Heimgegangene – Dichterleben in Berlin

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Titel: Heimgegangene – Dichterleben in Berlin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, 52, S. 673-675, 715-716
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[673]
Heimgegangene.
Von Herrm. Marggraff.
Nr. 1. Dichterleben in Berlin: Eduard Ferrand, Sallet.

Es erweckt ein wehmüthiges Gefühl, in alten Briefschaften zu kramen, die, wie die vorliegenden, einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren umfassen. Aus den oft schon ziemlich vergilbten Schriftzügen tauchen alte Erinnerungen an liebgewordene Personen, an unvergeßliche Stunden hervor. Aber man wandelt dabei nicht nur unter Lebenden, man wandelt auch unter Todten; denn zwanzig Jahre sind eine lange Zeit und wohl geeignet, in die Reihen von Freunden und schriftstellerischen Genossen empfindliche Lücken zu reißen. Ein solcher zwanzigjähriger Briefwechsel ist ein Todtenfeld und Schauer der Vergänglichkeit wehen darüber. Indem ich unter Briefschaften, die ich im Laufe dieser Zeit von schriftstellerischen Genossen empfing, die von bereits Verstorbenen [674] herrührenden von den Briefen noch Lebender sondere, erblicke ich unter jenen kürzere oder längere, mehr oder weniger zahlreiche Zuschriften von Nicolaus Lenau, dem berühmten Nationalökonomen Friedrich List aus seinem letzten Aufenthalte in London, dem „alten“ Jahn, Franz von Gaudy, F. von Sallet, Eduard Ferrand, Heinrich Stieglitz, Max Waldau, Robert Blum, Helmina von Chézy, dem Maler W. Lindenschmitt, dem Meister des bekannten Frescobildes an der Kirche in Obersendlingen, dem in Noth und Trübsal untergegangenen Dichter August Schnezler, C. Mebold, Theodor Hell, C. von Wachsmann, Bacherer und andern minder Bekannten oder seitdem Verschollenen. Auch begegne ich darunter mancher interessanten Reliquie, einer versificirten Uebersetzung eines Spottgedichtes des Punch von dem Nationalökonomen List, einem Sonett von Helmina von Chézy „der Rosenmond“ aus dem Sturmjahr 1848 u. s. w. Vielleicht erweise ich den Lesern wie den Literaturfreunden einen Gefallen, wenn ich das Interessanteste und Charakteristischste aus den Briefen der Bedeutendern unter ihnen mittheile und mit meinen persönlichen Erinnerungen an ihre Verfasser in Verbindung bringe. Schriftstellerische Freuden und Leiden, Künstler- und Poetentreiben, nord- und süddeutsches Leben werden dabei in Einzelbildern vor den Augen der Leser vorbeigeführt werden, auch manche eigenthümliche Persönlichkeit, die sich an dem Conflict mit der äußern wie mit der eigenen innern Welt aufgerieben hat. Ich werde dabei chronologisch verfahren und so Gelegenheit haben, zuvorderst ein kleines Bild aus dem Berliner Dichterleben zu bieten.

Berlin mit seiner von aller Romantik leeren Umgebung, Berlin mit seinen vielen geradlinigen und modern einförmigen Straßen, seinen vielen Geheimräthen, Gardeofficieren, Gensd’armen, Constablern, Banquiers und Epiciers, Berlin und Dichterleben scheinen auf den ersten Blick zwei ganz heterogene Dinge zu sein. Und dennoch verhält oder verhielt es sich wenigstens in der Zeit, von der ich hier spreche, in Wirklichkeit anders. Je weniger die Gegend, der Volkscharakter und die fast allen mittelalterlichen Stoffes und Colorits entkleidete Architektur geeignet sind, praktische Gemüther zu befriedigen und zu befruchten, um so mehr sind diese darauf angewiesen, sich ihre eigene Phantasiewelt zu schaffen, die dann freilich mit der wirklichen oft in einem schneidenden und grellen Contrast steht. So war Berlin recht eigentlich der Hauptsitz der romantischen Poesie. Hier war Tieck, der Schöpfer der Poesie mondbeglänzter Zaubernächte und Waldeinsamkeiten, geboren, hier lebte Heinrich von Kleist, Achim von Arnim, Fouqué und eine Zeitlang auch Clemens Brentano, hier lebten Eichendorff und Bettina, hier schuf sich Callot-Hoffmann eine eigene Welt moderner Dämonen und Kobolde, hier verpflanzte Ludwig Devrient die düstern Schatten und grellen Lichter der Romantik auch auf die Bühne. Die eigenthümlich zersetzende Schärfe und Säure der Berliner Ironie, welche später in Heine ihren entschiedensten und glücklichsten Repräsentanten fand, läßt sich freilich auch in den Schöpfungen der Romantiker nirgends verkennen. Aber man will auch einige Poesie nicht blos in der Einbildung, man will sie auch im Leben haben, und so rückten einige dieser Romantiker, Hoffmann und Ludwig Devrient an der Spitze, in der berühmten Weinstube von Lutter und Wegener zusammen und zechten unter genialen Späßen die liebe lange Nacht hindurch. Sonst sehr prosaische Räthe und höhere Beamte fühlten sich glücklich, an einem Nebentischchen einen Platz zu erhalten, um dann mit einem gewissen Gefühle des Stolzes erzählen zu können, daß sie Hoffmann und Devrient hinter ihren Weingläsern gesehen. Mancher Philister besuchte noch nach dem Tode der genialen Zechbrüder diese geweihte Trinkstube, um seine Erinnerung an sie an Ort und Stelle aufzufrischen. Ueberhaupt ist Pietät gegen Männer berühmten Namens, die gewissermaßen integrirende Bestandtheile des öffentlichen Berliner Lebens geworden sind, ein schöner Charakterzug der Berliner; wenigstens ist sie in Berlin allgemeiner und dauernder als sonst in Deutschland. Freilich gehört ein längerer Aufenthalt in der Stadt dazu, und eine allgemein deutsche Berühmtheit ist darum noch keine Berliner.

