbeirrt fortfuhr:

„Du brauchst mit Deiner Anklage nicht zurückzuhalten; ich kann ihr mit freier Stirn entgegentreten. Ich liebe Hedwig und scheue mich nicht, Dir das zu bekennen; denn ich habe ehrlich gekämpft gegen diese Leidenschaft, und als ich sah, daß sie nicht zu besiegen war, da bin ich gegangen. Nie ist ein Wort der Erklärung zwischen uns gefallen, und wenn ich mich gestern zu einer Andeutung hinreißen ließ, so ist es das erste und letzte Mal gewesen. Das unerwartete Wiedersehen raubte mir für einen Moment die Besinnung, aber es war eben nur ein Moment – schon der nächste gab mich mir selbst zurück. Wenn Du das Schuld nennen willst – ich denke es verantworten zu können.“

Die offene, männliche Erklärung hatte eine ganz unerwartete Wirkung. Edmund hörte zu wie ein Träumender. Die schreckensvolle Ueberraschung, die ihn vorhin lähmte, wich allmählich, aber fassen konnte er die Worte augenscheinlich noch nicht.

„Du liebst Hedwig? Du? O, das ist nicht möglich.“

„War Dir das denn noch ein Geheimniß?“ fragte Oswald betreten. „War es nicht Eifersucht, die seit der Minute meiner Ankunft zwischen uns stand?“

Edmund achtete nicht auf die Frage; seine brennenden Augen hefteten sich mit dem Ausdrucke der furchtbarsten Spannung auf das Gesicht Oswald's, während er in athemloser Erregung hervorstieß:

„Und Hedwig? Erwidert sie Deine Gefühle? Wirst Du von ihr geliebt?“

„Ich habe Dir ja bereits gesagt, daß kein einziges Wort der Erklärung zwischen uns gefallen ist.“

„Wozu bedarf es der Worte? Du weißt es, mußt es wissen, ob Du geliebt bist. Man fühlt das ja in jedem Blicke, in jedem Athemzuge. Habe ich es doch gefühlt, daß es nicht die ganze volle Liebe war, die sie mir gab, daß sich ewig etwas zwischen uns drängte. Bist Du dieses Etwas gewesen? Sprich! Ich will Gewißheit, um jeden Preis.“

Oswald sah zu Boden. „Hedwig wird die Heiligkeit des gegebenen Wortes ehren, wie ich es thue,“ entgegnete er leise.

Die Antwort sagte genug, und es erfolgte auch keine Erwiderung darauf. Während der nächsten Minuten herrschte ein banges Schweigen; man vernahm nur die kurzen heftigen Athemzüge des jungen Grafen.

„Also auch das noch!“ sagte er endlich.

Oswald blickte ihn besorgt an. Er hatte sich auf eine stürmische Scene, auf leidenschaftliche Auseinandersetzungen gefaßt gemacht, diese dumpfe Resignation, die so gar nicht in dem Charakter Edmund's lag, befremdete ihn auf's Aeußerste.

„Wir werden es überwinden,“ nahm er wieder das Wort. „Wir habe ja Beide nie an die Möglichkeit einer Vereinigung gedacht, und selbst wenn Hedwig frei gewesen wäre, durfte ich keine Hoffnung nähren. Ich habe stets die Glücksritter verachtet, die dem Vermögen der Frau ihre ganze Existenz verdanken, während sie selbst nichts zu bieten haben. Mich würde ein solches Verhältniß erdrücken, ich würde es nicht einmal an der Hand der Liebe ertragen. Und meine Laufbahn soll ja erst beginnen. Ich [516] habe noch auf Jahre hinaus für mich allein zu arbeiten, wo Du mit Deiner Hand ein glänzendes Loos bieten konntest.“

Die Worte wurden ganz absichtslos gesprochen, sie sollten nur beruhigen, aber sie erreichten das Gegentheil. Edmund war bei der letzten Hindeutung aufgefahren; sein ganzes Wesen, selbst seine Stimme war verwandelt, während es in schneidender Bitterkeit, im wildesten Hohne von seinen Lippen brach:

„Willst Du mich nicht beneiden um dieses glänzende Loos, das mir das Schicksal gegeben hat? Ich bin ja ein Kind des Glückes, mir fällt ja Alles, Alles zu. Du hast Dich geirrt mit Deiner Prophezeiung, Oswald. Wir haben die Rollen getauscht. Hedwig’s Liebe wenigstens glaubte ich noch zu besitzen; dieses Einzige hielt ich noch für mein. Auch das wird mir genommen, durch Dich genommen. O, es ist genug und übergenug.“

„Edmund, Du bist außer Dir,“ mahnte Oswald. „Fasse Dich! wir wollen das ruhiger –“

„Laß mich allein!“ unterbrach ihn Edmund ungestüm. „Ich kann jetzt nichts hören, nichts ertragen, und Deine Gegenwart ertrage ich am wenigsten. Geh!“

Oswald wollte beschwichtigend näher treten, aber vergebens. In einer Gereiztheit, die fast an Wahnsinn grenzte, stieß der Graf ihn zurück.

„Ich will allein sein – sage ich Dir. Bin ich denn nicht einmal mehr Herr in meinen Zimmern? Soll ich Dich beleidigen, um Dich fortzutreiben?“

„Das hast Du nicht nöthig,“ sagte Oswald, sich tiefverletzt emporrichtend. „Auf eine derartige Aufnahme meiner offenen, ehrlichen Erklärung war ich nicht gefaßt, sonst hätte ich geschwiegen. Du wirst bald genug einsehen, wie unrecht Du mir gethan, aber dann möchte es zu spät für unsere Freundschaft sein. Leb’ wohl!“

Er ging, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Nach seinem Fortgange brach Edmund wie vernichtet in den Sessel zusammen. Der Schlag, der ihn soeben getroffen, war vielleicht nicht der schwerste gewesen – der fiel in jenem Augenblicke, wo die Liebe des Sohnes zu der Mutter und sein Glaube an sie den Todesstoß empfing – aber es war der letzte. Und dieser letzte warf ihn nieder. –

Eine Stunde später war die ganze Gesellschaft im Speisesaal versammelt, wo das Frühstück eingenommen werden sollte. Die Herren waren sämmtlich in der besten Laune; denn das Wetter verhieß eine vorzügliche Jagd. Die Gräfin machte die Honneurs des Hauses mit der ihr eigenen vornehmen Anmuth. Was sie auch innerlich bedrücken mochte, sie war zu sehr Weltdame, um in Gegenwart Fremder irgend etwas davon zu verrathen. Hedwig zwang sich gleichfalls, heiter zu erscheinen. Das Gespräch war äußerst lebhaft, und Oswald’s ernste Schweigsamkeit und Zurückhaltung fiel nicht auf, da man gewohnt war, ihn meistentheils so zu sehen.

Graf Ettersberg selbst erschien erst auffallend spät bei seinen Gästen. Er entschuldigte sich damit, daß er noch einige nothwendige Anordnungen für die Jagd getroffen habe, und war jedenfalls bemüht, seine Verspätung durch verdoppelte Liebenswürdigkeit wieder gut zu machen.

Edmund sah jetzt nicht mehr bleich und überwacht aus, wie vor einer Stunde. Es lag im Gegentheil etwas wie Fiebergluth auf seinen Wangen, und wie Fiebergluth schien es auch durch seine Adern zu stürmen, während er sich einer Lebhaftigkeit oder vielmehr Ausgelassenheit hingab, die in der That nur durch die höchste Ueberreizung zu erklären war. Er bemächtigte sich sofort des Gespräches und riß mit seiner glänzenden Unterhaltungsgabe all die Uebrigen hin. Scherze, Spöttereien, Jagdanekdoten jagten einander. Er schien förmlich etwas darin zu suchen, alle Welt von seiner vortrefflichen Laune, von seiner sprudelnden Heiterkeit zu überzeugen, und bei seinen Gästen gelang ihm das auch vollständig. Die älteren Herren, sämmtlich Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, fanden, daß der junge Graf noch nie so liebenswürdig gewesen sei wie heute. Die Jüngeren ließen sich von seinem Muthwillen mit fortreißen und stimmten in den Ton ein. Die Zeit bei Tische verging wie im Fluge, bis der Schloßherr das Zeichen zum Aufbruche gab.

