Hermotimus oder von den philosophischen Sekten

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Hermotimus oder von den philosophischen Sekten
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Fünftes Bändchen, Seite 515–598
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ἑρμότιμος ἢ Περὶ Αἱρέσεων
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[515]
Hermotimus
oder von den
philosophischen Sekten.
Lycinus (Lucian). Hermotimus.

1. Lycinus. So viel ich aus der Hastigkeit deines Ganges und diesem Buche zu schließen vermag, eilst du zu deinem Lehrer, lieber Hermotimus. Was gieng dir denn in währendem Gehen im Kopfe herum? Du bewegtest die Lippen unter halblautem Gemurmel, und machtest sehr lebhafte Bewegungen mit den Händen; es war, als ob du bei dir selbst irgend einen Vortrag zusammenordnetest, oder über eine spitzfindige Frage, eine verfängliche Beweisführung, oder irgend eine sophistische Aufgabe studirtest. Also nicht einmal, wenn du auf der Straße bist, kannst du unthätig seyn? Immer hast du doch etwas Ernsthaftes im Werk, bist immer darauf bedacht, in deinen Studien dich zu fördern.

Hermotimus. Bei’m Jupiter, Lycinus, es ist so was. Ich wiederholte nämlich den gestrigen Vortrag unsers Meisters Satz für Satz bei mir selbst. Wahrhaftig, es sollte Niemand auch nur einen Augenblick ungenützt verstreichen lassen, wer [516] da weiß, wie wahr das Wort des Arztes aus Cos[1] ist: „das Leben ist kurz, die Kunst ist lang.“ Und doch sagte Hippokrates dieß nur von der Arzneikunst, welche noch leicht genug zu erlernen ist im Vergleich mit der Philosophie, einer Wissenschaft, in deren Besitz man sich auch in noch so langer Zeit nicht setzen kann, wenn man nicht seinen Blick unverrückt und mit gespanntester Aufmerksamkeit auf sie geheftet hält. Und um was es sich handelt, ist in der That keine Kleinigkeit: entweder in der großen Fluth gemeiner, unwissender Menschen elendiglich unterzugehen, oder im Umgange mit der Weisheit des höchsten Glückes zu genießen.

2. Lycinus. Wahrhaftig, ein schöner, herrlicher Preis, mein lieber Hermotimus! Und, so viel ich aus der langen Zeit, die du schon philosophirest, und aus der anhaltenden Mühe vermuthe, mit welcher du, wie ich sehe, dein Studium betreibst, so kannst du von diesem Ziele so ferne nicht seyn. Denn wenn ich mich recht erinnere, so sind es nun zwanzig Jahre her; während welcher ich dich nie zu Gesichte bekam, ohne daß du entweder auf dem Wege zu deinen Philosophen gewesen wärest, oder über einem Buche gesessen, oder die nachgeschriebenen Lehrvorträge wieder abgeschrieben hättest. Dabei siehst du vor lauter Studiren so blaß und abgezehrt aus, daß ich glauben muß, du gönnest dir nicht einmal die Ruhe des Schlafs. Unter diesen Umständen sollte es doch wohl nicht mehr lange anstehen, bis du jenes höchste Glück erreichst – oder bist du wohl gar, ohne daß wir’s merken, schon im Besitz desselben?

[517] Hermotimus. Wie sollte ich’s, mein bester Lycinus? ich, der nun erst anfängt, den rechten Weg, der zu demselben führt, vor sich zu sehen? Ach mein Freund, es ist wie Hesiod sagt:[2] die Tugend wohnt auf einer fernen, steilen Höhe; der Weg zu ihr ist lange, rauh, und kostet den Wanderer des Schweißes nicht wenig.

Lycinus. Wie, Hermotimus, du hättest also noch nicht genug geschwitzt und gewandert?

Hermotimus. O nein! denn wäre ich schon auf der Höhe, nichts sollte mich hindern, mein Glück in aller Fülle zu genießen. Für jetzt aber fange ich erst an zu steigen.

3. Lycinus. Aber derselbe Hesiod sagt ja auch: „der Anfang ist der ganzen Arbeit Hälfte.“[3] Und so werde ich wohl nicht Unrecht haben, wenn ich sage, du seyst nun schon auf der Mitte deines Pfades.

Hermotimus. Noch lange nicht, mein Lieber! Denn da wäre schon viel überstanden.

Lycinus. Nun so sage: wie weit bist du denn bis jetzt gekommen?

Hermotimus. Noch bin ich ganz unten am Fuße des Berges: aber ich strenge alle Kraft an, emporzuklimmen. Der Pfad ist so schlüpfrig und holpricht, und ohne eine hülfreiche Hand geht’s nicht.

Lycinus. Nun, dein Meister ist der Mann, sie dir zu bieten; er wird, wie der Homerische Jupiter eine goldene Kette, so seine Weisheitslehren von der längst erstiegenen [518] Höhe herablassen, und dich an denselben emporheben und zu sich und zu der Tugend hinaufziehen.

Hermotimus. So ist es in der That, mein Freund. Läge es übrigens blos an Jenem, so wäre ich wohl längst schon zu den Glücklichen emporgezogen: allein an mir selbst fehlt es noch.

4. Lycinus. Sey nur immer gutes Muthes, und behalte stets das Ziel deiner Wanderung und das hohe Glück, das dich oben erwartet, im Auge, zumal da der Meister dein Streben so bereitwillig unterstützt. Hat er dir übrigens einen bestimmten Zeitpunkt genannt, an welchem du hoffen darfst, oben zu seyn? Etwa über’s Jahr, nach den Panathenäen oder nach den Eleusinien?

Hermotimus. Die Zeit wäre zu kurz, mein guter Lycinus.

Lycinus. Aber doch in der nächsten Olympiade?

Hermotimus. Auch diese Frist ist noch zu kurz, um vollkommen in der Tugendübung, und jenes Glückes theilhaftig zu werden.

Lycinus. Doch wenigstens ganz gewiß nach zwei Olympiaden? Denn sonst hätte man alle Ursache, euch großer Trägheit zu beschuldigen, wenn ihr, um auf eine Höhe zu gelangen, längere Zeit brauchtet, als man nöthig hat, um mit aller Bequemlichkeit von den Säulen des Herkules [Gibraltar] nach Indien dreimal hin und her zu reisen, gesetzt auch, daß man nicht den kürzesten Weg nähme, sondern die Reise durch manche Kreuz- und Querzüge in den dazwischen liegenden Ländern unterbräche. Und um wie viel höher und steiler sollen wir uns denn eure Tugendhöhe vorstellen, [519] als jenes Aornos[4] war, das Alexander doch nur in wenigen Tagen mit Sturm einnahm?

