Henry Wadsworth Longfellow (Gartenlaube 1882)

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Textdaten
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Autor: Fritz Lemmermayer
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Titel: Henry Wadsworth Longfellow
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 299–300
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[299]
Henry Wadsworth Longfellow.[1]
Ein Ehrenkranz auf das Grab des Dichters.

Als die Kunde von dem am 24. März in New-York erfolgten Tode Longfellow’s nach Europa zu uns herüberklang, war es wohl jedem feiner empfindenden Deutschen, als hätte er Einen der Seinen verloren, als hätte sich das Grab geschlossen über einen theueren Bluts- und Geistesverwandten. Und in der That – war Longfellow nicht unser? War seine Bildung nicht eine überwiegend deutsche? Finden sich in seinen Dichtungen nicht vornehmlich deutsche Elemente? Bewahrte er nicht deutscher Art und Sitte eine innige Zuneigung bis an sein Lebensende? War er nicht der Herold der deutschen Literatur in Amerika? Ja, er war unser durch Geistesbildung und Gemüthsrichtung, durch jenen idealistischen Zug seines Denkens, der von jeher ein echtes Merkmal germanischen Blutes gewesen ist, und so ist es nichts anderes als ein Act schuldiger Pietät, wenn wir heute an seinem frischem Grabe des edlen Sängers von „Hiawatha“ ehrend gedenken, uns seines Lebens und Dichtens dankbar erinnern und bemüht sind, uns seinen literarischen Charakter zu vergegenwärtigen.

Longfellow’s Leben verlief einfach und bietet nur wenige außerordentliche Momente dar. Mit kurzen Worten ist es erzählt. Am 27. Februar 1807 zu Portland in Maine geboren, widmete er sich am Bowdoin-College in Brunswick juristischen Studien, wandte sich aber alsbald der Erforschung alter und moderner Sprachen und Literaturen zu, und zwar mit solchem Eifer und Erfolge, daß ihm schon im Jahre 1826 ein Lehrstuhl am Bowdoin-College angetragen wurde, ein Ruf, dem er indessen erst einige Jahre später Folge leistete. Vorerst besuchte er, einem lebhaften Wissensdrange folgend, Europa, speciell Deutschland, Holland, die Schweiz, Frankreich, Italien und Spanien, und erwarb sich auf dieser drei Jahre in Anspruch nehmenden Reise eine eingehende Kenntniß der Sprachen und Literaturen der alten Welt. Von dem Gedanken einer Weltliteratur mächtig erfaßt, kehrte er in seine transatlantische Heimath zurück. Im Jahre 1835 wurde ihm eine Professur für moderne Sprachen am Harvard-College in Cambridge, der ältesten und angesehensten anglo-amerikanischen Hochschule, übertragen. Wieder schnürte er, bevor er sein Amt antrat, das Reisebündel, um abermals Europa zu besuchen, und nun geschah es, daß das Schicksal hart und herbe an ihn herantrat: er hatte den Schmerz zu erdulden, seine innig geliebte Frau in Deutschland begraben zu müssen. In späteren Jahren besuchte er unsern Erdtheil noch zwei Mal, und während seines dritten Aufenthaltes in Deutschland traf er am Rhein mit Freiligrath zusammen, an den ihn bald das Band herzlicher Freundschaft kettete. Im Jahre 1854 legte er seine Stelle als Docent an der Universität zu Cambridge, welche er durch volle achtzehn Jahre ehrenvoll bekleidet hatte, nieder und lebte fortan ausschließlich seinem poetischen Berufe. Aber noch einmal sollte ihn, wie damals, als er, fern von der Heimath, sein theures Weib sterben sehen mußte – noch einmal sollte ihn ein schweres Leid treffen: in Folge eines unglücklichen Zufalls wurde seine zweite Gemahlin ein Opfer der Flammen. Um zerstörender Melancholie zu entrinnen, flüchtete er zum vierten Mal nach Europa, und diesmal brachte er längere Zeit in Wien und Italien zu, wo er Dante’s „Göttliche Komödie“ in’s Englische übertrug. Den Rest seiner Tage verlebte er unter andauerndem poetischem Schaffen in seiner amerikanischen Heimath.

Das ist Longfellow’s Leben.