Oswald hatte sich auch jetzt ziemlich schweigsam verhalten, aber er hatte unausgesetzt und unruhig seinen Vetter beobachtet. Es befremdete ihn nach dem Vorhergegangenen nicht, daß Edmund ihm noch mehr als gestern auswich, und es sogar vermied, das Wort an ihn zu richten, aber eben deshalb täuschte ihn auch diese fieberhafte Lebhaftigkeit nicht. Nach der Scene, die heut Morgen stattgefunden hatte, konnte nur die Verzweiflung einen solchen wilden Uebermuth dictiren. Erst jetzt, wo die Erregung des beleidigten Stolzes vorüber war, kam es dem jungen Manne zum Bewußtsein, wie verstört, wie außer sich Edmund bei jenem Geständniß gewesen war. Er hatte also wirklich nichts davon geahnt, es war nicht Eifersucht gewesen, die sein unbegreifliches Benehmen veranlaßte. Was aber war es dann?

Man hatte sich allseitig erhoben und machte sich jetzt zur Abfahrt fertig. Die Herren verabschiedeten sich von den Damen des Hauses und von Oswald, der gleichfalls zurückblieb. Herr von Ettersberg wurde allgemein bedauert, weil seine schnelle Abreise ihm nicht erlaubte, an der Jagd Theil zu nehmen, und in aller Eile wurden noch einige Artigkeiten und Grüße ausgetauscht.

Edmund hatte bereits von seiner Braut Abschied genommen, mit derselben stürmischen Heiterkeit, die heut von seinem Wesen unzertrennlich schien. Seinem Vetter rief er im Vorübergehen nur ein kurzes „Adieu Oswald!“ zu, so kurz und flüchtig, daß es gar keine Erwiderung zuließ. Er wollte augenscheinlich jede weitere Berührung mit ihm vermeiden, und trat jetzt zu der Gräfin, die mit einem der Herren sprach.

„Ich wollte Dir Lebewohl sagen, Mama!“

Die Worte wurden hastig, eilig gesprochen, aber es klang etwas wie der alte, lang entbehrte Ton hindurch, und das Ohr der Mutter fing augenblicklich diesen Ton auf. Ihr Auge suchte und fand das des Sohnes, und zum ersten Male seit langer Zeit las sie dort nicht das scheue Zurückweichen, das sie so namenlos quälte. Heute stand etwas Anderes, Unsagbares darin, aber es war kein Vorwurf mehr. Die Hand, welche die Gräfin ausstreckte, bebte leise. Der kühle, förmliche Handkuß war ja das Einzige, was Edmund beim Gehen und Kommen noch für sie hatte. Er beugte sich auch jetzt nieder, plötzlich aber fühlte die Mutter sich von seinen Armen umschlossen, fühlte seine heißen, zuckenden Lippen auf den ihrigen. Es war die erste Umarmung seit jenem Tage, wo er das unselige Geheimniß entdeckte.

„Edmund!“ flüsterte die Gräfin, es klang wie eine halb zärtliche, halb angstvolle Frage. Edmund erwiderte nichts, er hielt die Mutter fest an sich gepreßt, nur einen Moment lang, aber sie fühlte es doch, daß in diesem Moment die ganze alte Liebe mächtig wieder aufflammte. Noch einmal berührten seine Lippen die ihrigen, dann aber machte er sich rasch und entschieden los.

„Lebe wohl, Mama! Ich muß fort; es ist die höchste Zeit.“

[529] Edmund trat zu seinen Gästen, die ihn sofort in ihre Mitte nahmen, und in dem lauten fröhlichen Durcheinander des Aufbruches, in dem allgemeinen Abschiednehmen verschwand für die Gräfin jede Möglichkeit, ihm noch ein Wort zu sagen.

Die Herren eilten fort. Niemand hatte die kurze Scene zwischen Mutter und Sohn bemerkt, Niemand in ihrer Umarmung etwas Ungewöhnliches gefunden. Nur Oswald hatte das Auge nicht von den Beiden gelassen, und es folgte auch jetzt mit einem [530] seltsam forschenden Ausdruck der Gräfin, als diese das Zimmer verließ.

Sie wollte wohl dem Alleinsein mit ihrem Neffen entgehen; denn Hedwig hatte ihren Bräutigam hinunterbegleitet und sah vom Portal des Schlosses aus der Abfahrt zu.

Im Schloßhofe herrschte reges Leben. Eine Anzahl von Schlitten stand bereit, um die Herren aufzunehmen und nach dem ziemlich entfernten Jagdrevier zu führen. Die Dienerschaft eilte geschäftig hin und her; der Jäger des Grafen, der die Hunde an der Leine hielt, vermochte kaum deren Eifer zu zügeln, und auch die Pferde gaben ihre Ungeduld über das lange Warten durch Stampfen und Scharren kund.

Am unruhigsten zeigten sich die beiden schönen Rappen, die vor einen kleinen Schlitten gespannt waren, der nur für zwei Personen Raum bot. Es waren dieselben unbändigen Thiere, die damals den Unfall am Hirschberge veranlaßt und die Gräfin in Lebensgefahr gebracht hatten. Diese benutzte seitdem stets andere Pferde zu ihren Ausfahrten und hätte die Rappen am liebsten gar nicht mehr geduldet, aber Edmund hatte eine Vorliebe für die prächtigen Thiere, die allerdings ihres Gleichen suchten. Er hatte sie auch heute vor seinen eigenen Schlitten legen lassen, den er stets selbst führte, und trat soeben heran, um die Zügel aus der Hand des Dieners zu nehmen.

Es war alles bereit, aber die Abfahrt verzögerte sich noch eine Weile. Irgend eine Bemerkung des jungen Grafen mußte eine Debatte hervorgerufen haben, die von den Herren sehr lebhaft erörtert wurde. Man stritt augenscheinlich für und wider eine Sache; das laute Sprechen und Lachen drang bis zu Oswald herauf, aber die geschlossenen Fenster hinderten ihn, die Worte zu verstehen. Edmund sprach am lebhaftesten, einige der älteren Herren schüttelten die Köpfe und schienen abzumahnen. Endlich war die Sache erledigt; man ordnete sich zur Abfahrt, und auch Edmund nahm in seinem Schlitten Platz. Aber er fuhr seltsamer Weise allein; der Sitz an seiner Seite blieb leer, auch der Kutscher blieb auf seinen Wink zurück, während er selbst Zügel und Peitsche ergriff.

Die Jäger grüßten noch einmal nach dem Portale hin, wo die Braut des Schloßherrn stand. Auch Edmund that das, wie all die Uebrigen, dann aber richtete sich sein Blick empor zu den Fenstern seiner Mutter. Die Gräfin mußte wohl jetzt dort erscheinen; denn das Auge ihres Sohnes hing unverwandt an jenem Punkte. Er warf einen Gruß hinauf, viel leidenschaftlicher und inniger als der, welcher vorhin seiner Braut galt, und in diesem Augenblick brach es mitten durch den so gewaltsam festgehaltenen Uebermuth, wie ein wildes, verzweifeltes Weh. In dem Abschiedsblick, der zu der Mutter emporflog, lag etwas wie eine stumme, flehende Abbitte. Dann sauste die Peitsche nieder, daß die feurigen Rosse sich hoch aufbäumten und im Davonstürmen den Schnee unter ihren Hufen aufstäuben ließen. Die übrigen Schlitten folgten und mit lautem fröhlichem Lärm eilte der Jagdzug dahin.