5. Hermotimus. Es giebt gar kein Gleichniß für diese Sache, Lycinus: die Höhe, die ich meine, läßt sich nicht nur so mit stürmender Hand und in wenigen Augenblicken einnehmen, und wenn zehentausend Alexanders angriffen. Wäre das, wie Viele gäbe es, die hinauf wollten! Immerhin ist die Zahl derer sehr groß, die recht herzhaft aufzusteigen beginnen, und mehr oder weniger voran kommen. Allein wenn sie ungefähr zur Hälfte gekommen sind, und der Beschwerden und Mühseligkeiten immer mehrere ihnen aufstoßen, dann wird die Anstrengung ihnen, unerträglich; sie verzweifeln am Gelingen, und keuchend und in Schweiß zerfließend kehren sie wieder um: die aber bis zum Ende aushalten, gelangen auf den Gipfel, führen von nun an auf immer ein Leben voll unbeschreiblicher Wonne, und sehen von ihrer Höhe auf die übrigen Sterblichen wie auf Ameisen herab.

Lycinus. O wehe Hermotimus, zu was für winzigen Geschöpfen machst du uns da! Nicht einmal Pygmäen sollen wir seyn, sondern arme Dingerchen, die auf dem bloßen Boden herumkriechen! Aber freilich, wer einmal in Gedanken so hoch steht und von der Höhe herabschaut, wie du, dem können wir nicht anders vorkommen. Wir gemeiner Plunder der Erdebewohner haben also hinfort nebst den Göttern auch euch anzubeten, wenn ihr das langersehnte [520] Ziel eures Strebens erreicht habt, und über den Wolken wandelt.

Hermotimus. Der Himmel gebe, daß wir oben wären, guter Lycinus. Aber ach – es fehlt noch so viel!

6. Lycinus. Gleichwohl hast du mir noch nicht gesagt wie viel: ich möchte doch eine ungefähre Zeit wissen.

Hermotimus. Ich weiß es selbst nicht genau. Doch vermuthe ich, daß es nicht über zwanzig Jahre anstehen wird, bis auch ich vollends den Gipfel erstiegen haben werde.

Lycinus. Herkules, eine lange Zeit!

Hermotimus. Es steht aber auch das Herrlichste am Ziel, Lycinus.

Lycinus. Das mag wohl seyn. Aber was die zwanzig Jahre betrifft, wie kann denn dein Meister dir Bürge seyn, daß du so lange leben werdest? Oder ist er etwa nicht blos Philosoph, sondern auch Prophet und Wahrsager und erfahren in den Künsten der Chaldäer, welche die Zukunft auszurechnen verstehen? Denn ich kann doch nicht wohl glauben, daß du auf’s Ungewisse hin, ob du deine Ankunft auf der Tugendhöhe auch erleben werdest, so viele Mühe und Anstrengung bei Tag und bei Nacht erduldetest, da du doch nicht wissen könntest, ob nicht, wenn du schon ganz nahe am Gipfel bist, das Verhängniß über dich kommen, und indem es dich am Beine faßt und herabzieht, deine schönen Hoffnungen vereiteln wird.

Hermotimus. Halt ein, Lycinus, Gott verhüte es! O wäre es mir doch vergönnt, nur einen einzigen Tag die Seligkeit, ein Weiser zu seyn, zu genießen!

[521] Lycinus. Wie? ein einziger Tag wäre dir Ersatz für so viele Mühen?

Hermotimus. Sogar mit einem Augenblicke wollte ich vorlieb nehmen.

7. Lycinus. Woher aber weißt du denn, daß da oben eine Seligkeit zu gewinnen ist, um welche sich’s verlohnt, alles Mögliche zu thun und zu leiden? Du bist doch nie selbst oben gewesen.

Hermotimus. Der Meister sagt’s, und ihm glaube ich. Er muß es genau wissen, da er längst schon auf dem höchsten Gipfel ist.

Lycinus. So sage mir doch, um der Götter willen, wie beschrieb er dir denn diese Seligkeit? Sind es etwa Reichthümer, oder Ehren, oder überschwängliche Sinnengenüsse?

Hermotimus. Das sey ferne, Freund! Das Leben auf der Tugendhöhe hat mit solchen Dingen nichts zu schaffen.

Lycinus. Nun – wenn es diese nicht sind, welche andere Güter sagt er denn, daß man am Ziele der Prüfung davon tragen werde?

Hermotimus. Weisheit und Stärke des Gemüths, und das an sich Schöne, das Rechte, und eine sichere und klare Einsicht in die wahre Beschaffenheit aller Dinge; Reichthümer aber und Ehren und Sinnengenüsse und Alles, was des Leibes ist, hat, wer sich zu jener Höhe gehoben, zuvor abgestreift und auf Erden gelassen, auf dieselbe Weise, wie Herkules, da er sich auf dem Oeta verbrannte, zum Gotte geworden ist: denn sobald er sich alles dessen, was von der Mutter her Menschliches ihm anhieng, entäußert hatte, [522] schwang sich das rein Göttliche seines Wesens, von den Flammen geläutert, zu den Göttern empor. Eben so werden die Weisen durch die Weisheit, wie mittelst eines Reinigungsfeuers, von allen jenen Dingen entbunden, welche Andern, die nicht richtig zu urtheilen vermögen, bewunderns- und wünschenswerth erscheinen. Und wenn sie auf der Höhe angelangt sind, vergessen sie im Vollgenusse ihres Glückes aller Schätze und Ehren und Wollüste, und lachen der Thoren, die solchen Dingen einen Werth beilegen.[5]

8. Lycinus. Nun beim Herkules vom Oeta, das muß wohl ein erhabenes Glück seyn, das die Leute da oben genießen. Aber ich möchte doch wohl wissen, guter Hermotimus, ob sie auch bisweilen, wenn sie Lust haben, ihre Höhe wieder verlassen können, um der Dinge, die sie unten zurückgelassen, sich zu bedienen: oder müssen sie nun ein für allemal oben bleiben, und im beständigen Umgange mit der Tugend den Reichthum, den Ruhm und die Wollust mit Verachtung ansehen?

