Gang durch die Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Gang durch die Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 391–393
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Industrieausstellung in Chemnitz
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Gang durch die Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie.
Von Friedrich Hofmann.


Neben der großen Pariser Welt-Industrie-Ausstellung auch eine kleine sächsische in Chemnitz? Wird neben dem riesigen Oceandampfer eine solche Nußschale von Binnenseeboot dem Auge der öffentlichen Beachtung nicht ganz und gar entgehen?

Nein! Wir sind sogar der Ueberzeugung, daß die Deutschen auch außerhalb des engbegrenzten Ausstellungsgebietes dieser sächsisch-thüringischen Industrie-Parade ihre wärmere Theilnahme zuwenden, wenn sie auf einem Gange durch die Chemnitzer Festhallen die wahre Bedeutung derselben erkannt haben.

Der Werth der Ausstellungen ist genau wie das Glück der Länder zu bemessen, die Größe allein thut’s bei beiden nicht; es kommt bekanntlich bei den Staaten nicht darauf an, daß in ihren Gebieten die Sonne nicht untergehe, sondern auf das, was sie bescheint. Ebenso bestimmt den Werth einer Ausstellung nicht die Masse, die nur, wie ein kolossaler Baum, dessen einzelne Blätter wir nicht übersehen können, imponirt, sondern die Güte des Einzelnen, welches seinen Zweig schmückt. – Vor neun Jahren feierte ein kaum sechs Quadratmeilen großes Ländchen, das sogenannte Oberland des Herzogthums Meiningen, ein Industriefest, das mir heute noch unvergeßlich ist. Dieses Ländchen hat keinen schiffbaren Strom, welcher den Transport schwerer Massen erleichterte, keine fruchtreichen Ebenen für die Entfaltung eine maschinenbedürftigen Landwirthschaft, keine großen Städte zur Unterstützung der Kunstgewerbe; es ist ein Bergland, dessen Höhen kaum Hafer und Kartoffeln gedeihen lassen und das nur an seinem Südende seine Waldbachschluchten zu breiteren Thälern und Hügelfluren ausdehnt, – die Berge und der Wald sind sein einziger Reichthum, aber was aus diesen der Fleiß hervorzuziehen vermag, Holz und Gestein, Eisen, Glas und Porcellan, das genügt dem fleißigen, geschickten Völkchen, um die blühendste Industrie zu nähren, die ein so kleines Fleckchen deutscher Erde nur aufweisen kann. Von den mächtigen Maschinentheilen, für welche Hochöfen und Dampfhämmer arbeiteten, bis zur Porcellanvase mit kunstreicher Malerei waren alle Erzeugnisse der Fabrik und der freien Hand vertreten, und die Kinderlust der „Sonneberger Spielwaaren“ feierte Triumphe, die sich bis zu einem Linienschiff verstiegen, das in allen seinen Theilen, Masten, Segel, Geschütz und Menschen, aus Glas gefertigt war. Auch das war eine kleine, sehr kleine Ausstellung, aber sie gab ein Bild von einer in ihrem Gesammterfolge großartigen Industrie.

