Glossen (Fackel 301–302)
Die Neue Freie Presse, die heute noch der Meinung ist, daß sie mit einer Zudringlichkeit, Einbildung und Blödheit aus den Achtziger Jahren in der Welt Aufhebens machen kann, füllte kürzlich vier Seiten ihres Sonntagsblattes mit der Schilderung, wie der König von Bulgarien den Siegmund Münz interviewt hat. Dieses Gespräch zwischen S. M. und S. Mz., in welchem nichts anderes enthalten war, als daß Herrn Münz Sophia moderner, aber Konstantinopel dafür altertümlicher vorkommt, erinnert dennoch vielfach an das bekannte Interview, das der Marquis Posa mit dem König Philipp hatte, nur mit dem Unterschied, daß Münz die liberalen Hoffnungen, die Posa an die Unterredung knüpft, um dann leider enttäuscht zu werden, im König Ferdinand schon erfüllt vorfindet, ohne daß er ihn erst zu den Idealen der bürgerlichen Weltordnung bekehren müßte. Im Gegenteil sagte der König sofort: »Ich habe den Tod Ihres Kollegen Schütz sehr bedauert.« Sonst aber hätte sich das Gespräch ganz so abgespielt, wie seinerzeit, und wie es zwischen einem Weltbürger und einem Potentaten seit jeher [48] üblich ist, wenn nicht der König von Spanien sich damals hauptsächlich über die wichtige Frage der Gedankenfreiheit hätte ausholen lassen und die Aufforderung: »Drängt euch zu meinem Sohn, erforscht das Herz der Königin«, erst ganz zum Schluß an den Besucher gerichtet hätte, während Herr Münz sofort dem Familiendiner zugezogen wurde und kaum in Sophia angekommen, auch schon hinter der Königin und dem Kronprinzen Boris her war. Eine gewisse Parallele ergibt sich nun wieder insofern, als der Marquis Posa erklärte, er sei soeben aus Flandern und Brabant angekommen und auf verbrannte menschliche Gebeine gestoßen, während der Münz aus Leipnik kommt, aber immer wieder versichert, er komme aus Konstantinopel, und er vermisse in Sophia die pittoresken Spuren der Vergangenheit, überhaupt sei hier alles so kultiviert, daß er den Eindruck habe, »in einer neuungarischen Provinzstadt zu sein, so wenig orientalisch finde er die Stadt«. Ein kräftiges, ein großes Volk, meint Herr Münz, und auch ein gutes Volk, alles was man will, und so viele reiche, blühende Provinzen, aber – »ich habe, Majestät, auf dem Wege hieher nach Sophia sehr wenige Schlote gesehen. Die Industrie scheint in Bulgarien noch nicht viel entwickelter zu sein als in der Türkei«. Fürwahr, eine freie Sprache. Münz kann nicht Fürstendiener sein. Der König »fixiert sein Gegenüber«; ganz wie jener andere, der den Marquis bald mit einem Blick der Verwunderung, bald mit Erstaunen, mit Erwartung, mit Überraschung betrachtet. Aber Münz braucht seinen König nicht mehr zu erziehen. »Ich hatte«, bekennt er, »in dem König einen Mann von Temperament und Selbstbewußtsein vor mir, und ich müßte ihn so einschätzen, auch wenn er nicht König wäre. Es ist doch selbstverständlich, daß es einem Publizisten, der auf seine Reputation hält und dem jede höfische Gesinnung fern ist, schlecht anstünde, sich unter dem Eindrucke einer freundlichen Aufnahme von dem Glanz einer Krone dermaßen blenden zu lassen, daß er ihren Träger in einer die Öffentlichkeit irreführenden Weise überschätzen wollte. Hie die Majestät des Königs – hie die vollste Unabhängigkeit des Publizisten!« Hi hi! Der Münz kann also nicht Fürstendiener sein! Da kann man eben nichts machen. (Der König ist bewegt.) Nach aufgehobener Tafel möchte Münz am liebsten sagen: »Mein Herz ist voll – der Reiz zu mächtig, vor dem Einzigen zu stehen, dem [49] ich es öffnen möchte.« Da wird er aber vom König ins Gespräch gezogen. Und hier erst zeigt sich der ganze Unterschied zwischen Posa und Münz, zwischen der Enttäuschung, die jener, und der Befriedigung, die dieser empfinden mußte. Denn während Posa den König Philipp erst allmählich dahinbringen will, Bürgerglück versöhnt mit Fürstengröße wandeln zu lassen, bemerkt Münz zu seiner angenehmen Überraschung, daß der König von Bulgarien – was Bürgerkönig! – Bauernkönig ist, daß er den gesunden Kern mit der harten Schale vom ersten Tage an erfaßt hat, sich politisch ganz demokratisiert und dieser rauhen bulgarischen Volksseele sich hingegeben hat. Den Stock