Oswald war wie im plötzlichen Schrecken vom Fenster zurückgetreten.

„Das sah ja aus wie ein Abschied!“ murmelte er. „Was soll das bedeuten? Was hat Edmund vor?“

Er verließ das Gemach und wollte rasch durch das anstoßende Zimmer dem Ausgange zuschreiten, als ihm Eberhard begegnete, der soeben vom Hofe heraufkam.

„Weshalb gab es noch einen Aufenthalt vor der Abfahrt?“ fragte Oswald hastig. „Was hatten die Herren vor, und weshalb fuhr der Graf allein in seinem Schlitten?“

„Es gilt eine Wette,“ sagte Eberhard mit bekümmerter Miene. „Der Herr Graf will über den Hirschberg fahren.“

„Ueber den steilen Hirschberg? So unmittelbar nach einem Schneefall? Das ist ja gefährlich.“

„Ja, das meinten die anderen Herren auch, aber der Herr Graf verspottete sie wegen ihrer Aengstlichkeit und wettete, er werde, wenn er über den Hirschberg fahre, eine volle Viertelstunde früher in den Forsten sein, als die Anderen. Da half kein Abmahnen und keine Bitte, auch nicht die des gnädigen Fräuleins, die Wette wurde gehalten. Wenn nur nicht gerade die wilden Rappen –“

„Wer hieß denn auch gerade heute die unbändigen Thiere vor den Schlitten meines Vetters legen?“ unterbrach ihn Oswald. „Er fährt ja meist mit den Schimmeln.“

„Es war ausdrücklicher Befehl des Herrn Grafen. Er kam vor dem Frühstück eigens herunter, um es anzuordnen.“

„Und der Kutscher? Weshalb blieb der zurück?“

„Auch auf Befehl! Der Herr Graf wollte durchaus ohne Begleitung fahren.“

Oswald sagte kein Wort. Er ließ den alten Diener stehen und eilte ohne weiteres Besinnen hinüber zu den Zimmern seiner Tante. Die Gräfin stand noch am Fenster, obwohl der Jagdzug längst verschwunden war. Sie wußte nichts von der Scene, die heute Morgen bei ihrem Sohne stattgefunden hatte, aber sie mußte doch irgend etwas ahnen oder fürchten; denn ihre Hände waren wie in stummer Angst gefaltet und auf dem Antlitz, das sie jetzt dem Eintretenden zuwendete, lag eine tiefe Blässe.

Sie schrak zusammen, als Oswald so plötzlich und unangemeldet bei ihr erschien. Es war das erste Mal seit seiner Abreise, daß er ihr allein gegenüberstand. Gestern und heute Morgen hatten sie sich nur in Gegenwart der Fremden gesehen, und ihr Verkehr hatte sich auf eine kurze, förmliche Begrüßung beschränkt. Die Gräfin durfte keine Schonung von dem Manne erwarten, den sie als ihren bittersten Feind betrachtete, und der jetzt vollauf Ursache hatte, es zu sein. Wenn er auch seine gefährlichste Waffe großmüthig aus der Hand gegeben hatte, er kannte sie doch, und schon das gab ihm Macht genug über seine Tante. Aber diese Frau war von jeher nur ihrem Sohne gegenüber schwach gewesen, und so richtete sie sich den auch hier zur äußersten Abwehr entschlossen auf. Sie stand starr und kalt da, bereit keinen Schritt zu weichen, aber auf Alles gefaßt.

Doch nichts von dem, was sie erwartete und fürchtete, kam von den Lippen Oswald's. Er trat nur rasch heran und fragte mit halbunterdrückter Stimme:

„Was ist mit Edmund vorgegangen?“

„Mit Edmund? Was meinst Du?“

„Er ist furchtbar verändert seit unserer Trennung. Es muß irgend etwas geschehen sein, was ihn außer sich bringt und ihm zeitweise fast die Besinnung zu rauben droht. Ich glaubte anfangs den Grund zu errathen, sehe aber jetzt, daß ich mich vollständig getäuscht habe. Was ist geschehen, Tante?“

Ueber die fest zusammengepreßten Lippen der Gräfin kam kein Wort. Sie kannte am besten die unheilvolle Veränderung ihres Sohnes, aber diesem Manne gegenüber konnte sie das nicht eingestehen.

„Verzeih, daß ich eine peinliche Frage an Dich richten muß!“ fuhr Oswald fort. „Es gilt das Schlimmste zu verhüten, und da müssen alle andern Rücksichten fallen. Ich übergab bei meiner Abreise Deinem Bruder ein Päckchen. Ich sagte ihm ausdrücklich, daß es für Dich allein bestimmt sei, daß Edmund den Inhalt nicht kennen dürfe – hat er vielleicht dennoch – – ?“

Die sichtbare Unruhe und Aufregung ihres sonst so kalten, besonnenen Neffen gaben der Gräfin die Gewißheit einer Gefahr, die sie bisher nur geahnt hatte. Sie forschte angstvoll in seinen Zügen, als sie statt aller Antwort fragte:

„Warum ist Edmund allein gefahren? Und was bedeutete der Gruß, den er mir zuwarf? Du weißt es, Oswald.“

„Ich weiß nichts, aber ich fürchte Alles, nach der Scene, die heute Morgen zwischen uns vorfiel. Edmund hat eine tollkühne Wette gemacht. Er will jetzt, bei diesem Wetter, über den steilen Hirschberg fahren. Auf seinen ausdrücklichen Befehl sind die wilden Rappen vor den Schlitten gelegt worden und der Kutscher hat zurückbleiben müssen. Du siehst, es handelt sich hier um Leben und Tod, und darum muß ich die Wahrheit wissen. Kennt Edmund den Inhalt jenes Päckchens?“

Ein halbersticktes „Ja“ rang sich aus der Brust der Gräfin hervor. Mit diesem eine Worte gestand sie Alles zu, gab sie sich vollständig in die Hände ihres Neffen, aber sie dachte in diesem Augenblick nicht einmal daran. Es handelte sich um Leben und Tod ihres Sohnes – was fragte die Mutter da nach dem eigenen Verderben!

„Um Gotteswillen, dann plant er etwas Schreckliches,“ fuhr Oswald auf. „Jetzt verstehe ich Alles.“

Die Gräfin stieß einen Schrei aus; auch ihr ging jetzt das Verständniß jenes Abschiedsgrußes auf.

„Ich muß ihm nach,“ sagte Oswald rasch entschlossen, indem er die Klingel zog. „Es ist kein Augenblick zu verlieren.“

„Ich – ich werde Dich begleiten,“ stieß die Gräfin hervor, [531] und wollte einen Schritt vorwärts thun, aber sie wankte und wäre gesunken, wenn ihr Neffe sie nicht gestützt hätte.

„Unmöglich, Tante, das erträgst Du nicht. Ueberdies sind die sämmtlichen Schlitten hinaus zur Jagd; es ist kein einziger mehr verfügbar, und mit dem Wagen kommen wir im Schnee nicht vorwärts. Ich werfe mich auf's Pferd und jage nach – das ist die einzige Möglichkeit, die uns noch bleibt.“

Er wandte sich zu dem soeben eintretenden Eberhard.

„Lassen Sie den englischen Fuchs satteln! So schnell wie möglich; ich muß dem Grafen folgen.“

Der alte Diener ging in voller Eile. Er sah, daß es galt, eine Gefahr von seinem jungen Gebieter abzuwenden.

Oswald war wieder zu der Gräfin getreten, welche sich zitternd und todtenbleich an einem Sessel hielt, und suchte sie zu beruhigen.

