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Hans Brass und die Religion, September 1934

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Autor: Hans Brass
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Titel: Hans Brass und die Religion, September 1934
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Entstehungsdatum: 1934
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Kurzbeschreibung: Tagebuchauszüge zum Thema Hans Brass und die Religion, September 1934
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Einführung

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Der Artikel Hans Brass und die Religion, September 1934 zeigt die von Bettina Brass zusammengestellten Tagebuchauszüge vom September 1934, die das Thema Religion betreffen. Textauslassungen wurden mit [...] gekennzeichnet, eingefügte Erläuterungen von Bettina Brass in eckigen Klammern kursiv [Erläuterung].

Tagebuchauszüge

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[1] Montag, 11. September 1934.

[1]      Seit gestern Abend wieder zuhause in Berlin-Friedenau, Wilhelmshöherstr. 25. Fritz W., der am Sonnabend mit seinem Wagen nach Bln. gefahren war, holte mich am Stettiner Bhf. ab. – Heute früh wieder Messe u. Kommunion, – ich empfand, wie sehr mir das gefehlt hat – es scheint, daß ich ohne dieses nicht mehr leben kann.

     Da ich ohne dieses in A. leben mußte, war mein Aufenthalt dort getrübt durch diesen Verzicht. Um so schwerer wurde es mir, die sonstigen Unzulänglichkeiten in Geduld zu ertragen. Maria war in den letzten beiden Tagen nicht wohl u. meine Geduld bestand diese Probe sehr schlecht, da sie gern übermäßig klagt u. jammert wenn sie zu leiden hat. Sie wird in dieser Beziehung noch viel lernen müssen, – aber auch ich werde Geduld üben müssen! – Wie ich mir selbst den Opferberuf gestellt habe, so wird es vor allem meine nächste Aufgabe sein, ihr den Opfersinn des Leidens nahe zu bringen. Sie wird lernen müssen, diese häufigen Kopfschmerzen, von denen sie Gott nun eine ganze Zeitlang ziemlich befreit hatte, nicht egozentrisch als eigenes Leiden aufzufassen u. somit schlecht zu ertragen. Solches Leiden, wie ich es ebenfalls zu ertragen habe mit den vielen Schmerzen, die mein gebrochenes Bein verursachen, mit Hunger u. Armut, – mit der schrecklichen Sommerhitze in meiner Dachwohnung u. der vielleicht noch schrecklicheren Winterkälte, dies alles sind Gnaden Gottes. Er sendet solches Uebel, damit wir dadurch Gelegenheit haben, diese Leiden mit den Leiden des Heilandes am Kreuze zu vereinigen. Nur dann werden diese Leiden fruchtbar. Auch die Bösen leiden. Leiden allein ist nicht fruchtbar, man muß in Christus leiden! Vereinigen wir aber unser Leiden mit den Leiden des Heilandes am Kreuze, dann wird das Leiden in übernatürlicher Weise fruchtbar dann wirkt auch unser Leiden mit zur größeren Ehre Gottes u. zur Erlösung der Welt. Und deshalb ist jedes Leiden das Gott uns schickt eine Gnade, über die wir nur immer glücklich sein sollen, für die wir Gott danken müssen. Je mehr wir leiden dürfen u. dieses Leiden innig mit dem Leiden Christi vereinigen um so mehr haben wir Anteil an der Welterlösung u. an der Uebernatur. Und das ist Gnade.

     Man muß nur immer recht deutlich die Lehre des hl. Paulus vom mystischen Leibe Christi vor Augen haben, um diesen übernatürl. Sinn des Leidens zu verstehen. Denkt man nur an sich u. sein Leiden, [2] dann klagt u. jammert man freilich immer, dann flieht man das Leiden. Fühlt man sich aber recht lebendig als Glied des mystischen Leibes Christi, dann will man gern leiden, dann freut man sich, leiden zu dürfen! Denn dann fühlt man sich als Teil eines übernatürlichen, göttlichen Leibes u. alles Leiden ist mir Krampf des Irdischen, Kreatürlichen u. Kampf um das Göttliche. Im recht verstandenen u. recht ertragenen Leiden offenbart sich erst unsere Verbundenheit mit diesem lebendigen, geheimnisvollen u. einheitlichen Organismus, den wir Kirche nennen u. der nichts anderes ist, als der durch die Jahrhunderte fortlebende Christus. Das dieser mystische Christus lebe, wachse u. sich immer voller u. reicher entwickle, das ist der Sinn eines recht verstandenen Leidens. Der Sinn des Leidens ist der, daß dieser mystische Christus sich voll entfalte. Der mystische Christus umfaßt Jesus, unser Haupt, und uns, die Glieder seines Leibes. Es genügt nicht daß Jesus in Bethlehem, Nazareth u. Jerusalem gelebt hat, u. es genügt auch nicht, daß dieser Jesus in der hl. Eucharistie unter uns weiterlebt, – u. es genügt auch nicht, daß wir rein körperlich diese hl. Eucharistie empfangen, – sondern vielmehr müssen wir wahrhaft u. lebendige Glieder dieses fortlebenden Christus sein u. so den mystischen Leib des Herrn fortwährend neu aufbauen, wie der hl. Petrus sagt: Bauet euch auf als lebendige Steine, ein geistiges Haus, ein heiliges Priestertum, darzubringen geistige Opfer, die Gott wohlgefallen durch Jesus Christus (I Petr. II,5) u. der hl. Paulus: Ich beschwöre euch Brüder, um der Barmherzigkeit Gottes willen, daß ihr eure Leiber darstellt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, auf daß euer Gottesdienst geistig sei. (Röm. XII,1)

     Wenn die Kirche der mystische Leib Christi ist, Christus totus, dann ist sie auch der lebende, wirkende, – dann aber auch der leidende Christus. Was soll also alles Klagen u. Jammern, wenn wir leiden? Ist das nicht Verrat an Christus? Sünde? –

     Alles Leben wehrt sich gegen den Tod, also auch die lebendige Kirche. Leben heißt, fortwährend gegen den Tod kämpfen. Aber mit diesem Negativen ist der Begriff Leben nicht erschöpft. Leben ist vor allem positiv, d.h. Leben will wachsen, – aber alles, was wächst, leidet auch Wachsen ist unbedingt mit Leiden verbunden. Wenn Christus in uns wachsen soll, müssen wir selbst absterben [3] der mystische Leib Christi ist Leben, unser Leib aber ist der Tod. Diesen Leidenskampf hat uns Jesus vorgekämpft. Christförmig können wir nur werden, wenn wir als die Glieder des mystischen Leibes den Kampf unseres Hauptes nachkämpfen. Nur dann sind wir Seiner würdig. Er sagt es selbst: Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt u. mir nachfolgt ist meiner nicht wert. (Mt. X,38.). Der Leidenskampf der Kirche ist also etwas Natürliches u. Notwendiges, er ist der Leidenskampf Christi. Papst Leo der Große sagt: Das Leiden des Herrn wird fortgesetzt bis zum Ende der Zeiten. Und Pascal: Die Todesangst Jesu dauert bis zum Ende der Welt.

     Das Mitleidendürfen mit Christus ist ein Gnadengeschenk Gottes an uns, denn durch dieses Mitleiden nehmen wir direkt Teil an der Erlösung der Welt. Deshalb sollen wir freudig u. siegesbewußt leiden u. nicht mit Wehklagen u. Jammern. Durch unser Leiden sind wir ja in der Lage u. dazu berufen, an unserem Fleische das zu ergänzen, was dem Leiden Christi noch mangelt für Seinen Leib, die Kirche, – wie Paulus im Kolosserbrf I,24 sagt. – Wir tragen mit unserem Leiden die Erlösung weiter u. setzen sie fort, falls wir nicht darauf verzichten wollen, Glieder des mystischen Leibes Christi zu sein. Durch unser Leiden in Christus nehmen wir ja erst Teil an Christi Leiden, aber auch an seiner Erlösungstat. Deshalb müssen wir freudig u. siegeszuversichtlich u. voll Hoffnung leiden.

     Leiden müssen wir so oder so. Wenn wir aus unserem Leiden ein Sühneleiden machen, dann leiden wir mit Christus, – im anderem Falle mit dem Teufel. Wenn wir aber mit Christus u. in Christus leiden, dann machen wir die Erlösungsgnade fruchtbar – nicht bloß für uns selbst, sondern für alle Glieder des Leibes Christi, für Seine ganze Kirche. Also tapfer, – nicht so furchtsam u. kleinmütig u. kläglich! Gerade der Gedanke daß wir mit unseren Leiden andere erlösen, – oder wenigstens zur Erlösung der anderen mithelfen, soll uns freudig leiden lassen. Das ist Opfer!

     Da war in Ahrenshoop dieser Maler Baumann. Wirklich ein ekler Mensch voll Gemeinheit u. Niedrigkeit. Der Aussatz seiner Seele hatte schon sein Gesicht zerfressen. – Ich habe nichts als Abscheu u. [4] Ekel empfunden u. vermied es, mit ihm zu sprechen oder ihm gar die Hand zu geben. Wie schlecht war das doch von mir! Der hl. Franz von Assisi hat den Aussätzigen geküßt u. diese Kranken gepflegt. Der hl. Pfarrer von Ars wäre in bitterliche Tränen des Mitleids ausgebrochen, wenn er diesen unglücklichen u. bedauernswerten Menschen gesehen hätte, u. ich habe mich voll Ekel abgewendet. Wie viel muß ich noch lernen! Wie kann ich glauben, zur Erlösung der Welt etwas beizutragen, wenn es mich ekelt, den Tod zu sehen! – Mein Jesus, verzeih mir! Liebe Mutter Gottes, mache Du wieder gut, was ich so schlecht gemacht habe u. nimm diesen jungen, verkommenen Menschen, der im Sündenschmutz schon fast erstickt ist, in Deinen besonderen Schutz. Ihn, u. all die anderen häßlichen Seelen, die ich in Ahrenshoop sah u. die wie verirrte Schafe umhergehen.

     Aus dem Blute der Martyrer ist stets der Same neuer Christen hervorgegangen. Martyrer ist aber nicht bloß der, der für Christus sein Leben läßt sondern schon jedes für Christus, in Christus u. durch Christus freudig ertragene Leiden ist ein solches Martyrium, aus dem neue Christen hervorgehen. Ein solches Martyrium aber zurückzuweisen, ist eine Kränkung Christi. Mein Jesus, – verzeih mir die vielen Kränkungen, die ich Dir aus solchem Anlaß schon zugefügt habe. Mein Jesus, gib mir, daß ich niemals ein Leiden zurückweisen möge, – gib mir, daß immer u. zu jeder Zeit der Gedanke ganz hell u. klar vor mir stehen möchte, daß mein Leiden eine mystische Stellvertretung an den Gliedern Deines mystischen Leibes ist u. sein soll Gib mir mein Jesus, daß ich von diesem Gedanken ganz voll werde u. keine andere Aufgabe mehr in meinem Leben sehe, als nur diese eine: durch Gebet u. Opfer mit Dir mitzuwirken an der endlichen Erlösung dieser Welt.

[4] Mittwoch, den 12. September 1934 Namen Mariä

[...] [5] Es ist so furchtbar schwer im entscheidenden Augenblick stets das Richtige zu tun. Das kommt daher, weil man in solchen Augenblicken zu sehr vom irdischen Geschehen gefangen genommen ist. Nachher, wenn das Ereignis vorbei ist u. wenn man Abstand gewonnen hat dann fällt einem ein, was man hätte tun sollen. Ich muß noch vielmehr [6] lernen Abstand von den irdischen Vorgängen zu gewinnen u. in allem Gottes Willen zu erkennen.

     So ist es auch mit all dem, was ich in Ahrenshoop erlebt habe. Warum ekelte mich diese offene Triebhaftigkeit dieser Menschen dort? Grade sie sind es ja, mit denen ich mich befassen muß, wenn ich Jesus nachfolgen will, denn Er sagt selbst, daß Er nicht zu den Gerechten gekommen sei, sondern zu den Sündern, – zu suchen, was verloren war! Für die Sünder hat Jesus sein Sühn= u. Erlösungsopfer gebracht. Nachfolge Christi verlangt von mir, daß auch ich dasselbe tue! Der Gedanke, daß ich mich, – mein ganzes Leben, – vereinigen muß mit dem göttl. Hohenpriester zur Teilnahme an seinem Erlösungs= u. Sühnopfer, dieser Gedanke muß noch viel stärker in mir werden. Dieser Gedanke muß so stark werden, daß er mich vollständig beherrscht, mich ganz ausfüllt u. keine Hohlräume in mir zuläßt. Mein Gott u. Vater! gib mir, bitte, diesen großen Gedanken!

     Mein Entschluß, Opferseele zu werden, setzt diesen alles ausfüllenden Gedanken voraus. Denn der Zweck meines Opfers soll ja doch grade sein, Seelen zu retten, die verloren sind, sowohl die Gottlosen wie auch die von Gott Abgefallenen, also alle, die modernen Heiden. Ich denke dabei nicht an die eigentlichen Heiden in Afrika usw, sondern an die abtrünnigen Christen hier in Europa, einschl. der russischen Bolschewisten. Wie will ich diesen Beruf erfüllen, wenn ich mich mit Ekel von diesen Menschen abwende.

     Diesen Ekel zu überwinden, muß meine besondere Aufgabe sein. Die Ueberwindung dieses Ekels setzt Bereitschaft zum Leiden voraus. Ich muß mich also noch mehr, als bisher, zum freiwilligen Leiden erziehen. Der Umgang mit Gottlosen bringt demjenigen, der dies unternimmt, viel Spott, Kränkung, ja, Lächerlichkeit ein. Dies alles muß ich um Jesu Willen ertragen lernen – u. nichts fällt meiner Eitelkeit schwerer, als Lächerlichkeit zu ertragen. Mein Gott, Vater, gib mir den Heiligen Geist, daß ich stark werde im Ertragen solcher Leiden, gegen die ja alle körperlichen Schmerzen nichts sind! – Selbstverleugnung! – Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst u. nehme sein Kreuz auf sich u. folge mir nach, – verlangt Christus! –

     Die Selbsterziehung zum freudigen Ertragen solch seelischer Leiden kann ihre Nahrung nur aus einer ganz großen Liebe zu Gott schöpfen. Entzünde, o Gott meine Liebe! Wer Gott liebt, trägt freudig alle schwersten Prüfungen u. Leiden, wer Gott nicht liebt, oder nur schwächlich liebt, ist leidensscheu.

     Wie schwächlich liebe ich Gott. Zwar mache ich jeden Morgen am Schluß der Frühmesse den sog. heroischen Liebesakt, aber wenn ich mich auf Herz u. Nieren prüfe, dann sehe ich, wie leer dieses Gelübde doch stets ist, – denn sonst wäre es ja unmöglich, daß ich mich meinen Pflichten [7] gegenüber den seelisch Häßlichen so gern entziehe. Vielmehr würde ich solche Menschen suchen, anstatt sie zu fliehen. – Es genügt eben keineswegs, nur theoretisch seine Sühnewerke aufzuopfern für das Heil der Seelen der Verlorenen, sondern nachgehen muß ich den Verlorenen, wie Christus den Verlorenen nachgegangen ist.

[7] Donnerstag, den 13. Sept. 1934.

[7] Las in der Märk. Volkszeitg, daß Pf. Pietryga, Neustadt-Dosse, vorläufig pensioniert worden sei. – Heute abend gehe ich zum ersten Male zu den mit Kaplan Dr. Tetzlaff verabredeten Donnerstag-Abenden. Ich hoffe, daß diese Abende mich fördern werden, besonders hoffe ich dies aber von den Exerzitien vom 22 – 26 Sept. in Biesdorf unter P. Theo Hoffmann. Ich bitte Gott, daß er mich durch all dies rasch auf dem Wege zum wahren Opferseelen Beruf fortschreiten lassen möge.

     Wenn diese Exerzitien in gleicher Weise für mich fruchtbar sein werden, wie es im vergangenen Jahre unter P. Muckermann gewesen sind, dann darf ich freilich mit Recht einen Riesenschritt vorwärts erwarten. Seitdem sind nun schon 16 Monate verflossen, u. ich darf sagen, daß mein Eifer in dieser Zeit nicht nachgelassen hat. Wohl hat es auch Zeiten der Ebbe gegeben, aber im Ganzen bin ich auch der Höhe von damals verblieben, so weit es das Wollen betrifft. In Bezug auf Wissen habe ich indessen beträchtliche Fortschritte gemacht. Vor allem habe ich keine einzige Frühmesse ohne triftigen Grund versäumt u. habe auch im Winter nicht der Lockung nachgegeben, aus Bequemlichkeit erst zur zweiten Messe zu gehen.

     Ich habe in diesen 16 Monaten täglich die hl. Eucharistie empfangen. Aber trotzdem muß ich sagen, daß ich das Himmelreich bisher auch mit Gewalt nicht erobert habe. Noch immer kniee ich vor dem Tabernakel, noch immer nicht bin ich im Tabernakel mit dem Heiland vereinigt. Gott will meine Geduld u. Ausdauer prüfen. Wohlan, ich bin bereit. Ich will auch weiterhin vor dem Tabernakel knien u. auf den Heiland warten, – einmal wird Er auch mich einladen, Ihn in Seinem Heiligsten, in der Wunde Seines Herzens, zu besuchen.

     Freilich muß ich mir gestehen, daß ich einer solchen Gnade noch nicht würdig bin. Das beweist eine Vision, die ich vor 4 Monaten hatte. Es war Abends gegen 10 Uhr, ich lag bereits im Bett u. dachte nach über die großen Beweise Seiner Liebe, die Gott mir in meinem

[8] Leben bereits gegeben hat. In solchen Gedanken sah ich in weiter Ferne – (ich war wach u. schlief nicht!) einen hellen Schein, ein helles Oval. Dieses Oval kam langsam näher u. wurde heller, aber ganz milde. Als es nahe war – mir schien es etwa 10 Meter entfernt, blieb es dort stehen, u. ich sah in seiner Mitte einen hellen Kern. Von diesem Kern nun ging ein heller Ton aus, den ich aber nicht mit den Ohren sondern mit den Augen wahrnahm. Dieser Ton sah aus wie ein ganz feiner, heller Silberdraht. Er bewegte sich ganz langsam auf mich zu, er schwang in winzig kleinen Wellen. Er kam immer näher u. schien direkt mitten in mein Herz treffen zu wollen. Es schien mir lange zu dauern, bis er mich erreichte u. ich konnte ihn deutlich betrachten. Dabei wußte ich, – ich weiß nicht warum, – daß ich sterben würde, wenn er mein Herz treffen würde, – u. ich wartete darauf. Aber dann, im letzten Augenblick, bekam ich doch Angst, – u. da war alles verschwunden. – Ich lag lange in großer Seligkeit u. betete, – aber ich schämte mich auch. Denn jetzt erst, als alles wieder dunkel war, – jetzt erst ahnte ich, daß diese Erscheinung Christus selbst gewesen war. Er war zu mir gekommen, – ich aber hatte ihn nicht erkannt, – ja, ich hatte mich gefürchtet wie die Jünger auf dem Berge Tabar sich gefürchtet hatten. –

     Gewiß schäme ich mich dessen u. bekenne demütig, daß ich der Gnade noch nicht würdig bin, daß der Herr zu mir kommt. Aber doch bin ich nicht untröstlich, wie etwa um ein verscherztes Glück. Nein! Mein Jesus hat ja vorher gewußt, wie töricht ich mich benehmen würde, – Er kennt ja meine Schwachheit! Wenn Er trotzdem Sich mir in solch milder u. gütiger Weise zeigte und offenbarte, so habe ich damit doch eine ganz große Gnade erfahren. Jesus zeigte mir, daß ich als Mensch zu schwach bin, um die unendliche Größe Seiner göttlichen Liebe überhaupt zu ertragen; aber Er zeigte mir auch, daß Seine Liebe trotzdem mich sucht.

     Diese Vision gibt mir Stärke u. Gewißheit, daß mein Entschluß Opferseele zu werden, nicht ein leichtfertiger Ehrgeiz von mir ist. Es ist nicht Selbstüberschätzung u. Eitelkeit. Ich habe niemals Visionen gehabt u. mein tägliches Leben spielt sich ab in den niedrigen Schichten der gewöhnlichen Natur. Mein Leben ist hauptsächlich Armut u. Hunger, Hitze u. Kälte, dazu künstlerische Arbeit, von der

[9] ich niemals Erfolg ernte, nicht einmal Eitelkeitserfolg, da niemand meine Arbeit sieht oder gar sie lobt. Wirklich ist mein Leben nichts als gewöhnliche Plage, in der kein Raum ist für übernatürliche Erlebnisse. Mein religiöses Leben besteht in nichts weiter als im täglichen Besuch der Messe, im täglichen Empfang der hl. Eucharistie, u. im übrigen in dem ehrlichen Bestreben, die gewöhnlichen Tugenden eines Christenlebens zu üben, wobei ich mir stets Rechenschaft gebe über meine vielerlei Schwächen. Nur daß in mir eine geheimnisvolle Kraft am Werke ist, die mich immerfort vorwärts zu treiben scheint, doch bin ich wie ein Gaul, der vor einen zu schweren Wagen gespannt ist. Ich ziehe u. ziehe u. komme anscheinend doch um keinen Schritt vorwärts.

     Und diese geheime Kraft ist es, die mich zum Berufe der Opferseelen drängt. Möge sich niemals Eitelkeit in dieses Streben einmengen, – darum bitte ich Dich, Gott Vater! Möge die kl. hl. Therese mir freundliche Führerin sein!

     P. Lense findet kluge Worte als Anleitung für den Beruf der Opferseele. Vor allem mahnt u. erinnert er, daß für die Opferseele das Leiden niemals Selbstzweck sein darf, sondern nur Mittel zum Zwecke der Erlösung. „Mußte nicht Christus dies leiden u. so in seine Herrlichkeit eingehen? Das heißt doch nichts anderes, als daß Christus nur über den Weg der Leiden in seine Herrlichkeit eingehen konnte, – daß diese Leiden das Mittel waren, durch welches Er Seine Herrlichkeit erlangte. Sein Opfertod am Kreuze war das Tor zu Seiner sieghaften Auferstehung.

     Leiden müssen wir alle! Aber unser Leiden soll nicht eine krankhafte Leidenssehnsucht sein, die leiden will um der Leiden willen. Eine solche Leidenssehnsucht ist ein Werk u. Trugbild des Teufels. Sie vergißt über ihrer krankhaften Liebe zum Leiden ganz den Zweck des Leidens. Der Zweck des Leidens aber ist allein die übernatürliche Fruchtbarkeit.

[9] Freitag, den 14. Sept. 1934. Kreuzerhöhung.

