Gedanken: wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
Autor: Jacob Grimm
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Gedanken: wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten
Untertitel:
aus: Zeitung für Einsiedler
Herausgeber: Achim von Arnim und Clemens Brentano
Auflage:
Entstehungsdatum: 1808
Erscheinungsdatum: Vorlage:none
Verlag: Mohr und Zimmer
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Heidelberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Heidelberg, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

[152] Gedanken: wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten, von Jakob Grimm.

In unserer Zeit ist eine große Liebe für Volkslieder ausgebrochen, und wird auch die Aufmerksamkeit auf die Sagen bringen, welche sowohl unter demselben Volk herumgehen, als auch an einigen vergessenen Plätzen aufbewahrt worden sind. Oder vielmehr, (da die Sagen auch die Lieder erweckt haben würden,) die immer mehr Lebhaftigkeit gewinnende Erkenntniß des wahren Wesens der Geschichte und der Poesie hat dasjenige, was bisher verächtlich geschienen, nicht wollen vergehen lassen, welches aber die höchste Zeit geworden ist, beieinander zu versammeln.

Man streite und bestimme, wie man wolle, ewig gegründet, unter allen Völker- und Länderschaften ist ein Unterschied zwischen Natur und Kunstpoesie (epischer und dramatischer, Poesie der Ungebildeten und Gebildeten) und hat die Bedeutung, daß in der epischen die Thaten und Geschichten gleichsam einen Laut von sich geben, welcher forthallen muß, und das ganze Volk durchzieht, unwillkührlich und ohne Anstrengung, so treu, so rein, so unschuldig werden sie behalten, allein um ihrer selbst willen, ein gemeinsames, theures Gut gebend, dessen ein jedweder Theil habe. Dahingegen die Kunstpoesie gerade das sagen will, daß ein menschliches Gemüth sein Inneres blos gebe, seine Meinung und Erfahrung von dem Treiben des Lebens in die Welt gieße, welche es nicht überall begreifen wird, oder auch, ohne daß es von ihr begriffen seyn wollte. So innerlich verschieden also die beiden erscheinen, so nothwendig sind sie auch in der Zeit abgesondert, und können nicht gleichzeitig seyn[1], nichts ist verkehrter geblieben, als die Anmaßung epische Gedichte dichten oder gar erdichten zu wollen, als welche sich nur selbst zu dichten vermögen.

[153] Ferner ergiebt sich, wie Poesie und Geschichte in der ersten Zeit der Völker in einem und demselben Fluß strömen, und wenn Homer von den Griechen mit Recht ein Vater der Geschichte gepriesen wird, so dürfen wir nicht länger Zweifel tragen, daß in den alten Nibelungen die erste Herrlichkeit deutscher Geschichte nur zu lange verborgen gelegen habe.

Nachdem aber die Bildung dazwischen trat, und ihre Herrschaft ohne Unterlaß erweiterte, so mußte, Poesie und Geschichte sich auseinander scheidend, die alte Poesie aus dem Kreis ihrer Nationalität unter das gemeine Volk, das der Bildung unbekümmerte, flüchten, in dessen Mitte sie niemals untergegangen ist, sondern sich fortgesetzt und vermehrt hat, jedoch in zunehmender Beengung und ohne Abwehrung unvermeidlicher Einflüsse der Gebildeten.

Dieß ist der einfache Gang, den es mit allen Sagen des Volks, so wie mit seinen Liedern zu haben scheint, seitdem ihr Begriff eine etwas veränderte Richtung genommen, und sie aus Volkssagen, d. h. Nationalsagen, Volkssagen, d. h. des gemeinen Volks geworden sind. Ich wenigstens meinerseits habe es nie glauben können, daß die Erfindungen der Gebildeten dauerhaft in das Volk eingegangen, und dessen Sagen und Bücher aus dieser Quelle entsprungen wären.

Treue ist in den Sagen zu finden, fast unbezweifelbare, weil die Sage sich selber ausspricht und verbreitet, und die Einfachheit der Zeiten und Menschen, unter denen sie erhallt, wie aller Erfindung an sich fremd, auch keiner bedarf. Daher alles, was wir in ihnen für unwahr erkennen, ist es nicht, insofern es nach der alten Ansicht des Volkes von der Wunderbarkeit der Natur [154] gerade nur so erscheinen, und mit dieser Zunge ausgesprochen werden kann. Und in allen den Sagen von Geistern, Zwergen, Zauberern und ungeheuern Wundern ist ein stiller aber wahrhaftiger Grund vergraben, vor dem wir eine innerliche Scheu tragen, welche in reinen Gemüthern die Gebildetheit nimmer verwischt hat und aus jener geheimen Wahrheit zur Befreiung aufgelöset wird.

Jemehr ich diese Volkssagen kennen lerne, desto weniger ist mir an den vielen Beyspielen auffallend, die weite Ausbreitung derselben, so daß an ganz verschiedenen Oertern, mit andern Namen und für verschiedene Zeiten dieselbe Geschichte erzählen gehört wird. Aber an jedem Orte vernimmt man sie so neu, Land und Boden angemessen, und den Sitten einverleibt, daß man schon darum die Vermuthung aufgeben muß, als sey die Sage durch eine anderartige Betriebsamkeit der letzten Jahrhunderte unter die entlegnen Geschlechter getragen worden. Es ist das Volk dergestalt von ihr erfüllt gewesen, daß es Benennung, Zeit, und was äußerlich ist, alles vernachläßigt, nach Unschuld in irgend eine Zeit versetzt, und wie sie ihm am nächsten liegen, Namen und Oerter unterscheidet, den unverderblichen Inhalt aber niemals hat fahren lassen, also daß er die Läuterung der Jahrhunderte ohne Schaden ertragen hat, angesehen die geerbte Anhänglichkeit, welche ihn nicht wollen ausheimisch werden lassen. Daher es im einzelnen eben so unmöglich ist, den eigentlichen Ursprung jeder Sage auszuforschen, als es erfreulich bleibt, dabey auf immer ältere Spuren zu gerathen, wovon ich anderwärts einige Beyspiele bekannt gemacht habe.