„Fasse Dich! Noch ist nichts verloren. Der Fuchs ist einer der besten Renner, und wenn ich über Neuenfeld reite, so schneide ich fast ein Drittel des Weges ab. Ich muß Edmund erreichen.“

„Und wenn Du ihn erreichst!“ rief die Gräfin verzweifelnd. „Er wird Dich nicht hören, so wenig wie mich und seine Braut.“

„Mich wird er hören,“ sagte Oswald mit tiefem Ernste, „denn ich allein kann den unglückseligen Conflict lösen. Hätte ich heute Morgen gewußt, was zwischen uns lag – es wäre nicht dahin gekommen. Wir sind ja nicht umsonst Freunde gewesen von unserer frühesten Kindheit an; wir werden auch das überwinden. Muth, Tante! Ich bringe Dir Deinen Sohn zurück.“

Die energische Entschlossenheit des jungen Mannes verfehlte nicht ihren Einfluß auf die geängstigte Mutter. Sie klammerte sich an die Hoffnung, die er ihr gab, klammerte sich an den gefürchteten, gehaßten Oswald wie an einen letzten Rettungsanker. Sie war keines Wortes mächtig, aber der Blick, mit dem sie zu ihm aufsah, war so hülfeflehend, so herzzerreißend, daß Oswald tief erschüttert ihre Hand in die seinige schloß. In der Todesangst um den Einen, den sie beide mit der gleichen Innigkeit liebten, erlosch die jahrelang genährte Feindschaft, wurden Haß und Anklage begraben.

Oswald umfaßte die fast zusammenbrechende Frau und ließ sie sanft auf den Sessel niedergleiten; dann eilte er hinaus. Die Hoffnung, noch retten zu können, gab ihm Muth und Zuversicht, aber die Mutter, die thatenlos und verzweifelt zurückbleiben mußte, erlag fast der Angst. Sie wußte es ja, was es war, das ihren Sohn in den Tod jagte, und dieses Bewußtsein drückte das Siegel auf die Qual der letzten Wochen. Baron Heideck hatte Recht, die arme Frau wurde schwerer gestraft, als sie je gefehlt hatte. –

Eberhard hatte zur größten Eile getrieben. Das Pferd wurde bereits vorgeführt, als Oswald aus dem Schlosse trat; er schwang sich in den Sattel und jagte davon.

Es war mit Sicherheit anzunehmen, daß Edmund die freie Bahn der Landstraße gewählt hatte. Der bedeutend nähere Weg über Neuenfeld führte meist durch Wald und war so schmal und uneben, daß ein Schlitten ihn kaum passiren konnte. Für einen Reiter bot er keine Schwierigkeiten, und der Fuchs war in der That ein vorzüglicher Renner; seine Hufe berührten kaum den Boden, auf dem der Schnee dicht, aber doch nicht so hoch lag, daß er ein Hinderniß gewesen wäre. So ging es vorwärts, durch den in Frost und Eis starrenden Wald, über schneebedeckte Wiesen, durch ein Dorf, das wie ausgestorben in seiner Winterhülle dalag, vorwärts wie im Fluge, und doch immer noch zu langsam für die Ungeduld des Reiters.

Oswald zweifelte keinen Augenblick, daß es hier galt, eine Verzweiflungsthat zu hindern. Es mußte noch ein Mittel geben, diesen unglückseligen Conflict zu lösen. Wenn Oswald nicht anklagte und Rechenschaft forderte, so hatte Niemand ein Recht, das zu thun. Man konnte ja vor der Welt schweigen wie bisher und das Geheimniß begraben sein lassen. Die Beiden, die es zunächst anging, konnten sich die Hände reichen und sich geloben, daß das Haus Ettersberg hinfort zwei Söhne haben solle – und mitten hinein in all diese Hoffnungen und Entwürfe klang immer wieder die Erinnerung an jenes Gespräch am Abende vor der Abreise Oswald's, klangen ihm Edmund's Worte: „Ich könnte nicht leben mit dem Bewußtsein, daß ich einen Makel mit mir herumtrage. Ich muß mit freier Stirn dastehen können vor der Welt und vor mir selber.“

Der Weg mündete jetzt in die Landstraße, wo sich ein freier Ausblick bot. Oswald hielt einen Augenblick sein Pferd an und spähte suchend umher, aber vergebens. Er sah nichts, als die weite weiße Fläche, in einiger Entfernung die dunklen Tannen des Hirschberges und weiter hinaus den grauen Nebel des trüb verschleierten Wintertages. Ringsum war alles öde, kein lebendes Wesen zu erblicken. Die Hoffnung, Edmund den Weg abzuschneiden, erwies sich als trügerisch. Er mußte schon voraus sein, weit voraus – die Spur seines Schlittens zeigte sich deutlich in dem frischen Schnee. Jetzt zum ersten Mal drohte Oswald's Zuversicht zu schwinden, aber er wollte nicht hören, was die schlimme Ahnungen ihm zuflüsterten, sondern gab seinem Roß die Zügel und jagte weiter, bis er am Fuße des Hirschberges anlangte und der ansteigende Weg dem Galopp ein Ziel setzte.

Der nicht allzu hohe, aber sehr steile Hirschberg galt für einen sehr unbequemen Uebergang und wurde gern vermieden. Er war überhaupt nur mit Vorsicht zu passiren; man mußte den Wagen vollständig in der Gewalt haben und der Pferde sicher sein, wenn man diesen Weg wählen wollte. In solcher Jahreszeit vollends waren die eis- und schneebedeckten Abhänge geradezu gefährlich; das erfuhr auch Oswald, der mehr als einmal sein Pferd vor dem Stürzen bewahren mußte. Zum Glück war er ein ebenso geschickter, wie besonnener Reiter, und das kam ihm hier zu Statten, aber mit jeder Minute, die verrann, mit jeder Windung des Weges, die sich vor ihm aufthat, ohne den Gesuchten zu zeigen, wuchs seine Angst. Er trieb das Roß mit Peitsche und Sporen vorwärts, ohne sich und ihm einen Moment Ruhe zu gönnen. Alles Andere trat zurück vor dem einen Gedanken: „Ich muß ihn erreichen!“

Und er erreichte ihn. Das Pferd gewann jetzt schnaubend die Höhe und trabte einige Minuten lang auf ebenem Boden dahin. Drüben senkte sich der Weg wieder steil abwärts. Noch war die Spur des Schlittens sichtbar, aber kaum hundert Schritt weiter, gerade an dem jähesten Abhange, war der Schnee aufgewühlt und zertreten, wie von bäumenden, stampfenden Rossen. Die niedrige Hecke, die den Weg säumte, war durchbrochen, zerrissen, die jungen Tannen am Abhange geknickt, als sei ein Sturmwind darüber hingefahren, und unten in der Tiefe lag eine dunkle, bewegungslose Masse – der Schlitten und die Pferde, zerschmettert im jähen, fürchterlichen Sturze.

Bei diesem Anblicke verließ auch Oswald die Besonnenheit. Er dachte nicht mehr an die eigene Gefahr, sondern jagte auf Leben und Tod den Weg hinunter. Unten angelangt, sprang er vom Pferde und drang in die Schlucht ein.

Der Schlitten lag in Trümmern, die Pferde auf und unter demselben, und einige Schritte davon – Edmund, regungslos auf dem Boden ausgestreckt. Er war im Sturze hinausgeschleudert worden; dies und der hier unten dicht und hoch liegende Schnee hatten ihn vor dem eigentlichen Zerschmettern bewahrt, aber der felsige Grund war trotz alledem verhängnißvoll geworden, das zeigte das Blut, das aus einer Wunde am Hinterkopf strömte und den weißen Schnee ringsum röthete.

