Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung/V. Entdecker und Kritiker

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[105]
V.
Entdecker und Kritiker.

Am Eingang der kritischen Periode der deutschen humanistischen Geschichtschreibung stehen drei Namen: Erasmus, Hütten und Celtis. Keiner von ihnen ist eigentlich Historiker, der eine ist Theolog, der andere Publizist, der dritte Dichter, aber sie beinflussen die historischen Studien, die Auffassung und Darstellung der Geschichte, so gut wie die Philosophen im 18., die Soziologen im 19. Jahrhundert.

Stärke und Art ihrer Einwirkung sind jedoch verschieden. Erasmus steht da am entferntesten. Ja, wenn man etwas besonders Charakteristisches über den Mann sagen wollte, so könnte man es darin finden, daß kaum ein anderer Humanist an den geschichtlichen Dingen im gewöhnlichen Sinne ein so geringes Interesse genommen hat. Wir haben von ihm einige Vorreden oder empfehlende Begleitworte zu historischen Werken, zu den Ausgaben des Sueton von 1517 und des Livius von 1531, zum Kompendium Robert Gaguins und zur Chronik des Nauklerus. Bei den beiden letzten weiß er Treue und Gelehrsamkeit zu rühmen, beim Livius die Bedeutung der neugefundenen Hälfte der fünften Dekade ins Licht zu setzen und ihre Echtheit kurz, aber schlagend gegen etwaige Zweifel zu sichern, nur beim Sueton erfahren wir etwas von seiner eigenen historischen Auffassung.

Aber Erasmus hat es verschmäht, mit der Feder, die fast so geschickt wie der Stift Holbeins uns die Bildnisse fast all seiner Freunde gezeichnet hat, auch nur ein einziges Porträt der Vergangenheit – wenigstens aus der weltlichen Geschichte – zu entwerfen. Er hat es anscheinend geflissentlich vermieden, seine Ansichten von weltlichem und geistlichem Regiment, von Republik und Monarchie, vom Notrecht des Widerstandes der Unterdrückten, die so vielfach über seine Zeit hinausweisen, historisch zu unterbauen. Die dem Enkel Maximilians, Karl V., gewidmete „Unterweisung eines christlichen Fürsten“ ist ebenso bedeutsam durch ihre Hinweise auf die Aufgaben des Fürstentums als Rechts- und Kulturpfleger, wie durch ihre Abmahnungen von einer ziellosen Abenteuer-, Heirats- und Bündnispolitik. [106] Aber es fehlt durchaus der staatsmännische Geist, der in Macchiavellis unchristlichem Prinzipe Vergangenheit und Gegenwart durch historische Betrachtung zusammenschloß. Soll ja auch der Fürst des Erasmus vor allem durch moralische Schriften, Plutarch und Seneka und Plato, gebildet werden, während die Historiker nur mit Auswahl zu dulden sind, schon deshalb, weil dem Apostel des Weltfriedens die Historien mit ihrer Empfehlung des Kriegsruhms „irgendeines grundverruchten Heerführers, wie es Julius Cäsar, Xerxes, Alexander der Große gewesen,“ verderblicher erscheinen als Liebesgeschichten.[1]

Wenn Erasmus Historisches benutzt, so tut er es ganz im Sinne der Aufklärung, rein vom moralischen Standpunkt. Die Geschichte liefert Exempel, treffende Züge oder Worte zur Erläuterung dieses oder jenes menschlichen Zuges, aber nur so, wie es das Leben auch tut. In den Adagia des Erasmus werden die historischen Gestalten zeitlos, sie haben für ihn eine ewige Bedeutung oder gar keine.

Vollends den Lieblingsideen in der Geschichtschreibung des deutschen Humanismus steht Erasmus ganz fremd gegenüber. Auch nachdem er sich von seinen elsässischen Freunden das Wort: Germania nostra hat entwinden lassen, bleiben ihm die Fragen nach Wert und Bedeutung des deutschen Volkstums so fern, wie die Sprache des Landes, in dem er doch so viele Jahre verbrachte. Und daß die ebenso eifrig von allen deutschen Patrioten gehegte Idee von der kaiserlichen Weltherrschaft, der Erneuerung des alten Imperium Romanum bei ihm keinen Boden fand, kann die Vorrede zum Sueton lehren. Was er aber dafür als sein Ideal bot, einen Bund christlicher Fürsten, das blieb in noch nebelhafteren Umrissen, als es selbst bei Occam gewesen war. Auch die Türkenfrage beurteilte er kühler als die meisten andern.

Aber Erasmus wurde für die Deutschen ein Anreger wider Willen. Dankbare Schüler wußten später schon zu rühmen, daß er in seinem Hieronymuskommentar zu den Erklärungen des Wortes Germani eine neue, deutschen Herzen wohltuende gefügt hatte, die das Wort mit γνήσιοι gleichsetzte.[2] Wenn dann 1508 Heinrich Bebel seine Proverbia Germanica herausgab, in denen er zeigen wollte, daß auch die alten Deutschen ihre Philosophie gehabt hätten, die sich wohl mit der der griechischen Weisen messen könne, so war das wohl kaum ohne Anregung der Adagia des Erasmus geschehen, die zuerst solche Stoffe beachten gelehrt hatten.

Wie dann die ganze Geistesrichtung des Erasmus sich in einem [107] der bedeutendsten humanistischen Geschichtswerke spiegelt, werden wir sehen.

Weniger im einzelnen zu fassen, aber überall spürbar ist die Wirkung der theologisch-philologischen Großtaten des Erasmus. Er begründet mit ihnen die auf Vergleichung und Klassifizierung der Handschriften beruhende Textkritik, die auf Erfassung einer bestimmten Stilpersönlichkeit fußende Echtheitskritik, lehrt in seiner Hieronymusvita die Zeitgenossen auch Werke rein erbaulichen Charakters als biographische Dokumente ihres Verfassers zu verwerten. Für Deutschland insbesondere bedeuten seine Arbeiten die endgültige Befreiung von der Autorität der Italiener und damit die wissenschaftliche Selbständigkeit. –


Will man Erasmus, den „Mann für sich“, doch an eine Entwicklungsreihe des deutschen Humanismus anschließen, so wird man am ehesten noch an Wimpfeling und die Elsässer denken können, deren Bestrebungen er auf einer höheren Stufe, freilich auch viel reiner, tiefer und zielbewußter zeigt. Celtis und Hütten, der wandernde Ritter und der wandernde Poet, setzen in gleicher Weise das humanistische Vagantentum fort, das wir in Deutschland mit Peter Luder beginnen sahen. Auch ihnen steht, wie Luder, nächst der Dichtkunst nichts näher als die Geschichte.

Die Quellen der historischen Kenntnisse Huttens sind noch nicht untersucht, aber sie liegen schwerlich tief. Was er 1518 zu Augsburg den Fürsten über die Türken sagen wollte und später drucken ließ, konnte er größtenteils dem von ihm so gut gehaßten Enea Silvio entnehmen; was er über die deutsche Tapferkeit und Volkskraft hinzufügte, stand ebenfalls schon hier oder auch bei Bebel zu lesen; der originelle Gedanke der Rede – daß der Türkenkrieg ein Ventil für die überschüssige Volkskraft und die gärende Unzufriedenheit der Massen sei – liegt nicht auf historischem Gebiet. Auch der Abriß deutscher Geschichte, den Hutten 1514 im Panegyrikus auf Albrecht von Mainz und 1521 in der „Anzeig, wie allwegen sich die römischen bischöff oder bäpst gegen die teutschen kayßeren gehalten haben“ bietet, hat nichts Auffallendes im Inhalt; die von Hutten wiederholt mit besonderem Nachdruck betonte Tatsache, daß von allen deutschen Herrschern sich Karl IV. am unwürdigsten bei der Kaiserkrönung gezeigt habe[3], war längst von Petrarka gebrandmarkt worden, und dessen Briefe darüber hatten Wimpfeling, Nauklerus und auch schon Biondo als historische Zeugnisse [108] in ihre Werke aufgenommen. Auch der Gedanke, den die Türkenrede anklingen läßt und die Anzeig mannigfach variiert, daß die Päpste die eigentlichen Widersacher der Kaiser und die Haupthindernisse früherer Kreuzzugsfahrten derselben gewesen seien, fand sich, wie wir sahen, schon bei Bebel und Coccinius.

Aber hier hat Hutten weitergegraben, mit ebensoviel Erfolg wie Leidenschaft. Denn seine Gelehrsamkeit wie sein Geist ist „aus dem Zorne geboren“. Freilich wenn er auf dem Augsburger Reichstag von dem Rußlandfahrer Sigmund von Herberstein hört, daß es im Osten wirklich, wie Matthäus von Miechow zuerst behauptet hatte, keine rhipäischen und keine hyperboreischen Berge gebe[4], so wirft es ihn fast nieder, daß sich eine so fest geglaubte Meinung in Fabeln und Trug auflöst. Aber das bleibt eine vereinzelte Erkenntnis, keine weiteren schließen sich daran. Wie anders, wenn er ein Bollwerk der „Romanisten“ als windigen Trug erweisen kann!

Es ist merkwürdig, wie gut chronologisch hier die Huttenschen Erkenntnisse und Entdeckungen sich zusammenfügen: 1517, im Begriff Italien zu verlassen, bekommt er in Bologna von Cochläus Vallas Schrift über die konstantinische Schenkung.[5] Sie lehrt ihn, daß die weltliche Macht der Päpste auf einer Fälschung beruhe. 1519 findet er in Fulda neben einer Lebensbeschreibung Heinrichs IV., die wir nicht mehr zu identifizieren vermögen, den Waltram von Naumburg zugeschriebenen Liber de unitate ecclesiae conservanda.[6] Er enthüllt ihm die so lange verborgene Größe Heinrichs IV., er spielt sie gegen die Italiener aus und kann nun beweisen, daß Heinrich nicht nur noch eher als Friedrich Barbarossa das Lob des allerstreitbarsten deutschen Kaisers verdient, sondern daß überhaupt seinesgleichen in deutschen Landen nie geboren ist.[7] Etwa gleichzeitig mag er auf die Briefe des Petrus de Vineis gestoßen sein[8], die ihm für Friedrich II. den gleichen Dienst gegen die Italiener tun. Ein Jahr darauf erhält er auf einer Rheinreise bei dem humanistischen Zöllner Eschenfelder in Boppard eine Aktensammlung aus der Zeit der Kirchenspaltung.[9] Er findet darin theologische Bundesgenossen einer vergangenen Generation. Endlich im Winter 1521 weiß er sogar aus Sickingens Bibliothek auf der Ebernburg einen nützlichen Fund zu heben: eine Schrift für das Basler Konzil und dessen Papst Felix V.[10] Er wird ihm seine Meinung von dem „Verräter“ Eugenius IV. bestätigt haben.[11]

Ein wohlangelegtes Arsenal, dessen Benutzung Hutten überdies durch die Drucklegung der meisten dieser Schriften allen Mitstrebenden ermöglichen wollte.

[109]
Aber er gab ihnen noch mehr: er schloß die Bestrebungen der Humanisten, die sich auf die Verherrlichung des deutschen Altertums richteten, mit jenen Kampfesschriften zusammen.

Wenn ein Humanist der älteren Periode die Siege der Deutschen über das römische Imperium verherrlichte, so lag es ihm doch fern, Nachfolger der alten Imperatoren im Italien seiner Zeit zu suchen, schon der Begriff der Translatio imperii verhinderte ihn daran, und umgekehrt können Publizisten und Redner für die germanische Freiheit gegen Rom deklamieren, ohne an jene alten Zeiten zu denken.

Mit Hutten wird das anders. Für ihn sitzen die Nachkommen des Varus und Germanikus jetzt auf dem päpstlichen Thron, und die Kämpfe, die er mit den Romanisten führt, haben eine lange Ahnenreihe und einen erlauchtesten Vorkämpfer: Arminius.

Wir haben den Namen schon bei Nauklerus gefunden. Aber nicht mehr als den Namen; bei Hutten gewinnt er Fleisch und Blut.

Es ist interessant zu sehen, wie ihn gleich Naukler und anderen zunächst noch die Überlieferung von der Varusschlacht bei Augsburg an einer freien Auffassung der Tat des Arminius hindert. Er hatte ihn schon 1512 neben Ariovist unter den alten Königen der Germanen genannt, aber noch 1515 sucht er im Panegyrikus auf Albrecht von Mainz, einer Geschichtsklitterung Peutingers folgend, die Florusstelle mit der Augsburger Lokaltradition zu verbinden.[12] Da aber gibt eben in diesem Jahre der jüngere Beroaldo die aus Deutschland nach Italien gewanderten fünf ersten Bücher der Annalen des Tacitus heraus. Hutten schilt heftig auf das der Ausgabe vorgesetzte harmlose Privileg Leos X. gegen den Nachdruck, das ihn verhindert, auch diesen Schatz seinen Deutschen direkt zugänglich zu machen, und es ist ihm ein magerer Trost, daß er dagegen 1519 aus Mainz einen vollständigeren Livius bevorworten darf.[13] Aber er weiß nun aus Tacitus, daß die Varusschlacht nicht am Lech, sondern nahe der Weser stattgefunden hat, also im Lande der „alten Sachsen“, die ihm schon längst, wohl von dem eigenen Studienaufenthalt in Rostock und Greifswald her, mit ihren ehrwürdigen Rechts- und Landesbräuchen, vielleicht auch mit ihrer unbändigen Trunksucht als die echten Erben der alten Germanen erscheinen und die er 1520 gegen Friedrich den Weisen ganz so als die deutsche Hauptnation zu rühmen weiß, wie Bebel seine Schwaben, nur mit besseren Gründen.[14] Und nun wird ihm Arminius der eigentliche deutsche Held, der in einem Totengespräch[15] vor dem Throne des Minos nicht nur seinen Platz als Feldherr vor Alexander und Hannibal beanspruchen darf, sondern [110] eigentlich noch in eine edlere Reihe gehört: er ist der „Brutus“ Germaniens, der auch List und Trug mit demselben Recht gebraucht hat wie alle anderen Tyrannenstürzer. Seit Hutten lebt Arminius als der Begründer germanischer Freiheit in unserer Geschichte.

Es hängt damit zusammen, daß der Stammespatriotismus der älteren Humanisten bei Hutten überwunden erscheint. Nur etwa wenn er seine persönliche Sache gegen Ulrich von Württemberg führt, kommt der fränkische Ritter heraus, sonst klingt es in seinen Schriften immer nur: Deutschland.


Ebenso klingt es bei Celtis[16], aber aus einem anderen Ton. In Hutten und Celtis treten die beiden Seiten deutschen Empfindens, die in Walter von der Vogelweide noch so innig vereint gewesen waren, das politische und das völkische, auseinander. Zwar weiß auch Celtis sein Sprüchlein gegen Rom, aber er ist viel weniger aus dem Zorn des Kämpfers wie aus der Verachtung des freien Geistes herausgesprochen, der zudem überzeugt ist, daß der Feind im Sterben liege.[17] Auch Celtis stellt seine Betrachtungen über Einst und Jetzt des Imperiums an, und es ist bemerkenswert, daß er dabei nicht nur, wie die meisten Zeitgenossen, an Römerzüge und kaiserliche Weltherrschaft denkt, sondern seinen Blick auf die avulsa membra imperii richtet, die zumal im Osten wirkliche Einbußen deutschen Wesens darstellten.[18] Aber seine eigentlichen Interessen liegen doch im deutschen Altertum, es wird sich zeigen, daß auch seine wichtigsten Entdeckungen aus dem Mittelalter, die Hrotsuita und der Ligurinus, mit ihnen zusammenhängen.

Es ist für die genial-phantastische Art des Celtis charakteristisch, daß er seine Vorstellungen von diesem Altertum von vornherein mit stillschweigender Verwerfung der alten Fabeln allein auf dem Tacitus aufbaut, und dies zu einer Zeit, wo Meisterlin und Fabri noch schrieben. Ebenso charakteristisch aber, daß ihm die kurzen Bemerkungen des Römers nun nicht genügen[19], sondern daß er sogleich darüber hinausstrebt, und zwar viel weniger durch geduldige Vergleichung anderer Zeugnisse, wie Nauklerus, als durch phantastische Kombination, die wieder ins Fabelhafte führen muß.

Das „Germani sunt indigenae“ ist auch für ihn die Grundlage.[20] Nach Tacitus und wohl auch Ptolemäus sucht er dann die alten Stämme im heutigen Deutschland und schiebt die Markomannen, Gepiden und Quaden tief in den sarmatischen Osten hinein, um so auch das historische Recht der Deutschen auf diesen Boden zu [111] erweisen.[21] Die Grenzen seines Deutschlands sind durchaus die Sprachgrenzen. Die rheinischen Freunde, die sein Leben beschrieben[22], rühmen von ihm, daß er als erster wandernd nach allen vier Seiten die Grenzen deutscher Zunge erreicht habe. Er selbst hat seine unsteten Wanderfahrten mit dem gleichen Hinweis gerechtfertigt[23] und damit das größte Verdienst seiner Forschertätigkeit richtig erkannt. Bei all seinen Beobachtungen verschmelzen ihm Altertum und Gegenwart zu einem Bilde. Die Freunde, wie Gresemund und Vigilius, müssen es sich gefallen lassen, als Cherusker und Chatte angeredet zu werden. Er kann kaum einem den Ruhmeskranz winden, ohne ein Blättchen von Alter und Vorzügen der Heimatsstadt einzuflechten, wobei es ihm dann freilich nichts ausmacht, die Ungarn auf dem Lechfelde dem Kaiser Karl unterliegen zu lassen oder Gregor VII. unter Friedrich Barbarossa zu setzen.[24] Die alten Germanen sind ihm ein Volk rauher und arbeitsamer Ehrlichkeit. Ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften findet er im Guten und Bösen – soweit nicht Italiens Luxus die Übel vermehrt hat – in den Deutschen seiner Zeit wieder, während er die erstaunlichen Wandlungen im Aussehen des Landes, denen er überall seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, auf den Einfluß der Sterne zurückführt.[25]

Hier aber bei der Frage nach dem Segen oder Unsegen der Kultur werden seine Ansichten unsicher. Wie er von den beiden großen deutschen Erfindungen die der Buchdruckerkunst preist, die der „Bombarden“ aber haßt, so wäre er geneigt, in jenen kulturlosen Zuständen das goldene Zeitalter der Dichter zu sehen[26], wenn nicht damit auch die geistige Unkultur verbunden wäre. Da schafft eine kühne Vermutung ihm einen Ausweg. Seine Germanen sind, wenn sie nicht schon ursprünglich griechisch sprachen[27], von den „griechisch lebenden“ Druiden, die Tiberius aus Gallien vertrieben hat, in die Kultur eingeführt worden, und die Nachfolger derselben sind die „Mönche in den schwarzen Kutten“, deren Klöster, an Stelle der alten Orakelstätten in den Tiefen der Wälder erbaut, unter den Karlen, Arnulfen und Ottonen als die Kulturmittelpunkte erscheinen.[28]

Die Handschriften der Griechen und Römer aber, die man in diesen Klöstern findet, sind nach Celtis die Beutestücke, die die alten Kaiser von ihren Kriegsfahrten mitgebracht haben; eine undankbare Nachwelt hat sie vermodern lassen.[29]

Wir werden sehen, von welcher Bedeutung diese Anschauung für einen großen Teil der humanistischen Geschichtschreibung geworden ist. Es wäre deshalb wichtig, ihren Ursprung festzustellen. [112] Dazu aber reicht das bis jetzt zutage geförderte Material nicht aus. Aber eines wird sich, so scheint mir, sagen lassen: ihren Nährboden haben diese Ideen in dem Verkehr zwischen Celtis und Trithemius in Sponheim gefunden. In den Bücherschätzen des Trithemius trat Celtis zum ersten Male der Reichtum der historischen Überlieferung deutscher Vergangenheit vor Augen, hier sah er die erhaltende Tätigkeit des Mönchtums großartig bewährt. Im Griechischen aber war Trithemius der empfangende, und mit der nicht ganz einwandfreien, damals aber doch seltenen sprachlichen Belehrung des Celtis nahm er auch seine Druidenideen in sich auf. Schon 1495 datiert er einen Brief in domo nostra Druidum Spanhamensi, Wimpfeling weiß 1496 von den druides et flamines in Speier zu reden[30] und bald sehen wir wetteifernd Dalberg, Trithemius und Celtis sich darum bemühen, deutsche Worte im Griechischen wiederzufinden[31]; Trithemius in seinem Sponheimer Wirken erscheint in den Oden des Celtis als der eigentliche Vertreter seines Druidentums.

Aber von diesem Gedankenaustausch sind die beiden Männer zu sehr verschiedenen Werken gelangt, Trithemius zu seinen Klostergeschichten, Celtis zu dem großen Plan der Germania illustrata.

Sie ist ein Plan geblieben, denn Celtis war ein Säemann, kein Ackersmann – was wir uns von dem Werke noch vorstellen können, soll in anderem Zusammenhang erörtert werden –, aber daß von der ausgestreuten Saat so vieles, wenn auch unter anderen Händen, aufging, dafür hat doch Celtis wieder selbst gesorgt durch seine Organisation der wissenschaftlichen Arbeit in den literarischen Sodalitäten.[32]


Das Vorbild bot auch hier Italien, vor allem die römische Akademie unter Pomponio Leto, jenem merkwürdigen Altertümler, der auf seine deutschen Schüler fast noch mehr gewirkt zu haben scheint, wie auf die Italiener.[33] Aber was in Deutschland entstand, war wesentlich anderer Art. War es ein Mangel[34], daß den deutschen Sodalitäten die örtliche Begrenzung, das anerkannte Schulhaupt, die Richtung auf ein bestimmtes Wissensgebiet fehlte, so entsprangen eben daraus auch eigentümliche Vorzüge. Ursprünglich als eine einzige, ganz Deutschland umfassende Gesellschaft gedacht, bleiben die Sodalitäten auch nach ihrer örtlichen Teilung eine Zusammenfassung des humanistisch-literarischen Deutschlands und verkörpern so den neuen Nationalitätsbegriff. Aber auch ihre praktischen Aufgaben sind andere: während in Italien der Gedankenaustausch als der eigentliche [113] und letzte Zweck der Vereinigung erscheint, steht in Deutschland neben diesem die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit, und diese richtet sich nun fast ausschließlich auf die Erforschung der Vorzeit. Es entsteht ein stürmisches Bestreben, die alten Handschriftenschätze, vor allem die Quellen der Deutschen Geschichte mit vereinten Kräften ans Licht zu ziehen und zu verwerten.[35]

Merkwürdig nun, wie so ganz anders diese Generation zu sehen versteht als ihre Vorgänger. In Lorsch hatte Luder und Mathias von Kemnat geplündert, aber sie hatten weder die ersten 5 Bücher der Varia des Cassiodor gesehen, die Dalberg dort fand, noch den kostbaren Rest der 5. Dekade des Livius, den Grynaeus dort hervorzog.[36] In Murbach hatte Meisterlin die Bibliothek geordnet und vermehrt, aber erst Beatus Rhenanus sah dort den Vellejus Paterculus, der den Humanisten bald wegen seiner Stelle über die Varusschlacht so wichtig wurde. Auch in St. Emmeram in Regensburg war Meisterlin und nach ihm Hartmann Schedel gewesen[37], sie brachten ein paar Annalenfragmente und Inschriften heim und ließen Hrotsuita und die Vita Henrici IV für Celtis und Aventin übrig. Ja, auch aus Fulda sahen wir Hutten mehr davontragen als Trithemius.

Es gibt vielleicht keinen stärkeren Beweis für die außerordentliche Erweiterung des Gesichtskreises, die sich in so wenigen Jahren vollzogen hat.

Ebenso aber ist nun das Gefühl von der Bedeutung des Gefundenen gewachsen und damit das Interesse an der Veröffentlichung. Auch hier spielt die Rivalität mit den Italienern hinein, die deutschen Schriftsteller wenigstens sollen in Deutschland erscheinen.[38]

In der Schar der Entdecker und Herausgeber steht Celtis selbst mit der Hrotsuita und dem Ligurinus voran. Ob er den Ruhm des Entdeckers ganz uneingeschränkt behauptet, ist fraglich, bei der Hrotsuita wußten die Mönche, was sie weggaben, beim Ligurinus bleibt ein Fingerzeig des Trithemius wahrscheinlich.[39] Auch an der Drucklegung mag der ewig in Schulden steckende Poet nicht allzuviel Anteil gehabt haben. Aber er war es sicher, der die Freunde gelehrt hat, Hrotsuita als die deutsche Sappho und die zehnte Muse zu feiern und über den Ligurinus an den Universitäten zu lesen wie über Statius und Vergil.[40]

Ein Jahr nach dem Ligurinus trat auch das Carmen de bello Saxonico ans Licht, von dem Freiburger Gervasius Soupher im Zorn über neue französische Angriffe, besonders über eine deutschfeindliche [114] Rede Kardinal Briçonnets, desselben, der auch Wolffs patriotische Psalmenerklärung veranlaßt hatte, ediert[41], und man hatte nun die deutschen Heldengedichte, die man so lange ersehnt hatte. Nicht lügenhafte Spielmannsdichtung, wie man sie immer noch von Dietrich von Bern sang und mit der man sich höchstens in der gekünstelten Art des Trithemius abfinden konnte[42], sondern wahre Geschichte, die sich aus zeitgenössischen Quellen erhärten ließ.[43]

1515 erscheinen dann Jordanes, Paulus Diaconus, die Ursperger Chronik und der langersehnte Otto von Freising, jene durch Konrad Peutinger mit Stabius in Augsburg, dieser durch Cuspinian in Wien besorgt, 1521 Einhards Leben Karls des Großen mit den fränkischen Reichsannalen, und Regino von Prüm, von den fränkischen Adligen Hermann von Neuenar und Sebastian von Rotenhan, dem Schwager Huttens, ans Licht gezogen. Die Einleitungen der Herausgeber betonen übereinstimmend, daß hier Geschichte aus den Erzählungen von Zeitgenossen oder gar von Teilnehmern geschöpft werden könne, sie verzeichnen mit Genugtuung die Ehrenrettung, die durch Paulus Diaconus den Langobarden zuteil wird, die Widerlegung der Fabeln über die Translatio imperii, die man aus Einhard schöpfen könne. Die Bedenken Wimpfelings über den barbarischen Stil der Quellen haben sie längst überwunden, sie ziehen die nackte Wahrheit der Annalen den geschmückten Historien der Modernen vor.

Auch in diesen ersten Drucken zeigt sich die Vorliebe der Editoren für die Zeiten der Völkerwanderung, der Frankenkönige und der Staufer. Das Material für die Sachsen- und Salierkaiser bleibt zunächst gering, Widukind, Hermann von Reichenau und Lambert kommen erst später zum Druck, aber als entdeckt können auch sie seit Trithemius und Nauklerus gelten.

Auch Ansätze zur Textkritik dieser Autoren finden sich. Man sucht, wenn möglich, mehrere Handschriften zu vergleichen, wenn auch hier noch jedes Prinzip fehlt. Wichtiger wird es, daß man allmählich imstande ist, in den großen Kompilationen des Mittelalters Bestandteile zu unterscheiden. Schon Hartmann Schedel bemerkt, als ihm 1498 ein Heft: Gesta Karoli Magni in die Hand kommt, daß es nicht von einem Autor sein könne. In der Tat hatte er Einhards Vita Karoli, die Reichsannalen und den Monachus Sangallensis vor sich und er hat die Stilunterschiede der drei Stücke nicht übel charakterisiert.[44] Peutinger bemüht sich, wenn auch ohne Glück, die Zusätze des Paulus Diaconus vom Breviarium des Eutropius richtig zu [115] scheiden.[45] Beatus Rhenanus erkennt, daß die Ursperger Chronik, wie sie 1515 gedruckt wurde, eine Kompilation sein muß, und Cuspinian scheidet, als er den Mathias von Neuenburg zum Druck vorbereitet, die älteren Partieen aus, weil man das alles schon bei Eusebius, Orosius, Martinus Polonus, Gottfried von Viterbo und anderswo lesen könne.[46] – Es ist der Weg, auf dem man zu einer Vorstellung von einem Quellenstammbaum gelangen konnte. Cuspinian und Rhenanus sind ihr nahe gekommen.