Dieses Ländchen gehört nun ebenfalls zum Ausstellungsgebiet von Chemnitz, und wenn auch letzteres, welches die Länder des Namens Sachsen (das Königreich und die preußische Provinz), die sächsischen und schwarzburgischen Kleinstaaten Thüringens und das reußische Voigtland umfaßt, noch nicht die Größe von tausend (genau neunhundert dreiundsechszig) Quadratmeilen erreicht, so nimmt doch diese Heimath von sechsthalb Millionen Deutschen durch die Segnungen, welche Natur und Cultur mit gleich freigebiger Hand ihnen geboten, einen obersten Rang wie in Wissenschaft und Kunst, so in Industrie und Gewerbe ein. Umgürtet von drei Gebirgen, die seit Jahrhunderten Hauptsitze deutschen Bergbaues und aller damit verwandter Erwerbszweige sind, vom südöstlichen Harz, vom Erzgebirg und von dem ein untrennbares Ganzes bildenden Thüringer- und Frankenwald; durchströmt von der schiffbaren Elbe, von der Mulde, Saale, Unstrut, Werra, welche die Erzeugnisse der Wälder und Berge, roh und verarbeitet, in die Ferne tragen; geschmückt mit mehr als einer „goldenen Aue“, wo Land- und Gartenbau, Obst- und Blumenzucht in ausgebildetstem Betriebe gedeihen; ausgestattet mit zahl- und volkreichen Städten und wohlgepflegten Residenzen, unter ersteren deutsche Hauptstädte der Kunst und Literatur, des Handels und der Industrie, unter letzteren berühmte Sitze wissenschaftlicher und Kunstsammlungen und Bildungsanstalten, welche das Bedürfniß nach edleren Erzeugnissen des Geistes und der Hand wecken, den Geschmack bilden und den Fleiß lohnen; endlich durchzogen von Eisenbahnen von allen Mittelpunkten des Verkehrs aus durch alle Ebenen und Thäler bis wo die Kämme der Gebirge ihnen Halt gebieten: so stehen die Länder dieses Ausstellungsgebietes vor uns, daß schon ein Blick auf die Karte von Deutschland uns überzeugt, hier pulsire das Herz einer Nation. Und wenn wir nun das Volk dieser Länder selbst näher betrachten, so verkündet uns seine Vergangenheit und Gegenwart, daß es mehr als einmal im Kampf um geistige Freiheit an der Spitze der Deutschen gestanden, wie Wittenberg und Jena deutsche Fackeln der Wahrheit waren, daß die Kleinstaaterei hier ihr einziges Segensreiches gewirkt: Volksbildung bis in die äußersten Winkel der Ländchen zu pflegen, und daß ebendarum hier die freien Fortbildungsvereine der arbeitenden Jugend so fröhlich gedeihen, wie in wenigen anderen Ländern. Wo aber der arme Arbeiter wie der einfache Bauer (man lerne die „landwirthschaftlichen Vereine des Erzgebirgs“ kennen, die unter der Leitung des Grafen zur Lippe auf Thum als Muster ihrer Art blühen!) zu der Einsicht gelangt sind, daß nur Bildung die Früchte ihres Fleißes veredelt und ihr Loos verbessert, da kann die Arbeit ihrer Hände auch nur eine gute, eine treffliche sein. Noch mehr: gerade die Länder dieses Ausstellungsgebietes haben seit den Tagen der Reformation in alten großen welterschütternden Kriegen am härtesten gelitten, sie haben die Schlachtfelder zu allen Entscheidungskämpfen, im Reformations- wie im dreißigjährigen, im siebenjährigen wie in den Franzosen-Kriegen hergeben müssen, die gekreuzten Schwerter sind auf keiner Länderkarte so dicht an einander gereiht verzeichnet, als hier, immer wurden kaum verharschte Wunden des Volkswohlstandes von Neuem aufgerissen, kaum entödete Felder von Neuem verwüstet, kaum neuaufgegrabene Erwerbsquellen von Neuem verschüttet, und dennoch ist das Volk dieser Länder heute fähig, in den wichtigsten Zweigen der Industrie und Gewerbe sich selbst neben ein England zu stellen, wo seit Jahrhunderten kein feindlicher Fuß eine Scholle zerstampft und kein innerer Krieg den Frieden eines Hauses zerstört hat. Dadurch aber beweist dieses Volk, daß es ebensoviel Fleiß als Bildung, ebensoviel Energie als Geist besitzt, – und daß es eben darum eine besondere Beachtung in ganz Deutschland werth ist, wenn ein solches Volk über seine Schaffekraft ein gemeinsames öffentliches Zeugniß ablegt.

Von diesem Standpunkt aus habe ich die Chemnitzer Ausstellung betrachtet, und will der Leser mir dahin folgen, so wird er sich desselben patriotischen Genusses erfreuen, der in den deutschen Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie mir das Herz erhoben hat.