braucht er nur, weil er sich in diesem Klima auch die Gicht geholt hat, höchstens noch, um etwa ein Ende zu machen, wenn ein Interview zu lange dauern sollte, aber ganz gewiß nicht zu absolutistischen Zwecken. Übrigens scheint er den größten Wert auf die Anwesenheit des Münz zu legen, und dieser ist gar nicht imstande, alle Fragen, die von der Königsfamilie auf ihn einstürmen, zu beantworten. Wie ein wieder- gefundener Sohn wird Münz umringt, denn wenn er auch bei allen anderen Potentaten Europas wie's Kind im Herrscherhaus ist, so scheint sich hier eine ganz besondere Teilnahme seinen Bestrebungen zuzuwenden. »Wie hat es Ihnen in Konstantinopel gefallen?« beginnt der König, »Was waren Ihre Eindrücke?« … Es gefällt Ihnen nicht alles in Konstantinopel?« … »Und welchen Eindruck machten Ihnen die Truppen?« (Auf diese Frage versichert Münz, er sei kein Soldat, aber die Truppen hätten sein ästhetisches Wohlgefallen hervorgerufen.) Da will wieder die Königin wissen: »Und welchen Eindruck macht Ihnen Konstantinopel?« (Auch ihre Frage beantwortet Münz sehr entgegenkommend und ausführlich, wobei er versichert, daß er ein moderner Kulturmensch sei.) Da aber fragt der König: »Haben Sie den Sultan gesehen?« … »Und welchen Eindruck machte Ihnen der Sultan?« (»Ich habe«, antwortet Münz, »von seinen müden Gesichtszügen eine lange Leidensgeschichte abgelesen«) … »Und welche Eindrücke hatten Sie sonst in Konstantinopel? Haben Sie viele Menschen gesehen, die Minister, die Deputierten?« (»Ich habe«, antwortet Münz, der schon ein wenig ungeduldig wird, sichtlich knapp, aber taktvoll, »so viele Menschen sehen müssen, daß mir leider wenig Zeit für die Dinge blieb«). Die unausgesprochene Frage [50] des Kronprinzen Boris: Und haben sie nicht den kleinen Kohn gesehn? – offenbar meinte der Kronprinz den Konstantinopler Korrespondenten der Neuen Freien Presse – diese Frage beantwortet Münz wieder mit einer Frage, mit der er sichtlich von der Politik abschweifen will. Nämlich ob der Kronprinz, als er in Bayreuth war, nicht durch die überlange Dauer der Vorstellungen ermüdet worden sei. »Durchaus nicht«, sagte der Kronprinz, der sich im Gegenteil durch seinen Besuch in Bayreuth für den Besuch des Münz in Sophia trainiert hat. Und die Königin will das Gespräch beenden, indem sie, offenbar ganz unter dem Eindruck der Persönlichkeit, nachdenklich vor sich hin die Erkenntnis murmelt: »Ja, der Orient hat seinen Zauber«. Herr Münz wehrt bescheiden ab und sagt: »Majestät haben den Orient auch in seinen rauhesten Schrecken kennen gelernt«, führt aber, da die Königin eben höflich oh oh! sagen will, seine Meinung aus: »Majestät sind als Samaritanerin durch die Mandschurei gezogen«. Worauf wieder die Königin bescheiden abwehrt und das Wahrwort findet: »Der Mensch hat Pflichten, an welcher Stelle immer er steht.« Das Mißverständnis war also aufgeklärt, Herr Münz hatte die Mandschurei und die Königin hatte die Neue Freie Presse gemeint, und die Unterhaltung spann sich gemütlich weiter. Wie nahe Münz der bulgarischen Königsfamilie steht, geht daraus hervor, daß er »in der Lage war, dem König zu sagen«, er habe vor Jahren »eine angenehme Woche bei Freunden in Schloß Ketschendorf bei Koburg zugebracht und kenne auch die Gruft, in der des Königs Eltern ruhen«. Worauf der Kronprinz ihm beim Dessert ein Bonbon mit dem Bilde seiner beiden Schwestern zuschob und ihn »bat, es zur Erinnerung mitzunehmen«. Die Schilderung, die Herr Münz von der Hoftafel entwirft, stimmt durchaus zu dem Typus eines Königs, der sich schon ganz demokratisiert hat. »Die Tafel ist reich mit Blumen bedeckt. Manches alte Sévres fällt uns auf … Der König, der in alles eingreift …« Kein Wunder, daß er auch den gesunden Kern mit der harten Schale erfaßt. Die Speisesitten des Herrn Münz werden in dieser Schilderung als bekannt vorausgesetzt, denn sonst wäre es unbegreiflich, daß der König, dem die Neue Freie Presse den ausführlichen Bericht doch jedenfalls verdankt, diesen Punkt nicht berührt hat. Freilich fiele es aus dem Stil einer solchen Begegnung, die sich durchaus [51] in den feinsten welthistorischen Formen abspielt. Schon beim Eintritt des Münz war es dem König klar: Anders als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesem Kopf die Welt. Münz bewundert die Porträts von des Königs Eltern, die Herr v. Angeli gemalt hat: da hört man deutlich, wie der König die Worte »Sonderbarer Schwärmer!