Galerie historischer Enthüllungen/4. Arnold von Winkelried

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Autor: Dr. Otto Henne-Am Rhyn
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Titel: Galerie historischer Enthüllungen 4. Arnold von Winkelried
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 6–8
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Galerie historischer Enthüllungen.


4. Arnold von Winkelried.*[1]


Wenn das schnaubende Dampfroß dahinrast auf jener Straße, die so recht in das Herz der schönen Schweiz hineinführt, auf der Eisenbahn von Basel nach Luzern, so geht es eine Zeitlang durch eine einförmige Ebene ohne nennenswerte Abwechselung; aber auf einmal erscheint auf der östlichen Seite der Bahn ein schöner See; in Mitteldeutschland, das an Seen arm, wäre er ein respectables Wasserbecken, in Asien und Amerika, in den Reichen der Riesenseen ein unbedeutender Teich; in der Schweiz gehört er zu den Wasserspiegeln mittlerer Größe. Jenseits der ansehnlich breiten blauen Fläche erheben sich mit Wiese und Wald und mit Obstbäumen bedeckte Höhen terrassenförmig, und dort liegt auch am Ufer das winzige Städtchen, das dem See den Namen gegeben hat, der aber zugleich erhebende historische Erinnerungen wachruft. Dort wird jährlich am 9. Juli unter dem Schatten der Bäume bei einer Capelle ein Fest gefeiert, das der Rettung des Vaterlandes durch einen glänzenden Sieg gilt. Wir meinen die Schlacht bei Sempach im Jahre 1386. Und mit diesem Siege ist der Name eines Mannes verknüpft, der nach mehrhundertjähriger Ueberlieferung denselben durch seine That herbeigeführt hat und durch diese unsterblich geworden ist, eines Mannes, der in der Reihe der Schweizer Helden die erste Stelle nach Tell einnimmt und im gegenwärtigen historischen Bewußtsein der Schweizer sowohl, wie der Ausländer, welche die Geschichte der Schweiz kennen, von der Erinnerung an die Schlacht bei Sempach schlechterdings nicht zu trennen ist. Es ist der Name Arnold von Winkelried’s aus Unterwalden, dessen schönes Denkmal, die That darstellend, seit zwölf Jahren seinen Heimathsort Stans in Unterwalden schmückt. Zahllose Bilder stellen diese Heldenthat dar, wie er die Mauer der feindlichen Speere bricht und in diesen mit den Worten: „Ich will Euch eine Gasse machen – sorgt für mein Weib und meine Kinder!“ den Opfertod für das Vaterland findet. Andere Bilder malen den Augenblick nach der That, wieder andere den Abschied des Helden von Weib und Kind. Sehr oft ist die That dramatisch bearbeitet worden, wenn auch nicht von Meisterhand, und Volkslieder variiren das Thema:

„Wir singen heut’ ein heilig Lied,
Es gilt dem Helden Winkelried.“

Die Heldengestalt Arnold von Winkelried’s hat mit der Zeit auf dem alterthümlichen Goldgrunde der Schlacht bei Sempach einen solchen Umfang an Charakter und Kraft gewonnen, daß gar nicht mehr gefragt wird, wodurch das Häuflein schlecht bewehrter und noch schlechter geübter Eidgenossen gegenüber der kolossalen Uebermacht des österreichisch ritterlichen Heeres den Sieg errang. Es gilt als selbstverständlich, daß dieses Resultat allein der Großthat Winkelried’s zu verdanken war, und der schweizerische Patriotismus sowohl, wie seine Bewunderer vergessen dabei auffallender Weise, daß der Tapferkeit der Schweizer als Volk und als Ganzes nicht viel zu thun übrig blieb, wenn ohne die freiwillige Selbstaufopferung eines Einzelnen die Sache der Freiheit verloren gewesen wäre.