[9] Ueber den am 30. Juni 1934 erfolgten Tod des Vorsitzenden der kath. Aktion, Dr. Erich Klausner, erfahre ich folgendes: Der Verkehrsminister Eltz von Rübenach (Katholik), dessen Ministerium Klausner als Ministerialdirektor angehört hat, soll ein Rundschreiben an seine Beamten gerichtet haben, in dem gesagt wird, daß auf Grund eidlicher Aussagen [10] von Zeugen Dr. Klausner sich selbst erschossen habe. Klausner soll in seinem Büro verhaftet worden sein. Er sei auch ohne Widerstand gefolgt, doch habe er an der Tür, vor dem Verlassen des Büros, gebeten, noch etwas aus seinem Schreibtisch mitnehmen zu dürfen, u. sei an den Schreibtisch zurückgegangen. Dort habe er seinen Revolver genommen u. habe sich erschossen. – Demgegenüber steht folgender Sachverhalt: Klausner gehörte kirchlich zur Matthias-Gemeinde u. stand mit Pf. Koppenrath in freundschaftlichem Verkehr. Am Morgen seines Todestages hat Klausner Pf. Koppenrath angerufen u. ihm eine dienstl. Mitteilung betr. einen Ferien=Kindertransport gemacht. Sehr kurz nach diesem Gespräch wurde Pf. Koppenrath abermals aus dem Ministerium angerufen, – ein Beamter teilte ihm mit, daß Klausner soeben einem Unfall zum Opfer gefallen sei u. tödlich verunglückt sei. Der Sprecher bat Pf. Koppenrath, Frau Dr. Klausner zu verständigen, nähere Auskunft könne er am Telephon nicht geben. – Pf. Koppenrath ging sofort zu Frau Klausner u. fuhr mit ihr zusammen ins Ministerium, wo man beide zunächst nicht einlassen wollte. Schließlich gelang es beiden doch bis in das Vorzimmer zu Dr. Klausners Büro vorzudringen. Hier stand aber ein Doppelposten vor der Tür zum Büro, welcher der Frau Klausner den Zutritt verwehrte. Die Frau erlitt nunmehr einen Ohnmachtsanfall u. mußte durch Pfarrer K. wieder nach Hause gebracht werden. – Es ist ferner erwiesen, daß die Leiche Klausners nicht an seinem Schreibtisch gelegen hat, sondern an der Tür, u. daß er eine Einschußöffnung hinten am Genick hatte. Er ist also von hinten erschossen worden. Die Beschlagnahmung seiner Leiche u. die Verbrennung hatten den Zweck, diese Tatsache zu verbergen. – Pf. K. hat dann sofort dem bischöfl. Ordinariat berichtet. Domkapitular Steinmann ist im Auftrage des Bischofs sofort zum Innenminister Frick gefahren, um Aufklärung über die Vorgänge zu erhalten. Der Innenminister Frick gab an, keine Aufklärung geben zu können u. verwies ihn an den pr. Ministerpräsidenten Göring. Steinmann fuhr zu Göring, wurde aber nicht empfangen. Auch ein zweiter Versuch, den Ministerpräsidenten zu sprechen, war erfolglos, – ein dritter Versuch gelang. Steinmann erhielt die Auskunft, daß Klausner verhaftet werden sollte, weil er mit General Schleicher angeblich in freundschaftlichem Verkehr gestanden habe. – Bischof Dr. Bares hat daraufhin ein vier Seiten langes Schreiben an den Reichskanzler Adolf Hitler persönlich gerichtet. Dieses Schreiben hat er durch einen Domvikar Hitler überbringen lassen. Der Domvikar konnte jedoch seinen Auftrag, das Schreiben dem Reichskanzler persönlich auszuhändigen, nicht ausführen, denn das Schreiben wurde ihm im Vorzimmer abgenommen mit der Versicherung, daß es dem Reichskanzler zugestellt werden würde. Auf dieses Schreiben erhielt der Bischof aus der Kanzlei eine zwei Zeilen lange, nichtssagende Antwort angeblich im Auftrage Adolf Hitlers. – Das kathol. Kirchenblatt vom 15. Juli 1934 brachte ein Bild Klausners auf der Titelseite, einen kurzen Nachruf u. den Abdruck des letzten Grußes unseres Bischofs an den Verstorbenen. Dieser letzte Gruß enthielt die Worte: „. . . da wir vor [11] dem Häuflein Asche stehen, das man uns nur gelassen hat . . .“ – Wegen dieser Worte wurde das kathol. Kirchenblatt von der geh. Staatspolizei beschlagnahmt. Sobald Bischof Dr. Bares dies erfuhr, teilte er der Regierung schriftlich mit, daß er, – falls die Beschlagnahmung nicht innerhalb einer Stunde aufgehoben sei, er als Bischof von Berlin jede Beziehung zur Regierung abbrechen würde. Die Beschlagnahmung wurde daraufhin sofort aufgehoben. Bischof Dr. Bares hat diese gesamten Vorgänge in einem detaillierten Schriftstück niedergelegt u. an sämtliche deutschen Bischöfe gesandt. Daß er entsprechend nach Rom berichtet hat, darf man als selbstverständlich annehmen. –

     Die Lage des Katholizismus in Deutschland wird weiterhin charakterisiert dadurch, daß dem Gerüchte nach eine Liste von etwa 500 Katholiken bestehen soll, welche als staatsfeindlich betrachtet werden. Mit einer Verfolgung dieser Katholiken will man jedoch zunächst bis nach der Saar=Abstimmung warten. Geistliche sollen nicht verfolgt werden, um das Volk nicht zu verbittern. Dies hindert aber nicht, daß bekannte Geistliche sich ins Ausland begeben haben, z.B. Fahsel u. P. Friedrich Muckermann. Letzterer befindet sich in Holland u. die Geschichte seiner Flucht ist amüsant. M. wurde s.Zt. aufgefordert, in Luxemburg einen Vortrag zu halten u. dieser Vortrag wurde durch den dortigen Rundfunk=Sender verbreitet. Darauf wurde M. vertraulich mitgeteilt es sei besser, wenn er nicht nach Deutschland zurückkehre. M. blieb also fern. Inzwischen wurde die von ihm in Deutschland herausgegebene Korrespondenz beschlagnahmt u. sie mußte ihr Erscheinen einstellen. Einige Zeit später erschien in Münster in einem Nonnenkloster eine Nonne, welche Einlaß u. Unterkunft begehrte. Diese Nonne, die freilich durch ihre beachtliche Körpergröße etwas auffiel, blieb eine Zeit lang in der strengen Klausur des Klosters, um dann wieder nach Luxemburg zurückzukehren. Diese Nonne war niemand anders als P. Muckermann, der von jenem Kloster aus die redaktionelle Umorganisation seiner Korrespondenz=Redaktion vornahm. Es wurde in dieser Zeit ein neuer Schriftleiter ernannt u. die Korrespondenz durfte wieder erscheinen. M. selbst begab sich von Luxemburg aus nach Holland, von wo er nun nach wie vor seine Korrespondenz leitet.

     Ich halte diese Tatsachen deshalb für Wert, in diesem Tagebuch, welches ja eigentlich nur meine persönlichen Erlebnisse aufnehmen soll, festgehalten zu werden, weil sie mir eine Mahnung sein sollen, wie ernst auch meine Lage ist, bzw. werden kann. Wir Katholiken des 20. Jahrhunderts in Deutschland müssen uns jederzeit gefaßt machen, schlimmste Verfolgungen zu erleiden u. eventuell unseren Glauben mit dem Tode zu bezahlen. Sollte der allmächtige Gott von mir ein solches Opfer fordern, so habe ich wenigstens den Willen, dieses Opfer freudig zu bringen. Das Blut der Märtyrer ist der Same für neue Christen. Ich will eingedenk sein der Mahnung Christi, mich nicht zu fürchten vor jenen die bloß das Leben nehmen können; aber jenen zu fürchten, der die Seele hinabzustoßen vermag in die Hölle. Möge Gott, der allmächtige Vater, stets meinen Mut stärken.

     Liebe zum Kreuz ist die erste u. wichtigste [12] Tugend der Opferseele, aber nie soll diese Liebe zum Kreuz eine bloß natürlich-krankhafte Leidenssehnsucht sein, die als solche ja ganz unfruchtbar ist, sondern alles Leiden soll mir immer Mittel zum Zweck der Erlösung der Welt sein. Nur so wird das Leiden fruchtbar. Der Tod Dr. Klausners wird eines Tages seine Früchte tragen. Er wird eines Tages allen Kalholiken als leuchtendes Beispiel modernen Märtyrertums voranleuchten, wie er mir heute schon ein edles Beispiel treuer Pflichterfüllung ist. Hervorragend an ihm ist besonders die treue Erfüllung seiner Standespflichten als hoher Ministerialbeamter, die ihn niemals gehindert haben, ein frommer Katholik zu sein. Und grade hierin darf ich Klausner mir wohl zum Beispiel nehmen. Freilich war Klausner in der Erfüllung seiner Standespflichten als Ministerialdirektor sehr erfolgreich, während ich es nicht bin. Das aber darf mich nicht abhalten meine Standespflichten als Maler zu erfüllen. Es ist wohl hart ein erfolgloser Maler zu sein u. zur Fristung seines Lebens auf die spärlichen Groschen aus der öffentl. Wohlfahrtspflege u. gelegentlicher Almosen angewiesen zu sein. Aber Gottes wunderbare Pläne offenbaren sich mir grade hierin. Wenn ich den künstlerichen Ruf genießen würde, der mir nach meinem Können wohl zukommt, dann würde ich eitel auf irdischen Ruhm bedacht sein. Die Malerei würde mir bloß ein Mittel sein, diesen Ruhm zu befestigen u. zu steigern. So aber habe ich endlich u. schwer genug einsehen gelernt, daß Gott mir dieses Talent ja nicht gegeben hat, um meinen Ruhm zu suchen, sondern die größere Ehre Gottes. Nur zu dem Zweck, Gottes Ehre zu fördern, muß ich meine Kunst ausüben, u. dabei ist es belanglos, ob andere Menschen meine Bilder u. Zeichnungen sehen oder gar kaufen. Es kommt nur allein darauf an, daß ich meine Kunst zu keinem anderen Zweck gebrauche, als damit Gott zu ehren. Dieses aber muß ich. Ich habe nicht das Recht, die Uebung meines Talentes zu vernachlässigen, weil mir ein materieller u. irdischer Erfolg versagt bleibt. Wenn meine Bilder nur immer Gottes Ruhm verkünden u. nichts anderes, dann ist es belanglos, ob sie öffentlich vielen Menschen sichtbar sind, oder ob sie in meinem Atelier stehen u. ich sie nur gelegentlich einigen Wenigen zeige. Freilich werden sie Gottes Ruhm um so besser verkünden, wenn viele Menschen sie sehen, aber das ist nur eine Aeußerlichkeit. Die Blume, die im verborgenen Winkel blüht, verkündet Gottes Ruhm nicht weniger als jene, die vom Schicksal in einen öffentlichen Park [13] gestellt worden ist, wo viele sie bewundern. Ein Kunstwerk, welches dem Ruhme des Künstlers dient, muß allerdings von vielen gesehen werden, denn der Künstler will Ruhm vor den Menschen. Ein Kunstwerk aber, welches dem Ruhme Gottes dient, trägt seinen Wert still in sich selbst u. wird von der Bewunderung der Menschen garnicht berührt.

     Es ist daher eine wichtige Seite meines Opferseelen=Berufes, daß ich treu meinen Standespflichten nachgehe u. das mir von Gott gegebene Talent nicht vernachlässige. Daß ich dabei auf eigenen Ruhm verzichte, das ist das erste u. wichtigste Opfer, das ich Gott darzubringen berufen bin. Dein Wille geschehe! In diesem Jesus nachzueifern, der gekommen ist, den Willen des Vaters zu tun u. nicht eigenen Ruhm zu suchen, – das ist die vornehmste Aufgabe, die Gott von mir verlangt. Wenn ich diesen Seinen Willen treu erfülle, so wird Er auch mir die Treue halten u. mich nicht verhungern lassen. So will ich Gott unablässig um Kraft u. Stärke bitten, daß ich demütig die Last u. Hitze des grauen Alltags unverdrossen zu tragen vermag.

     P. Lense nennt als Voraussetzungen zum Opferseelen=Beruf: Flucht vor der Sünde, Uebung christl. Tugenden, Beobachtung der Gebote Gottes u. Erfüllung der Standespflichten. Dies nennt er das christl. Lebensprogramm. Dieses Programm habe ich mir seit den Exerzitien durch P. Muckermann vor 16 Monaten ernsthaft zu eigen gemacht u. in der Firmung hat mir Gott Kraft gegeben, dieses Programm immer besser zu verwirklichen. Ich darf zuversichtlich hoffen, daß ich so auch die höhere Stufe des übernatürlichen Lebens erreichen werde, denn Gott leiht mir dazu sichtbar Seine Kraft.

     Mit dieser von Gott geliehenen Kraft werde ich, wenn ich nur treu mit Seiner Gnade mitwirke, die drei Wege beschreiten können, die zur Vollkommenheit des übernatürlichen Lebens führen: den Weg der Reinigung, den Weg der Erleuchtung u. den Weg der Einigung. Dazu bin ich bereit alle Leiden, die Gott mir schickt, bereitwillig auf mich zu nehmen, doch glaube ich nicht, daß ich dies mit eigenen Kräften tun kann, wenn Gott mir nicht die Kraft Seiner Gnade leiht.

     Zuversichtlich darf ich aber sein. Seit meiner Firmung habe ich ganz entschlossen den Kampf gegen die schwere Sünde aufgenommen u. Gott hat mir in diesem Kampfe treu beigestanden. Ich habe damals alle Bequemlichkeit verlassen u. habe sie eingetauscht gegen die Aermlichkeit meines Ateliers, in dem ich wohne, in dem es im Sommer fast unerträglich [14] heiß ist u. in dem ich im Winter friere. Ich habe rigoros die Verbindung mit Menschen zerrissen, von denen ich Nahrung u. materielle Vorteile hatte, die mir aber gefährlich waren. Gegen die Begierlichkeit habe ich entschlossen den Kampf aufgenommen u. bis auf das leidige Rauchen habe ich das alles von mir getan. Die schwere Sünde habe ich so in mir ausgerottet mit Gottes gnädiger Hülfe, – möge Er mir auch weiter beistehen, nun auch alle läßlichen Sünden u. alle Unvollkommenheiten zu meiden.

     So weit es an mir selbst liegt, wende ich alle Mittel an, die mir zu diesem Ziele helfen: Dieses Tagebuch soll dem Zweck dienen, mein Gewissen immer wieder von Neuem zu durchforschen u. diese gründliche Gewissenserforschung möge in mir das Verlangen nach dem hl. Sakrament der Buße erwecken, nach Möglichkeit wöchentlich. Gott hat mir in P. Krächan Provinzial, S.D.S. in St. Salvator, Schmargendorf, einen Beichtvater gesandt der mein geistliches Leben mit liebender Hand leitet u. mich unterweist. Ein neuer Beweis für mich, wie Gott mir helfend zur Seite steht. Der tägliche Empfang der hl. Eucharistie in unserer Marienkirche in Friedenau aber ist die mächtigste Hilfe auf meinem Wege die mir der göttl. Heiland selbst erweist. Wenn ich nur nicht nachlasse u. treu mitwirke, so wird mir Gott auch ferner Seine Hilfe nicht versagen u. ich darf zuversichtlich hoffen, daß meine Seele mit der Zeit immer reiner u. reiner wird u. ich schließlich würdig der Freundschaft Gottes werde.

     Nach meiner Konversion empfand ich als eine der größten Schwierigkeiten die Erlernung der Kunst des Gebetes. Hier fühle ich auch heute noch Mängel. So unterlasse ich z.B. stets morgens beim Erwachen ein kurzes Gebet u. das Kreuzzeichen, weil ich fast stets zu verschlafen bin. Ich muß diese Trägheit unbedingt überwinden lernen. Schwer war es, mich zu gewöhnen, vor meinem kärglichen Mittagessen, das ja nie ein richtiges, bürgerliches Mittagessen ist, zu beten aber endlich habe ich mich doch besiegt. Sehr schwer ist es, zu beten, wenn ich einmal in ein öffentl. Restaurant zum Essen gehe. Ich fürchte mich, aufzufallen. Dies ist ein Mangel an Mut u. Bekenntnisfreudigkeit u. ich mache mir deshalb stets schwere Vorwürfe. Ich verleugne Christus vor den Menschen, bekenne ihn nicht vor den Menschen, – wie kann ich erwarten, daß Christus mich vor Seinem Vater bekennen wird? – Mein Gott verleihe mir mehr Tapferkeit u. Mut Christus zu bekennen u. zu predigen, sei es durch Wort oder Tat, sei es gelegen oder ungelegen. Verleihe mir Mut, mein Gott!

[15]      Andererseits bete ich gern. Besonders den Rosenkranz u. den Engel des Herrn. Wenn ich spazieren gehe, trage ich den Rosenkranz in der Tasche u. bete, meist alle 15 Geheimnisse, zuweilen zweimal. Aber über diese einfache Betrachtungsform des Gebetes bin ich noch nicht hinausgelangt. Ich vermag wohl zu viel in diese Betrachtungsform hineinzulegen, – ja, ich lege eigentlich alles in sie hinnein u. empfinde daher nicht das Bedürfnis, über diese festen Formen hinaus noch besondere eigene Formen des Gebetes zu suchen. Ein Vaterunser ist für mich so universell u. umfassend daß ich mir nicht vorstellen kann, darüber hinaus noch mehr zu Gott zu sagen. In der Betrachtung liegt für mich das Lob u. die Anbetung Gottes u. auch Dank u. Sühne. Persönliche Bitten an Gott zu richten, fällt mir eigentlich niemals ein, wie sollte es auch, wo ich doch ausdrücklich bitte: Dein Wille geschehe! – u. nicht der meine. – Ich glaube daß Gott die Form meines Gebetes auch so gefällt, wenngleich mein Eifer darin auch noch größer werden muß. Jene Vision, die ich hatte, würde ich im anderen Falle nicht gehabt haben, – sie war eine Beschauung, die mir Gott in Seiner Gnade zuteil werden ließ. Ich bitte Gott auch nicht, daß Er mir noch mehr Gnade in dieser Form der mystischen Beschauung zuteil werden lassen möge. Er weiß schon, was mir gut ist u. wird es mir geben, wenn es an der Zeit ist.

     Das Schwerste aber seit meiner Konversion war die Tugend der Demut. Bis zu den Exerzitien unter P. Muckermann hatte ich davon überhaupt keine Vorstellung. Wenn ich zurücksehe, erkenne ich, in welch ungeheurer Gefahr ich damals war, an meinem Hochmut zu zerbrechen. Gott hat damals meinen Hochmut zwar hart gestraft u. ich denke nicht ohne Grauen an dieses erste Jahr meines katholischen Lebens, – aber Gottes Strafen führten mich zielsicher zur Einsicht u. Erkenntnis. Ich hielt mich damals für demütig u. war voll Hochmut. Inzwischen habe ich langsam aber viel gelernt. Noch längst nicht alles! Aber Gott hat mir die Augen geöffnet, sodaß ich meinen Hochmut wenigstens erkenne. Und ich spüre ihn mit Eifer auf, in welche Schlupfwinkel u. Vermummungen er sich auch verkriechen mag. Ich darf also auch hier hoffen, allmählich weiter fortzuschreiten u. schließlich einmal jenen bewunderungswürdigen Grad der Demut zu erreichen, wie ich ihn am hl. Franziskus sehe. Aber noch ist es nicht so weit, das geht schon aus dem hervor, was ich vom öffentlichen Bekennen Jesu im Gebet schrieb. Möge mir [16] der allmächtige Gott in Seiner Gande die große Kraft geben, dem Heiland in der Demut immer weiter zu folgen, bis zur tiefsten Erniedrigung meiner Person vor den Menschen zur größeren Ehre Gottes. Möge mir Gott Kraft geben, daß ich mich niemals auflehne gegen Verachtung, die mir widerfährt. Möge mir der allmächtige Gott Kraft geben, stets zu schweigen, wenn mir widersprochen wird, außer es handelte sich um das Lob Gottes, u. möge ich stets die Kraft haben, alle Kränkungen u. Schmähungen, die ich erfahre, widerspruchslos u. gelassen hinzunehmen.

     Das Problem der Armut macht mir keine großen Sorgen. Die Armut gehört zu meiner Natur wie das Wasser zum Fisch. Die Keuschheit der Gedanken ist viel schwerer. Die Bilder der Sünden früherer Jahre verfolgen mich oft u. überfallen mich, wenn ich wehrlos bin. Die betonte Unkeuschheit unserer Zeit, die mir überall entgegentritt u. sich aufdrängt erschwert es ungeheuer, daß die Klarheit der Seele nicht oft getrübt wird durch solch giftigen Dunst. Aber je schwerer es ist, um so eifriger muß man daran arbeiten. Es muß so sein, daß man die Unkeuschheit der Umgebung ebenso wenig bemerkt, wie etwa Buddha das Gewitter nicht bemerkte, obgleich der Blitz neben ihm ein Joch Ochsen erschlug u. obgleich der Regen ihn durchnäßte. Die Unkeuschheit der Umgebung mag ein etwas mildernder Umstand sein für die Entschuldigung unkeuscher Gedanken, aber eine Entschuldigung ist sie nicht. – Der Gehorsam wiederum fällt mir leichter, wenn ich nur überhaupt erst Gottes Willen erkannt habe.

     Ist es mit den sittlichen Tugenden der Armut, der Keuschheit u. des Gehorsams ziemlich befriedigend, so fehlt es mir um so mehr an den Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit u. Starkmut.

[16] Sonnabend, den 15. Sept. 1934.

[16]      Gestern Abend traf ich meinen Nachbar, einen russischen Maler mit Namen Gorbatiuk, 30 Jahre alt. Russisch=katholisch. Er ist schon gelegentlich mit mir zur Frühmesse gegangen u. wir unterhalten uns öfter über religiöse Fragen. Die russ.=kath. Kirche bietet ihm nicht genug. Der Pope ist, wie er sagt, schmutzig u. ungebildet. Außerdem trifft er dort seine Landsleute, russ. Offiziere u. Emigranten, über deren Niveau er längst hinausgewachsen ist u. mit denen er keinen Umgang pflegt. Er ist ein sehr guter Mensch, idealistisch mit bestem Willen u. entwickelter Sittlichkeit, aber schwach, wie Russen so oft, besonders dem Alkohol gegenüber. [17] Ich bete oft für sein Seelenheil zur Jungfrau Maria. –

     Gestern fragte ich ihn unvermittelt, einer momentanen Eingebung folgend, ob er nicht zur röm.-kath. Kirche übertreten wolle. Zu meiner Freude nahm er den Gedanken sofort auf. Er meinte, daß er dann eher einen inneren Halt haben würde u. nicht mehr wie jetzt so oft seinen seelischen Nöten ohne Hülfe gegenüberstehen würde. – Ich war glücklich u. versprach ihm, sofort das Notwendige mit Kaplan Dr. Tetzlaff zu besprechen.

     Hierzu werde ich heute gleich Gelegenheit haben, da ich bei unseren Pfarrer Menzel zum Mittagessen eingeladen bin u. dort auch den Kaplan treffe. Mit dieser Einladung verhält es sich folgendermaßen:

     Pf. Menzel hat in seiner Amtsführung eigene Ansichten. So hält er die Kirche verschlossen, wenn nicht Gottesdienst ist. Da ich öfter das Verlangen nach einer stillen Gebetsstunde in der Kirche habe, ärgere ich mich, daß ich dies nicht ausführen kann. Der Pfarrer begründet aber das Verschließen des Kirche damit, daß Kinder in der unbeaufsichtigten Kirche Unfug treiben. Deshalb habe ich schon vor einem Jahr den Vorschlag gemacht den Vorraum der Kirche durch eine verschließbares Gitter abzusperren, damit man wenigstens hinter diesem Gitter beten kann. In diesem Vorraum wäre dann auch noch die Immerwährende Hülfe u. das Antoniusbild gewesen. Die Kosten für das Gitter sollten durch Spenden aufgebracht werden.

     Der Pfarrer nahm den Vorschlag auf, betrieb aber die Sammlung mit zu geringem Eifer, den er dann schließlich ganz einschlafen ließ. Alles blieb beim alten. Jetzt habe ich erneut einen Vorschlag gemacht: ich habe mich erboten, täglich Nachmittags 2 Stunden die Aufsicht in der Kirche zu übernehmen u. in diesen 2 Stden. für die Einheit unserer Gemeinde zu beten. Erfreulicherweise scheint der Pfarrer auf diesen Vorschlag eingehen zu wollen, jedenfalls hat er mich heute zum Mittagessen eingeladen, um bei dieser Gelegenheit die Sache zu besprechen.

     Gestern schrieb ich, daß es mir noch sehr an den Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit u. Starkmut gebräche. Die Entwicklung meines Planes der Kirchenöffnung scheint ein Beweis zu sein, daß es mit der Tugend der Klugheit schon besser geworden ist. Ich habe in meinem Leben viele Unklugheiten begangen, – wollte Gott, daß ich darin Fortschritte machte! Je mehr ich Fortschritte mache im geistlichen Leben, um so besser entwicklen sich diese Kardinaltugenden u. am Ende ist es so, daß man nur allein bedacht sein braucht auf eine Ausreifung der drei theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese [18] drei Tugenden verbinden die Seele unmittelbar mit Gott wie P. Lense sagt, u. wo diese Verbindung ist, da ist es unmöglich, daß die übrigen Tugenden fehlen. In Glaube, Hoffnung u. Liebe ist alles andere eingeschlossen wie in einer Schachtel. – Von diesen drei theologischen Tugenden ist es wiederum die Liebe, die die anderen beiden in sich einschließt.