« unterdrückt. Münz beteuert, er habe »in ganz Konstantinopel kein Pflaster gesehen wie in Sophia«. Der König (beiseite): Bei Gott, er greift in meine Seele! Die Bulgaren »müssen mit der Natur ringen«, sagt Herr Posa; und »man sieht überall eine Bauwut«. »Dem Undank haben sie gebaut«, meint Marquis Münz, »umsonst den harten Kampf mit der Natur gerungen.« Da aber jener nicht aufhört, den König über den Unterschied von Sophia und Konstantinopel aufzuklären, möchte man den König bitten, jetzt doch endlich auch das Zitat zu bringen: »Nichts mehr von diesem Inhalt, junger Mann!« Nur eine Äußerung hat der König bestimmt nicht getan: als nämlich Herr Münz beherzt sagte, er vermisse die Industrie in Sophia, und tollkühn das Offert einer österreichischen Anleihe machte, da hat der König sicher nicht mit den Worten abgeschnitten: Ihr seid ein Protestant! Denn sonst hätte Herr Münz wahrscheinlich antworten müssen: Ihr Glaube, Sire, ist nicht der meinige! Dagegen sprach der König davon, daß es »ihm, dem Fremden« in Bulgarien nicht leicht geworden sei, während wieder bei Schiller die Anspielung auf den »gekrönten Fremdling« in der späteren Ausgabe gestrichen ist. Abweichungen da und dort. Unausgesprochen blieb auf Seite des Herrn Münz der Gedanke: Lassen Sie mich, wie ich bin. Was wär’ ich Ihnen, Sire, wenn Sie auch mich bestächen? Dagegen liegt einem Spezialtelegramm aus Sophia zufolge eine Äußerung vor, mit der der König diese denkwürdige Unterredung abgeschlossen hat. Der Hofmarschall Draganow trat herein und der König rief: »Der Schmock wird künftig unter keinen Umständen, hören Sie Draganow, weder gemeldet noch ungemeldet vorgelassen!«
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Es wäre nachzutragen, daß man von einem Osterei der Neuen Freien Presse, wenn es schon über achtzig Jahre alt ist, nicht mehr die volle Frische verlangen kann. Aber man macht dem alten
[52] Juristen Josef Unger keinen Vorwurf daraus, daß er in sein Notizbuch alles Mögliche einträgt; man nimmt es ihm nicht einmal übel, daß er es gedruckt haben will; man empfindet es nur als eine unerhörte Behelligung, daß die Neue Freie Presse unter dem provokanten Titel »Aphorismen und kein Ende« und mit dem provokanten Motto: »Quousque tandem?« diese Geschwätzigkeit bietet, die von dem Schein der Altersweisheit lebt und in Wahrheit selbst den Glauben an eine geistige Vergangenheit beirrt. Es gehört zu den stärksten Infamien, deren diese abgetakelte Meinungshure fähig ist, sich zur Dekoration ihres Rufs mit Greisen zu umgeben, deren hemmungsloses Unvermögen öffentlich bloßzustellen und das Andenken an deren Blütezeit bei jenen zu kompromittieren, die sich bei solchem Schauspiel nicht vorstellen können, daß es je anders war. Die geistige Schändung eines Greises sollte schwerer gestraft werden, als die leibliche Kinderschändung. Man hat den maẞlos widerwärtigen Eindruck, daß ein reklamesüchtiger Zahnarzt auf der Straße einen Mann zusammengeklaubt hat, der nicht mehr gehen kann, und dem er den Mund aufreißt, um den versammelten Passanten zuzurufen: »Und Zähne hat er auch keine mehr! Meine Adresse ist Fichtegasse Nr. 11.« Es gibt eine Altersgrenze für Professoren. Aber wir haben die bösen Zeiten des Aphoristikers Gersuny mitmachen müssen, und wenn einer aufgehört hat, Zivilprozeß vor- zutragen, was er schließlich ganz gut »bis in hundert Jahr’« tun könnte, darf er in vollster geistiger und körperlicher Frische Aphorismen schreiben. Der alte Unger trägt in sein Notizbuch ein, was ihm heute und andern Denkern schon zur Zeit des Bürgerministeriums durch den Kopf gegangen ist, und er wird nicht verhindert, es uns noch zu zeigen. So erfahren wir:
Als ich meine Demission als Minister erhielt und das Haus vor dem Schottentor verließ, summte ich das Raimund’sche Couplet (mit einer kleinen Variante) vor mich hin:
So leb’ denn wohl,
Du Bretterhaus!