Einen Autor sucht man auch für die großen anonymen Annalenwerke des Mittelalters, soweit sie damals in den Quellenkreis gelangen. Die Altaicher Annalen, die Aventin 1517 aus St. Emmeran hervorzieht, müssen entweder ein Werk des Mönchs Walker oder des Abts Wenzel sein.[47] Den Monachus Sangallensis hat Wolfgang Lazius mit dem Werinbert gleichsetzen wollen, dem Gewährsmann des Mönchs für sein erstes Buch. Man sieht, woher die mancherlei trügerischen Büchertitel stammen, mit denen der Humanismus die Nachwelt geäfft hat.

Andere Trugbilder haben die Humanisten sich selbst geschaffen. Wie schon Biondo aus dem Jordanes sich einen Ablavius konstruiert und als selbständige Quelle zitiert hatte, so hat es Aventin mit dem Schotten David gemacht, den er als Augenzeugen für Heinrichs V. Romzug aus Ekkehard kannte. – Es entspricht dieser Geistesrichtung, wenn anderseits Werke ganz unpersönlichen Charakters, wie vor allem die Annalen der sächsischen und salischen Zeit, auffallend lange unbenutzt blieben.


Aber das Bild dieser Tätigkeit wäre unvollständig, wollte man nicht auch die Bemühungen um die römischen Quellen für deutsche Geschichte heranziehen.

Den Übergang mag die Formelsammlung des Cassiodor bilden. Wieviele Deutsche mochten wohl schon in Bologna das Corpus iuris Justinians studiert haben, ohne daß einer sich über die Persönlichkeit dieses Kaisers Gedanken gemacht hatte. Aber Johann Cochläus, der Studiengenosse Huttens, wird durch solche Gedanken zu historischer Betrachtung Justinians und damit auf Prokops Gotenkrieg geführt. Dort findet er vieles, was ihm Sympathien für die Ostgoten einflößt, und diese wachsen, als er in Rom die vollständige Sammlung der Varia des Cassiodor findet. Wir sahen, daß Dalberg schon auf ein Stück davon gestoßen war. Er hatte den Fund mit verständigen kritischen Bemerkungen begleitet, dann aber wohl liegen [116] lassen. Cochläus aber gestaltet sich nun daraus, wie einst Biondo, ein Lebensbild Theoderichs, aus dem man sehen soll, daß auch die Gotenherrschaft in Italien keine Tyrannei gewesen sei, und bringt den Fund, freilich erst später, 1529, und in einem Auszuge, zum Drucke. Auch eine Handschrift der Chronik Cassiodors fand er in St. Stephan in Mainz und bereitete 1528 ihren Druck vor.[48]

1519 veröffentlicht ein Mitglied des Augsburger Humanistenkreises die lateinische Übersetzung des Agathias vom Gotenkriege, die schon Naukler für deutsche Geschichte benutzt hatte[49], 1513 waren auf Cuspinians Anregung die Panegyrici latini erschienen, freilich zunächst als rhetorische Muster, aber auch ganz vorwiegend als historische Musterlektüre gedacht.[50] Wir sahen, daß schon 1507 Heinrich Bebel ihnen Historisches für deutsche Stämme entnommen hatte, bald sollte durch Beatus Rhenanus ihre eigentliche Bedeutung für die deutsche Geschichte offenbar werden. Cuspinian selbst plante ein ganzes Corpus von Editionen, die seinem darstellenden Hauptwerke, den Consules et Caesares, als Vorläufer und Bewährung dienen sollten. Auch er wurde dabei auf Cassiodor geführt und bemühte sich um einen vollständigen Ammianus Marcellinus.[51] Merkwürdig, daß er den Florus 1511 ohne patriotische Absicht herausgegeben zu haben scheint[52], während Beatus Rhenanus 1520 bei dem Vellejus sogleich den Finger auf die Erwähnung des Arminius legte.[53] Aber die eifrigsten Bemühungen der Humanisten gelten doch dem „goldenen Büchlein“ des Tacitus, nur etwa die Geographie des Ptolemäus kann sich mit diesem an Wichtigkeit für sie messen.


Diese erzählenden Quellen bildeten den wichtigsten, aber doch nur einen Teil des durch den Humanismus an den Tag geförderten Quellenmaterials: was die erste Humanistengeneration schüchtern versucht hatte, auch die Überreste des Lebens der Vergangenheit, also die Inschriften, Münzen und Urkunden, der Geschichte dienstbar zu machen, das nehmen die Nachfolger in großartiger Weise wieder auf. In jeder Hinsicht hat Konrad Peutinger hier die Führung.[54]

Peutinger stellt uns auch fast repräsentativ den Fortschritt vor Augen, den der kritische Humanismus auf diesem Gebiet über seine Vorgänger hinaus macht, den Fortschritt von der bloß lokalen und gelegentlichen Beachtung dieser Überreste zu ihrer systematischen Sammlung und zu Versuchen darstellender Verwertung.[55] Die Inschriften, also die Denkmale der Römerzeit, sind es, die da zunächst ins Auge fallen, und so sind die Lehrer und Vorbilder der Deutschen [117] die großen italienischen Antiquare wie Biondo in Rom und Fra Giocondo in Verona, aber auch Poggio und Ciriaco von Ancona und kleinere Geister, wie der Bolognese Thomas Sclaricinus Gammarus. Deren Sammlungen werden bewundert und, wenn es zu eigener Arbeit nicht reicht, wenigstens abgeschrieben. So hat Schedel seinen Liber Antiquitatum gefüllt, so Thomas Wolff, vielleicht auch Lorenz Beheim in Deutschland den unverdienten Ruhm eines Bahnbrechers auf dem Gebiete erhalten.[56]

Der nächste Schritt ist nun, daß man auf dem Boden nördlich der Alpen selbst sucht und sammelt. Daß auch hier erst der Humanismus die Menschen sehen lehrt, zeigt das Alter der frühesten Sammlungen, die wir aus Dacien, Pannonien, Noricum bis herüber zum Rhein besitzen, geradeso wie das der englischen, französischen und spanischen. Aber es schwebt ein eigentümliches Geschick über dem Ruhm dieser ersten Sammler. Ihre Namen sind entweder gänzlich verschollen[57], oder wir können auch da, wo die Kritik unserer Zeit sie wiedergewonnen hat[58], kaum je das Bild einer literarischen Persönlichkeit mit ihnen verbinden. Das ist kein Zufall. Sie alle bleiben eben in reiner Sammeltätigkeit stecken. Weiter kommen erst die Männer, die Pomponio Letos belebenden Einfluß erfahren haben. Was dieser bedeutet haben muß, zeigen uns mehr die begeisterten Aussprüche der Schüler – den pater historiarum nostri saeculi nennt ihn Cuspinian, einen homo superstitiose Romanus mit Anflug von Ironie Beatus Rhenanus – als Letos Werke. Denn sein von allen zitiertes und oft auch in Deutschland gedrucktes Compendium Historiae Romanae ist nur ein Geschichtsabriß des unerquicklichsten Teiles der römischen Kaiserzeit vor Gordian d. J. bis Justin. Aber wir sehen hier doch, wie das antiquarische Element, das bei Biondo noch in rein beschreibenden Werken seine Stelle suchte, in die geschichtliche Darstellung einströmt und sie belebt.[59]

Peutinger ist in der Richtung seiner Forschung von Leto so abhängig, wie nur immer in seiner spekulativen Überzeugung von Marsilio Ficino und Pico della Mirandola. Es wird doch unter Letos Führung gewesen sein, daß er, wie Zasius von ihm rühmte, in Rom mit Lebensgefahr den Überresten des Altertums nachspürte. Er nennt Leto wiederholt seinen Lehrer, folgt ihm, wo er kann; wenn er ihn verbessern zu können glaubt, geschieht es mit aller Ehrfurcht.[60]

Andere Einflüsse kommen dazu, um die antiquarische Sammlertätigkeit für Peutinger zur Lebensarbeit zu machen. Er lebt in Augsburg, wo die Reste römischer Vergangenheit den Lebenden so nahe [118] treten, wie höchstens noch in den Rheinstädten oder in Regensburg und Trier. Das hatte, wie wir sahen, schon auf Meisterlin gewirkt. Schon er hatte eine Sammlung römischer Inschriften geplant. Seitdem war das Interesse an diesen Dingen nicht mehr erloschen und zu dem historischen war das ästhetische getreten. Alte Münzen waren ein gebräuchliches Geschenk, Humanisten schenkten sie ihren Freunden, Fürsten, die einigermaßen für gelehrt gelten wollten, den Humanisten, die sie ehren wollten.[61] Neue Inschriftenfunde übertrug man, wo möglich, in das eigene Haus, wo sie mit den Götterbildern, Münzen und Handschriften einen Schmuck neuer Art bildeten.

Peutingers Haus stand allen voran. Wenn einmal ein großer Fund der Art in der Umgebung zutage kam, wie in Lauingen beim Bau der neuen Kirche, so suchten die Altertumsbeflissenen, was der Unverstand der Finder übrig gelassen hatte, in seines oder etwa in seines Ingolstädter Freundes Apian Sammlungen und dort fand es sich dann auch vor.[62]

Aber auch Matthäus Lang, der Augsburger Bäckerssohn, damals Propst von Augsburg, bald Kardinal der römischen Kirche und die rechte Hand Maximilians, schmückte sein Schloß zu Welden mit antiquarischen Beutestücken dieser Art, die er aus Italien mitgebracht hatte.[63] Kaiser Maximilian selbst, der in Augsburg seine zweite Residenz, in Peutinger seinen vornehmsten literarischen Gehilfen sah, hat gerade den Inschriftenfunden das lebhafteste Interesse entgegengebracht. Vor allem aber war es Celtis, der, wenn er von seinen Wanderfahrten durch Deutschland bei Peutinger einkehrte, selten ohne ein literarisches oder antiquarisches Beutestück kam und jeden neuen Zuwachs, den er vorfand, mit verständnisvollem Interesse besichtigte. Er hat schließlich die Sammlungen seines Freundes als Aufbewahrungsort seiner eigenen betrachtet – auch jene berühmte römische Straßenkarte ist bekanntlich auf diese Weise zur Bezeichnung der Peutingerschen Tafel gekommen.[64]

Celtis und Maximilian sind es dann auch gewesen, die Peutinger bewogen haben, 1505 die römischen Inschriften Augsburgs zu veröffentlichen. Es ist ein schmales Heft, aber der erste Druck dieser Art in Deutschland, der zweite überhaupt.[65] Er hat dann auch alsbald weiter gewirkt. Überall erscheint jetzt Peutinger als Patron dieser Studien. Beatus Rhenanus suchte in Mainz Theodor Gresemund d. J. mit Hinweis auf Peutinger zu einer ähnlichen Veröffentlichung zu bewegen. Gresemund starb über dem Plane, aber Johann Huttich gab seine Sammlungen 1520 heraus, im gleichen Jahr und bei dem [119] gleichen Verleger, der die zweite etwas vermehrte Auflage der Peutingerschen Inscriptiones druckte.[66]

Von Peutingers Inschriftensammlungen ist jener Druck nun aber nur der kleinste Teil. Gar viel von seinen Schätzen ist erst der folgenden Generation zugute gekommen. Amantius und Apian, vor allem aber Marx Welser haben davon Nutzen gezogen. Den ganzen Umfang seiner Tätigkeit aber überblicken wir erst, seit wir die Handschriftenbände kennen. Da sehen wir, daß er sich neben seinem „Thesaurus rerum Germanicarum“, der alle ihm bekannt gewordenen chronikalen Quellen der deutschen Geschichte in Abschrift enthält[67], ein ganzes Corpus von Inschriften angelegt hat. Auch er hat, wie die kritische Untersuchung der Bände ergeben hat, es oft vorgezogen andere Sammlungen zu kopieren als selbst zu sammeln. Aber niemand von den Zeitgenossen erreicht ihn an Eifer und Weite des Blicks, wenige an Genauigkeit der Wiedergabe.[68] Denn die Tätigkeit, die Johann Choler, Propst von Chur, später in Augsburg und im Dienste der Fugger, neben ihm auf diesem Gebiet entfaltete, ist doch wohl ganz auf Peutingers Anregung zurückzuführen.[69] Seine Sammlungen umspannen Europa von Lissabon bis Dalmatien und von Neapel bis zum Rhein. Er zuerst hat die spanischen und portugiesischen Handelsbeziehungen der Welser, aus deren Haus seine Gattin Margarethe stammte, der Inschriftenkunde nutzbar gemacht.[70] War es Dankbarkeit dafür oder Gelehrteneitelkeit, die ihn bewog, in einer der merkwürdigsten Fälschungen, die die deutsche Renaissance kennt, einen Teil seiner Funde und seine Bemerkungen dazu unter dem Namen dieser seiner Gattin den Freunden vorzulegen?[71]

In diesem Brief, den angeblich Margarethe Welser an ihren Bruder Christoph in Rom schrieb um die Zweifel zu widerlegen, die Hieronymus Emser an dem Glück der Gelehrtenfrauen geäußert hatte, hat Peutinger dann auch den Zweck seiner Inschriften- und Münzsammlungen dargelegt: sie sollen dazu dienen die chronikale Überlieferung zu kontrollieren, sie zu ergänzen, wo sie lückenhaft, zu verbessern, wo sie falsch ist. Das versucht Peutinger zunächst an der römischen Kaisergeschichte des Leto[72] und ist offenbar nicht wenig stolz darauf, wenn es ihm gelingt, nach seinen Münzen und Steinen einen Aimilianus in Aemilianus, einen Quinctilius in Quintillus zu korrigieren. Wertvoll ist hier nur der Grundsatz, die Geschichte auf das urkundliche Material begründen zu wollen, bedeutsam vor allem, daß dieser Grundsatz Peutinger über die römische Kaisergeschichte hinausgetrieben hat: einmal zu einer Erweiterung des Gebietes nach [120] rückwärts, indem er geradeso wie Huttich und Cuspinian seinen Caesares Consules voranzustellen dachte[73], sodann aber nach vorwärts in die Geschichte der deutschen Kaiser hinein. Und hier treten für ihn ebenso naturgemäß wie für Nauklerus an Stelle der Inschriften die Urkunden. Nur daß auch hier, was bei dem Tübinger Kanzler gelegentlich versucht wird, bei Peutinger Gegenstand systematischer Forschung ist. Er zuerst hat die Klöster von der Donau bis zum Rhein auf Kaiserurkunden durchsucht oder durchsuchen lassen. Johann Choler muß ihm Ergänzungen aus Chur, Bruder Nikolaus Ellenbog aus Ottobeuren, Kurfürst Friedrich von Sachsen aus Magdeburg und den sächsischen Landen liefern.[74] Dabei richtet er sein Augenmerk wenig auf den Inhalt, nur „die anfanng vnnd Tittel, auch die Datum derselben brieue, des Jars Christi, keyserthumbs, oder kunigreichs“[75], außerdem noch etwa die Zeugenreihen sind ihm wichtig. So hat er sich ein kleines Diplomatar von Niederaltaich zusammengestellt, so sogar eine Sammlung von Kaisermonogrammen und Siegelabbildungen angelegt.[76] Wie bei den Inschriften ist auch hier mancherlei Wertvolles nur durch ihn gerettet worden.

Auf diesen Sammlungen nun baute sich Peutingers Lebensarbeit auf, sein Kaiserbuch. Es ist ungedruckt und auch in seinen handschriftlichen Entwürfen Fragment geblieben, einer der großen Torsi unserer humanistischen Geschichtschreibung, und das nicht nur deshalb, weil Peutinger, wie wir sehen werden, dieser Aufgabe nicht gewachsen war, sondern auch weil seine nächsten Zwecke in verhängnisvoller Weise von den genealogischen Bestrebungen seines kaiserlichen Gönners gekreuzt wurden. Deshalb soll es im Zusammenhang mit diesen besprochen werden.


Zu den Inschriften, Urkunden und erzählenden Quellen treten dann endlich auch noch die Rechtsbücher. Hier vollzieht sich besonders deutlich die Rückbildung einer mittelalterlichen Entwicklung auf dem Gebiet der Historiographie. Während wir dort eine Menge historischen Materials in den juristischen Kodifikationen erstarren sahen, werden jetzt diese selbst als historische Zeugnisse in Anspruch genommen. Auch hier aber führt der Weg von Rom nach Deutschland. Zunächst mußte die Auffassung des römischen Rechts aus einer dogmatischen eine historische werden, ehe man zum deutschen Recht gelangt. Und auch hier ist der Unterschied zwischen dem scholastischen und kritischen Humanismus bemerkenswert. Während jener das römische Recht mit traditioneller Verehrung betrachtet, beginnen [121] nun die Versuche, zunächst das echte Corpus iuris unter dem Wust der Glossatoren zu entdecken. Angelo Politiano bricht hier Bahn, auch seine Anregungen scheinen fast mehr in Deutschland und Frankreich als in Italien gewirkt zu haben. Wir sehen in dem Briefwechsel des Beatus Rhenanus, welche Erregung die Aussicht hervorruft, die Florentiner Pandektenhandschrift gedruckt zu sehen, in dem Pirckheimers, welche Hoffnung man an Haloanders Bemühungen in dieser Hinsicht knüpfte.

Andere aber sehen die Dinge schon anders an. Wir haben ein Epigramm von Celtis, das die Deutschen vor dem Italienlaufen warnt, dort könne man nur das päpstliche Recht studieren, die Kenntnis des wahren kaiserlichen Rechts sei in Deutschland zu holen. Bebel, in so manchen Punkten der Rivale des Celtis, greift Justinian als schlechten Lateiner an, Cochläus schreibt in Bologna, wo er sich für Theoderich und die Goten begeistert, Septem querelae in Justinianum, „omnia pro veritate et legum reformatione“.[77] Diese Angriffe finden Widerhall in den Charakteristiken, wie sie Huttich und Cuspinian in ihren Kaiserbüchern diesem Herrscher widmen. Sie verdichten sich zu dem Wunsche, daß Maximilian, von dem man ja alles erwartet, das alte Werk revidieren, die Kommentare unterdrücken, am Ende gar das deutsche Zivilrecht neu kodifizieren soll.[78]

Wenn der Gedanke, wie es scheint, dem Wiener Kreise des Celtis entsprungen ist, so wird der Hinweis auf Karl den Großen und andere deutsche Herrscher nicht gefehlt haben, von deren gesetzgeberischer Tätigkeit man wußte und deren Spuren man nun zu suchen begann. Auch hier war alter Schutt hinwegzuräumen. Noch ein so hellblickender Mann wie der Nürnberger Arzt Hieronymus Münzer hatte sich auf seiner Europareise in Köln zwar an Karls des Großen Sachsenbezwingung und seine Kapitularien erinnert gefühlt, aber er meinte, sie seien dasselbe, was man jetzt „Speculum Caroli Magni“, also den Sachsenspiegel, nenne.[79]

Auch von hier aus konnte man zu anderen Ergebnissen kommen als die Vorzeit. Albert Krantz hat das gezeigt, indem er den Sachsenspiegel als historische Quelle zu benutzen begann; Cochläus nennt in seiner Beschreibung Deutschlands das Magdeburger Stadtrecht ein ius civile abbreviatum. Andere gingen weiter.

1516 findet Richard Bartholinus aus Perugia, ein am Hofe Maximilians und als Sekretär Matthäus Längs in Deutschland eingebürgerter Italiener, in einem Kloster, wohl im Bairischen, ein Gesetzbuch, das er Kaiser Lothar II. zuschreibt, und die Augsburger [122] Buchdrucker bemühen sich eifrig um den Fund.[80] Die Kapitulariensammlung des Ansegisus steht in den Bibliotheken bei Peutinger, Aventin und Beatus Rhenanus, Hermann von Neuenar kennt die lex Salica und sieht sie auf deutsche Worte an um das Deutschtum der Franken zu beweisen. Aventin plant 1518 den Druck der Lex Salica integra cum additamentis Caroli magni, Litavici I, Lutharii I Augustorum.[81] Damit sind auch diese Quellen der deutschen Geschichtsforschung gewonnen. –


Es war ein gewaltiges Material, das so für einen Neubau deutscher Geschichte vorlag. Was zunächst not tat, war eine kritische Diskussion desselben.

Die Ansätze dazu können wir in den Erörterungen erblicken, die nicht wenige der Herausgeber ihren Quellen beifügten. So stellt Peutinger in seiner Ausgabe des Jordanis und Paulus Diaconus mit einem kurzen Abriß der Völkerwanderung eine Art Hintergrund für beide her. Hermann von Neuenar handelt vor seiner Einhardausgabe De origine et sedibus priscorum Francorum, und setzt sich kritisch mit dem Hunibald und den Trojanerfabeln auseinander. Dem Ligurinus hat wieder Peutinger den bekannten Brief Friedrich Barbarossas an Otto von Freising mit dem Abriß seiner Taten, „[ut] Ligurino ipsi ad annos plerosque testimonio essent“, und außerdem eine genaue Genealogie des Stauferhauses beigefügt. Bei Cuspinians Otto von Freising findet man eine Vita Ottonis, sie stammt aus Enea Silvios Österreichischer Geschichte. Wichtiger noch ist es, wenn sich Cochläus durch seine Ausgabe des Pomponius Mela 1512 zu dem Versuch einer Beschreibung Deutschlands veranlaßt sieht, hier wie bei dem Formelbuch des Cassiodor hat ihn die Herausgebertätigkeit zu selbständiger Behandlung des Themas geführt.

Einen besonderen, sonst von den Humanisten gemiedenen Weg schlug Jakob Spiegel, der Neffe Wimpfelings, ein, er schrieb Scholien zu den Autoren, die er herausgab.[82] Er wollte damit zunächst den neulateinischen Dichtern denselben Dienst leisten, der den alten längst wurde, und so ist seine Arbeit nicht eigentlich historischen Werken, aber doch dem Ligurinus, sodann aber einem umfangreichen Heldengedicht zugute gekommen, das Richard Bartolinus unter dem Titel Austrias über den Landshuter Krieg verfaßt hatte.[83] Kritik ist Spiegels Sache nicht, auch hat ihn Beatus Rhenanus vergeblich zur Kürze gemahnt, aber das weitschichtige Material, das er in seinen [123] Anmerkungen zusammenbrachte, gibt nicht selten eine erwünschte Zusammenfassung des damaligen Wissensstandes.

Es wäre aber gegen das Wesen des Humanismus gewesen, diese Diskussion der Quellen nur in einsamer Gelehrtenarbeit zu führen. Alles drängt zu persönlichem und, wenn dieser nicht möglich ist, zu brieflichem Meinungsaustausch. Wieder ist es Celtis, der hier Bahn bricht. In seinen Gedichten hat er dem rohen Kneipenton der Deutschen das „Philosophische Gastmahl“ gegenübergestellt, wie er es in Italien kennen gelernt hatte.[84] Seine Sodalitäten haben es gepflegt und so finden wir es schließlich allerorten. Auffallend stark, viel stärker als bei den Italienern, ist bald der historische Einschlag bei diesen Diskussionen. Was Coccinius über die Translatio imperii 1506 veröffentlichte, war die Frucht einer solchen „philosophischen“ Sitzung, in der man auch andere Fragen, vor allem aus dem Kreise der Wimpfeling-Murrhoschen Diskussion über die Rheingrenze besprach.[85] Nicht lange vorher hatte ein Italiener Benvenuto de S. Georgio, der als Gesandter seines Herrn, des Markgrafen von Montferrat, bei Maximilian in Köln weilte, mit dessen Rate Marquard Breisacher ein merkwürdiges Gespräch über die italienischen Feldzüge Barbarossas, aus dem dann ein Schriftchen „Vom Ursprung der Welfen und Gibellinen“ hervorging, in dem der Italiener den ihm von seinem deutschen Partner gewiesenen Otto von Freising gegen den Juristen Bartolus und den Historiker der Visconti, Georg Merula, zu Ehren brachte.[86] Seine Ausführungen sehen wie ein Beleg zu der These aus, die Celtis selbst um 1500 vor Maximilian in Linz gegen einen Gesandten Papst Alexanders VI, Franziskus Cardulus von Narni, verfochten hatte, daß man einheimischen Schriftstellern mehr glauben müsse als Fremden.[87] Der dreiundzwanzigjährige Aventin, der das hörte, hat von dieser Diskussion eine entscheidende Anregung seiner Studien erhalten. 1509 sitzen Beatus Rhenanus und Dietrich Gresemund in Mainz zusammen und sprechen de re latina deque viris eruditis, und von dort gleitet das Gespräch zu Gresemunds Altertümersammlungen über, die denn auch dem Rhenanus zugute gekommen sind. Sogar in die sonst auf einen ganz anderen Ton gestimmten Quodlibets der Universitäten dringt die geschichtliche Diskussion: ein zu Erfurt 1515 vorgetragenes De ebrietate weiß mit merkwürdigen Anklängen an Hutten und Zitaten aus Celtis und Campano die Völlerei der Germani septentrionales zu schildern.[88]

Aber am berühmtesten sind hier wieder die Tischgespräche des Peutingerschen Kreises geworden, vor allem die, welche der [124] vielgeschäftige Thomas Wolff 1506 in Straßburg zum Druck beförderte.[89] Sie mögen inhaltlich und als Zeugnis der Kritik kaum höher stehen als anderes, das der Aufzeichnung und des Druckes nicht gewürdigt wurde; aber nichts ist so geeignet als dies kleine Buch, um uns eine Vorstellung von der Buntheit des humanistischen Interessenkreises jener Tage zu geben, in dem historische, theologische und geographische Themata friedlich nebeneinander stehen. Da spricht man davon, ob die Gebeine des Dionysius Areopagita in Regensburg oder bei Paris zu suchen seien, eine alte Streitfrage, und Peutinger entscheidet sie für Regensburg, indem er die Urkunde Leos IX. vom 7. Oktober 1052 anzieht, bekanntlich eine spätere Fälschung.[90] Vorsichtiger drückt er sich über den zweiten Gesprächspunkt aus, ob der Apostel Paulus verheiratet gewesen sei, er wußte, daß er da ein bedenkliches Thema berühre. Die Fahrten der Portugiesen nach Indien führen dann auf alte Zeugnisse für die Umschiffung Afrikas. Aber das Hauptthema ist dasselbe wie bei Wimpfeling und Coccinius, die Frage nach dem Deutschtum der linksrheinischen Landschaften. Sie wird nicht ohne mancherlei krause Abschweifungen behandelt, aber es ist doch viel klarer wie bei Wimpfeling geschieden zwischen Besiedelung und Beherrschung des umstrittenen Gebiets, die Schriftstellerzeugnisse sind weitsichtig herangezogen und, wo nicht lokalpatriotische Schwäche, wie bei der Varusschlacht, oder ein nicht selten wahrnehmbares Streben nach einer vermittelnden Meinung oder endlich urgeschichtliche Spekulation nach Pseudoberosus Peutinger hindert, nicht ohne Scharfsinn verwertet. Insbesondere aber tritt auch hier Peutingers Inschriften- und Urkundenkenntnis hinzu, so daß der Freiburger Zasius ohne viel Übertreibung sagen konnte: „Was Wimpfeling nicht übel angefaßt hat, das hat Peutinger an seinen Platz gerückt.“ Über dem Ganzen schwebt der Enthusiasmus, den Maximilians jüngste kriegerische Erfolge in der Landshuter Fehde, vor allem der von allen humanistischen Poeten gefeierte Böhmensieg bei Regensburg und die Einnahme Kufsteins, im Augsburger Kreise geweckt hatten, nur gelegentlich gedämpft durch die Erwägung, daß es doch andere Zeiten gewesen seien, da die Sueven noch die Lusitanier mit den Waffen überwanden als jetzt, wo die durch inneren Zwist zerrissenen Nachkommen sie als Händler aufsuchten.[91]

Von den brieflichen Diskussionen, die wir kennen, ist eine der lebhaftesten die über die Wohnsitzen der Nantuaten. Hier hatten zwei Cäsarstellen, von denen die eine sie ins Wallis, die andere ins Rheintal versetzte, schwere Verwirrung angerichtet. Der Augsburger, [125] Tübinger und Schlettstädter Humanistenkreis nehmen sich der Frage an, zusammengeführt durch die eifrige Tätigkeit des Ravensburgers Michael Hummelberg.[92]

Es ist hier, wie anderswo, nicht viel Endgültiges bei der Diskussion erreicht worden, aber aus diesem ganzen Hin und Her von Fragen und Meinungen trat immer deutlicher ein Mittelpunktsproblem hervor, auf das sich alle kritischen Bemühungen um eine wirkliche deutsche Geschichte zunächst richten mußten. Es lautet: Wie hat sich das Deutschland am Ende der Wanderungszeit aus dem Germanien der römisch-griechischen Überlieferung gebildet? Die Frage, die schon Nauklerus bewegt hatte, woher denn die Franken, Alemannen, Thüringer kämen, von denen doch bei Tacitus, Strabo, Ptolemäus nichts zu finden sei, mußte in Angriff genommen werden. In diesem Knoten, das fühlte man allgemein, steckte der wirkliche Anfang deutscher Geschichte. Das Mittelalter hatte danach nicht zu fragen gebraucht, auch hier half der Begriff der Translatio imperii. Wer tiefer ging wie Ekkehard, setzte einfach die Stammesgeschichten nach Jordanes, Paulus Diaconus und Widukind in sein Werk hinein. Erst mit dem Augenblick, wo die Frage nicht mehr nach dem Ursprung des Reichs, sondern nach dem des Volkstums gestellt wird, springt das neue Problem auf.