Hermotimus. Nicht nur das, mein lieber Lycinus; sondern der Glückliche, welcher in der Tugend vollkommen geworden ist, kann nie wieder dem Zorne, der Furcht oder einer Begierde unterthan werden; noch wird je Kummer oder irgend ein anderer Affect ihn befallen.

Lycinus. Gleichwohl, wenn ich offenherzig sagen soll, was wahr ist – doch nein ich schweige; ich würde mich, denke ich, versündigen, wenn ich das Thun der heiligen Weisen in argwöhnische Untersuchung ziehen wollte.

[523] Hermotimus. Durchaus nicht: rede frei, es sey was es wolle.

Lycinus. Siehst du, liebster Freund, ich wollte wohl, aber – ich habe das Herz nicht.

Hermotimus. Warum denn nicht? Muth gefaßt, mein Bester! Wir sind ja unter uns.

9. Lycinus. Alles, was du mir da erzähltest, lieber Hermotimus, hörte ich mit vieler Aufmerksamkeit an, und glaubte wirklich, daß es so sey, wie du sagtest, und daß jene Leute weise und rechtschaffene Männer würden, und so weiter. Und in der That, deine Schilderung machte einen lebhaften Eindruck auf mich. So wie du aber hinzusetztest, auch den Reichthum, den Ruhm, die Wollust verachteten sie, und wären nicht mehr im Stande, sich zu erzürnen, oder sich zu betrüben, da, lieber Freund – und das gestehe ich dir unter vier Augen – da stutzte ich, und erinnerte mich unwillkührlich an Etwas, das ich einen Gewissen neulich habe thun sehen – soll ich sagen Wen? oder thut der Name nichts zur Sache?

Hermotimus. Der Name ist nichts weniger als gleichgültig: nenne ihn immer.

Lycinus. Je nun – es war dein eigener Meister, übrigens ein Mann, der schon wegen seiner grauen Haare, und überhaupt alle Achtung verdient.

Hermotimus. Und was that er denn?

Lycinus. Du kennst ja den Fremden aus Herakléa, der schon seit geraumer Zeit seine Schule besuchte? Ich meine den Rothkopf, den Zänker.

Hermotimus. Ja wohl kenne ich ihn: Dio heißt er.

[524] Lycinus. Dieser hatte ihm vermuthlich das Lehrgeld nicht zu rechter Zeit bezahlt. Da kriegte ihn der Meister zu packen, schlang ihm seinen Mantel um den Hals, und schleppte ihn im grimmigsten Zorne und unter lautem Geschrei vor die Obrigkeit. Und hätten nicht einige seiner umstehenden Bekannten den jungen Menschen ihm aus den Händen gerissen, glaube sicherlich, der Alte wäre ihm mit den Zähnen in die Nase gefahren; so wüthend war er.

10. Hermotimus. Dio ist ein schlechter Mensch von jeher; vom Bezahlen will der Undankbare gar nichts wissen. Alle die vielen Schuldner, denen der Meister auf Zinsen geborgt hat, erfuhren von ihm nie eine solche Behandlung: das macht, sie bezahlen ihm auch die Zinsen richtig und auf den Tag.

Lycinus. Aber, mein Bester, gesetzt, sie zahlten nicht, wie da? wiewohl, die Weisheit hat ihn ja ausgeläutert; es wird ihn also wohl nicht kümmern, da er der Dinge nicht mehr bedarf, die er auf dem Oeta zurückließ?

Hermotimus. Meinst du denn, es sey ihm dabei um sich selbst zu thun, wenn er sich mit Geldsachen befaßt? Er hat noch unerzogene Kinder, für die er sorgen muß, daß sie in Zukunft keinen Mangel leiden.

Lycinus. Seine Schuldigkeit wäre, auch diese auf die Tugendhöhe zu führen, damit sie bei Verachtung des Reichthums so glücklich wären, als er selbst ist.

11. Hermotimus. Ich habe jetzt keine Zeit, Lycinus, mich hierüber mit dir einzulassen. Ich eile jetzt in seinen Hörsaal: sonst könnte ich in Gefahr kommen, seinen Vortrag ganz und gar zu versäumen.

[525] Lycinus. Das hast du nicht zu befürchten, guter Hermotimus: für heute sind Ferien angesagt; du kannst also das Uebrige des Weges ersparen.

Hermotimus. Wie verstehe ich das?

Lycinus. Du wirst ihn heute gar nicht zu sehen bekommen, wenn anders dem öffentlichen Anschlag zu glauben ist, den ich vorhin über seiner Thüre sah; dort steht nämlich mit großen Buchstaben auf einem Täfelchen geschrieben: Heute sind keine philosophischen Unterredungen. Wie ich mir habe sagen lassen, so speiste der gute Mann gestern bei dem verehrten Eukrates, welcher zur Feier des Geburtstages seiner Tochter ein großes Gastmahl gab. Das Gespräch kam auf philosophische Gegenstände, an welchen er den lebhaftesten Antheil nahm: besonders aber ereiferte er sich in einem Streit mit dem Peripatetiker Euthydémus über die Punkte, worin sie von den Stoikern abgehen. Das heftige Geschrei, die Erhitzung, und die lange Dauer des Gelages, das sich tief in die Nacht hineinzog, hätten ihm, wie man erzählt, Kopfschmerz verursacht. Ohne Zweifel trank er dabei etwas über Durst; die Gäste werden’s ihm wohl, wie es zu geschehen pflegt, mehrmals zugebracht haben: auch aß er wohl mehr, als für seinen alten Magen gut war. Daher soll er bei seiner Nachhausekunft ein starkes Erbrechen bekommen, und sich kaum noch Zeit genommen haben, alle die Stücke Fleisch, die er seinem bei der Tafel hinter ihm stehenden Diener zugeschoben hatte, sich vorzählen zu lassen und sorgfältig zu versiegeln. Hierauf hätte er sich, mit dem Befehl, Niemand einzulassen, zu Bette gelegt, und schlafe bis auf diese Stunde. Dieß erzählte in meinem Beiseyn sein [526] Bedienter Midas einer großen Zahl von Schülern, welche hierauf ebenfalls Alle wieder umkehrten.

12. Hermotimus. Nun, Lycinus, wer hat denn gewonnen, mein Meister, oder Euthydemus? Hat Midas nicht auch davon was gesagt?