Früher ist nun, in Bezug auf Winkelried, wie auf Tell, wenig danach gefragt worden, seit welcher Zeit sein Name als derjenige des Helden, der die Schlacht entschied, genannt wird. Die Gestalt des Helden stand im Bewußtsein der Schweizer und ihrer Freunde so fest, daß man gar nicht daran dachte, es könnte an seiner historischen Evidenz gerüttelt werden. Es wurde in der That dieser Versuch nicht gewagt, ehe die Geschichte von Wilhelm Tell gründlich in Zweifel gestellt war. Erst da wurde auch in Bezug auf Winkelried gefragt: Welche Berechtigung hat dieser Charakter, in der Geschichte eine Rolle zu spielen? Wie alt ist die Erzählung von seiner That? Konnte der schweizerische Sieg bei Sempach nicht ohne dieselbe erfochten werden?

Sehen wir nun nach, wie wir an der Hand genauer und gewissenhafter historischer Forschung auf diese Fragen antworten. Vorerst wird es nothwendig sein, in gedrängter Kürze bis auf die Ursachen zurückzugehen, welche den Zusammenstoß der österreichischen und schweizerischen Waffen bei Sempach herbeiführten.

Die Schweizer hatten beinahe dreißig Jahre in Frieden mit Oesterreich gelebt, ohne daß deshalb diese Macht ihre Ansprüche auf schweizerische Gebietstheile aufgegeben hätte. Der Friede konnte daher nicht von Bestand sein, namentlich da die ältesten Cantone von ihren Bundesgenossen und Vorposten, Bern und Zürich, durch österreichisches Gebiet getrennt waren, das sie sich aneignen mußten, wenn ihr Bund nicht steter Gefahr vor Angriffen ausgesetzt sein sollte. Am meisten dem Erbfeinde bloßgestellt war Luzern, zudem auch in seinem Verkehre durch die nahe vor seinen Thoren im Widerspruche mit ausgestellten Freiheitsbriefen erhobenen österreichischen Zölle empfindlich beeinträchtigt. Als nun ein an den Herzog Leopold von Oesterreich gerichtetes Verlangen um Aufhebung dieser Zölle keine Beachtung fand, zogen die Luzerner frischweg nach dem Städtchen Rothenburg, wo der lästigste Zoll erhoben wurde, nahmen es ein und rissen Thore und Mauern nieder. Das nämliche Schicksal hatten noch mehrere andere Burgen, und die Folge war, daß die Bevölkerung der ganzen Umgegend, darunter auch die Bürgerschaft von Sempach, sich in das Burgrecht von Luzern aufnehmen ließ. Nun sagte Herzog Leopold den Schweizern den Frieden ab und dasselbe thaten alle seine Bundesgenossen und Vasallen. Er zog mit denselben, die ein stattliches Heer bildeten, gerade auf Luzern los, während er zugleich durch eine Truppenabtheilung Zürich beschäftigte, damit es den Urschweizern nicht beistehen könne. Das Hauptheer langte am 9. Juli 1386 vor Sempach an, und von hier gehen die Berichte verschiedener Zeiten und Parteien auseinander.

