Gegen den Arnicaschwindel

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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Gegen den Arnicaschwindel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 696
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Gegen den Arnica-Schwindel.

Hat sich Einer gestoßen, gequetscht, geschnitten, gestochen, gehauen, geschossen, verhoben oder verdreht, ein Glied verstaucht, verrenkt, zerbrochen, verbrannt oder erfroren, gleich räth ein Anderer: „legen Sie Arnica auf; reiben Sie Arnica ein.“ Ist nun gar Jemand ein homöopathischer Nichts-Freund, dann hat er in der Arnica ein inneres und ein äußeres Heilmittel gegen alle nur möglichen Störungen im Blutlaufe, im Gehirne und Rückenmark, sowie bei fast allen Leiden, besonders Entzündungen und Blutungen, die durch mechanische Ursache (Verletzung, Erschütterung) erzeugt sind.

Trotz dieser allseitig gerühmten Heilmächtigkeit der Arnica ist nun doch der Ruhm dieser Pflanze, – welche auch Wohlverlei oder Fallkraut heißt, zu den Strahlenblümlern gehört und in den Monaten Juni, Juli und August blühend eine wahre Zierde der Gebirgswiesen des nördlichen Deutschlands ist, – nicht weit her und erdichtet, denn sie nützt als Heilmittel, zumal als homöopathisches, geradezu gar nichts. Wendet, man sie äußerlich mit kaltem Wasser als Umschlag an, dann wirkt das kalte Wasser und nicht die Arnica; wird Arnicatinktur eingerieben, dann ist der Spiritus dieser Tinktur und das Reiben das Wirksame und nicht die Arnica. Man lasse sich sagen, daß wenn Jemand auch Tage lang bis an den Hals in Arnicatinctur sitzt, doch nicht das winzigste Bischen davon durch den hornartigen Ueberzug unserer Haut in das Innere des Körpers dringt. Von ihrer inneren Wirksamkeit sieht aber zur Zeit auch der mittelsüchtigste Heilkünstler ab, mit Ausnahme der Homöopathen. – Fragt der Leser: wie konnte aber dieses Mittel zu einem solchen Rufe gelangen, es muß doch oft geholfen haben? so ist die Antwort: allerdings tritt auch beim Gebrauche der Arnica oft Heilung ein, allein die Krankheitsfälle, wo Arnica in Gebrauch gezogen wird, heilen in der Regel ganz von selbst und bei vielen unterstützt Kälte oder Reiben die Heilung. Also nicht durch die Arnica, sondern trotz der Arnica ist die Krankheit verschwunden. – Dies kann man übrigens auch von den allermeisten anderen Arzneien sagen und findet seine volle Bestätigung in der homöopathischen Heilkünstelei, welche bei Nichts mit Milchzucker oder Alcohol manchmal erstaunliche Wunderkuren zu verrichten scheint. Freilich versetzen diese Kuren nur Unwissende in Staunen, die nicht wissen, daß die Einrichtung unseren Körpers eine solche ist, vermöge welcher alle Veränderungen in der Ernährung und Beschaffenheit der flüssigen oder festen Körperbestandtheile (d. s Krankheiten) solche Processe nach sich ziehen, durch welche jene Veränderungen sehr oft vollkommen oder doch zum Theil gehoben werden (d. s. die Naturheilungsprocesse; s. Gartenl. Jahrg. 1855. Nr. 25.).

Wer sich von der Wahrheit des Gesagten überzeugen will, braucht nur einmal zu probiren (denn Probiren geht oft über Studiren) und in Fällen, wo es ihn zur Arnica hinzieht, von dem Gebrauche derselben absehen, oder, wo es rathsam, blos kaltes Wasser oder Reibungen anwenden. Freilich muß dann der Arnica-Fanatiker hübsch Augen und Ohren, sowie seinen Verstandeskasten öffnen, um richtig wahrnehmen und urtheilen zu können, denn es macht die Kurzsichtigkeit und Benommenheit Solche, die sich einmal in eine Lieblingsidee verbissen haben, oft ganz unzurechnungsfähig.

Der Bergwohlverlei (arnica montana), welcher bei den wissenschaftlich gebildeten Aerzten immer mehr in Mißcredit kommt, bei den Homöopathen und Laien dagegen fortwährend im Ansehen steigt, liefert für die Apotheken seine Wurzeln, Blätter und Blüthen als Arzneimittel (in der Form des Aufgusses, der Abkochung, des Extracts, der Tinctur und des ätherischen Oels). Die Wurzel ist der wichtigste Theil, denn sie enthält am meisten von einem ätherischen Oele, einem scharfen Harze (Arnicin) und einem ekelhaften, scharfen, bittern Extractivstoffe, kurz von den Stoffen, welche, wie so viele andere ähnlicher Art, beim Verschlucken Brennen im Schlunde, Ekel, Erbrechen, Schmerzen im Magen und Verlust des Appetites, sowie Beschleunigung des Blutlaufes und Athmens mit Kopfschmerz und Schwindel erzeugen.