Ich zieh’ vergnügt
Aus dir hinaus.
Es ist sehr zuvorkommend, daß er in Klammern »mit einer kleinen Variante« hinzufügt, man hätte die feine Pointe sonst nicht gemerkt. Unger hat aber auch tiefere Gedanken. So notiert er zum Beispiel:
[53] Aber warum nicht auch »Panta rhei«? Neuer als solche Gedanken ist nun dieser:
Nicht übel. Und gewiß kann auch ein Zitat mein eigener Gedanke sein. Aber in welchem Zusammenhang soll uns die Berufung des alten Unger auf die Thekla irgend etwas bedeuten? Und was fangen wir gar mit dem Satz an:
Dann freilich :
In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,
Still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis.
Auch das ist ein Aphorismus von Unger. Das ist nun schon eher möglich, weil es beziehungsvoller ist. Wenn man aber anderseits bedenkt, daß das persönlichste Erlebnis des Greises erst nachfolgt? Daß die Neue Freie Presse ihn aus dem Hafen mit Gewalt wieder hinaustreibt und allen Gefahren wieder preisgibt?
schließt Herr Unger. Aber diese Art ist wohl die schrecklichste. Und nicht genug an dem. Kaum, daß der alte Mann endlich doch Ruhe hat und Ruhe gibt, zerrt ihn die Neue Freie Presse noch einmal ins Boot, um ihn dann ins Wasser zu stoßen. Wie das? Nun, Aphorismen und kein Ende hieß es, das Leben ist lang, es währet siebenzig Jahr, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahr, und dann kommen erst die Aphorismen, unter denen sich aber auffallenderweise dieser Satz aus Psalm neunzig nicht befindet. Aphorismen und kein Ende! Nun ja, aber wenn die Osterfeiertage vorüber sind, ist doch alles vergessen, Sonntag und Montag wird der Skandal besprochen, aber am Dienstag, wenn wir wieder an die Arbeit gehen, gehört das Feuilleton der Neuen Freien Presse der Jugend, der lieben lachenden Jugend, dem sprossenden Nachwuchs, der lenzelichen Lust, mit einem Worte dem Zifferer! Da – Blendwerk der Hölle! – was ist das? Welch aberwitzige Vision narrt mich hier? Ein Alpdruck, fünfspaltig: »Aphorismen und kein Ende«. Noch kein Ende? Eine Fortsetzung? Es gibt da noch eine Fortsetzung? Und wieder das Motto »Quousque tandem!« Fiebernd überfliegt mein Blick die Spalten, und ich lese:
[54] und alles, alles wieder – »So leb’ denn wohl« und »media in vita« und »En amour« und der Jüngling schifft wieder in den Ozean und wieder fehlt »panta rhei«! Warum fehlt »panta rhei«?! Ist es ein Alpdruck oder ein Wiederdruck des Alps? Warum hat man dann um Gotteswillen »panta rhei« vergessen! Was ist überhaupt geschehen? … Da finde ich zwischen dem Titel »Aphorismen und kein Ende« und dem Motto »Quousque tandem« den folgenden Passus:
(Infolge eines technischen Versehens in der Osternummer unvoll- ständig abgedruckt und deshalb hier wiederholt. Anmerkung der Redaktion.)
Ah! Also doch »panta rhei« vergessen! Da heißt es suchen … Aber nicht dieser, sondern drei andere Gedanken sind nachgetragen. Nun entsteht die bange Frage, warum man diese drei Gedan- ken nicht besonders nachtragen konnte, sondern, um sie zu bringen, die vierzig wiederholen mußte. Nein, ich glaube nicht an dieses Motiv. Die Wiederholung der Untat muß ein anderes haben. Und sie hat es! Sie hat es in einem kleinen Schreibfehler des Verfassers, der wirklich nicht besonders richtiggestellt werden konnte. Nicht weil er zu geringfügig, aber weil er für die Struktur liberaler Gehirne zu bezeichnend ist. Die Einschaltung der fehlenden drei Aphorismen ist nur ein dummer Vorwand des vollständigen Wieder- abdrucks; dieser mußte der Berichtigung eines einzigen Wortes vorgezogen werden. Denn das Wort lautet: »Dreyfus«.