     Mit der Liebe ist es nun bei mir so: als Kind habe ich in hohem Maße ein sehr liebefähiges Herz gehabt (wie wohl fast alle Kinder). Als ich mit 10 Jahren ins Kadettenkorps kam, wurde mir beigebracht, daß die Art, wie ich bis dahin die Liebe als Nächstenliebe übte, schwächlich u. unmännlich (!) sei. Ich wurde zur Gemütshärte erzogen. Die vielen Wechselfälle meines späteren Lebens, Hunger, Not u. jede Art von Armut haben dann mein Gemüt weiter verhärtet. Die Erlebnisse des Krieges u. der Nachkriegszeit haben diese Verhärtung noch verstärkt. – Es war aber nicht so, daß meine Liebesfähigkeit vernichtet worden wäre, sondern vielmehr nahm dieser Empfindungskomplex nur eine umgekehrte Form an. Aus meiner Liebe zu den Armen, Schwachen, Unterdrückten wurde ein Haß gegen die Reichen, die Mächtigen u. die Gewalthaber. So wurde ich etwas Aehnliches wie ein Kommunist u. erst die kathol. Religion hat mich erkennen lassen, wie diese Umkehrung eines ursprünglich guten u. positiven Liebesbedürfnisses in ein schlechtes u. negatives Haßgefühl mein ganzes Leben von innen heraus wahrhaft vergiftet hat.

     Es muß also meine ganze Arbeit darauf gerichtet sein, dieses Liebesbedürfnis wieder zur Entfaltung zu bringen. Haß darf ich in keiner Form mehr in mir dulden, – selbst nicht dem ekelhaften Sünder gegenüber. Die Sünde selbst darf u. muß ich hassen, aber denjenigen, welcher die Sünde tut, darf ich nicht hassen. Ich darf mich auch nicht mehr vor dem Aussatz der Sünde ekeln. Diesen Ekel muß ich überwinden mit aller Kraft. Ich muß mir den hl. Pfarrer von Ars zum Beispiel nehmen, der in treuer Nachfolge Christi die Sünder aufsuchte u. ihnen Gottes Wort predigte, sei es gelegen oder ungelegen, u. der dann, wenn seine Predigt ganz erfolglos blieb, in Tränen des Mitleids mit dem Sünder ausbrach. Nicht Haß gegen den Sünder! Mitleid mit dem Sünder, – Trauer über den Gottlosen! Mein Liebesbedürfnis muß ich planmäßig neu erwecken u. unablässig stärken. Wie war ich in Ahrenshoop ungeduldig über die Menschen u. auch über Maria Wegscheider, als sie so sehr jammerte u. klagte über ihr körperliches Unwohlsein u. Kopfweh. Solche Ungeduld darf nicht mehr in mir sein. [19] Ich selbst darf mir niemals eine Klage erlauben, – aber die Klagen anderer muß ich ruhig ertragen lernen, denn wenn man dem anderen schon nicht helfen kann, was ja traurig ist, so muß man ihm wenigstens darin wohltun, daß man seine Klagen teilnehmend entgegennimmt. – Freilich ist das sehr schwer. Gib mir Kraft, mein Gott, daß ich dies alles lerne. Alle Ungeduld, alle Lieblosigkeit gegen den Nächsten ist nur immer ein Zeichen, daß ich selbst mein Herz noch nicht ganz Gott anheimgegeben habe. Wie aber kann Gott das Werk Seiner Gnade in mir vollenden, wenn ich Ihm nicht ganz mein Herz öffne? – „Niemand kommt zum Sohne, wenn ihn der Vater nicht zieht!“ Mein Gott ich bitte Dich, Du wollest mich ziehen, ob mit, ob ohne meinen Willen, ob gegen meinen Willen!

     Die Tugend der Liebe ist der Schlüssel zum ewigen Leben. In der Liebe allein wohnt Jesus. Jesus ist die Liebe. Die Schule der göttl. Liebe ist für uns Menschen hier auf Erden die Nächstenliebe. Ich werde daran gehen müssen, darüber nachzusinnen, wie ich täglich die Nächstenliebe üben kann. Es ist etwas schwer für mich, weil ich fast garnicht mit Menschen in Berührung komme. Da sind meine abendlichen Rosenkranz=Spaziergänge ein gutes Mittel, indem ich alle 15 Geheimnisse auf solch einem Spaziergang bete, – manchmal zweimal, wenn ich so weit gehen kann, ohne daß mein Bein versagt. Und dieses Rosenkranzgebet verrichte ich als Gegengewicht gegen die Sünde u. zur Befreiung der Sünder von der Sünde. – Aber oft unterlasse ich aus Bequemlichkeit Liebesdienste, die ich gut verrichten könnte. So überlasse ich oft meinen Nachbarn Gorbatiuk seiner Schwäche u. seinem Leichtsinn, anstatt ihn zu stützen u. zu helfen. Das alles muß viel besser werden!

     Wohl habe ich die Sehnsucht nach vollkommener Hingabe an den Heiland, doch bin ich oft zu träge u. zu bequem mich selbst zu überwinden. Es drängt mich, meinen Leib u. meine Seele, meinen Geist u. mein Gemüt in feierlicher Weise Gott zu weihen; aber ist dieses Geschenk welches ich Gott anbiete, doch noch zu dürftig? – Was kann ich tun, als Dich, Jungfrau Marie, Gottesmutter, Ausspenderin aller Gnaden, immer wieder zu bitten, meine Seele zu reinigen u. mich würdig zu machen zu einem Gott wohlgefälligen Opfer! – Dich, heilige Mutter Gottes, bitte ich, sende mir aus Deinem Gnadenschatze den Gottvater Dir zur Verwaltung übergeben hat, schmerzliche Leiden des Leibes u. der Seele, des Geistes u. Gemütes, damit ich in solchem Schmelztiegel des Leidens endlich [20] geläutert u. gereinigt werde, um würdig zu sein, Opferseele für Christi Welterlösungswerk zu werden.

     Gib mir, heilige Mutter Gottes, einen rechten Geist, der freudig die Leidensmöglichkeiten, von denen ich rings umgeben bin, wahrnimmt u. aufnimmt. Erlaube nicht, heilige Mutter Gottes, daß ich das Auge meines Geistes vor diesen Leidensmöglichkeiten verschließe u. diese Leiden abweise. Täglich lese ich in der Zeitung die schrecklichen u. gemeinen Beleidigungen, die unsere gottlose Zeit Deinem Sohne zufügt, ich sehe diese Beleidigungen ständig überall. Gib mir, hl. Mutter Gottes, einen Geist, der solches in sich aufimmt u. der dadurch in Traurigkeit versetzt wird. Gib mir Haß u. Ekel vor der Sünde, aber liebendes Mitleid mit dem Sünder. Gib mir einen Geist, der mit Christus lebt, gib mir, daß ich die Leiden Christi mitleide, wenn ich den schmerzhaften Rosenkranz bete u. laß nicht zu, daß ich kalt u. ungerührt die Bilder dieser Leiden an mir vorbei ziehen lasse. – Heute am 15. Sept. feiern wir ja Dein Fest der sieben Schmerzen, wir verehren Deine Schmerzen. Laß mich, heilige Mutter Gottes, die beseligende Wirkung Deiner Schmerzen erfahren. – Als der Heiland am Kreuze sprach: „Weib, sieh, deinen Sohn“, – da meinte Er ja auch mich. Auch ich bin Johannes, Dein Sohn. Gib mir, Maria, meine Mutter, einen Geist, der aufmerkt u. aufschaut, ob ein Schmerz gleich ist Deinem Schmerze, als Du unter dem Kreuze standest, an dem Dein Sohne hing. Er, den die ganze Welt nicht faßt, er trägt diese Kreuzesqual, er, der menschgewordene Schöpfer. Du, hl. Gottesmutter, stehst vor dem Angesichte Gottes, des Vaters. Denke daran, daß Du ein gutes Wort für mich sprichst.

     Gib, Maria, daß ich immer lebendig u. heiß die Sühne empfinde mit dem gekreuzigten Heiland. Nicht nur so oberflächlich, wie man so vor dem Tabernakel kniet. Bitte für mich, hl. Gottesmutter, daß Jesus Christus mich aufnimmt in die Wunde Seines Herzens. Laß mich mit Christus die Sünde der ganzen Welt betrachten u. entfache in mir die Begier, teilzuhaben am Sühneleiden Deines Sohnes für diese Sünde der Welt. Bitte für mich, daß der Heiland mich, der ich vor Seinem Tabernakel kniee, einläd, einzutreten in die stille Zelle seiner eucharistischen Liebe. Diese Vereinigung mit dem Herzschlag des eucharistischen Heilandes, die mir P. Krächan immer so sehr empfiehlt, – sie fehlt mir noch. Ich bitte Dich, hl. Gottesmutter, Ausspenderin aller Gnaden, gib mir diese Gnade.

     Noch kniee ich nur vor dem Tabernakel. [21] Noch ist mein Herz nicht durchpulst vom gleichen Schlage des Herzens des eucharistischen Heilandes, noch bin ich nicht in dem brennenden Feuerofen der Liebe des Erlöserherzens. Bitte für mich hl. Gottesgebärerin, daß ich würdig werde der Verheißungen Christi. Bitte für mich, daß auch ich mich vereinigen darf mit Jesus, Deinem Sohn, dem göttlichen Hohenpriester, in Seinem Erlöserberuf als Schlachtopfer der ganzen Welt. – Bitte für mich, hl. Maria, meine Mutter! u. bitte auch Du, hl. kleine Therese, meine Schwester!

     Eben komme ich von Pf. Menzel. Er war bei Tisch so freundlich, wie ich ihn noch nie erlebt habe, billigte meinen Plan betr. Kirchenöffnung, glaubt aber, daß ich es auf die Dauer nicht machen könnte. Ich erwiderte ihm, daß ich auch nicht glaubte mein Aufsichtsamt auf die Dauer auszuüben, sondern daß ich in den zwei täglichen Stunden der Aufsicht beten würde um Hülfe. Ich wäre überzeugt, daß ich nicht lange allein in der Kirche beten würde u. daß der lb. Gott mir Helfer senden würde. Der Pfarrer war skeptisch, aber konnte nicht gut etwas dagegen einwenden. – Es war dann die Rede davon, daß so viele Schreibarbeit liegen bliebe, da er keine Zeit habe. Auch sei die Buchführung nicht in Ordnung die Rechnungen nicht richtig abgeheftet u. die Gemeindekartei sei in bösem Zustande. Ich erbot mich sofort, dies alles in Ordnung zu bringen u. täglich für die Gemeinde zu arbeiten. Der Pfarrer fragte mich nach meinen Gehaltsansprüchen u. ließ durchblicken, daß er längst eine solche Arbeitshülfe gebraucht habe, aber kein Gehalt zahlen könne. Ich erwiderte, daß mir das Gehalt ganz gleichgültig sei. Er solle mir erst einmal die Arbeit geben, wenn ich die gemacht hätte, könne er selbst sehen, was er dafür bezahlen könne, – u. wenn er garnichts zahlen könne, dann wäre es mir auch recht, – ich wolle nur arbeiten. – Damit war er dann zufrieden u. wir verabredeten, daß ich am Montag, den 17. ds. Mts. (übermorgen) wieder zu ihm kommen solle, u. die Besprechung fortzusetzen. Ich sprach auch von meinen kleinen Bildern u. Zeichnungen u. er bat mich, ihm etwas zu zeigen. –

     Nach Tisch forderte mich der Kaplan noch zu einer Cigarette zu sich auf. Ich sprach mit ihm über Gorbatiuk. Wir verabredeten, daß der Kaplan demnächst einmal zu mir kommen sollte, um G. kennen zu lernen u. daß G. dann einige male zur Unterweisung zu ihm kommen sollte. – Er gestand mir, [22] daß die Absicht bestanden habe, ihn zu versetzen u. daß grade eben die Möglichkeit gegeben sei eine Seelsorge in einem großen Berliner Entbindungsheim zu erhalten. Meine Begeisterung für eine Arbeit in der Gemeinde aber habe ihn nun bewogen, diese Pläne zurückzustellen. Auf meine Anregung hin hat er sich einen Jesuiten-Pater aus Düsseldorf verschrieben der Spezialist für Vorträge im Männer-Apostolat ist u. hier in Bln. dauernd solche Vorträge hält. Er wird dies nun auch in unserem Männerapostolat tun. Der Kaplan verspricht sich viel davon, daß meine kleine Tätigkeit die Vorträge jenes Paters u. seine eigene Wirksamkeit in diesem Winter belebend auf die Gemeinde einwirken werden, so daß eine wirklich fruchtbare Arbeit möglich ist. – Es scheint also, als ob Gott selbst hilft u. alles viel besser wird, als ich je gehofft hatte. Es wird meinem unverdrossenen Eifer bestimmt gelingen, den vergrämten Pessimismus unseres alten Pfarrers zu überwinden, – u. wenn er auch gelegentlich unfreundlich ist, wie es seine Art ist, dann wird mir das eine prächtige Demutsübung sein. Es muß gelingen bis zum Frühjahr ein solch frisches Leben in die eingeschlafene Gemeinde zu bringen, daß der Pfarrer davon mitgerissen wird. Wenn dann der prächtige Kaplan Dr. T. geht, dann muß sein Nachfolger eine feste, geschlossene Gemeinde finden, die frisch u. zuversichtlich ihren klaren Weg geht.

     So sehe ich nun endlich auch für mich einen Weg. Mein Gott, – ich danke Dir, daß Du mich erhörtest.

[22] Sonntag, d. 16. Sept. 1934. 17. Sonnt. n. Pf.

[22]      Gestern abend ging ich nach Schmargendorf zu St. Salvator. Hatte die Absicht zu beichten u. anschließend der Abendandacht beizuwohnen. Jedoch wurde ich durch Kleinigkeiten aufgehalten u. kam nur zur Abendandacht, wobei ich feststellte, daß P. Krächan noch nicht vom Urlaub zurück ist. Ich hätte also bei P. Tannerbauer beichten müssen u. wollte dies auch eventuell noch nach der Andacht tun, jedoch waren ziemlich viel Beichtende da. Der Weg nach Schmargendorf war mir schon sehr schwer gefallen, ich konnte den Rückweg nur ganz langsam machen u. so hätte es zu lange gedauert, wenn ich mit der Beichte noch Zeit geopfert hätte.

     Heute früh war es mit dem Bein noch nicht viel besser sodaß ich mich nach der Frühmesse entschloß, diesmal das Hochamt nicht in Schmargendorf, sondern bei uns in Friedenau zu besuchen. Und siehe, es war sehr schön so. Es ist schon bald ein Jahr her, daß ich kein Hochamt mehr in unserer Kirche besucht habe u. ich freute mich, wieder einmal das schöne Orgelspiel unseres [23] vorzüglichen Organisten zu hören, dazu den schönen gregorianischen Choral, den unser Chor ausgezeichnet singt. Wie wunderbar ist doch dieses Kyrie, das Gloria, das Credo usw., mir ging das Herz auf. Das entbehrt man in Schmargendorf doch gar zu sehr, die Musik ist dort zuweilen beinahe Gotteslästerung. Aber der lb. Gott sieht ja zum Glück nicht auf die Leistung, sondern auf den guten Willen. Wie großzügig ist doch Gott!

     Aber die Musik bei uns war heute nicht das Schönste. Das Schönste war vielmehr die Predigt, die der Kaplan hielt, da er Dienst hatte. Seine ganze Predigt war der Niederschlag unserer Unterhaltung vom Donnerstag u. vom Sonnabend. Wenn ich bisher geglaubt hatte, daß der Kaplan meinen Ideen im Grunde doch kühl gegenüber stand, so hat mir seine Predigt gezeigt, daß ich mich darin sehr geirrt habe. Als gebürtiger Pommer aus Greifswald ist er in seinem Wesen sehr ruhig, gemäßigt u. zurückhaltend. Um so beglückender war es für mich, aus der Predigt heraushören zukönnen, wie leidenschaftlich er meine Ideen innerlich verarbeitet hatte u. wie klar u. schlicht er dieselben nun in die Form seiner Predigt gebracht hatte. – Gott weiß, daß ich dabei ohne Eitelkeit bin; aber ich bin dankbar, daß meine Gedanken auf solch fruchtbaren u. aufnahmefähigen Boden gefallen sind u. daß mein Verkehr mit dem Kaplan nicht gleichgültig ist. – Ich war von seiner Predigt begeistert u. habe nun die Zuversicht, daß ich doch endlich zu einer fruchtbaren Tätigkeit in der Gemeinde kommen werde.

     Abends bei der Abendandacht traf ich Dr. Pauli, den ich bis zu seinem Hause begleitete.

     Von Maria W. erhielt ich einen ganz reizenden Brief. Wohl selten hat ein Mensch so guten Willen, wie sie, – u. dazu so vorzügliche Anlagen. Möge der lb. Gott sie beschützen.

[23] Montag, den 17. Sept 1934. Wundmale des heiligen Franziskus.

[23]      In einem Artikel in der Deutschen Zukünft lese ich, unsere heutige technische Welt sei „Vergegenständlichung des Geistes“. Da ist also eine untechnische – etwa eine religiöse Welt, – „Vergeistigung des Gegenständlichen“. Dies scheint mir ein sehr guter Ausdruck zu sein. – –

     Nachmittags 5 Uhr bei Pfarrer Menzel zur verabredeten Besprechung. Zurerst zeigte ich ihm Zeichnungen u. kleine Bilder, die ich auf seinen Wunsch mitgebracht hatte. Er hatte aber für die Sachen überhaupt kein Verständnis. –

     Sodann zeigte er mir in einem Zimmer im Dachgeschoß die sog. „Kartei“. Dieselbe bestand aus zwei Kästen mit Karten, welche räumlich nicht paßten u. folglich schräg standen. Der Vorteil der Handlichkeit einer Kartei ist dadurch mindestens beeinträchtigt. Ich selbst gehöre seit mehr als zwei Jahren zur Gemeinde, doch war ich nicht in der Kartei. Es ist also sicher, daß die Kartei seit mindestens zwei Jahren in Unordnung ist, sicher aber schon länger. Es wird nicht viel davon zu gebrauchen sein. Eine Neueinrichtung wird eine gewaltige Arbeit sein, [24] wenn sich nicht andere Hülfsmittel ergeben sollten, so wird nichts anderes übrig bleiben als auf den Polizeimeldeämtern eine völlige Neuaufstellung zu machen. Ob das überhaupt möglich ist, erscheint mir zweifelhaft. – Die nach Namen geordnete Kartei scheint einmal vollzählig gewesen zu sein. Nachtragungen sind teilweise liederlich gemacht, teilweise liegen verschmutzte Notizzettel zwischen den Karten, wahrscheinlich, um einmal nachgetragen zu werden. Die Karten selbst sind nicht durchweg einheitlich. – Die nach Straßen geordnete Kartei ist offenbar über den ersten Versuch nicht hinausgekommen. Das Ganze macht einen entmutigenden Eindruck.

     Der Pfarrer selbst möchte gern entlastet werden. Es handelt sich, wie mir scheint, um die Rechnungsführung u. das Vereinsleben, sowie um das Gemeindehaus. Der ehrenamtliche (?) Kirchenrendant ist in Urlaub, vor seiner Rückkehr wird man nichts unternehmen können Er soll nach Ansicht des Pfarres sehr gewissenhaft u. technisch mustergültig sein, – also sehe ich nicht, was ich dabei soll! Es dürfte sich wohl mehr um das Bereich des Amtsrat Schindler handeln, der Vorsitzender des Sammelvereins ist, – also um Gelder des Sammelvereins u. dessen Buchführung. Mithin ist eine Fühlungnahme mit Herrn Sch. notwendig. Dieser wird ja wohl auch eine Liste der Mitglieder des Sammelvereins haben an Hand deren man vielleicht provisorisch die Kartei bearbeiten könnte. – Ich habe dem Pfarrer vorgeschlagen, eine Zusammenkunft zwischen mir u. Herr Sch. herbeizuführen, was vermutlich am Mittwoch möglich sein wird. –

     Mir scheint, daß ich mir da eine Sache auf den Hals geladen habe, welche allerdings ein sehr erhebliches Opfer von mir fordert. – Aber ich will ja Opfer bringen. Ich habe mir das freilich nicht so gedacht. Aber das ist ja das Erste, was ich tun muß: meine eigenen Wünsche für nichts achten u. tun, was von mir verlangt wird. Beim Anblick der verstaubten u. verwahrlosten Kartei bin ich im ersten Moment mutlos geworden. Wenn ich diese Arbeit machen sollte im Sinne des Artikels in der Deutschen Zukunft: Vergegenständlichung des Geistes, dann finge ich sie besser garnicht erst an. Eine mechanischere u. langweiligere Arbeit als diese läßt sich kaum denken. Wenn ich diese Arbeit aber als eine Vergeistigung des Gegenständlichen auffasse, dann bekommt sie ein anderes Gesicht. Es handelt sich ja um eine Ordnung –, Ordnung ist Erlösung aus qualvoller Unordnung. Also Erlösung. Auch in dieser Arbeit, wenn ich sie treu u. gewissenhaft erfülle, ist also eine innige Vereinigung mit Jesus Christus möglich, ja, diese Vereinigung ist überhaupt Voraussetzung, um die enge Gegenständlichkeit der Arbeit zu überwinden u. zu vergeistigen. So kann die Ordnung dieser schmutzigen Kartei zu einer Erlösertat gemacht werden, indem ich selbst mich dazu opfere für unsere Gemeinde. Gott hat also meine Bitte erhört u. hat mich aufgerufen zum Beruf der Opferseele. Die niedrige Art, dieser Arbeit kann ich vergleichen mit der Erniedrigung des Logos, als Er Knechtsgestalt annahm u. je mehr ich mich in solche Gedanken [25] versenke, um so mehr spüre ich die hohe Auszeichnung, die für mich in dieser Sache liegt.

     Mein Gott, ich danke Dir!

     P. Lense sagt: Die Berufung zum Leben als Opferseele im eigentlichen Sinne des Wortes ist also eine direkte, unmittelbare u. persönliche Berufung des Heiligen Geistes zum Opfer des eigenen Lebens. . . .

     Ich weiß nicht, ob an mich eine solche direkte, unmittelbare u. persönliche Berufung ergangen ist. Ich habe keine Vision gehabt oder sonst in einer übernatürlichen Art einen solchen Ruf verspürt. Daß der Gedanke in mir lebendig ist, das kann ja auch eine rein menschlich natürliche Eitelkeit von mir sein. Vielleicht vermesse ich mich eitel u. greife nach einem Beruf, für den ich nicht die Eignung u. die Kraft habe? Aber niemand hat von sich aus diese Kraft. Diese Kraft ist an sich übernatürlich u. kommt von Gott. Ob Gott mir die Kraft leiht, wird sich erweisen, mir bleibt nichts anderes übrig, als Gott in ständigem Gebet um diese Kraft zu bitten, – denn daß ich sie noch nicht habe, das spüre ich wohl! Ich spüre sogar sehr deutlich meine Schwäche. – Was mute ich mir zu? Ich mute mir zu, daß ich meine künstlerische Arbeit u. meine geistigen Interessen u. täglich mehrere Stunden meines Tages opfern soll, um eine Arbeit zu tun, die ebenso gut von einem subalternen Schreiber gemacht werden kann. Ich bringe also meine Zeit u. meine Interessen zum Opfer für die Gemeinde Friedenau. Damit nicht genug, bedeutet diese Arbeit für mich eine fortgesetzte Verdemütigung, – nicht so sehr in äußerlicher, sozialer Beziehung sondern vielmehr in geistiger Beziehung. Ich opfere meine in meinen Augen hochwertigen geistigen u. künstlerischen Interessen auf u. unterwerfe mich freiwillig einer mechanischen u. minderwertigen Arbeit. – Die Gefahr besteht, – das darf ich nicht übersehen, – daß ich aus diesem Akt der Verdemütigung meines Geistes wiederum Nahrung ziehe für meinen geistigen Hochmut. – Hier liegt das Hauptproblem für mich! Verdemütigung des Geistes! – Mein Gott, gib mir Kraft! –

     Christus opferte Sein Leben. Von mir verlangt Gott ein geringes Opfer: täglich nur einige Stunden meines Lebens. – Warum verlangt Gott dieses Opfer? Ich kann nicht anders denken, als daß Gott mich, der ich mich als Opferseele Ihm anbiete, prüfen will, ob ich denn überhaupt nur ein solch geringes Opfer zu bringen in der Lage bin. Wenn Gott mich aber prüfen will, so ist doch dazu ein Ruf Gottes nötig! zwar noch keine Berufung zum Stande der Opferseele, wohl aber schon ein Aufruf zum Ablegen einer Prüfung. Gott stellt mir die Aufgabe in einer speziellen u. besonderen Weise den Zwecken des hl. Erlösungsopfers zu entsprechen, u. zwar in einer solchen Weise, die meinem Eigenwollen sehr entgegengesetzt ist u. die ein ziemlich großes Maß von Selbstverleugnung von mir verlangt.