Aber es dauert lange, bis es wirklich erkannt wird, und es kommt viel darauf an, von welchen Quellen aus man zu ihm gelangt. Wer von Ptolemäus ausgeht, bleibt im Topographischen stecken, wenn auch bald der Unterschied der alten und der neuen οἰκουμένη ins Bewußtsein tritt. Erst Strabo, einer der Autoren, die Aurispa dem Abendlande gewonnen hatte, führt zum Ethnographischen, Enea Silvio wandelt in seinen Bahnen. Aber beide sind universal, zudem traut man den Griechen nicht viel bei der Wiedergabe deutscher Dinge.[93] Ganz anders wirkt Tacitus. Hier war eine Urkunde, deren sich keine andere Nation rühmen konnte, ein Augenzeuge, wie man glaubte[94], ein Lobredner zudem, wenn auch nicht in jedem Punkte so preisend, wie es die Humanisten gern gesehen hätten. Aber auch er gab eine Schilderung, keine Geschichte, und dabei oft nur Andeutungen, Namen, die man nicht zu identifizieren vermochte. Wo war der Weg, der von hier weiter führte?

Es gibt kaum einen Humanisten, der ihn nicht gesucht hätte, aber nur einer hat ihn gefunden, das stärkste kritische Talent des deutschen Humanismus überhaupt, Beatus Rhenanus.[95]

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Er gehört dem elsässischen Humanismus an. Seinen Namen hat er sich aus „Rheinauer“ latinisiert. So nannten die Schlettstädter die Familie, die aus dem kleinen Rheinau zu ihnen eingewandert war. In Schlettstadt erhielt der 1485 geborene Beatus seine Jugendbildung auf derselben Schule, die einst unter Dringenberg für Wimpfeling wichtig geworden war, jetzt unter Crato von Udenheim und Hieronymus Gebwiler in neuem Flor stand. Mit Recht hat man betont, daß die Schlettstädter Schule seine Lebensanschauung bestimmt hat. Aber ein Kritiker ist Rhenanus hier nicht geworden. Vielleicht auch noch nicht in seiner Studienzeit in Paris, wo er bei Jakob Faber Stapulensis den wahren Aristoteles als „christlichen Philosophen“ κατ` ἐξοχὴν kennen lernte. Aber er wurde hier befähigt, den christlichen Humanismus, wie ihn Wimpfeling verstand, wirklich auf den Zeugen des Urchristentums aufzubauen und diese, ganz anders als Wimpfeling, von der Scholastik zu scheiden.

Der „philosophisch-humanistischen Periode“ in Paris folgte die „philologische“ in Basel, die bald einen deutlichen theologischen Einschlag erhielt. Durch Faber war Rhenanus vorbereitet, der Lebensgenosse des Erasmus zu werden, dessen Geist er vielleicht von allen Deutschen am tiefsten in sich aufgenommen hat. In dessen Sinne hat er denn auch sein Leben verbracht, zuerst in Basel, dann von 1527 bis zu seinem Tode 1547 in Schlettstadt, inmitten eines stets wachsenden Kreises der mannigfachsten Beziehungen, aber doch nur wahrhaft glücklich, wenn er es für sich sein konnte[96], ohne Amt und ohne Würde, fast nur literarischer Beschäftigung hingegeben, aber doch kaum ein Schriftsteller zu nennen, nur ein besorgter und gelehrter Exeget der Werke der Vorzeit. –

Es war zunächst nicht anzunehmen, daß die wichtigsten Interessen des Rhenanus historische, besonders nicht im Sinne des humanistischen Patriotismus sein würden. In der Bibliothek, die schon der Fünfzehnjährige zu sammeln begonnen hatte, treten die historischen Werke auffallend zurück, und wenn wir unter seinen Editionen als erste selbständige die der Exemplorum libri decem des Sabellicus mit Widmung vom 31. Dezember 1507 finden, so ist dies eben nur ein Geschichtsbuch im Sinne der Illustrationen zur Moral, wie sie Erasmus liebte, und die Widmung hebt auch nur diesen Gesichtspunkt hervor. Vielleicht hatte Crato von Udenheim schon dem Knaben das Buch in solchem Sinne erläutert.[97] Wenn dann Rhenanus 1508 Souphers Ausgabe des Carmen de bello Saxonico mit ein paar Versen aus Baptista Mantuanus und einem Schreiben an Wimpfeling begleitet[98], [127] in dem er meinte, dieser könne aus denselben neue Waffen für seinen Streit mit Murner sehmieden, so zeigt das doch, daß er zu diesen Dingen noch keine selbständige Stellung genommen hatte. Aber schon 1509 ist er, wie wir sahen, bei Gresemund in Mainz, um dessen Altertümersammlung zu besichtigen, die Ausgaben von 1510 zeigen ihn sodann in den Reihen der Panegyristen Maximilians[99], und selbst an Stellen, wo man es kaum vermutet, wie auf dem Titelblatt zur Ausgabe des Gregor von Nyssa und im Vorwort zum Dekret Gratians, finden wir ihn patriotisch interessiert.[100] Er entwirft 1512 Jakob Faber ein Gemälde der neuen deutschen Humanistenkultur, ganz wie es Wimpfeling gegeben hatte und wenig später Irenikus gab. Um dieselbe Zeit knüpfen sich durch Hummelberg Beziehungen zwischen ihm und Peutinger, zunächst aus Interesse für die neue Theologie entstanden, bald aber auch für die Geschichts- und Altertumsstudien fruchtbar.[101] Diese Studien führen ihn 1515 zur Entdeckung des Vellejus Paterculus, und 1519 reift die erste Frucht auf dem neu bebauten Felde, der Kommentar zur Germania des Tacitus.[102]

Es sind nur 10 Blätter, die dem in Quart bei Froben gleichzeitig mit der großen Folioausgabe der Opera omnia erschienenen Sonderdruck beigefügt sind, und Beatus Rhenanus hat sie nicht einmal unter seinem Namen erscheinen lassen, aber sie verdienen leicht einen ersten Platz in der Geschichte der kritischen Erforschung der deutschen Vorzeit. Denn hier verkündet schon im Vorwort Rhenanus durch den Mund Frobens und noch deutlicher in den Einleitungsworten des Kommentars den Hauptgrundsatz seines kritischen Verfahrens: Die Schriftsteller der prisca antiquitas sind durch die der media antiquitas[103] zu erläutern, wenn man ihre Angaben über Völker und Völkersitze recht verstehen will. „Also, Freund,“ sagt er zum Leser, „darfst du, was Tacitus von den Sueven sagt, nicht auf die heutigen Schwaben beziehen, denn es gibt kaum mehr ein Volk, das seine alten Sitze inne hätte.“ Zur Erläuterung dieser Veränderungen aber dienen von den Alten Spartian, Vopiscus, Ammian, Orosius, Eutrop, Prokop und Agathias, von den Neueren Regino, Liutprand, Aimoin, Sigebert und die Stammesgeschichten. Bei jedem aber ist zu merken, wann er geschrieben hat und von wem er eigentlich handelt.

Zweierlei ist mit diesem Grundsatz gewonnen: dem System der Zitatenhäufung, wie es der alte Humanismus, aber auch noch Bebel, Nauklerus und selbst Peutinger in scholastischer Weise üben, ist das Urteil gesprochen und der Begriff der Veränderung durch allmähliche [128] Entwicklung ist wenigstens für ein großes Gebiet festgelegt.

Was nun freilich Rhenanus Tatsächliches in seinem Kommentar bringt, ist wenig. Man merkt, daß es, wie er sagt, ein gelegentliches Diktat ist, das wohl bei der Textrevision in der Druckerei selbst entstand, der Schluß ist gar nur Füllsel auf Wunsch des Faktors.[104] Auch sonst zeigt sich die Jugendarbeit, Zitate aus dem noch ungedruckten Vellejus drängen sich vor die versprochenen aus den Schriftstellern der media antiquitas. Alciats Anmerkungen über Alpen, Donau und Helvetier werden mit scheuer Ehrfurcht wiedergegeben und nur schüchterner Widerspruch angehängt, auch da, wo der Deutsche den Augenschein für sich hat; auch Berosus erscheint noch als unbezweifelter Zeuge. Aber daneben stehen schon Gedanken, deren Fruchtbarkeit sich erweisen sollte: vor allem die scharfe Unterscheidung zwischen der Germania antiqua, die Tacitus kennt, und späterem oder auch früherem Wandererwerb germanischer Stämme; die ebenso starke Betonung, daß die Sprache der alten Gallier von der der Germanen verschieden gewesen ist, während doch die Römer beide Stämme Gallier, die Griechen sie Kelten genannt hätten[105] – ,Haec res non animadversa multis errandi causa fuit’ –; in Andeutung, einem Zitat aus Agathias, auch schon der Gedanke, daß Kultur und Christentum gleichzeitig zu den Germanen gekommen seien. Besonders wichtig aber ist sein Versuch, die germanischen Personen- und Völkernamen aus dem Deutschen herzuleiten und zu erklären. So ist Marbod der Pferdegleiche, die silva Hercynia ist der Harzwald, der mons Arbona – so liest Rhenanus noch statt Abnoba – steckt in Auf der Bar, die Alemannen sind „allerley man“ und die Germanen mag er weder aus dem Gallischen noch aus dem Lateinischen erklären, es ist eine mere Teutonica dictio und heißt „gar man, totus seu robustus vir“.[106] – Man sieht, wie hier der alte Gedanke Wimpfelings, „daß diese Namen uns etwas bedeuten, den andern nicht“, fruchtbar geworden ist. Auch Einzelbemerkungen sind von Bedeutung für den werdenden Kritiker: so die Ablehnung der Fabeln über das Altertum Triers und der Herleitung des Namens Straßburg von Attilas Zerstörung; für die Geschichtsauffassung des Rhenanus ist nicht unwichtig, daß er von der constitutio Imperii Romani, imo tyrannidis spricht. –

Es hat lange gedauert, bis Rhenanus die Gedanken, die der Tacituskommentar enthielt, für reif genug hielt, um sie in einem selbständigen Werk zu vertreten, zwölf Jahre. Wer in diesen Jahren nur [129] durch die Erzeugnisse der Druckerpresse von seiner Tätigkeit Kunde erhielt, mochte das Bedauern des Irenikus teilen, der schon 1518 gefunden hatte, daß Rhenanus seinen Reichtum mehr zu Rate halte, als im Interesse der Nachwelt zu wünschen sei. Die Vellejus-Ausgabe von 1520 war schließlich doch nicht mehr als die durch philologische Gewissenhaftigkeit verzögerte Einlösung eines alten Versprechens, und daß neben den Studien über die deutsche Vergangenheit ihn sicher andere, vielleicht mächtigere Interessen bewegten, das zeigten die Ausgaben des Tertullian und der Autores Historiae ecclesiasticae.

Auch die Freunde, die mit Rhenanus im Briefwechsel standen, erfuhren kaum etwas von weiteren literarischen Plänen auf historischem Gebiete, wenigstens enthalten die auf uns gekommenen bedeutenden Reste des Briefwechsels keine Andeutung darüber – eine bemerkenswerte Tatsache in einer Zeit, wo man geistige Erzeugnisse längst vor ihrer Geburt anzukündigen pflegte. Dennoch spricht der Briefwechsel zu uns, wenn wir ihn nach den Hemmnissen und Antrieben befragen, die zur Vorgeschichte der Rerum Germanicarum libri III gehören.

Oder sollte es Zufall sein, daß derselbe Brief, der die Absage des Beatus Rhenanus an das Luthertum enthält, – es ist das berühmte Schreiben an Michael Hummelberg vom 1. September 1525 – zugleich die für ihn so bedeutsame Verbindung mit Johann Aventin anknüpft?[107] Man darf wohl sagen, mit diesem Zeitpunkt ist die Periode vorwaltend religiöser Interessen für Rhenanus abgeschlossen; er zieht sich, wie so mancher seiner Zeitgenossen, aus dem Lärm der Glaubenskämpfe der Gegenwart in die stillen Gefilde der Vergangenheitsbetrachtung zurück und knüpft an die alten Tacitusstudien wieder an.

Wenn in jener theologischen Periode des Rhenanus ein Besuch in Hirschau bei dem gefälligen Baselius und die Durchstöberung der dortigen Bücherei ihm nichts als eine Tertullianhandschrift einträgt, wenn um dieselbe Zeit ein Versuch von Otto Brunfels, ihn kirchenpolitisch für Barbarossa zu interessieren, glatt zu Boden fällt, so sehen wir ihn seit 1525 selbst die Freunde für historische Nachforschungen in Bewegung setzen und jede Anregung auf diesem Gebiete lebendig aufnehmen.

Was er zunächst beabsichtigte, läßt sich wenigstens vermuten; es ist nichts anderes als die Verwirklichung des alten Traumbildes der Humanisten, der Germania illustrata. Es scheint fast, als habe er sich hier vorerst bei Aventin versichern wollen, ob er nicht einen Konkurrenten in ihm zu sehen habe.[108]. Zum mindesten [130] hofft er einen Mitarbeiter in ihm zu gewinnen. Und das schien zu gelingen. Die beiden so verschiedenen Männer erscheinen einig darin, daß eine rechte Erforschung der media antiquitas sich losmachen müsse von der „Mönchstradition“[109] und zu gründen sei einerseits auf die monumentalen Überreste der Vergangenheit und anderseits auf eine genaue Kenntnis des Deutschlands der Gegenwart. Aventins „Kurzer Auszug der bairischen Chronik“, der ja eigentlich auch schon ein Programm der Germania illustrata war, noch mehr seine Karte des römischen Baierns versetzten ihn in Begeisterung.[110] Aventin bleibt für Beatus Rhenanus bis zu seinem Tode der Mann, der auf dem Gebiet der Altertumskunde „allein mehr gesehen hat, als bis jetzt fast alle.“[111] Er nimmt den Gedanken Aventins, daß die Germania illustrata durch lokale Arbeitsteilung zustande kommen müsse, lebhaft auf und sucht Gabriel Hummelberg für eine Rhaetia illustrata zu gewinnen.[112] Ihm selbst wäre dann die Alsatia illustrata übrig geblieben. Es paßt dazu, daß wir ihn in seinen Briefen gleichzeitig um die Peutingersche Tafel und das Buch des Plinius von den deutschen Kriegen und um eine Beschreibung des Rheintals bemüht sehen, die Sebastian Münster liefern soll.[113]

Aber der Plan muß bald anderen Erwägungen Platz gemacht haben. Rhenanus erkennt, wie der Humanismus überhaupt, die Unmöglichkeit, Landesgeschichte zu schreiben, ohne sie zur deutschen Geschichte zu erweitern, und anderseits zeigt ihm ein genaueres Studium der ältesten Zeiten des Elsaß, daß hier noch alles zu tun ist.[114]

So sehen wir, wie sich Rhenanus immer mehr einer bestimmt umgrenzten Periode der deutschen Frühzeit zuwendet. Mindestens seit 1525 kennt er die Notitia dignitatum, die es ihm ermöglicht, den Verwaltungsorganismus des römischen Germanien kennen zu lernen.[115] Sie wird der Gegenstand seines eifrigsten Studiums. – Auch an dieser Quelle sehen wir den Wandel der Zeiten. Einst, wohl in den Zeiten der karolingischen Renaissance, mit soviel anderen Zeugnissen des Altertums aus ihrem Heimatland nach Deutschland gewandert, wird sie in der Zeit der großen Konzilien, die ja auch für die Bildungsgeschichte von entscheidender Wichtigkeit geworden sind, neuentdeckt. Der Speirer Kodex, der sie enthält, muß auf das Basler Konzil gebracht worden sein, zwei Abschriften sind damals von ihm genommen worden. Aber noch bleiben die neuen Erkenntnisse tot. Erst Rhenanus verleiht ihnen Leben. Für ihn wird die Notitia dignitatum der Ausgangspunkt klarer Anschauungen über das Verhältnis von Römerherrschaft und Germanentum. Er hat später ausdrücklich bekannt, daß die Notitia und [131] der Ammian ihn in den Stand gesetzt hätten, die deutsche Frühzeit anders zu sehen als Celtis und die Seinen. – Anderes kommt hinzu. 1527 schüttet Johannes Sichard seinen „unvergleichlichen Bücherschatz“, die Ergebnisse einer Forschungsreise durch Südwestdeutschland, vor ihm aus.[116] Das sind die deutschen Volksrechte, auf die Rhenanus längst als auf Sprach- und Kulturdenkmäler zugleich aufmerksam geworden war.[117] Daneben ist für ihn nichts wichtiger als eine klare Einsicht in die römische Vergangenheit des Landes. In diesen Jahren muß er die kleineren und größeren Reisen gemacht haben, durch die er der beste Kenner römischer Inschriften auf dem alten Alemannenboden wurde.[118] Bei den Versuchen, diese Einzelfunde zu einem Gesamtbild zusammenzuschließen, stützt er sich zunächst auf das Itinerarium Antonini, das schon 1512 in Paris im Druck erschienen und durch die Anmerkungen des Hermolaus zum Plinius weiter bekannt geworden war, aber er weiß, daß die von Celtis entdeckte Karte, die Peutinger sorgfältig bewahrte, neue Aufschlüsse birgt. Um diese zu gewinnen, ist der zwar bewegliche[119], aber doch in seinem Elsässer Winkel haftende Mann 1530, nachdem andere Versuche, von dem kostbaren Stück Kenntnis zu erlangen[120], vergeblich geblieben waren, nach Augsburg gereist, und hier im Meinungsaustausch mit längst durch Briefe gewonnenen Freunden, im Anblick der Kunst- und Altertumssammlungen Peutingers und Raymund Fuggers, endlich angespornt durch einen neuen bedeutenden Fund, Otfrieds Krist in Freising[121], hat er den Plan gefaßt, die langjährigen Forschungen, soweit sie damals gefördert waren, ans Licht zu geben. 1531 erschienen mit einer Widmung an den römischen König Ferdinand die Drei Bücher deutscher Geschichte.[122]


Dies ist der Gang der Darstellung: Rhenanus hat sich vorgesetzt zu zeigen, woher die Benennungen von Stämmen und Provinzen, wie Germanen, Alemannen, Franken, Sachsen, Germania superior und inferior, Germania magna, Helvetia usw. ihren Ursprung haben. Deshalb will er zunächst Umfang und Grenze des römischen Germanien, dann die Einbrüche der Germanen in das römische Reich, schließlich auch die „Abwanderungen“[123] im freien Germanien schildern. Seinen Standpunkt nimmt er in den Zeiten, wo das Reich der Römer zwar noch unerschüttert dastand, aber die Anstürme der Eroberer bereits begonnen hatten, also in der Zeit der Nachfolger des großen Konstantin, die ihm durch die Notitia dignitatum ja so besonders vertraut geworden war.

[132]
Das erste Buch beginnt mit einer kurzen Erörterung über die Germania vetus. Ihre Grenzen sind Rhein, Donau und der Limes; die Stämme werden nach Tacitus aufgezählt, dem gegenüber Ptolemäus, obgleich er auf älteren Quellen beruht[124], wenig in Betracht kommt. Auch die Verfassung der freien Germanen wird nach Tacitus geschildert. Rhenanus betont, daß die Freiheit der Germanen nicht Anarchie gewesen sei; es gefällt ihm, daß den Fürsten auch bei der Volksberatung ein Oberentscheid zusteht[125], „nam vulgus raro sapit“. Die Kriegskunst haben die Germanen erst von den Römern gelernt, sie aber häufig, wieder auf Antrieb der Römer, gegen sich selbst angewandt. Zweimal drohte diesem alten Germanien das Los, römische Provinz zu werden: unter Augustus, wo Drusus seine Posten an Weser und Elbe aufstellte, unter Probus, wo der Grenzwall über den Neckar vorgeschoben wurde – unter Augustus brachte die Varusschlacht Rettung, die Neckargrenze hat Probus länger gehalten.

Hält man diese Schilderung gegen das, was sonst die Humanisten von dem Taciteischen Deutschland zu sagen wissen, so fällt auf, daß sie vollständig leidenschaftslos ist. Das Moralische wird kaum berührt, des Arminius gar nicht gedacht. Dagegen bietet die Erwähnung der bis in die Nacht dauernden Zechgelage der Germanen Rhenanus Gelegenheit, die Weihnacht (= vini nox) davon abzuleiten; daß dies ursprünglich ein heidnisches Fest ist, steht ihm fest, eine Briefstelle des Bonifatius dient zur Bekräftigung.

Es folgt eine ausführliche Beschreibung des römischen Germanien. Die Grenzen der einzelnen Verwaltungsdistrikte werden mit größter Genauigkeit angegeben, bei der Maxima Sequanorum ist sogar der „Eccenbach“ als Nordgrenze genannt, der eine Meile von Schlettstadt fließt. Wo die alten Nachrichten ihn im Stiche lassen, schließt Rhenanus aus der späteren Diözesaneinteilung, denn er weiß, daß sich diese an die römischen Verwaltungsbezirke angeschlossen hat. So geht die Beschreibung der Grenzprovinzen vom Rhein bis zur unteren Donau, ein Anhang bringt auch noch die übrigen Provinzen des Römerreichs „studiosorum gratia“ in kurzer Aufzählung.

„Daraus ergibt sich also“, sagt Rhenanus, „daß alle Provinzen an der Nordsee bei Terouanne, Doornik und Lüttich beginnend den Rhein hinauf und dann Donau-ab römisch gewesen und erst durch die seit Valentinian III. stoßweise einbrechenden Germanen in deren Botmäßigkeit übergegangen sind. Die alten Bewohner dieser Landschaften aber haben nie etwas mit den Germanen gemein gehabt, sie haben als Provinzialen die römische Sprache gelernt, wie sie die Rhäter in [133] den Alpen noch gebrauchen. Auch die Stämme Germaniens, die vor Julius Cäsars Zeiten in Belgien eingewandert sind, dürften gallisch gesprochen haben, bis sie romanisiert wurden, die Triboker und andere oberrheinische Stämme vielleicht zweisprachig gewesen sein.“ „Nun kann man leicht sehen“, fährt er fort, „wie groß der Zuwachs ist, den das alte Germanien erfahren hat. Mit einem Wort, was heute jenseits der Donau und linksrheinisch deutsch spricht, das ist von deutschen Stämmen erobertes, den Römern entrissenes Land“.

Dann beginnt die Aufzählung der „Auswanderungen“ der alten Germanen in römisches Gebiet. Rhenanus bemerkt, daß das nicht eigentlich zu seinem Thema gehöre, aber er gibt es, „damit das Büchlein vollständiger werde“. Wir erhalten also eine Liste der germanischen Wanderungen, ähnlich wie sie Nauklerus zum ersten Mal geboten hatte, auch Rhenanus beginnt mit Bellovesus und der „manus Germanorum“, die Bergamo gründet[126], aber der Galliersturm von 390 fehlt, denn Rhenanus lehnt die Gleichsetzung der Senonen mit den Sueven ab, die Deutschen hätten nicht nötig, den Galliern ihren Ruhm zu nehmen.[127] Dagegen sind die Kaledonier auf Grund der Angaben des Tacitus im Agrikola als Deutsche angesprochen. Die folgende Aufzählung bringt nun in scheinbar buntem Gemisch die Wanderungen der Tungrer, Nemeter, Vangionen, Nervier, Atrebaten, Ubier, Bataver usw., über den Rhein, der Markomannen, Quaden, Carpen[128], Sueven und Guthonen nach Osten und Süden bis nach Ungarn und Italien, endlich die Besetzung Spaniens durch Sueven, Chatten und Alanen, Afrikas durch die Vandalen. Doch ist diese Zusammenfassung nicht willkürlich: es sind die Stämme, deren ursprünngliche Sitze Rhenanus im alten Deutschland sucht.

Eine andere Gruppe bilden die Stämme, die von Norden oder Osten, von der Küste oder auch von Inseln herkommend sich in das innere Deutschland ergossen haben. Von ihnen sind die drei wichtigsten Franken, Alemannen, Sachsen. Die Franken müssen früher unbedeutend gewesen sein, da die Schriftsteller der prisca antiquitas sie nicht erwähnen, vielleicht haben sie unter den Chauken gesteckt, jedenfalls waren sie Küstenbewohner und berühmt als Seeräuber. Der Name Alemannen ist neu, sie kommen von den überelbischen Sueven her und brechen in die Gegenden zwischen Rhein, Main und Donau ein, um von hier bequem die blühenden römischen Provinzen plündernd heimsuchen zu können. Der Sieg Julians bei Straßburg wirft sie nur zeitweise zurück, unter Majorian dringen sie sogar nach Italien. – Auch die Sachsen sind ein Seeräubervolk aus dem Norden, [134] wahrscheinlich ein Inselvolk, sie dringen in das Gebiet der alten Sicambrer, dann im Wetteifer mit Franken und Alemannen[129] gegen den Rhein vor und, dort zurückgeworfen, in die alten Suevensitze.

Diesen drei Hauptvölkern, „die fast alle Germanenstämme in sich begreifen“, schließt Rhenanus kleinere an, die Burgunder, Thüringer, Hessen, aber auch Schlesier, Preußen und Dänen, die alle aus dieser wunderbar völkerreichen Nordmeergegend herkommen[130], er hält sie also auch für Germanen.

Nun erst hat sich Rhenanus den Weg zu der Schilderung der Einbrüche der Germanen in das zerfallende Römerreich gebahnt. Wir begleiten nun die Goten nach Italien und Gallien, die Burgunden in das alte Häduer- und Sequanergebiet, die Franken bei ihrer Ausbreitung über den Rhein, die Alemannen in dem gleichen Beginnen, dann die Quaden nach Ungarn, die Markomannen nach Norikum und Vindelicien – hier ist es, wo Rhenanus als erster der Hypothese von der Boierabstammung der Baiern entgegentritt. Es folgen die Wanderungen der Heruler, Rugier, Langobarden nach Italien, der Pikten, Skoten und Angelsachsen nach Britannien, auch glaubt er wahrscheinlich machen zu können, daß ein Teil der Sachsen in das Helvetierland gewandert sei.

Aber er weiß auch, daß nun Deutschland leer geworden ist, und will von der Slaveneinwanderung in den deutschen Osten erzählen, greift aber zunächst zurück auf die Zeiten, wo die Gallier den Germanen überlegen waren und ihre Stämme den Boden Süddeutschlands besetzten. Das ist ihm auch deshalb wichtig, weil er die Namen dieser Stämme in noch lebenden Ortsbezeichnungen wiederfindet: den Namen der Boier in Böhmen, aber auch den der Tektosagen in Teck am Neckar. – Mit der Slaveneinwanderung schließt das erste Buch.