Sokrates fiel als ein Opfer fanatischer Priester … und egoistischer Agrarier (Salomon Dreyfus, Orpheus, Histoire générale de Religions) – was alles fällt nicht heutzutage diesen Mächten zum Opfer!
In der neuen Fassung aber lautet der Satz:
Sokrates fiel … … (Salomon Reinach, Orpheus etc.) … …
Bei Salomon Reinach hatte der alte Unger selbstverständlich an den Bruder Josef gedacht und bei Josef Reinach selbstverständlich an Dreyfus … Nun finde ich aber, daß es dem Greisenalter durchaus ziemt, solchen Assoziationen ausgesetzt zu sein. Es ist menschlich, ja es ist in dem vorliegenden Fall, wo es sich um Dreyfus handelt, sogar human. Was aber dem Greisenalter nicht ansteht, ist: den Irrtum wieder gutzumachen und damit eine Treffsicherheit des Denkens anzusprechen, zu welcher es nicht fähig ist. Und ein schimpfliches Verhalten der Umgebung eines alten Mannes ist es, ihn dazu zu animieren und seine Schwäche ein zweitesmal sich [55] produzieren zu lassen. Das erstemal hat ihn die Neue Freie Presse geschändet, dann aber hat sie ihm nicht gewehrt, als ihm die Sache Spaß zu machen anfing. En amour trop n’est pas assez. Wenn man nun ein solches Schauspiel ablehnt, so kommt man bei der Dummheit leicht in den Verdacht der Respektlosigkeit. Denn die Dummheit sieht nicht, daß man dem Alter den höchsten Respekt erweist, wenn man die respektlose Hand der Hure schlägt, die auf offenem Markt die Hülle von seiner Scham gehoben hat.
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»Zum Faktum Taussig noch eine Frage. Wie hoch schätzen Sie den Betrag, den Popper durch die Machinationen an der Firma Taussig eingesteckt oder sich widerrechtlich angeeignet hat?« »Meinen Sie durch das Abreißen der Zettel?« »Ja, und auch durch andere Manipulationen.« »Wir haben ja von anderen Manipulationen nichts gehört?« »Ich werde sie schon bekanntgeben. Hat nicht Popper bei der Taussigware auch Indigopreise angerechnet?« »Nein, davon ist mir nichts bekannt.« »Wurde nicht Partieware von Kohn & Nußbaum, die Popper zurückgenommen hat, unter die Waren von Taussig hineingemischt?« »Ja, es wurde von Kohn & Nußbaum zurückgenommene Ware an Taussig anstatt Popperware geliefert.« »War es nicht abgepofelte minderwertige Ware?« »Es war Retourware.« »Ist Ihnen was bekannt, daß Ornstein den kaiserlichen Rat Popper mit Prügel bedroht hat?«
Dieses Milieu, das einem blinden Griff des Staatsanwalts zehn Schwurgerichtssessionen mit Betrug füllen könnte, hat sich kürzlich an die Schwelle der Justiz gewagt, um seine Ehrensorgen auszutragen. Nie ist das Pathos der Gerechtigkeit besser verhöhnt, und nie der antisemitische Ruf dieser Stadt wirksamer dementiert worden. Die Neue Freie Presse hatte dennoch einige Bedenken, ihre Abonnenten im Gerichtssaal in der Sprache sprechen zu lassen, die sie gewohnt sind, und machte den Dolmetsch für die Kultur. So entstand, zumal bei der Aussage des Zeugen Meschulem Pilpel, ein gewisser Widerspruch zwischen der Ethik, die im Gerichtssaal vertreten, und der Sprache, in welche sie nachträglich gekleidet wurde. Die Neue Freie Presse bedachte nicht, daß sie jene Ethik dadurch erst preisgab. Es war umso unehrlicher, als die Zeugen im Prozeß Popper im Gerichtssaal genau so sprachen, wie sie es nach langjähriger Lektüre der Neuen Freien Presse gewohnt sind, und von dieser nunmehr gezwungen
[56] wurden, ein outriertes Hochdeutsch anzunehmen, das sie sich eigens für den Zweck erfunden hatte. Ein anderes Blatt war gewissenhafter. Man vergleiche:
| Neues Wiener Tagblatt: | Neue Freie Presse: |