Lycinus. Anfangs sollen sich Beide so ziemlich die Waage gehalten haben: am Ende aber gewann euer alter Herr völlig die Oberhand, und der Sieg war entschieden auf eurer Seite. Für den Euthydemus ist die Sache nicht unblutig abgelaufen: er hat ein großes Loch im Kopfe davon getragen. Der Mensch war gar zu großmäulig und zudringlich geworden; er wollte gar nicht glauben, was man ihm sagte, noch auch mit Ueberführungsgründen sich beikommen lassen: da schmiß ihm dein braver Meister den großen Nestorshumpen,[6] den er eben in der Hand hielt, an den Kopf, und so war der Streit entschieden.

Hermotimus. O schön, schön! So muß man’s den Burschen machen, welche Weisern und Bessern nicht nachgeben wollen.

Lycinus. Sehr vernünftig gesprochen, Hermotimus! Welcher Dämon mußte aber auch den Euthydemus plagen, daß er den sanftmüthigen, über alle Leidenschaften erhabenen Alten gerade in dem Augenblicke in den Harnisch jagte, wo er einen so schweren Pokal in den Händen hielt? –

[527] 13. Doch genug hiervon: willst du nicht lieber – da du nun doch Muße hast – mir, deinem alten Freunde, erzählen, wie du es angiengst, dieses philosophische Streben in dir zu wecken, damit auch ich mich von Stunde an aufmache, euer Begleiter auf derselben Bahn zu werden? Ihr werdet doch einen guten Bekannten nicht zurückweisen?

Hermotimus. O, wenn du nur willst, lieber Lycinus, so sollst du bald sehen, welcher Unterschied zwischen dir und andern Menschenkindern seyn wird. Glaube mir, sie werden dir Alle wie Kinder vorkommen, so großartig wird deine Denkart seyn im Vergleich gegen die ihrige.

Lycinus. Ich will zufrieden seyn, wenn ich nur nach zwanzig Jahren so weit seyn werde, als du jetzt bist.

Hermotimus. Sorge nicht: ich war ungefähr in deinem Alter, als ich zu philosophiren anfieng; du bist gegenwärtig doch wohl vierzig Jahre alt?

Lycinus. Getroffen, mein Hermotimus. So gewähre mir also die gewiß nicht unbillige Bitte, und führe mich auf denselben Weg, den du selbst betreten hast. Zuvor aber sage mir noch: erlaubt ihr euern Lehrlingen, dem Meister zu widersprechen, wenn er ihnen etwas Unrichtiges zu sagen scheint? oder geht dieß bei euch nicht an?

Hermotimus. Es ist eigentlich nicht Sitte: doch mache du immer, wenn du Lust hast, zwischenein deine Fragen und bringe deine Einwürfe vor. Du wirst nur um so schnellere Fortschritte machen.

14. Lycinus. Nun das lobe ich mir, bei’m Hermes, deinem Namenspatron! Aber sage mir doch: giebt es nur Einen Weg zur Weisheit, den der Stoiker? Oder habe ich [528] die Wahrheit gehört, wenn man mir sagte, daß noch mehrere andere zu ihr führen?

Hermotimus. Allerdings es giebt viele dergleichen Führer: die Peripatetiker, die Epikuräer, diejenigen, die sich nach Plato nennen, ferner die Nachfolger des Diogenes, Antisthenes, Pythagoras und noch viele Andere.

Lycinus. In der That, du hast recht: es sind ihrer Viele. Nun, Hermotimus, lehren denn diese Alle Dasselbe, oder sind sie in ihren Meinungen verschieden?

Hermotimus. O gar sehr verschieden!

Lycinus. So kann also, sollte ich denken, nicht Alles wahr seyn, was sie lehren, weil sie sonst nicht Verschiedenes lehrten. Das Wahre aber, was sie lehren, kann bei Allen nur ein und dasselbe seyn. Nicht wahr?

Hermotimus. So ist es allerdings.

15. Lycinus. Nun sage mir, mein lieber Freund, was hat dir gleich anfangs beim Beginne deines philosophischen Studiums das große Vertrauen zu der stoischen Lehre eingeflößt, daß du an den vielen Thüren, die dir offen standen, vorbeigiengst, und nur durch jene, welche zur stoischen Schule führt, auf den einzig wahren und geraden Weg zur Tugend zu gelangen glaubtest, als ob alle übrigen bloß die Eingänge zu finstern Irrwegen ohne Ausgang wären? Auf was gründete sich damals diese deine Meinung? denn du mußt dich, wenn ich dich so frage, nicht als den Mann denken, der du jetzt bist, und der nun freilich gegenwärtig, sey es als Halbweiser, oder schon als ganz Weiser, jedenfalls ein weit richtigeres Urtheil hat, als wir Leute vom großen Haufen: sondern beantworte mir meine Frage als solcher, [529] welcher du damals warst, und was ich gegenwärtig noch bin, nämlich als bloßer Laie.

Hermotimus. Ich verstehe nicht recht, was du willst, Lycinus.

Lycinus. Gleichwohl ist diese Frage so undeutlich nicht, sollte ich meinen. Da der Philosophen so Viele sind, ein Plato, ein Aristoteles, ein Antisthenes, und eure eigenen Vorfahren, ein Chrysipp und Zeno und die Uebrigen, so viel ihrer sind, welche Rücksicht hat dich bestimmt, mit Vorbeigehung alles Uebrigen gerade die Grundsätze anzunehmen, die du angenommen hast, und in diesem Geiste zu philosophiren? Hat dich etwa der pythische Apoll (wie einst den Chärephon zu Sokrates) zu den Stoikern gewiesen, und sie für die Weisesten aller Weisen erklärt? Denn es ist so seine Weise, den Einen zu diesem, den Andern zu jenem philosophischen Systeme zu rathen, indem er, wie ich mir vorstelle, das für Jeden Angemessene zu beurtheilen weiß.

Hermotimus. So ist’s nicht, Lycinus: ich hatte den Gott nicht darüber befragt.

Lycinus. Wie, die Sache schien dir nicht wichtig genug, um den Rath des Gottes einzuholen? oder trautest du dir wohl selbst die hinlängliche Einsicht zu, um das Rechte zu erwählen?

Hermotimus. Das Letztere, ich gestehe es.

16. Lycinus. Nun so theile auch mir vor allen Dingen das Merkmal mit, an welchem ich gleich anfangs die beste und wahrste Philosophie erkennen kann, welche ich mit Uebergehung aller übrigen zu erwählen habe.

[530] Hermotimus. Das will ich dir sagen. Ich fand, daß die meisten Leute sich zu der stoischen Schule schlugen, und daraus schloß ich, daß sie die beste seyn müsse.

