Hans Wohlgemut

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Autor: Friedrich August Wernicke
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Titel: Hans Wohlgemut
Untertitel: Eine Erzählung aus dem Munde des Volkes
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 33, S. 129-131
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Hans im Glück.


[129]
Hans Wohlgemut.
Eine Erzählung aus dem Munde des Volkes.




Hans Wohlgemut hatte bei seinem Herrn sieben Jahr gedient, und als er endlich nach Hause ziehen wollte, bekam er zum Lohne ein Stück Gold, so groß wie sein Kopf. Das trug er denn in ein Sacktuch eingewickelt auf der Schulter, ohne sonderliche Beschwerde, denn es fehlte ihm eben nicht an Kräften. Wie er nun des Weges dahin schlenderte und bedachte, wie er jetzt ein großer Herr sein würde, wonach immer sein Herz getrachtet, kommt ein Reiterknecht entgegengetrabt auf einem stattlichen Rosse. Hans blieb stehen und gaffte ihn an; der Reiter auch, und wechselseitig fragen sich beide, woher und wohin. Ja lieber Herr Reiter, antwortete Hans, unser einer ist schlimmer daran als ihr. Bei euch geht es zu Rosse, bei uns zu Fuße. Hab’ ich doch mein Lebtage noch nicht auf einem Pferde gesessen; bei meiner Treu, das Reiten muß ein herrliches Ding sein! – I, lieber Sohn, sprach der Reiter, wir können tauschen! Gib her das Stück Gold, und nimm dafür das Pferd. – Ach, mit tausend Freuden, rief der andre, sprang und klatschte in die Hände, und es fehlte nicht viel, so wäre er dem Pferde wie dem Reiter um den Hals gefallen. Seelenvergnügt trennten sich die Wandersleute; ja aus bloßer Erkenntlichkeit half noch der Reiter unserm Hans auf den Braunen hinauf und gab ihm die Zügel fest in die Hände.

So ging es denn ein Weilchen recht bequem. Wie aber Hans zu schnalzen anfing und dabei hopp hopp, rief, setzte sich das Pferd in gehörigen Trapp, und ehe sichs der kühne Reiter versah, lag er ziemlich unsanft in dem Graben, der die Aecker von der Landstraße trennte. Ein Bauer, der eine Kuh vor sich her trieb, kam herbei, hielt das Roß an, und wollte dem Gefallenen Beistand leisten. Die verwetterte Mähre! fluchte Hans und schnitt ein gar jämmerliches Gesicht, während er sich wieder auf die Beine brachte. Gott seis gedankt, daß ich noch lebe und gesund bin! Reite in Zukunft, wer Lust hat, ich habe sie bei meiner armen Seele nun und nimmermehr! Da lobe ich mir eure Kuh. Hinter der läßt es sich ganz gemächlich ziehen und, was das schönste ist, Milch, Käse und Butter hat man obenein vollauf alle Tage. Ei nun, tauschen wir, sprach der Bauer, gebt mir das Pferd, ich gebe euch die Kuh. Bei allen Heiligen, rief Hans, das ist ein gefundener Handel! Ich will euch alle Tage in mein Gebet einschließen. Topp, guter Alter. Hier griff er nach der Kuh, und der Bauer schwang sich auf das Pferd und ritt im Galopp nach Hause, aus Furcht, daß unsern Hans der Tausch noch gereuen könnte. Die Sache war anders. Hans freute sich innig, wie er fortan das Brot nicht mehr trocken verzehren, sondern Butter und Käse dazu haben würde. In der Freude ließ er sich im nächsten Wirthshause ein halbes Glas Bier einschenken und aß sein Mittags- und Abend-Brot auf Einmal auf. Dann trieb er seine Kuh weiter, immer nach dem Dorfe seiner Mutter zu. Die Hitze wurde drückender, je näher der Mittag kam. Hans befand sich mitten in der Haide und hatte wol noch ein Stündchen bis zum nächsten Dorfe. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Wie wärs, fiel ihm endlich ein, wenn du die Kuh melktest? Du bindest sie an einen Baum und läßt dir die Milch in deine Mütze laufen. – Gesagt, gethan. Die Kuh wurde angebunden, aber kein Tropfen Milch kam zum Vorschein, und wie er sich ungeschickt anstellte, gab ihm das Thier mit einem der Hinterfüßen einen solchen [130] Schlag vor den Kopf, daß er taumelnd zu Boden stürzte. Zum Glück zog ein Schlächter mit einer Karre vorbei, auf der ein junges Schwein lag. Guter Freund, was macht ihr denn für Dinge, rief er ihm schon von Weitem zu, und Hans erzählte ihm die Geschichte. Nun, da trinket einmal aus meiner Flasche und erholt euch. Die Kuh, mit der ists vorbei, die wird in ihrem Leben keine Milch mehr geben, allenfalls taugt sie noch zum Ziehen. – So, so, murmelte Hans und fuhr sich mit der Hand einigemal über den Kopf. Wie wärs lieber Meister, wenn ihr mir euer Schwein gäbet und nähmet meine Kuh. Kuhfleisch ist gewiß nicht nach meinem Geschmacke, aber Schweinebraten und Wurst esse ich für mein Leben gern. Den Gefallen kann man euch thun, antwortete der Schlächter, gebt mir eure Kuh, ich gebe euch mein Schwein. O, ihr seid ein gar zu gefälliger Mann, sprach Hans für sich. Gehabt euch wohl! Der andere zog nun mit der Kuh links ab und Hans rief einmal über das andere: ja, daß muß man doch sagen, mir geht alles nach Wunsche!

