Gustav Freitag-Galerie

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Titel: Gustav Freitag-Galerie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 815
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[813]
Die Gartenlaube (1877) b 813.jpg

Immo und Hildegard. Aus dem „Nest der Zaunkönige“.
Nach seinem Originalbilde aus der „Gustav Freitag-Galerie“ für die Gartenlaube auf Holz übertragen von Hermann Kaulbach in München.

[815] Gustav Freytag-Galerie. (Mit Abbildung S. 813.) Es ist eine erfreuliche Erscheinung der neuesten Zeit, daß die bildende Kunst sich immer eifriger bemüht, aus den Werken unserer Dichter die Stoffe für ihre Darstellungen zu wählen. Illustrirte Ausgaben unserer beliebtesten Dichtungen und Galerien, in welchen die Geisteskinder der gefeiertesten Dichter uns vom Griffel unserer besten Künstler vor Augen gestellt werden, sind Unternehmungen des Buch- und Kunstverlags geworden, welchen die Gunst des Volkes in allen seinen Schichten sich immer wärmer zuwendet. Stahlstich und Holzschnitt, Litho- und Photographie wetteifern in diesem Bestreben; das Bild, das einst nur Eigenthum der vom Glück Bevorzugten war, das sich in Galerien nur besonders Begünstigten zeigte und nur in den Kirchen für alle frommen Augen hinter dem Altarschimmer prunkte, das Bild ist zum allgemeinen Eigenthum geworden, und wie sich in den Hallen der Wissenschaften endlich, wenn auch spät, auch die Hohen Gelehrten zum Volk herabließen und jetzt mithelfen zu dem einst so verachteten „Popularisiren der Wissenschaften“, so sehen wir die angesehensten Meister der Kunst heute der sogenannten „illustrirten“ Literatur dienen. Das ist ein großer Fortschritt, welcher nicht ohne den erwünschten Einfluß auf die Bildung unseres Volkes bleiben kann.

Zu den jüngsten der „Galerien“, für deren Vollendung ein Kreis von Künstlern mit guten Namen thätig ist, gehört die von der Firma Edwin Schlömp in Leipzig unternommene Gustav Freytag-Galerie. Der Prospekt des Unternehmens zählt nicht weniger als sechsundzwanzig solcher Namen auf, bei denen wir u. A. C. Becker, Ad. Camphausen, W. Diez, Jos. Flüggen, E. Grützner, Graf Harrach, C. Hoff, E. Hünten, H. Kaulbach, O. Knille, Ad. Lindenschmit, A. Linzen-Mayer, Ad. Menzel, Fr. Piloty, Paul Thumann und A. von Werner finden. Die von Fr. Bruckmann in München photographisch nach Originalgemälden reproducirten Darstellungen liefern Scenen aus den „Ahnen“, aus „Soll und Haben“, aus der „Verlorenen Handschrift“ und aus den „Journalisten“.

Statt eines kunstkritischen Urtheils bieten wir unsern Lesern lieber eine Probe des Werkes, die vom Künstler selbst für die „Gartenlaube“ auf Holz übertragen worden ist. Es ist das erste und sicherlich ein sehr empfehlenswerthes Blatt der Sammlung, das uns in die zweite Abtheilung der „Ahnen“, in „Das Nest der Zaunkönige“ führt. Der Künstler hat den Entscheidungspunkt im Leben seines Helden gewählt, den Augenblick, wo Immo, der älteste der sieben Söhne des Helden Irmfried, „welcher das Banner der Thüringe im Lande Italien trug“ und dort den Kriegertod fand, die Liebe der Hildegard, der Tochter des schlimmen Grafen Gerhard, gewinnt. Der Jüngling, ein Schüler der Benedictiner-Abtei Herolfsfeld (Hersfeld) an der Fulda, von den Seinen für den geistlichen Stand bestimmt, aber für die Thaten des Schwerts glühend, ist in einem Streite zwischen den Klosterleuten und den Gräflichen gefangen und in’s Grafenschloß geführt worden. Mit dem übrigen Gesinde zum Abendtisch gerufen, behauptet er sein Recht, an der Herrentafel zu sitzen. Hier knüpft er mit der gewesenen Klosterschülerin Hildegard eine gute Gesellenschaft, welche zu einer Liebe sich entfaltet, der wir den ganzen Roman mit seinem geschichtlichen Bilderreichthum verdanken.

Der Schöpfer dieser lieblichen, lebensfrischen Gestalten ist ein Künstler von berühmtem Namen, ein neuer Kaulbach, des Meisters Wilhelm kunstbegabter Sohn Hermann, ein junger Mann, der erst den ersten Schritt in die Dreißiger gethan hat. Zum Mediciner bestimmt, machte Hermann die ganze Gelehrtenlaufbahn auf dem Gymnasium zu Nürnberg und der Universität in München durch, bis er im Drange nach der stets neben dem Studium mit stiller und um so treuerer Liebe gepflegten Kunst das Secirmesser wegwarf und vom Meister Piloty sich für immer Pinsel und Stift in die Hand drücken ließ. Erst 1874 verließ er die Schule Piloty’s.