Lycinus. Und um wie viel waren es deren mehr, als solcher, die Epikuräer, Platoniker, oder Peripatetiker wurden? Ich denke doch, du wirst sie förmlich gezählt haben, wie bei einer Abstimmung?

Hermotimus. Nun das wohl eben nicht, aber so ungefähr geschätzt habe ich sie.

Lycinus. Ich sehe schon, du willst mir die Wahrheit nicht sagen. Du wirst mir doch nicht weiß machen wollen, du hättest dich in einer so wichtigen Sache nur nach einer muthmaßlichen Schätzung der Stimmenmehrheit entschieden?

Hermotimus. Das war es auch nicht allein, Lycinus. Zu meinem Entschlusse trug auch das Urtheil bei, das ich allgemein fällen hörte. Die Epikuräer wären genußsüchtige Süßlinge, die Peripatetiker geldgierig und streitsüchtig, die Platoniker eingebildete, eitle Gecken. Die Stoiker hingegen hörte ich von vielen Leuten als brave Männer rühmen, die Alles wüßten, und bei denen man es, wenn man ihren Weg einschlüge, dahin bringen könnte, allein König, allein reich, allein weise, kurz Alles in Allem zu werden.

17. Lycinus. Das sagten doch wohl nur andere Leute von ihnen? denn wenn sie von sich selbst so ruhmredig gesprochen hätten, so würdest du ihnen schwerlich geglaubt haben, nicht wahr?

Hermotimus. Gewiß nicht: Andere sagten es.

[531] Lycinus. Aber vermuthlich nicht ihre philosophischen Gegner?

Hermotimus. O nein.

Lycinus. Also waren es bloß die Laien, welche es sagten?

Hermotimus. Ja, diese.

Lycinus. Nun siehst du, wie du wieder nicht bei der Wahrheit bleibst, sondern mich zum Besten haben willst. Glaubst du denn einen Menschen vor dir zu haben, der Schöps genug wäre, zu glauben, Hermotimus, ein verständiger Mann von vierzig Jahren, hätte dem Urtheile der Laien über Philosophie und Philosophen ein blindes Vertrauen geschenkt, und in der Würdigung[7] und Wahl des bessern Theils von solchen Aeußerungen sich leiten lassen? Nein, Freund, dergleichen werde ich dir nun und nimmermehr glauben.

18. Hermotimus. Aber siehst du, Lycinus, ich habe ja nicht bloß auf das Urtheil Anderer mich verlassen, sondern zugleich auch auf mein eigenes. Ich sah sie in anständiger Tracht und mit so vieler Würde einhergehen, immer in tiefen Gedanken und festen, männlichen Blickes, die Meisten bis auf die Haut geschoren: ich sah an ihnen eben so wenig Weichlichkeit als jene widerliche Vernachlässigung des Aeussern, welche den Narren und Cyniker bezeichnet; sondern sie hielten sich hierin auf der Mittelstraße, welche ja allenthalben und allgemein für die beste gilt.

[532] Lycinus. Aber, mein lieber Hermotimus, hast du sie denn nicht auch Dinge thun sehen, dergleichen ich so eben als Augenzeuge von deinem Meister erzählte, als da sind: auf wucherische Zinsen leihen, Forderungen mit Härte eintreiben, bei Gelagen sich hartnäckig zanken, und was dergleichen Untugenden mehr sind, die sie an den Tag legen? Oder machst du dir vielleicht wenig aus denselben, wenn nur das Gewand in würdige Falten fällt, der Bart eine ansehnliche Länge hat und das Haupthaar auf der Haut geschoren ist? Nun so sollen also hinfort, nach den Grundsätzen des weisen Hermotimus, Tracht, Gang und Tonsur als Richtschnur und Maaßstab bei der Beurtheilung gelten, welches die vorzüglichsten Männer seyen. Wem es an jenen drei Stücken gebricht, und wer kein recht ernsthaftes, tiefsinniges Gesicht zu machen weiß, fort mit dem, der taugt nichts! Aber ich fürchte, mein Bester, du willst abermals deinen Spaß mit mir treiben und mich auf die Probe stellen, ob ich die Schalkheit merke.

19. Hermotimus. Warum glaubst du das?

Lycinus. Weil eine solche Art zu beurtheilen, wie diese, wobei bloß auf das Aeußere gesehen wird, nur bei Bildsäulen angewendet werden kann. Und käme es wirklich bloß auf Haltung und Anstand und gewählten Faltenwurf an, eure Philosophen würden gegen die vollendet schönen Gebilde eines Phidias, Alkamenes und Myron gewaltig den Kürzern ziehen. Wäre es wirklich so, daß nach solchen Kennzeichen geurtheilt werden müßte, wie übel wäre der Blinde daran, wenn er einen Trieb zur Philosophie in sich verspürte! Wie könnte Dieser, der weder Tracht noch Gang [533] der Philosophen, unter welchen er wählen soll, zu beobachten im Stande ist, die bessere Schule von der minder guten unterscheiden?

Hermotimus. Was kümmert mich das? Sprach ich denn zu einem Blinden, Lycinus?

Lycinus. Gleichwohl, mein Lieber, sollten so große und allen Menschen nützliche Dinge auch ein für Alle erkennbares Merkmal haben. Indessen mögen, wenn du so willst, die Blinden immer von der Philosophie ausgeschlossen bleiben, weil sie nun einmal – blind sind: wiewohl gerade diese am nöthigsten hätten, sich über ihr Unglück mit den Tröstungen der Weisheit zu beruhigen. Allein sogar die Sehenden, und wenn sie noch so scharfsichtig sind, wie können sie aus dem äußerlichen Aufzug die Eigenschaften der Seele erkennen?

20. Und doch handelt sich’s hier nur von den Letztern. Denn nicht wahr, nur die Bewunderung der geistigen und sittlichen Vorzüge dieser Männer und das Verlangen nach gleicher Vervollkommnung war es, was dich zu denselben hinzog?

Hermotimus. Allerdings.