Er hatte etwa eine halbe Meile zurückgelegt, das Schwein vor sich her treibend, als er einem Burschen begegnete, der eine Gans unter dem Arm hatte. Gehen wir einen Weg, fragte der Bursche. Wer weiß, sagte Hans. Ich gehe zu meiner Mutter nach Susewedel. Und zugleich ließ er sich über seinen Tausch vernehmen. Da habt ihr von Glück zu sagen, antwortete der Bursche. Ich trage die Gans zum Kindtaufsschmause nach Gernefraß. Rund ist sie, wie eine Kugel, seht nur her. Wir haben sie aber auch an acht Wochen gemästet. Da wird es einmal Gänsefettschnitten geben, die sich zu essen verlohnen. Wenn man sie in Rauch aufhinge, müßte es eine pommersche Spickgans werden, trotz einer. – Pommersche Spickgans? unterbrach ihn Hans. Der Mund blieb ihm vor Erstaunen offen. Gänsefettschnitten? Er leckte mit dem Zünglein. Inzwischen sah sich der Bursche nach allen Seiten bedenklich um und schüttelte mitunter den Kopf. Hört, fuhr er nach einem kurzen Verzuge fort, mit eurem Schweine mags nicht ganz richtig sein. In dem Dorfe, durch das ich eben gekommen bin, hat man dem Schulzen eins aus dem Kofen gestohlen. Wenns das eurige wäre und man träfe euch! Um Gotteswillen, schrie Hans, der sich schon im finstern Loche und alle Gänseherrlichkeiten vergangen sah, macht mich nicht unglücklich. Ihr wißt hier herum besser Bescheid. Seht wie ihr zurecht kommt. Nehmt das Schwein und gebt mir die Gans. Vielgewagt, sprach der Bursche. Wer möchte aber gern einen Menschen unglücklich machen? Da habt ihr die Gans. – Wahrlich man sieht, dachte Hans, als er den Weg fortsetzte, meine Großmutter hat Recht; den Sonntagskindern geht immer alles nach Wunsche. Wie werden sie zu Hause schmunzeln, wenn sie meine Gans sehen! Was sie für schöne weiße Federn hat! Zu einem Kopfkissen reichen sie sicherlich. Auf dem will ich uneingewiegt schlafen, wie ein Prinz.

Hinter dem Dorfe stieß er auf einen Scherenschleifer. Er blieb abermals stehen und sah und hörte dem Manne zu, der zu seiner schnurrenden Arbeit sang: Ich schleife die Schere, und drehe geschwind, und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind. Endlich wagte er es ihn anzureden. Noch so spät, lieber Mann? Ihr zieht wol auch nach Gernefraß zum Kindtaufsschmause? – Das sollte ich meinen, versetzte der, bei solchen Gelegenheiten gibts immer etwas für uns zu thun. Ein rechter Schleifer ist ein geborgener Mann. Geld hat er beständig in seiner Tasche, denn: Geschliffen muß heut alles sein und glänzen wie ein Karfunkelstein. – Immer Geld in der Tasche? sagte Hans. Das Ding lobe ich mir. Mein Lebtage hab’ ich es nicht anders gewünscht. – Ja, ja, mein Freund. Aber wohin ihr mit der Gans? – Die hab’ ich für mein Schwein gekriegt. – Und woher das Schwein? – Die hab’ ich für die Kuh eingetauscht. – Und die Kuh? – Die hab’ ich mir für den Braunen geben lassen. – Und den Braunen? – Ih, den nahm ich für ein Stück Gold, so groß wie mein Kopf, das mir mein Herr zum Lohne gegeben. – Hm, hm! Wenn ihr ein Scherenschleifer werden wolltet, so könntet ihr, wie ich, das Geld immer in der Tasche springen hören. – Ach gar zu gern, bester Herr. Wer so glücklich wäre! – Vor Allem müßtet ihr einen Wetzstein haben. Das Uebrige findet sich schon von selbst. Ich bitte euch um die sieben Wunden Christi, flehte Hans, laßt mir einen von euren Steinen ab, wenn er gleich etwas schadhaft sein sollte. Ich gebe euch meine fette Gans. – Sie wurden einig. Der Schleifer suchte ihm unter den Wetzsteinen den untauglichsten aus und schenkte ihm als Zugabe einen großen Feldstein, auf dem sichs, wie er sagte, besonders gut klopfen lasse.

Hans war beinah außer sich. Er griff schon in die Tasche, als wenn er das Geld hören wollte. „Wie hab’ ichs nur verdient, daß mir doch alle meine Wünsche in Erfüllung gehen?“ wiederholte er sich oft. Indeß war er seit Tagesanbruch auf den Beinen und hatte, wie man weiß, zum Frühstück seinen ganzen Mundvorrath aufgezehrt. Der Hunger fing ihn an zu plagen, und aus Müdigkeit mußte er jeden Augenblick Halt machen, obschon es nur noch eine Meile bis Susewedel war. Die Beine lasteten sehr. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, wie glücklich er sein möchte, wenn er grade jetzt die Steine nicht hätte. Stärken wollte er sich wenigstens durch einen frischen Trunk, wenn er erst ein Weilchen geruht hätte, meinte er, als er zu einem [131] Feldbrunnen wie eine Schnecke angeschlichen kam. Damit er aber nicht etwa die Steine beim Niedersetzen beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich an den Rand des Brunnens. Auf einmal ging es plump, plump, und die Steine lagen im Wasser.

Und Hans was that er? Er kniete nieder, fast in Thränen schwimmend, und dankte Gott, daß er ihm noch das erwiesen hätte, was einzig zu seinem Glücke gefehlt. So wahr Gott über mir lebt, bis heute hat es wol keinen glücklichern Menschen, als ich bin, gegeben! So sprechend trollte er ohne die Steinlast mit frohem Sinne neugestärkt nach Hause.

August Wernicke.