Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Schwaben: Ravensburg

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Textdaten
Autor: Johann Georg Beck
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Titel: Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Schwaben: Ravensburg
Untertitel:
aus: Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Schwaben.
Zweiter Band, Spalten 389–408
Herausgeber: Philipp Ludwig Hermann Röder
Auflage: Erste Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Verlag der Stettinischen Buchhandlung
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Erscheinungsort: Ulm
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan der Bayerischen Staatsbibliothek
Kurzbeschreibung: Erste ausführliche gedruckte Beschreibung der Stadt Ravensburg, kurz vor Ende der reichsstädtischen Zeit.
Der ungenannte Autor dieses Artikels in Röders Lexikon ist der Ravensburger evangelische Geistliche Johann Georg Beck (siehe Eben: Geschichte der Stadt Ravensburg, Bd. 2, S. 230–232, insbesondere S. 232, lfd. Nr. 15).

Die im 3. Band 1797, Sp. 106f. verzeichneten Errata werden in dieser Wikisource-Edition als Fußnoten angezeigt.

Siehe auch: Artikel in der 2. Auflage 1802 (Scan der BSB München)

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[389-390] [...]

Ravensburg, die Reichsstadt, liegt in Oberschwaben, im Umfang der Landvogtei Altdorf, zwischen den Klöstern Weingarten und Weissenau, nahe am Fluß Schussen, in einer romantischen Gegend. Die Stadt liegt in einem Thale, und zieht sich an einem Hügel hinauf, der mit Wein bebaut ist, auf welchem, ausser der Stadt, das Landhaus steht. Gegen Morgen ist das obere Thor, vor welchem, [390] in einem engen Thale, die Vorstadt Oelschwang ist, und eine Wasserstube, aus welcher 140 Brunnen in die Stadt geleitet werden. Gegen Mittag ist das Kästlinsthor; gegen Abend, Kostanz zu, sind das untere Thor und das Mettelinthor, welches jezt zugemauert ist. Dieses hatte seinen Namen von den Mettelin, die sich von Ravensburg geschrieben. Sie wohnten Anfangs zu Memmingen, besassen das Dorf Woringen, und sind 1465 nach Ravensburg gezogen. Sie waren sehr reich, machten dem hiesigen Spital und Seelhaus schöne Stiftungen, und versteuerten der Stadt im Jahr 1500, 86,000 Gulden. Gegen Mitternacht ist das unser Frauenthor, von welchem man die Aussicht auf das Kloster Weingarten hat. Die Stadt hat 836 Häuser, 3925 Einwohner, theils evangelische, theils katholische, ein Kapuzinerkloster, ein Karmelitenkloster, und ein Nonnenkloster, 4 Kirchen in der Stadt, und 5 ausser ihr, 2 Bäder, eine Kanzlei, einen Spital und Seelhaus, und noch mehr öffentliche Gebäude. Ravensburg ist in 5 Theile getheilt, nemlich die Stadt in vier Viertel, und der 5te Theil enthält die Vorstädte und dazugehörigen Landgüter. 1789 waren in allen 5 Theilen der Stadt 836 numerirte Gebäude.

Das erste Viertel enthält 12 öffentliche Gebäude, 15 geistliche und fremde herrschaftliche Gebäude, 2 Zunft- und Gesellschaftshäuser, und 88 Wohnhäuser, zusammen 117 Gebäude.

Das zweite Viertel enthält 4 öffentliche Gebäude, ein Kloster, 2 geistliche und fremde herrschaftliche Gebäude, 3 Zunft- [391-392] und Gesellschaftshäuser, 87 Wohnhäuser und eine Scheune, zusammen 98 Gebäude.

Das dritte Viertel enthält 16 öffentliche, 8 geistliche, 3 Zunftgebäude, 337 Wohnhäuser, 23 Scheunen, zusammen 387 Gebäude.

Das vierte Viertel enthält 8 öffentliche Gebäude, ein Kloster, ein geistliches und Zunfthaus, 78 Wohnhäuser, 12 Scheunen, zusammen 101 Gebäude.

In den Vorstädten sind 19 öffentliche Gebäude, 1 Kloster, 7 geistliche und fremde Herrschaftgebäude, 9 Zunft- und Gesellschaftshäuser, 73 Wohnhäuser, 24 Scheunen, zusammen 133 Gebäude.

In der Stadt sind zusammen 59 öffentliche Gebäude, 3 Klöster, 33 geistliche und fremden Herrschaften gehörige Gebäude, 18 Zunft- und Gesellschaftshäuser, 663 Wohnhäuser, 60 Scheunen und Stallungen, überhaupt 836 Gebäude.

