Göksu oder das Thal der süssen Wasser bei Konstantinopel
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bei Konstantinopel.
Seitdem ein Besuch Stambuls zu den gewöhnlichen Sommerausflügen aus dem Abendlande gehört, fehlen auch in der türkischen Hauptstadt die Einrichtungen nicht mehr, welche Bequemlichkeit und Vergnügungslust überall suchen, wohin die Schaaren der Touristen ihren Flug nehmen. In englischen, französischen, italienischen und deutschen Hotels findet in Konstantinopel ein Jeder, wenn er mag, heimathliche Einrichtung und Sitte, Sprache und Küche wieder, und Arndt’s Lieder schallen und deutscher Wein perlt im grünen Römer an den lachenden Ufern des Marmormeers so gut wie am Rhein. So sind auch für den Besuch der reizenden Umgebungen der Hauptstadt jetzt Omnibusse eingerichtet, und ein niedliches Dampfboot macht im Sommer regelmäßige und tägliche Fahrten nach den schönsten Punkten des Bosporus.
Eine solche Exkursion an einem schönen Sommermorgen ist in der That ein Fest. Auf dem Verdeck ist ein Zelt aufgeschlagen, der Mast ist mit Blumen geziert, der Rauch selbst erglänzt im Sonnenschein; ein Böllerschuß verkündet die Abfahrt, und zwischen zwei schäumenden Furchen tritt das Fahrzeug in des Bosporus herrliches Thor. Alle Gesichter sind heiter, alle Sprachen werden geläufiger; alle Augen sind nach den enger und immer enger zu einander rückenden Ufern beider Welttheile gerichtet. Sie liegen so nahe, daß man sie mit Händen greifen möchte.
Der Dämpfer schwebt dahin wie ein Vogel; wie ein Schattenspiel ziehen rechts und links die Städte und Flecken, die Dörfer und Landhäuser, die Schlösser und Ruinen vorüber. Dabei hat man vom Verdeck aus einen Rückblick auf Konstantinopel, welcher entzückt. Die stolze Stadt entfaltet ihre ganze Pracht. Ihre Stirne erhebt sie in einer strahlenden Atmosphäre, während sie ihren Fuß im Marmormeere badet. Deutlich unterscheidet man ihre Hauptgebäude: das Serail mit seinem Mauerkranze, den hehren Dom der Sophienkirche, den schlanken Wald der Minarets, die Kuppeln der Moscheen, die Säulenmonumente, die Thürme der Befestigungen, den Mastenwald des Hafens und die von jeder Höhe, jedem Vorgebirge heraushängenden Villen und Paläste. Es ist wahr, Nichts verkündigt den Orient auf eine großartigere Weise, als dieses Byzanz. [11] Hier erscheint es dem Reisenden gleichsam als der Portikus zu einer Gallerie der schönsten Landschaftsbilder, welche erst am Euxinus endigt.
Eine Stunde ungefähr mag die Fahrt gedauert haben, als man die Stelle erreicht, wo, auf europäischer Seite, der Flecken Babeck, welchen eine bewaldete und steile Höhe dicht an die Uferwand gedrängt hat, freundlich herüber blickt. Hier, wo der Bosporus sich außerordentlich verengt, haben die Türken zwei schwer gerüstete Wächter hingestellt: Rumili-Hissar und Anadoli-Hissar, in alter Zeit als Festungen sehr gefürchtet und als Staatsgefängnisse noch mehr berüchtigt. Dicht bei der asiatischen Burg, unter dem Schutze ihrer Feuerschlünde, steht ein Kiosk des Padischah.