Oswald hatte sich neben seinem Vetter auf die Kniee niedergeworfen und versuchte, das Blut zu stillen und den Bewußtlosen in's Leben zurückzurufen. Anfangs waren all seine Bemühungen vergebens. Endlich, nach langen, todesbangen Minuten schlug Edmund die Augen auf, aber der matte, umflorte Blick schien noch nichts zu erkennen. Erst bei dem Ton von Oswald's Stimme, bei dessen angstvollen Fragen kehrte langsam und allmählich das Bewußtsein zurück.

„Oswald!“ sagte er leise. Es war wieder der alte, innige Herzenston, den er stets für den Jugendfreund gehabt hatte. All die Bitterkeit, die wilde Erregung der letzten Stunden waren wie ausgelöscht in diese schmerzvollen, aber ruhigen Zügen.

„Edmund, warum hattest Du nicht Vertrauen zu mir?“ brach Oswald aus. „Warum mußte ich erst jetzt erfahren, was Dich in den Tod trieb? Ich bin Dir nachgejagt, aber ich kam zu spät, vielleicht nur um Minuten.“

Das schon halb verschleierte Auge Edmund's belebte sich und richtete sich fragend auf den Sprechenden.

„Du weißt –?“

„Alles!“

„Dann wirst Du es auch begreifen,“ sagte Edmund matt. „Daß ich auch Dir lügen mußte, daß ich Dein Auge nicht mehr [532] ertrug, das hat am schwersten auf mir gelastet. Jetzt ist es vorbei – Du wirst noch heute Majoratsherr in Ettersberg sein.“

„Um den Preis Deines Lebens!“ rief Oswald außer sich. „Ich kannte ja längst das Geheimniß; das unselige Bild ist ja in meinen Händen gewesen, ehe Du es erblicktest. Ich bewahrte Dich fast gewaltsam davor; denn ich wußte, daß Du daran sterben würdest. Und nun war es doch umsonst; das ganze Opfer ist vergebens gebracht worden. Nur ein offenes Wort heut Morgen zwischen uns, und alles wäre noch gut geworden.“

Edmund machte eine schmerzlich verneinende Bewegung.

„Nein, Oswald, das wäre es nie. Ich konnte die ewige Lüge dieses Lebens nicht tragen, nicht die ewige Scham vor den Menschen und vor mir selbst. Ich habe es ja versucht, wochen-, monatelang. Du weißt nicht, was ich gelitten habe seit jener fürchterlichen Stunde. Nun ist es gut. Du trittst in Deine Rechte, und das Andenken meiner Mutter bleibt rein – es war nur so zu lösen!“

Oswald hielt den Sterbenden in den Armen. Er sah, daß jede Hülfe hier zu spät kam. Es war unmöglich, das Blut zu stillen, unmöglich, das fliehende Leben aufzuhalten; nur die letzten Worte konnte er noch von den Lippen nehmen, die sich nun für immer schlossen.

„Meine Mutter – sage ihr, ich hätte es nicht tragen können – leb' wohl!“

Edmund's Stimme erlosch; seine schönen dunklen Augen verschleierten sich, vom Tode überschattet – nur wenige Minuten noch, und Oswald kniete auf dem schneebedeckten Boden – neben einem Todten. Er drückte seine Lippen auf die Stirn des Geschiedenen, und Niemand hörte mehr seine verzweiflungsvolle Frage:

„Allmächtiger Gott! Mußte das so enden?“




Schon zweimal waren die Schwalben gekommen und gegangen, seit sich die Gruft über Edmund von Ettersberg geschlossen hatte. Jetzt trugen sie zum dritten Male den Frühling in das Land, und wie die Erde nach dem eisigen Frost und Schnee des Winters in neuer Pracht erblühte, so rang sich auch aus den Thränen, die an jenem Grabe geflossen waren, ein neues Lebensglück empor.

Der Tod des jungen Grafen Ettersberg hatte in allen Kreisen die höchste Bestürzung und Theilnahme hervorgerufen, an der die Persönlichkeit Edmund's wohl einen ebenso großen Antheil hatte, wie das schreckliche Ereigniß, dem er zum Opfer fiel. So jung und schön, so reich und glücklich, im Begriff sich zu vermählen! Und nun an einer tollkühnen Wette, an einem bloßen Uebermuth zu Grunde zu gehen, den Armen der Mutter und der Braut entrissen zu werden, ohne daß diese auch nur einen letzten Blick von ihm empfingen – es war ein furchtbares Schicksal!

Wie lebensvoll, wie heiter war der junge Graf noch unmittelbar vor der schrecklichen Katastrophe gewesen! Den geheimen, furchtbaren Zusammenhang ahnte Niemand. Edmund hatte erreicht, was er gewollt: seine Mutter blieb rein von jedem Verdachte, und der wahre Erbe trat in seine Rechte.

In Ettersberg selbst hatte sich im Laufe der letzten beiden Jahre vieles verändert. Der jetzige Majoratsherr, Graf Oswald, auf den mit den Gütern auch der Titel seines verstorbenen Vetters übergegangen war, nahm es ernst mit den Pflichten seiner neuen Stellung. Der Schicksalswechsel, der ihn betroffen, war so jäh und unerwartet, wie er nur selten in das Leben eines Menschen eingreift. Der in Abhängigkeit und Unterdrückung aufgewachsene Oswald, der selbst, als er sich dieser Abhängigkeit entriß, nur einem Leben voll ernster, sorgenvoller Arbeit entgegenging, wurde urplötzlich zum Herrn des ganzen reichen Familienbesitzes. Seine juristische Laufbahn war zu Ende, noch ehe sie begonnen hatte; denn wenn seine Beziehungen zu dem väterlichen Freunde in der Residenz, der ihm damals Schutz und Beistand angeboten hatte, auch ebenso herzlich blieben, so konnte doch von einer Rückkehr dorthin nicht mehr die Rede sein.

Es traten jetzt andere, größere Aufgaben an Oswald heran, und er widmete sich ihnen mit der ganzen Energie seines Charakters. Seine kräftige Hand entriß die lange vernachlässigten Güter dem Verfall, gerade in dem Moment, wo derselbe unabwendbar zu werden drohte, und führte sie jetzt langsam, aber sicher wieder zu ihrer früheren Höhe zurück. Fast das ganze Beamtenpersonal wurde gewechselt und die Verwaltung vollständig umgestaltet; die bedeutenden Summen, welche früher der glänzende gräfliche Haushalt beansprucht hatte, waren seit zwei Jahren ausschließlich zur Hebung der Güter verwendet worden.

Der neue Majoratsherr lebte vorläufig noch einsam und ziemlich zurückgezogen in seinem Schlosse und machte noch nicht die mindeste Anstalt, eine Wahl für seine künftige Heirath zu treffen. Dieser letzte Umstand befremdete einigermaßen in den Kreisen der Nachbarschaft. Man fand, daß der Graf, der jetzt in seinem neunundzwanzigsten Jahre stand, wohl an eine Vermählung denken könne, ja daran denken müsse, da er der einzige und letzte Sproß des Ettersberg'schen Geschlechtes war. Es fehlte nicht an mancherlei Plänen und Bemühungen, deren Ziel diese nunmehr so glänzende Partie war, aber bis jetzt war noch Alles vergebens gewesen.

Ganz ähnliche Pläne und Erwartungen gaben sich auch in Bezug auf Brunneck von verschiedenen Seiten kund. Die Hand der jungen Erbin war ja nun wieder frei geworden, wenn das Zartgefühl für's Erste auch noch jede directe Bemühung verbot. So allgemein und aufrichtig die Theilnahme für die Braut des verstorbenen Grafen auch gewesen war, so nahm man doch an, daß ein achtzehnjähriges Mädchen nicht ewig um den entrissenen Bräutigam trauern werde, und manche Wünsche und Hoffnungen, denen jene Verlobung ein Ende gemacht hatte, tauchten jetzt von Neuem wieder auf.