In allen 5 Theilen der Stadt sind 603 Bürger, 683 Bürgerinnen, 669 Bürgers Söhne, 857 Bürgers Töchter, 107 Hintersassen männlichen, und 119 weiblichen Geschlechts, 98 Hintersassen Söhne, und 150 Töchter, 44 Schuzverwandte männlichen, und 70 weiblichen Geschlechts, 202 fremde Dienstboten männlichen, und 223 weiblichen Geschlechts, zusammen 3925 Personen.

Unter dieser Summe sind katholischer Religion, 321 Bürger, 378 Bürgerinnen, 351 bürgerliche Söhne, und 473 Töchter, 107 Hintersassen männlichen, und 119 weiblichen Geschlechts, 98 Hintersassen Söhne, und 150 Töchter, 37 Schuzverwandte [392] männlichen, und 63 weiblichen Geschlechts, 212 fremde Dienstboten männlichen, und 176 weiblichen Geschlechts, zusammen Personen katholischer Religion 2485.

Die Evangelischen sind schwächer, und bestehen aus 282 Bürgern, 305 Bürgerinnen, 318 Bürgers Söhnen, 384 Bürgers Töchtern, 7 Schuzverwandten männlichen, 7 weiblichen Geschlechts, 90 Dienstbothen männlichen, und 47 weiblichen Geschlechts, zusammen 1440 Personen.

In 25 Jahren sind von den Evangelischen 1439 gestorben, und 1530 sind gebohren worden. Von den katholischen Einwohnern sind in 20 Jahren 1646 Personen getauft worden, und 1586 sind gestorben.

Unter beiden Religionstheilen der hiesigen Einwohner, ist zwar die Parität eingeführt; es ist aber hier nicht, wie in andern Städten, diese der Drache, der mit Eifersucht über alle Kleinigkeiten wacht, und bei dem unbedeutendsten Anlaß Raufereien erzeugt. Sowohl unter den evangelischen als katholischen Einwohnern herrscht viele Aufklärung und Toleranz. Steife Schildbürgerei und ängstliche Entfernung der beiden Religionstheile von einander, die noch vor 30 Jahren hier herrschend war, ist nicht mehr zu finden. Katholische Dienstboten dienen bei evangelischen Geistlichen; bei allgemeinen und einzelnen Volksfesten nimmt jeder Religionstheil, ohne Zwang, Antheil, auch das steife Reichsstädtische Zeremoniel bei Hochzeiten, Leichen, Kindtaufen ist abgeschaft, auch bei Gastmalen, Konzerten, Badgesellschaften, [393-394] Trink- und Spielklubbs, ist weder Religionsunterschied noch Zwang zu spüren. Die Katholischen führen hier keinen Palmesel und sogenannten Funkenkloz mehr umher, welche Possen schon seit 10 Jahren abgeschaft sind. Die evangelischen Geistlichen gehen in gefarbten Kleidern, und besuchen das Schauspiel, ohne Aufsehen zu erregen, da in Augsburg die evangelischen Geistlichen es nicht wagen dürfen bei Tag ohne ihren langen Korrok und steifen Kragen zu erscheinen.

Die weibliche Kleidung in Ravensburg ist theils noch ganz schwäbische Nationaltracht, theils alt- und neumodisch französisch, welches in der Kirche komisch bunt durch einander läßt.

In der Stadt selbst sind zwei Klöster, ein Nonnen- und ein Karmelitenkloster. In diesem letztern Kloster haben die Evangelischen eine Kirche, welche das Langhaus genannt wird, und gothischer Bauart ist. Dieser Fall wird wohl einzig in seiner Art sein, daß ein noch wirklich beseztes katholisches Kloster eine evangelische Kirche enthalte. Diese Kirche besizen die Evangelischen nach der Bestimmung des Normaljahrs. Das Kloster ist 1349 gestiftet worden, und enthält 25 Mönche.

Das zweite Kloster ist ein Franziskaner Nonnenkloster dritten Ordens, das 1335 gestiftet wurde, eine Vorsteherin und 20 Nonnen enthält.

Das dritte Kloster, ausser der Stadt, ist ein Kapuzinerkloster, das 1626 gestiftet wurde, und mit einem Vorsteher und 19 Kapuzinern besezt ist.

Die andern Kirchen der Stadt [394] sind die Kirche zu Unser lieben Frau, oder die obere Pfarrkirche, katholischen Antheils, und die Kirche zu St. Jos, oder die untere Pfarrkirche, katholischen Antheils, Die zwote evangelische Pfarrkirche ist die vollkommen ihnen eigen gehörige Kirche zur heil. Dreieinigkeit, die 1628 zur Gleichstellung, gegen das 1626 errichtete Kapuzinerkloster erbaut worden ist.