     Jetzt erst erkenne ich, wie unklar noch vor Kurzem meine Vorstellung vom Beruf der Opferseele war. Es war eine Zeit, – u. sie hat ziemlich [26] lange gedauert, – in der ich glaubte den Opferseelenberuf nicht anders erfüllen zu können, als in Abkehr von meinem bürgerlichen Beruf als Maler. Ich glaubte, in ein Kloster gehen zu müssen oder wenigstens Theologie studieren zu müssen, um Weltgeistlicher zu werden. Alle diese u. ähnliche Wünsche aber hat Gott mir in unzweideutiger Weise abgeschlagen. Ich glaube, daß ich mir Gottes Wohlwollen trotzdem bewahrt habe, da ich mich ohne zu murren, wenn auch oft seufzend, aber ohne Kritik Gottes Willen gefügt habe. – Ich erkenne grade heute, wo ich mich vor diese höchst unbequeme u. nicht angenehme Arbeit in der Gemeinde gestellt sehe, wie sehr früher bei all meinen Wünschen doch auch meine sinnliche Natur mitgesprochen hat. Wenn ich Geistlicher werden wollte u. zu diesem Zweck bereit war, die großen Schwierigkeiten auf mich zu nehmen, die ein Theologie-Studium in meinem Alter mit sich gebracht hätten, so habe ich dabei doch heimlich nach den Bequemlichkeiten eines gesicherten Lebens geschielt, die sich mir dann später als Geistlicher, sei es in der Welt oder im Orden, geboten hätten. Die Behaglichkeit meines Lehrers P. Albertus Kaufmann O.P. u. anderer Ordensmänner erschien mir doch sehr begehrenswert u. spielte in meiner Phantasie eine gewisse Rolle.

     Solche Phantasien sind Einsprechungen des Teufels. Und so schlau u. gerissen ist der Teufel, daß er sich bei seinen Einsprechungen der gemütvollsten, freundlichsten u. frömmsten Bilder bedient. Fürwahr, – ein gefährlicher Feind. – War es Gott selbst, war es die hl. Jungfrau, der Pfarrer von Ars oder Therese, die mich bewahrt haben? Oder mein Schutzengel? Ich weiß es nicht, – Gott weiß es! – Jedenfalls bin ich bewahrt worden, u. ich danke Dir, Gott mein gütiger Vater! – Die Aufgabe von heute ist sicher keine Sache des Teufels, dazu schmeckt sie zu bitter. – So lernt man allmählich die Stimme des Teufels immer besser zu unterscheiden von Gottes Stimme, – obgleich dieser Erzlügner, der Teufel, seine Stimme raffiniert zu verstellen weiß. – Die Aufgabe von heute erfordert Demut u. Gehorsam, – das sind nicht Requisiten des Teufels. Aufpassen muß ich nur, daß sich der Teufel nicht auch hier wieder in der Form geistigen Hochmuts u. der Ueberheblichkeit einschleicht, indem ich mir einbilde, etwas besonders Verdienstliches zu tun! Nachdenken, Beten u. innere Sammlung werden die Hülfsmittel sein, die ich von mir aus dem Teufel entgegenstellen kann, das Uebrige mögen Gott u. Seine Heiligen tun. Wenn ich in meiner Arbeit mich selbst, meinen eigenen Ehrgeiz u. Ruhm u. Anerkennung suche, dann wird der Teufel bei meiner Arbeit sein. Nicht dies alles darf ich suchen, sondern allein nur den Willen Gottes. Ich muß diese Arbeit tun als bewußtes Opfer, diese Arbeit muß sein Buße u. Sühne, sowohl für die Sünden meines Lebens, wie für die Sünden der andern Glieder am mystischen Leibe Christi, besonders aber der Gemeinde St. Marien. Diese Arbeit will u. soll eine vollkommene Vereinigung meines Opfers mit dem Erlösungsopfer Christi sein, nicht nur Seines Erlösungsopfers auf Kalvaria, sondern besonders [27] des täglichen, unblutigen Opfers, dem ich täglich in der Frühmesse beiwohne. So soll mir diese Arbeit zum geheimen Schlüssel zum Tabernakel werden. Wenn ich diese Arbeit als Opfer in Vereinigung mit dem täglichen Opfer des eucharistischen Heilandes treu erfülle, dann wird mir der Heiland gewiß den Schlüssel zu Seinem Häuschen schenken u. ich werde dann nicht mehr, wie jetzt noch, nur draußen vor dem Tabernakel knieen.

     Nun gilt es für mich, beharrlich zu sein. Mein Gott, gib mir nun die besondere Gnade der Beharrlichkeit, damit ich alle Trägheit u. Eitelkeit in mir überwinde u. alle Bequemlichkeit fliehe. Sollte ich Widerwillen u. Abneigung spüren, Deinen Willen zu tun, mein Gott! – dann bitte ich Dich u. Euch alle Heiligen, besonders Dich, heilige Mutter Gottes, steht mir bei u. helft mir über solche Stunden der Schwachheit, denen ich ja sicher nicht entgehen werde hinweg. Gib mir, mein Gott, die besondere Tugend der Beharrlichkeit damit ich alle Kämpfe mit der Versuchung zur Trägheit, zur Bequemlichkeit zu zur Lauheit bestehe. Gib mir mein Gott dazu die Tugenden des Vertrauens u. der Festigkeit, damit ich mit ruhigem Gemüt u. ohne Heftigkeit u. Hast alle Schwierigkeiten, die sich mir bieten werden, überwinde. Gib mir mein Gott, stets klaren Verstand u. die Tugend der Klugheit, die ja eine Kardinaltugend ist, damit ich Zweck u. Sinn meines Opferberufes stets klar vor Augen habe u. nicht in Eitelkeit u. Laune verfalle. Du weißt, mein Gott, wie groß diese Gefahr grade für mich ist! Nicht ein leeres u. eitles Bedürfnis nach Leiden soll mein Opferberuf sein, sondern lebendige Teilnahme am Erlösungsopfer Jesu Christi, Deines Sohnes! – Wie Dein Sohn, als Er noch als der Logos bei Dir war, schon die Schönheit des Opferlebens erkannt hatte u. deshalb zu uns herabstieg, Knechtsgestalt annahm, sich zu opfern, so laß, mein Gott! auch in mir stets das Bewußtsein lebendig sein von der Schönheit des Opferlebens! Laß, mein Gott! mir Deine Gnade zuteil werden damit mein Wille zum Opfer u. zur Sühne niemals erlahme! Dann, wenn Du mir hilfst mit Deiner Gnade, mein Gott! – dann werde ich der Vollkommenheit einst nahe kommen, nach der ich solch großes Verlangen habe. Laß dieses Verlangen nach immer größerer Vollkommenheit durch Deine Gnade in mich wachsen u. stark werden. Gib mir, mein Gott, Deine Gnade, damit ich in Demut u. Selbstverleugnung Christus Deinem Sohne, folge!

[27] Dienstag, d. 18. Sept. 1934. – Hl. Joseph v. Copartino.

[27]      Heute früh erhielt ich eine Postkarte von Pf. Pietryga aus Neustadt-Dosse, in welcher er mir mitteilt, daß er am Donnerstag, den 20. ds. Mts. die Stätte seiner 29jährigen Tätigkeit in Neustadt verläßt, um nach Berlin W.35. Potsdamerstr. 37, III Treppen in das Pfarrhaus der St. Ludgerus-Kirche überzusiedeln. Diese Wohnung sei so geräumig, daß er mir dort zu annehmbaren Bedingungen ein Zimmer überlassen könne. Welcher Art diese Bedingungen sind, schreibt er nicht, jedoch deutet er an, daß er im [28] Auftrage des Ordinariates eine bestimmte Aufgabe zu erledigen habe, bei der ich mitwirken solle.

     Ich bin sofort hingefahren u. habe die Wohnung besichtigt. Es handelt sich um eine sehr geräumige Wohnung mit großen Zimmern, das eine Zimmer ist saalartig. Das für mich gedachte Zimmer liegt gleich rechts am Eingang, ist groß u. sonnig. Im übrigen ist die ganze Wohnung sehr verwohnt, merkwürdig verbaut, aber außerordentlich anheimelnd. Jetzt wohnt eine Frau Krause darin, d.h. sie scheint nur den großen Saal zu bewohnen, die andern Zimmer stehen leer. Was mit der Frau merkwürdiges los ist, habe ich nicht herausbekommen. – Das allerschönste an der Wohnung aber ist, daß man in die Kirche gehen kann, ohne das Haus verlassen zu müssen. Die Kirche, die im Hinterhaus sich befindet, ist eine der ältesten kathol. Kirchen Berlins, sie hieß früher Matthias-Kirche bis zum Bau der Matthias-Kirche am Winterfeldplatz. Die Kirche ist dunkel u. ungemein kultisch eine Kirche zum Beten. Ich war lange dort u. habe gebetet, auch vor einem kl. Bilde der hl. kl. Therese vom Kinde Jesu. Daß dieses Altärchen da ist, war mir besonders erfreulich. Ein sehr schöner (wenn auch künstlerisch weniger gut) Kreuzweg ist dort, – friesartig, ziemlich große Oelgemälde. Vor den Altären brannten Kerzen, – mehrere Beterinnen waren anwesend, – kurz, die Kirche machte auf mich, da ich sie zum ersten Male sah, einen ganz besonders frommen Eindruck.

     Daß ich gleich beim Betreten der Kirche das Bild der kl. hl. Therese sah, vor dem eine Kerze brannte, will mir als gute Vorbedeutung scheinen. Zweimal habe ich vor dem Bilde lange gebetet. Dann bin ich zum Postamt gegangen u. habe an Pf. Pietryga geschrieben, daß ich prinzipiell einverstanden bin, mir aber die Durchführung nicht recht vorstellen könne. Zunächst bin ich an mein jetziges Atelier noch ein Jahr kontraktlich gebunden. Wenn ich zu Pf. Pietryga ziehe, müßte ich schon etwas damit verdienen, denn ich muß die Wohlfahrt hier in Friedenau aufgeben u. wie es damit dann in Bln. sein wird, weiß ich nicht. Mindestens gibt das große Schererei u. eine Zwischenzeit in der ich keine Unterstützung bekomme. Es scheint ja, als handele es sich bei der Arbeit, die der Pfarrer übernimmt, um eine große Sache, die ein ganzes Büro erforderlich macht. – Ueber all dies werde ich ja bald hören. Und wenn es so Gottes Wille ist, dann wird Er schon für das Notwendige sorgen.

[28] Mittwoch, d. 19. Sept. 1934. hl. Januarius.

[28]      Gestern abend Vortrag P. Karl Klein S.J. in St. Matthias am Winterfeldplatz über Dogmenfreie Religion? – Die Kirche ist eine der größten Berlins, aber auch eine der häßlichsten. Innen ganz grau u. fast schmucklos. Vom „Reichtum kathol. Kirchen“ ist nichts zu spüren.

     Der Vortrag war dafür ausgezeichnet. Der Redner sprach scharf, prägnant, klar, ruhig, sachlich. Diese Art, durch Predigt das kathol. Volk zu festigen, die schon der heilige Dominicus als die wirksamste erkannt hat, sodaß er auf dieser Idee seinen Orden aufbaute, ist auch heute noch zweifellos die wirksamste. Die große Kirche war ziemlich voll, Frauen waren aber in der Mehrzahl.

     Der Redner erörterte zunächst den Begriff des Dogmas im Allgemeinen u. ging dann auf die Wesensmerkmale ein: Wahrheitscharakter, Ewigkeitscharakter, Verpflichtungscharakter. – Sodann erörterte er den Wert der Dogmen als Fundament der Religion [29] u. bezeichnete sie als den fruchtbaren Lebensgrund, auf dem die kathol. Religion stehe. Er zitierte das Wort Tertullians: Wir nennen uns alle Brüder u. Schwestern, weil wir aus der gleichen Nacht der Unwissenheit stammend zum gleichen Licht der Wahrheit erwacht sind. – Zum Schluß warf er die interessante Frage auf, was wohl sein würde, wenn die moderne Forderung nach einer dogmenfreien Religion sich erfüllen würde. Es würde dann all das Edle, Große u. Erhebende, welches den Inhalt der Leben der Heiligen gebildet habe, in sich zusammenfallen, wie auch die gesamte religiöse Bewegung, die das Christentum in die Welt gebracht hat u. noch heute ebenso wirkt wie im Anfang, würde aufhören, weil die ihr innewohnende treibende Kraft erlöschen würde. Ohne Dogmenglauben würde die Quelle versiegen, aus der noch jetzt die Gläubigen den Lebensmut u. das frohe Vertrauen schöpfen, wenn Mißerfolge u. Unglücksschläge den Menschen treffen. Ohne Dogmenglauben wäre ein erfolgreicher Kampf gegen die dunklen Mächte der Triebe, wäre Beherrschung der Triebe unmöglich, nur der feste Glaube an die alles überwindende göttl. Gnade gibt uns die Kraft, diesen sittlichen Kampf erfolgreich zu bestehen. Ohne Dogmenglauben würden die stillen Dulder auf den Krankenlägern, die Dulder bitterer Armut u. der Entbehrungen u. aller sonstigen Arten schwerer Heimsuchung unter ihrer Kreuzeslast zusammenbrechen. Ohne die marianischen Dogmen müßten wir verzichten auf man ideales Höhenstreben grade der Jugend. Ohne Dogma gäbe es keine Bekehrung kein Aufwachen aus dem Zustande seelischer Energielosigkeit u. Erschöpfung, keine Auferstehung vom Tode der Sünde. – Ohne Dogma wäre alle frühere christliche, religiöse Kunst gegenstandslos u. unverständlich, ohne Dogma würde das Kunstwerk der kathol. Liturgie in sich zusammenbrechen. Weihnachten, Ostern, Pfingsten u. all die übrigen großen Feste würden plötzlich ohne Grundlage sein, wären sinnlos u. überflüssig. All die Ströme heiliger Freudigkeit u. sittlicher Tatkraft die aus den Glaubenswahrheiten der Dogmen fließen, würden versiegen, selbst der Sonntag hätte keinen Sinn mehr. –

     Der Redner schloß mit einer sehr ergreifenden u. eindringlichen Mahnung, daß ein jeder für sich die weckende u. zündende Kraft der Dogmen in sich lebendig machen solle, damit diese Kraft der Dogmen auch im Wort u. im tägl. Leben, im Denken u. Handeln zum Ausdruck komme. Es gilt, den Widerspruch zu beseitigen, der sich so oft findet zwischen dem Glauben u. dem tägl. Leben des Einzelnen. Die Forderung nach dogmenfreier Religion könne nicht besser widerlegt werden, als daß jeder einzelne Katholik sich stets bewußt wäre der schweren Verantwortung, die er vor Gott u. seinen Mitmenschen hat. –

     Grade dies letztere ist von ausschlaggebender Wichtigkeit. Wir brauchen Katholiken, die verantwortungsbewußt sind, – also Qualitäts-Katholiken. Gewiß ist die Quantität nicht bedeutungslos, aber sie ist nicht das Wichtigste. Die Feststellung, wieviel Katholiken es auf der Welt gibt u. wieviel Mitglieder anderer Konfessionen ist zweifellos wichtig, aber man soll die Bedeutung solcher Zahlen nicht überschätzen. Wenn ein Million Katholiken nicht wirklich mehr wiegt, als eine Million Protestanten, dann stimmt etwas nicht bei diesen Katholiken. Und hier liegt das ungelöste Problem der Rückkehr der Protestanten zum Katholizismus. Es scheint mir, als schlüge bei gleicher Zahl die Wage zum Protestantismus aus – wenigstens hier bei uns in Norddeutschland. Dies aber liegt keineswegs an einer Ueberlegenheit des Protestantismus, – das beweisen die kathol. Länder. Aber ich glaube, daß ein lauer Katholik untüchtiger ist als ein Protestant, der religiös gleichgültig ist. Selbst ein lauer Katholik nämlich, vorausgesetzt daß er [30] als Kind gut katholisch erzogen wurde, wird trotz seiner Lauheit doch nicht so leicht alle religiösen u. ethischen Forderungen über Bord werfen. Er bleibt doch immer irgendwie gebunden u. es fehlt ihm durchaus die forsche u. meist skrupellose Hemmungslosigkeit, wie sie dem religiös indifferenten Protestanten eigen ist. Man erkennt das grade jetzt sehr deutlich an dem sog. neuen Ethos der Nationalsozialisten, die vor zwangsweiser Sterilisation u. anderen Gewalttaten keinen Moment zurückscheuen. Unbequeme Leute kommen ins Konzentrationslager, auch wenn sie vom Gericht für unschuldig erklärt sind, sie werden gemartert bis sie Selbstmord verüben, oder sie werden kurzerhand ermordet. – Solche Praktiken sind für einen Katholiken undenkbar. Und hier liegt wieder die Wichtigkeit der Zahl. Gäbe es bei uns mehr Katholiken als Protestanten, so wäre der ganze Nationalsozialismus unmöglich.

     Um so mehr aber muß die Qualität der die zahlenmäßige Unterlegenheit der Katholiken ausgleichen. Dies kann nicht geschehen, daß führende Katholiken ihren Glauben verraten u. nationalsozialistisch werden, sondern nur indem jeder Katholik sich ernst auf seinen Glauben besinnt u. zwar seinen dogmatischen Glauben, u. bis zum Fanatismus danach lebt. Strende Verantwortung vor seinem Gewissen, – das ist es, was not tut.

     Es handelt sich darum, die kathol. Kirche sichtbar zu machen. Kathol. Aktion! Die kathol. Kirche kann sichtbar gemacht werden durch Demonstrationen, Katholikentage, Kirchenbauten usw. Aber diese mehr technische Sichtbarmachung ist nicht das Wichtigste, so wichtig sie ist. – Im Anfang war das Wort! Gott machte sich den Menschen sichtbar durch das Wort. Und das Wort ist Fleisch geworden! Christus machte sich durch das fleischgewordene Wort sichtbar. Das fleischgewordene Wort ist die kathol. Kirche. Das Wort ist das Licht, das in die Welt gekommen ist. Dieses Licht ist an kein Volk u. keine Rasse gebunden, es ist in der Welt. – Mit diesem Licht erkennen wir Menschen nun die Welt u. in unserer Freude über diese erkannte u. entdeckte Welt überschätzen wir diese. Die entdeckte Welt, – m.a. Worten: die Technik, ist uns Gott. – Wir Katholiken aber haben eine andere Einstellung. Wir sollten nicht dilettieren in den Lebensgebieten der technischen Menschen, die das Licht benutzen, um die Geschöpfe zu sehen, sondern wir sollten Meister sein in der Kunst, mit jenem Lichte Gott sichtbar zu machen.

     Es kommt nicht so sehr darauf an, daß es viele katholisch Getaufte gibt, – obgleich auch dieses wichtig ist. Vielmehr kommt es darauf an, daß die Getauften auch wirklich ein Leben christlicher Vollkommenheit führen. Und dies zu tun, soll vor allem mein Streben sein.

     Den Geist wahren, kathol. Christentums deutlich sichtbar zu machen, das ist es, was ich wünsche u. was ich mir vorgenommen habe. Und dazu gibt es keinen besseren Weg, als den, den der Heiland gegangen ist u. der darin besteht sein eigenes Leben zu einem beständigen Opfer zu gestalten. Nicht, um zu leiden des Leidens wegen, sondern um dieses Opfer mit dem Erlösungsopfer Christi zu vereinigen, gehorsam bis zum Tode.

     Der Opfergeist des Heilandes ist das erste u. Grundsätzlichste in der Nachfolge Christi, ein Opferleben ohne Abstrich u. ohne Kompromiß. Zu einem solchen Opferleben gehört zuerst die gleichmütig Hinnahme all der täglichen kleinen Schwierigkeiten u. Nöte, dann aber auch die freudige Hinnahme aller Leiden, die mir die Zukunft noch bringen wird, – u. schließlich das Opfer des Lebens. –

     Alle diese Opfer will ich im Geiste der Sühne Gott darbringen. Bei allen Leiden will ich nur immer [31] daran denken, daß Gott sie mir schickt, damit ich durch diese Leiden zur Sichtbarmachung Gottes, zur Ausbreitung des Glaubens u. zum Wachstum der Kirche, des mystischen Leibes Christi, beitrage. Jedes Leiden will ich als Opfergabe darbringen, damit Jesus Christus dadurch Seine heilige Absicht, Gott den Vater zu verherrlichen, erreicht. Wie der heilige Johannes vom Kreuz soll mein Wahlspruch sein: Leiden u. verachtet werden für Jesus! Mein tägliches Gebet nach der Messe ist schon längst: Herr, mein Gott! Schon jetzt nehme ich jede Art des Todes, wie es Dir gefallen wird, mit allen ihren Aengsten, Leiden u. Schmerzen von Deiner Hand mit voller Ergebung u. Bereitwilligkeit an. Und dann bete ich: Himmlischer Vater! In Vereinigung mit den Verdiensten Jesu u. Mariä opfere ich Dir für die armen Seelen im Fegfeuer alle Genugtuungswerke meines ganzen Lebens auf sowie auch alle Werke, die für mich nach meinem Tode werden aufgeopfert werden. Diese Werke übergebe ich in die Hände der unbefleckten Jungfrau Maria, damit sie dieselben jenen Seelen zuwende, die sie nach ihrer Weisheit u. mütterlichen Liebe zuerst aus dem Fegfeuer befreien will. Nimm, o Gott dieses Opfer gnädig an, u. laß mich um dessentwillen täglich in Deiner Gnade zunehmen. Amen.

     Mit diesen beiden Gebeten überlasse ich mich täglich von Neuem ganz dem Willen Gottes. Niemals will ich freiwillig u. mit Ueberlegung ein Leiden, das Gott mir schickt, abweisen. Alle Leiden, seien sie natürlicher oder übernatürlicher Art seien sie gegenwärtig oder zukünftig, will ich ohne Widerspruch aus der Hand Gottes annehmen. Gottes Wille geschehe.

[31] Donnerstag, d. 20. Sept. 1934. hl. Eustachius

[31]      Gestern Nachmittag Jenny Heimann zum Thee bei mir. Sie brachte Kuchen, Cigaretten u.a. Freundlichkeiten mit. Die Wechseljahre setzen ihr offenbar schwer zu, sie hat gesundheitlich viel auszustehen; auch klagte sie über den Abfall ihrer Söhne von der Kirche, jetzt auch des Jüngeren. Macht sich deshalb Vorwürfe, weil sie nicht für kathol. Erziehung gesorgt hat. Ich konnte ihr nur Gebet zur hl. Monica empfehlen, – was soll man sagen? Alles rächt sich. Gott vergibt wohl die Sünden, die Strafen müssen getragen werden, sie sind das Läuterungsfeuer u. Prüfung. Gottes Strafen sind gerecht u. heilsam. Grade in ihrem Falle ist klar zu sehen, wie heilsam das Leiden ist, – nicht allein zur Sühne für die eigenen Sünden sondern auch für die Sünden der Welt. Der Abfall ihrer Söhne ist zum großen Teil ihre Schuld, möge sie ihre Leiden tragen in Stellvertretung für ihre Söhne.

     Während sie zum Tee hier war, kam der Küster u. bestellte, daß der Pfarrer mich heute Donnerstag abd. 8 Uhr zur Besprechung meiner Arbeiten erwarte. – Was wird daraus nur werden? Ich denke, daß ich heute von Pf. Pietryga hören werde. Seit mehr als einem Jahr warte ich nun darauf irgend eine fruchtbare Tätigkeit für die Kirche zu erhalten, – immer vergeblich, – u. nun scheint es, als wollte sich das alles drängen. Ob dies schon ein Erfolg der Fürbitte ist, um die ich Therese von Konnersreuth gebeten habe? Es scheint fast so. Ich will alles ruhig an mich herankommen lassen im Vertrauen, daß der allmächtige Gott mir schon meinen Platz zeigen wird. Mein Gott, wie glücklich werde ich sein, wenn ich nützlich sein darf in Deinem Weinberge. Die Mitarbeit mit Pfarrer Pietryga wird freilich fruchtbarer sein für mich, als die untergeordnete Schreiberarbeit hier in der Gemeinde; aber ich habe keine Wünsche. Wie Du willst, mein Gott, [32] so soll es geschehen! Wenn Du nur, mein Gott, mir Deinen Willen kundtust, so will ich immer in Demut folgen u. auch die niedrigsten Arbeiten verrichten. Sind doch vor Dir, mein Gott, alle Arbeiten gleich, wenn sie nur verrichtet werden zu Deiner Ehre in Anbetung u. Dank.