In der preußischen Metropole, deren Thore alle vom Mittelpunkte der Stadt sehr weit entfernt sind und deren Naturreize nicht viel Verlockendes haben, ist es für praktisch gestimmte Gemüther ein doppeltes Bedürfniß, sich zusammenzufinden. Zwar bestand schon eine ältere Gesellschaft von Dichtern und Dichtergenossen bekannten Namens, in der es jedoch ziemlich steif und vornehm hergegangen sein soll, aber die strebenden jüngeren Poeten hatten keinen gesellschaftlichen Mittelpunkt. Diesen schuf im Jahre 1835 der liebenswürdige Dichter Eduard Ferrand (E. Schulze aus Landsberg an der Warthe), indem er auf junge Dichter förmlich Jagd machte und sie aus allen Winkeln Berlins aufstöberte. So entstand ein Dichterverein, dem man auswärts zum Gespött den Namen einer märkisch-pommerschen Dichterschule oder der „Spreeschäfer“ beilegte. Außer Eduard Ferrand gehörten ihm F. v. Sallet, A. Rebenstein (Bernstein), seitdem als Verfasser von naturhistorischen Schriften und Redacteur von Volksblättern bekannt, die beiden Brüder Kossarski, Leopold Schweizer, jetzt Redacteur der Wiener Zeitung, ich und mein Bruder Rudolf, jetzt in München, Julius Minding, der sich später als politischer Flüchtling in Newyork vergiftete, F. Brunold (als auswärtiges Mitglied), A. Horwitz, Hugo Hagendorf und noch eine gute Anzahl Anderer an, die theils in der Literatur verschollen sind, theils jetzt in Amt und Brod stehen und das Dichten aufgegeben haben. So viel ich weiß, befand sich unter uns nur ein einziger aus Berlin selbst gebürtiger Dichter, Jäger. Der Verein war einer der harmlosesten Art. Wir versammelten uns wöchentlich einmal Abends in einem öffentlichen Orte, wo es auch allerlei Getränke gab, um die in Augenblicken der Langeweile, die bei solchen Zusammenkünften niemals ausbleiben, sinkenden und ermattenden Lebensgeister aufzufrischen. Wer im Laufe der vorangegangenen Woche eins oder mehrere Gedichte zu Stande gebracht hatte und sie vorlesenswerth hielt, las sie vor und es wurde dann über ihren Werth durch Nr. 1, 2 und 3 abgestimmt. Eduard Ferrand’s lyrischer Geschmack war dabei maßgebend. Weiche, zarte und melancholische Empfindungcn, Lust und Leid der Liebe, Wein und Frühling, höchstens Balladenstoffe waren die Gegenstände, die wir in Verse brachten; doch war Heinische Ironie ein sehr beliebtes Element. Aus Gedichten dieser Art bestand der „norddeutsche Frühlingsalmanach“, welchen der Verein herausgab. Didaktische, religiöse und politische Tendenzen durften sich nicht blicken lassen. Zuweilen, namentlich wenn Ehrengäste (Laube, Gaudy u. s. w.) eingeladen waren, beschloß eine tüchtige Bowle, die dann mehrmals aufgelegt wurde, die eigentlichen Vereinsarbeiten, die eben im Vorlesen und Beurtheilen der Gedichte bestanden. Jedenfalls war dieser Verein mitten in dem als gemüthlos verschrieenen Berlin von einem gemüthlichern Geiste beseelt als irgend einer, den ich später in andern Städten Deutschlands kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