Vorläufig war aber auch hier Alles umsonst; denn Hedwig entzog sich allen Annäherungsversuchen, indem sie noch vor Ablauf der Trauerzeit Brunneck verließ, um die Mutter Edmund's nach Italien zu begleiten. Die Gräfin war schwer leidend seit dem Tode ihres Sohnes, und das Uebel machte, allen angewandten Mitteln zum Trotz, so stete und bedenkliche Fortschritte, daß die Aerzte nur noch von einem längeren Aufenthalt im Süden eine Rettung hofften. Man fand es sehr aufopfernd, daß Fräulein Rüstow die Heimath und sogar den Vater verließ, um die Kranke zu begleiten. Man wußte eben nicht, daß Hedwig sich um jeden Preis der Heimath entziehen wollte, um eine Schranke zwischen sich und Hoffnungen zu legen, deren Verwirklichung ihr jetzt noch wie ein Vergehen an dem Todten erscheinen mußte.

Fast anderthalb Jahre hatten die beiden Damen im Süden zugebracht. Die ungeduldige Bitten und Mahnungen des Oberamtsraths zur Rückkehr fanden kein Gehör bei seiner Tochter. Sie schützte stets das Befinden der Gräfin vor, die sie weder verlassen könne noch wolle. Jetzt endlich waren die Reisenden wieder zu Hause eingetroffen, mit Rüstow, der ihnen eine Strecke entgegengereist war und nun mit seiner Tochter nach Brunneck zurückkehrte, während die Gräfin sich nach Schönfeld begab, das sie seit dem Tode Edmund's bewohnte. –

Es war am zweiten Tage nach der Rückkehr der Damen, als der Oberamtsrath, wie gewöhnlich, mit seiner Cousine im Balconzimmer saß. Er war voller Freude, seine Tochter endlich wieder zu haben, und ganz entzückt über ihren Anblick nach der langen Trennung. Er behauptete, sie sei viel schöner, viel klüger, viel liebenswürdiger geworden, und der Ausbruch seines Vaterstolzes gipfelte in der feierlichen Erklärung, daß er seinen Liebling jetzt nun und nimmermehr wieder von sich lasse.

Die Cousine war diesmal ausnahmsweise derselben Meinung, aber bei den letzten Worten schüttelte sie den Kopf und erwiderte mit einer gewissen Betonung:

„Sie sollten das nicht mit solcher Bestimmtheit aussprechen, Erich. Wer weiß, ob man Ihnen nicht auch hier in Brunneck den ausschließlichen Besitz Hedwig's streitig macht.“

„Das werde ich mir verbitten,“ fiel Rüstow ein. „Ich zweifle nicht, daß die Gräfin sie am liebsten wochenlang in Schönfeld haben möchte, aber daraus wird nichts. Ich habe mein Kind lange genug entbehrt und will endlich auch einmal zu meinem Vaterrechte kommen.“

„Graf Ettersberg,“ fragte die Cousine, „war ja wohl auf der Bahnstation, als Sie vorgestern mit den Damen ankamen?“

„Gewiß. Es war sehr rücksichtsvoll von ihm, daß er selbst kam, um seine Tante zu empfangen und nach Schönfeld zu geleiten. Nebenbei wollte er auch Hedwig bei der Ankunft begrüßen.“

„Ja wohl – so nebenbei!“ sagte das Fräulein halblaut, aber mit einem sehr spöttischen Zucken der Lippen.

[558] „Der Graf stand früher gar nicht besonders mit seiner Tante,“ wandte sich Rüstow an seine Cousine, „aber seit dem Unglück, das sie betroffen hat, ist er die Aufmerksamkeit und das Zartgefühl selbst gegen sie. Er hat sich überhaupt merkwürdig verändert. Er kann jetzt sogar liebenswürdig sein, und was seine Wirthschaft in Ettersberg betrifft –“

„So ist er ein landwirthschaftliches Genie,“ ergänzte das Fräulein. „Das haben Sie ja schon vor Jahren entdeckt, als noch Niemand seine zukünftige Bestimmung als Majoratsherr ahnte.“

„Es wäre aber auch unverantwortlich gewesen, wenn das Schicksal einen solchen Menschen zum Juristen gemacht hätte,“ sagte der Oberamtsrath feierlich. „Ich denke noch jetzt mit Vergnügen daran, wie er damals in Ettersberg aufräumte, sobald er nur erst die Zügel in Händen hatte, wie er dem alten Schlendrian, der unsinnigen Verschleuderung in der Verwaltung ein Ende machte. Das ging Schlag auf Schlag. In drei Monaten hatte er all den alten Ballast hinausgeworfen, der auf seiner Herrschaft lastete und ihr jahrelang das Mark aussog. Und wie griff der Mann zu, als es darauf ankam, Neues zu schaffen! Davor muß ich mit meinem ganzen Unternehmungsgeist zurücktreten. Ich habe nie geglaubt, daß sich die Güter in so kurzer Zeit dermaßen heben könnten, und eigentlich sollte mich das ärgern; denn bisher galt Brunneck in der ganzen Gegend als die alleinige Musterwirthschaft, und nun wird ihm Ettersberg bald den Rang streitig machen.“

„Es wird ihm noch manches Andere streitig machen, fürchte ich. Aber Sie werden ganz geduldig zusehen, Erich; denn Graf Oswald ist ja von jeher Ihr erklärter Liebling gewesen.“

„Ja, das ist er, aber einen großen Fehler hat er doch: er will durchaus nicht heirathen. Die ganze Umgegend spricht bereits darüber. Ich werde ihm einmal ernstlich in das Gewissen reden.“

„Lassen Sie das lieber bleiben!“ meinte Fräulein Lina. „Es ist wirklich gar nicht nöthig und noch dazu von Ihrer Seite.“

Rüstow verstand nicht den geheimen Sinn der Worte; er nahm sie als ein Mißtrauen in seine diplomatischen Fähigkeiten und war höchst beleidigt darüber.

„Sie glauben wohl, in Heirathsangelegenheiten dürften nur Frauen mitsprechen? Ich werde Ihnen zeigen, daß ich denn doch auch Einiges davon verstehe. Graf Oswald giebt sehr viel auf meine Ansichten.“

„In diesem Punkte ganz gewiß. Ich bin sogar überzeugt, daß er gar nicht heiraten wird, ohne Sie zuvor um Ihre Einwilligung zu fragen. Fahren Sie doch nicht gleich wieder auf, Erich! Es ist mein voller Ernst – und überdies sehe ich eben den Wagen des Grafen in unseren Hof einbiegen. Ich wußte es, daß er heute kommen würde.“

„Wie können Sie das wissen?“ fragte Rüstow, noch gereizt über den vermeintlichen Spott. „Sie haben sich ja doch gar nicht um meine Dampfmaschine gekümmert.“

„Um welche Dampfmaschine?“

„Eine ganz neue und höchst praktische Erfindung, die ich erst [559] ganz kürzlich aus der Residenz kommen ließ. Sie hatten, wie gewöhnlich, gar kein Interesse dafür, aber der Graf, dem ich vorgestern bei unserer Rückkehr davon erzählte, brennt vor Begierde, sie kennen zu lernen. Sie sehen, wie pünktlich er ist.“

Die alte Dame schien ihre eigenen Ansichten über diese Pünktlichkeit und diesen brennenden Eifer zu haben; denn sie zuckte sehr bezeichnend die Achseln, während der Oberamtsrath im vollen Eifer hinauseilte, um seinen Gast zu empfangen, mit dem er wenige Minuten später wieder eintrat.