| Präs.: Kennen Sie Herrn kaiserlichen Rat Popper? Zeuge: Ich bin in geschäftliche Verbindung mit ihm getreten und habe Ware gekauft bei ihm voriges Jahr. Präs. Haben Sie Kredit beansprucht und ist er Ihnen gewährt worden? Zeuge: Natürlich. Präs. Haben Sie nicht auch Bankkredit beansprucht? Zeuge: Möglich, daß davon gesprochen worden ist. Mir scheint, mit dem Herrn Liechtenstein hab’ ich geredet darüber oder mit Herrn Popper, ich kann mich nicht so ganz genau erinnern. Präs.: Welchen Bankkredit hätten Sie in Anspruch genommen? Zeuge (rasch): Der mir wäre gewährt worden! Angekl.: Von welcher Bank? Zeuge: Weiß ich? Angekl.: Haben Sie nicht gesagt, von der Zivnostenska Banka? Zeuge: Ich hab’ gesagt? Ich hab’ geglaubt, weil der Herr kaiserliche Rat ist Zensor bei der Zivnostenska Banka, daß ich vielleicht könnte Kredit bekommen. Präs.: Hat man Ihnen das gesagt? Zeuge: Gesagt? Nein. Ich hab’ mir gedacht. Angekl. (strenge): Haben Sie mir nicht im Café Zentral in der Herrengasse erzählt, daß Sie um 10.000 bis 15.000 K Ware bei Popper gekauft haben und daß er Ihnen Kredit verschafft hat? Zeuge (ängstlich): Ich habe Ihnen erzählt, daß ich mich gewendet hab’ an die Firma Beer? |
Der Präsident fragt, ob er mit dem Kläger in einer Geschäftsverbindung gestanden sei. Er bejaht, im vorigen Jahre habe er einen Geschäftskredit von der Firma beansprucht und dieser sei ihm gewährt worden. Der Präsident fragt weiter, ob dabei nicht auch von einem Bankkredit die Rede gewesen sei. Es sei möglich, antwortet darauf der Zeuge, daß es bei dieser Gelegenheit zu einem Gespräch darüber gekommen sei; ob mit Herrn Popper selbst oder mit Liechtenstein, wisse er nicht genau. Später habe ihm Liechtenstein bei einem Gespräch im Café Zentral von der Möglichkeit der Erwirkung eines Bankkredits für ihn, den er wünschte, gesprochen. Der Angeklagte fragt, bei welcher Bank der Kredit erlangt werden sollte. Zeuge: Ich weiß es nicht. Angekl.: Sie haben mir aber gesagt, daß es bei der Zivnostenska sein sollte. Zeuge: Das habe ich mir gedacht. Angekl.: Sie dachten dies, weil Popper Zensor bei der Zivnostenska ist. Zeuge gibt dies zu. Angekl. Wie groß war der Bankkredit, auf den Sie Anspruch machten? Zeuge: Darüber ist nichts gesprochen worden. Angekl.: Wie groß wünschten Sie ihn? Zeuge: 10.000 bis 15.000 K. |
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| Angekl.: Und daß Popper für Sie garantiert. Zeuge: Nein, das haben Sie gesagt! Angekl.: Wann sind Sie in Konkurs gegangen? Zeuge: Nach dreiviertel Jahren. Präs.: Herr Zeuge, wir brauchen Sie nicht mehr. Der Zeuge macht mit beiden Achseln und Armen eine bedauernde Bewegung und entfernt sich. |
Angekl.: Hat sich Popper nicht für Sie auch an die Firma Beer um Kredit gewendet? Zeuge: Nein. Sie haben die Vermutung ausgesprochen, daß er dies tun wolle. Angekl.: Wie lange Zeit nach dem Gespräch im Café Zentral sind Sie in Konkurs geraten? Zeuge: Nach dreiviertel Jahren … Nach Beendigung dieser Aussage … |
Es ist überflüssig festzustellen, daß dies das Milieu ist, aus welchem das geistige Wien hervorgeht.
»Der Zeuge wird hierauf vorgerufen. Er gibt an, jetzt Schriftsteller zu sein; vor zehn Jahren war er in der Niederlage des Herrn Popper bedienstet. Er sagt aus, daß mehrfach im Geschäfte Poppers En bloc-Verkäufe vorgekommen seien … Auf die Frage, was er unter En bloc-Verkäufen verstehe, sagt der Zeuge, dies sei, wenn größere Partien Waren verschiedener Sorten zu einem Einheitspreis verkauft würden. Die Pakette oder Dutzend seien aber immer gezählt und auch verrechnet worden.«
Bitte, das war vor zehn Jahren. Aber die Feuilletonhonorare werden von den Chefs nicht immer genau verrechnet.