Die österreichischen Geschichtsschreiber der nächsten hundert Jahre†[2] erzählen den Hergang der Schlacht bei Sempach ungefähr folgendermaßen: Das Heer des Herzogs stieß unvermuthet (?) auf die Schweizer und Leopold schickte einen Theil seiner Truppen gegen dieselben in’s Gefecht, welche sie kampfbereit empfingen. Aber die Ritter waren zu kampflustig und stürmten ungeordnet gegen die Feinde. Auch des Herzogs Banner war dabei. Anfänglich fochten die Oesterreicher mit Glück, doch bald hörte der Herzog ein klägliches Geschrei: „Rette Oesterreich, rette!“ und sah sein Banner in Gefahr. Da rief er seinen Rittern und Knechten, daß sie mit ihm absäßen und den Kämpfenden zu Hülfe eilten. Es geschah so; der Fürst that selbst wie seine Leute und kämpfte wie ein Löwe. Aber obgleich mancher Feind unter seinen und seiner Leute Streichen fiel, neigte sich der Sieg auf die Seite der Schweizer, und der Herzog, welcher, als es noch Zeit dazu war, hätte flüchten können, wurde mit vielen Rittern und Knechten erschlagen. Viel trug zu diesem für Oesterreich schimpflichen Ende bei, daß ein Theil der Leute des Herzogs zu Pferde geblieben war und bei der Wendung des Schlachtglückes die Flucht ergriffen hatte. Auch ist nicht außer Acht zu lassen, daß die österreichischen Berichte behaupten, das Heer des Herzogs sei an Zahl geringer gewesen, als das der Schweizer. Keiner der österreichischen Berichte aber weiß etwas davon, daß die Ritter, nachdem sie abgestiegen, mit vorgehaltenen Speeren eine Mauer gebildet hätten, keiner weiß etwas von Winkelried’s Namen und That. Alle schreiben den Ausgang der geringen Zahl der Oesterreicher, ihrem Mangel an [7] Ordnung, der großen Hitze des Tages und der Flucht Einzelner, wie auch der Tapferkeit und dem Ungestüm der Schweizer zu. Dabei ist nicht zu vergessen, daß die österreichischen Chronisten kein Interesse hatten, die That Winkelried’s zu verschweigen; im Gegentheil, es war ehrenvoller für Oesterreich und ungünstiger für die Schweiz, wenn die Niederlage durch die unvermuthete That eines Einzelnen, als wenn sie durch die Tapferkeit der Schweizer als Volk und durch die schlechte Haltung der Oesterreicher herbeigeführt wurde.

Wir kommen zu den schweizerischen Schlachtberichten. Der älteste schweizerische Chronist seit der Schlacht bei Sempach, ein Zeitgenosse derselben, der Stadtschreiber Justinger von Bern, erzählt das Ereigniß sehr kurz. Beide Theile stießen aufeinander, die Eidgenossen in Form eines Keils, und letztere siegten, wie der Berichterstatter fromm sagt, durch Gottes Hülfe. Von Winkelried und seiner That geschieht nicht die leiseste Andeutung, ja nicht einmal vom Lanzenwalle der Ritter. Ausführlicher ist der Bericht, welchen zwei Züricher Chroniken von der Schlacht geben. Die eine derselben nun enthält einen Zug, welchen man für die älteste Spur von Winkelried’s That hält. Sie sagt: Nachdem die Eidgenossen anfangs großen Schaden erlitten, half Gott ihnen zum Siege. Das hatte man einem getreuen Mann unter den Eidgenossen zu verdanken; da dieser sah, daß es seinen Landsleuten so übel ging und die Herren mit ihren Lanzen und Spießen überall die Vordersten niederstachen, bevor die Schweizer sie mit ihren Hellebarden erreichen konnten, da drang der ehrbare fromme Mann vor und erfaßte so viel Spieße, als er ergreifen konnte, und drückte sie nieder, so daß die Eidgenossen nun vordringen konnten. Und freudig rief er aus: „Sie fliehen Alle da hinten!“ Und da wurden viele Grafen, Ritter und Knechte erschlagen, und die Schweizer behaupteten das Feld.

Die andere, gleichzeitige und sonst mit der erwähnten übereinstimmende und aus gleicher Quelle schöpfende Züricher Chronik hat diesen Zug nicht. Was nun den letzteren betrifft, so ist nicht außer Acht zu lassen, daß weder der Name des tapfern Eidgenossen, welcher die Speere faßte, noch sein Tod gemeldet wird. Daß er nach erfochtenem Sieg sich über die Flucht der Feinde freut, spricht gegen sein Unterliegen; wäre er gestorben, so hätte es der Chronist sicherlich auch erwähnt. Da nun aber der Zug auf höchst ungeschickte Weise in die Erzählung verflochten ist, indem er erst erwähnt wird, nachdem bereits gesagt worden, daß die Schweizer gesiegt hätten und Leopold mit vielen Herren gefallen sei, so charakterisirt er sich als eine spätere Einschiebung. Die Abschrift, in welcher er enthalten ist, datirt aus dem Jahre 1476, die Abfassung der Chronik von 1466, also immerhin achtzig Jahre nach der Schlacht – eine Frist, nach welcher die Berichterstatter nicht mehr als Zeitgenossen gelten können, und innerhalb welcher eine Sagenbildung durch Gerüchte und Wiederholungen solcher leicht möglich ist. Auch ohne dies wäre ein Mann ohne Namen, welcher durch seine That den Sieg herbeiführt, ohne dabei den Tod zu erleiden, noch lange kein Winkelried. Nicht nur der Name, sondern die That selbst war aber noch dem Luzerner Chronisten Melchior Ruß unbekannt, welcher volle hundert Jahre nach der Schlacht sein Jahrbuch schrieb und darin, ganz Justingern nacherzählend, nicht ein Wort von Winkelried und seiner That sagt. Er fügt sogar der kurzen Darstellung des Berners anekdotenhafte Züge bei, z. B. die Oesterreicher hätten zwei Wagen voll Stricke mit sich geführt, um die Eidgenossen daran aufzuhängen, und die Ritter hätten sich die Schuhschnäbel abgehauen, um besser zu Fuß kämpfen zu können; sollte er da Winkelried’s That vergessen oder verschwiegen haben? Er wußte also nichts davon.

