Hermann Marggraff’s letztes Lied

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Titel: Hermann Marggraff’s letztes Lied
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 240
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Hermann Marggraff’s letztes Lied.
 Mein Stern.

Aus des Himmels tiefsten Falten
Flammt’s wie tausend Funken auf;
Ungezählte Globen halten
Ihren nächtlich stillen Lauf.
Unter diesen tausend Sternen
Ach, wo such’ ich meinen Stern?
Nah ist nichts in diesen Fernen,
Und das Nächste selbst ist fern.

Dennoch glaub’ ich ihn zu schauen,
Meinem Geiste tritt er nah;
In des Luftmeers dunkelblauen
Tiefen ist er plötzlich da.
Ich erblicke seine Fläche;
Grüne Wälder rauschen dort;
Murmelnd rieseln klare Bäche
Durch die Blumenwiesen fort.

Doch ein Wetter bricht mit argen
Schlägen unverhofft herein,
Und die dunkeln Wolken sargen
Das Gebild der Schönheit ein.
Um der Berge Marmorspitze
Tobt der Sturm mit wildem Zorn,
Und im grellen Schein der Blitze
Leuchtet jedes Alpenhorn.

Durch der Höhlen Finsternisse
Tönt es plötzlich wie ein Schrei,
Und mit einem jähen Risse
Bricht mein Stern, mein Stern entzwei;
Er zerbricht und fällt in Splitter —
Ach, es war ein Weltenmord! —
Und es tobt das Ungewitter
Selbst noch auf den Trümmern fort.

Sollt’ ein Stern erlöschen, klagen
Schmerzlich dann die andern mit?
Sterb’ ich, wird die Menschheit fragen,
Was ich war und was ich litt?
Ach, im unermeßnen Raume
Ist der Einzelne der Welt,
Was ein kleines Blatt dem Baume,
Das in Frühlings Tagen fällt;

Was dem ganzen Strom die Welle,
Die im Augenblick zerrinnt,
Während an derselben Stelle
Schon die zweit’ ihr Spiel beginnt;
Was der ganzen Wolkenmenge
Nur ein einz’ger Tropfen ist,
Der mit andern im Gedränge
Fällt und stirbt zu gleicher Frist.