Eduard Ferrand war die Seele des Vereins und gewiß war es Niemand schmerzlicher als ihm, als der immer und überall umgehende Teufel des Zerwürfnisses auch unter den Weizen dieses Vereins sein Unkraut säete, und diesem bei seiner weiteren Ausdehnung Persönlichkeiten bei- oder näher traten, die ätzende und zersetzende Elemente hinzubrachten. In der That habe ich nicht leicht einen gemüthvolleren, treueren und neidloseren Menschen kennen lernen, als E. Ferrand; er war mild und weich, wie seine Lieder, und jedes herben und verletzenden Wortes unfähig, und nie war er liebenswürdiger und anziehender, als beim Becher. In die goldene Fluth, die den Rheinweinpokal füllte, blickte er dann wie in sich verloren, nippte davon wie im Traume, bis er ihn ausgenippt, und sprach wie im Traume. Es war keine laute Lustigkeit, es war ein Versenken und ein Verdämmern, eine traumhaft glückliche Stimmung, die er auch auf seine Zechgenossen zu verbreiten wußte. Im stillen Weinkeller fand er, wie so manche Dichter und Künstler, Rettung und Schutz vor der Fadheit und Philiströsität des modernen Lebens. „Man sagt,“ äußerte er dann wohl, „daß ich nicht eingezogen genug lebe; wie kann ich irgendwo eingezogener leben, als in diesem stillen dunkeln Keller?“ Es war nur sein Unglück, daß es nicht immer, und namentlich in seinen letzten Lebensjahren, beim bloßen Nippen blieb. Ganz merkwürdig war es, wie er in den einförmigen Straßen Berlins poetische Gegenstände aufzufinden wußte, wo Niemand sie ahnte. So hatte er in einer entlegenen, Abends meist todtstillen Straße einen einzeln stehenden dichtbelaubten Nußbaum entdeckt, und hierher begab er sich zuweilen an schönen Mondscheinabenden beim Nachhausegehen, eine Flasche Wein in der Tasche, lehnte sich gegen den Stamm und leerte die Flasche allmählich aus, ganz in seine poetischen Träume versunken. Als komische Episode diente dann wohl eine Unterhaltung mit dem Nachtwächter, der die sonderbare Laune des Dichters gar nicht mehr so übel fand, nachdem er die [675] Erfahrung gemacht hatte, daß der Dichter in seiner nächtlichen Einsamkeit auch einen Nachtwächter als Zechkumpan nicht verschmähte.

Eduard Ferrand, obschon sein Talent keinen sehr großen Kreis beherrschte, war ein wirklicher ursprünglicher Dichter. Das Wort trat bei ihm, wie das Blatt mit dem aufgesprossenen Pflanzenkeim, mit dem Gedanken unmittelbar hervor; er suchte darnach nicht, es gab sich von selbst. Die Form ist immer in hohem Grade melodiös und musikalisch; gezwungen und gekünstelt ist nichts bei ihm. Seine Gedichte („Gedichte“, 1831; „Gedichte. Neue Sammlung“, 1835; „Lyrisches“, 1839) enthalten des Zarten, Anmuthigen und Tiefgefühlten sehr viel. Manche seiner Balladen, wie „die Jungfrau zu Schildeis“, „König Trojan“ und „das Kind auf der Heide“ sind vortrefflich. Ignaz Hub, der sie in seine Balladensammlung aufgenommen hat, sagt von E. Ferrand mit Recht: „Die Maße fügen sich ihm leicht wie in der Hand des Meisters.“ Rechnet man auch die mancherlei Anklänge an Heine ab, so bleibt doch genug übrig, was ganz sein eigen ist. Dabei sind seine Empfindungen, wenn auch bisweilen zu weich, doch viel reiner und keuscher, als die Empfindungen Heine’s. Witz und Ironie waren fremde Tropfen in seinem Blute. Den politischen Fragen der Zeit gegenüber verhielt er sich gänzlich indifferent; servil aber war er nicht. Ganz eigener Art sind seine Erzählungen („Novellen“, 1835; „Erlebnisse des Herzens. Novelletten“, 1839). Es sind die einfachsten Liebes- und Herzensgeschichten, die es geben kann; aber voll tiefer Empfindung und stillglühender Leidenschaft, die sich auch in der eigenthümlich erregten und vibrirenden, dabei aber klaren und graziösen Sprache ausdrückt. Zuweilen hat die Erfindung etwas französisch Pointirtes. So in der Novelle „die Freunde.“ Adolf liebt ein schlichtes Bürgermädchen, möchte aber von ihr aus irgend einem Grunde loskommen. Er überredet seinen Freund Victor, Leonoren den Hof zu machen. Victor verliebt sich aber wirklich in das schöne Kind, und als Adolf nun einsieht, auf sie verzichten zu müssen, muß er sich gestehen, daß er Leonoren glühender als je liebt. Beide Freunde kommen darin überein, um ihren Besitz zu würfeln; wer die wenigsten Augen wirft, soll eine Phiole Gift austrinken. Das erste Mal warfen Beide acht. Sie werfen noch einmal. „Fünf!“ ruft Adolf, „das ist wenig!“ – Victor wirft „drei.“ Ehe noch der bereuende Adolf hinzuspringen und die Phiole ihm entreißen kann, hat Victor sie geleert. „Adolf, im Tode ist Wahrheit!“ sagt Victor. „Ich mag doch nicht größer vor Dir dastehen, als ich bin. Du erscheinst in diesem Augenblick wie ein Schwächling – ich wie ein Held! Aufrichtig gesprochen; ich spiele den Helden, und mit dem Heldenthum manches Helden mag es nicht anders bestellt sein. Wäre ich jetzt allein gewesen, so würde ich wohl gezittert haben und geweint und gebetet; aber da Du mich siehst, stelle ich mich stärker, als ich bin. Ach, bis zum Tode wollen wir mehr scheinen, als wir sind!“ Victor, das tödliche Gift im Herzen, begleitet seinen nun von Verzweiflung erfaßten Freund mit der Leuchte bis zur Treppe. „Gute Nacht, Adolf!“ ruft er, „Du kommst doch morgen?“ – „Ich komme, ich komme!“ antwortete Adolf, und stürzt hinaus auf die stille Straße. Andern Tages fand man Victor als Leiche auf seinem Zimmer.