Derselbe Geschichtschreiber Ruß fügt seiner Erzählung auch ein Lied über die Sempacher Schlacht bei, in welchem ebensowenig von Winkelried die Rede ist, als in seiner Prosa, obschon es fünfzehn Strophen zählt, eine Menge Einzelheiten und Namen Kämpfender und Gefallener erwähnt und nach des Chronisten Aussage unmittelbar nach der Schlacht entstand. Dieses Lied nun ist beinahe ganz in ein anderes größeres von siebenundsechszig Strophen aufgenommen, welches die älteste Quelle bildet, die Winkelried’s That unter seinem Namen meldet, das heißt blos unter seinem Familien- ohne seinen Vornamen. Die letzte Strophe schreibt es einem Luzerner, Namens Halbsuter, zu, welcher es gedichtet habe, als er aus der Schlacht gekommen sei. Die historische Kritik hat aber nachgewiesen, daß dasselbe vor dem dritten Jahrzehnt des sechszehnten Jahrhunderts unbekannt war, die Behauptung der letzten Strophe also unwahr ist, was übrigens schon daraus hervorgeht, daß Ruß nur das kleinere Gedicht kennt. Ja, es ist durch Ottokar Lorenz unzweifelhaft bewiesen, daß das größere Lied aus drei Gedichten zusammengesetzt ist, aus dem kleinern und zwei anderen. Vor dem sechszehnten Jahrhundert wird demnach Winkelried’s Name nicht genannt, und in demselben war es nun, daß der Geschichtschreiber Aegidius Tschudi, dem wir auch die letzte Redaction der Tellsage verdanken, die Geschichte von Winkelried in diejenige der Schlacht bei Sempach einfügte und seinem Helden den Vornamen Arnold gab.

Wie bildete sich nun aber die Erzählung von Winkelried’s Namen und That aus? So wird der Leser mit Recht fragen. Wir wollen darauf zu antworten suchen.

Die That, wie sie das größere Sempacherlied und Tschudi von Winkelried erzählen, kommt in der schweizerischen Geschichte öfter vor. Der älteste schweizerische Chronist, Johannes von Winterthur, erzählt die That zweimal in Bezug auf sonst unbedeutende Schlachten, in den Jahren 1271 und 1332, jedesmal von Kriegern der Habsburger im Kampfe gegen Bern, und der Nürnberger Patrizier Wilibald Pirkheimer, welcher bekanntlich den sogenannten Schwabenkrieg Kaiser Maximilian’s gegen die Schweizer mitmachte, schreibt eine ähnliche That dem Heini Wolleb bei Frastenz (1499) zu, welcher Letztere sich allerdings, aber auf andere Weise, aufgeopfert hat. Solcher Züge häufiges Vorkommen ist aber gerade ein verdächtiger Umstand bezüglich ihrer Wahrscheinlichkeit, und sie haben daher etwas von der Eigenthümlichkeit der Mythe an sich; kommt ja in derselben die Selbstaufopferung auch ohne Krieg sehr häufig vor, ohne daß wir an einzelne Fälle zu erinnern nöthig hätten.