Ausser der Stadt sind noch die Kirche zum heil. Kreuz, wo jährlich von beiden Religionen feierlich Gottesdienst gehalten wird; die Kirche zu St. Leonhard in der Vorstadt Oelschwang, die Kirche zu St. Veit auf den Berge, und die Kirchen zu St. Georg und zur Mühlbruk. Alle diese sind katholischen Antheils. Der Kirchhof ist gemeinschaftlich; Katholische und Evangelische liegen hier beisammen. Man sieht hier viele schöne Monumente. Die Stadt unterhält 4 Pfarrwohnungen, eine katholische und drei evangelische. Die katholische Geistlichkeit bestehet aus einem Stadtpfarrer, einem Pfarrer und dreizehen Kaplans. Die Evangelischen haben vier Prediger, von welchen die zween erstere Konsistorialräthe sind.

Die Stadtgebäude sind das Rathhaus, Kornhaus, Waaghaus oder Kaufhaus, auf welchem jährlich am Pfingstmontag die Schwörzeremonie gehalten wird, ein Schauspielhaus, in welchem von Einwohnern selbst gespielt wird, das Lederhaus, wo die Löschinstrumente aufbehalten werden, auch Besoldungsfrüchte aufgeschüttet sind, und einige Wohnungen vor der Stadt[1], unter welchen die sogenannte Hütte ist, worinn die Werkzeuge zum Brunnen und [395] Wasserbau aufbewahrt werden, auch der Stadtbaumeister wohnt. Zu diesen Werkzeugen ist kürzlich eine neue Maschine angeschaft worden, durch welche ein Blok, durch einen Schlag, auf einen Zoll tief ins Wasser eingerammelt wird, wozu vorher sechs Mann eine Stunde gebrauchten. Ausser diesen Gebäuden ist noch ein Schießhaus ausser der Stadt, wo wöchentlich zweimal gewöhnliches, und jährlich einmal groses bürgerliches Freischiessen gehalten wird. Zum letztern giebt der Magistrat einen Ochsen her.

Für die armen Kranken ist durch einen Spital, ein Seelhaus, und das heil. Kreuz ausser der Stadt gesorgt. Das Bruderhaus ist eine Anstalt, vorzüglich für erkrankte Handwerkspursche, und das heil. Kreuz für arme, kranke Fremde. Dem Hospital stehen ein Meister, Verwalter und zwei Personen aus dem innern Rath, vor. Hier ist auch der Marstall mit einem doppelten Gespan, vierspännig, und vier Knechten, theils zur Beförderung der Stadtgeschäfte, theils der Naturalbesoldungen.

Das hiesige Zuchthaus, mit welchem vor einigen Jahren ein Arbeitshaus für Landstreicher, Müssiggänger und Gesindel verbunden worden ist, ist eine Anstalt, die nicht allein der Stadt Ravensburg, sondern dem ganzen Kreisviertel[2] gehört. Schon 1724 kauften die Stände des Konstanzischen Kreisviertels das Zeughaus der Stadt Ravensburg, und legten ein Zuchthaus darinn an, das aber wieder zerfiel, weil Oesterreich, als Besizer der Landvogtei, den Zutritt u. die Abfuhr erschwerte. 1738 aber gestattete dieses den freien Paß. 1783 ist eine [396] Abänderung mit diesem Institut gemacht worden, daß auch Vaganten in dasselbe gebracht werden sollen. Ehmals war es nur auf bürgerliche Verbrecher eingeschrenkt. Die Vermöglichen müssen ihre Kost selbst bezahlen; die Armen aber werden ein Vierteljahr[3] lang auf gemeine Unkosten gefüttert. Das Hochstift Konstanz führt das Direktorium über die Anstalt, und die Aufsicht haben die Deputirten der Mittheilhaber, nemlich ein gräflicher, einer der Prälaten und einer der Städte, zu welchen noch der Sindikus der Stadt Ravensburg kommt[4]. Die Unterhaltungskosten sind nach der Zahl der Feuerstellen eingetheilt. Ein Simplum wirft 1408 fl. ab[5]. Die Mittheilhaber sind: Konstanz, Sigmaringen, Stift Lindau, Heiligenberg, Stühlingen, Salmansweil, Altshausen, Weingarten, Montfort, Ochsenhausen, Roth, Rothenfels, Schussenried, Weissenau, Wurzach, Wolfegg, Marchtall, Waldsee, Petershausen, Zeil, Heggbach, Scheer, Gutenzell, Trauchburg, Baindt, Aulendorf, Wasserburg, Eglofs, Ueberlingen, Biberach, Wangen, Pfullendorf, Buchhorn, Buchau die Stadt, Ravensburg[6]. Die neue, 1783 errichtete Anstalt geht nur auf Vaganten, und ist deßwegen als eine Sicherheitsanstalt des Konstanzischen Kreisviertels zu betrachten. Die Vaganten müssen arbeiten, wozu Schaafwolle gewählt worden ist. Die Aufsicht über das Arbeitshaus hat ein Rathsherr, ein Kassier, und ein Meister, der über die Arbeit gesezt ist. Die Speisung der Arbeitenden ist verpachtet, und die Kleidung dem Inspektor übertragen, doch so, daß sie [397-398] nicht höher als 10 fl. jährlich komme.[7]