Im Jahre 1838 sah ich Ferrand in Begleitung Gaudy’s in Leipzig. Beide zogen dem Süden zu. Aus Mersburg, wo das „sehr gute Bier“ ihn mehrere Tage gefesselt zu haben scheint, erhielt ich denn später, im August, einen Brief, aus dem hier folgende, für Ferrand charakteristische Stellen ihren Platz finden mögen:

„Erst jetzt, am Ufer des Bodensees, in deutschem Lande, kann ich Dir schreiben. Dies Dahinfliegen durch Städte und Länder ließ mir wenig Muße, und in den wenigen Mußestunden forderte gewöhnlich der Durst so mächtig seine Rechte, daß mir zum Briefschreiben keine Zeit blieb. Von der überreichen Gegenwart konnte und mochte ich nicht viele Blicke auf die Vergangenheit werfen. Meine Frau thut mir jetzt allerdings leid, denn auch an sie geht jetzt erst ein Brief, der erste seit dem Leipziger, ab – na, die denkt entweder, eine Lawine habe mich begraben, oder ich hätte mich todtgesoffen. Letzteres wäre jedenfalls das Wahrscheinlichere.“

Diesen Worten läßt Ferrand eine kurze Skizze seiner Reise durch die Schweiz bis in das Berner Oberland folgen, gesteht aber, daß er, „einzelne wunderbare Momente, die man dieser gewaltigen Natur verdankt, ausgenommen, zu keiner recht innigen Freude gekommen sei,“ und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil die Schweizer gewohnt seien, den Reisenden für den Genuß dieser Naturschönheiten zu starke Taxen aufzulegen. Am Schlusse des Briefes benachrichtigt er mich, daß er sich „jetzt still durch Schwaben hindurchbechern“ werde.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich meinen alten früh verstorbenen Freund auf seiner Rückreise in Leipzig wiedersah. Das letzte Erinnerungszeichen von seiner Hand war ein Brief aus Berlin, vom 29. März 1839, der aber gerade nicht sehr inhaltreich und charakteristisch ist. Er klagt darin über den Zerfall der alten Kumpanschaft, mit der er so lange gelebt und poetisch geträumt, über langweilige Wochen und schlimme Nächte, die er am Bett eines schwer erkrankten Söhnchens durchwacht. „Es ist ein ander Ding,“ schreibt er, „im Kreise lustiger Freunde das Licht des Morgens zu erwarten, als im Dunst der Krankenstube, von trüben Befürchtungen gequält, todtmüde zwischen Schlaf und Wachen zu ringen. O du fröhliches Leben von sonst!“ Da treibt es ihn hinaus: „Die Sonne scheint so wunderwarm durch’s Fenster, der Himmel ist so blau, so klar – mein alter Reisestock von Stechpalmholz mit dem Gemshorn scheint mir aus der Ecke, wo er bestaubt, ungeduldig zu winken, und gern würfe ich die Feder hin, und nähme den wackern Wandergefährten zur Hand:

Wie strahlst du mir in’s Her; hinein,
O Sonnenschein, o Sonnenschein!

Ich halt’ es in der Stube nicht aus. Hinaus, wenigstens auf die Straße!“

Hiermit brechen meine brieflichen Verbindungen mit Eduard Ferrand ab. Im October 1842 berichteten meine Berliner Freunde über seine letzte Krankheit. Sein ganzes Nervensystem war zerrüttet; er bekam Sturzbäder. Am 16. October früh um 4 Uhr erkannte er zum letzten Mal seine Frau, bat sie um einen Kuß und äußerte: „Der war labend!“ Der Arzt meinte, zwei Stunden Schlaf würden ihm vielleicht Genesung bringen; als aber der Schlaf kam, dauerte er etwas länger als zwei Stunden – es war der Todesschlaf. Mit ihm ging eine gute Seele von hinnen, die wohl geirrt haben mag, aber nur auf eigne Unkosten und keinem Andern zum Schaden, eine Seele ohne Falsch und Tücke, treu und rein, wie Gold.