Und somit treten wir unseren Gang an. Einerlei woher wir kamen, der Dampfwagen führt in denselben Bahnhof und der Weg von da zum Ausstellungsgebäude giebt unseren staunenden Augen die Lehre, welche wahrhaft amerikanische Wachsthumskraft eine Stadt durch eine blühende Groß-Industrie empfangen kann. Vor etwa fünfzig Jahren eine Stadt von kaum siebenzehntausend Einwohnern und noch 1834 erst bis etwa zweiundzwanzigtausend vorwärts gekommen, bewohnen Chemnitz heute über sechszigtausend in zweitausend dreihundert meist stattlichen, zum Theil prächtigen Häusern und Fabrikherrenpalästen. Schon jetzt nimmt es einen größeren Raum ein, als Leipzig, das, wenn es seine bisherige Vornehmheit gegen den Bevölkerungszudrang von außen länger übte, in kurzer Zeit sich von der rührigeren Schwester an Größe und Volkszahl würde überflügelt sehen müssen.

In Freundesgesellschaft schritt ich über den Schillerplatz dem nahen Ausstellungsgebäude, diesem Ehrenhaus des Bürgergeistes, zu. Schon der erste Anblick desselben erfreut durch das Würdige des Baues. Das Ganze besteht nur aus Holz, Eisen und Glas, hat aber, da die Ausstellung ursprünglich für das vorige Jahr beplant, aber durch den deutschen Krieg unmöglich gemacht worden war, schon über ein Jahr Wind und Wetter Trotz geboten. Nicht durch Pracht und Höhe imponirend, denn nur der vordere Theil des Gebäudes erhebt sich, der dort angebrachten Galerien wegen, über den Parterrebau, aber durch die Ausdehnung der Glieder desselben verkündet er sich sofort als den Sitz einer für deutsche Verhältnisse in der That nicht kleinen Industrie-Parade. Das mit vier Eckthürmen geschmückte Hauptgebäude, welches uns eine seiner Langseiten als Façade des ganzen Baues mit stattlichem Eingang zwischen Portalthürmen entgegenstellt, hat eine Länge von dreihundertundzwanzig Fuß; das ganze Industriegebäude bietet einen Flächenraum von 158,224 Quadratfuß, von welchem die Maschinen allein 54,000 in Anspruch nehmen; außer dem Tisch- [392] und Bodenraum sind noch nahe an 30,000 Quadratfuß Wandraum mit Ausstellungsgegenständen bedeckt.

Diese Zahlen bezeugen, daß die Chemnitzer Ausstellung an Größe des von ihr bedeckten Raumes von keiner der allgemeinen deutschen Ausstellungen in Mainz, Berlin und Leipzig und selbst nicht von der großen österreichischen in Wien (1845) übertroffen worden ist; nur der Münchener Glaspalast konnte seinem verunglückten Unternehmen etwa 75,000 Quadratfuß mehr zur Verfügung stellen.

Zwischen Cassen und Garderoben zu beiden Seiten der Eingangshalle hin gelangten wir zur Thür und betraten die Haupthalle. – Es kann kein würdigeres Willkommen zu einer solchen Feier geben, als mit welchem hier so sinnig und geschmackvoll das sogenannte Octogon uns empfängt. Der Name sagt es, daß es eine achteckige Halle ist, von welcher die beiden Flügel der Haupthalle zur Linken und Rechten sich abzweigen und hinter welcher die mittlere der drei Verbindungshallen sich öffnet, welche aus der Haupthalle zu einer zweiten Längshalle im Galeriebaue führen. Architektonisch edel angelegt und durch geschmackvolle Farbendecoration ausgezeichnet, ist dieser hohe, rings von den bunten Herrlichkeiten und den Städtewappen der Galerien umgebene Raum ganz geeignet, uns mit Ernst und Ehrfurcht zu erfüllen; namentlich war diese Wirkung schön und fast rührend im Antlitz vieler Besucher „aus dem Volke“ sichtbar; und dazu macht die große Fontaine in der Mitte, deren hoher Strahl in drei Becken niederrauscht und die von reizenden Pflanzen- und Blumengruppen umgeben ist, das Athmen so wohlig, daß man sich schwer von dem labenden Gefühl dieses Aufenthaltes losreißt. Wie laut auch aus dem Parterreraume das Arbeiten der Maschinen zu uns her dringt, im Octogon selbst beobachtet jeder Eintretende Kirchenstille. Man will sich selbst nicht den schönen Eindruck stören. Ja, wenn zuweilen mit dem Rauschen des Wassers eine geschickte Hand sanfte Töne eines Harmoniums verbindet und die ausgestellte Kirchenglocke hoch von der Galerie ihre langhallenden Klänge dazu giebt, so kann dies wahrhaft feierliche Stimmungen hervorrufen. Und ich wüßte nicht, warum sie aus diesen Hallen ausgeschlossen sein sollten. –