Zu den der Stadt Ravensburg eigenthumlich gehörigen Anstalten ist noch ein Krankenhaus zu zählen, welches erst kürzlich errichtet worden, und für allerlei Kranke, die keine Heimat haben, bestimmt ist. Nicht weit davon ist ein weitläufiges Salzmagazin, welches für die baiersche Salzspedition bestimmt ist.

Zum Vergnügen der Einwohner ist vor zwei Jahren auf dem Schloßberge ein moderner Pavillon, für den allgemeinen Gebrauch bestimmt worden. Hier hat man eine sehr schöne Aussicht über die Stadt, und das Thal bis auf den Bodensee. Ausser der Stadt bei dem Schießhaus ist ein angenehmer Spaziergang, an welchen gegen Morgen, das neu und massiv gebaute Schießhaus stößt, mit vielen schönen Gärten und Landhäusern. Gegen die Landstraße stehen die bewohnten Häuser des Oberstlieutenants Gradmanns, das Elias und Paul Kuttersche, Bürgermeister von Beksche und Senator Kuttersche Haus, welche sich vor andern auszeichnen. Das Kanzleiverwalter von Beutelsche Haus[8] beschließt diese Gegend. Gegen Mitternacht und Abend sind in dieser schönen Gegend fruchtbare Landgüter, auf welchen die Stallfütterung mit Klee und Esparset eingeführt ist, die eine halbe Stunde lang, an einer gemässigten Anhöhe fortlaufen, deren Fuß der Fluß Schussen, über welchem zwei bedekte und eine offene Brüke führen, von diesem Platz abtheilt. Im Vorgrunde steht gegen Morgen rechts die prächtige Klosterkirche von Weingarten, und links, neben der dem Hospital gehörigen Bleiche, [398] verliert sich die Aussicht gegen Mitternacht auf unübersehbaren Kornfeldern, an dem blauen Horizont, welche zur Seite eine hohe und dike Waldung haben, aus welcher das Kirchspiel Berg hervor schaut. Dichte oben an diesen Plaz stößt das schon angeführte Kapuzinerkloster, bei welchem sich die Aussicht im Hintergrunde durch das ununterbrochen fortlaufende Thal, neben Dörfern, Schlössern und Landhäusern, bis auf die mit ewigem Schnee bedeckten Schweizergebirge erstrekt. In der Nähe der Stadt sind zwei Gesundbäder, das Sennerische Bad, und das heil. Kreuz Bad. Das erstere liegt gegen Abend, sein Wasser ist kristallhell, und auch im heissen Sommer, kalt, wie Schnee. Sein Mineral ist Kalkstein, Alaun, Salpeter und Schwefel, von welchen der Kalkstein den vierten, Salpeter und Alaun zwei Theile und der Schwefel einen Theil behält. Es wird in Krankheiten gebraucht, die von überflüssiger Kälte und Feuchte herkommen.

Das andere Bad, das heil. Kreuzbad, liegt auf dem Wege nach Weingarten. Dieses mineralische Wasser fließt aus drei Quellen, durch harte Kieselsteine, so stark, daß, wenn man den Brunnen ausschöpft, – welches durch 6 Personen in 4 Stunden geschiehet – er sich in zwölf Stunden wieder anfüllt, ungeachtet das Bassin des Brunnens 10 Fuder halten soll. 1653 stellte ein Medikus, Gruberman von Ravensburg, ein Gutachten von diesem Brunnen, worinn er behauptet, daß es nicht allein ein heilsames Bad, sondern auch ein gutes und angenehmes Trinkwasser, ohne einigen fremden Geschmak, sei, [399-400] zu welchem sich sonderlich das Vieh, welches es liebe, hinzudringe. Es führt Salniter, Schwefel, und viel Vitriol. Es äussert seine Kraft an Phlegmatikern, in Erkältungen, durch Feuchtigkeit erschlappten Nervenbeschwerden, in Haupt- Hirn- und Brustschmerzen.