Eine andere hervorragende Persönlichkeit unseres Dichterkreises war Friedrich v. Sallet, auch eine innerliche Natur wie Eduard Ferrand, aber philosophischer durchgebildet, energischer, weniger naiv und rasch hingebend, doch dem Freunde sich in besonders erregenden Momenten inniger anschließend. Bescheiden und angenehm in seinen Umgangsformen, verständig und sinnig in seinen Gesprächen, heiterem Lebensgenuß nicht abgeneigt, ihn aber als reflectirender Geist mehr beherrschend, war auch Sallet ein liebenswürdiger Gesellschafter. Die Einflüsse aristokratischer Erziehung waren nicht zu verkennen, gaben aber im Bunde mit seiner freimenschlichen Gesinnung eine gute Mischung. Dabei mied er den Umgang mit Standesgenossen. Er liebte es, nach unsern Zusammenkünften an schönen Mondscheinabenden mit irgend einem der Freunde durch die langen Straßen und über die geräumigen Plätze Berlins zu wandeln, und es ist nicht zu leugnen, daß im Mondlicht die ruhig daliegenden großen Massen des Königsschlosses, des Museums, des Zeughauses und der angrenzenden Gebäude und die dazwischen hervortretenden erzenen und marmornen Bildsäulen einen poetischen Eindruck machen. Bei seiner oppositionellen Richtung in politischer und religiöser Hinsicht hatte es etwas Auffallendes, daß er damals wenigstens gegen die Emancipation der Juden war, gegen die er, wie er sagte, nicht aus religiösen, sondern nationalen Gründen eine besondere Antipathie hatte. Ob er sie später überwunden hat, weiß ich nicht. Es war mir bekannt, daß er sich zu der Zeit viel mit Hegel’scher Philosophie beschäftigte, doch hätte ich mir nicht vermuthet, daß er, der sich damals mit Vorliebe und entschiedenem Glück in den Formen des Volksliedes bewegte, je ein so gründlich didaktisches, in seinen Tendenzen edles, aber doch im Grunde wenig poetisches und etwas abstruses Werk, wie das „Laienevangelium“, schreiben würde. Im Ganzen war auch Sallet eine treue, ehrliche und noble Seele, und meinte es ernsthaft mit der Poesie, mit seinem Liberalismus (der ihm, dem jungen Lieutenant, schon früher einen zweimonatlichen Festungsarrest zugezogen hatte) und mit der Ausbildung seines innern Menschen.



 

[715]
Nr. 2. Dichterleben in Berlin: Sallet, Gaudy, Chamisso, Heinrich Stieglitz, Franz Horn.

Wenig später, nachdem ich nach Leipzig gegangen war, ging Sallet nach Breslau, von wo er mich im Jahre 1839 zu Beiträgen für ein Blatt aufforderte, das er dort herauszugeben beabsichtigte. In diesem Briefe schrieb er mir unter Anderm: „Ich trete jetzt vor Dich in einer nagelneuen Qualität, nämlich der eines angehenden Redacteurs:

Ach, wer sagt, ob’s mich erfreuen
Oder mich betrüben soll?

Du siehst ein, daß einem solchen nothwendig ein Mühlrad im Kopfe herum gehen muß, daß er folglich nur confuse Briefe schreiben kann. Ich habe nämlich im October des vorigen Jahres den Dienst quittirt, um mich ganz und getrost der Literatur in die Arme zu werfen, und meinen Aufenthalt vorläufig in Breslau genommen.“

Das Journal, welches er zu redigiren beabsichtigte, und für das er bereits einen Verleger gefunden zu haben glaubte, sollte den Titel „Silesia“ führen, sich von aller Cliquenkritik frei halten, und zugleich „heiter und doch ernst, unterhaltend und doch gediegen, für’s Publicum genießbar und doch auch den Eingeweihten befriedigend werden.“ Er bezweckte mit diesem Blatt seine Heimathsprovinz, das gemüthliche Schlesien, „von der literarischen Schmach zu retten, daß es bisher keine einzige honette, auch für’s übrige Deutschland lesenswerthe Zeitschrift hatte.“ Er bat mich, den vorzugsweise als Kritiker Bekannten, nicht um literarische Besprechungen, da er sich dieses Fach möglichst selbst vorzubehalten wünschte, sondern um Novellen, Balladen und „fröhliche“ Lieder, die aber frei von socialer Polemik sein müßten, weil er diese (ohne Zweifel wegen der damaligen Censurverhältnisse) ganz von seinem Blatte auszuschließen gedenke.

Das Blatt kam nicht zu Stande, aus Gründen, die ich nicht kenne. Wenige Jahre später, 1843, starb Sallet, der mir immer eine zarte Körperconstitution zu haben schien, in Folge eines Brustleidens, nachdem er kurze Zeit das Glück der Ehe genossen hatte. Seine sterblichen Reste wurden auf dem seiner Schwiegermutter zugehörigen Rittergute Reichau in der Familiengruft beigesetzt. Von prosaischen Aufsätzen Sallet’s ist mir nur einer bekannt, die Humoreske „die entdeckten Spitzbuben“, welcher im Jahrgang 1836 des „Berliner Conversationsblattes“ mitgetheilt ist.