Oswald hatte sich äußerlich nicht verändert, und doch war der Eindruck seiner Persönlichkeit ein ganz anderer, als früher. Mit dem Druck der ehemaligen Verhältnisse, mit dem fortwährenden vergeblichen Ringen dagegen war auch jene Verbitterung gewichen, die diesen stolzen, reizbaren Charakter vollständig zu bewältigen drohte. Erst in der Freiheit, in der eigenen Bedeutung war er zur vollsten Entwickelung gelangt. Der herbe Zug in seinem Antlitz hatte sich verloren ebenso wie die einstige Schroffheit und Kälte seines Wesens. Er hatte freilich nicht jene offene, heitere Liebenswürdigkeit, mit der sich einst Edmund alle Herzen eroberte, aber seine ernste, überlegene Ruhe, seine bei aller Einfachheit doch imponirende Haltung zeigten, daß der jetzige Majoratsherr besser zum Herrschen und Befehlen geschaffen sei, als sein verstorbener Vetter es war.

Der Graf kam natürlich einzig und allein der berühmten Dampfmaschine wegen, und einer gewissen Erregung nach, die er zu verbergen sich vergebens bemühte, mußte sein Interesse für diese nützliche Erfindung ein wahrhaft leidenschaftliches sein. Trotzdem hörte er sehr zerstreut der enthusiastischen Schilderung des Oberamtsrathes zu und wandte den Blick nicht von der Thür ab. Er schien von Minute zu Minute irgend etwas zu erwarten, bis ihm endlich die Geduld riß und er sich an die Cousine wandte mit der höchst unbefangen hingeworfenen Aeußerung:

„Fräulein Hedwig befindet sich wohl im Parke? Ich glaube sie beim Vorüberfahren dort bemerkt zu haben.“

Die alte Dame warf ihm einen Blick zu, der deutlich sagte: „dann wärst Du sicher nicht hier bei uns!“ laut aber entgegnete sie mit derselben Unbefangenheit:

„Sie sind im Irrthum, Herr Graf. Meine Nichte ist leider gar nicht zu Hause. Sie hat einen Spaziergang gemacht, wahrscheinlich um die alten Lieblingsplätze ihrer Heimath nach der langen Trennung wieder aufzusuchen.“

Die alten Lieblingsplätze ihrer Heimath! Graf Oswald ließ sich das gesagt sein. Er machte urplötzlich die Entdeckung, daß er eigentlich sehr wenig Zeit habe und schleunigst nach Ettersberg zurück müsse, aber das half ihm wenig. Rüstow nahm das als ein neues Compliment für seine Dampfmaschine, die sein Gast trotz der so sehr beschränkten Zeit in Augenschein nehmen wollte, und schleppte ihn unerbittlich dorthin. Oswald mußte eine ganze Weile die Erklärungen und Auseinandersetzungen des begeisterten Landwirthes anhören, während ihm der Boden unter den Füßen brannte, bis es ihm endlich gelang, sich loszumachen.

Etwas verstimmt über den ungewöhnlich kurzen und eiligen Besuch, kehrte der Oberamtsrath in das Haus zurück.

„Mit dem Grafen ist heute gar nichts anzufangen,“ sagte er zu seiner Cousine. „Er war vollständig zerstreut und hat die Maschine kaum angesehen; jetzt fährt er wie mit dem Sturmwind nach Ettersberg zurück. Wegen eines so flüchtigen Besuchs lohnt es sich ja gar nicht den weiten Weg zu machen.“

„Sie haben den armen Grafen aber auch unverantwortlich gequält,“ spottete das Fräulein. „Eine volle Viertelstunde haben Sie ihn bei Ihrer langweiligen Dampfmaschine festgehalten. Er ist gar nicht deswegen gekommen – er fährt auch gar nicht nach Ettersberg zurück.“

„Und wohin sollte er denn sonst fahren?“ fragte Rüstow, der in seinem Erstaunen über diese Behauptungen sogar die Beleidigung übersah, die man seiner geliebten Dampfmaschine mit dem Beiwort „langweilig“ anthat.

„Wahrscheinlich fährt er gar nicht, sondern schickt unten im Dorfe den Wagen fort und macht gleichfalls einen Spaziergang in den Wald oder in die Berge oder sonst wohin – was weiß ich, wo Hedwig jetzt herumstreift.“

„Hedwig? Was soll das heißen? Sie meinen doch nicht etwa –“

„Ich meine, daß Hedwig nun einmal vom Schicksal dazu bestimmt ist, Gräfin Ettersberg zu werden, und diesmal wird sie es unter allen Umständen. Verlassen Sie sich darauf!“

„Lina, ich glaube, Sie sind nicht recht bei Sinnen,“ fuhr Rüstow auf. „Hedwig und Oswald? Sie haben sich ja niemals leiden können; sie sind über Jahr und Tag getrennt gewesen und haben sich ja auch vorher, während der ganzen Trauerzeit, kaum einige Male bei der Gräfin in Schönfeld gesehen. Das ist unmöglich, absolut unmöglich. Das ist wieder eine von Ihren romantischen Einbildungen.“

„Nun so warten Sie, bis die Beiden zurückkommen,“ sagte das Fräulein mit Nachdruck. „Aber machen Sie sich dann auf den väterlichen Segen gefaßt; denn der wird jedenfalls von Ihnen verlangt. Graf Oswald wird keine Zeit mehr verlieren wollen, und er hat auch lange genug gewartet. Ich fand, es war ein übertriebenes Zartgefühl Hedwig's, daß sie die Heimath und sogar den Vater verließ, um jede frühere Annäherung von jener Seite unmöglich zu machen.“

„Was? Deswegen ist sie mit der Gräfin nach Italien gereist?“ rief der Oberamtsrath, wie aus den Wolken gefallen. „Sie wollen doch nicht behaupten, daß diese Neigung schon bei Edmund's Lebzeiten bestanden hat?“

„Von einer bloßen Neigung ist hier gar nicht die Rede,“ belehrte ihn die Cousine, „sondern von einer glühenden, unbezwinglichen Leidenschaft, die Kämpfe und Qualen genug gekostet haben mag auf beiden Seiten. Hedwig hat mir freilich nie eine Andeutung darüber gemacht; sie verschloß sich hartnäckig auch vor mir, aber ich habe es doch gesehen, wie sie litt unter dem Worte, das sie unüberlegt, ohne sich und ihr Herz zu kennen, einem Andern gegeben hatte. Ich zweifle nicht daran, daß sie es ihm gehalten haben würde, aber was dabei aus ihr und Oswald geworden wäre, das weiß der Himmel.“

Der Oberamtsrath faltete die Hände und sah seine Cousine mit dem tiefsten Respect an.

„Und das alles haben Sie blos beobachtet? Lina, ich finde, Sie sind ungeheuer klug!“

„Sehen Sie das wirklich ein?“ fragte die alte Dame mit Genugthuung. „Sie kommen etwas spät zur Erkenntniß meiner Fähigkeiten.“

Rüstow blieb die Antwort schuldig, aber sein Gesicht verklärte sich förmlich bei dem Gedanken, seinen Liebling, sein vielbewundertes landwirthschaftliches Genie in Zukunft als Schwiegersohn zu besitzen, und in der Freude seines Herzens umarmte er seine Cousine in ungestümer Weise.