Handel und Gewerbe der Stadt sind noch ziemlich beträchtlich. Es wird mit Specerei, Tüchern, wollenen und Lederwaaren, auch Fabrikwaaren, mit Strümpfen und Papier gehandelt. Ein einziges, kleines Bächgen, das von Morgen entspringt, treibt nicht allein alle Mahlmühlen, Grüze- und Gestenmühlen, Walken und Sägmühlen, sondern auch Eisenwerke und sechs Papiermühlen. Dieses macht einen Umlauf von Geschäften, die sich auf 100,000 fl. belaufen. Die Schönfärberei mit Tuch und Garn, Leinwand und Seidenzeug, Weberei, Bein- und Hornarbeiten, wie auch der Acker- und Weinbau, werfen für die Bürger Vieles ab.

Die hier verarbeiteten Waaren werden nach Zurzach, Konstanz, Chur, Feldkirch, Lindau, Nördlingen, Frankfurt und Leipzig gesandt, und da abgesezt.

Die Regimentsverfassung der Stadt ist der Parität gemäs eingerichtet, und aristokratisch-demokratisch. Der Rath bestehet aus zween Bürgermeistern vom Patriziat, einem evangelischen und katholischen, die wechselweise von vier zu vier Monaten das Amt führen; zween Geheimen Senatoren vom Patriziat, einem katholischen und einem evangelischen, die zugleich Stadtammänner und Strafrichter sind, und ebenfalls im Amt umwechseln. Wenn der evangelische Bürgermeister [400] das Amt führt, so hat der katholische Stadtamman ebenfalls das Amt, und so auch umgekehrt. Ferner bestehet der Rath aus zween geheimen Senatoren von der Gemeinde, dem Rathskonsulent und Kanzleiverwalter, welchem ein Substitut und Registrator untergeordnet ist.[9]

Der äussere oder ganze Rath, bestehet ausser den schon genannten Personen des innern Raths noch aus zween Senatoren, einem katholischen und evangelischen, vom Patriziat, und 8 von der Gemeinde, vier von der katholischen und vier von der evangelischen Religion.

Die Gemeinde präsentirt sich durch die beiden Geheimen aus ihrer Mitte, im Gericht, in der Zahl 12 Mann, von jedem Theil 6, und in 22 sogenannten grosen Rathsherren, 11 von jedem Theile.

Die Pflegschaften, Verwaltungen des Rentamts, der Stiftungen und anderer Gemeinde Posten sind unter die Rathsherren vertheilt.[10]

Die Revision versehen vier aus dem Gericht und Rath, von jedem Religionstheil zween.

Das Rathhaus, wo auch monatlich das Landgericht gehalten wird, ist ein altes Gebäude. Hier werden auch die Waldgerichte gehalten, wobei wechselweise ein katholischer und evangelischer aus dem innern Rath, als Oberwaldforster den Vorsiz hat, welchem auf gleiche Art ein Unterwaldforster, als Konsulent bei dem Gericht zugegeben wird. Auf dem Rathhause ist auch das Archiv, das bei Mannsdenken nicht aufgeschlossen worden ist. In der Rathsstube ist ein sehr guter Grundriß von der Stadt und der ganzen Herrschaft des [401-402] städtischen Gebiets. Auch ist hier ein Rathsgebet von Kiening aus Isni sehr künstlich in eine steinerne Tafel gehauen.

Die Bürgerschaft, ist, nebst der Ballen, in acht Zünfte getheilt. Die Ballengesellschaft ist die zweite nach der adelichen, für Kaufleute, Künstler, Gelehrte und Stadtbeamte. Auf diesem Gesellschaftshause, das den Namen Balle führt, werden das gewöhnliche Konzert, die Bücherauktionen der Lesegesellschaft, auch Tanzübungen gehalten. Alles wird von beiden Religionsverwandten einmüthig und ohne Zwang besucht und mitgemacht.[11]

Die Kommende Altshausen besizt in der Stadt am Mettelinsthor, ein ansehnliches Gebäude, und hat einen Zehendverwalter[12] hier. Das Kloster Weingarten hat hier ein Gebäude am Frauenthor, wo seit einigen Jahren, das Konzert mit der Ballen, wöchentlich abwechslungsweise gegeben wird. Das Kloster Weissenau besizt hier ebenfalls ein Haus am Kästlinsthor, mit einer Apotheke, welche es aber an einen kunstverwandten Bürger verpachten muß. Ausser dieser Apotheke sind noch zwei in der Stadt.