Gaudy stand unserm Dichterkreise ferner, obschon er ein oder das andere Mal in unsern Zusammenkünften hospitirte. An Gelegenheit zu sarkastischen Bemerkungen, zu denen er aufgelegt war, wird es ihm dabei schwerlich gefehlt haben. An ihn erinnert mich ein kleines Billet, worin er sich unter Anderm darüber entschuldigt, daß er mich bei einem Besuche zwischen Thür und Angel quasi abgefertigt habe. „In meiner Stube,“ schreibt er, „war eben der Teufel, und zwar ein ganz hübscher, und ich beschwöre nur unter vier Augen.“ Das Billet war, wie alle seine Briefe, schwarz gesiegelt. Wie man erzählt, hatte er diese Gewohnheit seit einem verzweifelten Augenblick, als er nahe daran war, seinem Leben ein Ende zu machen. Später sah ich ihn öfter bei Wein und Bier, namentlich Maitrank oder „Hohenstaufen“, einem von ihm erfundenen und so getauften mörderischen Getränk aus heißem Wasser, Burgunder und Rum. Der Umgang mit ihm war interessant, aber nicht eben erheiternd. Es lag etwas Trübes und Düsteres auf seinem Gemüth, und seine kurzen Bemerkungen waren meist bitterer Art. Sein Antlitz war nicht blos durch seinen langen martialischen Schunrrbart beschattet. Zum letzten Mal sah ich Gaudy 1838 in Leipzig, auf seiner Durchreise nach Italien. Er hatte etwas von der Insel Buen Retiro gehört, die er sich wahrscheinlich ihres Namens wegen mit eigenthümlichen Naturreizen ausgestattet dachte, und so veranlaßte er mich, ihn dorthin zu führen. Der Unglückliche wußte nicht, daß derselbe Vergnügungsort auch „Schimmel’s Teich“ genannt wird. Seine Enttäuschung war daher auch nicht gering. Ueberhaupt hatte er eine entschiedene Abneigung gegen Leipzig und begriff nicht, wie ich daselbst existiren und mich behagen könne. Jetzt, wo der Charakter der Stadt noch viel mercantiler und materieller geworden, und der Schriftsteller wohl kaum noch dasselbe Ansehen genießt, wie damals, würde sein Urtheil wahrscheinlich noch bei weitem abfälliger lauten. Berlin zog er schon deshalb vor, weil der aus den verschiedensten Elementen gemischte Charakter und die Größe der Stadt dem Einzelnen mehr Spielraum gewähren, unbeachtet seinen Neigungen folgen zu können. Gaudy war übrigens bei aller Herbheit ein sehr offener und energischer Mensch, der namentlich alle gemachten, gezierten und blasirt überfirnißten Persönlichkeiten auf’s Gründlichste verachtete und floh. Mit Stolz nannte er sich einen „Freiherrn“, dieses Wort so verstehend, daß es seine Stellung als die eines an keine Rücksichten gebundenen „freien Herrn“ symbolisch ausdrücke.

Ganz unbedeutend ist ein Billet von Chamisso, das mich jedoch mit ihm in persönliche Berührung brachte. So poetisch und originell auch die Erscheinung dieses Dichters war, wenn er ernst und gemessen, in langem, herabfallendem, grauem Haar die Friedrichsstraße nach seiner Wohnung hinunterschritt, so kann ich doch nicht sagen, daß der Inhalt seines Gesprächs diesen Eindruck fortgesetzt oder gar gesteigert hätte. Vielleicht sah ich ihn zu selten; und warum sollte auch ein Dichter, Naturforscher und Weltumseglcr von seinen Jahren und seinem Rufe sich einem jungen, angehenden Redacteur von der liebenswürdigen poetischen Seite zeigen?