Das innere Lebem unseres Dichters zeigt eine edle und schöne Harmonie, die in seinen Dichtungen ihre reinsten Blüthen trieb. Er war keine excentrische Natur; in ihm hauste nicht der Dämon einer verzehrenden Leidenschaft wie in seinem genialeren Landsmanne Poe; Longfellow’s hochgestimmte Seele, die sich von der schroffen Realität der heutigen Welt scheu ab- und dem Schaltenbilde der Vergangenheit begeisterungsvoll zuwandte, war nicht frei von einer gewissen Melancholie – darum verweilten seine Gedanken denn auch gern bei mittelalterlichen Ruinen, felsenumgürteten Ritterburgen, verwitterten Klöstern und geborstenen Säulen, bei den ehernen Denkmälern entschwundener Epochen, welche die Wehmuth heraufbeschwören und ihr Nahrung gewähren. Ein Idealist von reinstem Wasser, entnahm er seine Stoffe mit Vorliebe jenen Zeiten, die, weil vom Glanz der Vergangenheit verklärt, Alles in dem von der Sonne des Ideals vergoldeten Lichte erscheinen lassen. Aber seine innige Naturliebe, sein tiefes Verständniß für die landschaftliche Schönheit zog ihn von Europas historischen Stätten doch immer wieder zurück zur heimathlichen Atlantis, deren urwaldüppige, farbige Herrlichkeit seine lebhafte Phantasie stets auf’s Neue anregte.

Alle die hier angedeuteten Charaktermerkmale Longfellow’s finden sich wieder in seinen Poesien. Als Dichter war er Romantiker von echtem Schrot und Korn, und als solcher schaute er meistens nicht vorwärts; er schaute mit Vorliebe rückwärts in die Zeiten der Romantik; das wirkliche Leben stieß ihn ab, und wenn er es doch einmal darstellte, so idealisirte er es und lieh ihm die Farben der Schönheit, von denen seine eigene Seele so voll war. Mitten hinein in das lärmende Getriebe seiner vom Hader der Parteien wiederhallenden, von politischen und socialen Fragen völlig beherrschten Zeit griff er eigentlich nur einmal – in seinen „Poems on Slavery“.

Ueber Longfellow’s Dichtungen scheint bisweilen ein mystisch-christlicher Schimmer zu lagern, aber es wäre ein großer Irrthum, den Dichter, wie es thatsächlich geschehen ist, darum katholisch-frömmelnder Tendenzen zu zeihen. Solche lagen ihm, dem Protestanten, völlig fern, wenn aber das eine oder das andere seiner Gedichte eine Tendenz aufweist, so ist sie lediglich moralisirender Natur, und wo aus seinen Schöpfungen eine solche Moral zu uns spricht, drängt sie sich nie mit verletzender Absichtlichkeit vor; dies ist ja eben eine der vorzüglichsten Eigenschaften der Longfellow’schen Dichtungen, daß sie Kunstwerke sind im besten Sinne des Wortes; sie erfreuen durch den vollen Einklang zwischen Inhalt und Form, durch ihre schöne ebenmäßige Sprache und die plastische Ausprägung der ihnen innewohnenden Idee. Sie gleichen einem in allen seinen Theilen harmonisch gegliederten Gebäude, um dessen festgefügte Grundmauern sich hier und da phantastisches Schmuckwerk anmuthig windet. Das ist ein Moment, welches ihn von den deutschen Romantikern unterscheidet, mit welchen er sonst so manche Aehnlichkeit hat.

Freilich manche Eigenthümlichkeit der deutschen Romantiker ging ihm ab, wie ihre Leidenschaft und ihr dämonischer Gestaltungstrieb, welcher bald grotesk-komische, bald schauerlich-fratzenhafte, bald traumhaft-süße Gebilde zu Tage förderte. Gemein mit ihnen hat er dagegen außer seinem Hang für das Entfernte, Versunkene, außer seiner Vorliebe für mittelalterliche, mystisch-religiöse Stoffe, außer seiner Neigung zur poetischen Bearbeitung alter Sagen und Legenden und seinem intensiven Naturgefühl den großen kosmopolitischen Zug. Longfellow, der meisten europäischen Sprachen kundig, ist für Amerika etwa das, was Herder für Deutschland ist – der Begründer einer Weltliteratur. Zahlreich übertrug er Gedichte aus dem Italienischen, Französischen, Spanischen, Schwedischen, vornehmlich aber aus dem Deutschen mit vollendeter Meisterschaft in sein geliebtes Englisch. Er hat – um nur deutsche Beispiele zu nennen – seine Landsleute unter Anderem vertraut gemacht [300] mit der Poesie Goethe’s, Heine’s, W, Müller’s. Platen’s, Mosen’s und des ihm in seinem Wesen so nahe verwandten Uhland.

Longfellow war von keinem eigentlichen schöpferischen Genius beseelt; er war nicht wie das trutzige Genie darauf erpicht, völlig Neues zu schaffen; er setzte keinen Stolz darein, einsam und allein ausschließlich eigene Wege zu wandeln; er verfügte über keine originelle Erfindungskraft, aber die Gabe, sich an bereits Vorhandenes anzulehnen, war ihm in vollem Maße eigen; seine Dichtungen reißen nicht hin mit phänomenaler Urgewalt, aber sie erwärmen und ziehen an; sie fesseln durch ihre Innigkeit und ihren Schwung, durch den frischen Natursinn, der aus ihnen spricht, und die sanft geklärte Wehmuth, welche sie athmen.