Das zweite Buch enthält die weitere Geschichte der Franken und Alemannen. Bis zur Schlacht bei Tolbiacum erscheinen beide Völker als Rivalen um die Herrschaft im oberrheinischen Römerland. Da aber verließ die Alemannen das Glück, an einem Tage verloren sie Ruhm und Freiheit. Seit der Zeit datiert die Knechtschaft im Alemannenland, auch die Hörigkeit an Klöster und Stifter hat von fränkischer Vergabung ihren Ursprung. Die Franken regieren nun diese wie andere ihrer Eroberungen zum Teil in römischen Verwaltungsformen[131], zugleich aber bringen sie das Christentum, das Chlodwig in der Not der Schlacht[132] angenommen hatte. Freilich weiß Rhenanus von älteren Glaubensboten in Deutschland, von Maternus, Afra, Florian – de tempore dubito, de re ipsa satis certus, sagt er [135] von dem ersten, – aber er weiß auch, daß das Christentum damals nicht tief ins Innere Deutschlands dringen konnte, schon wegen der Wildheit der Bewohner, und so erscheinen Bonifatius, Amandus, Arbogast zwar nicht als erste Begründer christlicher Religion, aber doch als die Schöpfer der ersten Ordnungen. –

Es ist höchst merkwürdig, welche Rolle in diesem Abschnitt der Geschichte des Rhenanus die Schlacht bei Tolbiacum spielt. Dies Ereignis, das sonst in historischen Darstellungen höchstens aus Anlaß der Taufe Chlodwigs erwähnt wurde, ist ihm geradezu ein Wendepunkt der deutschen Geschichte. Kurz vor der Schlacht sind die Alemannen auf dem Gipfel ihrer Macht. Niemals war ihr Staat blühender, nie herrschten sie weiter. Den Ort der Schlacht sucht er im alten Ubierland, also auf fränkischem Gebiet[133], und sieht schon darin einen Beweis von dem vordringenden Mute der Alemannen. „Vide mirabilem gentis audaciam“ ruft er aus. Die Schlacht selbst aber findet er nicht weniger bedeutsam wie den Kampf zwischen Puniern und Römern um die Herrschaft. Es ist kein Zweifel, daß er dies Ereignis vom Standpunkt des alemannischen Lokalpatriotismus aus betrachtet. Im zweiten Kommentar zur Germania wird dies noch deutlicher. Hier kommt er, ohne daß ihm der Tacitustext eine Veranlassung böte, noch dreimal auf die „Unglücksschlacht“, die „ungeheure Niederlage“, „das denkwürdige Treffen“ zurück und knüpft daran Betrachtungen, die wir bald für seine eigene Geschichtsauffassung, später auch für die Vadians werden wichtig werden sehen. –

Das Alemannenreich ist also vergangen, es bleibt die Ausbreitung des Frankenreichs zu schildern. Auch hier geht Rhenanus geographisch vor, so daß ein Kreis von den Burgunden bis zu den Slaven beschrieben wird. Bei jedem Stamm sind alle Ereignisse bis zu seiner endgültigen Unterwerfung in kurzen Sätzen zusammengefaßt.

Das Ergebnis dieser Frankenherrschaft ist Knechtschaft überall, „omnia redundabant servis“. Der größte Teil der Unterworfenen wird Knechte des Fiskus oder der Kirche. Denn die Frankenkönige stiften überall Kirchen und Klöster, auf daß bei einem neuen Einfall wilder Völker Menschen übrig blieben, die die alte Frömmigkeit wiederbeleben könnten. Wie aber Herren und Knechte lebten, das zeigen die Leges Francorum, wie die kirchliche Ordnung sich erweiterte, ein altes Buch de conciliis antiquis Galliarum[134], wie reich die Kirche durch die Begabungen der Frankenherrscher wurde, beweist ihm der Kirchenschatz von Mainz.

[136]
Das Frankenreich zerfällt nach langem Bestehen, da die germanischen Franken in Gallien aufgesogen werden und es den deutschredenden Stämmen unwürdig dünkt, einem Imperium Gallicanum unterworfen zu sein. So kommt die Krone an die Sachsenherrscher, es entsteht ein Germanicum regnum, und da Otto I. dies machtvoll zu behaupten und seine Grenzen über Burgund und Italien zu erweitern weiß, das Imperium Romanum. Mit den Sachsenherrschern aber tritt noch eine andere wichtige Veränderung ein: die von den Franken unterdrückte Freiheit lebt wieder auf, und zwar werden nicht nur die Stämme frei, sondern auch die Städte. Sie blühen auf und erscheinen als feste Bollwerke im Lande. Zur Freiheit aber kommt der Schmuck der Gesittung und der Bildung. Und endlich – so muß man den Zusammenhang, den Rhenanus hier verschweigt, wohl ergänzen – ist die alte germanische Wildheit gebrochen, ein Friede für das Elsaß, wie ihn Große und Städte unter dem Schutze Papst Leos IX. schließen[135], verkündet die neue Zeit. –

Damit läßt Beatus Rhenanus den Faden historischer Erzählung fallen. Was noch folgt – fast die Hälfte des zweiten Buchs und das ganze dritte – läßt sich unter drei Gruppen bringen: es sind entweder kulturhistorische Exkurse oder kritische Besprechungen einzelner Quellenstellen oder endlich Versuche, eine Topographie des römischen Südwestdeutschlands festzulegen. Die Versuche führen zweimal – bezeichnenderweise bei Basel und Schlettstadt – zu einem Abriß der Stadtgeschichte und einer Stadtbeschreibung. Es sind diejenigen Stücke, in denen sich das Erzählertalent des Rhenanus im besten Lichte zeigt, zugleich neben ein paar Notizen, wie die über den „Apelles von Colmar“, die einzigen, die an den alten Plan der Germania illustrata oder besser einer Alsatia illustrata erinnern. Unter den Exkursen sind die bedeutsamsten die, welche sich mit der Sprache der alten Germanenstämme beschäftigen. Denn hier zitiert Rhenanus als gewichtigstes Beispiel für das Deutschtum der Franken die Anfangsworte aus Otfrieds Krist:

Nu uuil ich scriban unser heil
Euangeliono deil,
So uuir nu hiar bigunnon
In Frenkisga zungon.

Es sind die ersten altdeutschen Worte, die in einem deutschen Geschichtswerk stehen. „Wer deutsch kann“, fügt Rhenanus bei, „versteht diese Worte gut, abgesehen davon, daß wir heute ein wenig [137] anders schreiben und aussprechen, da wir bald nicht soviel Vokale, bald mehr haben, und auch das Wort „bigunnen“ für anfangen ist nicht allen Deutschen vertraut.“ Ob Rhenanus von der früheren Entdeckung des Krist durch Trithemius wußte, ist nicht auszumachen[136], aber man sieht, wie anders er vor dem alten Pergament steht als der Abt von Sponheim. Auch daß die Burgunder und Langobarden deutsch gesprochen haben, kann Rhenanus beweisen, bei jenen aus einem Zeugnis des Apollinaris Sidonius, bei diesen aus den Ausdrücken der langobardischen Gesetze, mit denen die italienischen Juristen umsonst sich mühen. Von der gotischen Bibelübersetzung des Ulfilas, die schon Nauklerus erwähnt hatte[137], scheint er nichts gewußt zu haben. Wohl aber hat er versucht, sich ein Bild von den Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache zu machen, auch über die Anfänge ihres Gebrauchs als Schriftsprache hat er nachgedacht.[138]


Das ist der Anfang einer deutschen Geschichte, den Beatus Rhenanus geboten hat. Ein Anfang, nicht mehr. Als einen Anfang hat es auch Rhenanus selbst betrachtet, der seine Ergänzung und Bewährung zunächst in einer Reihe von Quelleneditionen finden sollte. Es erschien noch im Sommer 1531 der ganze Prokop in lateinischer Übersetzung, dazu Agathias, die Gotengeschichte und die Weltchronik des Jordanes, auch der Brief des Apollinaris Sidonius mit der Schilderung des Westgotenkönigs Theoderichs II., von Rhenanus schon im 2. Buch der Res Germanicae verwertet. Das Ganze also in der Tat ein volumen historiae Gothicae. Rhenanus hätte auch gerne „den Ablavius, die Variae des Cassiodor und die leges Gothorum“ hinzugefügt, aber es fehlten ihm – bei Ablavius begreiflicherweise – die Handschriften. Dafür fügt er ein Vorwort an Bonifaz Amerbach bei, das mit Bebelscher Energie die Goten für die deutsche Geschichte in Anspruch nimmt und sie zugleich mit kritischer Klarheit von den Geten sondert.[139] 1533 kam die neue Tacitusausgabe, diesmal ganz von Rhenanus besorgt, deren Germaniakommentar die kulturhistorischen und sprachlichen Bemerkungen des Hauptwerks weiter ausführte.[140] Anderes sollte folgen: dem Corpus Gothicum dachte er ein Corpus Langobardicum an die Seite zu stellen[141], vielleicht hätte dann eine Ausgabe des Chronicon Urspergense, d. h. der Weltchronik des Ekkehard mit der Ursperger Fortsetzung, den Leser weiter leiten sollen.[142] Auch an eine Ergänzung seiner eigenen Arbeit durch eine Germania illustrata von Aventin scheint er gedacht zu haben.[143] Das alles blieb Projekt, ebenso wie die lange beabsichtigte Fortsetzung. [138] Wie sie geworden wäre, zeigt vor allem der Briefwechsel mit dem getreuen Huttich. Er läßt ihn Urkunden und Bildnisse der deutschen Kaiser suchen, befragt ihn über unverständliche Ausdrücke in den alten deutschen Rechtsbüchern, deren Studium ihn bis zum Sachsenspiegel hinabführt.[144] Er benutzt diesen als Zeugnis für den „deutschen Adel“, vielleicht hat er sich etwas über den Heerschild daraus notiert.[145] Sicherlich steht er den Bestrebungen ganz nahe, die damals auf ein Corpus iuris germanici gingen, die Grundlage für eine deutsche Rechtsgeschichte. Daß daneben die alten Interessen in ihm nicht erloschen waren, zeigen andere Briefe: mit Tschudi korrespondiert er über die Lentienses, mit Hubert Leodius über den Taunus, ein langer Brief über die Altertumsfunde von Argentaria zeigt ihn 1543 noch ganz in den alten Theorien von dem Verhältnis römischer und germanischer Herrschaft.[146] Auch die etwas naiven Erkundigungen des greisen Paul Volz, des Exabts von Hugshofen, führen da und dort auf historisch Wichtiges.[147]

Dies alles sollte einer neuen Ausgabe zugute kommen, die sicher eine verbesserte, wahrscheinlich auch eine vermehrte geworden wäre. Sie ist schon 1536, dann wieder 1542 geplant[148], aber bei Lebzeiten des Rhenanus nicht mehr zustande gekommen[149], so wenig wie die deutsche Übersetzung, zu der sich schon 1539 Johann Herold erbot.[150] Die Rerum germanicarum libri III sind das einzige historische Werk des Rhenanus und zugleich ein Torso geblieben.

Es gibt kein Geschichtswerk des deutschen Humanismus, bei dem dies mehr zu bedauern wäre. Denn hier waren wirklich die Grundlagen für eine deutsche Geschichte gelegt. Die zwei Grundsätze, die Rhenanus im Tacituskommentar von 1519 aufgestellt hatte, daß ein Verständnis des deutschen Altertums auszugehen habe von einer scharfen räumlichen Unterscheidung der Germania prisca und der Germania recentior und daß jedes Schriftstellerzeugnis mit Rücksicht auf die Zeit seines Autors zu würdigen sei, haben sich fruchtbar erwiesen, vielleicht über die Erwartung des Rhenanus hinaus. Der erste hilft ihm die Fabel von der Varusschlacht bei Augsburg widerlegen, er löst ihm die Streitfrage über die römische Rheingrenze so gut wie über die Stammeszugehörigkeit der Goten und führt ihn zur Erkenntnis der Bedeutung geographischer und statistischer Hilfsmittel, wie sie das Itinerarium Antonini, die Peutingersche Tafel, die Notitia dignitatum waren. Der zweite ermöglicht ihm in dem großen Ereignis der Völkerwanderung Abschnitte zu schaffen und [139] zwingt ihn zu der Erkenntnis, die seinen Zeitgenossen so schwer wurde, daß Völker verschwinden können, wie sie gekommen sind, nicht durch ein bestimmtes Ereignis, sondern allmählich aufgehend in anderen.[151] Er ist auf diese Weise der Erkenntnis der Entstehung der neuen Völkerbünde der Franken, Alemannen und Sachsen näher gekommen als irgendein anderer, und hat in Einzelfällen, wie in der Frage nach der Herkunft der Baiern, Ergebnisse erzielt, die erst spät wiedergewonnen worden sind.

Das wäre aber nicht möglich gewesen, wenn Rhenanus nicht auch den Text seiner Quellen kritisch betrachtet hätte. Er ist davon überzeugt, daß dieser selbst bei scheinbar gut überlieferten Autoren der Heilung bedarf[152], und hat als der erste in Deutschland methodische Grundsätze für diese Heilung aufgestellt.[153] Ersichtlich macht es ihm Freude, diese Methode anzuwenden, die Besserungsvorschläge drängen sich beständig in die Darstellung der Ereignisse hinein, nicht zum Vorteil derselben – Erasmus wußte wohl, warum er den Freund im „Ciceronianus“ überging –, aber sie sind nicht selten vortrefflich, geistreich oft auch da, wo Rhenanus irrt.

Vergleichen wir seine Darstellung der Völkerwanderung mit der besten, die bis dahin in Deutschland vorhanden war, mit der des Nauklerus, so fällt auf, daß wir bei Rhenanus keine Origines der einzelnen Stämme finden. Er lehnt das ausdrücklich als nicht zu seinem Plane gehörig ab, nur bei den Franken macht er eine Ausnahme, um der hier so besonders üppigen gelehrten Fabelei entgegenzutreten.[154] Halten wir ihn dann, soweit es der verschiedene Ausgangspunkt der Darstellungen erlaubt, gegen Biondo, der zuerst eine Übersicht über die ganze Bewegung gegeben hatte, so fällt ein zweites auf: Während für Biondo die kriegerischen Ereignisse Hauptsachen sind – vor allem deshalb sieht er sich nach Ergänzungen zu Orosius um, da dieser andere Zwecke gehabt habe als Kriege zu beschreiben[155] –, treten sie bei Rhenanus stark zurück. Er hat eigentlich nur für zwei Schlachten Interesse: für den Sieg Julians bei Straßburg 357 und den Chlodwigs bei Tolbiacum 496 – dies beides aber sind Alemannenschlachten! Ebensowenig ist es ihm offenbar um die Schilderung von Persönlichkeiten zu tun. Wir erfahren nichts von den reichlichen Anekdoten Gregors von Tours über Chlodwig, kaum etwas von Alarich, und wenn Rhenanus den Brief des Sidonius aufnimmt, der eine Schilderung der Körperlichkeit Theoderichs II. enthält, so dient das nur als Beweismittel für den cultus Gothorum. Deshalb vor allem bevorzugt er in so auffallender Weise diesen Dichter und [140] Redner als historische Quelle. Die Zuverlässigkeit seiner Angaben verbürgt ihm der Umstand, daß er ein „Ohren- und Augenzeuge“ ist, für eine Vorstellung von dem Leben und den Sitten der Germanen des 5. Jahrhunderts konnte er in der Tat kaum eine bessere Quelle finden.[156] Den Früheren hat Claudian zu ähnlichen Zwecken gedient, so schon Meisterlin, aber wieviel großartiger ist die Anschauung des Rhenanus! Er verwendet den Sidonius in demselben Sinne wie die germanischen Volksrechte: Er will den „status“ der einzelnen Völker in bestimmten Zeitpunkten verstehen[157]; hier wird er breit, während er die Ereignisse zusammenfaßt. Es gibt keinen zweiten Historiker des deutschen Humanismus, der so bestimmt von der Erzählung fort und zur Zustandsschilderung hinstrebt.

Gewiß hat darauf Tacitus gewirkt, von dem schon die ersten Herausgeber zu rühmen wußten, daß er im Gegensatz zu Livius nicht bloß Kriegshändel enthalte:[158], aber auch noch anderes.

Für Rhenanus sind die Zerstörung des römischen Reichs im allgemeinen und die Siege der Germanen im besonderen nur bedingt ein Ruhmestitel seines Volkes. Er bewundert dies römische Reich als eine Organisation ohnegleichen, er bedauert, daß auch ihm das Los der Vergänglichkeit fallen mußte. Aus den Trümmern der römischen Mauern und den Überresten der Statuen und Inschriften baut er sich die alte Kultur wieder auf und beklagt ihre Zerstörung. Die Regierungsweisheit der Römer erscheint ihm außerordentlich, von ihr könnte, so meint er, auch die Gegenwart noch lernen.[159]

Dagegen sind die Germanen reine Barbaren. Sie haben ein einziges Gut, die Freiheit, im übrigen aber sind sie Räuber. Für ihre Wanderungen kennt er nur einen Grund, den Landhunger, wo sie hinkommen, sind sie zunächst nur Zerstörer, er meint, die Franken möchten auch einen guten Anteil an den Städteverwüstungen gehabt haben, die die Chronisten von Attila erzählen.[160]

Es ist dies ein durchgehender Gedanke bei Rhenanus, von ihm aus erklärt sich auch seine so eigentümliche Auffassung des regnum Francorum. Wenn er sich die Franken als Nachfolger der Römer denkt, so leitet ihn nicht die Vorstellung von der Translatio imperii, wie seine Zeitgenossen, sie sind ihm die Nachfolger der römischen Verwaltungspraxis, damit werden sie die Herren unter den deutschen Stämmen des alten Germaniens, wie es die Römer in Gallien und am Rhein geworden sind. Unzweifelhaft denkt sich das Rhenanus als eine notwendige Wendung, schon weil im Gefolge ihrer Herrschaft das Christentum kommt. Aber die Franken bringen auch die Knechtschaft, [141] erst mit dem Ende ihrer Herrschaft läßt er, wie wir sahen, die germanische Freiheit wieder beginnen, und auch hier wie bei den Römern sehen wir ihn zwiespältig, ob er die Unterdrücker verdammen oder die Ordnung- und Kulturbringer preisen soll. Er weiß aus Tacitus, daß die Toren Kultur nennen, was nur ein Stück Sklaverei ist, und vergleicht die Wildheit der alten Gallier, die aber doch auch Tapferkeit war, mit dem Zustand des Landes unter der römischen und dann der fränkischen Herrschaft. „Aber,“ fügt er im zweiten Germaniakommentar hinzu, „die Gallier haben keinen Grund, diese Veränderung zu beklagen, denn sie haben die besten Gesetze, Ordnung und Gesittung von den Römern empfangen. Wir aber haben immer noch etwas zu viel von der Wildheit der Ahnen.“[161]

Man sieht, wie weit das alles von den Vorstellungen des Celtis und Hutten, aber auch von denen der Wimpfeling, Brant und Nauklerus entfernt ist. Auch Rhenanus hat teil an dem völkischen Patriotismus der Humanisten, er weiß, was es zu bedeuten hat, daß die fränkischen Barbaren ein edelstes Reich in Gallien errichtet haben, derart, daß heute noch dort, was fränkisches Blut in seinen Adern hat, dem Thron am nächsten steht[162], er hat vielleicht klarer wie ein anderer die slavische Einwanderung in den deutschen Osten als einen Verlust für Deutschland erkannt[163], er hat, wenn auch still, doch deutlich seine Stellung zu der Frage der Zugehörigkeit Burgunds und der Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich genommen[164], aber deshalb sind seine Deutschen nicht die Ur- und Hauptnation Europas, wie bei Bebel, auch nicht die Träger einer uralten Kultur, wie bei Celtis. Ja auch das Imperium spielt bei ihm eine andere Rolle als bei jenen, sein Buch ist wohl die einzige deutsche Geschichte, die die Kaiserkrönung Karls des Großen gar nicht berichtet. Dagegen lesen wir bei ihm zum ersten Male seit Trithemius wieder von einem regnum Germanicum als dem Zusammenschluß der deutschen Stämme; das Kaisertum Ottos I. ist nicht Weltherrschaft, es ist nichts mehr als die Ausdehnung dieses deutschen Königreichs über das alte germanische Burgunden- und Langobardenland.[165]

Und endlich glaubt Rhenanus auch nicht, daß die Römer und Griechen das Lob der Deutschen absichtlich verschwiegen haben, wie Bebel und Wimpfeling meinen, wir sehen ihn nicht auf der Suche nach den alten Liedern als den wahren Geschichtsquellen, wie Aventin, für ihn ist das germanische Altertum eine kulturlose Zeit, die ihr Licht nur durch die Reste der Römerkultur und die Zeugnisse der außenstehenden Beobachter erhält.

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Wann aber kommt nun nach seiner Meinung die Kultur zu den Deutschen? Erst im Gefolge der Religion, wenn auch anderseits diese nicht ohne einen gewissen Kulturstand erfaßt werden kann.[166] Deshalb sind die Versuche der ersten Glaubensboten in Deutschland erfolglos geblieben, erst mit den Franken beginnt die Christianisierung, erst mit den Ottonen die ornamenta litterarum et civilitatis.


Man wird, glaube ich, eine gemeinsame Wurzel all dieser Anschauungen suchen dürfen: die kühle Beurteilung der Kriegstaten wie der Weltherrschaftsidee, die Hervorhebung des Friedens als Ergebnis der Zivilisation, vor allem aber der Zusammenhang zwischen Religion und Bildung, das alles ist erasmisch. So hätte Erasmus eine deutsche Geschichte angesehen.

Erasmisch ist dann auch der Standpunkt, den Rhenanus bei der Auswahl seiner Quellen einnimmt. Die wichtigsten, wie Ammian, Prokop, Agathias, Claudian und Sidonius Apollinaris stammen aus jenen Zeiten, wo die untergehende antike Kultur sich mit dem aufgehenden Christentum verbindet. Was folgt, gehört den infelicia tempora an.[167] So schon Cassiodor mit seiner Historia tripartita[168], dann aber die ganze Mönchsgeschichtschreibung. Denn, meint Rhenanus[169], es sind viel weniger die Goteneinfälle gewesen, die die literarische Überlieferung vernichtet haben, als die törichte Nachlässigkeit der Späteren, die das Gerettete nicht weiterzugeben wußten. Das bezieht sich bei ihm zunächst auf die Überlieferung der klassischen Schriftstellertexte, aber es stimmt dazu, wenn er sich die Urkundenschreiber der Frankenkönige als ein unwissendes Geschlecht[170] und die „Schottenmönche“ als die eigentlichen Geschichtsverderber vorstellt.[171] Es sind dieselben Mönche, die für Celtis und auch für Bebel die besonderen Bewahrer der Wissenschaften waren.

Vielleicht darf man noch eine weitere Besonderheit des Rhenanus als erasmisch bezeichnen. Wenn er sich den Gründungs- und Ursprungsfabeln alter und neuer Mache gegenüber kritischer verhält als irgendein anderer, wenn er den Riesen Sletto als Gründer Schlettstadts ebenso ablehnt, wie die Heroensammlung des Pseudoberosus, der ihn noch 1519 getäuscht hatte, und den Hunibald des Trithemius[172], so leitet ihn dabei nicht nur die bessere Kenntnis des Altertums, sondern auch eine Abneigung gegen den Eponymenkultus überhaupt. Er sieht sich nicht nach Stammvätern der Ingävonen und Herminonen um, und wenn Trithemius für die Gründung von Seligenstadt den Salagast des Gregor von Tours bemüht hatte, so genügt [143] ihm die Ableitung von den Salischen Franken. Er hat nur Spott für die Versuche, aus jedem Stadtnamen einen Gründernamen, womöglich einen römischen zu finden, auch ob Basel etwa von König Heinrich gegründet sei, scheint ihm nicht wichtig.[173] Ebenso kritisch ist er gegen die Fürstengenealogien. Auch die Habsburger, meint er, könnten sich damit begnügen, daß ihre Ahnen früher die Herren des alten Vindonissa gewesen seien und daß sie jetzt mehr Länder germanischen Wanderbesitzes beherrschten als irgendein deutscher Fürst.[174] Maximilian hätte sich damit nicht begnügt, und den Berosus hat Rhenanus auch dem Aventin nicht entreißen können. Aber es ist doch so, daß Rhenanus das germanische Pantheon der Humanisten in demselben Sinne und derselben Absicht zu entvölkern versucht hat wie Erasmus den Heiligenhimmel der katholischen Kirche.

Für das, was er also nahm, glaubte Rhenanus einen Trunk aus reinerer Quelle bieten zu können. Die Namen der Stämme und Städte, aber auch der Berge, Wälder und Flüsse, die hauptsächlich zu jenen etymologischen Sagen Anlaß gegeben hatten, will er, wie schon im Tacituskommentar von 1519, anders erklären. Sie sind entweder urdeutsch und stammen dann meist von Eigenschaften, wie die der Istävonen, Ingävonen und Herminonen, die er als Usserstenwoner, Wigwoner [= incolae sinus maris] und Hertwoner erklärt, oder sie sind aus römischen Benennungen vom Volke, das sie nicht verstand, verdorben. Hier hat Rhenanus so hübsche Dinge wie Cambeta = Kembs und Sanctio = Säckingen gefunden, aber auch der Namensgleichheit zuliebe Lupodunum in Lupfen und das Monumentum Traiani in Cronberg im Taunus gesucht, auch die Pfalzgrafen möchte er nicht bei dem ihm wohlbekannten Begriff des fränkischen palatinus lassen, sondern an das römische Capellatum, das er bei Ammian findet, anknüpfen.[175] Hier wie anderswo versucht er auch zu Regeln vorzudringen, nach denen diese Veränderungen sich vollzogen haben könnten[176], aber es ist natürlich, daß weder diese noch die Einzelresultate Dauer haben konnten.

Auch ist er in seinen Anschauungen nicht konsequent geblieben. Trotzdem er so scharf zwischen Germania antiqua und recentior und zwischen gallischer und germanischer Sprache unterschieden hat, kann er doch mit der Notiz des Herodot, daß die Donau im Keltenland entspringe, nichts anfangen, und obgleich er weiß, daß die Gallier Berge und Flüsse im späteren Deutschland benannt haben, beharrt er darauf, das Wort aus dem Deutschen abzuleiten.[177] Ja, wir sehen ihn in den späteren Jahren seines Lebens doch wieder auf dem Wege [144] zu den Eponymen. Da wünscht er, daß die Bilder der uralten deutschen Fürsten Tuisko, Mannus, Wigewon, Heriwon, Eusterwon, Marsus, Gambrivius, Suevus und der anderen in Wandmalereien ihre Stelle finden, und wenn er dabei auch seine alten Forschungen nicht zu verleugnen brauchte, nach denen nicht der Mann dem Volk, sondern das Volk dem Manne den Namen gegeben habe, so war dies doch derselbe Weg, der andere in ein neues Phantasiereich führte, das um nichts besser war als das frühere.[178]

Was aber die sprachlichen Bestrebungen des Rhenanus so merkwürdig macht, das ist die großartige Auffassung von der Kontinuität der Sprachentwicklung. „Bei Tacitus,“ sagt er[179], „raten die Tenkterer den Ubiern, die gerade in den Verband der Germanen zurückgetreten waren, sie sollten die vaterländischen Einrichtungen und Sitten wieder annehmen. Von der Sprache sagen sie das nicht, denn sie verlernt sich schwer und spät, und sie ist unveränderlich, wenn nicht ein Volk gerade vernichtet wird, wie die Longobarden in Italien, oder im Laufe der Zeiten aufgesogen wird, wie es offenbar den Burgundern und anderen Stämmen ergangen ist.“ Fast als das Wunderbarste und zugleich das Weiseste bei den Römern erscheint ihm, daß sie den unterjochten Völkern ihre Sprache aufgezwungen hätten. Hier weist er vorwärts zu den Bestrebungen echter Sprachforschung.