     Meine Wirksamkeit als Priester willst Du nicht, – das steht zweifellos fest. Du hast es mir wiederholt in unzweideutiger Weise gesagt. Das erste mal, als ich vor einem Jahre im Herbst 1933 in den Franziskanerorden eintreten wollte u. ich zurückgewiesen wurde wegen der Tatsache meiner früheren Ehe. An jenem Tage der Entscheidung, als ich morgens in der Kirche zu Dir betete, antwortetest Du mir mit dem Tagesevangelium jenes Tages, das von dem Hochzeitsmahl handelte. Auch ich, so sagtest Du mir, ermangelte des hochzeitlichen Kleides u. war nicht würdig, ein Priester zu sein. – In diesem Frühjahr trat erneut diese Frage an mich heran. Du antwortetest mir durch den Mund Deines Dieners, des P. Rektor Sigisbert Kraus, S.D.S. –, u. nun war es nicht mehr der Mangel eines Hochzeitskleides, – aber trotzdem sagte mit P. Kraus, daß es zu spät für mich sei bei meinen 50 Jahren u. dem vielen, ganz mechanischen Wissensgut, das ich mir zum Studium aneignen müsse, u. er riet mir eindringlich ab, – obwohl er der Meinung war, daß meine Ehe für ungültig erklärt werden könne. Ich darf nun also glauben, daß kein Makel mehr auf mir lastet aus der Torheit meiner früheren Ehe u. daß dies abgewaschen ist, u. ich danke Dir, mein Gott, für diese Gewißheit, die mir Dein Diener P. Kraus, gegeben hat. – Nun warte ich geduldig u. in Demut, welche Arbeit Du mir nun zuweisen wirst. Was es auch immer sein möge, ich werde sie freudig übernehmen, denn nichts anderes wünsche ich mir, als Dir, m. Gott, in Ehrfurcht u. Demut zu dienen.

     Mein Wunsch, Priester zu werden, den Du mir abgelehnt hast, hat mich gelehrt mich zu bescheiden u. nicht nach Dingen zu streben, die über meine Kräfte gehen. Wenn Du, mein Gott, nicht so überaus barmherzig wärest, dann hättest Du mir die Erfüllung meines Wunsches gewährt u. die Folge wäre wahrscheinlich gewesen, daß ich sehr unglücklich geworden wäre. Ich hätte meine Kräfte in einem Studium aufgezehrt, denn dieses Studium wäre meinem Alter sehr beschwerlich gewesen, – u. wenn ich dann wirklich den Ordo empfangen hätte, dann war ich alt, verbraucht u. zu nichts mehr nütze. – So erkenne ich Deine weise u. gütige Führung u. vertraue darauf, daß Du, mein Gott, mich auf den Platz stellen wirst, den Du seit Ewigkeit für mich vorgesehen hast u. zu dem Du mich auf den seltsamen Umwegen meines Lebens sicher führst. Und all diese Umwege, die Du mich machen ließest, hatten den Zweck, aus mir grade den Menschen zu machen, den Du, mein Gott, in Deiner Weisheit u. Allmacht zur Durchführung Deiner Absichten brauchst. – Deshalb will ich mich aller eigenen Wünsche entäußern, – außer dem einen Wunsch: Deinen Willen zu tun!

     Damit ich Deinen Willen mein Gott immer erkenne, dazu bedarf es der Einsprechungen Deiner Gnade. Um Deine Gnade empfangen zu können, dazu bedarf es meiner Bereitschaft. Diese Bereitschaft aber ist nichts anderes, als Liebe. Herr Jesus Christus, entzünde in mir die Liebe!

     Daß ich Dich, mein Jesus, nicht genug liebe, das ist meine stete u. bange Sorge. Und diese Sorge ist berechtigt, denn Deine göttl. Liebe zu uns Menschen ist unendlich u. sie zu betrachten, bereitet mir stets [33] selige Schmerzen. Was ist dagegen das kleine Gefühl, welches ich in mir habe u. Liebe zu Dir ist? Ist das nicht eine gar zu kümmerliche u. erbärmliche Sache? – Ja, nicht einmal ertragen kann ich Deine Liebe, wenn sie unmittelbar, ohne den Filter des irdischen Dunstes, auf mich zukommt, wie jene Vision mir dies gezeigt hat. Und trotzdem will ich Dir mich selbst anbieten als ein Schlachtopfer der Liebe, denn Du kennst unsere Unzulänglichkeiten u. verlangst grade deshalb nach solchen Opfern, weil durch Opfer allein aus unseren Unzulänglichkeiten einstens Vollkommenheiten werden können. Und nach solcher Vollkommenheit verlangt meine Seele, – obgleich ich zu klein u. dürftig bin, um die Vollkommenheit zu begreifen.

     In dem Buche: der Opferweg der hl. Therese vom K. Jesu heißt es, die kl. hl. Therese habe sich nicht der Gerechtigkeit Gottes, sondern seiner Barmherzigkeit geopfert. Ich kann diesen Unterschied nicht verstehen. Die hl. Therese sagt selbst: Man muß heilig sein, um vor dem allheiligen Gott erscheinen zu können. Und sie sagt, daß Gott unendlich gerecht ist. Und grade diese Gerechtigkeit Gottes, die so manche Seele erschrecken macht, – sagt sie, – ist es, die mir Freude einflößt u. Vertrauen! Sie sagt: Gerecht sein heißt ja nicht nur Strenge walten lassen gegen den Schuldigen, sondern auch die gute Absicht anerkennen u. das Gute belohnen. Und deshalb erhofft Therese von der Gerechtigkeit Gottes so viel, wie von Seiner Barmherzigkeit.

     Was ist es also für ein Unterschied, ob man sich der Gerechtigkeit Gottes opfert, oder Seiner Barmherzigkeit? „Weil er gerecht ist, ist er auch voll Mitleid u. voll Güte, langsam zum Strafen, u. überreich in Seiner Barmherzigkeit.“ –

     Gott ist der Eine, – in ihm sind keine Teile u. Unterschiede. Gerechtigkeit u. Barmherzigkeit Gottes sind nur verschiedene Gesichtswinkel, aus denen heraus wir kleinen Menschen den Unfaßbaren betrachten. Deshalb will auch ich mir zu eigen machen den trostreichen Gedanken, den die hl. Therese hat, wenn sie sagt: Mein Weg, den ich gehe, ist der Weg des liebenden Vertrauens.

     Etwas anderes freilich ist es, ob wir Menschen, je nach unserer persönlichen Seelenveranlagung, Gott besser u. klarer erkennen aus unserem Gesichtswinkel der Gerechtigkeit oder der Barmherzigkeit. Die liebende, zarte, kleine hl. Therese begriff Gott voller, wenn sie Ihn aus dem Gesichtswinkel der Barmherzigkeit heraus betrachtete, u. deshalb brachte sie sich Seiner Barmherzigkeit zum Opfer. – Ich kann von mir selbst nicht sagen, wie es bei mir ist. Die Barmherzigkeit Gottes, die ich so oft u. überwältigend erfahren habe, vermag mich zuweilen so zu ergreifen, daß ich in Tränen ausbreche u. es ist mir meist nicht möglich, vor anderen davon zu sprechen, da ich von meiner Bewegung übermannt werde. – Aber ich bin letzten Endes doch kein empfindsames Mädchen, sondern ein Mann, der viel erfahren hat in seinem Leben. Ich übersehe mein eigenes, vergangenes Leben u. erkenne die Führung Gottes. Ich erkenne die Führung Gottes in der Weltgeschichte u. erkenne sie in der Gegenwart, wenn mir dabei Gottes Ziele u. Absichten auch verborgen bleiben. Ich erkenne besonders die tiefe Weisheit Gottes, die in der Zulassung des Bösen offenbar wird, – ein Problem, das mich so viele Jahre meines Lebens beschäftigt hat, bis ich sehen gelernt habe, bis ich die herrlichsten Offenbarungen Gottes grade hierin erkennen gelernt habe. Und seitdem habe ich vor der Gerechtigkeit [34] Gottes eine heilige Ehrfurcht. Aber niemals erscheint mir diese Gerechtigkeit allein, sie ist stets mit Barmherzigkeit gepaart. Wäre dieses nicht, dann könnte ich Gott nicht liebe, – dann hätte ich wohl Furcht vor Gott; aber nichts weiter. Erst Seine Barmherzigkeit macht, daß ich über die Furcht hinaus Gott wahrhaft liebe. Diese Liebe aber verzehrt die Furcht vollständig.

     Was also erkenne ich an Gott mehr: Seine Gerechtigkeit oder Seine Barmherzigkeit? Ich weiß es nicht. Eines ist für mich ohne das andere nicht denkbar Ueber all diesem steht die Liebe, u. mein ganzer Schmerz ist der, daß es mir, solange ich auf Erden sein werde, niemals gelingen wird, Gott genug zu lieben. Mein ganzes Gebet zu Gott ist, daß Er meine Seele ausweiten möge, damit sie mehr Liebe fassen kann. Die Liebe zu Gott ist der Sinn meines Entschlusses, mich Gott zum Opfer anzubieten. Ob ich dabei Seine Gerechtigkeit oder seine Barmherzigkeit im Auge habe, das erscheint mir eine sehr untergeordnete Frage.

[34] Freitag, 21. Sept. 1934. Hl. Mattäus.

[34]      Der Donnerstag-Abend bei Dr. Tetzlaff fiel aus, weil T. verhindert war. Um 8 Uhr war ich bei Pf. Menzel, mußte warten, bis Amtsrat Schindler kam. Herr Sch. schlug dann vor, bei sich zu Hause eine Organsation vorzubereiten für eine rationelle Buchführung über Einnahmen u. Ausgaben des Gemeindehauses usw. Der Pfarrer schrieb bisher diese Daten lediglich in eine Kladde, es kommt darauf an klare Uebersichten zu gewinnen. Am Freitag über 8 Tage Abds. 7 Uhr wollen wir uns wieder treffen u. Herr Schindler wird seine Vorschläge machen.

     Herr Sch. begleitete mich nachher bis zu meiner Wohnung. Nachdem ich bemerkt hatte, daß er ein wirklich frommer Katholik ist, der mich nicht für einen Narrn hält, kamen wir in angeregtes, religiöses Gespräch.

     Heute früh traf Karte von Pf. Pietryga ein. Sein Umzug nach Bln. verzögert sich etwas. Er bittet mich, ihn am Donnerstag in seiner neuen Wohnung Potsdamerstraße 37 zu besuchen, um die fraglichen Angelegenheiten eingehend zu besprechen.

     Im Wohlfahrtsamt beantragte ich die frühere Auszahlung meiner Unterstützung, weil ich am Montag, dem eigentlichen Zahltag, in Biesdorf bin. Nach langem Warten u. viel Lauferei bekam ich das Geld, 15,70 Rm. – Das Warten auf dem Korridor verkürzte ich mir mit Rosenkranzgebet u. Aufopferung für die Vielen, die gleich mir warten mußten u. arme Menschen, teils krank u. elend, waren. Früher hat mich dieses Warten unter diesen Menschen stets außerordentlich deprimiert, – so auch heute, bis mir einfiel, daß ich diese Zeit mit Gebet für diese Leute ausfüllen könne. Die Wirkung war wunderbar, alle Bedrücktheit wich von mir, ich wurde fröhlich in dem Bewußtsein, eine für die anderen wertvolle, von ihnen aber nicht bemerkte Funktion auszuführen.

     Ich muß lernen stets u. ständig in solchem Geiste zu leben u. zu handeln. Das ist das Traurige, daß wir Menschen zu schwach sind, um immer u. überall nur an Gott zu denken u. die Nächstenliebe zu betätigen, sei es auch nur in stillem Gebet für die Nächsten. Möge mir Gott die Gnade der Beharrlichkeit schenken. – Ehe ich diese Beharrlichkeit nicht in hohem Maße besitze, kann ich mir nicht einbilden meinen Opferberuf so auszuüben, daß ich Gottes Wohlgefallen erringe.

[35]      Ich muß klar darüber werden, worum es sich bei diesem Berufe handelt u. wie ungeheuer umfangreich dieser Beruf ist. Er hat einfach keine Grenzen, alles, was es auch ist, muß darin einbezogen sein, selbst der Schlaf. Es handelt sich bei diesem Beruf um eine Weihe meines ganzen Selbst an die Heiligste Dreifaltigkeit zum Zwecke der Ehre Gottes u. zum Heile der ganzen Welt. Daraus ergibt sich die Größe dieses Berufes, in den alles, selbst die nichtigsten Handlungen einbezogen werden müssen. Es handelt sich dabei um nichts weniger als um die Heiligung der Lebenden u. um die Befreiung der Armen Seelen aus dem Fegfeuer, – also um die ganze streitende u. leidende hl. Kirche, um den heiligen, mystischen Leib Christi. – Es ist eine gewaltig große Aufgabe, die ich mir stelle u. wegen der ich Gott unablässig um Seinen Segen bitten muß, wenn ich nicht in eitler Ueberschätzung meiner eigenen Kräfte jämmerlichen Schiffbruch leiden will, was Gottes Gnade verhüten möge.

     Meine Arbeit zu diesem Zweck muß vor allem in einem unablässigen Streben nach eigener Vollkommenheit bestehen. Diese Vollkommenheit kann ich nach u. nach nur dadurch erringen, daß ich mich ganz u. gar und nur als ein Glied am mystischen Leibe Christi fühle. Unter diesem Gesichtspunkt muß jede Handlung, auch die kleinste u. unbedeutendste, – jedes Wort u. jeder Gedanke, – stehen. Denn wenn ich mich als Glied des Leibes Christi fühle u. dieses Bewußtsein in mir stets lebendig ist, dann ergibt sich ganz von selbst die Verantwortung für jede Handlung, für jedes Wort u. für jeden Gedanken. Jede falsche Handlung jedes unrechte Wort u. jeder unreine Gedanke schädigt dann diesen Leib, schädigt, beleidigt also Christus, den Heiland, selbst. Jede gute Handlung, jedes wahre Wort u. jeder reine Gedanke aber ehrt Christus, gibt Seinem Leibe Kraft, Gesundheit u. Leben. Von diesem Gesichtspunkte aus gewinnen auch alle kleinen, läßlichen Sünden eine sehr ernste Bedeutung u. es geht nicht an, entschuldigend über dergleichen hinwegzugehen.

     Das ständige Bewußtsein, Glied des Leibes Christi zu sein, kann ich nur dadurch in mir wach halten u. befestigen, indem ich mich den Uebungen der Liebe vollständig hingebe. Vor allem der Nächstenliebe. Gott ist unendlich, unfaßbar u. unbegreiflich, – aber in den Geschöpfen wird Gott sichtbar. Der Gottliebende muß also einerseits die sichtbare Welt fliehen, weil diese vom Gedanken an Gott abzieht u. entfernt andererseits muß er die Welt suchen, weil sich Gott in der Kreatur verbirgt u. dort erkannt werden will. Die Nächstenliebe ist nichts anderes als das Suchen nach Gott u. sei es im verkommensten Sünder u. Verbrecher. – Es ist klar, daß wir diese schwere Aufgabe nicht mit natürlichen Kräften zu lösen vermögen. Nur wenn Gott uns Seine übernatürliche Gnade mitteilt können wir in solchem Sinne Nächstenliebe üben, u. darum müssen wir unablässig Gott bitten, daß Er uns diese Gnade zuteil werden läßt.

     Diese Bitte um Seine Gnade dürfen wir getrost an Gott richten, Er wird sie sicher erfüllen! Warum wäre sonst Jesus Christus am Kreuze für uns gestorben? Dieser Opfertod Christi bedeutet einen unendlichen Schatz der Erlösungsgnade, der stets für uns bereit steht, wenn wir darum bitten. Dazu kommen noch die Verdienste der Engel u. aller Heiligen, die durch ihre guten u. frommen Werke einen großen Vorrat an [36] Kraft u. übernatürlicher Gesundheit dem mystischen Leibe Christi gegeben haben, denn auch sie sind ja gleich mir Glieder dieses Leibes. Vor allem aber sind da noch die Gnaden, die wir, d.h. der hl. Leib Christi, der Mutter Jesu zu verdanken haben. Und an Maria, die von Gott ausgewählte u. beauftragte Ausspenderin dieses Gnadenschatzes werden wir unsere Bitten zuerst richten, damit sie, die Heiligste, unsere Wünsche von jeder Makel des Eigennutzes u. der Eigenliebe säubere u. an ihren göttl. Sohn weitergebe.

     Diese Gnade, um die wir die heiligste Gottesmutter bitten, ist nichts anderes als die Einwohnung der Heiligsten Dreifaltigkeit in unserem Herzen. So, wie der eucharistische Heiland in den Tabernakeln der Altäre wohnt – ungeteilt, in jedem Tabernakel ganz u. gar mit Leib u. Seele, Fleisch u. Blut, – u. doch tausend= u. millionenfach, – so soll u. muß auch die allerheiligste Dreifaltigkeit voll u. ganz u. ungeteilt im Herzen eines jeden Menschen wohnen. Es ist klar, daß dies nur geschehen kann, wenn mein Herz leer ist von allen ichsüchtigen Gedanken u. Wünschen. Mein Herz soll ein ganz leeres Gefäß sein, damit Gott allein u. nichts anderes darin wohne.

     Wenn ich nicht aufhöre, beharrlich darum zu bitten, so wird Gott diese Bitte unfehlbar erfüllen. Denn wie hätte sonst Jesus sagen können, daß Gott der Vater jede Bitte erfüllen wird, die wir in Seinem Namen an Ihn richten? Welche Bitte könne ich mehr in Seinem Namen erbitten, als grade diese, wo doch der Heiland selbst nichts mehr wünscht, als in den Herzen der Menschen, die er Seine Brüder genannt hat, zu wohnen? Also auch in meinem Herzen! Meine Bitte ist also nichts anderes, als die Bitte Jesu selbst, die Er unablässig an den Vater richtet, u. der Vater erfüllt selbstverständlich jede Bitte Seines Sohnes.

     Die Erfüllung dieser Bitte ist mir also gewiß. Ich darf nur nicht nachlassen in der Beharrlichkeit des Bittens. Denn sobald ich hierin nachlasse ist das ein Zeichen, daß ich neben diesem Wunsche noch andere selbstische Wünsche habe, u. diese selbstischen Wünsche schieben sich dann wie ein Hindernis vor die Erfüllung der Bitte. Die Theologen nennen ein solches Hindernis einen obex. Mein Denken u. Streben muß unablässig darauf bedacht sein, daß kein solcher obex als Hindernis vor die Erfüllung meines Wunsches tritt. Es ist das so wie bei einem Motor. Wird der ungehinderte Zustrom des Benzins auch nur durch den winzigsten Fremdkörper unterbrochen, so bleibt der Motor sofort stehen. Deshalb also ist meinen Aufgabe. Gebet u. immer wieder Gebet!

     Wenn ich es so weit bringe, daß Gottes Gnade frei u. ungehindert u. in gleichmäßigem Fluß in mich hineinfließt wie das Benzin in einen gut laufenden Motor, dann werde ich in einer wahrhaft Gott wohlgefälligen Art in der Lage sein, Ihm, dem Schöpfer aller Kreatur, Anbetung, Lob, Bitte, Dank u. Sühne darzubringen. Dann wird mein ganzes Leben, jede gleichgültige Handlung, ein Anbetungs=Bitt=Dank= und Sühneopfer an Gott sein. Ich werde dann von allen menschlichen u. irdischen Unvollkommenheiten gereinigt sein u. meine Sühne für die Sünden der Gottlosen u. die Beleidigungen der Sünder wird vor Gott Wohlgefallen finden. So werde ich teilnehmen am Erlösungsopfer Jesu Christi, werde mit Ihm eins sein, denn auch dieses will Er, daß wir eins mit Ihm seien, wie Er mit dem Vater eins ist. Er hat es gesagt!

[37]      Durch Gebet u. Opfer Gott zu lieben, das soll der Inhalt u. Zweck meines Opferberufes sein. Gott lieben, ohne Lohn dafür zu erwarten, mein Lohn soll sein. daß durch mich auch andere Gott erkennen u. lieben lernen. Mein Opfer soll sein, daß ich für mich keinen Lohn beanspruchen will. Wenn Gott mir mein Opfer als Verdienst anrechnen will, – obgleich es garkein Verdienst ist, sondern nur schuldige Anbetung der Kreatur vor Gott dem Schöpfer aller Kreatur, – so möge Er mein Verdienst austeilen an alle Welt, wo es an schuldiger Anbetung fehlt. Ich selbst erbitte von Gott für mich nur die Gnade, daß Er mich geleiten möge zur größtmöglichen Vollkommenheit. Ich bitte Gott um die Gnade, daß Er mich vor einem plötzlichen Tode bewahren möge, – vor dem plötzlichen Tode ohne Todesangst, der von den Menschen stets so sehr gewünscht wird. Nein! ich bitte Dich, mein Gott, um die Gnade, Du mögest mich so sterben lassen, daß ich mit klaren Sinnen u. freudigem Bewußtsein Dir mein Leben zurückgeben kann, das ich aus Deinen Händen empfing. Ich bitte Dich, mein Gott, Du mögest, wenn es nach Deinem unerforschlichen Ratschluß an der Zeit ist, dem Tode gebieten, daß er mir genügend Zeit läßt, mit einem klaren Bekenntnis meiner Liebe zu Dir, mein Gott, zu sterben. Mit dem Bekenntnis der Liebe zu Dir, mein Gott, auf den Lippen möchte ich einst eingehen in Deine Ewigkeit u. in die himmliche Vollkommenheit, die Du, mein Gott, denen bereitet hast, die Dich lieben. – –

     Nachmittags Briefe geschrieben an Maria W. u. an m. Nichte Eva Küntzel. – Mit Gorbatiuk gesprochen, er drängt in die Kirche aufgenommen zu werden. Abends Rosenkranz-Spaziergang nach Schmargendorf.

[37] Sonnabend, 22. Sept. 34. hl. Thomas von Villanova

[37]      Nun haben die Exerzitien begonnen!

     Morgens habe ich noch einen Brief an m. Mutter geschrieben, zur besseren Ordnung. Die gute, alte Frau macht sich viele Sorgen um mich, da habe ich ihr wenigstens von den wenn auch unbestimmten Aussichten geschrieben, die sich an Pf. Pietryga anschließen, so hat sie wenigstens einen kleinen Trost u. kann ihre Gedanken um eine kleine Hoffnung kreisen lassen. – Dann habe ich mir meine tägliche Maggi=Suppe, – heute wars Grünkern, – mit den letzen drei Kartoffeln u. zwei Zwiebeln, sowei mit zwei Löffeln Reis gekocht. Dann habe ich mich gründlich von Kopf bis Fuß gewaschen, geseift und geschrubbt um ja keinen Alttagsschmutz mitzunehmen in die heiligen Exerzitien, habe mir neue Wäsche angezogen u. war um 4 Uhr in Biesdorf. – Natürlich viel zu früh!

     An der Pforte war noch die Schwester vom letzten Jahr, die mich erkannte u. mich freundlich begrüßte. P. von Dallwig kam auch u. sagte mir guten Tag. Mein Zimmerchen, Nr. 35. liegt im I. Stock nach vorn. Wie wunderschön ist doch alles.

     Gleich bin ich in die Kapelle gegangen, um mir [38] mein Bild des hl. Johannes d. Täufers als Rufer in der Wüste anzusehen, welches ich im vorigen Jahre dem Hause geschenkt habe. Es hängt gleich am Eingang in der Kapelle, etwas sehr hoch, u. der Rahmen ist etwas zu reich, – aber trotzdem freute es mich, daß nun etwas in der Kapelle hängt, was ich mit meinen Händen zur Ehre Gottes gemacht habe. Ich habe dann kurz gebetet, doch war ich zu aufgeregt, um gesammelt zu sein. Ich bin dann in den Park gegangen, in diesen schönen, herbstlichen Park, habe etwas im Kirchenblatt gelesen, u. war dann so weit ruhig, von 6 – 7 Uhr in der dämmerigen Kapelle innig zu beten. –

     Um 7 Uhr Abendessen. Alle Teilnehmer, 24 Herren, waren da. Es wurde leider eifrig geschwätzt. Mir gegenüber sitzt ein Jurist, Richter, der Kriegsgeschichten erzählen mußte, die ich sehr höflich angehört habe. Ich hoffe, daß Pater Theo Hoffmann dafür sorgt, daß diese Schwätzerei aufhört.