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»Nach dem Empfange einer Deputation des Männergesangvereines ließ Roosevelt die Vertreter der Presse in seinen Salon bitten. Nach der Vorstellung der einzelnen Herrn, die sich im Halbrund aufgestellt hatten, sprach Roosevelt zu den versammelten Vertretern der Presse in englischer Sprache … Dann wandte er sich an den Vertreter eines englischen Blattes mit der Bitte, seine Worte ins Deutsche zu übersetzen: ‚Ich stehe mit der deutschen Sprache auf schlechtem Fuße‘ fügte er lächelnd hinzu.«
Der Vertreter des englischen Blattes soll ihm hierauf etwas ins Ohr geflüstert haben. Danach soll Roosevelt sich entschlossen haben, selbst die Ansprache in schlechtem Deutsch zu wiederholen.
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»Zeitlich kommt Mr. Roosevelt hier an, um 6 Uhr 45 Minuten auf dem Südbahnhof. Der Bahnhofmechanismus funktioniert wie immer.«
Wie? Selbst bei solcher Gelegenheit?
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Der Sachverständige:
»Wenn Professor Bossi sich auch nicht in die Einzelheiten des Falles einlassen konnte, da seine Mission ja doch äußerste Delikatesse erfordert, so ließ er dennoch erkennen, daß er den Fall Tarnowska für[WS 1] ein unschätzbares Beweismaterial hält in der überaus wichtigen Frage, welchen ungeheueren Einfluß das Geschlecht der Frau auf ihre Moral hat, ein Thema, das der Professor eingehend in seiner Revue ‚ La ginecologia moderna‘ behandelt. Die Vergangenheit der Tarnowska, welche bis in ihr 16. Lebensjahr zurückreicht, zeigt …«
Der Geheimrat Harnack:
»Für die Frauen, deren Geist nach dem Höheren und Höchsten strebt, wäre es im eigentlichen Sinne eine Unterdrückung ihrer Natur, wenn man sie zwingt, ihre Veranlagung unbenützt zu lassen. Und es wäre eine Sünde, wenn man in diesem Punkte von ihnen Entsagung forderte …«
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Von Karl May sagt das Neue Wiener Journal:
Förmlich mit Schrecken ward man es gewahr, wem die keimende Blüte des deutschen Volkes, die Jugend, wem Eltern und Lehrer ihr Herz und ihr Vertrauen geschenkt haben, einem Strolch von seltener, von erster Güte, einem Dieb, der sich nicht nur mit literarischem Diebstahl befaßte, sondern auch einen Taschendiebstahl nicht verschmähte, wo die Gelegenheit sich darbot; einem Taschendieb, der auch einem Einbruch nicht aus dem Wege ging, wo er sich zu lohnen schien.
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Ein italienischer Schmock hat Gerhart Hauptmann in Portofino besucht. »Natürlich weiß er in fesselnder Weise zu plaudern«. Der Anfang und das Ende des Berichtes lauten:
Dieses Jahr kam er Ende Januar hierher, und jetzt schickt er sich bereits zur Heimreise an. Der Dichter von »Hanneles Himmelfahrt« schwärmt für diesen blühenden, abseits vom Verkehr liegenden Winkel Italiens …
… Zu denen, die sich häufiger in der Villa einfinden, gehört Siegfried Wagner, der in Santa Margherita wohnt. Mehrere Wochen weilte auch Humperdinck im Lande und sang mit dem Dichter der »Weber« das Lob des blauen italienischen Himmels, wobei ein herrlicher Wein von Orvieto getrunken wurde.
Natürlich ganz falsch informiert. Der Dichter der »Weber« schwärmt für den blühenden Winkel Italiens und der Dichter des [59] »Hannele« sang gemeinsam mit Herrn Humperdinck das Lob des blauen italienischen Himmels, während Siegfried Wagner den Dichter des »Fuhrmann Henschel« besuchte und der Dichter der »Einsamen Menschen« es ist, der die Reporter empfängt.