Wir kommen nun zum Namen Winkelried. So schlimm es in historischer Beziehung um die Existenz einer Familie Tell steht, so günstig verhält es sich mit derjenigen des Hauses Winkelried von Stans in Unterwalden. Die Winkelriede sind durch Urkunden seit alter Zeit wohl ausgewiesen. Der Aelteste des Geschlechtes, von dem wir wissen, war Ritter Rudolf von Winkelried im Jahre 1248, ein eifriger Anhänger des viel angefeindeten Kaisers Friedrich des Zweiten vom Hause Staufen. In den Jahren 1275 bis 1303 erscheint wiederholt Ritter Heinrich von Winkelried, genannt Schrutan, ein Lehenmann Graf Rudolf’s von Habsburg-Laufenburg.

Dieser Schrutan ist es aber, von welchem Tschudi seine erste auf die Winkelriede bezügliche Sage erzählt. Tschudi meldet nämlich in vollem Ernste: im Jahre 1250 habe ein großer Drache das Land Unterwalden verwüstet, und keine bewaffneten Maßregeln hätten etwas gegen ihn ausgerichtet. Da habe sich Herr Struth von Winkelried, der wegen eines Todtschlages verbannt gewesen, anerboten, den Drachen zu bekämpfen, wenn man ihm die Rückkehr in’s Vaterland erlaube. Es geschah so; er tödtete das Ungeheuer mit seinem von Dornen umwundenen Speere und mit dem Schwerte. Als er aber letzteres emporhob, träufelte ihm das Gift des Drachen auf den Leib, so daß er sterben mußte.

Man sieht klar, daß diese Geschichte rein mythisch ist. Struth Winkelried ist die Unterwaldener Variation von Hercules, Siegfried, St. Georg und Anderen, das heißt ein menschgewordener Gott, der den Drachen der Nacht tödtet, aber selbst wieder untergehen muß. Diese Erzählung Tschudi’s vom ältern Winkelried wirft daher ein höchst ungünstiges Licht auf die Wahrheit seiner spätern von Winkelried dem Jüngern bei Sempach.

Als Zeitgenossen der Tellsage und der Schlacht am Morgarten erscheinen (1309 bis 1325) Rudolf und Walther von Winkelried, 1363 Wilhelm von Winkelried und so noch Mehrere dieses Namens, ohne daß ihre Verwandtschaft unter sich bekannt wäre, bis wir endlich 1367 auf einen Zeugen, Namens Erni (Arnold) Winkelried stoßen und 1389 abermals auf einen Erni von Winkelried. Einer dieser beiden Erni ist entweder der von Sempach, dessen Schlacht zwischen jene beiden Jahre fällt, oder sie sind Einer und Derselbe, – dann wäre aber bei Sempach kein Winkelried gefallen, Tschudi führt allerdings seinen Arnold von Winkelried als den im Jahrzeitbuche von [8] Staus unter den gefallenen Unterwaldnern Erstgenannten auf; wann aber dieses nicht mehr vorhandene Jahrzeitbuch abgefaßt worden, ist nicht nachgewiesen.

Den Ersten und Einzigen der Winkelriede aber, welcher durch eidgenössische Berichte als Kriegsheld wohl ausgewiesen ist, lernen wir seit 1512 in Arnold von Winkelried kennen, welcher in jenen kriegerisch ruhmvollen, aber moralisch traurigen Zeiten, in denen die Eidgenossen zum Schaden ihrer guten Sitten als Herren Oberitaliens auftraten, eine hervorragende Rolle spielte. Wir finden ihn als Gardehauptmann der Schweizer bei Herzog Maximilian Sforza zu Mailand, als tapfersten Kämpfer in der Unglücksschlacht bei Marignano, wo die Franzosen den Kriegsruhm der Schweizer vernichteten, nach dem unseligen Bunde mit Frankreich aber – als französischen Söldner und Vorkämpfer bei Bicocca, wo er seinem alten Waffencameraden Georg von Frundsberg, dem bekannten deutschen Landsknechtführer, zurief: „Du alter Gesell, find’ ich Dich da? Du mußt von meiner Hand sterben.“ Aber nicht Frundsberg fiel, sondern Arnold Winkelried – einer besseren Sache würdig (1522).