Die übrigen Anstalten in der Stadt sind gut, auch für die Erziehung, sowohl öffentlich als zu Hause, wird durch Anstalt und gute Bücher gesorgt. Die Schulen hat man theils ernstlich zu verbessern getrachtet, theils wirklich verbessert.

Die Sicherheits- und Reinlichkeitsordnung, die Weid- und Jagdordnung, sind vortreflich; auch sind die ehmals tollen Zunftgeseze und Handwerksordnungen und Gerichte nicht mehr unter [402] dem Zwang des Vorurtheils, und eigensinnigen Herkommens. Die Rechtspflege gehet theils nach dem allgemeinen Recht, theils nach den jeweiligen Ortsgesezen. Die Wachsamkeit über die Finanzen, Sittenverbesserung, Kultur und Industrie ist gros. So muß zum Beispiel jezt selbst der junge Weingärtner, nach einem neuern Rathsschluß, wandern, um sich im Auslande in seinem Berufe, und Anbau der Weinreben vollkommener zu machen. Die Vorsorge für die Armen überspannt beinahe die Kräfte des gemeinen Aerariums. Zur Unterstüzung des Kunstfleisses, der Handlung, anfangende Professionisten und unternehmender Köpfe, ist eine Pflegschaftskasse bestimmt. Für den Gelehrten ist weniger gesorgt: denn es ist keine beträchtliche öffentliche Bibliothek hier, noch eine andere, für Gelehrsamkeit dienende Anstalt. Denn die hiesige Lesegesellschaft ist ein Privatunternehmen.[13]

Unter den Bürgern und Professionisten sind Künstler. Ein hiesiger Maler kopirt nach Mangs, Dürer, Holbein und andern, und ein Drechsler arbeitet in Messing, Zinn, und macht Luftpumpen, Klistirmaschinen und andere Instrumente. Der Hr. Sindikus Merkel besizt eine kostbare Sammlung ausländischer Gewächse und illuminierter Werke der Natur. Hr. Bürgermeister von Bek unterhält ein schönes Münzkabinet.

Ravensburg war in uralten Zeiten ein Eigenthum und Zugehör der Guelfischen Familie, die theils ihren Siz zu Altdorf auf dem Berge, 3 Viertelstund von hier, wo jezt das Kloster Weingarten steht, theils hier auf dem [403-404] Schloßberge, gehabt haben. Daß die Stadt Gravensburg geheissen, und eigenen Grafen dieses Namens gehört haben soll, ist unzuverlässiges Gewäsche vom Lyrer, dem es andere nacherzählt haben. 1128 wurde sie vom Herzog Friedrich von Schwaben zerstört, und 1138 wieder zu bauen angefangen. Nachdem die Guelfen aus den hiesigen Gegenden, zu der Zeit Friedrich des Rothbärtigen, vertrieben worden, mag die Stadt nach und nach mehrere Freiheiten erlangt haben, und ist endlich unter K. Rudolf I. zu ihrer völligen Reichsunmittelbarkeit gekommen, wie das von diesem Kaiser noch vorhandene Privilegium beweiset. Den 10 Jenner 1286, hat dieser Kaiser der Stadt den Freiheitsbrief gegeben, im 13ten Jahr seines Reichs, welches zuverlässig urkundlich von hier bewiesen werden kann. 1311 wurde hier das 17te Turnier am Bartholomäustage gehalten, wovon vermuthlich noch das jährliche hiesige Kinderfest, an diesem Tage herkomt. 1397, 1422, 1427 wurden der hiesigen adelichen Gesellschaft, im Esel genannt, die noch blühenden Familien einverleibt, oder, wie sie es damal nannten, sind Gesellen gewesen: Johann Truchses zu Waldburg, Friedrich Holbein, Ulrich und Heinrich Hundpiß, Heinrich und Nicolaus Schmid, Kraft, Pfister, Eberlin, Brandis, Precht. 1494 bestätigte der Kaiser Maximilian die Rechte und Freiheiten der Stadt. 1635 wurden hier durch die Pest in 6 Monaten 3100 Menschen, aus der Stadt hingeraft. Aus diesem siehet man, daß Ravensburg ehmals viel beträchtlicher und volkreicher müsse gewesen [404] sein, als gegenwärtig. 1706 brandschazte der General Villars die Stadt mit 118,000 fl.