Ein Spaziergang ohne Aufenthalt durch alle Gänge der Ausstellungsräume vom Octogon aus führt uns erst nach einer vollen Stunde in dasselbe zurück. Der Leser muß uns nun wohl auf einem solchen Rundgang folgen, weil er nur dadurch überhaupt einen Begriff von dem Reichthum und der Mannigfaltigkeit dieser Ausstellung erhalten kann. Vielleicht erleichtere ich ihm den Ueberblick, wenn ich ihn von den Galerien aus in diese und in die Parterreräume abwechselnd schauen lasse.

Wir wenden uns vom Octogon der linken Haupthalle zu, wo die Statue Reuchlin’s, ein Stück des Wormser Lutherdenkmals aus der berühmten Eisengießerei von Lauchhammer, der die rechte Halle schmückenden Gellertstatue gegenübersteht, gehen an einer Reihe plastischer Arbeiten in Stein und Thon, als deren letzte uns eine Lorelei begrüßt, und zwischen Eisenhüttenproducten und Eisenguß- und Marmorwaaren zu der breiten Treppe, die uns auf die Galerie führt und die selbst zur Ausstellung von Tuchen und Decken und Erzeugnissen der Jacquardweberei benutzt ist. Uns rechts wendend, an einer Frauenaugenweide von Teppichen, Plüsch und Flanell vorüber, gelangen wir zu den Manufacturwaaren von Frankenberg und stehen dann an der Galerie des Octogon. Vor uns im Parterre der rechten Haupthalle sehen wir durch den Wasserschleier der Fontaine und hinter der Gellertstatue an der linken Seite Werke der Holzschnitzkunst und eine Reihe Pianos und Harmonions, an der rechten Kunstmöbel, Spielwaaren, Spiegel, Korbmöbel, Billards und Bilderrahmen.

Wer etwa, wie ich, noch niemals die wahrhaft anmuthige Fingerbewegung bei der Spitzenklöppelei gesehen hat, der merke sich den Platz an der Ecke der Galerie nach der Mittelhalle hin, wo drei hübsche Kinder des Erzgebirges mit ihrer Kunstausübung die Ausstellung beleben. Neben ihnen winken die duftigen Räume eines Damenzimmers und Reihen von Weißwaaren auf den Tischen und an den Wänden. Unter uns, im Parterre, paradiren die berühmten Meisterwerke von Meißner Porcellan, Zöblitzer Serpentin und lange Mustergestelle von Siderolith- und Terracotta-Gegenständen, und zu beiden Zeiten dieser Kunstherrlichkeiten liegen Berg- und Hüttenproducte in lehrreicher Anordnung, Stein- und Braunkohlen in jeder Werthstufe und treffliche Alabaster-, Glas- und Schieferwaaren. Auch die Galerie gegenüber zeigt uns blendende Weißwaaren und Musterarbeiten der Bleicherei, Appretur, Maschinen-Stickerei, sowie allerlei Flachsgespinnste, Leinenzeug und Wachstuche in prangendem Farbenschmuck.

„Hier riecht’s köstlich!“ mußte ich ausrufen, als ich von dieser mittleren Verbindungsgalerie aus die Galerie der zweiten Halle betrat. Die Lithographien, Herrenkleider und Hüte, Galanterie- und Buchbinderwaaren, die mir zur Linken sich ausbreiteten, konnten, trotz ihrer Vortrefflichkeit, dies nicht bewirken; aber vor mir und zur Rechten hin dufteten die feinsten Tabaks- und Cigarrensorten aus Altenburg, Dresden, Gotha, Chemnitz und Leipzig, ganze Cigarrenwappen verrathen den Patriotismus ihrer Aussteller; zwischen Chocoladesäulen und Zuckerstatuetten der berühmtesten Conditoreien drohen Kloß und Förster’s Champagnerkanonen Lebkuchenmauern gegenüber, dort ist die Batterie geistiger Getränke der Gebrüder Weber in Magdeburg aufgepflanzt, daneben erhebt sich die Liqueurpyramide Kutschbach’s in Leipzig; und neben Grohmann’s deutschem Porter dürfen sich Illgen’s Bier-, Tafel- und Dessertkäse sehen und riechen lassen, denn unfern davon bekommen wir einen ganzen Ofen mit Urnenschmuck aus purer wohlriechender Seife zu genießen.