Dieser letzte Winkelried (sein Sohn war der Letzte seines Stammes) war zu seiner Zeit so bekannt in der Schweiz, daß sich sein Name wohl an eine Gestalt knüpfen konnte, die sich gerade damals durch das größere Sempacherlied in den Gemüthern festsetzte.

Und nun unser Resultat? Es ist Thatsache, daß etwa anderthalbhundert Jahre nach der Schlacht bei Sempach die später erzählte That Arnold von Winkelried’s nicht bekannt war, die Schlacht aber allgemein so erzählt wurde, daß der Sieg der Schweizer derselben nicht bedurfte, sondern durch die Tapferkeit der Letzteren und die schlechte Disciplin der Oesterreicher hinlänglich erklärt wurde. Ob der zu derselben Zeit lebende Erni Winkelried in der Schlacht mitfocht oder gar darin fiel, kann bei dieser Sachlage leider nicht mehr von Belang sein. Auch muß daher zu unserem lebhaften Bedauern die That Winkelried’s, wie sie das große Lied und Tschudi erzählen, als eine nach und nach ausgebildete Sage betrachtet werden und der Held derselben als solcher dem Schicksale Tell’s anheimfallen. Dieses unerfreuliche Resultat hat aber weder für die Vaterlandsliebe, noch für den Ruhm der Schweizer irgendwelche nachtheilige Folgen. Unsere Vorfahren bleiben trotzalledem die Sieger von Sempach, ja der Ruhm verbreitet sich über alle Kämpfer, nachdem er bisher auf den Einen beschränkt war, der den Anderen erst die Bahn gebrochen.

Gleichviel aber, ob Sage oder Geschichte, ist der Umstand allein, daß ein solcher erhabener Zug in der Schweiz gedacht werden und Wurzel fassen konnte, ohne Frage schon ein Denkmal von der biderben und zugleich tiefpoetischen – ja sagen wir es gerade heraus, wie es ist –, echt deutschen Grundnatur unseres Volkes.

Dr. Otto Henne-Am Rhyn.     




  1. * Der Verfasser fühlt sich gedrungen, von vornherein gegen jede falsche Unterschiebung, die ihm in Bezug auf diesen Artikel wieder gemacht werden könnte, zu protestiren. Man hat seine Arbeit über Tell und den Rütlibund (1872, Nr. 49) als einen Angriff auf die patriotischen Gefühle der Schweizer, zu denen er ja selbst gehört, und seine Arbeit über Calvin (1873, Nr. 2) sogar als einen Ausfluß katholisch-jesuitischer Tendenzen verdächtigt. Beides ist gleich ungerechtfertigt. Weder gehört es zum Patriotismus, alle Traditionen seines Landes ohne Rücksicht auf ihre historische Nachweisbarkeit für wahr zu halten, noch zu antirömischer Gesinnung, in welcher der Verfasser gewiß das Aeußerste geleistet, alle Reformatoren und Wortführer des Protestantismus zu feiern und ihre Thaten durch Dick und Dünn zu vertheidigen. Wenn daher der Verfasser nachgewiesen (oder die Nachweise übersichtlich dargestellt), daß Tell nicht gelebt und daß Calvin kein Reformator, sondern ein protestantischer Inquisitor gewesen, so hat er einzig und allein der Wahrheit gedient und es hindert ihn dies so wenig, ein guter Schweizer zu bleiben, als es ihn hindert, wirkliche Reformatoren, wie namentlich Zwingli und Luther, hoch zu verehren und ihrem Auftreten begeisterten Beifall zu zollen.
  2. † Es gehören dazu: Der Chronist Gregor Hagen, die Reimchronik Peter Suchenwirt’s, die Chronik Königshofen’s, die Constanzer und die sogenannte Klingenberger Chronik.