Lycinus. Wie warst du also im Stande, an jenen bloß äußerlichen Kennzeichen den wahren Philosophen von dem falschen zu unterscheiden? Dergleichen Eigenschaften liegen doch wohl nicht so flach zu Tage, sondern treten erst nach und nach in Reden und Handlungen und nach einem langen Umgange aus ihrem geheimnißvollen Dunkel hervor. Du kennst ohne Zweifel den Vorwurf, den einst Momus dem Vulkan machte? – Nicht? So höre. Minerva, Neptun und Vulkan, so erzählt der Mythus, stritten einst mit einander, [534] wer von ihnen das vollkommenste Kunstwerk hervorbringen könnte. Da bildete Neptun einen Stier; Minerva entwarf den sinnreichen Plan eines Wohnhauses; Vulkan schuf einen Menschen. Wie sie nun mit ihren Kunstwerken vor den Momus kamen, den sie zum Schiedsrichter erwählt hatten, betrachtete er jedes derselben sehr sorgfältig. Was er hierauf an den beiden erstern aussetzte, gehört nicht hieher; den Vulkan aber tadelte er, daß er der Brust seines Menschen keine Thürchen eingesetzt hatte, die man nur öffnen dürfte, um sogleich zu wissen, was er denkt und will, und ob er lügt oder die Wahrheit spricht. Indem also Momus so urtheilte, gestand er, daß auch er nicht scharfsichtig genug sey, den Menschen zu durchschauen. Aber freilich du bist mehr als selbst Lynceus; du siehst unmittelbar in’s Herz; Alles ist vor deinen Blicken aufgeschlossen, so daß du nicht bloß weißt, was Einer denkt und will, sondern auch welcher von zweien der Bessere, welcher der Schlechtere ist.

21. Hermotimus. Du scherzest, Lycinus. Dem sey wie ihm wolle: mein guter Genius hat mich nun einmal so wählen lassen. Meine Wahl reut mich nicht, und das ist mir genug.

Lycinus. Aber mir ist’s nicht genug, guter Freund. Wirst du mich denn in der Fluth gemeiner Alltagsmenschen untergehen lassen?

Hermotimus. Du wirst doch mit nichts zufrieden seyn, was ich dir auch sagen werde.

Lycinus. Glaube das nicht, mein Lieber; du willst mir nur nichts sagen, das mich befriedigen könnte. Weil du also absichtlich und aus Mißgunst hinter dem Berge hältst, [535] damit ich es dir in der Philosophie nicht gleich thun möchte, so will ich versuchen, ob ich nicht selbst im Stande bin, auf ein richtiges Urtheil zu kommen, und diesem gemäß eine sichere Wahl zu treffen. Höre also an, wenn dir’s gefällt.

Hermotimus. Recht gerne, Lycinus. Ohne Zweifel ist es sehr hörenswerth, was du vorbringen wirst.

22. Lycinus. Urtheile selbst, aber lache mich nicht aus, wenn ich es etwas laienmäßig angehe, um zu meinem Ergebnisse zu gelangen: ich muß mir helfen wie ich kann, da du, der es besser weiß, als ich, nun einmal nicht genügender dich erklären willst. Ich denke mir also die Tugend als eine Stadt, deren Einwohner lauter glückselige, im höchsten Grade weise, edelsinnige, gerechte, leidenschaftlose, kurz, von göttlicher Vollkommenheit nicht mehr weit entfernte, Menschen sind. So wird sie wenigstens, glaube ich, der Meister schildern, der ja dort wie zu Hause ist. Was aber bei uns an der Tagesordnung ist, Räubereien, Gewaltthaten, Uebervortheilungen aller Art – von allem dem lassen sich jene Menschen nichts beigehen, sondern sie Alle leben in tiefem Frieden und in Eintracht beisammen. Und wie sollten sie nicht, da ja alles dasjenige, was in andern Städten Unruhe, Zwietracht und Meutereien verursacht, aus jenem Vereine gänzlich verbannt ist? Denn ihre Blicke sind nicht mehr auf Reichthümer, Wollüste und Ehrenstellen gerichtet, die den Frieden unter ihnen stören könnten: alle diese Dinge haben sie als überflüssig längst aus ihrer Stadt geschafft. Und so führen sie ein ungetrübtes, höchst beglücktes Leben, in schönster Ordnung und im Genusse der Freiheit und Gleichheit und aller übrigen Güter.

[536] 23. Hermotimus. Nun also, Lycinus, verdiente es eine solche Stadt nicht, daß alle Menschen sich eifrigst um das Bürgerrecht in derselben bewärben, ohne die Beschwerde der Wanderung in Anschlag zu bringen, noch sich von der Länge der Zeit, die sie erfordert, abschrecken zu lassen, da ihnen ja bei ihrer Ankunft in derselben die Aufnahme in die Zahl der Bürger und der Genuß dieses Rechtes bevorsteht?

Lycinus. Ja, bei’m Jupiter, Hermotimus! Darnach sollte Jeder vor Allem, und mit Hintansetzung alles Uebrigen trachten. Und wen sein bisheriges Vaterland festhalten will, der soll sich daran nicht kehren: wen Aeltern oder Kinder mit Thränen bitten, da zu bleiben, der soll sich dadurch nicht weichherzig machen lassen, sondern im Gegentheile sie auffordern, mit ihm die gleiche Wanderung anzutreten; und wollen oder können sie nicht, so reiße er sich los von ihnen, und schreite gerade auf jene Heimath seliger Wonne zu. Ja auch den Mantel werfe er von sich, wenn dieser im raschen Laufe ihn hindern sollte. Denn abgewiesen zu werden, auch wenn er unbekleidet dort ankäme, darf Keiner befürchten.

24. Vor Jahren habe ich wirklich einmal einen alten Mann erzählen hören, wie es sich mit dieser Stadt verhält: er sprach mir sehr zu, ihn dahin zu begleiten, bot sich mir zum Führer an, und versprach mir, mich als Bürger einzuschreiben, und zu seinem Stammes- und Zunftgenossen zu machen, damit ich gleiches Glück mit allen Uebrigen genösse.