Es handelte sich darum, ihn zu Beiträgen für das Berliner Conversationsblatt zu bewegen, aber er verweigerte selbst die Erlaubniß, daß sein Name unter den Mitarbeitern genannt würde. An Offenheit ließ er es dabei nicht fehlen. Er drückte seine Abneigung gegen alle Journalistik und Belletristik auf’s Unverblümteste aus. Er haßte überhaupt alle Schriftstellerei. Jeder Schriftsteller und Dichter sollte, nach seiner Ansicht, noch etwas nebenbei sein, falls das Glück ihn nicht in Stand gesetzt hätte, von seinen Renten zu leben. Hierzu kam vielleicht, daß man mich in dem verdienten oder unverdienten Verdacht hatte, dem literarischen jungen Deutschland anzugehören, und diese ziemlich willkürlich zusammengewürfelte Genossenschaft war in Chamisso’s und seiner Freunde Augen ein abscheuliches Monstrum, dem es recht geschehen, wenn ihm die Regierungen selbst die Bedingungen seiner Existenz genommen und zu schreiben verboten hätten. Strich doch zu der Zeit die Censur selbst den Namen irgend eines Genossen dieses jungen Deutschlands, wenn er auch nur gelegentlich angeführt wurde. Was mich betrifft, so war von mir bekannt, daß ich an dem gefürchteten, inzwischen unterdrückten „Zodiacus“ mitgearbeitet hatte und mit dessen wackerm Redacteur, Theodor Mundt, persönlich verkehrte. Dies reichte hin, auch mich in den Augen gewisser Personen als einen, wenn nicht gefährlichen, doch jedenfalls verdächtigen Menschen erscheinen zu lassen. Es nahm mich nur Wunder, daß auch Chamisso, ein geborner Franzose, der in manchen Gedichten eine freie Gesinnung bekundet hatte, so gut wie Steffens, welcher selbst in seinen Collegien gegen die Schriftstellerei eiferte, sich in diesem Punkte so beschränkt, engherzig und übertrieben ängstlich zeigte. Namentlich war bei einem Naturforscher, der doch für das organisch nothwendige Werden der Dinge einen Blick haben sollte, die Beschränktheit auffallend, womit er nicht einsehen mochte, daß seit der mächtigen, unaufhaltbar fortschreitenden Entwickelung der Journalistik und des Zeitungswesens, des Buchhandels und der gesammten nach Verallgemeinerung strebenden Bildung die Schriftstellerei ein mit vollster Nothwendigkeit aus den Verhältnissen sich ergebender Zeitfactor ist, der nur um so mehr an Macht und Einfluß gewinnt, je mehr man ihm Widerstand leistet. Ich war mir bewußt, bei der Uebernahme des genannten Blattes die besten Absichten zu haben, ich war ein großer Verehrer Chamisso’s und seiner Muse, und so kann man sich wohl vorstellen, wie tief mich diese Unterredung mit dem berühmten Dichter verstimmte, Ich glaubte, mit einem freigesinnten französischen Edelmanne und einem großsinnigen Poeten zu thun zu haben, und ich fand, daß Chamisso in diesem Punkte ziemlich eingephilistert war.

Indem ich unter meinen Briefschaften weiter krame, fällt mein Blick auf ein Convolut von Briefen des Dichters Heinrich Stieglitz aus Berlin, Breslau, München und Venedig. [716] Da taucht eine andere Gruppe von Dichtern und Schriftstellern vor mir auf. Es war im Sommer 1835, als sich ein Kreis von Dichtern und Schriftstellern zusammenfand, die sich verabredeten, von Zeit zu Zeit in die Umgegend Berlins Ausflüge zu machen. Zu diesem Kreise gehörten Theodor Mundt, Heinrich Stieglitz, der verstorbene Guhrauer, Leopold Schweizer, wir beiden Brüder und Andere. Man fuhr zu Wagen nach Weißensee u. s. w. oder zu Kahn nach dem Eierhäuschen jenseit Treptow, wo sich an den Ufern der hier klarer als innerhalb der Mauern Berlins fließenden Spree stille Wälder ausbreiten, über denen der Geist einer friedlichen Einsamkeit schwebt, welche die Nähe einer großen berühmten Hauptstadt nicht vermuthen läßt. So trat ich in nähere Beziehungen mit Heinrich Stieglitz, der sich uns Brüdern mit großer Wärme anschloß. Unglücklich und zerrissen, wie damals in Folge der tragischen Katastrophe, die ihn so schwer betroffen hatte, der Dichter war, durfte er wohl auf Sympathie und Bedauern Anspruch machen. Er erschien, bei tieferm Eindringen in sein Wesen, als eine grundgute, aber selbstquälerische Natur; er zeigte sich leicht erregt und namentlich für die Ideen der Zeit begeistert und seinen Freunden mit unverwüstlicher Treue ergeben. Aber seine Begeisterung nahm immer die Form einer nicht sehr wohlthuenden Excentricität an. Er hätte vielleicht ein tüchtiger Gelehrter werden können, aber er strebte nach hohem Dichterruhm, und da ihm zu einem großen Dichter ebensowohl künstlerisches Gleichmaß als Naivetät und originelle Gedankenfülle fehlten, suchte er diesen ihm vielleicht selbst nicht recht klar zum Bewußtsein gekommenen Mangel durch übertriebene Rhetorik zu ersetzen. Von sich selbst behauptete er, daß in ihm der wahrhaft christliche Dichter auferstanden sei, und sein Herz nannte er gelegentlich ein „blutiges Tintenfaß.“ Alles, auch das unbedeutendste Gedicht wollte er mit seinem „Herzblut“ geschrieben haben, eine Phrase, die überhaupt damals unter den Dichtern in Brauch kam. Freilich machte ihm das Blut, das in heißen Wellen nach seinem Kopfe strömte, viel zu schaffen. So kam er eines Tages zu mir, zeigte mir eine kreisrunde entblößte Stelle auf seinem Scheitel und versicherte, daß ihm hier das Haar in vergangener Nacht unter schrecklichen Beängstigungen durch das andrängende Blut abgesengt sei. Er erzählte dies, indem er ein Stück Brod und einige Aepfel aus der Tasche zog und zu verspeisen anfing, mit der Erklärung, daß dies sein gewöhnliches Mittagsbrod sei. Die Wahrnehmung, daß die Welt nicht anerkennen wollte, wie sehr er es verdient, daß sich seine Gattin um ihn das Leben genommen, verursachte ihm wohl den größten Schmerz. Das zeigte sich ganz deutlich in seinen Gesprächen, die voll Enthüllungen über sein Verhältniß zu seiner unglücklichen Gattin waren und die ich ihrer zu großen Vertraulichkeit wegen nicht mittheilen möchte, wie in seinen spätern Briefen aus Venedig, auf die ich wohl noch später zurückkomme. Excentrischen Tons sind sie alle, obgleich aus ihnen auch stets eine gewisse, ihm angeborene Gutmüthigkeit hervorleuchtet. An diese Stelle gehört nur ein kleines Billet, womit er im Jahre 1835 ein Exemplar seiner Dichtung „das Dionysosfest“ begleitete, das er uns beiden Brüdern zusandte.