     Um 8 Uhr war Abendandacht mit Segen, anschließend Einleitungsvortrag von P. Hoffmann. Er sprach vorzüglich. Wenn alle Vorträge so werden, dann werde ich ungeheuer viel haben! – Er setzte als Leitgedanken vor diese Exerzitien das Wort: solus cum solo, allein mit meinem Gott! u. führte aus, wie er dieses verstanden wissen wolle. Zunächst einmal mit Abstreifen des Alltäglichen, der Sorgen, des Berufes u. alles dessen, was uns alle gemeinhin zu Weltkindern macht. Vor allem dessen, was er „die Uniform“ nannte, also all diese äußerliche konventionelle Lüge des täglichen Daseins, auf die Gefahr hin, daß das, was dann noch vom Einzelnen übrig bleibt, ihm nicht gefallen sollte, weil es vielleicht die liebe Eitelkeit gar zu wenig befriedigt. Bei manch einem, der nur aus solch konventioneller Maske besteht, mag dann freilich nur ein hohler Raum zurückbleiben. – Dann aber forderte er auf zu einer Hinwendung zu Gott. Der Gott des neuen Bundes kommt nicht in Donner u. Blitz zu uns, sondern leise. Deshalb sollen wir für innere Stille sorgen, um Gottes leise Stimme zu vernehmen. Er sprach von dem Lärm der Seele, die in uns modernen Menschen ist. Selbst wenn der moderne Mensch allein in seinem Zimmer ist, liest er die Zeitung, – u. in der Zeitung schwatzen nicht eine, sondern gleich tausend Stimmen. Er sprach von der Ehrfurcht, die wir vor Gott haben sollen, der in diesen drei Tagen zu uns sprechen will. Ehrfurcht sei das Fundament aller Religionen, selbst der primitivsten, – aber Ehrfurcht sei nicht Furcht. Der Gott des neuen Bundes sei ja unser Vater, wir seine Kinder, u. deshalb müßten wir mit kindlichem Vertrauen vor Gott in diesen drei Tagen hintreten. Diese drei Tage sollten für uns wahrhaftige Sonnentage werden, wir sollten uns von innen her mit dem Sonnenlichte Gottes erfüllen lassen.

     Eindringlich sprach er dann von der Einsamkeit des Einzelnen in diesen drei Tagen. Er betonte, daß diese Einsamkeit keine absolute sein dürfe. Vielmehr müßten wir alle tief durchdrungen sein von dem paulinischen Gedanken des [39] mystischen Leibes Christi, Er das Haupt, wir die Glieder. Er habe es in vielen Exerzitien erlebt, daß immer einige da wären, die keinen spürbaren Erfolg aus solchen Exerzitien zögen; andere wieder seien von Gott ergriffen worden. Die ersteren verglich er mit jenen Sommerfrischlern, die einige Wochen an die See oder ins Gebirge gehen u. dort auch keine großen Ereignisse erlebten. Trotzdem hätten diese dann aber doch unmerklich zugenommen an körperlicher Kräftigung. – Er gab uns einen sehr schönen Gedanken, indem er sagte: Wenn aus diesem Kreise auch nur ein einziger während dieser Tage Gott näher kommt, so werden wir durch diesen einen alle Gott näher gekommen sein. – Dieser Gedanke begeisterte mich, – er ist das, was ich denke, was ich mein Lebensprogramm nennen könnte, er ist der Sinn meines Opfergedankens. – Mein Gott; himmlicher Vater, laß mich dieser Eine sein! Gib mir diese große Gnade, mein Gott, ich bitte dich! gib mir, daß ich in diesen Tagen mein Herz u. meine Seele ausleere bis ins letzte. Laß mich dieses leere Gefäß sein, mein Gott, leer für Dich, – damit ich mich erfülle mit Dir, mein Gott. Gib mir, mein Gott, daß ich mich ganz Dir zukehre, damit ich Dich aufnehmen kann. Nicht für mich bitte ich dies, mein Gott. Welch unbeschreibliches, unaussprechliches Glück würde es freilich für mich sein, wenn Du zu mir kämest u. in meinem Herzen wohntest, Du, der Du der Dreifaltige bist, der Unaussprechliche der Unfaßbare. Aber ich verzichte für mich auf dieses Glück. Mit Paulus sage ich, daß ich fern von Dir sein will, verlassen von Dir, wenn ich damit den anderen helfen kann. Für meine Mitmenschen will ich auf dieses Glück Deiner Gegenwart verzichten, – ihnen will ich dieses Glück zum Opfer bringen, so sehr liebe ich nun schon das Opfer! – Nein, mein Gott, wenn ich Dich um die Gnade bitte, daß Du in meinem Herzen wohnen möchtest, dann bitte ich Dich nicht darum, um selbst für mich ein eigensüchtiges u. enges Glück zu besitzen, – sondern ich bitte Dich um dieses Glück u. diese Gnade, weil es das Glück meiner Mitmenschen sein wird.

     Gott, – mein Gott! vielleicht, – es ist mir manchmal so, – daß ich weinen muß, – vielleicht liebe ich Dich doch. Mein Gott, entzünde in mir die Liebe zu Dir, – entzünde dieses Feuer in mir, daß es mich verbrennt. Laß mich, mein Gott, verbrennen auf dem Scheiterhaufen Deiner Liebe!

[39] Sonntag, d. 23. Sept. 34. 18. Sonntg n. Pf.

[39]      Tagesordnung in Biesdorf:

6:15 Aufstehen

6:55 Morgengebet

7 Messe, Frühstück, Freizeit

8:45 Vortrag, nachher Rückblick i.d. Kapelle

10 Lesung, Nachfolge Christi

10:30 Vortrag, nachh. Rückblick i.d. Kapelle

[40] 11:45 Gewissenserforschung

12 Mittagessen. Freie Zeit.

14 Kreuzweg

14:45 Kaffee

15:15 Vortrag, nachh. Rückblick i.d. Kapelle Rosenkranz. 17:15 Vortrag

18:40 Andacht

19 Abendessen

20 Abendgebet.

     Im Vortrag 8.45 Uhr sprach P. Hoffmann von der Notwendigkeit Gott nicht nur zu erkennen, sondern auch zu bekennen u. Gott tiefer zu erleben.

     Er ging von unserer Abhängigkeit von Gott aus u. von der Abhängigkeit der ganzen Schöpfung. Dies dient als Gottesbeweis. Für uns Menschen genüge aber nicht diese Erkenntnis der Abhängigkeit wir müßten zum Gottesbekenntnis fortschreiten. Das moderne Leben mit seiner Hast steht dem entgegen. Er zeichnete das erschütternde Bild des Tages eines vielbeschäftigten Anwaltes, der nicht einmal mehr dazu kommt, ein Buch zu lesen, geschweige denn, in die noch tiefer liegende Schicht des religiösen Bewußtseins durchzustoßen. Ein Straßenbahnfahrer ist gezwungen, all seine Aufmerksamkeit auf das Aeußerliche zu richten. Tut er das nicht, so geschieht ein Unglück. Dagegen der Bauer, der wohl mehr als acht Stunden am Tage arbeitet, aber bei dieser Arbeit Zeit hat, an Gott zu denken. Daher beim Stadtmenschen die Gewitztheit, beim Landmenschen Weisheit. Um dieser Gefahr zu entgehen, dazu kann nur die Besinnung auf Gott im Gebet helfen, wenigstens Morgens u. Abends je eine Viertelstunde.

     Mir wurde bewußt, wie lebensnotwendig das Opferleben ist als Sühnopfer für all diejenigen, welche nicht die Zeit u. Energie zur Verinnerlichung finden wie besonders die Städter. Der Erfolg des Kinos hat in dieser auf das Aeußere gerichteten Lebensweise seine Erklärung. Alle diese Menschen sind unglücklich, obgleich sie es meist nicht wissen. Deshalb muß für diese gebetet werden, inbrünstig!

     P. Hoffmann schilderte unsere Abhängigkeit von all diesem Außerlichen. Zwar ist der Mensch nicht so naturgebunden, wie die Pflanze u. das Tier, – der Mensch ist frei, – aber nur bis zu einer Grenze. Es war eine Zeit, wo der Mensch u. die Erde noch nicht waren. Gott schuf die Erde u. die Menschen, aber er schafft dies alles heute noch, indem er alles erhält. Würde Gott auch nur einen Augenblick Seine Aufmerksamkeit von uns ablenken, dann würden wir im selben Augenblick in das Nichts zurücksinken.

     Aber woher kommt es nun, daß grade [41] die Großstädter, die im vollsten Sinne Menschen sind, am wenigsten ohne Gott, wenn nicht gar gegen Gott leben? – Weil ihre Lebensbedingungen schon nicht mehr gesund sind. P. Hoffmann zitierte Nietzsche, der den Versuch gemacht habe, gegen Gott zu leben u. grade dadurch seine Abhängigkeit von Gott dokumentierte. Daran ist er zerbrochen. Im Gegensatz hierzu zitierte er Gedichte aus dem Stundenbuch Rilkes, – sehr schön, – ich werde es anschaffen, wenn ich einmal Geld habe.

     Im zweiten Vortrag behandelte P. Hoffm. das Glück. Die Sehnsucht nach Glück wohnt jedem Menschen inne, sei er Verbrecher oder Heiliger, alle wollen das höchste Glück. Diese Sehnsucht ist also dem Menschen von Gott gegeben.

     Was aber ist das Glück. P. Hoffmann ging alle diejenigen Dinge durch, die sich uns im Leben als die lautesten Schreier als Glücksbringer anbieten: Körper, Gesundheit, Kraft, Geistige Arbeit, Wissenschaft, Kunst, Pflicht, Ehre, Freundschaft, Liebe, Vergnügen. In all dem liegt wohl Glück, aber letztes Glück ist es nicht, denn all dieses Glück ist verbunden mit Tätigkeit, Jagen, Hast. Das letzte Glück kann nur liegen in der Ruhe Gottes, der Besitz des höchsten Gutes ist die Ruhe in Gott.

     Es sei falsch, meinte P. Hoffmann, darum alle diese irdischen Glücksmöglichkeiten zu fliehen u. zu hassen. All dieses sei uns ja von Gott gegeben, damit wir uns daran freuen sollen; aber wir dürfen dies alles nur transparent sehen, nicht Endgültiges davon erwarten. In all dem irdischen Glück ist etwas von der endlichen Gottes=Glückseligkeit enthalten, u. wir sollen uns freuen, daß wir von dieser Gottes=Glückseligkeit schon hier auf Erden einen Schimmer verspüren. Dann werden wir schon hier auf Erden im Vorgeschmack der einzigen, wahren Glückseligkeit leben, die unserer in Gott wartet. Wohlan, du guter u. getreuer Knecht, gehe ein in die Freude deines Gottes (nicht in die eigene, kleine, menschl. Freude).

     Das Unglück, das Gott uns sendet, sind nur die Liebesbeweise Gottes, der uns, die Er liebt, dadurch dorthin führen will, wohin Er uns haben will: in Seine Freude.

     Im ersten Nachmittagsvortrag führte P. Hoffmann die große Schwierigkeit vor, die darin liegt, daß der wahre Katholik jenseitsbetont ist, während unser modernes Leben diesseitsbetonte Menschen braucht.

     Er ging stark darauf ein, wie doch das Wesen Gottes in den Dingen der Natur zu erkennen sei u. wie man Gott grade in der Natur suchen müsse, um Ihn zu finden. Bei aller Jenseitsbetonung dürfe man dieses doch [42] niemals vergessen. Er wies dann auf die Möglichkeit hin, diese entgegengesetzten Tendenzen zu vereinigen. Man müsse, sagte er, die Dinge betrachten, aber transparent sehen. Alle Dinge sind gut, denn Gott ist der Schopfer. (Die Sünde ist ein Nichtsein!) Zweitens müsse man die Dinge der Natur benützen, das sei ja direkt Gottes Befehl, den Er niemals zurückgenommen habe, auch nicht nach dem Sündenfall. Gott habe dem Menschen befohlen, sich die Dinge untertan zu machen u. über sie zu herrschen. Drittens aber dürften wir niemals zulassen, daß diese Dinge Gott, den Schöpfer, verdrängten u. selbstherrlich würden. – Zusammenfassend sagte er: Gott allein ist das Ziel all unseres Wollens, Handelns u. Wünschens, die Dinge sind das Mittel, zu diesem Ziele zu gelangen.

     Von hier aus empfahl er nun eine sorgfältige Gewissenserforschung, ausgehend vom Innersten, dem Wollen u. Wünschen, über den Körper u. die Tätigkeit, dann zum Verhältnis mit der Umwelt, der Familie, den Kollegen, den Volksgenossen u. endlich zur Menschheit. Immer soll Gott das Ziel sein, die Dinge das Mittel. Sehr interessant erwähnte er in diesem Sinne die Andacht. Sie vor allem darf nicht leerer Selbstzweck sein, sondern Mittel, zu Gott zu gelangen. Auch über den Körper sprach er gut, gesundheitsschädigende Ascese ist keineswegs Gottes Wille. Er sprach von den Talenten, vom Gemüt, es sei zu erforschen, ob wir dieses Gemüt knechten oder ob wir damit Wucher treiben. Vom Gemüt zur Sinnlichkeit. Er wies darauf hin, daß für uns der Begriff der Leidenschaft unwillkurlich mit böse verbunden sei, u. dies sei ein Zeichen, daß wir die Leidenschaft falsch sehen. Alle großen Menschen u. Heiligen seien leidenschaftlich gewesen, aber sie hätten ihre Leidenschaft gebändigt u. zum Mittel gemacht, Gott zu finden.

     Zum Verhältnis zu den Mitmenschen erzählte er, daß kürzlich ein hochintelligenter Mensch bei ihm gewesen sei, der als Kommunist im Konzentrationslager gesessen habe. Dort habe er einen kathol. Studienrat kennen gelernt, dessen hervorragende Seelenhaltung ihn nun bekehrt habe, so daß auch er nun katholisch werden wolle. P. Hoffmann sagte, daß jeder Verantwortung trage für seine Mitmenschen u. wenn die politische Situation Deutschlands heute viele zwinge, sich abzusondern u. scheinbar tatenlos beiseite zu stehen, so könne [43] auch eine solche Absonderung doch ohne Haß sein. Wir seien nun einmal verbunden mit unserem Volke u. jeder müsse in seiner Lage, wie diese auch immer sei, dem Volke zu nützen suchen. Dies aber kann man nur durch Liebe, nicht durch Haß.

     Im letzen Vortrag des Sonntags sprach P. Hoffm. dann vom Wesen der Sünde.

     Er wies darauf hin, daß doch tatsächlich überall dort, wo der Mensch in die reine Natur tritt, etwas wie ein Bruch entsteht, ein Gefühl der Schuld wird spürbar.

     Was ist diese Schuld? – Es gibt darüber zwei Offenbarungen. Schuld der Engel u. Adamsschuld. – Die Schuld der Engel kennen wir nicht. Wir können aber an der Strafe ermessen, wie überaus schwer sie gewesen sein muß wenn diese Geistgeschöpfe, die frei von Materie u. in die göttl. Gnade unmittelbar hineingenommen waren, wie ein Blitz vom Himmel in die Hölle gestürzt worden sind. Dort lebt nun Satan, Geschöpf Gottes u. darum Gott abhängig u. im letzten zu Gott wollend, aber niemals zu Gott dürfend.

     Und die menschliche Schuld? P. Hoffm. hielt sich an den Offenbarungstext. Er zeigte den ersten Menschen, der mit Gott befreundet war, sodaß er mit Gott im Paradiese lustwandelte. Und dann kam der Verlust dieser Freundschaft u. dann der Tod in Gestalt des Brudermordes. Ausführlich zeigte P. Hoffm. das Bild des Todes u. forderte auf, sich in diesen Gedanken zu versenken. Nicht, um zu erschrecken, sondern, um wieder einmal den Maßstab zu haben für Schuld u. Sühne. Es ist eben etwas Ungeheuerliches in schwere Schuld zu fallen, in bewußte Auflehnung gegen Gott, unseren Schöpfer. Dies ist die Schuld eine andere gibt es nicht.

     Und dann sprach er vom Kreuzestode unseres Herrn. Er sprach von der Furchtbarkeit dieses Todes u. er sprach davon, daß Gott in seiner Unendlichen Barmherzigkeit seinen eigenen Sohn, den ewigen Logos, in die Welt gesandt habe, damit Er diesen Tod erleide. Der Tod unseres Heilandes am Kreuze sei ein gewaltiges, sichtbares Zeichen für uns, an dem wir die Furchtbarkeit der Sünde ermessen können.

[43] Montag, d. 24. Sept. 34. Allerseligste Jungfrau v.d. Erlösung d. Gefangenen.

[43]      Wir feierten die Frühmesse als Gemeinschaftsmesse, nachdem P. Hoffmann über Sinn u. Bedeutung des Festes kurz gesprochen hatte.

[44]      Der erste Vortrag behandelte das Sakrament der hl. Beichte. P. Hoffm. forderte auf, daß heute alle Exerzitienteilnehmer zur hl. Beicht kommen mögen. Der Vortragende sprach von der Wohltat dieses Sakramentes, welches ein Sakrament der Freude, nicht ein Sakrament der Furcht sei. Man solle nicht immer nur die negative Seite des Sakramentes sehen, die darin besteht, daß man seine Sünden beichtet, um Vergebung zu erlangen, sondern wichtiger noch sei die positive Seite, indem nämlich das Sakrament Gnade vermittle u. Kräfte frei mache zum weiteren Fortschritt zur Vollkommenheit. Der Vortrag behandelte hauptsächlich die technischen Schwierigkeiten, die in einer falschen Einstellung des Beichtenden liege, vor allem die Furcht u. die Beschämung, immer wieder die kleinen Armseligkeiten beichten zu müssen. Grade den besten Katholiken falle dies oft am schwersten. Man solle sich aber bewußt sein, daß der Priester, dem man beichtet, nichts weiter sei als ein mechanischer Aufnahme=Apparat, daß man eben in Wahrheit vor Gott beichte. Die Gewissenserforschung solle nie ängstlich sein aber auch nicht leichtfertig. Zur speziellen Exerzitien-Beichte sei es gut, wenn man zuerst seine Sünden im gewöhnlichen Sinne bekenne auf Grund der Gewissenserforschung, dann aber noch einen Komplex aus seinem Leben herausgreife, von dem man glaube, daß man ihn noch niemals richtig in früheren Beichten zum Ausdruck gebracht habe.

     In diesem Sinne werde ich mein Verhältnis zu den anderen Menschen, wie es mir letzthin in den Ahrenshooper Tagen besonders zum Bewußtsein gekommen ist, vorlegen müssen. Es handelt sich da um das Problem der Nächstenliebe als Ausdruck meiner Gottesliebe.

     Der zweite Montags-Vortrag behandelte wiederum die Sünde, jedoch nicht wie am Sonntag im Hinblick auf Gott sondern nun im Hinblick auf uns selbst: Sünde als Ursache des Todes.

     An Beispielen erläuterte der Vortragende, wie der Tod fast immer unerwartet kommt, auch für die Schwerkranken, selbst oft, wenn der Arzt sie aufgegeben hat u. niemand mehr mit einer Gesundung rechnet. Der Kranke glaubt nicht an das Ende, denn der Tod erscheint uns im Tiefsten als etwas Unnatürliches.

     Unsere Vorfahren waren vertrauter mit dem Todesgedanken, das zeigen die Mysterienspiele u. die gemalten Totentänze. Auch wir sollten unser Leben wieder bewußter vor den [45] dunklen Hintergrund des Todes stellen. P. Hoffm. erzählte von einer schönen Ceremonie, die bei Feierlichkeiten im Vatikan gebräuchlich ist. Da bewegt sich der Festzug zur viele Gemächer. In einem dieser Gemächer stehen zwei schwarz gekleidete Priester. Der eine trägt eine Stande, an deren Spitze ein Ballen Werg befestigt ist, der andere trägt ein Feuerzeug. Indem sie auf den hl. Vater zutreten, wird der Wergballen entzündet u. sie sprechen: Heiliger Vater, gedenke, daß alle Pracht einmal ein Ende hat.

     P. Hoffm. schilderte den Augenblick, wenn der Tod an uns herantritt. Unsere Freunde u. Verwandten verschwinden, u. wir befinden uns in einer völligen Einsamkeit. Hier ist kein Schutzengel mehr u. keine Mutter Gottes. Solus cum solo, allein mit Gott. So treten wir vor Gottes Gericht. Alles ist nur ein Augenblick. Dann kommt der Moment, in dem Gott sagt: Wohlan, du guter und getreuer Knecht, tritt ein in die Freude deines Gottes. Dies ist der Augenblick der höchsten Seligkeit: Vereinigung mit dem Ziel unseres Lebens mit Gott.

     Aber es kann auch anders sein. Dem Verworfenen tut sich die ewige Hölle auf. Wanderer, betrittst du diese Schwelle, laß jede Hoffnung fahren. Ewige Höllenstrafe, – ewig, ohne Hoffnung! – Unfaßbar, – u. doch muß es so sein, den Christus hat es gesagt.

     Zwei Dinge gibt es die uns vor diesem Ende bewahren, die Liebe u. die Furcht. Dem Menschen soll die Liebe genügen. Aber sollte einmal die Liebe nicht hinreichen, dann soll die Furcht der Liebe die Hand reichen u. eine Kette bilden, um uns vor diesem furchtbaren Abgrunde zu schützen.

     Am Nachmittag sprach P. Hoffmann nicht über Neues, sondern verweilte bei den Gedanken zur Vorbereitung der Beichte. Er führte uns unter das Kreuz von Golgatha u. fand erschütternde Worte über das Leiden des Herrn. Wir lieben den Heiland gewiß in jeder Gestalt, auch als König u. Held, aber der gekreuzigte Heiland ist doch das Bild, welches uns am tiefsten ergreift, – ist es doch die Stunde Seines Lebens, auf die Er sich gefreut hat die Er herbeigesehnt hat, die Krone Seines Lebens.

     Und wie leicht macht es uns der Heiland. Denke an den Schächer: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein! Nur eine einzige, liebende Hinwendung zum Heiland, u. schon breitet Er Seine Arme aus u. zieht uns an sein liebeglühendes Herz, – u. wenn wir vorher die gemeinsten Verbrecher waren, oder [46] schmutzige Seelen wie mein Kollege Baumann in Ahrenshoop. – Ich bete seither öfter für diesen, möge die liebe Mutter Gottes ihn auf den rechten Weg führen, – ihn u. alle die anderen, die aus Bosheit, Irrtum oder Gleichgültigkeit fern von Gott sind. Und möge ich nie wieder so pharisäisch sein, mich über diese zu entrüsten, vielmehr möge in meinem Herzen nie etwas anderes sein, als tiefstes Mitleiden mit diesen Unglücklichsten der Menschen!

     „Mich dürstet“, rief der Heiland am Kreuze. Ihn dürstete grade nach den Seelen dieser Unglücklichen. Und ich? Ist es nicht meine Pflicht, diese Menschen zurückzuführen, so gut ich es vermag, u. so den Durst des Heilandes zu stillen? – Wie klein u. armselig bin ich doch in meinem Pharisäer-Hochmut!

     P. Hoffmann schilderte uns, wie der göttl. Heiland Sein elendes Ende findet. Zwölf junge Leute hatte Er geworben, das war der Erfolg, den Er mit Seiner Lehre gehabt hatte! Und als es ernst wurde, verriet ihn der eine, der andere verleugnete ihn, u. die übrigen zehn liefen davon in alle Richtungen. Nur einer, Johannes, fand sich später wieder ein unterm Kreuze, dazu Maria u. die Frauen. Das war die Todesstunde! Ein jämmerlicheres Fiasko Seines Lebens u. Wirkens ist kaum denkbar. Und da, angesichts dieses vollständigen Mißerfolges, da hebt der Heiland Seine Augen gen Himmel zum Vater u. ruft: Es ist vollbracht!