Aber ich folgte ihm nicht im Unverstande der Jugend;[8]

[537] ich mochte damals ungefähr fünf und zwanzig Jahre zählen. Hätte ich mich doch überreden lassen! Vielleicht wäre ich jetzt schon nahe an den Vorstädten, oder wohl gar am Thore. Unter vielem Anderen sagte er mir, wenn ich mich recht erinnere, auch Folgendes von dieser Stadt: „sie wird von lauter Eingewanderten und Fremden bewohnt; Eingeborne hat sie nicht, wohl aber Bürger aus allen Gegenden und von aller Art, Barbaren, Sclaven, Bucklichte, Zwerge, Bettler;[9] kurz, zum Bürgerrecht gelangt Jeder, der nur will. Denn es ist dort gesetzlich, bei der Aufnahme nicht auf Vermögen, Tracht, Größe, Schönheit, Herkunft und Ahnen zu sehen. Im Gegentheile, solche Dinge gelten gar nichts bei ihnen; sondern, um Bürger zu werden, genügt es, ein verständiger, thätiger, beharrlicher Mann zu seyn, der Liebe zum Sittlichschönen im Herzen trägt, und sich von den Schwierigkeiten, die ihm auf seinem Wege aufstoßen, nicht muthlos machen läßt. Wer also diese Eigenschaften bethätigt, und rastlos fortwandert bis zur Stadt, wird dadurch auf der Stelle zum Bürger, und genießt, er sey wer er wolle, gleicher Ehre und Rechte wie alle Uebrigen. Denn die Unterschiede: vornehm und gering, geadelt und gemein, Sklaven und Freigeborne, finden dort gar nicht Statt; ja man hört diese Worte nicht einmal aussprechen.“

25. Hermotimus. Siehst du also, Lycinus, daß meine Bemühungen auf ein sehr wesentliches und wichtiges [538] Gut gerichtet sind, wenn ich mich bestrebe, der Bürger einer so schönen und glücklichen Stadt zu werden?

Lycinus. Auch ich brenne von dieser Begierde, mein guter Hermotimus, und nichts in der Welt ist, das ich mir lieber wünschen möchte. Läge doch diese Stadt näher und ausgebreitet vor aller Augen, glaube mir, ich hätte sie sogleich, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, betreten, und wäre längst schon Bürger daselbst. Allein da sie, nach deiner und des alten Sängers Hesiod Versicherung, sehr ferne abliegt, so muß man sich erst nach dem rechten Wege und nach einem tüchtigen Führer umsehen. Meinst du nicht?

Hermotimus. Allerdings: wie könnte man anders an’s Ziel kommen?

Lycinus. Nun giebt es dir zwar, wenn es auf’s bloße Versprechen ankommt, Wegweiser im Ueberfluß, welche Alle behaupten, die rechte Straße am besten zu kennen. So viel ihrer sind, die ihre Dienste anbieten, Alle wollen sie eingeborne Bürger jener Stadt seyn. Allein der Weg ist nicht, wie es seyn sollte, ein und derselbe, sondern es sind der Pfade viele und von der verschiedensten Beschaffenheit und Richtung. Denn der Eine führt dich gegen Abend, ein Anderer gegen Morgen, ein Dritter gegen Mitternacht, ein Vierter gerade gegen Mittag. Einer der Wege zieht sich durch üppige Matten, angenehme Gärten und schattigtes Gehölze an kühlenden Quellen vorbei: da wandelt sich’s lustig und ohne alles Hinderniß und Beschwerde. Ein anderer hingegen ist rauh, steinigt, beständig der Sonne ausgesetzt, und verspricht dem Pilger nichts denn Durst und Ermattung. Gleichwohl [539] behauptet man von dem einen wie von dem andern dieser, nach so ganz entgegengesetzten Richtungen führenden, Wege, daß man auf demselben die Stadt erreiche, die doch nur Eine ist.

26. Dieß ist es nun ganz allein, was mich verlegen macht. Ich mag an einen der Wege kommen, an welchen ich will, so steht ein Mann von einem Zutrauen einflößenden Aussehen am Anfange desselben, bietet mir die Hand, redet mir zu, den seinigen einzuschlagen, und versichert mich, dieser wäre einzig und allein der rechte; die übrigen Wegweiser alle führen in die Irre, und wären eben so wenig im Stande, Andere in die Stadt zu geleiten, als sie selbst je dort gewesen wären. Komme ich nun zum Nachbar, so verspricht er das Gleiche von seinem Wege, und lästert die Andern: eben so machen es der Dritte und Vierte und alle Uebrigen. Diese Menge und Verschiedenheit der Wege also, und mehr noch als dieß, die eifersüchtigen Bemühungen der Wegweiser, von denen Jeder den seinigen anpreist, machen mich so verwirrt, daß ich ganz und gar nicht weiß, wohin ich mich wenden und wem ich folgen soll, um zu jener Stadt zu gelangen.

Hermotimus. Aus dieser Verlegenheit will ich dich ziehen, lieber Lycinus: vertraue dich nur denen an, welche den Weg schon vor dir gemacht haben, so kannst du nicht irre gehen.

Lycinus. Welchen meinst du? Welchen Weg und mit welchem Führer? Abermals zeigt sich uns dieselbe Schwierigkeit, nur unter einer anderen Gestalt, indem es sich jetzt statt von den Sachen, von den Personen handelt.

[540] Hermotimus. Wie verstehst du das?

Lycinus. Ich meine, derjenige, welcher Plato’s Weg eingeschlagen hat, und mit diesem Geleitsmann fortwanderte, wird natürlich nur diesen Weg anpreisen, während ein Anderer es mit dem Wege Epicur’s, ein Dritter mir einem Dritten eben so machen wird. Nicht anders geht es dir selbst: nur euer Weg ist dir der rechte. Ist es nicht so, Hermotimus?

Hermotimus. Und warum sollte es anders seyn?

Lycinus. Siehst du, also hast du mich noch nicht aus meiner Verlegenheit gezogen: denn ich weiß nun so wenig als zuvor, welchem Wanderer ich glauben soll. Jeder derselben hat es, so wie sein Führer selbst, nur mit einem einzigen Wege versucht, und diesen preist er nun als den alleinigen, der zur Stadt führe. Da kann ich nun nicht wissen, ob er die Wahrheit spricht. Daß er endlich irgend wohin kam, und eine Stadt fand, werde ich ihm vielleicht zugeben. Aber ob er die rechte gefunden, die Stadt, nach deren Bürgerrecht wir Beide uns sehnen, oder ob er nicht vielleicht, statt nach Corinth, nach Babylon gerathen ist und sich nun einbildet, zu Corinth gewesen zu seyn – das, Freund, scheint mir noch nicht so ausgemacht. Denn wer eine Stadt gesehen, hat darum noch nicht Corinth gesehen, indem Corinth nicht die einzige Stadt in der Welt ist. Meine Noth rührt aber hauptsächlich daher, weil ich weiß, daß, so wie nur Eine Stadt Corinth seyn kann, auch nur Eine Straße dahin die wahre ist, und daß alle übrigen an jeden andern Ort eher als nach Corinth führen. Denn wer ist wohl so albern, der sich einbildete, auf einem Wege, der geradezu nach [541] Indien oder dem Hyperboräerlande[10] führt, nach Corinth zu kommen?