Auch hier also ist bei mancher Ähnlichkeit der Ergebnisse doch eine breite Kluft zwischen dem, was Rhenanus wollte, und den Phantasien von Celtis und Bebel, die der Verwandtschaft der deutschen und der griechischen Sprache nachgingen. Rhenanus meint wohl auch, es könnten sich im Deutschen römische, griechische und selbst hebräische Worte finden[180], aber es reizt ihn nicht, sie zu suchen, wie es Aventin und Münster taten. „Stultum est,“ sagt er einmal, „nimium in antiquitatem inquirere.“ Sein Bestreben ist auch hier das gleiche wie bei seinen philologischen Emendationen: er will den Wust fälschender Überlieferung, der sich zwischen das deutsche Altertum und die Gegenwart gestellt hat, fortschaffen und ist überzeugt, daß sich dann das Alte von selbst aus dem Späteren erklären werde. „Großen Dank schuldet mir,“ sagt er einmal, als er gerade recht kunstvoll den Melibokus durch das Mittel von Katzenellenbogen von den Chatten abgeleitet hat[181], „das Chatten-Melibokervolk, daß es seinen Namen nachträglich durch meine Bemühungen wiedererhalten hat. O gute Götter, wenn die Gelehrten sich auf solche Forschung verlegen wollten, wieviel Licht könnte in die alte Zeit gebracht werden! Das hieße wahrlich Deutschland erläutern.“

[145]
Wie aus diesen Worten, so sehen wir auch sonst, daß Rhenanus sich mit seinen besten Bestrebungen unter seinen Zeitgenossen einsam fühlte. Er weiß wohl, welche Kluft ihn von der älteren Geschichtsschreibung trennt. Wenn er mit Gebwiler oder Paul Voltz von den Tribokern redet, dann schauen sie ihn an, als ob er von Träumen spreche. Das kommt, meint er, weil sie nicht über Karl den Großen oder Dagobert oder Chlodwig hinaus ins deutsche Altertum vorgedrungen sind.[182] Und Gebwiler hatte sich doch erst 1519 bemüht, dahin vorzudringen! Aber auch Nauklerus und Krantz finden bei Rhenanus keine Gnade, sie haben die guten Autoren nicht aufgeschlagen oder nicht verstanden. Das steht freilich nur in Briefen, nicht in dem Geschichtswerk, denn hier hat sich Rhenanus offenbar zum Grundsatz gemacht, nicht namentlich gegen Gegner zu polemisieren. Aber es geht auf Krantz, wenn er von Leuten spricht, die Arbeitskraft und Wagemut haben, aber kein Urteil, und eine andere Stelle spricht von dem vulgus historicorum.[183] Als ihm Paul Phrygio 1533 von dem Plane einer Weltchronik sprach, hat er das sehr ironisch aufgenommen. Und wenn er in den Res Germanicae niemand angreift, so lobt er auch niemand, auch dies ganz gegen den Brauch der Zeit. Wiederum wissen wir nur aus dem Briefwechsel, daß er Aventin als ebenbürtigen Kenner deutscher Vorzeit betrachtete und daß er Michael Hummelberg manche gute Bemerkung, wie etwa die über die Lage von Arbor Felix, verdankte.[184]

Aber der Hauptgrund der Sonderstellung des Rhenanus ist doch, daß seine Methode grundsätzlich von der seiner meisten Zeitgenossen verschieden war. Mit dieser Methode steht er eigentlich schon in der Zeit, wo der Humanismus Philologie geworden ist, Philologie im Sinne von Scheidekunst. Er trennt die fränkischen Centenare von denen, die Tacitus nennt, die fränkischen duces von den Herzogen seiner Zeit. Blicken wir zurück bis auf Meisterlin, der den Nürnbergern seiner Zeit gern noch die Rechte einer colonia Romanorum zugesprochen hätte, so sehen wir ganz den Unterschied. Aber in diesem Punkte war Meisterlin fast mehr Humanist als er. Was Rhenanus anstrebte, die leidenschaftslose Betrachtung der deutschen Vergangenheit als eines toten Objekts gelehrter Forschung – es ist bedeutsam, daß auch diese Zeit ihm eine „antiquitas“ ist – das konnte und wollte der deutsche Humanismus nicht. Das vor allem hat ihn von dem Plan der Germania illustrata im Sinne der Celtisschule abgetrieben, das trennte ihn, mehr als er wohl selbst gesehen hat, von Aventin. –

[146]
So war Beatus Rhenanus nicht geeignet, Schule zu machen, und er hat keine gemacht.[185] Aber es gibt doch zwei Männer, die sich als seine Schüler bekennen und versucht haben in seinem Sinne zu arbeiten, Andreas Althamer und Wolfgang Lazius.

Andreas Althamer[186] hat seinen Namen in der Geschichte als lutherfester Reformator der hohenzollerschen Frankenlande. Aber es gab Zeiten, wo er nach anderen Kränzen strebte. Wie so viele andere, hat er nach einem Encomiastes Germaniae ausgeschaut, „qui maiorum nostrorum cunabula, ritus, heroica facta, sedum transmutationes totamque Germaniam iusto volumine celebraret“[187], und als dieser nicht kam, sich selbst seine Provinz im Reiche deutscher Vergangenheitserforschung gewählt. Schon dem Knaben fielen die Altertümer an der Kirchhofsmauer des Heimatdörfchens Brenz und im benachbarten Gundelfingen auf.[188] Verständnis dafür eröffnete ihm die Augsburger Schulzeit, wo er bei seinem Oheim, dem Priester Johann Kürschner, wohnte, und von Johann Foeniseca, dem Korrektor der Ausgabe der Ursperger Chronik von 1515, dem Vertrauten Aventins und Peutingers, unterrichtet wurde. Die Kunst- und Altertumsschätze Peutingers hat er noch spät in bewundernder Erinnerung behalten.[189] Dann studiert er in Leipzig, Tübingen und wieder in Leipzig, wo er Mosellan und Richard Crocus als seine Lehrer nennt. Ihnen verdankt er wohl die elegante Gräzisierung seines Namens in Paläosphyra. Er war dort, als die berühmte Disputation Luthers mit Eck stattfand, vielleicht hat diese schon seine religiöse Stellung bestimmt. Im übrigen aber sind seine Interessen noch durchaus humanistisch, und zwar war es die freiere Richtung der „Poeten“, die den jungen Menschen ganz gefangen nahm. Daneben stehen historische Studien. Der Kreis, in dem er lebt, begeistert sich für Oden des Celtis und verfaßt Epigramme auf die Lipsica Hermanns von dem Busche. Es sind Leute, die später meist den Weg vom Humanisten zum Theologen gefunden haben, aber auch Sebastian Münster gehört dazu, der den umgekehrten gegangen ist.[190] Am liebsten wäre Althamer also ein poeta und historiographus geworden, wie sich die Humanisten seines Schlages gerne nannten. Trotz den Abmahnungen des nüchternen Oheims, der ihn lieber beim Philosophiestudium und im geistlichen Stand gesehen hätte, blieb er den alten Neigungen treu, er plante irgendeine Verherrlichung seiner Heimat, die Caesarstelle über die 100 Gaue Schwabens reizte ihn zu einer Erläuterung, wie sie 1506 Heinrich Bebel versucht hatte. Daneben sammelte er schon seit der ersten Leipziger Zeit für einen Germaniakommentar. Zwei Bekanntschaften [147] der Leipziger Zeit kamen, jede in ihrer Art, dieser Absicht zugute. Ein Ausflug nach Zwickau führte ihn zu dem wunderlichen Fälscherantiquar Erasmus Stella, der ihn mit feierlichen Worten in seinen auf das deutsche Altertum gerichteten Bestrebungen bestärkte[191], eine wohl von Althamer brieflich angeknüpfte Bekanntschaft mit Johann Böhm (Boemus) aus dem unterfränkischen Aub wies ihn auf die Beobachtung der Gegenwart.[192] Böhm, der gerade damals sein eigenes Werk „Omnium gentium mores“ zum Druck vorbereitete, hat ihn dann wohl auch auf Pomponius Mela, dessen Reihenfolge er selbst einhielt, und damit auf Vadians soviel Aufsehen erregenden Kommentar zu diesem Autor aufmerksam gemacht, wenigstens berichtet Althamer im Februar 1521 an Vadian[193], sein Tacituskommentar sei fertig und sei nach dem Muster des Melakommentars gearbeitet.

Aber als er nun das Werk den Freunden zeigte, fand er mehr Widerspruch, als in Humanistenkreisen gewöhnlich war. Christoph Hegendorf in Wittenberg riet ihm mit deutlichem Hinweis auf den Kommentar des Rhenanus ab, seine „Stromata“, wie er es nennen wollte, drucken zu lassen[194], und als der Druck doch begann – zufällig bei demselben Verleger, der den Kommentar des Rhenanus gedruckt hatte, – erhob sogar der Korrektor seine Einwände.[195] Entscheidend wurde der Ausspruch Melanchthons, der freundlich aber bestimmt die Arbeit als ein unreifes Jugendwerk bezeichnete und auch seinerseits auf Beatus Rhenanus als Muster hinwies.[196]. Man sollte meinen, es hätte des Hinweises nicht gebraucht, denn Althamer hatte schon vorher in einer Epistel an seinen Oheim über sein geliebtes Schwaben die Vorrede des Tacituskommentars ausgeschrieben.[197] Aber das war wohl nur eine der vielen fremden Federn, die der schnellfertige auflas.

Jedenfalls wird es nun still von den „Stromata“[198], und als sie 7 Jahre später – Althamer war längst über die „Tretmühle“ der Schulmeisterei ins geistliche Amt gelangt und als theologischer Schriftsteller aufgetreten – in Nürnberg erschienen[199], da rühmte der Epilog in der Tat als den, dem der Autor am meisten verdanke, Rhenanus.

Aber die Methode verdankte Althamer ihm doch nicht. Vielmehr zeigt das Werkchen noch alle die Schichten seiner Entstehung: die geographischen Teile mit ihrer Mischung von alten und neuen Zeugnissen, brieflicher Erkundigung und – spärlicher – eigener Beobachtung[200] deuten auf Vadian, in dessen Bann er auch in der ein [148] Jahr später erschienenen Sylva biblicorum nominum mit ihrer Unterscheidung von Topographie und Anthropologie noch steht, die Erläuterungen der Sittenschilderungen durch Verse der „deutschen Poeten“ Eoban, Bebel, Hutten und Celtis auf Mosellans Einfluß; zu der reichlichen antiquarischen Gelehrsamkeit mag schon der Oheim und die Augsburger Schule beigetragen haben. Von Rhenanus sind außer tatsächlichen Entlehnungen, die aber meist nur als eine Meinung neben anderen stehen, nur die etymologischen Versuche wirksam geworden. Althamer sucht Zusammensetzungen mit -man, er möchte den barritus von „Bracht“ (concursus certantium) ableiten, die Mark hat er besser als Rhenanus erklärt, aber er steht doch auch hier den Anschauungen des Celtis und seiner Schule viel näher. Die verhängnisvolle Stelle des Tacitus von den griechischen Inschriften, die es an der Grenze von Germanien und Rhätien gebe, hat auch ihn veranlaßt, eine ganze Seite von Gleichsetzungen griechischer und deutscher Worte zusammenzustellen.[201]

Wie unselbständig Althamer im Grunde doch ist, das zeigen seine Bemerkungen über die Varusschlacht; hier hat er nicht einmal die abwägende Vorsicht des Nauklerus erreicht, Vellejus mit dem eindrucksvollen Hinweis des Rhenanus in der Vorrede bleibt wirkungslos, obgleich er sonst zitiert wird. Es bedurfte stärkerer Mittel, wie wir sehen werden, um Althamer zur Verwerfung der alten Fabel, die bei ihm ja auch eine Stütze an lokalen Erinnerungen fand, zu führen.

Immerhin war hier zum erstenmal eine ausführliche Erläuterung der Germania gegeben, und sie fand Beifall. Als Rhenanus 1533 die zweite Ausgabe des Tacitus veröffentlichte, erklärte er, er hätte die Erläuterungen der Germania ausführlicher gegeben, „ni iuvenis eruditus Andreas Althamerus hunc libellum propriis commentariolis, ut audio, nuper illustrasset.“ Das „ut audio“ kam bei einem vier Jahre zuvor erschienenen Buche wohl einer Ablehnung gleich, sicherlich für den, der Rhenanus kannte, aber Althamer fand in der neuen Ausgabe nun den mächtigsten Anstoß auch sein Werk neu zu gestalten. 1536 erschien es, und zwar statt eines schmalen Heftchens als umfänglicher Band. In dieser Form ist das Buch mehrfach aufgelegt und viel gelesen worden.[202]

Man kann auch hier nicht sagen, daß Althamer als selbständiger Forscher erscheint, er ist nur ein fleißiger Sammler. Wo er kritisch vorwärtsgekommen ist, hat ihm fast überall Rhenanus die Hand geführt.[203] Aber seine Methode hat er doch nicht begriffen, Berosus erscheint nur zurückgedrängt, die Wanderungstheorie ist angenommen, [149] hilft aber nicht zu klaren Anschauungen[204], eigentlich philologische Beobachtung im Sinne des Rhenanus liegt Althamer ganz fern.[205] Aber auch seine Geschichtsauffassung teilt er nicht; er weiß wohl, daß nur die Alten deutsches Altertum überliefert haben, aber er setzt im Sinne Bebels sein „licet inviti“ hinzu, das römische Reich ist ihm doch nur die Vorstufe zu dem herrlicheren deutschen.[206] „Wir haben das römische Reich beherrscht, niemals dies Reich uns.“ Und wenn wir dann bei Althamer in der neuen Bearbeitung des Kommentars einen Panegyrikus auf den „Sachsen Arminius“, den Brutus Deutschlands finden, wenn uns Ariovistus als König Ehrnvest, Ulixes als Ylsing, Arminius als Herman begegnet, wenn er „deutsche Könige“ vor Karl dem Großen zusammensucht und sich fragt, seit wann wohl die Deutschen eigene Münzen geschlagen hätten, so sehen wir ihn in den Spuren Aventins und Huttens.[207] Es ist bedeutsam, daß er gerade an die Varusschlacht, die er jetzt richtig in den Teutoburger Wald verlegt, die Aufforderung zur systematischen Durchforschung des deutschen Bodens knüpft[208] und daß er noch einmal, zwei Jahre nach Aventins Tode, den Plan der Germania illustrata fast mit Aventins Worten entwickelt.[209]

Was aber die Lektüre des Tacituskommentars heute noch interessant macht, das sind doch nur die Beziehungen Althamers auf die Gegenwart. Man sieht vielleicht an keinem anderen Werke klarer, wie der Rückblick, zu dem Tacitus anregte, diese Generation zum Umblick trieb. Schon die Ausgabe von 1529 hatte solche Gegenwartsbeziehungen gegeben, aber sie waren meist moralischer Art, Ausrufe, die der alten Sittenreinheit und Einfachheit die Zustände der Gegenwart entgegenstellten, Entschuldigungen, wenn Tacitus einmal, wie bei der Schilderung der Trunksucht, doch zu weit zu gehen schien. In solchen Dingen trafen sich der Humanist und der Pfarrer von selbst. Die zweite Ausgabe des Kommentars aber will mehr bieten, sie stellte, ähnlich wie es Johannes Boemus in seiner Sittengeschichte bei Deutschland, Frankreich und Italien versucht hatte, nur in mehr statistischer Art, aber doch auch mit volkskundlichen und volkswirtschaftlichen Angaben neben das alte Bild der Landschaften das neue, suchte zum Lob der germanischen Tapferkeit als Parallele die Helden der Gegenwart, nannte zu den Worten: literarum secreta .. ignorant als Kontrast die literarischen Größen des humanistischen Deutschlands und nahm aus der Erwähnung der Siedelung, ut fons, ut campus, ut nemus placet, Gelegenheit – allerdings wieder einer Andeutung des Rhenanus nachgehend und schwerlich ohne Beeinflussung durch [150] die Exegesis Germaniae des Irenikus – eine ganze Nomenklatur von Orten auf -furt, -werd, -dam, -mund, -ort, -rode, -bühel usw. zu geben.[210]

Bei solchen Blicken auf die Gegenwart hat Althamer auch einmal Luthers gedacht und zwar in besonders feierlicher Weise. Er ist der „Cherusker“, der zuerst den Aberglauben vertreibt und Germanien von den Mönchs- und Sophistenfabeln und -lügen säubert, die sich schon mit den ersten Verkündern des Christentums eingeschlichen haben. „Qui igitur quondam Mercurium Martemque adoravimus, mox infinita divorum numina, idolorum portenta, horrendas abominationes, nunc in Jesum Christum dei patris omnipotentem filium, ex Maria virgine genitum crucifixum, a mortuis excitatum et ad patris dextram sedentem regnantemque unicum servatorem nostrum credimus: ab hoc uno corporis animaeque salutem expectamus, hanc religionem profitemur, utinam perpetuo“.[211] Was Althamer da sagt, stimmt nicht recht mit anderen Stellen seines Buchs, zumal nicht mit seinen Worten: ego cum religione Musas immigrasse puto, die er Rhenanus nachsprach. Aber es ist interessant als ein früher Versuch des Luthertums, sich mit der humanistischen Altertumsforschung auseinanderzusetzen. –


Wolfgang Lazius[212] ist ein Spätling des Humanismus. Seine Hauptwerke fallen in die Zeit, wo bereits die neue Theologie auf den Trümmern der humanistischen Kultur ihre Herrschaft erhob. Auch der Humanismus des Lazius ist bereits theologisch gefärbt[213], aber es ist doch noch durchaus Humanismus. Wollte man ihn nach dem Gesamtbild seiner wissenschaftlichen Tätigkeit der humanistischen Historiographie einordnen, so wäre er an Cuspinian anzuschließen, mit dem er auch in Lebensführung und politischer Gesinnung manche Ähnlichkeit hat. Aber er selbst hat als seinen eigentlichen Lehrmeister in der Geschichte wiederholt mit besonderem Nachdruck Beatus Rhenanus bezeichnet. Und in der Tat ist es auf den Einfluß des Rhenanus zurückzuführen, wenn er sein Lebenswerk, die Rerum Austriacarum decades VI mit so gewaltigen antiquarischen Forschungen unterbaut hat, daß sie das Hauptwerk an Umfang überragen. Es ist eine unerwünschte Nebenwirkung dieses Einflusses, daß die Österreichische Geschichte eine ungedruckte Fragmentensammlung geblieben ist.

Lazius scheint die Bekanntschaft des Rhenanus schon bald, nachdem er die unruhige Wandertätigkeit eines Militärarztes mit der stilleren eines Wiener Universitätsprofessors und Hofgeschichtschreibers vertauscht hatte, gesucht zu haben, und die Reste des [151] Briefwechsels zeigen ihn ganz in den Bahnen der Forschertätigkeit des Rhenanus.[214] Er hat Inschriften von Ungarn bis zum Inn gesammelt, Altertumsfunde jeder Art mit Interesse verfolgt, und will nun dies alles zu einer „Archäologie“ der alten und neuen Besitzungen des Donaustaates verarbeiten. In seinen Bemerkungen über die Ausdehnung vom Illyrikum unter den Kaisern und der Ansetzung von Karnuntum erscheint er scharfsinnig und gelehrt zugleich, so daß Rhenanus von der in Aussicht gestellten Österreichischen Geschichte sich wohl einen Ersatz für die im Archiv der Münchener Herzoge verschwundenen Annalen Aventins versprechen konnte. Aus dem Vorwort zu der ersten historischen Veröffentlichung des Lazius, seiner Vienna Austriae von 1546, sehen wir, daß Lazius sogar in der Form einen Anschluß an Rhenanus anstrebt. Er will, wie dieser, keine fortlaufende Erzählung geben, sondern einzelne Kapitel, die stets die Belegstellen in Originalform enthalten sollen.[215] Das ist, soweit wir sehen können, überhaupt seine Darstellungsform geblieben, er scheidet sich also ebenso bewußt wie Rhenanus von dem Stilisierungsprinzip der italienischen Geschichtschreibung und von der Weise Aventins.

Sehen wir dann die beiden Geschichtswerke an, in denen Lazius den antiquarischen Unterbau seiner Österreichischen Geschichte gegeben hat, die Res publica Romana in exteris provinciis constituta und die Gentium migrationes[216], so erscheinen sie beide als Ausführungen von Abschnitten der deutschen Geschichte des Rhenanus. Das erste betrachtete die Provinzen vom Standpunkt des römischen Weltreichs „tam incipientis et florentis quam declinantis“, wie es Rhenanus in den einleitenden Abschnitten seines Buchs getan hatte, das zweite suchte die Völkerwanderung als ein Ganzes zu erfassen, wieder durchaus im Sinne des Rhenanus.[217] Ja, man kann sagen, daß zwei Hauptgedanken des Rhenanus bei Lazius noch eine verstärkte Bedeutung erhalten haben. Denn wenn er mit Rhenanus die Franken als Nachfolger römischer Verwaltungs- und Regierungskunst betrachtet[218], so ist das für seine imperialistische Geschichtsbetrachtung keine vorübergehende Knechtung, aus der sich die altgermanische Freiheit wieder erhebt, sondern die Begründung der rechten Herrschergewalt, gegen welche die „teutsche Libertät“ seiner Tage ihm als Unfug erscheint[219], und die Lehre von dem Aufgehen der Stämme in anderen, die Rhenanus zunächst nur zur Beantwortung der Frage, woher Franken, Alemannen, Sachsen und Baiern seien, herangezogen hatte, wird noch viel wichtiger für den Geschichtschreiber [152] Österreichs, der sich sein Volk noch in ganz anderem Sinne als eine colluvies populorum denkt, an der nicht nur Franken, Baiern und Alemannen, sondern auch Kelten, Karnen und Taurisker Anteil haben.[220]

Im ganzen wie im einzelnen scheint dann speziell das Werk Über die Völkerwanderung Lazius als Schüler des Rhenanus zu erweisen. Schon die Disposition nach Stämmen oder Stammgruppen und innerhalb derselben das Aufsuchen von Wanderungsabschnitten ruft uns die Disposition des Rhenanus ins Gedächtnis. Noch mehr einzelnes: Rhenanus hatte aus Sidonius und Ammian einen Stammestypus des Franken, Sachsen, Goten zur Völkerwanderungszeit zu gewinnen gesucht, Lazius sucht diese Vorstellungen so zu verdichten, daß er jedem seiner elf Bücher eine Abbildung voraufstellen kann, die uns den Franken mit der Streitaxt, den Sueven mit dem zurückgebundenen Haarschopf, den Goten mit der Speerstange usw. zeigt. Rhenanus hatte auf deutsche Lehnwörter im Französischen hingewiesen und Versuche gemacht, altgermanische, aber auch gallische Personen- und Ortsnamen im Deutsch seiner Zeit wieder zu finden. Lazius hat die Lehnwörter zusammengestellt[221] und ist kaum vor einer Namenserklärung zurückgeschreckt. Vor allem aber scheint er sich den Quellenbegriff seines Lehrmeisters angeeignet zu haben: die Volksrechte sind auch bei ihm Sprach- und Kulturdenkmäler, auch er hat Konzilsakten als Quellen für das Vorhandensein oder die Ausdehnung alter Bischofssitze benutzt[222] und Urkunden reichlich herangezogen, er hat endlich neben die Otfriedzitate seines Vorbildes eine stattliche Reihe altdeutscher Sprachproben gestellt, die seinem Buch eine besondere Stellung in der Geschichte der germanischen Philologie verschafft haben.[223]

Aber im ganzen hat er etwas völlig anderes geschaffen als Rhenanus. Statt der klaren und einfachen Linien der drei Bücher deutscher Geschichte erblicken wir ein verwirrendes Durcheinander, statt der sparsamen, absichtlich Lücken lassenden Aufstellungen einen babylonischen Turmbau, von dem denn auch heute kein Stein mehr auf dem andern geblieben ist. Es war recht ein Ding für die maßlose Phantasie Johann Fischarts, der aus dem dicken Folianten „Eikones veteris Germaniae heroum“ gezogen und übersetzt hat.[224]

Dieser Unterschied gegen Rhenanus kommt zunächst daher, weil Lazius gewöhnlich mehr wissen will wie Rhenanus, fast stets zuviel. Es ist selten, daß er eine so glückliche Ergänzung findet, wie das Bild des fränkischen Königs auf dem Ochsenwagen, das er aus Einhards berühmter Schilderung gewinnt, zu dem fränkischen Krieger mit [153] der Streitaxt. Meist geht er fehl. Statt der sechs Wanderungen der Sueven bei Rhenanus hat er acht, und das, trotzdem er die Markomannen, die Rhenanus zunächst als Teil der Sueven behandelt, außerdem noch auf acht Wanderungen verfolgen kann. Die Franken aber, deren Ursprungssage Rhenanus so schneidend kritisiert hatte, erhalten hier wieder ihren ehrwürdigen Stammbaum, der über Sikambrer, Kimbern und Kimmerier bis an das Urvolk der Aboriginer heranführt.

Denn Lazius kann nicht scheiden, wie Rhenanus, er will um jeden Preis verquicken. Er zitiert mit hohem Lobe die Unterscheidung, die Rhenanus mit einleuchtenden Gründen zwischen Goten und Geten vorgenommen hatte, und – setzt sie zwei Blätter später wiederum gleich. Wiederum sind Germanen, Gallier und Kelten ein und dasselbe, die Germanen also das Urvolk Europas. Überhaupt genügt ihm der mindeste Anklang eines der Taciteischen oder Strabonischen Völkernamen an eine Bezeichnung auf der Karte seiner Zeit, um eine neue „sedes“ seiner soviel umfassenden Stämme zu konstruieren.[225]

Das wäre nicht möglich gewesen, wenn er seine Quellen wirklich philologisch betrachtet hätte wie Rhenanus. Davon ist er weit entfernt. Nicht nur seine Wiedergaben von Inschriften und Urkunden haben sich als unzuverlässig erwiesen[226], auch seine Interpretation der Quellentexte ist sehr weitherzig. Um ein Bild von den Markomannen zu gewinnen, denen er als dem mutmaßlich wichtigsten Bestandteil in der colluvies Austriacorum besondere Aufmerksamkeit widmet[227], hat er unbeschämt das meiste, was Tacitus von den Germanen oder Cäsar von den Sueven im allgemeinen zu sagen weiß, auf sie übertragen. In den Nachrichten aus späterer Zeit aber spielen bei Lazius die Annales vetustissimi, die sich jeder Zeitansetzung fügen, eine bedenkliche Rolle. Auch das Nibelungenlied gehört dazu[228], und Lazius hat den Ruhm, daß sich bei ihm die ersten Zitate aus unserem Nationalepos finden, damit erkauft, daß er die chronologischen Bedenken, welche schon die ersten Humanisten, ja sogar schon mittelalterliche Geschichtschreiber aus der Gleichsetzung des Gotenkönigs an Attilas Hof mit dem historischen Theoderich ableiteten[229], in den Wind geschlagen hat. Daß auch Berosus und Hunibald bei ihm in Ehren stehen, ist danach selbstverständlich. Niemand würde vermuten, daß er die Äußerungen des Rhenanus über diese „albernen Erfindungen“ gelesen hat.

In all diesen Dingen erinnert Lazius an Aventin, und es ist nicht bedeutungslos, daß er die Annalen desselben, die ihm doch wahrscheinlich [154] erst während der Arbeit an den Gentium migrationes bekannt wurden[230], in großem Umfange in sein Werk aufgenommen, Aventin selbst fast noch häufiger als Rhenanus zitiert hat. Aber es fehlt ihm die plastische Kraft, mit der Aventin selbst seine phantastischen Urzeitkonstruktionen lebendig zu machen weiß; schon die diskutierende Darstellungsweise, die er dem Rhenanus entlehnt, hindert ihn, Wirkungen der Art zu erzielen, mit einem „Non possum praeterire“ oder einem „Huc alludit quoque“ reiht sich ein Zeugnis an das andere. Es fehlt Lazius aber auch die großartige Anschauung Aventins vom deutschen Wesen, dabei spielt wieder der Barbarenbegriff des Rhenanus seine Rolle, den Aventin ganz von sich wies.

Im Grunde wurzelt Lazius auch nicht in dem Gedankenkreise Aventins, er kommt vielmehr von der genealogischen Geschichtschreibung her, deren Aufblühen am Hofe Maximilians uns beschäftigen wird, und wie er seine Österreichische Geschichte mit der Ehrenpforte des Stabius verglichen hat[231], so hat er die Gentium migrationes mit sonderbarer Motivierung jeweils in die Stammbäume der Herrscher- und Herrengeschlechter auslaufen lassen, die er bei seinen Kimmeriern, Boiern, Sueven, Markomannen und Goten unterbringen zu können glaubt. Lazius hat hier eine erhebliche Arbeit geleistet, aber die eigentliche Stärke des erstaunlich vielseitigen Mannes lag auch hier nicht. Sie lag vielmehr, ähnlich wie bei Althamer, in der Erfassung der Gegenwart. Er ist der erste Kartograph Österreichs geworden, dem Zeitgeschichtschreiber werden wir noch begegnen, und wenn wir in dem Gelehrsamkeitswust der Gentium migrationes so ausgezeichnete Bemerkungen wie über die Sitten der Schwaben, denen er durch Geburt angehörte, die Dialektunterschiede zwischen Alemannisch und Österreichisch, oder gar die über die deutsche Sprachinsel Gottschee finden, so bedauern wir, fast wie bei Felix Fabri, daß Lazius sein Buch nicht nur „de experientiis propriis“ geschrieben hat.

Ein echter Schüler des Rhenanus war aber Lazius so wenig wie Althamer, das war nur einer, ein Größerer, Joachim Vadian. Von ihm aber muß in anderem Zusammenhange die Rede sein.