Auch ist ihre öftere Abgebrochenheit und Unvollständigkeit nicht zu verwundern, indem sie sich der Ursachen Folgen und des Zusammenhangs der Begebenheiten gänzlich nicht bekümmern, und wie Fremdlinge dastehen, die man auch nicht kennet, aber nichts desto weniger versteht.

In ihnen hat das Volk seinen Glauben niedergelegt, [155] den es von der Natur aller Dinge hegend ist, und wie es ihm mit seiner Religion verflicht, die ihm ein unbegreifliches Heiligthum erscheint voll Seligmachung.

Wiederum erklärt sein Gebrauch und seine Sitte, welche hiernach genau eingerichtet worden sind, die Beschaffenheit seiner Sage und umgekehrt, nirgends bleiben unselige Lücken.

Wenn nun Poesie nichts anders ist und sagen kann, als lebendige Erfassung und Durchgreifung des Lebens, so darf man nicht erst fragen: ob durch die Sammlung dieser Sagen ein Dienst für die Poesie geschehe. Denn sie sind so gewiß und eigentlich selber Poesie, als der helle Himmel blau ist; und hoffentlich wird die Geschichte der Poesie noch ausführlich zu zeigen haben, daß die sämmtlichen Ueberreste unserer altdeutschen Poesie bloß auf einen lebendigen Grund von Sagen gebaut sind und der Maaßstab der Beurtheilung ihres eigenen Werths darauf gerichtet werden muß, ob sie diesem Grund mehr oder weniger treulos geworden sind.

Auf der andern Seite, da die Geschichte das zu thun hat, daß sie das Leben der Völker und ihre lebendige Thaten erzähle, so leuchtet es ein, wie sehr die Traditionen auch ihr angehören. Diese Sagen sind grünes Holz, frisches Gewässer und reiner Laut entgegen der Dürre, Lauheit und Verwirrung unserer Geschichte, ein welcher ohnedem zu viel politische Kunstgriffe spielen, statt der freyen Kämpfe alter Nationen, und welche man nicht auch durch Verkennung ihrer eigentlichen Bestimmung verderben sollte. Das kritische Princip, welches in Wahrheit seit es in unsere Geschichte eingeführt worden, gewissermaßen den reinen Gegensatz zu diesen Sagen gemacht, und sie mit Verachtung verstoßen hat, bleibt an sich, obschon aus einer unrechten Veranlassung schädlich ausgegangen, unbezweifelt; allein, nicht zu sehen, daß es noch eine Wahrheit giebt, außer den Urkunden, Diplomen und Chroniken, das ist höchst unkritisch,[2] und wenn die Geschichte ohne die Menge der Zahlen und Namen leicht zu bewahren und erhalten wäre, so könnten wir deren in so weit fast entübrigt seyn. So lässig immer, wie bereits erwähnt worden ist, die Sagen in allem Aeußeren erfunden werden, so ist doch im Ganzen das innerste Leben, dessen es bedarf; wenn die Wörter noch die rechten wären, so mögte ich sagen: es ist Wahrheit in ihnen, ob auch die Sicherheit abgeht. Sie mit dem gesammelten Geschichtsvorrath in Vereinigung zu setzen, wird blos bey wenigen [156] gelingen, also, wie einerseits dieses Unternehmen unnöthige Mühe und vergeblichen Eifer nach sich ziehen müßte, würde es auf der andern Seite thörigt seyn, die so mühsam und nicht ohne große Opfer errungene Sicherheit unserer Geschichte durch die Einmischung der Unbestimmtheit der Sagen in Gefahr zu bringen. Aber darum ist im Grund auch denjenigen nichts an den Sagen verloren, welche lebhaft und aufrichtig gefaßt haben, daß die Geschichte nichts anderes seyn solle, als die Bewahrerin alles Herrlichen und Großen, was unter dem menschlichen Geschlecht vergeht und seines Siegs über das Schlechte und Unrechte, damit jeder einzelne und ganze Völker sich an dem unentwendbaren Schatz erfreuen, berathen, trösten, ermuthigen, und ein Beypsiel holen. Wenn also, mit einem Wort, die Geschichte weder andern Zweck noch Absicht haben soll, als welche das Epos hat, so muß sie aus dieser Betrachtung aufhören, eine Dienerin zu seyn der Politik oder der Jurisprudenz oder jeder andern Wissenschaft. Und daß wir endlich diesen Vortheil erlangen, kann durch die Kenntniß der Volkssagen erleichtert und mit der Zeit gewonnen werden.


  1. Wir wünschen den historischen Beweis davon, da nach unsrer Ansicht in den ältesten wie in den neuesten Poesieen beyde Richtungen erscheinen.
    Einsiedler.
  2. Ich führe mit Freuden an, was Joh. Müller in eben dem Sinn gesagt hat: Buch 1, Cap. 16, Not. 280. Buch 1, Cap. 10, Not. [11…]. Buch 4, Cap. 4, Not. 28.