Das Evangelium ist hier zuerst 1545 durch Konrad Kostanzer, einen Helfer in der Pfarrkirche zu U. lieben Frau, gepredigt worden, wogegen sich aber der Abbt gerwich zu Weingarten heftig gesezt, und auf dessen Abschaffung in eigener Person, vor gesessenem Rath, ernstlich gedrungen. Der Magistrat aber, der diese unzeitige Protestation eines Mannes, den die Verfassung einer unabhängigen Republik gar nichts angieng, so ansehen mußte, wie sie anzusehen war, nehmlich als ungültig, blieb bei seinem Vorsaz, und behielt seinen Kostanzer bei. Er ließ in eben diesem Jahr noch an die zu Worms versammelten Stände der Evangelischen ein Notifikatschreiben ergehen, daß er die evangelische Lehre in Stadt und Land aufgenommen hätte; worauf die Versammlung antwortete, daß ein ehrsamer Rath bei der angenommenen reinen evangelischen Lehre standhaft bleiben solle. Kurze Zeit darauf gab der K. Karl V, dem Grafen Haug von Montfort und Michael Schaf von Mittelbiberach den Auftrag, mit dem Magistrat wegen Beurlaubung des Helfer Kostanzers, als welcher der neuen Sekte anhängig, zu handeln. Der Magistrat aber wollte sich nicht sogleich einlassen, und entschuldigte sich bald darauf bei dem Kaiser, daß man keine neue Sekte angenommen hätte. Das ganze Jahr hindurch wurde sowohl zu Worms vor dem Kaiser, als auch bei dem Bischof zu Konstanz, und dem Abbt Gerwich zu Weingarten, Vieles verhandelt, auch bei den [405-406] Zünften ein Rahtsdekret verlesen, daß jedermann sich ruhig verhalten, und niemand dem andern, wegen der Religion, etwas in Weg legen, vielweniger beschimpfen, und sich durchaus alles übeln Nachredens enthalten solle.

Alle diese guten Anstalten aber hinderten nicht, daß nicht unter dem gemeinen Mann Uneinigkeit und Zuerrüttung, auch Auflauf und thätliche Mißhandlung entstunden. Deßwegen rieth die Stadt Biberach, aus guter Freundschaft und Nacbharschaft, sich zu vergleichen, und bot ihre Vermittelung an. Und mit diesen Anstalten endigte sich das Jahr 1545.

Weit entfernt, sich durch die Protestationen und Bemühungen des Abbts zu Weingarten, noch durch die Hindernisse K. Karls V. irre machen zu lassen, machte der Magistrat im folgenden Jahr 1546 noch ernstlichere Anstalten für die Reformation. Er ließ den D. Johann Marbach von Strasburg, Blasius Stöklin von Nürnberg, nachmaligen Pfarrer zu Hersbrük, und Jakob Schopper von Biberach, von ihren Obrigkeiten erbitten, und hieher holen, um mit dem Kostanzer, bisherigen Helfer, gemeinschaftlich zu arbeiten, daß die Reformation in Kirchensachen nach der 1530 zu Augsburg übergebenen Konfession, eingerichtet würde. Diesen wurde Thomas Tilianus, Prediger von Gengenbach, zugegeben, als D. Marbach wieder nach Strasburg gieng. Dieses wurde auch zu Stande gebracht, ungeachtet Kaspar Klökler, Landrichter, im Namen des Landvogt Giengers, auf Befehl des Kaisers, nachdrücklich erinnerte, daß die Einwohner bei der bisherigen Religion, bis zum [406] nächsten Reichsabschied, und abzuhaltenden Kolloquium, oder Konzil verbleiben sollen.

Es bemächtigten sich aus die Evangelischen den 25 Sept 1546 beider Pfarrkirchen, und hielten darinn bis in Jun. 1549 ihren Gottesdienst. Als aber der Schmalkaldensche Bund übel ablief: so wurden sie gezwungen, die Kirchen in dem Stand, in welchem sie solche angetreten, wieder zu stellen. Wegen der anderen Kirchen aber blieb es bei dem Interim. Daher wurde der evangelische Gottesdienst in die Kirche der Karmeliten versezt. Und in diesem Stand blieb die Verfassung 80 Jahre lang bis 1628. In diesem Jahre wurde die Kirche den Evangelischen durch eine kaiserliche Kommission hinweggenommen, und dafür das Kornhaus zu ihrem Gottesdienste eingeräumt. Sobald man aber dieses zu einer Kirche zurüsten wollte: so rührten sich die Aebbte von Weingarten und Weissenau, die doch die Sache gar nichts angieng, wieder, und daher konnten auch die Evangelischen keine Bestätigung des Kaisers erlangen. Sie mußten bis zum westfälischen Frieden die Kirche zum Langhaus den Karmeliten überlassen, bis sie diese 1649, obgleich mit allem möglichen Widerspruch der ehrwürdigen Väter Karmeliten wieder abgenommen, und den Evanglischen eingeräumt wurde. Hingegen mußte bei Zerstörung des Kapuzinerklosters auch die untere, oder Dreieinigkeitskirche geschlossen werden. Den 6 Nov 1660 erlaubte der Kaiser Leopold I den Evangelischen, diese Kirche wieder in Besiz zu nehmen, und bestätigte ihnen dieses Recht. Deßwegen [407-408] wird auch noch jezt dieser Tag mit einem Dankfest in dieser Kirche begangen. Zur Gleichstellung durften daher auch die Kapuziner ihr zerstörtes Kloster mit der Kirche wieder aufbauen und bewohnen, und dieses so lange, als die Evangelischen die Kirche zur heil. Dreinigkeiten besizen und gebrauchen würden.