  1. [248] 1) Aus der Proverbiorum chilias zitiert von Usteri in den Theolog. Studien u. Kritiken LVIII, 6622.
  2. [248] 2) Beatus Rhenanus im Kommentar zur Germania des Tacitus von 1519. Daraus Andreas Althamer im Kommentar zur Germania des Tacitus (1536), p. 66.
  3. [248] 3) Opp. ed. Boecking IV, 176; V, 378 f.
  4. [248] 4) Opp. I, 215. D. F. Strauß, Hutten2 233. Michow, Das Bekanntwerden Rußlands in Vor-Herbersteinscher Zeit i. d. Verhandlgn. d. 5. dt. Geographentages 1885, S. 129.
  5. [248] 5) Strauß 140, vgl. Opp. I, 155 ff.
  6. [248] 6) Opp. I, 325 ff., vgl. Wattenbach G. Qn. II6, 92. Meyer v. Knonau, Jbb. d. dt. Reichs unter Heinrich IV. Bd. III, 591 ff.
  7. [248] 7) Opp. V, 367, 370.
  8. [248] 8) Opp. V, 374.
  9. [248] 9) Strauß 330. Lindner hat [Theolog. Studien u. Kritiken XXXXVI, 151 ff.] gezeigt, daß es apokryphe Sendschreiben der Oxforder, Prager und Pariser Universität sind.
  10. [248] 10) Strauß 421.
  11. [248] 11) Opp. V, 380.
  12. [248] 12) Opp. III, 210, 335, 377 und Boeckings Anmerkungen zu den Stellen.
  13. [248] 13) Opp. I, 249; IV, 153.
  14. [248] 14) Opp. I, 390; IV, 285 ff. Strauß 144.
  15. [248] 15) Opp. IV, 407 ff. (Opus postumum). Zur Konzeption der Idee Opp. I, 390 mit Boeckings Anmerkung.
  16. [248] 16) Eine kritische Biographie des Celtis haben wir mit der Herausgabe des Briefwechsels von Gustav Bauch zu erwarten; vorläufig sind folgende Schriften desselben für die einzelnen Lebensperioden zu vergleichen: Deutsche Scholaren in Krakau i. d. Zeit der Renaissance (78. Jahresbericht d. Schles. Ges. f. vaterl. Kultur 1900). Die Anfänge des Humanismus in Ingolstadt 1901. Die Rezeption [249] des Humanismus in Wien 1903. – Eine geistvolle Charakterstudie gibt Bezold in Sybels HZ. IL (1883). Über die geographischen Anschauungen des Celtis Th. Geiger, Conrad Celtis i. s. Beziehungen z. Geographie. Programm München 1896. Daselbst auch ein kurzes Verzeichnis der Werke.
  17. [249] 17) Epigramme ed. Hartfelder II, 2, 47, 48; III, 40; IV, 21, 25, 28.
  18. [249] 18) Amores I, 15; II, 9. Oratio in gymnasio in Ingolstadio publice recitata (1492); vgl. die Würdigung bei Bauch, Humanismus in Ingolstadt 38 ff.
  19. [249] 19) Locher an Celtis, Ingolstadt 1500 Ostern: (Dankt für die Übersendung der Ausgabe der Germania des Tacitus): qui licet Romanum succum Plinianamque maiestatem aliquantisper sapiat et more veterum mores et nationes depingat, non tamen satisfacere mihi videtur Germanorum moribus et clarissimo primordio, quod tu in Germania tua copiosius magnificentiusque facis. Klüpfel, De vita et scriptis Conradi Celtis II, 60. Gemeint ist die poetische Schilderung von Deutschland, die Celtis dann mit den Amores wieder drucken ließ. Vgl. oben S. 160 und die nächste Anm.
  20. [249] 20) Germania generalis (mit den Amores gedruckt): De situ Germaniae et moribus in generali.
  21. [249] 21) Oratio l. c.; dazu Germania generalis: De tractu Hercyniae silvae und Norimberga, cap. 3.
  22. [249] 22) Mit den Oden 1513 gedruckt.
  23. [249] 23) Amores IV, 1.
  24. [249] 24) Odae III, 6; Amores II, 4.
  25. [249] 25) Germania generalis l. c. Oratio l. c.
  26. [249] 26) Bezold 227 f.
  27. [249] 27) Oratio Einleitung: si prisca illa Germaniae nostrae ingenia florerent aetasque illa redisset, qua legati nostri Graeco sermone quam Latino dicere maluisse memorantur. Dazu die bei Klüpfel I, 26 zitierten Stellen.
  28. [249] 28) Norimberga, cap. 3 und Odae III, 28: Ad Joannem Tritemium Druidam, abbatem in Sponheim. Vgl. Bezold 217 f.; 227.
  29. [249] 29) Oratio l. c., wo zu lesen ist: Me Germaniae meae pertaeduit, dum manubias [Text: manibus] imperatorum nostrorum de Graecis Italisque in abigenda servandaque pretiosa librorum suppellectili considero, quas nos velut in carcere occlusas pulvere obsitas intactasque neque ab imbribus tutas adhuc tamquam hostium spolia despecta relinquimus.
  30. [249] 30) Geiger, Beuchlins Briefwechsel 421, Morneweg, Johann v. Dalberg 182.
  31. [249] 31) Morneweg, Dalberg 305172. Aventin, WW. VI, 136. Für ähnliche Bestrebungen Bebels s. dessen Commentaria epistolarum conficiendarum (Pforzheim 1510) Bl. 141b, vgl. 126.
  32. [249] 32) Hierüber jetzt am besten Bauch, Humanismus in Wien 67 ff.
  33. [249] 33) Eine Aufzählung deutscher Schüler Letos bei Bauch l. c. 673.
  34. [249] 34) Geiger, Renaissance und Humanismus 451.
  35. [249] 35) Beste Übersicht bei Wattenbach, G. Qn. I, Einleitung.
  36. [249] 36) Morneweg, Dalberg 357 f. Bursian, Gesch. d. klass. Philol. I, 157.
  37. [249] 37) Stauber, Die Schedelsche Bibliothek 55.
  38. [249] 38) S. die Äußerung des Celtis bei Saliger, Die gelehrte Donaugesellschaft (Programm Olmütz 1876) 26.
  39. [249] 39) Für Hrotsuita s. d. Ausleihschein des Celtis, wieder abgedruckt in der Neuausgabe der Opera Hroswithae von Winterfeld (SS. rer. Germanicarum in usum scholarum. Berlin 1892) und Aventins Tadelworte WW. I, 604. Für den Ligurinus insbesondere einen Brief Lorenz Behaims an Pirckheimer 1507, mitgeteilt [250] von Reicke in FGBayerns XIV, 21. Darin heißt es: „Daß er den Ligurinus drucken lassen will, daran tut er recht, weil er doch endlich seine Diebstähle zum Gemeingut macht. Ich weiß nämlich, wer bei ihm war, als er jenes Buch aus dem Kloster Ebrach erhielt. Obgleich es ihm nur geliehen wurde, hat er es dennoch bis heute nicht zurückgegeben.“ Sollte nicht hierher auch der bei Aschbach, Roswitha und Conrad Celtes 68 abgedruckte Brief des Matthäus Marschalk von Pappenheim an Celtis gehören? Ich lese Z. 4 v. u.: Praeterea vobis dudum significare volui extrudi oblivioni secretum illud, quod insignis pater abbas Tritthemius Sponhaimensis vobis bona fide insinuavit.
  40. [250] 40) Für Hrotsuita die Lobgedichte vor der Ausgabe, auch bei Klüpfel, De vita et scriptis Conradi Celtis II, 80. Dazu Amores III, 9. Epigrammata II, 69; IV, 39. Für den Ligurinus die Schlußschrift: Felici fine completus Ligurinus et per universam Germaniam et eius publica gymnasia iam notus et iuventuti Germanicae ad legendum et enarrandum praebitus primo Viennae per C[onradum] C[eltem], Friburgi per Hieronymum Baldung, Dubingi per Henricum Bebelium, Ingolstadi per Jacobum Philomosum, Lipsi per Hermannum Bostuim [!], qui in praedictis gymnasiis publico stipendio Romanas litteras feliciter profitentur. Teneo te, Europa et tota Germania.
  41. [250] 41) Straßburg, Grüninger 1508. Vorrede an Eitel Johann von Rechburg, bischöflichen Hofrichter in Straßburg. – Holder-Egger nimmt im Vorwort seiner Ausgabe [M. G. SS. XV, II und Schulausgabe der SS. rer. German. 1889] an, daß Soupher und Wimpfeling der gleiche Speirer Kodex vorgelegen habe. Das ist auch deshalb wahrscheinlich, weil sowohl Soupher als Rechburg in engen Beziehungen zu Wimpfeling erscheinen (s. Knepper, Wimpfeling 2291, 3054, 355) und Beatus Rhenanus der Ausgabe Souphers ein Nachwort an Wimpfeling mitgab, das das Nachzittern des Streits mit Murner beweist. Dann ist es aber doch kaum anders möglich, als daß Soupher die Handschrift durch Wimpfeling kennen lernte. – Über den deutschen Namen Souphers (Schuler) s. Knod im CBlBiblW. Bd. IV, 310.
  42. [250] 42) Bebel, Commentaria epistolarum conficiendarum (Pforzheim 1510), Bl. 130 (nach einer interessanten Aufzählung der in den Predigten gebräuchlichsten Fabel- und Legendenliteratur): Et ego novi unum, qui suae contioni testimonium adhibuit ex gestis Theodorici, quem nostri ducem Veronensem vocitant, cum merum sit commentum, sicut omnes aliae cantiones vernaculae de gigantibus, de Fafoldo (!), Hiltebrando, de duce Ernesto et de aliis. Nam Theodericus ille rex fuit Gothorum, et quid egerit in Italia, non est obscurum, quoniam Cassiodorus, eius cancellarius, Jordanus et alii multi eius atque Gothorum gesta scripserunt, nec pro veritate recitantur a prudentibus, verum germanica est poesis, quae principes ad res fortiter gerendas illorum exemplis cohortetur, uti plura dixi in oratione habita in principio commentariorum Caesaris, quae iam publice profiteor. Zur Schlußbemerkung s. o. S. 75132. – Ferner Trithemius, Annales Hirsaugienses I, 399: Consueverunt enim veteres Germani studia gestusque imitantes Graecorum, a quibus duxerunt originem, fortia principum suorum acta in carmen et cantilenas reducere et mortalium facta deorum immortalium gestis sub figurarum et aenigmatum restringendo symbolis comparare.
  43. [250] 43) Dem Ligurinus ist ein Brief Peutingers an Maximilian beigedruckt, in dem er eine Ausgabe des Otto von Freising ankündigt und mit einer Genealogie der Hohenstaufen auch das Schreiben Friedrich Barbarossas an Otto aus Gesta I [251] abdruckt, „cum quod verba principis, tum [ut] Ligurino ipsi ad annos plerosque testimonia essent“.
  44. [251] 44) Clm. 569 Bl. 3b: Gesta Karoli magni, quae hic annotata vides, non ab eodem auctore conscripta sunt. Nam primus liber de Karolo magno loquitur, qui vero secundus intitulatus est, de eius avo narrat et ille etiam diversum habet auctorem, ultima vero duo etiam ut alium stilum et inferiorem prae se ferunt, ita et auctorem. Primi libri meminit Otto Frisingensis in cronico suo et nomen auctoris ignorat, est tamen stilus grandiloquus, qui vero secundus liber inscribitus, climace etiam annotatus est, reliqua vero vulgari et minus compto stilo scripta sunt. – Der Kodex war vielleicht eine Abschrift des von Aventin benutzten aus St. Mang, s. Riezler zu Aventins Annales I (WW. II) 419.
  45. [251] 45) Peutinger an Hieronymus Nogarola, Augsburg 1516 febr. 28 [vor der Ausgabe des Jordanes und Paulus Diaconus]: Sunt et nobis in manibus Eutropii historiae Romanae libri XII, cui alias impresso eiusdem Pauli additiones (ita enim inscribunt) falso subiunctae deprehenduntur. Dazu folgende Bemerkung Peutingers in seinem Exemplar der Scriptores historiae Augustae ex recognitione D. Erasmi [Basel, Froben 1518. Augsb. Stadtbibliothek. Geschenk Frobens an Peutinger] zu dem mit abgedruckten Eutrop, dessen liber XII dem Paulus Diaconus zugewiesen ist: Eutropius, qui manuscriptus in monasterio Tegerensi habetur, Paulum Diaconum non refert, sed hic liber inscriptus est XII Eutropii, quem admodam et nos denuo exscribi fecimus ac in bibliotheca nostra habemus sine Pauli additamentis. Über den wahren Sachverhalt s. Potthast, Bibliotheca II2, 902. Der Tegernseensis scheint verloren.
  46. [251] 46) Für Cuspinians Ausgabe des Matthias v. Neuenburg s. Studer, Matthiae Neoburgensis Chronicon xviff. – Interessant ist auch der Brief Hermanus v. Neuenar an Pirckheimer [Heumann, Documenta literaria 91 f.] über seine Absichten bei einer Ausgabe des Frechulf.
  47. [251] 47) S. Riezlers Nachwort zu Aventins Annalen [WW. III, 549].
  48. [251] 48) Cochläus an Johann Georg Baumgartner, Eichstädt 1544 juni 2, vor der Vita Theoderici regis quondam Ostrogothorum et Italiae. Ingolstadt 1544. Vgl. Otto, Cochläus der Humanist 102. Über die von Cochläus benutzte Hs. der Variae s. Mommsen vor seiner Ausgabe (M. G. Auct. antiq. XII) LXXXIII. Die Chronik ist erst 1529 mit Eusebius, Prosper etc. bei Henric Petri in Basel erschienen. Über die Mainzer Hs. s. Mommsen in M. G. Auct. antiq. IX, 363, XI, 117.
  49. [251] 49) Die Vorrede des Herausgebers Aegidius Rem ist an Johannes Choler, den Freund des Erasmus und des Peutinger gerichtet. Über Rem s. Veith, Bibliotheca Augustana V, 63. Er ist 1512 Kommilito Huttens in Pavia, s. Strauß, Hutten 66, 233.
  50. [251] 50) Die Herausgeber sind nach der Vorrede Georg Cuspinian, der Vetter, und Sebastian Felix Cuspinian, der Sohn des berühmten Wiener Gelehrten. Dieser hat die Hs. gefunden und emendiert. – Über die handschriftliche Überlieferung s. Schanz, Rom. LG. III2, 162, zu dem dort erwähnten Johannes Hergott ALG III, 169 ff.
  51. [251] 51) Über Cuspinians Editionspläne s. das Vorwort zur Ausgabe des Otto v. Freising (Straßburg, Schürer 1515). Über die erst mit den Caesares abgedruckte Chronik des Cassiodor s. Mommsen in M. G. Auct. antiq. XI, 117 u. w. u. Kapitel VII. Über den Ammian Reuchlins Briefwechsel ed. Geiger 170; vgl oben III89.
  52. [252] 52) Wien 1511. Das Vorwort an Vadian und Ioannes Marius (Wien 1511 juli 1) wendet sich heftig gegen die angeblich emendierten Ausgaben der Buchhändler, wie etwa die Sallustausgabe des Pomponio Leto oder die des Florus von Beroaldo, sein Florus sei wirklich emendiert und etwas ganz anderes als der olim et in Italia bis terve et in Gallia nuper forma enchiridii non semel impressus. Gleichzeitig erschienen Annotationes zum Florus von Johann Camers, über die Cuspinian in einem zornigen Briefe an Vadian spricht (Vadians Briefwechsel ed. Arbenz I, 215). – Celtis hat in Wien nicht über Florus gelesen, wie Bauch, Humanismus in Wien 91 aus Epigr. IV, 50 schließen will, sondern über Apulejus.
  53. [252] 53) Horawitz, Des Beatus Rhenanus literar. Tätigkeit 1508–31 [SBWA LXXI] 675-8.
  54. [252] 54) Für ihn muß noch immer auf die alte Biographie von Lotter-Veith, Historia vitae atque meritorum Conradi Peutingeri Iurisconsulti Augustani. Augustae Vindelicorum 1783 verwiesen werden. Für die theologische Stellung Peutingers habe ich einiges Material in der Festgabe für Karl Theodor von Heigel 1902 beigebracht, das aber jetzt schon ergänzungsbedürftig ist. Eine neue Biographie ist von Erich König zu erwarten, s. zunächst dessen Vortrag i. d. Wissenschaftl. Beilage zur Germania 1909 Nr. 44 (Konrad Peutinger als Historiker).
  55. [252] 55) Das Material für die folgenden Ausführungen liegt zerstreut und unverwertet in den Bänden des Corpus inscriptionum latinarum vor, wo besonders Mommsen und Hübner wertvollste Beiträge zur humanistischen Gelehrtengeschichte geboten haben.
  56. [252] 56) Daß Wolffs Sammlung nur ein Plagiat aus Sclaricinus ist, zeigt Mommsen l. c. III, xxvi (danach ist Ch. Schmidt, Hist. litér. II, 66 zu ergänzen); für Behaim ebenda VI, XLII.
  57. [252] 57) S. den Antiquus Austriacus, Antiquus Pannonius, Antiquus Germanus und die ersten Schweizer Sammler in CIL III, 412, 477; XIII, Abt. II, 7, 161.
  58. [252] 58) Ich verweise besonders auf Augustinus Tyffernus, über den Mommsen l. c. III, 478 höchst interessant handelt, und den siebenbürger Sachsen Johannes de Megeriche (Mezerzius) ibid. III, 153.
  59. [252] 59) S. für Leto Zabughin, L’insegnamento universitario di Pomponio Leto (Rivista d’Italia, Anno 9, Vol. II, 215 ff.).
  60. [252] 60) Vgl. abgesehen von dem unten besprochenen Brief der Margarethe Welser Sermones convivales p. 34 (ed. Zapf): Movit mihi stomachum praeceptor meus, rerum vetustarum alioquin sollertissimus inquisitor, Pomponius Laetus: voluit enim nobis Germanis inventae artis impressoriae laudem praeripere. Die Äußerung des Zasius.
  61. [252] 61) Leonhard Schmaus an Aventin Ingolstadt 1522 jan. 6 [Aventin WW. VI, 80]: Cardinalis Salisburgensis [i. e. Matthäus Lang] .. munus .., quo te donare et, ut ita dicam, subarrare voluit, secum deferebat, nomismatum veterum aliquot denarios argenteos... – Beatus Rhenanus an Aventin Basel 1525 dez. 6 [Aventin WW. VI, 90]: Reverendissimus pater atque idem clarissimus princeps Stanislaus Turzo Olomucensis episcopus poculum inauratum, pluris valens quam L aureis superiori Augusto ad me muneri misit propter inscriptum Eusebium, cum propter Tertulliani nuncupationem pateram antiquis nomismatis argenteis, quae mira arte inserta sunt, exornatam ad me transmittendam curasset. – Johann Eck wird 1516 [253] von Cuspinian in Wien mit einer Münze Friedrich Barbarossas beschenkt, s. Wiedemann, Eck 68.
  62. [253] 62) Althamer, Tacituskommentar von 1536 Bl. 79: Et fuerunt Germani harum rerum in primis negligentes, quod literarum secreta viri pariter ac feminae ignorarent. Qui dum veteres ruinas restaurant et nova erigunt moenia, passi sunt inter manus perire vetustas lapides atque monumenta, parum curiosi antiquitatum. Quod paucis ab hinc annis Laugingiaci transdanubiano oppido Alberti Magni patria factum comperi, ubi magnus fuit Romanarum inscriptionum et monumentorum numerus, quantus haud facile ullo Germaniae loco est reperire. Hi dum cives diruto veteri templo parochiali cum turri novum extruere pararent, undique ex agro maxime diruta arce Faymingensi, quae proxime adiacet in ripa Danubii, quosvis lapides ad aedificium convexerunt, et sine ordine rationeque ut in manus fabrorum venerant, muris templi inseruerunt, quibusdam plane inversis et lapidibus tectis, aliis mutilatis fractisque, ut quosdam nemo mortalium sit visurus. Ita caementariorum incuria, imo potius invidia, periit idolon Fortunae, imago Herculis cum Anteo pugnantis, Mercurii aliique vetusti lapides cum suis inscriptionibus, qui non venerunt in Chonradi Peutingeri aut Petri Appiani antiquitatum farraginem. – Ibid. 114b: Laugingiaci . . fractus lapis Mercurii imaginem monstravit; cuius superior pars corpus cum capite periit, inferior, pedes cum tauro, extant adhuc. – Dazu die Lauinger Inschriften in der 2. Ausgabe der Augsburger Inschriften Peutingers, Mainz, Schöffer 1520.
  63. [253] 63) In der 2. Ausgabe der Augsburger Inschriften Peutingers erwähnt er Marmora IV ex agro Patavino, dum a milite Germano vastaretur, effossa et ad arcem Welenburgii supra Vindavi fluvium prope Augustam Vindelicorum per r. principem D. Matheum card. et archiep. Saltzburgensem conlocata.
  64. [253] 64) Über Maximilians Teilnahme an den Sammlungen Peutingers s. Gottlieb, Ambraser Hss. I, 531, auch CIL III, 587 und die Bemerkung vor dem Druck von 1520. Weiteres Abschnitt VII. Über einen Inschriftenfund, den Celtis in Steiermark i. J. 1500 machte, s. CIL III, 478. Für seine Forschertätigkeit im allgemeinen Huttich i. d. Collectanea antiquitatum in urbe atque agro Moguntino repertarum, Mainz, Schöffer 1520 bei Besprechung des „Eichelsteins“: Hic [Celtis] ut praeter poeticam virtutem nullum non disciplinae genus attigit, ita rerum Germanicarum exactissimus fuit pervestigator. Omneis in omni Germania augulos excussit vestutatis inquirendae studio nec ullus est locus Germaniae, quem non terra marique adierit. . . Ille igitur, ut erat vir integra fide, in carmen suum haudquaquam inseruisset Drusi id esse monimentum, nisi plane cognitum perspectumque habuisset. 64) S. darüber Lotter-Veith S. 54 ff. Der daselbst erwähnte Chalcydius mit der Peutingerschen Bemerkung ist jetzt Libri impressi cum notis mss. 20 34 der Münchner Staatsbibliothek.
  65. [253] 65) Der erste Druck ist eine Inschriftensammlung aus Ravenna von 1489, s. Müller, Handbuch d. klass. Altertumswissenschaft I2, 635. Danach ist Mommsen in CIL III, 705 zu berichtigen. Beschreibung des Peutingerschen Druckes bei Lotter-Veith 66 ff. Das von Peutinger selbst korrigierte Handexemplar ist jetzt 20 Arch. 112 der Münchner Staatsbibliothek.
  66. [253] 66) Das richtige Verhältnis der Ausgabe Huttichs zur Tätigkeit Gresemunds, in Huttichs Vorrede verschleiert, ist CIL XIII, II, 303 ff. dargelegt. Über Gresemund [254] und Huttich s. jetzt Bauch im Archiv f. Hess. Gesch. N. F. V, 18 ff. und über Huttich weiteres unter Abschnitt VI.
  67. [254] 67) S. den Brief an Spalatin 1513 juli 25 bei Lotter-Veith 59.
  68. [254] 68) Von Mommsen gerühmt l. c. III, 477 u. 587.
  69. [254] 69) Über die Abhängigkeit seiner spanischen Sammlung von Peutinger s. CIL II, vi.
  70. [254] 70) Über seinen Hauptagenten Valentin Moravus s. Lotter-Veith 99 und 103 und CIL II, 23. Die Augsburger Stadtbibliothek hat einen Peutinger gehörigen Druck der Briefe König Emanuels von Portugal an Julius II. über die neuerworbenen Länder von 1508 und 1510. Auf dem zweiten: doctori eximio Conrado Peytinger domino meo S. Valentinus Moravus.
  71. [254] 71) Margaretae Velseriae.. ad Christophorum fratrem epistola. Ed. H. Andreas Mertens 1778. Von mir als Peutingers eigene, von ihm selbst in einen Brief seiner Frau umkorrigierte Arbeit nachgewiesen im Feuilleton der Frankfurter Zeitung vom 26. April 1903. Nr. 115. Ob Veith den Sachverhalt geahnt hat? Er sagt l. c. 116: Ceterum ubi nos primum illam [epistolam] legimus, in mentem veniebat recordari eoram, quae Plinius noster lib. I ep. 16 de Pompeii Saturnini uxore, eruditissima femina eiusque epistolis ad Euricium amicum scripsit: Legit mihi nuper epistolas Saturninus, quas uxoris esse dicebat. Plautum vel Terentium metro solutum legi credidi. Quae sive uxoris sunt, ut adfirmat, sive ipsius, ut negat, pari gloria dignus est, qui aut illa componat, aut uxorem, quam virginem accepit, tam doctam politamque reddiderit.
  72. [254] 72) Ein von Peutinger mit Randbemerkungen auf Grund seiner Münzsammlung versehenes Exemplar von Letos Compendium Historiae Romanae sah noch A. F. Oefele, s. Lotter-Veith 57.
  73. [254] 73) Die bei Zapf, Merkwürdigkeiten 288 beschriebene Handschrift De consulibus Romanis, jetzt clm. 12351, ist nur eine Abschrift des Sichardschen Cassiodor, wie Mommsen bemerkt hat (und doch wohl dieselbe Hs., welche Mommsen Auct. Antiq. XI,II, 4173 aus dem Inventar von 1597 anführt), aber die bei Lotter-Veith 103 Nr. XI beschriebene explanatio nominum, dignitatum, officiorum beginnt mit der Königszeit und sollte doch wohl auch durch die Zeit der Republik hinabgeführt werden.
  74. [254] 74) S. für Choler Lotter-Veith 127 g, für Ellenbog dessen Briefe hinter Zapfs Ausgabe der Sermones convivales, bes. S. 139 das Ottobeurer Diplomatar, für Friedrich von Sachsen Herberger, Konrad Peutinger i. s. Verhältnisse zum Kaiser Maximilian I. (Jahresbericht d. hist. V. f. Schwaben u. Neuburg 1851) 64116. Für die Urkundensammlungen den Vortrag Königs l. c. 3478.
  75. [254] 75) Peutinger an Friedrich von Sachsen; vgl. seinen Brief an Ellenbog bei Zapf, Sermones 138: De nominibus et inscriptionibus procerum, principum, regum atque caesarum et de sancti [Zapf: salute] imperii et regni annis, ut in litteris donationum privilegiorumque eiusdem habentur, me certiorem reddas.
  76. [254] 76) S. die Beschreibung der Stuttgarter Hss. F. 243 u. 247 bei Heyd, Die historischen Handschriften der K. öffentl. Bibliothek zu Stuttgart I, 111 ff. u. 116.
  77. [254] 77) Celtis, Epigramme I, 88. Zapf, Bebel 110, Heumann, Documenta litteraria 13 ff. Vgl. Knod, Jakob Spiegel I, 29 und zum Ganzen Stintzing, Gesch. d. dtn. Rechtswissenschaft I, 209 ff.
  78. [254] 78) Stintzing l. c.
  79. [254] 79) S. Münzers Reisebeschreibung in clm. 431 Bl. 269b.
  80. [254] 80) Vadians Briefwechsel I, 155.
  81. [255] 81) Aventin, WW. I, 640. Die früheste Erwähnung der Volksrechte ist wohl die in den Sermones convivales Peutingers [ed. Zapf S. 51 ff.], die ersten Auszüge bietet Johannes Boemus, s. o. S. 185.
  82. [255] 82) Über ihn die trefflichen Schlettstädter Programme von G. Knod, Jakob Spiegel aus Schlettstadt. 1884 und 1886.
  83. [255] 83) Wieder abgedruckt bei Reuber, Veterum Scriptorum T. II.
  84. [255] 84) S. Amores II, 10. Epigrammata II, 15.
  85. [255] 85) S. über die Ausgabe oben IV88. Es heißt in der Widmung an Johann Reuchlin, Johann Streler und Heinrich Winkelhofer, alle drei Richter des schwäbischen Bundes, daß an die Sitzungen des Bundesgerichts in Tübingen sich stets ein „philosophisches Gastmahl“ angeschlossen habe, bei dem u. a. folgende Fragen vorgelegt wurden: Prima an Argentina sit urbs Helvetiorum et quos Alsaticos appellamus, sint Helvetii, sicut quidam arbitrantur. Secunda an Argentinenses sint et semper fuerint Germani, in Gallia tamen siti. Tertia, an Argentina et tota Alsacia ad ius et ditionem pertineant Francorum. Quarta, an imperii translatio de Graecis sit facta ad Francos et non Germanos. Quinta, qui Galliae populi ad ius et ditionem pertineant imperii tamquam feudatarii.
  86. [255] 86) Benvenuto de S. Georgio et de Blandrate comitibus, De origine Guelphorum et Gibellinorum. Basel, Cratander 1519. Die Angaben im Text nach der Vorrede. Zur Zeitbestimmung: die Gesandtschaft fand im Auftrage des Markgrafen Bonifaz III. (1483–94) statt.