„Da, werthen Freunde,“ schreibt er, „habt Ihr das versprochene Heidenkind. Laßt’s frisch und kräftig auf Euch wirken und gönnt ihm den Gegenklang, den es zu wecken vermag, mich ganz hinweg denkend. Am liebsten wäre es mir, es muthete Euch an, wie eine Pflanze, wurzelnd in dem alten Thracien, vom Orient herüberwuchernd, durch das spätere Griechenland sich durchziehend, in unsere Zeit hinüberrankend“ u. s. w. Mit diesen Phrasen war am Ende zur Charakteristik der Dichtung doch sehr wenig gesagt. Der Brief schließt: „So lange die Stränge dieses Leibes halten, und hoffentlich darüber hinaus, treu den Geistesverwandten!“ Polonius würde hierzu wahrscheinlich sagen: „So lange die Stränge dieses Leibes halten“ sei eine gute Redensart. Indeß Friede seiner Asche! Stieglitz hat seit der Selbstopferung seiner Gattin und auch schon vorher mehr durchgekämpft, als wir ahnen mögen. Wohin seine excentrische Natur führen mußte, wird man deutlicher erkennen, wenn die jedenfalls interessanten Briefe, die der Dichter an seine Charlotte, als sie noch seine Braut war, richtete, erschienen sein werden. Wenigstens hören wir, daß ihre Veröffentlichung vorbereitet werde.

Noch ein Billet fällt mir aus der Zeit meines Berliner Aufenthaltes in die Hände, das mich ebenfalls an einen Verstorbenen mahnt. Es ist unterzeichnet „Rosa Horn, geb. Gedike“ und enthält eine Einladung zu einer „Tasse Thee.“ Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß Rosa Horn die Gattin des bald darauf im Jahre 1837 verstorbenen Romanschriftstellers und jedenfalls nicht unverdienstlichen Literarhistorikers Franz Horn war, mit dem ich ebenfalls durch das Berliner Conversationsblatt in Verbindung kam. Die „Tasse Thee“, die mir zugesagt war, verwandelte sich Abends freilich in eine Tasse Gerstenschleim; denn da Franz Horn schon damals leidend war, wurde ihm vom Arzt das Trinken von Gerstenschleim verordnet und wir wenigen geladenen Gäste wurden, wahrscheinlich aus Rücksicht auch auf unsere Gesundheit, genöthigt, an diesem frugalen Getränk, dem ein halbes Glas Wein nebst dünnem Butterbrod folgte, Theil zu nehmen. Gerstenschleim ist zwar kein Dichtergetränk, aber es wurde durch die Vorlesung eines kurz vorher in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ erschienenen Artikels von Franz Horn gewürzt. Franz Horn war gewiß ein weicher, lieber, wohlwollender Mann, der auch namentlich um die Kenntniß der deutschen Literatur im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert seine unbestreitbaren Verdienste hat, aber es ist traurig für einen Schriftsteller, sein Bischen Ruhm zu überleben, wenn er nicht die Fähigkeit besitzt, sich mit der Zeit lebendig fortzuentwickeln oder im rechten Augenblick zu resigniren, was freilich aus rein pekuniären Gründen leider nicht immer angeht. Aber durchaus wohlthuend war der Eindruck, den das Verhältniß zwischen beiden Ehegatten und die in fast rührenden Zügen hervortretende Verehrung Rosa’s für ihren Gatten machte. Darin liegt auch Poesie; es ist, trotz Gerstenschleim, ein Dichterleben, das man in der großen Friedrichsstraße in Berlin eben so gut haben kann, als anderswo.