1771 ist hier die Konrirmation eingeführt, und erstmals gehalten worden. 1772 wurde bei den Evangelischen eine neue Liturgie und ein neues Gesangbuch eingeführt; auch 1789 eine Verbesserung und Erleichterung im Beichtsprechen vorgenommen worden.

Auf dem Reichstage hat Ravensburg, unter den Reichsstädten der schwäbischen Bank, die 18te, bei dem schwäbischen Kreis aber unter den Reichsstäden die 15te Stelle. Ihr Reichsmatrikularanschlag, der ehemals 196 fl. betrug, ist 1683 auf 78 fl. herabgesezt worden, welches die Stadt noch nach dem Usualfuß des Kreises errichtet.

Die Kreismannschaft der Stadt ist zu anderthalb Simpeln 17 Mann Infanterie, und 3 Mann Kavallerie, die Offiziere mitgerechnet.

Zu einem Kammerziele giebt Ravensburg 76 Reichsthlr. 7 kr. Der Kreisanschlag ist 50 fl. jährlich.

Das Gebiet der Stadt ist ganz von der Landvogtei umgeben, und sehr zerstreut. Es bestehet ausser dem eigentlichen städtischen Gerichtsbezirk aus folgenden Aemtern:

Gegen den Bodensee, nordwest liegen die Aemter: Schmalegg, Winterbach, Bavendorf, Neuhaus, Althaus und Bizenhofen. [408]

Gegen Nordost liegt das Amt Hinzistobel. Gegen Norden liegt das Amt: Wolpertschwende und Mochenwangen, so in das hiesige Hospital gehört.

Errata[Bearbeiten]

  1. vor der Stadt, soll heißen: in der Stadt
  2. dem ganzen Kreisviertel, soll heißen: dem obern Kreisviertel
  3. ein viertel Jahr lang, soll heißen: ein halbes Jahr lang
  4. Die Aufsicht haben die 4 Oberinspektoren, nehmlich der erste Rath des Reichsstifts Weingarten, des Grafen von Wolfeg, und 2 Magistratsoersibeb der Reichsstadt Ravensburg
  5. Ein Simplum wirft 1548 (statt 1408) fl. ab
  6. Davon gehören nicht hieher: Stift Lindau, Heiligenberg, Stühlingen, Biberach, hingegen fehlen: Stift Buchau, Hechingen, Zwiefalten, Söflingen, Sift und Stadt Isni, Kißlegg, Rottweil, Stadt Lindau, Leutkirch, Hohenmühringen, Felldorf, Wachendorf, Reichshof Lustenau
  7. Doch so dass sie nicht höher als 10 fl. kommen, ist wegzustreichen.
  8. Beutlische soll heißen Bentlische
  9. Ferner bestehet der Rath aus zween geheimen Senatoren von der Gemeinde, dann noch 10 Gliedern des innern Raths, dem Rathskonsulent und Kanzleiverwalter, welchem ein Substitut und Registrator untergeordnet ist. Die beiden sogenannten äusseren Kollegien bestehen aus dem Gericht und großen Rath, jenes enthält 12, von jedem Religionstheile 6, dieser 22 Glieder, von jedem Religionstheile 11.
  10. Die Pflegschaften etc. sind unter die Rathsherren und andere angesehene Bürger vertheilt.
  11. Die Ballengesellschaft. Auf diesem Gesellschaftshause, das den Namen Balle führt, kommen die Kaufleute alle Jahre am drei Königstage zusammen und werden alsdann nach übergebener und geschlossener Rechnung einige Heringe gespeißt. Sonst wird auch da getanzt und gespielt.
  12. Zehendverwalter soll heißen Kastenverwalter.
  13. Zur Unterstüzung des Kunstfleisses, der Anfänger der Handlung und anderer Professionisten ist zwar keine besondere Kasse bestimmt, aber dazu dienen die Pflegschaften um gehörige Prozente. Für den Gelehrten ist am wenigsten gesorgt.