  87. [255] 87) Von Aventin mehrfach, am ausführlichsten in der Germania illustrata (WW. VI, 111) erzählt: Quisque sua melius natura cognoscere solet quam alienus, ita quidem natura comparatum est. De qua re ante triginta annos Linzii . . . in aula imperatoris Maximiliani contendit cum quodam Italo, nisi fallor, Francisco Cardulo Narniensi, legato Alexandri sexti pontificis maximi, Chunradus Celtis, Theodericus Ulsenius, Ladissolaus caesarius sacrificulus historiographus ac coeteri Germaniae doctissimi, qui tum apud augustale praetorium versabantur. Italus, ut sibi magis quam Germanis et vernaculis eorum monumentis de antiquitatibus Germaniae, illi e diverso, ut potius sibi ac suis indigenis scriptis crederetur, coram caesare litigabant, augustus ut iudex honorarius ita censuit hancque sententiam tulit uniuscuiusque gentis indigenis magis credendum esse quam alienis, modo pares sint illis peritia, diligentia atque cura: nam saepius accidere solet, ut plura de tua patria ex libris eorum, qui nunquam eo accessere, quam ab indigenarum cognitione discas.
  88. [255] 88) Für Gresemund Beatus Rhenanus, Briefwechsel edd. Horawitz und Hartfelder 27. – Das Quodlibet De ebrietate bei Zarncke, Dte. Universitäten im MA. 116 ff.
  89. [255] 89) Sermones convivales, in quibus multa de mirandis Germaniae antiquitatibus referuntur; ex officina litteratoria Joannis Prus. Argentinae in aedibus Thiergarten recognoscente Matthia Schurerio 1506. Über diese und die späteren Ausgaben s. Lotter-Veith, Vita Peutingeri 71 ff. Ich zitiere nach dem Neudruck von Zapf 1781, der Seitenzahlen hat, doch bemerke ich, daß Zapf stilistisch mehrfach willkürlich änderte. Die zweite Auflage von 1530, die Lotter-Veith 73g erwähnt, hat den Schlußvermerk: Quum hos Peutingeri Sermones multi Germanicarum rerum studiosi expeterent, edidimis illos ad fidem exemplaris, quod Matthias Schurerius recognoverat. Emendatioris enim copia nobis non erat, neque in opere, cuius author adhuc vivit, voluimus esse curiosiores. Boni [256] consulas itaque lector laborem hunc nostrum et Vale. Argentinae anno 1530. Danach ist die von Lotter-Veith l. c. aus Peutingers Handexemplar mitgeteilte handschriftliche Bemerkung des Autors: Hoc opus est a me pluribus in locis retractatum et auctum, sed non formis denuo excusum auf Korrekturen Peutingers zu beziehen, die bisher unbekannt geblieben sind. Es wäre interessant sie kennen zu lernen. – Zum Titel vgl. Filelfos Conviviorum liber u. a.
  90. [256] 90) Interessant ist der Vergleich mit Aeneas Sylvias, De dictis et factis Alfonsi regis. Lib. II, caput 1.
  91. [256] 91) Zapf S. 44.
  92. [256] 92) S. die Briefe im Anhang von Lotter-Veiths Vita Peutingeri. Ergänzungen bei Horawitz, Analekten zur Geschichte des Humanismus in Schwaben [SBWA. LXXXVI, 217 ff.], auch Briefwechsel des Beatus Rhenanus 315 f.
  93. [256] 93) So schon bei den Italienern über Römisches und dann bei den Deutschen häufig.
  94. [256] 94) Vgl. z. B. Hutten, Arminius Opp. IV, 410 f. Man schloß das besonders aus Germania 8: Vidimus . . . Veledam. Anders Münster s. u. VI144.
  95. [256] 95) Um ihn hat sich besonders Horawitz verdient gemacht und 1871/72 SBWA. LXX, LXXI und LXXII eine Biographie, sowie eine Übersicht über die literarische Tätigkeit gegeben. Dazu aber wichtige Ergänzungen von Knod in CBlBiblW. Bd. II und III. Auch Hartfelder in ADB s. v. bietet Gutes. Mit Hartfelder hat Horawitz dann 1886 den Briefwechsel des Beatus Rhenanus herausgegeben, leider in Text und Anmerkungen mangelhaft. S. die Rezension Knods l. c. IV, 305 u. a. Knod hat auch für die Jugendgeschichte des Rhenanus ganz neue Grundlagen geschaffen in der ausgezeichneten Schrift: Aus der Bibliothek des Beatus Rhenanus 1889.
  96. [256] 96) Vita Rhenani per Sturmium im Briefwechsel 9: Valeat ergo iocosus versus, cuiuscumque fuerit: Beatus est beatus, attamen sibi.
  97. [256] 97) S. das Zitat aus Wimpfeling bei Knod, Bibliothek d. B. Rhenanus 72.
  98. [256] 98) S. o. Anm. 41. Das Schreiben fehlt im Briefwechsel, vgl. Knod l. c. II, 256.
  99. [256] 99) Briefwechsel Nr. 433 und 435, vgl. auch Nr. 31.
  100. [256] 100) Die Ausgabe des Gregor v. Nyssa ist beschrieben im Index bibliographicus, hinter dem Briefwechsel 599, Nr. 20; die Inschrift auf Maximilian noch einmal eigens 621, Nr. 8. Dasselbe Titelblatt vor dem Otto v. Freising Cuspinians von 1515, ein sehr ähnliches vor dem Curtius von 1520, den Erasmus in Straßburg bei Schürer herausgab; s. Horawitz in SBWA. LXXI, 656. – Aus dem Vorwort zum Gratian (Briefwechsel 50): Carolus Magnus, non Gallus, sed Germanus; vgl. 60: Romanum Imperium, quod a Magni Caroli temporibus penes Germanos semper fuit. Beide Male ganz unnötige Einschiebsel.
  101. [256] 101) Rhenanus schenkt Peutinger 1513 die neuen Pariser Drucke des Gregor von Tours und des Ado von Vienne (jetzt auf der Augsburger Stadtbibliothek) vgl. Lotter-Veith, Vita Peutingeri 128m.
  102. [256] 102) Über diesen Kommentar herrscht viel Unklarheit, ich gebe deshalb den Sachverhalt. In der Folioausgabe des Tacitus, die Froben August 1519 druckte, (Index bibliographicus, hinter dem Briefwechsel 607, Nr. 46) steht er nicht. Die Ausgabe ist ein Nachdruck der Ausgaben des Beroaldus von 1515 und des Puteolanus von 1476, Rhenanus hat daran nach seiner eigenen Angabe keinen weiteren Anteil, als daß er den Text der Germania revidiert hat, wie er hier sagt beneficio codicis vetustioris, wie er in der Ausgabe von 1533, p. 421 schreibt, nach einem Druck, den ihm der Dr. med. Artolf gab (nach den weiteren etwas unklaren [257] Angaben daselbst scheint der Druck doch eine Handschriftenkollation enthalten zu haben), und der Ausgabe ein Register beigab u. d. T.: Elenchus in Historiam Augustam Cor. Taciti, qui ea potissimum indicat, quae ad res Germaniae pertinent, hactenus a multis incuriosa lectione transmissa per Beatum Rhenanum Selestadiensem opere cursim et carptim evoluto congestus. Dieser Elenchus enthält einige größere Artikel (sie sind fast wörtlich in das Register der Ausgabe von 1533 übergegangen, nur mit Verweisen auf die unterdes erschienenen Rerum Germanicarum libri III) und bei dem ersten: Germani die Bemerkung: Sed de his latius disputamus in nostris in Tacitum commentariis. Dieser Kommentar erschien anonym und ohne Jahr in Quart mit einer Separatausgabe der Germania u. d. Titel: P. Cornelii Taciti de moribus et populis Germaniae libellus. Cum commentariolo vetera Germanie populorum vocabula paucis explicante. Schlußzeile Lipsie ex edibus Valentini Schumanni. (Knod l. c. II, 2731 kennt ihn und bezieht darauf richtig Briefwechsel S. 206, Nr. 150. S. auch die Bemerkung im Briefwechsel 1602, wo aber unrichtig auf den Index bibliogr. verwiesen wird.) Er enthält nach dem Germaniatext eine Zuschrift Frobens an Zwingli, in der der Verfasser als ex amicis nostris quidam eingeführt wird. Durch ein Mißverständnis der Schlußworte (Hanc eandem rem (sc. studium mediae antiquitatis) agunt... Henricus Glareanus et Joachimus Vadianus praecipue in commentariis suis in Pomponium Melam) ist der Kommentar später Glarean beigelegt worden, z. B. in dem Abdruck bei Schard, SS. res. Germ. I.; so auch bei Bursian, Gesch. d. klass. Philologie I, 155 und Wegele, Historiographie 252. Eine weitere Verwirrung hat Ballenstedt, Andreae Althameri Vita (1740), S. 22 ff. angerichtet, indem er den Kommentar des Rhenanus mit den kurzen Bemerkungen Melanchthons (auch bei Schard I) verwechselt. Das Richtige steht jetzt ganz kurz in Müllenhoffs Germania des Tacitus [Dt. Altertumskunde IV (1900), S. 88]. – Auch die Abfassungszeit läßt sich genau bestimmen, da Rhenanus Bl. E 1’ das Schreiben der Schweizer Tagsatzung vom 18. III. 1519 über die bevorstehende Kaiserwahl erwähnt und andrerseits auf der vorletzten Seite Karls Wahl [28. VI. 1519] erst erhofft wird. Der Druck der Sonderausgabe ist aber wohl erst nach der Folioausgabe erfolgt, denn er hat z. T. schon die Lesarten in den Text übernommen, die im Folio als richtig am Rande stehen. – Auf dem Kommentar des Rhenanus beruht u. a. die erste deutsche Übersetzung der Germania durch Eberlin v. Günzburg [ed. Radlkofer i. d. Bll. f. d. bayr. Gymnasialschulwesen XXIII, 1 ff.]. Er hat die wichtigen Einleitungsworte mit übersetzt.
  103. [257] 103) Dies ist bei Beatus Rhenanus bereits technischer Ausdruck, s. auch Briefwechsel 340, wo mediae antiquitatis homines statt medios antiquitatis homines zu lesen ist, und Aventin WW. VI, 88 Z. 6. Daraus bat sich dann der Begriff media aetas = Mittelalter entwickelt, den ich zuerst bei Vadian finde, und zwar schon im Kommentar zum Pomponius Mela von 1518: Walafridus mediae aetatis autor non ignobilis.
  104. [257] 104) Hactenus Germaniae populos utcumque explicuimus, una atque altera hora dictantes per lusum, non scribentes, et animus erat nihil ultra attingere. Sed quando formularius questus fuit non esse sibi satis annotationum, quo pagellas omnes impleret, adiecimus velut auctarium de historiis, quarum Cornelius meminit in hoc libello, pauca quaedam.
  105. [257] 105) Erörterung im Anschluß an Germania, Kap. 1: Germania omnis a Gallis Raetisque... separatur und Kap. 43: Gotthinos [so liest er] Gallica lingua coarguit. [258] Hier sagt er: Ex hoc loco colligi potest etiam olim aliam Gallorum fuisse linguam, alia[m] Germanorum. Sed quae fuerit Gallorum, non constat. Nam linguam, qua hodie utuntur, certum est esse novam, a Romanis, qui post Julium Caesarem in illis provinciis assidue versati sunt, plurimis ubique deductis coloniis dubio procul acceptam. Unde Gallorum multi linguam suam etiam hodie Romanam vocant: bon romayn. Itaque videtur interisse prisca Gallorum lingua. Siquidem Plinius de quibusdam Gallorum vocabulis loquens ad antiquam Galliae descriptionem respexisse videtur, quam tamen iam inhabitare Germani coeperant, suam loquentes linguam, aut certe Celtarum vocabulum, quod Graecis et Germanum et Gallum significat, Gallis vertendo tribuit, quod Germanorum erat, qui lapsus multis sane accidit. Et notum est satis, Plinium et Graecorum et Latinorum commentarios exscripsisse. Nisi si quis hic per Gallicam linguam pronuntiationis modum intelligere velit, hoc est, ipsum Gallicismum, ut ita dicamus. Sed hoc foret coactius.
  106. [258] 106) [Marbod], qui equi corpus referret, a marck, quod equum significat, et boden, corpus. Hoc enim vocabulo quidam populi adhuc utuntur. De Anglis satis constat [Er meint body]. Die Erklärung von Germani steht im Elenchus, im Kommentar nur eine Abweisung früherer Erklärungen, wobei die Bemerkung über Jordanus von Osnabrück zu beachten ist.
  107. [258] 107) Zu dem Briefe an Hummelberg (Briefwechsel 334) ist das Schreiben Hummelbergs an Peutinger zu fügen (Lotter-Veith, Vita Peutingeri 208).
  108. [258] 108) Erster Brief an Aventin 1525 oct. 4 [Aventin, WW. I, 642, daraus Rhenanus, Briefwechsel 340]: Gratulor autem Germaniae, quod hunc tibi laborem illustrandae vetustatis desumpseris . . . tametsi Noricum, ut coniicio, praecipue celebrabis, non potest tamen fieri, quin obiter multa incidant, quae ad ceterarum provinciarum gloriam pertineant. – Darauf Aventin 1525 nov. 22: Hinc plane existimare poteris me non tam dementem esse, ut profitear me Germaniae antiquitates scripturum. – Für die Wendung des Rhenanus zu historischem Interesse mitten im Bauernkrieg ist wichtig der Brief Huttichs an Pirckheimer vom 18. Oktober 1524, auf den Knod (CBlBiblW IV, 3071) aufmerksam macht: Beatus Rhenanus ... hanc aestatem egit nobiscum Argentorati. Multa mecum, ut hominis est ingenium, de litteris et maxime Germanorum historiis contulit. – Über das Verhältnis des Beatus Rhenanus zu Aventin hat erleuchtend Max Lenz gehandelt (Geschichtsschreibung und Geschichtsauffassung im Elsaß zur Zeit der Reformation [in den SchrVRG XXXXIX], S. 18.
  109. [258] 109) Rhenanus an Aventin l. c: Constat mediae antiquitatis homines ex magna parte monachos et nonnunquam exteros, puto Scotos, in historiis nostrarum provinciarum, quas ipsi condiderunt, saepissime labi. Dazu Aventins Antwort l. c.
  110. [258] 110) S. den nachträglich bekannt gewordenen Brief des Rhenanus an Aventin 1525 dez. 6 [WW. VI, 87] mit trefflichen Erläuterungen Leidingers.
  111. [258] 111) Rhenanus an M. Hummelberg, s. d. im Briefwechsel 370, ebenso an Lazius ibid. 565.
  112. [258] 112) S. die Briefe von Michael und Gabriel Hummelberg (Briefwechsel 352 ff.)
  113. [258] 113) Für den Plinius den Brief Gabriel Hummelbergs 1526 febr. 4 Briefwechsel 354. Für Münster Briefwechsel 358 ff. [Textbesserung bei Lenz, Geschichtsschreibung im Elsaß 271]. Der Plan ist dann auch ausgeführt worden, denn Münster sagt in der Epistola nuncupatoria vor dem Ptolemaeus von 1540: Alsatiam [259] et Brisgoviam ego observavi, usus tamen in quibusdam consilio et subsidio ornatissimi viri Beati Rhenani. Die Beschreibung der Ortenau durch Jakob Öttel aus Lahr Bfwechsel 381 ff. ist nach Knod im CBlBiblW Bd. IV, 306 wahrscheinlich an Paul Volz gerichtet.
  114. [259] 114) Aventins Ansichten über diesen Punkt im 1. Briefe an Rhenanus WW. I, 644 ff. und an Vadian ibid. 650; für die Ansicht des Rhenanus der oben zitierte Brief an Aventin vom 6. dez. 1525.
  115. [259] 115) Rhenanus hat das Stück in einem jetzt verlorenen Speirer Kodex gefunden, s. den Brief Aventins [WW. I, 654]. Der terminus ante quem ergibt sich ebenfalls aus dem Briefe an Aventin [WW. VI, 87 ff.], denn die hier besprochene Mitteilung des Rhenanus über die Besatzung von Abusina ist, wie Leidinger gesehen hat, aus der Notitia dignitatum (ed. Seeck S. 200). In den Res Germanicae und im Tacituskommentar von 1533 zitiert Rhenanus den Fund unter sehr verschiedenen Titeln, und zwar gehen die Bezeichnungen liber civitatum Gallicarum und catalogus, qua provinciae Galliae recensentur, auf die jetzt sog. Notitia Galliarum [Seeck 261 – 274], die Bezeichnung Libellus de provinciis auf den Laterculus Polemii Silvii [Seeck 254–260]; die Notitia dignitatum im engeren Sinne nennt Rhenanus Liber praefecturarum Romanarum oder Volumen de magistratibus Romanorum oder Liber de insignibus magistratuum Romanorum oder Liber de palatinis officiis oder Formula Romani imperii. – Rhenanus hat jedenfalls auch eine Ausgabe geplant (s. Briefwechsel 565); die des Gelenius von 1552 erwähnt, daß man auf seine Hilfe gerechnet habe, doch sei er, dum cunctatur, gestorben. Was aber dann als Vorrede des Rhenanus zur descriptio Illyriae provinciarum abgedruckt ist, ist nur ein Stück aus dem Brief an Lazius s. Briefwechsel 565, vgl. den Index bibliogr. Nr. 68.
  116. [259] 116) Huttich an Rhenanus 1527 nov. 30 (Briefwechsel 373): Scripsisti, mi Beate, de incomparabili librorum thesauro, quem attulerat Sichardus. Vide, ne imponat inscriptiones, ut cum Philippo et Clemente fecerat. De Ammiano non dubito, quin phrasis iudicium faciat, ne fiat impostura. Laudanda essent hominis studium et labor, si rem non ageret suam. Das bezieht sich jedenfalls auf Sichards Ausgabe der Recognitiones Clementis 1526. Über sonstige Ergebnisse der Reise Sichards s. Mandry, Sichard in den Württemberg. Jbb. f. Statistik u. Landeskde. 1872, II, 36; dazu den Brief Gabriel Hummelbergs an Pirckheimer, bei Heumann, Doc. litter. 101. Rhenanus sah bei ihm auch eine Hs. von Cicero Epp. ad Atticum, s. Res Germ. 98.
  117. [259] 117) Schon 1519 plant Rhenanus eine Ausgabe der Leges Pipini et aliorum, wie der Brief des italienischen Buchhändlers Franziskus Calvus zeigt [Briefwechsel 167].
  118. [259] 118) Nachweise seiner epigraphischen Kenntnisse im CIL. XIII, Abt. II, 28*, 48, 57, 164, 304 und öfter.
  119. [259] 119) S. den Brief an Spiegel 1519 (Briefwechsel 194): Pestis cogit nos hic instar cochlearum in hypocaustis latere. Nunc experior non tantum amantibus longos ire dies, sed et biis, qui uni loco velut affixi tenentur.
  120. [259] 120) Michael Hummelberg versucht 1526 sie ihm abzuschreiben, s. Briefwechsel 364 und 366.
  121. [259] 121) Für den Krist s. die Angaben Res German. lib. II, S. 106: Veteres Francos ... Germanica usos fuisse lingua cum innumera alia argumenta probant, tum vero manifeste convincit über ille insignis Evangeliorum Francice, hoc est [260] Germanice versus, quem nos nuper, dum comitia Romani imperii Carolus Caesar celebraret apud Augustam Rhetiae superioris Fruxini in Vindelicis, quam hodie Frisingam appellant, in bibliotheca divi Corbiniani obiter reperimus, nam Livianarum decadum gratia fueramus illuc profecti. Eius codicis hic est titulus: Liber Euangeliorum in Teodiscam linguam versus. Constat autem ex rithmis totus. Atque ut antiquitatem eius tralationis non ignores, deprehendi librum excriptum abhinc annos ferme sexcentos, ut tum compositum credam, cum Christo primum Franci nomen dedere. In fine enim ascriptum erat: Vualdo me fieri iussit. Sigefridus presbyter scripsi. Numeratur autem inter Frisingenses episcopos Vualdo, ni fallor, decimus. – Über die Hs., jetzt cod. germ. mon. 14, s. Kelle, Gesch. d. deutschen Litteratur I, 179.
  122. [260] 122) Bibliographie im Briefwechsel S. 612, Nr. 57. Eingehende und meist auch treffende Würdigung von Horawitz in SBWA. LXXII, 325 ff. Daselbst S. 335 ff. auch ein Verzeichnis der von Rhenanus zitierten Quellen, wo allerdings die Historiae Carausium ein böser Lapsus von Horawitz sind. Auch der Brief Pirckheimers S. 334 ist zu streichen, s. a. u. VI65. Ich zitiere nach der ersten Ausgabe mit modernisierter Orthographie.
  123. [260] 123) Er unterscheidet demigrationes, emigrationes und immigrationes, wenn auch nicht immer konsequent.
  124. [260] 124) So schon S. 2: Ptolemaeus, qui post Tacitum scripsisse creditur, sed antiquioribus usus tabulis. Den Beweis dafür bringt er S. 26.
  125. [260] 125) Er liest Germania c. 11, wo jetzt praetractentur steht, pertractentur und Res Germ. 7 retract[ar]entur. Die Vertauschung der maiores und minores res, die Horawitz l. c. 3454 anmerkt, ist kaum Absicht, aber immerhin bezeichnend.
  126. [260] 126) Das hatte auch Peutinger 1505 von Berg abgeleitet, s. den Brief an Matthäus Marschalk von Pappenheim hinter den Sermones convivales.
  127. [260] 127) Res Germ. 79.
  128. [260] 128) Diese erwähnt er nach Ammian XXVIII, 1, 5. Er benutzt die damals noch ungedruckten letzten Bücher wahrscheinlich nach der Hersfelder Handschrift, aus der sie dann 1533 Gelenius edierte, s. Horawitz l. c. 341.
  129. [260] 129) Res Germ. 54: Porro cum Saxones stimularet aemulatio, quippe qui viderent Francos Alemannosque mutatis sedibus cottidianis provinciarum praedis ditari, decreverunt et ipsi in Romanos fines incursionem facere.
  130. [260] 130) l. c. 57. Die Vorstellung von Scandia als der officina gentium geht auf Jordanes, Getica [ed. Mommsen 60] zurück und war dann durch Isidor und Ekkehard allgemein verbreitet.
  131. [260] 131) Res Germ. 84: Tum regnum, quod olim in complures reges divisum erat, quemadmodum ex Ammiano licet intellegere, versum est in ducatum. In hoc Romanos imitati sunt Franci, nam illi provinciarum rectores duces appellabant, id quod ex libro magistratuum Romanorum satis liquet. – 85: Nam Franci in gubernanda plebe Romanorum consuetudinem in Galliis repertam etiam ad alios populos una cum ipsis vocabulis transtulerunt.
  132. [260] 132) Res Germ. 82: Nihil superfuit Ludovico regi, quem Galli Clodoveum appellant, nisi ad divinam opem confugere, cuius tum praecipua cura, ceu quidam inquit, cum salutis spes nulla est.
  133. [260] 133) Res Germ. 82: Tolbiacum, qui Ubiorum vicus est.
  134. [260] 134) Für die Leges hat er nicht die Ausgabe Sichards, sondern eine – [261] mehr bietende – Handschrift benutzt; zur Identifizierung Res Germ. 92: extat in volumine legem Francicarum caput Meldensis synodi. (Ist nach freundlicher Mitteilung von Dr. Paul Lehmann die Synode von Meaux von 845). Die Hs. wird doch wohl derselbe vetustus codex de conciliis antiquis Galliarum gewesen sein, aus welchem er ibidem und S. 131 die subscriptiones der Synode von Epaon (von 517) hat.
  135. [261] 135) Gemeint ist der aus der spätern Zeit Heinrichs IV. stammende Landfriede, den G. Waitz, Urkunden z. dtn. Verfassungsgeschichte im 11. u. 12. Jh. S. 15 f. abgedruckt hat.
  136. [261] 136) Den Liber de ecclesiasticis scriptoribus kannte er; er hat ihm die Vita des Jordanis bei seiner Ausgabe der Scriptores Historiae Gothorum entnommen (Horawitz l. c. 324). Bfwechsel 24 erwähnt er [i. J. 1509] den Catalogus; auch Bfwechsel 460 ist der Artikel über Hraban im Catalogus gemeint. Die Briefstelle von 1509 ist aber auch deshalb merkwürdig, weil sie zeigt, daß damals wenigstens keine persönlichen Beziehungen zwischen Rhenanus und Trithemius bestanden.
  137. [261] 137) Chronicon II, 52: Vlfilas episcopus Arrianus, qui literas gotthicas primus invenit et scripturas in eorum linguam etiam divinas convertit. Daraus wohl Cuspinian, Caesares (1610) S. 112: Vulfilas Gothorum tum episcopus Gothicas literas adinvenit et in eam linguam sacram scripturam traduxit.
  138. [261] 138) Res Germ. 108: Solebat olim Maximilianus Caesar proposita mercede suos provocare ad quaerenda vel diplomata, quae ante quingentos essent annos conscripta, nam tantum Latini sermonis usus apud Germanos in conficiendis tabulis receptus fuit, id quod cum caeteris nationibus commune habuimus. Ab annis tamen centum et quinquaginta secus apud nos factum videmus. Sic Hungaricus sermo nostra aetate primum scribi coepit.
  139. [261] 139) Die Weltchronik des Jordanes war eine Erstausgabe. Die Handschrift gab Peutinger, s. Mommsen vor der Ausgabe LIV. Abdruck des Vorworts im Bfwechsel 402 ff., auch in Zapfs Ausgabe des Sermones convivales Peutingeri.
  140. [261] 140) Über die Bedeutung der Ausgabe für die Tacituskritik überhaupt Schanz, Röm. LG2 II, 2, 250. Erwähnung der Vorarbeiten in Vadians Bfwechsel V, 79 zu 1532: Beatus Rhenanus in Tacito emendando totus.
  141. [261] 141) Bfwechsel l. c, auch den Brief Herwagens S. 400 f., wo am Schluß zu lesen ist: Quos putes per hiemem autores aut historicos praelo committendos, edoce, quaeso.
  142. [261] 142) Herwagen schreibt: Chronicon Urspergensis tam indigestum et sine ordine praelo committere non est tutum. Rhenanus betrachtet Res Germ. 36 und 65 den ihm vorliegenden Text richtig als Kompilation.
  143. [261] 143) Aventin an Beatus Rhenanus 1531: Proinde nihil est omnino, quod iam Hervagio polliceri possim. Si omnino finitum est id opus, in officina eius, spondeo, publicabitur. (Aventin, WW, I, 653.)
  144. [261] 144) Bfwechsel S. 435, 488; dazu 477, 509.
  145. [261] 145) l. c. 491: Incideram paulo ante in librum iuris provincialis Germanice scriptum, ex quo haud pauca de nobilitate nostrorum hominum adieci schemate addito . . .
  146. [261] 146) Bfwechsel 433 ff., 496 ff.
  147. [261] 147) Bfwechsel 476 Diskussion über das Lügenfeld.
  148. [261] 148) Bfwechsel 435 schreibt Huttich: si aliam moliris editionem . . . 487 [262] Volz: Tuam Germaniam, quam denuo sis editurus, cum primis videre et legere gestio.
  149. [262] 149) Über die späteren Ausgaben s. den Index bibliographicus hinter dem Briefwechsel S. 612 f. Danach hat erst Johann Sturm 1551 eine zweite Ausgabe besorgt.