     Ja, mein Heiland, – wenn sonst nicht offenbar wäre, daß Du wahrhaft Gottes Sohn bist, dieses „es ist vollbracht“ würde es beweisen. Denn in den Augen der Menschen war Dein Werk wahrhaftig nicht vollbracht, im Gegenteil, es war gründlich zerschlagen u. vernichtet. Du aber sahst über die Jahrhunderte u. die Jahrtausend. Du sahst Deine heilige Kirche, – u. in dieser Kirche sahst Du mit Deinem allwissenden Gottesauge auch mich, Du sahst auch die Maria Wegscheider u. Du sahst uns alle, wie wir sind, in unserer kleinen, armseligen Menschlichkeit, u. Du hattest Erbarmen mit uns allen u. in der Todestunde noch batest Du für uns: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

     Nach dem Vortrag ging ich zur Beichte. Dürftig, wie fast immer obgleich innerlich sehr aufgewühlt. P. Hoffmann tröstete mich, sagte, wie sehr mein Leben in der Gnade sei, – u. wie ich mich mir immer festhalten müsse am heiligen Kreuze Jesu Christi! [47] Der letzte Vortrag des Montag brachte ebenfalls nichts Neues, er war mehr ein Ausklang der hl. Beichte, Betrachtung der Gegebenheiten, wie sie aus der Beichte folgen. P. Hoffm. sagte, man solle nun einmal wirklich u. ernsthaft daran gehen, die guten Vorsätze u. Einsichten in die Tat umzusetzen u. nicht gleich nach den ersten Schwierigkeiten, die sich ja jedenfalls ergeben würden, in den alten Schlendrian zurückfallen. Der Gedanke beim Schlafengehen müsse die eindringliche Bitte sein: Komme, Herr Jesus, komm. Mit diesem Gedanken müßten wir morgen früh erwachen u. zum Tisch des Herrn gehen, damit wir den morgigen, letzten Tag wirklich und wahrhaftig mit dem göttl. Heiland verleben.

     Etwas Besonderes war dann die Abendandacht, bei der P. Hoffm. an Stelle der sonst üblichen Gebets=Lesung aus dem Stegreif betete, sein Gebet bestand in drei Abschnitten, die durch gemeinsamen Gesang geteilt waren. Im ersten Abschnitt wandte er sich an Jesus mit der Bitte, diese unsere Exerzitien zu segnen. Im zweiten Abschnitt sprach der die Mutter Gottes an u. im dritten Abschnitt empfahl er sich, uns, unsere Familien u. Freunde, unsere Arbeit, unsere Zukunft u. all unser ferneres Streben Seiner Gnade.

     Diese Gebete waren sehr schön, innig u. ergreifend.

[47] Dienstag, 25. September 1934

[47]      Der heutige Tag steht unter dem Zeichen der Gegenwart Christi. Ein kleines u. liebenswürdiges Begebnis begegnete mir heute früh

     Ich hatte mir vorgenommen, den heutigen Tag durch Verzicht auf das Rauchen zu heiligen. Als nun das Frühstück beendet war, standen wie gewöhnlich alle Herren zugleich auf u. sprachen still ihr Dankgebet. Der alte Herr, der Richter, der mir gegenüber sitzt u. der mir am ersten Abend so unangenehm mit seinen Kriegsgeschichten aufgefallen war, hatte heute etwas getrödelt, jedenfalls war er noch nicht fertig als alle aufstanden. Deshalb blieb auch ich sitzen u. wartete, bis er fertig sei, um dann mit ihm gemeinsam aufzustehen. Ehe er aber aufstand ordnete er seine Zigaretten in einer Schachtel. – Ich dachte bei mir, daß es doch bitter sei, jetzt nach dem Frühstück die Zigarette entbehren zu müssen, opferte diesen Wunsch aber erneut dem Heiland zum heutigen Tage auf. Dann verließ ich den Speisesaal, um ein wenig im Garten spazieren zu gehen, ehe die Vorträge begannen. Da [48] stand draußen, auf mich wartend, mein alter Herr u. bot mir liebenswürdig eine Zigarette an. Ich war überrascht u. herzlich erfreut, es war wirklich so als reichte der liebe Heiland selbst mir die Zigarette.

     Der erste Vortrag beschäftigte sich mit den Zeugnissen des Lebens des Heilandes, den vier Evangelien. P. Hoffm. machte uns die charakteristischen Unterschiede trefflich klar. Matthäus, der Jude der seinen Volksgenossen den Nachweis bringen will, daß Jesus eben doch der in den alten Schriften verkündete Messias gewesen sei. Dann Markus: Gehülfe des Petrus. Er schreibt auf, was Petrus erzählt hat, sodaß das Evangelium eigentlich von Petrus selbst ist. P. Hoffmann machte aufmerksam, wie der eigenartige Charakter des Petrus überall zum Durchbruch kommt. – Lukas, der Arzt, bringt in seinem Evangelium vieles, was die anderen nicht bringen. Er war wohl ein Mann mit hellem Blick u. Sinn für das Plastische. So mag ihm die l. Mutter Gottes vieles erzählt haben, was sie den anderen nicht erzählte.

     Ganz anders ist Johannes. Sein Evangelium ist entstanden als Streitschrift gegen die damals schon auftauchende Irrlehre, Jesus sei ein Mensch gewesen, auf den erst in der Taufe der hl. Geist herabgekommen sei u. der auch vor seinem Tode am Kreuze vom hl. Geist wieder verlassen worden sei, sodaß am Ende wieder ein Mensch am Kreuze gehangen habe. Besonders der Anfang des Johannes-Evangeliums sei ein flammender Protest gegen diese Irrlehre, während die Erzählung später in ruhiger Tiefe verläuft.

     So gewinnen wir auf den vier Evangelien ein sehr abgerundetes Bild unseres Heilandes, welcher der Weg u. das Leben ist. Völlige Hingabe an ihn wird uns frei machen u. zu innerer Ruhe kommen lassen.

     Der zweite Vormittags-Vortrag behandelte das Gebet als Mittel, den Heiland zu sich zu rufen. Die Hauptsache beim Beten sei die Vorbereitung die unsere Sammlung, ohne die das Gebet zu leicht ein gedankenloses Lippengebet würde, besonders, wenn man sich der Gebetsformeln bediene.

     Alles handele sich darum, daß der Heiland wirklich zu uns kommt. Komm, Herr Jesus, komm! An Hand der Geschichte von Christi Geburt zeigte P. Hoffm., wie der Heiland kommt. Er zeigte die demütige Ergebung der hl. Jungfrau in den Willen Gottes. Wie mag sie nun der Geburt dieses Kindes entgegengeharrt haben, wie alles vorbereitet haben in Liebe u. Sorgfalt trotz der Armut. Und da, im letzten Augenblick kommt der Befehl des Herodes: nach Bethlehem! – Wenn ich mir denke, daß mir dergleichen passieren würde, [49] so kann ich's mir nicht anders vorstellen, daß ich vor Zorn über diesen eitlen, dummen Narrn Herodes überkochen würde. Maria trug's demütig. Und war's nicht so Gottes Wille? Dieses Geschehnis ist ein vorzügliches Betrachtungs-Objekt für die vielen Fälle, in denen unsereins unversehens ein Strich durch unsere Rechnung gemacht wird.

     Nachdem Mittagessen suchte ich mein Zimmer auf, um etwas zu ruhen. Der „nicht sympathische Richter“ ging langsam vor mir. An meiner Tür blieb er stehen u. drückte mir rasch zwei Zigaretten in die Hand. – So ist das nun! eine Lehre vom Heiland! eine sehr freundliche Lehre. Ich habe nachgesehen; er ist ein Amtsgerichtsrat Ricks. – Es gibt einen ungemein sympathischen Herrn, einen Ministerialdirektor Lessmann.

     Der Nachmittags-Vortrag handelte von den vier großen Abschnitten der Menschheitsgeschichte: 1) Schöpfung, Freundschaft Gottes mit den Menschen, Abfall der Menschen von Gott. 2) Erwählung des Volkes Israel, Auszeichnung dieses Volkes. 3) Fleischwerdung des Wortes, Erniedrigung Gottes, Kreuzesopfer 4.) Einsetzung der Eucharistie u. damit Gründung der Kirche Gottes.

     Im letzten Vortrag sprach P. Hoffm. vom Fortleben des Heilands in der Kirche. Hirtenamt, Lehramt, Priesteramt. Besonders für die einfachen Arten der Volksfrömmigkeit fand er schöne Worte, er warnte davor, die oft naive Frömmigkeit, die manchmal auch geschmacklose Formen annehmen mag, hochmütig zu kritisieren. Man müsse doch mehr auf die fromme Absicht sehen.

     Die letzte Abendandacht war besonders schön. Ihr ging der Papst-Segen voraus, der mit einem vollkommenen Ablaß verbunden ist. P. Hoffmann sprach dann wieder die Gebete wie gestern aus dem Stegreif u. bat um den Segen des Heilands für unsere Arbeit dieser Tage u. für alles das, was für die Zukunft aus dieser Arbeit hervorgeht.

[49] Mittwoch, d. 26. Sept. 1934. hl. Cyprian u. Justina.

[49]      Die Tage der Exerzitien sind vorbei!

     P. Hoffmann war bereits gestern Abend abgefahren, ohne daß jemand es wußte. Die Morgenmesse hielt P. von Dallwigk. Sie war sehr reich u. schön, die Schwestern sangen einige Lieder recht stimmungsvoll. Beim Frühstück war das Schweigegebot bereits aufgehoben u. es wurde eifrig geschwätzt. Auch der brave Amtsgerichtsrat konnte nun wieder Schwänke aus seinem Leben erzählen. Mein Tischnachbar zur Linken war ein sehr junger Mensch gewesen, der sich nun als ein Theologe erwies, der bei seinen 24 Jahren [50] bereits sein Theologie-Studium als protestantischer Pfarrer abgeschlossen hatte u. nun eben das Studium der katholischen Theologie neu begann.

     Die heimliche Abreise des P. Hoffmann war mir insofern sehr unangenehm, als ich ihn bitten wollte, mir die Kosten für die Tage zu erlassen. Nun mußte ich diese Bitte bei P. von Dallwigt anbringen, was für mich einigermaßen demütigend war, um so mehr, da, – wie sich herausstellte P. von Dallwigk keine Befugnis dazu hatte u. erst telephonisch bei P. Hoffmann anfragen mußte. Die Auskunft lautete dann, daß mir der Betrag, „gestundet oder niederzuschlagen“ sei.

     P. Lense sagt in seinen Buche über das Opferleben der hl. Therese v. K. Jesu Seite 45: Die Demut ist der Anfang u. das Fundament des neuen Tugendlebens. Hierin begleitet die Seele ihren göttl. Meister so weit als nur möglich, d.h. bis zur tiefsten Erniedrigung. Verachtung, Widerspruch u. Kränkung nimmt sie ruhig an, wo sich Gelegenheit dazu bietet.

     Hier hat sich solche Gelegenheit geboten. Ich hatte heimlich gehofft, daß ich auch ohne meine demütige Bitte von selbst eingeladen werden würde als Erkenntlichkeit für das Johannes=Bild, welches ich dem Exerzitienhause geschenkt habe u. für das der verstorbene H. H. Bischof Schreiber einen so überaus kostbaren Rahmen gestiftet hatte. Das Bild hängt in der Kapelle u. wird, wie ich gesehen habe, viel beachtet, obgleich es so außerordentlich schlecht hängt. Da man s. Zt. vergessen hatte, sich für das Geschenk bei mir zu bedanken, glaubte ich, man habe sich vorgenommen, mich zu den heurigen Exerzitien einzuladen. Da es nicht der Fall war, freue ich mich, vor Gott bezeugen zu können, daß ich nicht die geringste Bitterkeit darüber empfunden habe. – Vielmehr bin ich danach noch einmal in die Kapelle gegangen u. habe vor dem schönen Altar unserer lieben Mutter Gottes ein Gebet gesprochen u. die liebe Mutter Gottes ist da unaussprechlich freundlich zu mir gewesen. Dann habe ich noch vor dem Hauptaltar u. vor dem Altar des hl. Joseph gebetet. Dort lächelte mich das Jesuskindlein freundlich an. Und nun ging's raus. Aber die Pforte war verschlossen u. die Schwester Pförtnerin mußte erst aufschließen. Und wenn ich gedacht hatte, nun wär's gut, dann irrte ich mich, denn die Schwester Pförtnerin hat auch das Amt, nachdem sie die Leute eingelassen hat, auch aufzupassen, daß man das Haus nicht verläßt, ohne die Zeche zu bezahlen. Und so stellte sie mich – sie, die stets so freundlich ist – u. machte mich freundlich darauf aufmerksam, daß ich noch nicht bezahlt hätte. Ja, – da bin ich doch ein wenig rot geworden vor Scham, daß ich so gewissermaßen wie ein Zechpreller u. Betrüger dastand vor der Schwester u. stammeln mußte, daß P. Hoffmann mir erlaubt habe später zu bezahlen. Es war immerhin schön, daß die Schwester mir glaubte u. mich hinausließ, – sie hätte ja auch Lärm schlagen können. –

     Also das waren die Exerzitien!

     Sie waren nicht so innerlich ergreifend u. aufwühlend wie im Mai vorigen Jahres bei P. Friedr. Muckermann, sie waren wissenschaftlicher u. mehr auf das Wesentliche gerichtet. Und P. Hoffmann hat selbst in seinen Vorträgen gesagt, daß das Wesentliche die Dinge abstrakt u. unlebendig mache, wie z.B. die wesentlichste Wissenschaft, die Mathematik. So waren diese Exerzitien unter P. Hoffmann [51] sehr viel abstrakter, u. darum ungleich anstrengender, als die vorjährigen mit dem lebendigen u. künstlerischen P. Muckermann. Damals kam ich zurück in Hochspannung, heute bin ich ermüdet. Aber die Teilnehmer waren diesmal besser als damals. Es wurde die Hausordnung von allen peinlichst eingehalten, vor allem das Schweigegebot wurde absolut streng durchgeführt, – das war sehr wohltätig. Damals waren die Teilnehmer Künstler, u. zwar größtenteils nicht grade Elite, u. alles ging so ein wenig lax zu, aber fröhlicher.

[51] Donnerstag, d. 27.9.34. hl. Kosmas + Damian.

[...] [51]      Dann war ich bei Pf. Pietryga.

     In der Wohnung sah es naturgemäß noch wüst aus, alles stand durcheinander, er selbst inmitten der Möbel an einem kleinen Tischchen Mittagbrot essend, dabei der Kanarienvogel. Ich mußte mitessen, ob ich wollte, oder nicht. Es gab auch ein Glas Wein u. eine Cigarre.

     Es handelt sich also um folgendes:

     In Stuttgart hat sich eine kathol. Bibelbewegung aufgetan, die letzthin in der Erzabtei Beuron ihre erste Tagung veranstaltet hat. Es ist nun notwendig, diese Bewegung in Norddeutschland voran zu tragen u. Pf. P. will sich dieser Arbeit widmen. Es ist anzunehmen, daß auf der Beuroner Tagung Richtlinien für diese Aktion aufgezeigt worden sind, doch ist darüber noch nichts bekannt. Im großen u. ganzen wird aber wohl das Vortreiben dieser Aktion denjenigen überlassen bleiben müssen, die gewillt sind, diese Arbeit auf sich zu nehmen. Für Berlin scheint dies zunächst nur Pf. P. zu sein.

     Er denkt sich die Sache so, daß in den einzelnen Pfarreien Interessentenkreise gewonnen werden sollen, vor allem aber in den kathol. Vereinen. Diese Arbeit wird wohl vorwiegend durch Vorträge gefördert werden müssen, u. zwar nicht allein in Berlin, sondern in der ganzen Diözese Berlin, also Brandenburg u. Pommern. Dies alles dürfte eine erhebliche Arbeit sein, die außerdem Organisation u. ziemlich umfangreiche Korrespondenz erfordert. Dazu kommt dann noch eine gewisse kaufmännische Tätigkeit als direkter Buchvertrieb. Für diese Tätigkeit hat Pf. P. einen Herrn, der aus politischen Gründen irgendwo abgebaut ist. Die andere Tätigkeit soll ich übernehmen, während er selbst Vorträge u. direkte Propaganda macht, wobei er daran denkt, daß ich ihn gegebenenfalls auch hierbei selbständig vertrete. – Mir scheint die Sache interessant u. höchst aussichtsreich, sodaß ich mit Begeisterung zugestimmt habe. [...]

[52]      Wir haben nun verabredet, daß ich erst einmal nach Stuttgart schreibe, um festzustellen, wie man in der Centrale dort über diesen Plan denkt. Lautet die Antwort ermunternd, nun, – dann werde ich's machen, – lautet sie nicht ermunternd, – dann muß man neu überlegen. Immerhin glaube ich, daß die Sache gut ist. Ich werde nun daran gehen mein Atelier weiterzuvermieten.

     Nach der Unterredung war ich in der Kirche, – sie ist ein wunderbarer Betraum,– die drittälteste kathol. Kirche in Berlin nach der Reformation.

[52] Freitag, d. 28.9.34. hl. Wenceslaus.

[52]      Gestern am Spätnachmittag kam auf einen Sprung Kaplan Dr. T., leider mit der Nachricht, daß unser Donnerstag-Abend wieder ausfallen müsse. Er sagte mir, daß Pf. Menzel mich am letzten Sonnabend zu Tisch erwartet habe, seine Einladung habe regelmäßig zu jedem Sonnabend gelautet. Das hatte ich nicht so verstanden, aber es ist nett vom Pfarrer. Ich werde also morgen Mittag wieder hingehen. Uebrigens kam er heute früh nach der Frühmesse zu mir an meine Bank u. bat mich heute Nachmittag nicht um 7 Uhr zu ihm zu kommen, um mit Herrn Amtsrat Schindler das Weitere unserer Arbeit zu besprechen, sondern schon um 6 Uhr. – Ich muß nun sehr aufmerksam sein, um nichts zu tun, was mein eigener Wille ist, sondern Gottes Willen zu erkennen. Ich selbst möchte jetzt gern zu Pf. Pietryga, – aber darf ich das? – Der Pfarrer Menzel rechnet nun auf mich, der Kaplan bleibt wegen mir den Winter über hier die Gemeinde hat meine Arbeit offenbar nötig, die Kirchenwahlen stehen vor der Tür. Andererseits kann ich die Arbeit für die Bibelbewegung auch ebenso gut von Friedenau aus machen. Es sieht so aus, als wäre dieses Gottes Wille. Ich muß viel beten, um dies zu ergründen. Außerdem habe ich mich doch auch verpflichtet, in unserer Kirche die Aufsicht zu übernehmen, das würde doch schwer sein, wenn ich in der Potsdamerstr. bei Pf. Pietryga wohne. – Ich muß also sehr vorsichtig sein. [...]

[53]      Habe ich mir umsonst den Kopf zerbrochen über mein Verhalten Herrn Baumann gegenüber? Nein, ich glaube nicht! Diese Menschen sind nicht ganz u. gar schlecht, sie sind Opfer unserer verkommenen Zeit. Auch solche Menschen sind sicher zu retten, – aber es gehört mehr dazu, als ich habe. Gott wird mir diesen scheußlichen Menschen in den Weg geschickt haben, damit ich das einsehe u. erkennen lerne, was mir fehlt. Denn solche Menschen sind nur durch eins zu retten: durch eine ganz übergroße Demut. Ich muß eine Demut erwerben, die diese Menschen einfach entwaffnet u. umwirft, – eine Demut wie sie der hl. Franziskus hatte, oder in unserer Zeit der hl. Pfarrer von Ars. Wenn dieser einem Baumann begegnet wäre, dann hätte er beim Anblick dieses Menschen bitterlich geweint vor tiefem u. echtem Mitleid, ja, er wäre am Ende vor ihm niedergekniet, hätte sich vor ihm erniedrigt, um ihn anzuflehen, von seinem sündhaften Leben zu lassen. Das wäre wahrhaftes Christentum gewesen, wahrhaftes Heldentum. Mein Ekel aber war nichts als Hochmut.

     Demut u. wahren Opfergeist, beides muß ich noch lernen, ehe ich wirklich daran gehen kann, die Forderungen zu erfüllen, die man von dem wahren Opferseelenberuf erwarten muß. Mein Wollen ist ja ganz schön, aber ehe ich diese Demut nicht habe, ist all dies Eitelkeit!

     Demut u. Opfergeist aber sind Tugenden, die nur allein aus einer tiefen Gottesliebe erwachsen. Da ich noch nicht diese wahre Demut habe, so ist das ein Zeichen, daß ich auch die wahre Gottesliebe noch nicht habe. Um diese echte Gottesliebe zu erwerben, dazu muß ich noch viel beten. Ueberhaupt muß ich wohl mein Gebetsleben erst einmal ganz durchkultivieren, mit Rosenkranz u. anderen Formeln allein ist das noch nicht getan, das scheinen nur Vorbereitungsübungen zu sein.

     Die kl. hl. Therese v. K. Jesu meint, daß die Voraussetzung zur Gottesliebe diese ist, daß man immer arm u. schwach sei u. sein wolle. Dieses nennt sie eine Schwierigkeit, u. sie hat wohl recht. Aber für einen Mann ist die Sache doch wohl noch anders, ein Mann kann nicht so einfach schlechthin schwach sein. Vor dem Angesichte Gottes muß er freilich schwach sein, aber dem Leben u. der Welt gegenüber muß er doch wohl auch stark sein. Und Demut in der Stärke zu haben, das erscheint mir sehr schwierig. Der hl. Pfarrer v. Ars war solch ein Armer im Geiste, dessen Wert wie eine Perle ist die von den äußersten Grenzen der Erde kommt, wie Thomas von Kempen sagt: „Halten wir uns recht fern von allem, was glänzt“, meint die hl. Therese, – damit trifft sie Wesentliches. Wie sehr imponiert mir doch noch immer das äußere Auftreten der Menschen, die soziale Stellung, – u. wie sehr bin ich in meiner Eitelkeit doch immer noch bemüht nach außen hin eine gute Figur zu machen. So lange das der Fall ist, bin ich nicht arm im Geiste!

     Ich werde anfangen müssen, die Demut systematisch zu üben. Ich muß mich üben, Gefallen daran zu finden nichts zu sein, so wie ich jetzt noch so oft Gefallen daran finde, für etwas zu gelten. – Da sind z.B. jetzt grade meine Schuhsolen. Sie sind am rechten Schuh durchgelaufen u. wenn ich morgens an der Kommunionbank kniee, dann geniere ich mich, daß man diese zerrissenen Sohlen sieht. Wie kann ich also erwarten, daß der göttl. Heiland in der hl. Kommunion zu mir kommt, wenn zugleich [54] der Teufel des Hochmuts hinter mir steht u. mir ins Ohr flüstert: Schäm' dich, was sollen die Leute von dir denken, – sie denken, du wärest zu arm, dir die Schuhe besohlen zu lassen. – Jawohl, ich bin auch zu arm dazu, aber was ist denn das für ein dummer Hochmut, der diese Armut so ängstlich verbergen will! – Ich werde also noch weiter mit den zerrissenen Sohlen herumlaufen, u. nicht sie zum Schuster bringen, wie ich wollte, – so lange, bis es garnicht mehr anders geht. –

     Gefallen finden am eigenen Nichts, – so wie ich jetzt noch Gefallen finde an meiner äußeren Geltung, an meiner Fassade an meinem Benehmen usw., – das ist es, was ich lernen muß. – So lange diese schreckliche Eitelkeit in mir ist, habe ich kein Recht, zu sagen: ich liebe Gott. – Vielmehr liebe ich mich selbst. Wahre große Gottesliebe ist nur möglich, wenn man jede Eitelkeit in sich abgetötet hat u. wenn man Nichts ist u. in diesem Nichts sein Gefallen findet.

     Vor einiger Zeit las ich von einem Heiligen, der in ähnlicher Weise gegen seine Eitelkeit vorgehen mußte. War es Don Bosko? – Jedenfalls brachte der, von dem ich's las, es fertig, auf die Straße zu gehen, die eine Gesichtshälfte glatt rasiert, die andere mit Vollbart. Welcher Mut gehört doch dazu! Ich hätte diesen Mut nicht, ich wäre zu ängstlich. Aber kann man wahre, große Gottesliebe haben, wenn man zu ängstlich ist, seine Gottesliebe öffentlich zu zeigen? – Jesus, der Sohn Gottes, nahm Knechtsgestalt an. Wenn Er so eitel gewesen wäre, wie ich, so hätte Er sich gewiß in diesem Gewande vor den Engeln geniert. –

     Therese v. K. Jesu fühlte sich arm u. schwach wie ein Kind vor Gott. Das ist nicht meine Form, denn ich bin ein Mann. Als Mann, glaube ich, muß man sich vor Gott wie ein Knecht vorkommen, arm und abhängig vom Herrn, aber stark u. treu in der Arbeit für den Herrn. Der Knecht arbeitet für den Herrn u. tut alles, was der Herr ihm befiehlt, u. er tut nichts zum eigenen Vorteil, sondern alles zum Vorteil seines Herrn. Dann wird eines Tages der Herr sagen: Wohlan, du guter u. getreuer Knecht, gehe ein in die Freude deines Gottes.