„Ich sehe alles Mögliche ein, Lina. Alles, was Sie wollen,“ rief er. „Aber so schnell, wie Sie meinen, wird die Sache doch nicht gehen. Der Graf kann unmöglich Hedwig nachgelaufen sein. Er weiß ja nicht einmal, wo sie ist, so wenig wie wir das wissen.“

Fräulein Lina machte sich lachend aus der Umarmung los. „Das ist seine Sache; darüber wollen wir uns nicht weiter den Kopf zerbrechen. Verliebte haben ein ganz unerhörtes Glück in solchen Dingen: das Ahnungsvermögen pflegt da eine große Rolle zu spielen. Ich glaube es auch nicht, daß Graf Oswald weiß, wo sich Hedwig befindet; denn dann wäre er schwerlich erst nach Brunneck gekommen, aber finden wird er sie, und wenn sie mitten im tiefsten Walde oder oben auf der höchsten Spitze des Gebirges säße. Sie kommen zusammen zurück – darauf gebe ich Ihnen mein Wort, Erich.“

Die mit so großer Zuversicht ausgesprochenen Vermuthungen erfüllten sich beinahe buchstäblich. Oswald war in der That nur bis zum Dorfe gefahren, hatte dort den Wagen fortgesandt und eilte nun zu Fuß den Bergen zu. Das gerühmte Ahnungsvermögen mußte bei ihm wohl besonders stark entwickelt sein; denn ohne auch nur einen Augenblick zu schwanken und zu zögern, schlug er den Weg ein, der zu einer gewissen Waldhöhe führte. Sein Schritt ward immer schneller, immer stürmischer, je näher er seinem Ziele kam, und als er es endlich erreicht hatte, fand er auch, was er suchte. Er hatte es errathen, wohin sich Hedwig's erster Gang in der Heimath richten würde.

Wieder waren die Schwalben gekommen. Aus weiter Ferne trug sie der Flug zurück nach den alten geliebten Stätten. Mit leichten Schwingen zogen sie durch die sonnige Luft, umkreisten Berge und Wälder und flatterten dann nach allen Richtungen hin aus einander, als wollten sie ihre alte Heimath grüßen – die ersten Boten des Frühlings.

[560] Aber diesmal weckte ihr Gruß nicht eine in Reif und Nebel schlummernde Erde; sie war längst erwacht aus ihrem Winterschlafe. Ueber dem sonnendurchleuchteten Walde lag wie ein zarter, durchsichtiger Schleier das erste Grün, das aus den Knospen hervorbrach; auf Wiesen und Feldern drängte und keimte es empor aus jeder Scholle, und über Erde und Himmel war ein förmliches Meer von goldig strahlendem Lichte ausgegossen. Ueberall wehte Frühlingsluft und Frühlingsathem; überall jubelten die Stimmen des neu erstandenen Lebens.

Auch für die Beiden, die dort oben auf der sonnigen Höhe standen, war es Frühling geworden. Sie hatten lange auf ihn harren müssen, nun aber kam er ihnen auch in seiner ganzen Pracht. Die Worte der Liebe, die hier ausgesprochen worden, mochten wohl stürmischer und leidenschaftlicher gewesen sein, als jene, die Hedwig vor drei Jahren von anderen Lippen gehört hatte, und tiefernst waren sie auch gewesen – das sprach aus Oswald's Zügen, als er sich zu seiner Braut niederbeugte, aus der Thräne, die noch an Hedwig's Wimpern hing. Ihre dunkelblauen Augen waren so tief, so seelenvoll geworden, seitdem sie die Thränen kennen gelernt hatten.

„So lange habe ich harren müssen,“ sagte Oswald, und es klang wie ein Vorwurf mitten durch die leidenschaftliche Zärtlichkeit seiner Worte. „So endlos lange! Weit über ein Jahr hinaus hast Du Dich mir entzogen, und nicht einmal schreiben durfte ich Dir. Bisweilen glaubte ich, ganz vergessen zu sein.“

Hedwig lächelte, noch durch Thränen. „Nein, Oswald, das hast Du nicht geglaubt. Du wußtest ja, daß ich ebenso schwer unter dem nothwendigen Schweigen gelitten habe wie Du, aber ich war dieses Schweigen dem Andenken Edmund's und dem Schmerze seiner Mutter schuldig. Du hast sie ja gesehen bei der Ankunft, und ihr Anblick wird Dir erklärt haben, weshalb ich nicht den Muth hatte, glücklich zu sein, so lange ich an ihrer Seite war.“

„Sie ist allerdings furchtbar verändert. Der Aufenthalt im Süden hat also gar keine Besserung gebracht?“

„Nur einen Aufschub. Ich fürchte, sie kam nur, um hier zu sterben.“

„Ich wußte es, daß sie den Schlag nicht überwinden würde,“ sagte Oswald. „Weiß ich doch, was Edmund mir war – wie viel mehr der Mutter!“

Hedwig schüttelte leise das Haupt. „Den Schmerz lernt man tragen, und er mildert sich mit der Zeit, aber was an diesem Leben nagt, das ist etwas so Ruheloses, so qualvoll Verzehrendes, daß ich bisweilen versucht bin, es für eine – Schuld zu halten.“

Oswald schwieg, aber die finstere Wolke auf seiner Stirn gab die Antwort, die er schuldig blieb.

„Du hattest mir bei unserer Abreise das Versprechen abgenommen, nicht mit Fragen und Bitten in die damals schon todtkranke Frau zu dringen,“ fuhr das junge Mädchen fort. „Ich habe es gehalten und mit keinem Worte das berührt, was doch so schwer auf mir lag. Es ist mir so Vieles dunkel und räthselvoll in Dem, was dem Tode Edmund's voranging und was ihm folgte. Ich ahne nur das Eine – daß er den Tod gesucht hat. Warum? Das ist mir ein Geheimniß geblieben, bis zu dieser Stunde. Aber zwischen uns darf sich das nicht auch drängen, Oswald! Du mußt mir antworten, wenn ich Dich jetzt bitte, mir die Wahrheit zu sagen. Auf Deiner Stirn dulde ich diese finsteren Wolken nicht.“

Hier konnte sie bitten, mit der ganzen Innigkeit und der ganzen Macht der Liebe, und hier war sie auch ihres Sieges gewiß. Oswald zog sie fester in seine Arme.

„Nein, meine Hedwig! Zwischen uns darf nichts liegen; da muß Alles klar und offen sein. Aber nicht jetzt und nicht hier kann ich Dir dieses unselige Gewebe von Schuld und Verhängnis enthüllen. Meiner Braut kann ich es noch nicht sagen. Wenn Du erst mein Weib bist, sollst Du erfahren, was Edmund in den Tod getrieben hat, und was die Mutter jetzt unaufhaltsam ihm nachzieht. Der dunkle Schatten gehört nicht in das Glück dieser Stunde, von der ich oft geträumt, von dem Augenblicke an geträumt, in dem sich dieses Antlitz zum ersten Male mir entschleierte, da Du mitten im Schneesturme plötzlich vor mir standest wie ein lebendig gewordener Frühlingstag mit all seinen Verheißungen von Leben und Glück. Damals durfte ich ja nicht hoffen, daß sie sich je erfüllen würden.“

Hedwig blickte zu ihm auf. Sie hatte das alte, neckische Lächeln doch noch nicht verlernt; es spielte jetzt wieder um ihre Lippen mit seinem ganzen bezaubernden Reize, als sie erwiderte:

„Weshalb denn nicht? Es war ja ein Frühlingssturm, in dem wir uns zum ersten Male begegneten, und hier, an dieser Stelle, habe ich es Dir zugerufen, als Du so düster von dem Leben und der Vergangenheit sprachest: 'Es wird doch endlich Frühling.'“

Wie eine Antwort tönte der leise, grüßende Ruf der Schwalben nieder, die um die Höhe flatterten, wie damals im Nebelgeriesel. Aber heute tauchten sie ihre Schwingen in vollen Sonnenschein. Sie hoben sich hoch und immer höher, bis sie verschwanden in dem unabsehbar tiefen Blau des Frühlingshimmels. Die kleinen geflügelten Boten, die der Erde nach langen Winterträumen die Verheißung von neuem Licht und Leben bringen, sie hatten diesmal nach langem Sehnen und Ringen einen Lebensfrühling gebracht.