Ein heller Bach mündet nicht weit davon in den Bosporus, und hübsche Kayen, vor welchen türkische Gondeln liegen, bezeichnen dem Dämpfer sein erstes Ziel. Die Schaufelräder ruhen und die Gesellschaft steigt aus, um das gefeierte Göksuthal hinauf zu wandern und da, auf asiatischem Boden, die orientalische Natur in ihrem Liebreiz und das türkische Volksleben in seinen geselligen Formen zu belauschen. Vielfach gewunden schlängelt sich der üppige Wiesengrund das Thal hinauf, majestätische Laubwaldung bedeckt seine Seiten, und Gruppen von Platanen und Zypressen schatten an den Ufern des rauschenden Bachs, oder um Fontainen, aus denen das beste Quellwasser Kühlung und Labsal spendet. Kiesbestreute Fahrwege und Fußpfade verbinden die verschiedenen Partieen, und das Ganze gleicht einem Parke, dessen Schönheit die Hand des Menschen nur zugänglich gemacht, nicht geschaffen hat. Hier begehen die türkischen Bewohner der Hauptstadt in den Sommertagen ihre ländlichen Feste, und oft sind Tausende da versammelt. Auch ihre Frauen dürfen am Vergnügen im „Thale der süßen Wasser“ Theil haben; sie führen sie hinaus in plumpen, wunderlich geformten Kutschen. Büffel, angethan mit glänzendem Geschirr, machen die Gespanne dieser Equipagen aus, in welchen die Damen verschleiert am Boden sitzen. Die osmanische Eifersucht hält an solchen öffentlichen Belustigungsorten die Geschlechter gänzlich geschieden; ja selbst den Vater und die Brüder wird man mit den weiblichen Verwandten nie zusammen sehen. Die Kutschen der Frauen sind daher stets nur auf einer Seite der Springbrunnen zu finden; die Männer aber lagern sich mit ihren Tschibucks auf Teppichen, im Schatten der Bäume, auf der andern. Die Demarkationslinien nehmen die Verkäufer von Erfrischungen ein, um beide Parteien zu bedienen. Sorbet, aus Fruchtsäften bereitet und mit Eis gekühlt, und saure Milch (Jagurd) sind die Lieblingsgetränke; wandernde Konditoren bieten Näschereien dar, griechische Mädchen Blumen und Früchte. – Mäßigkeit ist eine allgemeine Tugend der Türken; sie wird durch den Koran streng geboten, und Szenen, wie man ihrer im Abendlande überall, wo große Menschenmassen zu Vergnügen sich sammeln, unausbleiblich begegnet, sind dort unerhörte Dinge.
[12] Ein Spaziergang zum Kiosk des Sultans ist lohnend. Dieser kaiserliche Sommerpalast liegt auf einer Anhöhe und spendet eine reizende Fernsicht auf die Gestade der Meerenge, die Gebirge Rumeliens und die Hauptstadt. Es gibt nichts Lieblicheres, als diese Wohnungen, welche mit ihrer eigenthümlichen, zierlichen Architektur aus dem Grün der Platanen in jenem durchsichtigen Lichte erscheinen, womit der orientalische Himmel so gern die Werke seiner Kinder schmückt. Die Reinheit der Luft, der funkelnde Sonnenglanz, die tiefe Bläue des Himmels, der Wohlgeruch des benachbarten Meeres, Alles verleiht ihnen einen Zauber, eine Poesie, welche man anderswo nur träumt. Auf breiter Treppe steigt man zur Pforte hinan und blickt durch ein geheimnißvolles Helldunkel in den marmornen Hof, wo die Garbe des Springbrunnens schäumt unter dem Bogen blühender Orangen. Des Hofes Hintergrund ist eine hohe Mauer. Schaukelnde Baumkronen winken hinüber; aber keinem Mann, außer dem Padischah selber, reifen die Früchte dieses versteckten Paradieses. Hinter jenen Mauern lustwandeln junge Frauen um Fontainen, in den Hainen und Laubgängen, welche hier für sie geschaffen sind, damit sie, den üppigen Launen eines Einzigen zu Gebot, in nutzlosem Müßiggang ein Sklavenleben führen. Dort pflegt der verweichlichte Enkel Osman’s sein entnervendes Haremsleben fortzusetzen, wenn er, müde des Serails, die Schlösser des Bosporus besucht. Unbekümmert um den Einsturz des Reichs schwelgt er dort wie Sardanapal, und wird er fortschwelgen, bis er elender wie Sardanapal endigt. –