Charakteristisch für Longfellow, den Idealisten, ist der Umstand, daß er gern rein ideale Gestalten, Christusmenschen, zu Helden seiner Dichtungen machte. Sein Bestes hat er wohl auf dem Gebiete der Lyrik geleistet, aber auch einzelne seiner Balladen und episch-dramatischen Dichtungen werden nicht vergessen werden.

Wie jedem bedeutenderen Poeten war auch Longfellow die Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen allezeit geläufig, und er verlieh ihr bisweilen einen originellen und charakteristischen Ausdruck, so in dem eigenthümlichen, stimmungsvollen Gedichte „Die alte Uhr im Treppenhaus“ mit dem einförmig melancholischen, das Ticken der Uhr andeutenden Refrain:

„Immer – nimmer!
Nimmer – immer!“

Als eine Perle unter den Longfellow’schen Gedichten möchten wir aber den „Regentag“ bezeichnen, ein tief empfundenes Lied, Welches in der Spielhagen’schen Uebersetzung folgendermaßen lautet:

„Der Tag ist kalt und trüb und traurig;
Es regnet, und der Wind weht schaurig;
Die Rebe hängt noch an der modernden Wand,
Doch die Blätter rascheln in’s weite Land,
Und der Tag ist trüb und traurig.

Mein Leben ist kalt und trüb und traurig;
Es regnet, und der Wind weht schaurig;
Mein Herz hängt noch an der modernden Zeit,
Die hinter mir liegt, so weit, so weit –
Und die Tage sind trüb und traurig.

Sei still, mein Herz, laß ab vom Klagen!
Die Sonne scheint, ob die Wolken auch jagen;
Dein Loos – es ist das Loos von Allen:
In jedes Leben muß Regen fallen.
Mancher Tag sein trüb und traurig.“

Zu Longfellow’s mystisch-religiösen Dichtungen gehören die dramatischen Rhapsodien: „Die goldene Legende“, welche die Geschichte vom armen Heinrich behandelt und kürzlich von Elise von Hohenhausen trefflich übersetzt wurde, „Die Tragödien Neu-Englands“ und „Die göttliche Tragödie“, deren Held Christus ist. Einen mehr idyllischen Charakter hat dagegen die Erzählung „Kavanagh“ und das in Hexametern verfaßte Gedicht „Evangeline“, welches einen amerikanischen Stoff behandelt. Aber sein populärstes Werk ist ohne Zweifel der vielgerühmte „Sang von Hiawatha“, den Freiligrath der deutschen Literatur einverleibt hat. Der Erfolg dieser Dichtung erhellt deutlich aus der Thatsache, daß die Bostoner Originalausgabe derselben binnen einem halben Jahre dreißig Auflagen, jede tausend Exemplare stark, erlebte.

Der „Sang von Hiawatha“ behandelt auf Grund mehrerer, den Werken des gelehrten Schoolcraft’s entnommenen indianischen Sagen die Geschichte eines Messias der Rothhäute und darf mit einigem Rechte die „indianische Edda“ genannt werden; ohne Frage ist „Der Sang von Hiawatha“ das Originellste, was Longfellow geschaffen, und es läßt sich wohl begreifen, daß die Anglo-Amerikaner ihm begeistert entgegenjubelten. Für uns Deutsche jedoch hat die exotische Phantastik dieser Dichtung etwas Kaltes; der Reiz, den sie auf uns ausübt, ist lediglich der des Fremdartigen, und kein unbefangener Beurtheiler wird sich der Wahrheit verschließen können, daß unsere Romantiker uns mit rein phantastischen Dichtungen beschenkt haben, welche bei viel geringerer Popularität jene an Tiefe und Genialität weit übertreffen.

Longfellow ist neben William Cullen Bryant (vergl. „Gartenlaube“ Jahrg. 1878, S. 541), dem ihm im Tode um einige Jahre vorangegangenen Lyriker und Journalisten, der Hauptvertreter der Kunstpoesie des englisch-amerikanischen Volkes, und als er neulich von seinen Landsleuten zu Grabe getragen wurde, haben sie auf’s Neue dargethan, daß Amerika seine geistigen Führer zu lieben und zu ehren weiß.

Fritz Lemmermayer.

  1. Wir wollen mit obigem Artikel nur so eilig, wie es uns möglich, die Theilnahme an der Trauer entsprechen, mit welcher des Dichters Tod seine Nation erfüllte, und werden nicht verfehlen, dem erhabenen Sänger des „Hiawatha“ später einen ausführlicheren Artikel mit beigefügtem Portrait zu widmen.
    D. Red.