Aber unter uns, im Parterre der zweiten Halle, breitet eine Fülle von Gegenständen sich aus, deren Aufzählung dem Leser fürchterlich erscheinen könnte. Darum nur das Augenfälligste. Wir sind dem Eisenbereiche nahe gekommen, das bereits hier hereinragt. Neben Kochheerden und Oefen sehen wir Chemikalien und Farben, zu denen wir später zurückkehren müssen, wie zu den Nähmaschinen gegenüber, neben welchen Feuerwehrgeräthe den Uebergang zu den Feuerspritzen des Maschinenraums bilden. In der Mitte dieser Halle steht zwischen Horn-, Seiler- und Gürtlerwaaren, Bürsten, Pinseln und Laternen eine Sammlung von eleganten Holzschuhen (aus Seifhennersdorf), welcher die ländlichen Besucherinnen ihre besondere Theilnahme zuwenden. Die Cassaschränke nehmen nicht geringen Raum ein, und ebenso ihnen gegenüber die Klempnerwaaren und zwischen beiden die Meisterwerke von Neusilber und Messing, die zweimal sehenswerthen Gewehre, die Arbeiten aus dem Gußstahl von Döhlen, die Eisenwaaren der Marienhütte und die übrigen Eisenwerke dieses Raumes, auf die wir später zurückkommen.

Um die Buchbinderarbeiten zu überblicken und auf die andere (äußerste) Seite der Galerie zu gelangen, wandte ich mich links, noch einmal an den Freuden der Nase und der reichen Ausstellung von Hutmacherwaaren und den Musterstücken der Dresdner „Europäischen Moden-Akademie“ vorüber, dem linken Ende diesen reichen Ganges zu, wo auch eine treffliche Auswahl von Papier- und Galanteriewaaren und Werke der Buchdruckerkunst das Auge anlocken. Von da übersieht man zugleich die ansehnliche Pelz-, Tuch- und Lederausstellung in der hier ausmündenden Verbindungsgalerie. Dort bildet ein großer, aus wohl sechstausend Stückchen Pelz aller Art zusammengesetzter Stern (von Vopel in Chemnitz) einen vielbesuchten Wandschmuck. Wir setzen unsern Spaziergang auf der äußersten Galerie, da wo sie an das Maschinenparterre angrenzt, fort, an Strumpf- und Beutlerwaaren vorüber, mit schwerem Herzen an wunderschönen Sternen von zartesten Handschuhen für liebe Hände vorbei und werfen den Dresdner Gummiwaaren einen Blick zu; von einer großen Auswahl musikalischer und chirurgischer Instrumente (erstere aus Markneukirchen, Altenburg, Adorf, Chemnitz und Leipzig) kommen wir an künstlichen Gebissen und an einer stattlichen Sammlung von Uhren, Uhrentheilen und Uhrmacherwerkzeugen, darunter viele aus Karlsfeld, dem Sibirien Sachsens, Reißzeugen, Gold-, Silber- und Drechslerwaaren vorbei zu einem wahren Schatz von mechanischen Arbeiten, optischen, physikalischen und mathematischen Instrumenten und Apparaten, welche die allgemeinste Beachtung verdienen. Die der Frauenwelt nimmt allerdings die nächste Abtheilung ganz und gar in Anspruch: die reizenden Sonnen- und Regenschirme von Hansding und Schiller, und gleich daneben die Ausstellung von Damenkleidern, Corsetten, Bändern und Crinolinen. Damit an der rechten Giebelseite des Gebäudes angekommen, verfolgen wir den hier beginnenden Galerieverbindungsgang, der uns an einer reichen Auswahl von Toiletteartikeln vorüber in’s eigentliche Bereich der Kunst führt. Neben Oel-, Porcellan- und Glasgemälden ist besonders die Photographie stark und gut vertreten durch Werke aus Leipzig (Manecke), Dresden, Chemnitz und Freiberg (Patzig); hier fesseln [393] ferner Stickereien (Hietel, Schneider) und weibliche Arbeiten, unter welchen ein großes geklöppeltes Spitzentuch von den Klöppelschülerinnen des Erzgebirges uns anzieht. Auch zu den künstlichen Blumen, an denen wir jetzt vorbeieilen, müssen wir, eines wunderbaren Meisterwerkes wegen, später zurückkehren.