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Zwei Theateragenten gab es. Menkes und Minkus. Menkes starb. Minkus blieb am Leben. Aus diesem Grunde langte an ihn ein Brief ein, den die Zeitungen veröffentlichten: »Gestern traf auch hier die traurige Nachricht Ihres Selbstmordes ein. Ich war aufrichtig betrübt, trotzdem glaubte ich an eine Verwechslung, bin glücklich, daß meine Eingebung richtig war. Bravo Minkus! Leben Sie noch hundert Jahre. Grüße, Ihr aufrichtiger P. Mascagni.« Bravo Minkus! Er hat sich brav gehalten. In diesem Zuruf, mit dem zugleich eine Anerkennung und eine Aufmunterung ausgesprochen ist, liegt erstens: ganz Italien, zweitens: das ganze Theater, drittens: die ganze Musik, und viertens: die ganze Praterstraße. Man sieht aufgewichste Schnurrbärte, Augen, die in einer Sardinenbüchse geschwommen haben müssen, ehe sie diesen Maestros, Fechtmeistern und Agenten eingesetzt wurden, gestikulierende Hände, die eine Provision berechnen und Ecco, Machen wir und So wahr ich da leb bedeuten; Lagunen, Schweißfüße, Freikarten und noch vieles, vieles andere. Minkus blieb am Leben. Menkes starb.
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Jetzt kommt eine schöne Zeit.
»Die im letzten Sonntagsblatte Ihres Journals erschienene Notiz eines Herrn, welcher am 17. d. den Halleyschen Kometen von Schrems aus gesehen haben wollte, veranlaßte mich am 25. d. vor 3 Uhr morgens in den Prater über die Sophienbrücke zu eilen, zumal der heitere Himmel des Vorabends die Möglichkeit einer guten Beobachtung versprach … Um beiläufig halb 4 Uhr morgens ging plötzlich ein ganz prächtiger, heller Stern auf … Ich dachte sofort an Venus, jedoch ließ mein kleines astronomisches Fernrohr die Konturen nicht erkennen, da das Gestirn noch zu tief stand … Die Venus, denn sie war es, erschien in der Gestalt, wie sie unser Mond am Schlusse des ersten Viertels aufweist. Ein Rayonsicherheitswachmann, der sich sehr bald bei mir eingefunden hatte, konnte sich auch des ungewohnten Anblickes erfreuen. Vom Kometen aber war mit freiem Auge nichts zu sehen …«
Der Beobachter nennt sich einen »Freund des Neuen Wiener Tagblatts«. Ja, die Freunde!
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»,Daily News‘ bringen folgenden keineswegs erfreulichen Bericht über das Aussehen und das Befinden König Eduards: Nach der soeben überstandenen Influenza ist des Königs Schritt nicht mehr elastisch zu nennen …«
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Bekanntlich halten es jetzt die Leute, die »Komödche machen« und jedem illustrierten Erpresser, Fünfguldenmann und Kulissenschnüffler »Grüß Gott, Doktor!« sagen, mit der sittlichen Entrüstung. Es geht um das Problem der »Prostitution« ihrer Kolleginnen, und die wollen und wollen sie nun einmal nicht dulden, weil die Gottesgabe einer munteren Liebhaberin, sich hinzulegen, viel weniger Strapaze kostet und viel mehr allgemeine Anerkennung findet, als der Entschluß, den »Hüttenbesitzer« hinzulegen. Der von der Bühne vertriebene Hanswurst ist jetzt in der Gestalt der Moral wiedergekehrt und macht die Gebärden des im Vordergrund agierenden bürgerlichen Pathos nach. Sie wollen sich verbürgerlichen und fangen selbstverständlich bei der Sittlichkeit an und bei der kunstfeindlichen Ambition des Geschlechtsneides. Nun könnte ja trotzdem ein Theaterdirektor ein schuftiger Mißbraucher der Abhängigkeit sein. Aber bezeichnend ist, wie sich die Sozialpolitik dieses Standesbewußtseins vor allem des Tonfalls der Moral bedient. Der Bericht der Neuen Freien Presse über den Fall des Berliner Direktors Zickel macht diesen Drang sehr anschaulich. Und nachdem es durch zwei Spalten in Andeutungen schrecklichster Art gegangen ist und der Herr Zickel beschuldigt wurde, sich nicht nur an einer anderen jungen Schauspielerin »vergriffen«, sondern »sogar bei der Beseitigung der Folgen mitgewirkt zu haben«, schlägt die Setzmaschine die Hände über dem Kopf zusammen, und man liest den folgenden Passus:
Diese wie eine andere Schauspielerin behaupten,
daß Dr. Zickel in seinem Bureau unsittliche Annäherungen
Lustspielhaus engagiert worden ist, daß sie schließlich in
irgendwie einer Verfehlung schuldig gemacht zu haben. Die
Angaben der Damen müßten mit großer Vorsicht aufge-
versucht habe. Dr. Zickel bestreitet in allen diesen Fällen,
zum Teil durch Briefe, die von den Damen selbst stammten,
die Angaben zu widerlegen.
Ich bin ganz derselben Ansicht.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vorlage: tür