Die Blüthen haben erst aufregende und dann betäubende Eigenschaften, die bei Lähmungszuständen des Nervensystems, sowie bei Epilepsie (Fallsucht, daher Fallkraut) gute Dienste thun sollen, aber Nicht thun. Vor Zeiten, als die Arnica eben erst Mode geworden und in die Gesellschaft der andern Arzneien (in den Arzneischatz) aufgenommen worden war, sollte sie auch, wie alle neu entdeckten Heilmittel (denn „neue Besen kehren gut“) bei einer Unmasse von Krankheiten Hülfe leisten; nach und nach lernte man jedoch einsehen, auch wieder wie bei den meisten andern Heilmitteln, daß es damit nichts war, und so ist denn die Arnica endlich bis zum Volks- und homöopathischen Mittel herabgesunken.

Der Aufklärung wegen wollen wir schließlich noch von der enormen Wirksamkeit der Arnica sprechen, welche derselben in homöopathischer Gabe (d. h. in Nichts-Form) von den Hahnemannianern zugeschrieben wird. Wir sehen dabei ganz ab von der verschiedenen Wirksamkeit dieses Mittels bei den verschiedenen Vieharten und in den verschiedenen homöopathischen Heilmittellehren, und berichten nur das, was die bücherschreibenden Matadore in der Homöopathie (von denen freilich manche Bastard-Homöopathen sind, die, wenn sie mit ihren homöopathischen Nichtsen nicht mehr fortkommen können, ruhig zu allopathischen Mitteln und Gaben greifen) von der Heilkraft der Arnica phantasiren. Ein Hauptmittel und zwar innerlich anzuwenden, soll nach ihnen die Arnica sein: bei Gehirnentzündung und Kopfschmerzen von mechanischen Ursachen, die mit Eingenommenheit, Schwere, Schwindel, Erbrechen und Betäubung verbunden sind; bei Zungen- und Augenentzündung in Folge mechanischer Verletzungen und eingedrungener fremder Körper; bei fauligem Geschmacke, bitterem Aufstoßen und gelbem Zungenbelege; bei Zahnschmerzen nach einer Operation an den Zähnen und bei harter rother Backengeschwulst nach Beseitigung der Zahnschmerzen; bei Husten und Schwindsucht mit blutigem Auswurfe, sowie bei Husten nach Weinen und bei solchem Husten, der nachläßt, wenn man etwas ißt; bei Wundsein der Brustwarzen und Entzündung der Brustdrüse; bei Magenkrampf und Blutbrechen, besondern wenn es durch Trinken hervorgerufen wird; bei Rothlauf der Neugebornen; bei Blutschwären; bei Rheumatismus und Gicht mit Verrenkungs- oder Quetschungsschmerzen; beim Hexenschuß und bei Wehadern; bei Schlagfluß und Abortus; bei Zwängen im Mastdarme nach der Ausleerung; bei Haut- und Bauchwassersucht, sowie auch noch bei einer Menge von Beschwerden, die sich hier nicht angeben lassen. – Nach Hahnemann erstreckt sich die Wirkungsdauer der Arnica höchstens auf fünf Tage und es erzeugt, also heilt auch dieses Mittel: von Zeit zu Zeit wiederkehrenden, fein stechend reißenden Kopfschmerz, besonders im linken Schlafe, dagegen harte Auftreibung der rechten Bauchseite, die einzig durch Abgang von Blähungen erleichtert wird, und täglich von früh an bis Nachmittags zwei Uhr wüthet; Wackeln und Verlängerung der Zähne ohne Schmerz; in und unter der Nase Blüthen; in der rechten Brustseite Schmerz wie Nadelstiche, dagegen in der Mitte der linken Brust starke Stiche; einzelne Stöße in den Hüften; fürchterliche Träume gleich Abends nach dem Einschlafen, von großen schwarzen Hunden und Katzen; unwillkürlichen Abgang des Stuhlganges im Schlafe; halsstarrige Widerspenstigkeit und mürrische Trotzigkeit mit Befehlshaberei; ängstliche Befürchtungen zukünftiger Uebel und Hoffnungslosigkeit. – Daß die Arnica hoffnungslos machen kann, muß der Verfasser bestätigen, da er selbst, ja ohne dieses Mittel eingenommen zu haben, schon während des Niederschreibens dieser Zeilen bei dem Gedanken an die Arnica alle Hoffnung auf Verständigwerden der Menschheit in Bezug auf Alles, was ihrem gesunden und kranken Körper angeht, verloren hat.

Bock.