Es war ein Augenblick des Ausruhens, als ich hier wieder in der Haupthalle angekommen war und von der Galerie hinabblickte auf die Perlen in diesem Theile der Ausstellung, den prachtvollen Waffenschrank von Friedrich in Dresden, und des Leipziger Franz Schneider kunstreich aus Eichenholz geschnitzte Kanzel mit ihrer gothisch gen Himmel strebenden Schalldecke. Der alte Gellert kehrte mir hier den Rücken zu; er sah offenbar freudig auf den plätschernden Springbrunnen zwischen seinen lieben Blumen, und eine ferne Drehorgel leierte „Wer hat dich, du schöner Wald“ etc. dazu. – Der Blick in die Haupthalle von diesem Standpunkt aus ist es auch, welchen wir unseren Lesern in einer Holzschnitt-Illustration bieten werden.

Aber wir müssen weiter, um unseren Wegrest um die Galerie der Haupthalle zu vollenden. Die Damastweberei und farbenreiche Tapeten liefern hier ihren Tisch- und Wandschmuck, eine Meßmaschine für Schnittwaren, mit Zählzifferblatt, erfreut uns durch ihre sinnige Einrichtung, im Eckthurmzimmer stehen die Leistungen der Chemnitzer höheren Webschule zur Schau; es folgen Filetgewebe und Webwaaren (Hösel in Chemnitz) von hohem Werth und jeder Art; an Flanellen und Decken vorüber kommen wir zu der außerordentlich reich vertretenen Ausstellung von Strumpfwaaren, Strumpf- und Strickgarnen, winden uns durch vielbesuchte Gespinnste aller Art zu den Färbereiwaaren durch, und haben wir endlich die Plüsch-, Woll- und Baumwoll-Druckereien passirt, so wenden wir uns rechts der Treppe zu, die uns wieder zum Parterre der Haupthalle und zu unserem Ausgangs- und nun Ausruhepunkt im Octogon zurückführt.

Der Spaziergang ist gemacht, aber wie viel tausend Gegenstände, die sich dem Auge nicht aufdrängen, haben wir nicht gesehen, wie viele ganze Branchen nicht genannt und die vierundfünfzigtausend Quadratfuß der Maschinenräume noch mit keinem Schritt betreten! Dennoch wage ich es nicht, die Leser heute schon zu diesem neuen Gang zu verlocken; der eben zurückgelegte wird ihnen wenigstens annähernd ein Bild von dem Reichthum und der Anordnung dieser Ausstellung gewährt haben. Zur Beschauung der einzelnen besonders ausgezeichneten Gegenstände dieses Ausstellungstheiles sowie zu einem prüfenden Gang durch das Maschinenparterre an der Hand eines kundigen Führers bietet uns die eben beregte Abbildung des schönsten Theiles der Haupthalle in einer der nächsten Nummern der Gartenlaube die Gelegenheit.

Es sollte wohl die „patriotische Bildung“ bei uns hoch genug stehen, um besondere Vorzüge und Verdienste irgend eines einzelnen unserer Volksstämme zu einem Stolz aller Deutschen zu erheben, und demgemäß sollte es auch eine „patriotische Dankbarkeit“ geben, die den hervorragenden Leistungen eines Stammes die freudige Anerkennung von Seiten aller anderen Stämme sicherte; ob wir aber im dermaligen deutschen Nationalcharakter uns solcher erhabener Züge schon rühmen können? Darüber werden uns die Besucherzahlen der Chemnitzer Industriehallen belehren, die nicht zu betäubendem Pomp einladen und nationalen und noch anderen Eitelkeiten huldigen, sondern mit deutscher Einfachheit und Würde einzig der Ehre und der Förderung des Wohls des gesammten deutschen Vaterlandes dienen.