  150. [262] 150) Bfwechsel 458: Exhibuit nobis paucis elapsis diebus Martinus Cellarius . . . tuos . . . Rerum Germanicarum libri tres, admonens, si quid in Germanicae linguae palaestra possem, periculum facere velim transferendis iis bene mereri de patria, omnibus rem exoptatissimam me facturum esse. Forte fortuna adest etiam vir ille integerrimus Balthasar Lasius typographus, qui etiam tibi susceptionis cognatione astrictus urget, orat, denique increpat. – Von der deutschen Übersetzung Herolds ist nichts bekannt geworden, doch scheint er noch eine Zeitlang in des Rhenanus Spuren gegangen zu sein. Er hat 1557 die deutschen Volksrechte ausführlicher als Sichard herausgegeben (s. Stobbe, Rechtsquellen I, 10) und sich dann auch mit den Resten römischen Altertums in Süddeutschland beschäftigt. Seine zwei Inschriftenpublikationen aber (De Germaniae veteris . . . locis antiquissimis und De Romanorum in Rhetia littorali stationibus Basel 1555, die zweite auch im Schardius redivivus I, 307), sind ebenso berüchtigt durch die Willkür seiner Textwiedergabe wie durch seine grotesken Etymologien (s. darüber CIL XIII, II, 187, 227, 238, 240). Auch hier aber spricht er immer wieder von einem Plan Commentaria efflorescentis Germaniae zu schreiben. Daraus ist glücklicherweise nichts geworden (über die Gründe s. sein Vorwort zur Legesausgabe). Dagegen gibt es von ihm eine Tabula historica, dann einen Dialog über den Türkenkrieg von 1556 (Schard l. c. II, 585; in der Vorrede allerlei Interessantes über das Leben Herolds) und einen dicken Folianten u. d. Titel Heydenweldt (Basel, Henrik Petri 1554), eine dem Augsburger Georg von Stetten gewidmete Bearbeitung des Dionys von Halikarnaß mit Anhängen, in der u. a. die Versuche, Homer in deutsche Reimverse zu übersetzen, Beachtung verdienen. Unter den benutzten Autoren, die Herold in einer langen Tafel zusammenstellt, kommt zwar Beatus Rhenanus vor, es ist aber nicht einzusehen, wo er benutzt sein könnte. Über andre Werke dieses Vielschreibers s. Ersch und Gruber II, 6, 404 ff. Über seine Ausgabe von Lupold v. Bebenburgs Tractatus Herm. Meyer, Lupold v. Bebenburg 92 f., über seine Übersetzung von Dantes Monarchia s. Grauert in HPBII. CXX, 647.
  151. [262] 151) Res Germ. 39, 80, 94. Anfänge dieser Anschauung schon früher: Wimpfeling, Epitome c. 1: Germani quinque constant generibus, Vindelicis, quorum pars Burgundiones, non hi, qui Gallias obtinent seu apud Eduos et Ararin fluvium sedes habent, qui Germanorum coloni in ritus moresque Gallicos deformati sunt.
  152. [262] 152) Vorrede zu den Castigationes in Plinium: Enimvero tametsi quidam ex his minus sint depravati, quidam magis, errat tamen vehementer, qui ullum eius sinceritatis esse censet, ut emendationis non egeat. (Bfwechsel 357.) – Tacitusausgabe von 1533, Vorrede zu Annales XI ff., S. 129: Creditum est hactenus inter monumenta autorum, quae posteritati sors non invidit, vix quicquam superesse, quod minus sit librariorum inscitia corruptum quam P. Cornelii Taciti fragmenta annalium. In qua ego quoque semper opinione fui. Verum cum proximis mensibus flagitante compatre meo Hieronymo Frobenio vulgatam editionem conferre coepissem cum exemplari manuscripto sed recentiore, quod superioribus [263] diebus mihi dono miserat summus amicus Jacobus Spiegellius iureconsultus atque Ferdinandi Caesaris a secretis et a consilio, Matthiae Corvini illius Hungariae quondam regis sumptu descriptum olim in Italia, comperi idem propemodum Tacito accidisse, quod scriptoribus caeteris.
  153. [263] 153) Davon handelt Horawitz i. d. SBWA LXXI, 682 ff. und LXXII, 353 ff. Zu der Emendation von Ammian XVIII, 2, 15 s. CIL XIII, II, 2254.
  154. [263] 154) Res Germ. 29: Quamquam non est nostri instituti gentes ipsas describere, nam haec notitia ex Caesare, Strabone, Mela, Ptolemaeo, Plinio hiatoricisque comparanda, tamen hic, quando de Francis dicendum, committere non potui, quin de origine nobilissimae gentis longe compertiora traderem, quam a quoquam in hunc usque diem prodita sciam.
  155. [263] 155) Decades Lib. I: Orosius alium in finem, quam ut bella referret, scribens, ea sibi tum (sc. de progessu Alarici in Italiam) cognita, quo ordine sint gesta, diffusius narrare neglexit.
  156. [263] 156) Res Germ. 61: Utinam vero nobis absolvisset Attilae bellum Sidonius, quod inchoarat scribere. Potuisset enim exacte omnia tradere, multarum rerum non tantum auritus, sed etiam oculatus testis. – Rhenanus gibt auch zweimal (S. 58 und 100) eine kurze Biographie des Sidonius, um ihn als nahen Beobachter der berichteten Vorgänge zu zeigen. Er findet seine Darstellung höchst plastisch („graphice“, ein Lieblingswort der Zeit), stellt aber S. 53 seine Gedichte über die Briefe. – Eine Einschränkung der Glaubwürdigkeit der poeticae laudes Claudians im Tacitus 428.
  157. [263] 156a) S. die Überschriften: Status Germaniae veteris ante Julium Caesarem; Status Alemanniae post victoriam apud Tolbiacum; Status Galliarum et Germaniarum sub Francis regibus et imperatoribus; Status Germaniae sub Imperatoribus Saxonibus et iis, qui hos insecuti sunt.
  158. [263] 156 b) S. die Vorrede auch im Bfwechsel 411 ff. Benutzt ist die des Alciat die auch im Tacitus von 1533 wieder abgedruckt ist (S. 492 ff.). Der Vergleich ist interessant.
  159. [263] 157) Res Germ. 61 f.: Quod si Franci praescissent statim se Galliarum aliquot provinciarum dominos futuros, mitius cum Germania secunda et Belgica prima fuisset actum. Et starent adhuc eximia Romanorum in provinciis opera, quorum hodie ne tantillum quidem superest, quando omnia a fundamentis eversa sunt a Francis Alemannis, reditum Romanorum metuentibus, quod ante erant saepe experti. – S. 111: Sermo, quo peculiariter Gallia fuit usa, priusquam in provinciae formam redigeretur a Romanis, prorsus putatur abolitus. Non secus suam amisere et Hispaniae. O miram Romanorum dexteritatem et indicibilem felicitatem. Et non miretur quis eripi potuisse Romanis provincias, quae non minus Romanae erant quam ipsa Roma. Sed habent regna suas periodos. – Tacitus von 1533 S. 429: Poterunt Romani, qui, ceu Iustinus scribit, finitimis populis armis subiectis primum Italiae, mox orbis imperium quaesivere, et hactenus esse nobis exemplo Turcae.
  160. [263] 158) Res Germ. 41: Alemanni inter Moenum amnem, Danubium, Rhenum et fontem Danubii sive limitem, qui Rhetiam ac Germaniam dividit, novas sedes fixerunt. . . quod tum pauciores incolas haberet is tractus et commodior esset illinc ad Rhaetiam primam, hinc ad Maximam Sequanorum et Primam Germaniam incursandam, opulentissimas provincias, quod unum spectabant Alemanni; vgl. 150 (Alemanni sola praedandi causa), 36, 55 (Odoacrum Saxonem insignem [264] piratam fuisse conicio), 61: Deinde post Attilam in interiorem Galliam digressum, quicquid supererat, quod ille non perdidisset, in proximis Rheno provinciis Franci et Alemanni Hunnum statim subsecuti prorsus everterunt. Nihilominus tota vastatio populatori Attilae ascribitur. – S. auch Tacitus von 1533 S. 430: Germani non tam propulsantes pericula Romanis impugnantibus, quam praedarum dulcedine provincias Romanas incursantes. – Vorrede zum Procop (Bfwechsel 402): Non quod probem (ut ingenue fatear) urbium incendia, direptiones, eversiones agrorumque devastationes, sine quibus hoc genus victoriae non contingunt: quis enim cordatus huiusmodi insanias non detestetur? sed quia vulgo commendari ista scimus, unde nobilitas omnis petatur.
  161. [264] 158 a) Tacitus l. c. 423.
  162. [264] 159) Res Germ. 39: Isti vero barbari nobilissimum in Gallia regnum constituerunt, quae perpetua Germanorum laus est, multisque saeculis tenuerunt, donec paulatim absorberentur. At inter Gallos hodie, ut quisque procerum plus Francici sanguinis a maioribus suis habet, ita regno fit propior. Et durat adhuc durabitque inclitum Francorum nomen. Quem enim pudeat a tam strenua gente duxisse originem? Certe Romanos minus de sui initio gloriari licet.
  163. [264] 160) Res Germ. 80: Inter mimos Publianos nobilis versus extat: Ab alio expectes, alteri quod feceris, qua sententia nihil verius. Fit autem plerumque, ut quod aliis intulimus, ipsi perferre etiam cogamur. Germani Romanorum provincias vicinas perpetuis incursionibus exhauserunt, deinde totas occuparunt. – Interim supervenere, qui Germaniam ipsam miseris modis vexarent et in fertilissimis regionibus domicilium figerent, nunquam excutiendi, nempe Sclavini...
  164. [264] 160 a) S. seine Erörterung über die Erwerbung „Arelats“ durch Heinrich I. Res Germ. 95 dazu 98. Horawitz 332 bemerkt, daß dies unhistorisch sei. Es liegt aber, wie die von Rhenanus genannten Städte zeigen, eine getrübte Erinnerung an die lothringischen Händel zugrunde.
  165. [264] 161) Res Germ. 96 und 98.
  166. [264] 162) Res Germ. 86: Rudiores enim erant (Germani), quam qui nova doctrina caperentur aut a deliriis avocari possent. Vgl. 118: Soli Germani et pertinaciuscule quidem Alemanni in paganismo perstabant.
  167. [264] 163) S. den Tacitus von 1533 Bl. aa 4 (er möchte eine Tacituserwähnung bei Jordanes retten, trotzdem dieser Autor propter infelicitatem illorum temporum als parum idoneus testis erscheint). Ebenso Res Germ. 29 über Gregor von Tours.
  168. [264] 164) Briefwechsel 324: Conduxerat olim, ut videtur, Cassiodorus senator in suo infelici saeculo, quando cum Romano imperio optimis simul litteris profligatis barbaries apud Italos non solum in Palatio, sed etiam in scholis regnare coepit.
  169. [264] 165) Bfwechsel 355: Widmung des Plinius an Johannes von Lasco.
  170. [264] 166) Res Germ. 12: Alsae et Alsatiae vocabula rudi saeculo Francorum regum debemus, quorum domestici scribae et ab epistolis homines Gallici quidvis quolibet vocabulo nominabant, modo latinam formam imitaretur. – 62 (Austrasia) quod vocabulum Gallicani scribae effinxerunt, cum a Francis ipsis dubio procul Ostrich vocaretur. – Tacitus v. 1533 S. 428: Sic etiam restituenda sunt illa locorum nomina, quorum fit in lege Salica mentio circa principium, ubi mendose scriptum est a librariis Gallicis.
  171. [264] 167) Res Germ. 160: Commentarii mediae antiquitatis hominum plerumque [265] monachorum non minus ineptiunt quam vulgus ipsum, a quo magna ex parte haustum est, quod adventicii ab adventiciis edocti post tantas rerum ac populorum mutationes in litteras utcunque rettulerunt. Hi fuerunt Scoti et Hiberni. Vgl. 162 und oben Anm. 109.
  172. [265] 168) Zusammenstellung der Berosusdiskussion bei Horawitz 346 ff. Dazu noch Res Germ. 40: Non nego tamen doctum fuisse, qui nobis Berosum effinxit, quisquis fuit, nam ita rem temperavit, ut non cuivis impostura statim suboleat.
  173. [265] 169) Res Germ. 138: Neque enim qui vel moenibus cingit oppidum vel ampliat aut aedibus sacris exornat, statim conditor dici meretur.
  174. [265] 170) Widmung an Ferdinand.
  175. [265] 171) Res Germ. 45, 47, 52, 123. Weitere Zusammenstellungen bei Horawitz 355.
  176. [265] 172) S. ferner Andeutung des Unterschieds zwischen Hoch- und Niederdeutsch Res Germ. 112 und den Abschnitt De nominibus propriis veterum Germanorum S. 178. Sehr auffallend ist sein Zurückgreifen auf niederdeutsche Wortformen im Tacituskommentar.
  177. [265] 173) Res Germ. 121; eine Art Erklärung seiner Meinung gibt der Tacituskommentar von 1533 S. 423, wo er findet, daß die Kelten den alten Germanen so ähnlich geschildert wurden, daß sie doch vielleicht auch, wie die Belgen, von den Germanen stammten. Ein Beweis dafür sind ihm auch die Königsnamen und das Wort ambacti. Dagegen hat er Alpen und Alp richtig als keltisch erklärt (Tacitus 427).
  178. [265] 174) Bfwechsel 502 An Matthias Erb 1543 juli 29. Dazu Res Germ. 116 und 180.
  179. [265] 175) Res Germ. 80.
  180. [265] 176) Tacituskommentar von 1533 S. 422: Maiores nostri multa vocabula sunt a Graecis mutuati, ut et nonnulla a Romanis ac ab Hebraeis paucula. Dazu Res Germ. 110: Dictiones quaedam etiam diversissimis populis communes nonnunquam existunt. Unde etiam Hebraicas voces reperies in nostrate sermone.
  181. [265] 177) Res Germ. 56.
  182. [265] 178) Brief an Aventin in Aventins WW. VI, 87.
  183. [265] 179) Res Germ. 33, 114, 124.
  184. [265] 180) Bfwechsel 317, 321, dazu Res Germ. 5.
  185. [265] 181) Horawitz l. c. 362.
  186. [265] 182) Über ihn s. Th. Kolde, Andreas Althamer, der Humanist und Reformator in d. Beitrr. z. bayer. Kirchengeschichte I (auch separat). Das dokumentarische Material meist bei J. A. Ballenstedt, Andreae Althameri Vita. Wolfenbutelae 1740. Ich gebe im folgenden nur Nachweise, wo sie nicht aus Kolde entnommen werden können. Die beiden Ausgaben des Germaniakommentars von 1529 und 1536 (s. u.) zitiere ich als Tacitus I und II.
  187. [265] 183) Widmung zum Tacitus II.
  188. [265] 184) Tacitus II, 34. Er gibt die Inschrift eines Steins in der Mauer = CIL. III, Abt. II, 722 nr. 5870 und sagt dann: Foris per muri gyrum sunt ad ducentos ferme lapides excisi variarum imaginum miri operis et ethnicae antiquitatis indices. Sunt regum, reginarum, virorum, mulierum, centaurorum effigies; avium varia genera, aquilae, pellicani, grues, ciconiae, cygni, struthiones, auritae propendulis et longe patentibus auribus, basilisci, galli, gallinae et aliae mihi prorsus signotae; animalia leones, tauri, cervi, canes venatici, apri, pardi, pantherae, porci, simiae, lepores, hirci, feles, asini; monstra marina sirenes, pisces, cancri, [266] araneae, testudines, praeterea labyrinthi, rosae, lilia, flores, folia et alia multa. Nach römischem Altertum sieht die Beschreibung allerdings nicht aus.
  189. [266] 185) Tacitus II, 72 erwähnt er die Peutingersche Tafel nach persönlichen Mitteilungen Peutingers. S. auch oben Anm. 62 und Tacitus II, 114 und 288.
  190. [266] 186) Klüpfel, Vita Celtis II, 123, Neff, Helius Eobanus Hessus Norimberga illustrata xxxiii. Ein Aufenthalt Münsters in Leipzig ist allerdings bis jetzt nicht bekannt.
  191. [266] 187) Über Stella s. Hirsch in d. SS. rer. Prussicarum IV, 275 ff. Ob wohl der Hermannus, Saxonicus scriptor, den Althamer in Tacitus II wiederholt zitiert, aus Stellas Fälschungen stammt?
  192. [266] 188) Brief Böhms bei Ballenstedt 66: Si quid de his rebus (sc. Suevorum) scribere velis, pagos veteres posthabe et nunc de centum clarissimis Sueviae urbibus aliquid compone. Über Boemus s. w. u. VI117.
  193. [266] 188 a) Vadians Briefwechsel ed. Arbenz II, 340.
  194. [266] 189) Ballenstedt 77: Schumannus nuper mihi stromata ostendebat, adfirmans te velle, typis ab eo excuderentur. Ego tui amore illa ipsa σκώμματα(!) a capite ad calcem usque pervolvebam. Ubi eam pervolveram, placebant mihi, sed cogitabam: ὦ πόπποι, nasutum est nostrum saeculum. Cum Beatus Rhenanus, vir et litteris et moribus beatissimus, σχόλια in Tacitum emiserit, non deerunt, qui Palaeosphyram cornicum oculos configere velle calumniabuntur. . . . Quare adsum, te christiano pectore adhortaturus, illa tua stromata tantisper domi premas, donec criticum illud hominum genus extinguatur.
  195. [266] 190) Ballenstedt 80. Interessant ist, daß die hier angegriffene Stelle über den barritus von Althamer in der Tat zunächst getilgt worden ist, aber im Tacitus II, 74 steht sie wieder.
  196. [266] 191) Ballenstedt 57 und Corp. Reform. I, 629, mit Kolde 62 zu 1521 oder wohl 1522 zu setzen.
  197. [266] 192) Abgedruckt bei Ballenstedt 46 ff.
  198. [266] 193) Daß sie in dem Wolffenbüttler Kodex, jetzt nr. 3128, vorliegen, wie Kolde 6 will, glaube nach den Inhaltsangaben bei Ballenstedt 16 f. und Heinemann, Hss. d. Bibl. zu Wolffenbüttel II, 1, 232 f. nicht. Hier handelt es sich vielmehr um das Werk über Schwaben, das Althamer auch Tacitus II, 282 erwähnt. Wie dann freilich die beabsichtigte Dedikation an Peutinger (Ballenstedt 43) von Miscellis de Germanoram rebus sprechen kann, ist nicht klar.
  199. [266] 194) Titel und Inhalt der Vorrede bei Kolde 113 ff. Das Büchlein scheint selten zu sein, ich kann nur ein unvollständiges Exemplar der Münchner Staatsbibliothek benutzen, doch ist der Text auch im Schardius redivivus I, 1 ff. zugänglich (danach ist Kolde 1252 zu korrigieren).
  200. [266] 195) Erkundigungen für Frankreich bei Ambrosius Leimbach in Halle, für die Donau bei Matthäus Neser in Tübingen, dazu im Tacitus II, 118 über Preußen Nachrichten seines Verwandten Melchior Ziegler, 203 Besuch bei Hieronymus Gebwiler. Eigene Beobachtungen z. B. I, 16 (Hessische Sitten), 28 (Speisen der Sachsen).
  201. [266] 196) S. Tacitus I, 50 und II, 80.
  202. [266] 197) Weitere Bibliographie bei Ballenstedt 25 ff.
  203. [266] 198) Er nennt ihn oft, schreibt ihn aber auch aus, ohne ihn zu nennen z. B. II, 114 (Merkurbild bei Schlettstadt), 182 (Prokop- und Agathiaszitat), 196 Kritik der Hist. Bohemica des Enea Silvio). Selbständiges z. B. über Wohnsitze der Chatten und agri decumates.
  204. [267] 199) S. Tacitus II, 278, wo er die Konjektur des Rhenanus: Vendigni für Reudigni (Germania c. 40) annimmt und dann Wemding im Rieß von ihnen ableitet.
  205. [267] 200) Ein paar Ausnahmen Tacitus I, 9; II, 106, 126.
  206. [267] 201) Tacitus II, 155, 262.
  207. [267] 202) l. c. 239: De hoc (Arminio) elegantissimum dialogum conscripsit Ulrichus Huttenus ex Taciti historia, vgl. 247, 250. Für Aventin die Nachrufe II, 36 und 195. Bruschius nennt Althamer als Freund Aventins [Aventin WW, I, 304].
  208. [267] 203) l. c. 253: Quantum igitur ego ex Taciti scriptis possum colligere, inter Cassulam Hessiae urbem et Padebornam Westfaliae Romanorum strages facta est. Eius orae cultores digito monstrare poterunt saltum Teutoburgiensem et pugnae locum, vicinas denique paludes, quarum sunt multa in Westfalia, si Taciti historiam adhibuerint. Et certe singularum nationum eruditi in hoc incumbere deberent, ut quo loco res memorabiles vel a maioribus nostris vel exteris gestae fuissent, investigarent: ita enim et patriam et historias illustrarent... In Germania maxime inferiore praeclara facinora Romani gesserunt; in Batavis, Frisiis, Chaucis, Bructeris, Cheruscis, Chatthis, inter Rhenum et Albim; hic si eruditi patrias regiones lustrarent, fluviorum ripas veteraque monumenta inspicerent, collegiorum atque coenobiorum bibliothecas excuterent, invenirent haud dubie, quibus ornarent patriam et historias illustrarent.
  209. [267] 204) Tacitus II, 282 f.
  210. [267] 205) Angaben über Viehzucht 91, Bergwerke 94; Feste nach Nächten benannt 125. Die Heldenaufzählung 132, die geistigen Größen 156 f. (s. dazu die Schwaben bei Ballenstedt 17 f.). Die Siedelungen 141 ff. mit der Schlußbemerkung: Ista locorum vocabula in eum usum congessi, ut nostris Germanis darem occasionem, argumentum et indicium singulorum locorum originem et nomenclaturam investigandi addivinandique; hoc enim ad illustrationem Germaniae plurimum conferet.
  211. [267] 206) Tacitus II, 123; vgl. 117 [zu: nec cohibent parietibus deos]: Atque hercle maior in hac re fuit veterum Germanorum pietas quam nostratium, qui immortalis atque invisibilis Dei gloriam ad mortalis hominis similitudinem mutaverunt.
  212. [267] 207) Biographie bei Aschbach, Gesch. d. Wiener Universität III, 204–233. Erhebliche Ergänzungen und Berichtigungen bei Michael Mayr, Wolfgang Lazius als Geschichtschreiber Österreichs 1894 und bei Oberhummer und Wieser, Wolfgang Lazius Karten der österreich. Lande u. d. Königreichs Ungarn aus den Jahren 1545–63. 1906.
  213. [267] 208) Man sehe dafür z. B. die Umwandlung der schon auf Petrarka zurückgehenden und durch Enea Silvios Germania in Deutschland populär gewordenen Excitatio ab inferis in der Praefatio zu den Gentium migrationes: Iam enim si ab inferis vel philosophorum aliquis, eorum, qui continentissimum vitae genus complexi erant, vel doeterum ecclesiae, aut denique martyr aliquis e beatorum loco rediret, nescio sane, quid definiturus foret.
  214. [267] 209) Briefwechsel des Rhenanus nr. 401 und 423; doch ist nach Mayr 7 der Brief nr. 423 zum 30. juli 1545 zu datieren und vor nr. 401 zu setzen, dieser also dann wohl zum 30. Sept. Die am Anfang von nr. 423 erwähnte explicatio thesauri Dacici steht, wie sich aus Mayr 57 ergibt, in clm. 9216 f. 11–14. Die [268] andern bei Mayr 75 aus cod. vindob. 8457 angeführten Bruchstücke der Korrespondenz zwischen Rhenanus und Lazius werden doch wohl in denselben Zusammenhang und nicht, wie Chmel wollte, zu 1538 gehören.
  215. [268] 210) Praefatio zur Vienna: Nos in commentariis his aperta usi sumus dictione, oratione vero ab annalium instituto haud diversa. Viennae quoque, non Austriae scribimus historiam; atque in ea non perpetuo et pleno incedimus dicendi genere (quod in commentariis rerum Austriacarum facimus), sed per capita divisam, authorum locis insertis et lectione et fide dignam facimus: imitati in hoc Beatum Rhenanum praeceptorem nostrum, qui in rerum Germanicarum commentariis idem prior fecit, sed felicius et grata magis dictione. Horawitz in ADB. XVIII, 89 ff. faßt das falsch auf, Mayr l. c. 4 scheint mir die Worte falsch zu beziehen; übrigens sind, soweit Mayrs Mitteilungen ein Urteil gestatten, auch die Commentarii rerum Austriacarum im „Annalenstil“ verfaßt.
  216. [268] 211) S. die umfänglichen Titel beider Werke, die zugleich Inhaltsangabe sind, bei Aschbach l. c. 2241 und 2271.
  217. [268] 212) Über das Verhältnis beider Werke sagt die Praefatio der Gentium migrationes (Ausgabe von 1557) S. 4: Istic (in der Res publica Romana) quae a Romanis in provinciis secus Istrum et Rhenum virtute conquisitis (quas nunc Austriades tenent) gesta atque constituta, apud ceteras gentes celebria et apud posteritatem memorabilia fuere, prosecuti sumus . . Superest nunc adeo, ut quando Romanos ex illis barbarae gentes et ex his praecipue Teutonici expulerunt, nova constituta rerum administratione, vel saltem cum Romanis confusa moribus, Gallograeci Celtae, Taurisci, Carni, Boii, Senones, Suevi, Marcomanni, Quadi, Vandili, Gothi, Gepides, Heruli, Burgundiones et Langobardi, eorum etiam populorum doceamus.
  218. [268] 213) Gentium migr. 449: Hos [sc. Romanos] secuti Franci, ut in ceteris omnibus, . . . provincias atque regiones pagos appellarunt.
  219. [268] 214) Gentium migr. 625 (zu Tacitus, Germania 12 u. 13): Videmus in publicis comitiis Imperii, quam interdum cunctentur, qui convenire debent, videmus, quam suadendo magis quam iubendo, qui ceteris praesunt, inducere ad conclusa cogantur . . . Manserunt et comites, qui districtus certos gubernabant, quos gentilicia lingua gravios, marchgravios, landgravios et landvogtos appellabant, centenarii legibus Salicis dicti. Nostro saeculo officium in dignitatem transiit et quod olim nutu principis mutabatur, factum est postea hereditarium. Hinc tot landgravii in Germania, tot marchgravii, tot pfalzgravii et tot denique landvogti, qui solo [soli?] adhuc mutantur. Vgl. dazu die Verteidigung der Monarchie unter einheitlicher Regierung bei Mayr 47 (Einfluß Cuspinians? S. dessen Caesares, Vorrede).
  220. [268] 215) S. o. Anm. 212. Über die Völker, von denen nach seiner Meinung eigentlich oder vorzugsweise die Österreicher abstammen, hat sich Lazius nicht immer gleichmäßig in den Gentium migrationes ausgesprochen, z B. 455: Austriaci nos a Suevis descendimus, aber 673: effigies posteritatis omnium conditionum ex Francis, Boiis, Suevis et Marcomannis conflatae, s. a. S. 627 ff.
  221. [268] 216) l. c. 57 und 76.
  222. [268] 217) l. c. 472.
  223. [268] 218) S. die Zusammenstellung bei Raumer, Gesch. d. germ. Philol. 27.
  224. [268] 218a) S. Fischarts Werke ed. Hauffen I, LXV ff. Daselbst ein Faksimile der hslichen Übersetzung Fischarts aus Lazius. Die Autorschaft der Eikones scheint allerdings strittig zu sein, s. F. Gotthelf, Das dte. Altertum in den Anschauungen des 16. u. 17. Jhdts. 28.
  225. [269] 219) Charakteristisch für seine Art ist auch, wie er 453 die lex Ripuaria für die Alemanni Francis tributarii verwertet und 474 Ansibarii [= Ampsivarii] in die Suevenwanderung hineinbringt.
  226. [269] 220) S. Mommsen in CIL III, I, 479 und Mayr l. c. 47 f.
  227. [269] 221) l. c. 642 Non displicet mihi Beati Rhenani, doctissimi viri, coniectura in Commentariis rerum Germanicarum asserentis, Austriacos Styriosque Marcomanorum esse posteritatem.
  228. [269] 222) l. c. 353 antiquus Annalium liber, 680 codex pervetustus Annalium; an anderen Stellen heißt der Verfasser poetaster ille Gothicus.
  229. [269] 223) S. z. B. Sachs. Weltchronik ed. Weiland (M. G. Dte. Chr. II, 135, 1).
  230. [269] 224) Nach Mayr l. c. 92 muß Lazius mindestens schon seit 1551 an den Gentium migrationes gearbeitet haben, Aventins Annalen erschienen aber erst 1554 im Druck.
  231. [269] 225) Vgl. Mayr l. c. 175, dazu 63 und 80.