     Also bin ich ein Knecht Gottes u. Seiner Kirche u. mein Lohn ist der Widerschein der Herrlichkeit Gottes u. d. Kirche. In diesem Dienst muß mein Leben aufgehen u. alle meine Standespflichten, alles das muß ein einziges Lob Gottes sein, ein einziges Gebet.

     Therese v. K. Jesu konnte sich im Karmel wohl damit begnügen, einfach nur Gott zu lieben in dieser umfassenden Weise, in der sie es getan hat. Deshalb erscheint vielen auch dieses Heiligenleben so bedeutungslos, sodaß sie nicht verstehen, warum man diese kleine Heilige verehren soll. Wir andern aber, die wir Männer, Soldaten, Knechte Gottes sind, wir müssen für Gott kämpfen u. arbeiten, jeder in seiner Weise, u. was uns dabei mangelt an Liebe, das möge uns die kleine Heilige aus ihrem Verdienstschatze ersetzen. – Für uns ist die Hauptsache, daß wir jede Arbeit, jede Handlung dazu benützen, sie Gott als Opfer darzubringen, – wenn wir sie aus wahrer Gottesliebe vollbringen, dann wird Gott solches Opfer annehmen, wie das Opfer Abels, – sonst wird er es verschmähen wie das Opfer Kains.

     Alles, was ich für die Kirche tue, freut die Kirche. Ob ich Bilder schenke oder eine Gemeindekartei in Ordnung bringe, das ist letzten Endes egal. Es ist auch ganz gleichgültig, ob die Diener der Kirche meine Opfer anerkennen oder nicht. Ihnen bringe ich diese Opfer ja nicht. Ob die Jesuiten sich für das Johannesbild in Biesdorf bedanken, oder nicht, ist [55] gleichgültig. Ob die Johannesbund-Patres im Christkönigshaus in der Petersburgerstraße für das Bild: Christus u. die Jünger von Emaus bedanken, oder nicht, ist gleichgültig. Ob Pf. Menzel meine Arbeit für die Gemeinde nützlich oder lästig empfindet, ist gleichgültig. Mein Opfer gilt ja der Mutter Kirche, u. diese lächelt. Das genügt. Die Heiligen im Himmel u. die Engel werden mein Opfer schon sehen, die Gemeinschaft der Heiligen, – u. werden es Gott dem Herrn darbringen, u. Er wird freundlich auf Seine Kirche sehen u. Er wird sie heiligen, – alle Glieder dieses Leibes.

[55] Sonnabend, 29.9.34. hl. Michael.

[55]      Gestern Abend mit Herrn Schindler bei Pf. Menzel. Akten geordnet von 6 – 9 Uhr. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander. Aus den Akten des sog. kathol. Sammelvereins springt einem das Gegenteil dieses Vereins=Sinnes in die Augen. Das Gegeneinanderarbeiten der Gemeindemitglieder gegen den Pfarrer ist erschütternd, so hatte ich's nicht erwartet. Dabei scheint es, als wäre im Anfang von Seiten der Gemeinde viel guter Wille dagewesen. Es ist traurig, wie der Pfarrer es so garnicht verstanden hat, diesen guten Willen zu erhalten u. fruchtbar zu machen, wie er sich im Gegenteil nur Feinde herangezogen hat aus Leuten, die einmal seine Freunde waren. Man kann diese Leute nicht in Schutz nehmen, denn sie haben zweifellos unklug genandelt u. sind zum Teil wohl auch Opfer einer bösen Verhetzung gewesen; aber der Pfarrer hat es erheblich an der Kardinaltugend der Klugheit fehlen lassen. Er hat diese Tugend nicht, – gut, – ich ermangele ihrer wohl auch. Indessen ist das bei einem Pfarrer schlimm, besonders, wenn er dies selbst jetzt noch nicht einsehen will. Er ist schließlich gut zehn Jahre älter als ich, anfangs oder gar Mitte der Sechziger, – da sollte man doch schon etwas gelernt haben. Aber was rede ich da viel. Beten, beten, u. nochmals beten, für ihn u. für die Gemeinde, – das ist das Einzige, was hier Not tut u. was wirklich helfen kann.

     Mittags war ich bei Pf. Menzel um Essen, zusammen mit dem Kaplan. Ich erzählte von dem Plan des Pf. Pietryga u. von dem Angebot, das dieser mir gemacht hat. Er erklärte sofort, daß dies doch das wäre, was ich brauchte, ich müsse auf jeden Fall darauf eingehen. Dasselbe sagte der Kaplan. Ich wendete ein, daß ich doch eben hier in der Gemeinde meine Arbeit begonnen hätte, u. doch nun nicht einfach fortlaufen könne. Pfarrer M. sagte, daß das ganz egal sei, diese Sache sei offensichtlich göttliche Fügung, der ich gehorchen müsse. Darauf erwiderte ich, daß eben grade dieses mein Zweifel sei. Ich sagte, daß ich nichts lieber täte, als zu Pf. P. ziehen, erstens, weil mich die Arbeit sehr interessiert, zweitens sei es für mich wirtschaftlich von sehr großer Bedeutung. Aber grade, weil ich es so gern täte hätte ich Bedenken. Ich wüßte nicht, ob es nicht vielleicht doch von mir Eigennutz wäre, wenn ich die angefangene Arbeit in der Gemeinde liegen ließe, um einer interessanten [56] Beschäftigung u. einem bequemeren Leben nachzugehen. Ich sagte auch, daß ich bereits gebetet hätte, damit Gott mir Seinen Willen kundtue u. mich davor bewahre, aus Eigennutz zu handeln. Aber Pfarrer M. blieb unerschütterlich dabei, daß dies Gottes Wille sei.

     Das Essen verlief angeregt. Ich erzählte von Biesdorf u. Pfarrer M. hörte interessiert zu. Nach Tisch forderte mich der Kaplan noch zu einer Cigarette bei sich auf, es wurden aber vier daraus. Ich besprach die Sache nochmals mit ihm u. machte wiederum alle Bedenken geltend, besonders daß nun niemand da wäre, der die Aufsicht in der Kirche übernähme. Das könne doch Gott nicht gefallen. Er aber meinte, daß ihm grade der Umstand, daß in diesem Augenblick diese Sache käme, ein Beweis des göttlichen Willens sei. Ich hätte durch mein Angebot, welches doch ein sehr erhebliches Opfer bedeutete, meine Opferbereitschaft so offenkundig an den Tag gelegt, daß Gott mich nun dafür belohnen wolle. –

     Nun sage ich mir, wenn zwei so gute Diener Gottes in dieser Weise zu mir sprechen, dann ist das eben deutlich Gottes Stimme, der ich nun folgen will u. auch dankbar folgen muß! Dr. Tetzlaff zeigte mir seine Zettel=Kartei, die mich hoch interessierte. Ich werde mir, wenn ich bei Pfarrer P. bin, auch eine solche zulegen, es lohnt sich hier ein kleiner Griff in meine mühsam gemachten Ersparnisse. Die große Bibliothek des Pfarrers P. wird mich ja so wie so genug fesseln, sodaß ich mein Studium dann systematisch weiterführen kann.

     Von Kaplan Dr. T. bin ich nach Moabit zu meinem Lehrer P. Albertus M. Kaufmann O.P. gefahren, der in der Kruppstraße wohnt. Leider kam ich so spät dort an, daß ich nicht, wie ich wollte, mit ihm meine Sache besprechen kann. P. Albertus ist ein alter Mann, der eine kleine Abneigung gegen Pf. Pietryga hat, obgleich grade dieser es war, der mich s.Zt. im Januar 1932 zu ihm gebracht hat, damit er mir Konvertiten-Unterricht erteile. Wegen seiner Abneigung glaubte ich, daß ich von ihm ein ganz objektives Urteil hören würde. Da er aber ausnahmsweise früher als sonst zum Beichthören gehen mußte, weil er die Beichte einer Kranken hören mußte, so konnte ich mein Anliegen nicht vorbringen. Ich bin nun um so sicherer, daß es so Gottes Wille ist. Fiat voluntas Tua!

     Zuhause traf ich meinen Nachbarn Gorbatiuk, den ich seit meiner Rückkehr aus Biesdorf nicht gesehen hatte. Ich erzählte ihm nun die Sache u. er war sofort bereit, mir beim Umzug behülflich zu sein. Ein guter, gefälliger Mensch, schade, daß er so leicht verlumpt, ich muß sehen, daß ich ihn vorher noch zur Kirche bringe.

[57]      Wenn ich mir dies ganze Geschehen der letzten Zeit klar überlege, so kann ich nicht umhin, hierin eine deutliche Fügung Gottes zu erblicken. Angefangen hat es im Frühjahr, als ich mich auf ein Inserat im Kirchenblatt hin zum Theologie=Studium für Spätberufene gemeldet hatte. Im Verlauf der brieflichen Verhandlungen, die anfangs so günstig schienen, dann aber abflauten, entschloß ich mich eines Tages, an Therese von Konnersreuth zu schreiben u. sie zu bitten, für mich zur kl. hl. Therese v. K. Jesu zu beten. Daraufhin kam die Missionswoche in Schmargendorf in St. Salvator u. ich offenbarte mich dem P. Missionar, Sigisbert Kraus S.D.S., der mir aber ganz entschieden abriet. Schon vorher hatte mir P. Provinzial Krächan S.D.S., mein Beichtvater, abgeraten. Ich war sehr betrübt, fügte mich aber u. fuhr dann nach Ahrenshoop. Damals tauchte der Opfergedanke in mir auf u. ich begann, mich mit der hl. Therese u. ihrem Opferberuf mehr zu beschäftigen. Das war zweifellos der erste Wink der kleinen Heiligen. Der Opfergedanke führe mich dann zu dem Anerbieten, in unserer Kirche die Aufsicht zu übernehmen u. die anderen Arbeiten zu tun. Dann kommt die Nachricht von Pf. Pietryga. Ich fahre nach der Potsdamerstraße u. gehe in die Kirche, ehe ich hinauf in die Wohnung gehe. Das erste, was ich da sehe, ist ein Altärchen der kleinen Heiligen. Dann kommen die Exerzitien u. ich kann Pf. P. nicht vorher sprechen, weil sein Umzug sich verzögert. Ich bin also unbeschwert von Gedanken bei den geistlichen Uebungen, die voll auf mich wirken Am Tage nach den Exerzitien bin in bei Pf. P. u. höre alles, gehe gleich nachher wieder in die Kirche u. bete kurz zur kleinen Heiligen. Meine Gewissensnot, die sich aus meiner Verpflichtung zu unserer Gemeinde ergibt wird zerstreut durch Pfarrer Menzel u. den Kaplan. – Also darf ich wohl glauben, daß die kleine Heilige mich wirklich an die Hand genommen hat u. mich führt, wie ich sie gebeten habe.

     Und das ist doch wieder ein schöner Beweis der Wirksamkeit unserer Heiligen, ein Beweis von der Gemeinschaft der Heiligen u. des mystischen Leibes Christi. Der ausgesprochene Zweck des Opferlebens der kleinen Heiligen war doch der, eine möglichst große Zahl neuer Seelen für diesen Opferberuf zu gewinnen. Mich hat sie jedenfalls gewonnen. Möge sie mich weiter führen.

     Sie war auf Erden ein kleines Mädchen, gewiß, – ein kleines Mädchen wie meine kleine Nichte Eva Küntzel. Und ich bin ein Mann von fast 50 Jahren. Das ist wohl ein Unterschied. Mein Opferleben kann sich nicht in den Bahnen der kleinen Heiligen bewegen, das ist klar. Wenn sie sich als Kind fühlte, so fühle ich mich als Knecht. Auch ein Knecht ist ja wie ein Kind im Hause, und die Tugend der geistigen [58] Kindheit, die die kl.Heilige geübt hat, kann sehr wohl auch ein Knecht üben. Therese kann mir also sehr wohl Führer u. Wegweiser sein.

     Der Weg der geistigen Kindheit besteht darin, daß ich nichts unternehmen darf, ohne daß ich meine Wünsche u. Absichten vorher vor Gott meinem Herrn u. Meister, offen darlege. Ich darf als Knecht niemals selbständig handeln, auch nicht in den geringsten Kleinigkeiten, sondern ich muß mich vorher vergewissern, ob Gott einverstanden ist. Wenn ich mich so vorbehaltlos Gott hingebe, dann wird Er Sich meiner Seele bemächtigen u. mich zu Sich emporziehen, das kann nicht anders sein.

     Aber die kleine Heilige zeigt mir auch, wie ich das machen soll. Sie zeigt mir, daß ich Vertrauen haben soll zu den Engeln u. Heiligen, die mir nun alle ihre Freundschaft schenken werden u. mir helfen werden, wo sie nur können, so wie die kleine Heilige mir jetzt hilft. Der heilige Plarrer von Ars ist sicher mit dabei, der hl. Bruder Konrad, – u. wohl auch der Erzengel Michael, dessen Fest heute ist u. zu dem ich in der Frühmesse betete. Unter den Fittichen des Erzengels Michael habe ich ja schon einmal gelebt, damals, als ich im Kadettencorps in Groß Lichterfelde war. Da stand er in Erz gegossen auf der Kuppel u. beherrschte von dort weit u. breit das flache Land. Damals freilich wußte ich noch nichts mit ihm anzufangen, dafür sah ich ihn um so mehr, weil meine Stube jenem Kuppelgebäude gegenüberlag. Ich sah ihn also nicht bloß vom Hofe aus, wenn wir im Exerzieren gedrillt wurden, sondern ich sah ihn auch noch vom Fenster aus.

     Ich vertraue u. hoffe nun auf diese Freundschaft aller Engel u. Heiligen, die mir helfen werden, all meine menschliche Schwachheit zu überwinden. Sie werden mir helfen, als guter u. getreuer Knecht zu dienen u. werden mich emporheben in die Freude meines Herrn. Und dies alles nicht für mich, nicht für meinen Eigennutz, sondern zum Nutzen für alle Glieder am mystischen Leibe Christi. Dann muß ja ganz von selbst dieser Leib Christi, die Kirche, unsere Mutter ihren Blick auf mich richten, Maria wird mir helfen u. so werde ich mitarbeiten dürfen im Weinberg des Herrn u. an der Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden.

[58] Sonntag, 30.9.34. 19. Sonntag n. Pf.

[58]      Heute ist Todestag der hl. Therese v. K. Jesu. Von Maria W. Brief erhalten. – Hochamt in der Tölzerstraße, P. Krächan ist wieder da u. predigte zum Erntedankfest über die Dankbarkeit, die wir Gott, dem Spender alles Guten, schuldig sind. Naiv einfach u. rührend wie immer. – Der Weg nach Schmargendorf wird mir immer schwerer, war heute ganz erschöpft. Wenn ich in der Potsdamerstraße wohne, wird das ja so wie so aufhören.

[59]      Den ganzen Tag über war mir heute die kl. hl. Therese besonders nahe. Es ist etwas Eigenartiges um diese Religion, immer wieder kommt etwas Neues. Das Gefühl für die Realität der „Gemeinschaft der Heiligen“ ist mir nun erst in letzter Zeit aufgegangen, u. Du, kl. Heilige, ich bitte Dich darum, – wirst mich tiefer hineinführen in dieses wunderbare Geheimnis, das so tröstend, so stärkend u. ermutigend ist. Ihr armen Protestanten, die ihr dieses nicht habt. Woher wollt ihr die Kraft nehmen, zu Gott euch emporzuschwingen, wenn ihr diese Hülfe der Heiligen nicht habt. Wie sollte ich, als der letzte Knecht Gottes, in mir selbst die Kraft aufbringen, den steilen Weg zu Gott hinaufzugehen!

     Du, kl. Heilige, hast für Dich den Weg u. die Tugend der geistigen Kindheit als das beste Mittel gefunden, um Dir den Aufstieg zu Gott zu erleichtern u. Du empfiehlst diesen Weg allen, die diesen Aufstieg unternehmen wollen. Aber, liebe hl. Therese, Du vergißt dabei, daß dieser Dein Weg bereits eine gnadenhafte Bevorzugung ist u. daß ich wenigstens diesen Weg noch nicht finden kann. Du, kl. Heilige, bist geboren von heiligmäßigen Eltern, Dein Vater war ein Held u. Liebling Gottes, Deine Schwestern alle waren treue Kinder Gottes. Die Liebe zu Gott u. kindliches Vertrauen zu Gott waren Tugenden, die Dir schon in die Wiege gelegt worden sind, u. von diesen Tugenden bist Du niemals abgewichen. Ich aber bin ein wilder Landsknecht gewesen u. Gott der Vater hat mich erst in seine Reihen eingestellt, als ich 47 Jahre alt war. Als ich eintrat, war ich verdreckt u. verschlissen u. jeder war mißtrauisch gegen diesen üblen Gesellen. Wenn ich nun zurückblicke, so darf ich wohl sagen, daß ich mich nach anfänglichen Irrtümern doch schließlich ganz gut geführt habe, sodaß ich nun anfange, das Mißtrauen gegen mich zu besiegen. Aber das ist doch erst seit der allerletzten Zeit der Fall. – Nein, ich kann mich eigentlich noch nicht als Kind Gottes betrachten, – ich bin noch eine Stufe tiefer, – ich bin auf der untersten Stufe, – ich bin nicht mehr, als ein armer Knecht Gottes.

     Freilich, Gott ist unendlich gut zu Seinen Knechten, Er ist ihnen „wie“ ein Vater. Aber auf dieses, „wie“ kommt es hier an. Das ist wichtig! Denn das ist ganz sicher: Wenn solch ein Knecht gut u. getreu ist, wenn er beharrlich ist, wenn er mit dem Talent, das Gott der Herr ihm anvertraut, wuchert u. es verdoppelt, – wenn er nur treu im Kleinen ist, dann wird Gott der Vater ihn als Kind betrachten u. ihn über Großes setzen. – Aber so weit bin ich noch nicht.

     Für mich ist der Weg der geistigen Knechtschaft zunächst einmal der gegebene. Da dieser Weg aber eigentlich nichts anderes ist, als wie ein Parallelweg des Kindheitsweges, nur daß er in einer tieferen, niedrigeren Ebene liegt, so kannst Du, kl. Heilige, mit trotzdem Führerin sein. Ich brauche nur [60] immer fleißig auf Dich sehen u. Du wirst mir freundlich zuwinken u. mich ermuntern, wenn Du mich infolge der Entfernung auch nicht an der Hand führen kannst. Die Maria W. kann schon eher auf Deinem Kindheitswege gehen u. sie kannst Du direkt führen, – u. ich bitte Dich, tue es, dann werde ich noch leichter hinterher stapfen können.

     Wenn Du, kl. Heilige, meinst, daß der Weg der geistigen Hingabe ein Weg der Hingabe u. des Vertrauens sei, so sind dies ja doch auch die Merkmale des Weges der geistigen Knechtschaft. Nur das der lb. Gott ja wohl seinem niedrigsten Knecht manche Arbeit zuteilen wird, die ein Gotteskind nicht zu machen braucht. Solch ein Gotteskind wie Du mag freilich unserm Herrn Jesus seine kleinen Opfer wie Blumen hinstreuen, – einem Knecht wird solches Tun schlecht anstehen. Freilich, gelegentlich, wenn die Zeit es will, kann auch der Knecht seinem Herrn einmal einen bunten Feldblumenstrauß überreichen, so wie es in Kriege mein treuer Bursche Behrens, der hannoversche Bauersmann, mir, seinem Leutnant, zuweilen tat. Ich freute mich darüber; aber ich hätte ihn doch komisch angesehen, wenn er das immer getan hätte. Nein solch ein Knecht hat ohne Verdruß die vielen Mühen u. Lasten des Tages zu tragen u. Befehle, die er empfängt, gewissenhaft u. treu auszuführen. Und wenn er ein wirklich guter u. getreuer Knecht ist, dann kennt er die Wünsche seines Herrn, auch ohne daß er Befehle bekommt u. führt sie aus, ehe der Herr den Befehl gibt. Ein solcher Knecht wird sich die Liebe seines Herrn gewinnen u. sein Lohn wird groß sein. Aber der gute Knecht wird nicht um dieses Lohnes willen arbeiten. Der gute Knecht wird seinen Lohn darin finden, daß er in jedem Augenblick ganz voller Aufmerksamkeit ist auf das, was sein Herr will. Die Freude an solcher Arbeit selbst wird ihm Lohn sein, – gibt ihm der Herr darüber hinnaus noch Lohn, so ist das unverdiente Gnade, – Geschenk. Der gute Knecht wird niemals an die Schwere seiner Arbeit denken, – je schwerer die Arbeit ist, die ihm sein Herr zumutet, um so freudiger wird er daran gehen, denn er erkennt daran nur immer das Vertrauen das ihm sein Herr entgegenbringt, wenn Er ihm schwere Aufgaben zumutet.

     Solch ein Knecht ist sich seinem Herrn gegenüber stets seiner untergeordneten Stellung bewußt. Aber das unterscheidet ihn doch sehr wesentlich vom Kinde, daß er sich auch seiner Kräfte bewußt ist. Der Knecht gehorcht nicht bloß seinem Herrn wie ein Kind, sondern er hat auch die Ehre seines Herrn zu verteidigen, wenn es not tut. Und hier kann es wohl sein, daß der Knecht in seinem Rahmen auch einmal selbständig handelt, wenn sein Herr in Gefahr ist oder beleidigt wird. Der Krecht verteidigt seinen Herrn [61] unter Einsatz seines Lebens, wenn es sein muß. In allen großen Lebensfragen aber ist er sich bewußt, der Untergebene seines Herrn zu sein u. sich von ihm führen u. kommandieren zu lassen. Hierin hat er Ähnlichkeit mit einem Kinde.

     Der Knecht fühlt sich absolut abhängig von seinem Herrn u. folgt ihm auch, wenn ihm die Befehle sinnlos erscheinen. Er hat kein Urteil. Der Knecht tut blindlings, was ihm befohlen wird, auch wenn er den inneren Sinn dessen, was er tut, nicht erkennen kann. Die Liebe zu seinem Herrn ist ihm einfach selbstverständlich u. er braucht darüber nicht viel nachzudenken. Der gute Knecht muß so sorglos u. arglos sein, wie meine Soldaten es im Kriege waren. Wenn ich kommandierte: ohne Tritt marsch, – dann gingen sie eben u. zerbrachen sich nicht den Kopf darüber, ob der Weg, den ich sie führte, auch richtig war.

     Genau so denke ich mir die geistige Knechtschaft. Demütig vor Gott wie ein Knecht, kritiklos vor Gott wie ein Knecht, aber trotzdem fröhlich im Bewußtsein, seine zugewiesene Arbeit treu erfüllt zu haben, u. fröhlich auf neue Befehle wartend. Hat ein solcher Knecht einmal Mißgeschick, sodaß ihm etwas mißglückt, so stellt er dies ohne zu große Betrübnis fest, denn er weiß ja, daß sein Herr gerecht u. gütig ist u. ihn nicht hart strafen wird. Er nimmt sich eben vor, es das nächste mal besser zu machen. Ein guter Knecht sieht auch nicht auf diejenigen Mitknechte, die ihre Arbeit noch schlechter machen, als er selbst. Er hilft ihnen höchstens. Im übrigen richtet er seine Augen auf diejenigen Mitknechte, die besser sind, als er. Diese sind ihm Maßstab seines eigenen Könnens, ihnen strebt er nach, weil er nur den einen Wunsch kennt, seinen Herrn zu befriedigen. Der schlechte, träge Knecht hat Furcht vor seinem Herrn, der gute Knecht liebt Ihn.

     So ist also der gute Knecht: er ist demütig vor seinem Herrn, er hat blindes Vertrauen zu seinem Herrn u. er ergibt sich seinem Herrn in blindem Gehorsam. Dies sind die Tugenden, welche man zur geistigen Knechtschaft haben muß.