Hermotimus. Wie sollte er auch, bei so verschiedenen Richtungen?

27. Lycinus. Hieraus ergiebt sich, mein vortrefflicher Hermotimus, wie ernstlich die Wahl des Weges und des Führers überlegt seyn will. Wir dürfen nicht so auf’s Gerathewohl vorwärts gehen, wohin uns nun eben die Füße tragen; sonst könnten wir, ohne es zu merken, anstatt nach Corinth, auf der Straße nach Babylon oder Bactra wandern: und es wäre sehr übel gethan, uns dem Zufalle zu überlassen, in der Meinung, der nächste beste Weg, den wir einschlagen, werde just auch der richtige seyn. Unmöglich ist es freilich nicht, daß wir den rechten treffen, und wohl mag sich’s, unter tausend Fällen, Einmal schon so glücklich gefügt haben. Allein, da die Sache so wichtig ist, so dürfen wir sie nicht wie ein Würfelspiel behandeln, und unsere Hoffnung auf eine so gefährliche Spitze stellen.[11] Wir hätten wahrhaftig keinen Grund, die Fortuna anzuklagen, wenn sie (blind, wie sie ist) bei den vielen tausend Punkten, nach welchen sich ihr Pfeil verirren konnte, nun einmal den Einzigen rechten nicht getroffen hätte: gieng es doch dem großen Homerischen Bogenschützen selbst nicht besser (Teucer, denke ich, war es), der, anstatt der Taube, die er treffen [542] sollte, nur den Faden an ihrem Fuß durchschoß.[12] Im Gegentheile, es ist viel vernünftiger zu erwarten, daß ein (blindlings abgeschossener) Pfeil an jeden andern Punkt eher, als an den Einzigen rechten gelangen werde; daß es aber sehr mißlich für uns wäre, wenn wir uns der Hoffnung, der Zufall werde den besten Weg für uns wählen, überlassen wollten, und nun, anstatt den wahren zu finden, auf einen jener Irrwege geriethen, das ist, glaube ich, sehr einleuchtend. Denn es ist nicht leicht, wieder umzukehren, und sich an’s Ufer zu retten, wenn man einmal das Fahrzeug losgebunden und einem heftigen Landwinde sich überlassen hat: und es ist alsdann unvermeidlich, daß man auf der See umhergeworfen, von dem beständigen Schaukeln schwindligt und seekrank, und in tödtliche Angst versetzt wird. Daher darf man nicht vergessen, bevor man den Hafen verläßt, auf irgend eine hohe Warte zu steigen, und sich hübsch umzusehen, ob ein guter Wind bläst für die, welche Corinth zusteuern wollen. Zudem hat man sich den tüchtigsten Steuermann, den man bekommen kann, und ein dauerhaftes Schiff auszulesen, das Stürme und Fluthen aushalten kann.

28. Hermotimus. Das ist allerdings das Beste. Uebrigens weiß ich gewiß, daß du, wenn du auch bei Allen die Runde machst, keine bessern Wegweiser, keine bessern Steuerleute finden wirst, als die Stoiker. Diesen mußt du folgen, in die Fußstapfen eines Chrysippus und Zeno mußt du treten, wenn du in das rechte Corinth kommen willst. Anders wird’s nicht gehen.

[543] Lycinus. Ah, mein lieber Hermotimus, du machst es also auch, wie die Uebrigen? Dasselbe würde mir ein Nachwandler Plato’s, oder Epikur’s oder irgend eines andern großen Weisen sagen: Jeder würde mich versichern, ich könne mit Niemand Anderem, als mit ihm, nach Corinth gelangen. Also bliebe mir nichts übrig, als entweder Allen zu glauben, oder dem Einen wie dem Anderen zu mißtrauen. So lächerlich das Erstere wäre, so räthlich ist das Letztere, bis wir den Mann gefunden haben, der uns das Wahre verspricht.

29. Doch denke dir den Fall, ich wählte in meiner jetzigen Lage, wo ich noch nicht weiß, welchem von Allen ich zu glauben habe, euern Weg aus Zutrauen zu dir, weil du mein Freund bist, wiewohl du blos den stoischen Weg kennst und noch keinen andern betreten hast; und nun käme es irgend einer Gottheit ein, den Plato, Pythagoras, Aristoteles und die übrigen Meister in’s Leben zurückzurufen, und sie kämen Alle auf mich zu, belangten mich wegen verächtlicher Behandlung, stellten ein ordentliches, peinliches Verhör mit mir an, und sprächen: „Was kam dir zu Sinne, Lycinus, oder von wem hast du dich bereden lassen, Leute von gestern her, einen Chrysippus und Zeno uns viel ältern Meistern vorzuziehen, ohne auch nur ein Wort mit uns gewechselt und unsere Lehren im mindesten geprüft zu haben?“ Wenn sie so sprächen, was könnte ich ihnen antworten? Würde ich damit ausreichen, wenn ich sagte: „Ich folgte meinem Freunde Hermotimus?“ Ist mir doch, als ob ich sie erwiedern hörte: „Wir wissen von keinem Hermotimus: wir kennen den Menschen so wenig, als er uns kennt; du [544] hättest nicht aus blindem Vertrauen auf einen Mann, der nur Einen Weg der Philosophie, und[WS 1] vielleicht nicht einmal diesen genau kennt, uns Alle ohne gehörige Untersuchung verurtheilen und verwerfen sollen. Die Gesetze verbieten es jeglichem Richter, nur Eine Partei anzuhören, und die andere nicht zum Worte kommen zu lassen; beide Theile müssen gleich gehört werden; denn nur durch das Gegeneinanderhalten der beiderseitigen Aussagen läßt sich dem Wahren oder Falschen auf die Spur kommen. Unterläßt ein Richter dieß zu thun, so gestattet das Gesetz die Berufung auf ein anderes Gericht.“ Dieses und Aehnliches würde ich ohne Zweifel von ihnen zu hören bekommen.

30. Und vielleicht rückt mir der Eine oder der Andere von ihnen noch besonders mit Gewissensfragen zu Leibe, wie zum Beispiel: „Sage mir doch einmal, Lycinus, wenn ein Mohr, der in seinem Leben nie seine Heimath verlassen, mithin niemals Menschen unserer Art zu Gesichte bekommen hat, in einer Gesellschaft anderer Mohren mit aller Zuversichtlichkeit behauptete, es gebe auf der ganzen weiten Welt nichts als schwarze Menschen, und was man von weißen und braunen Arten sage, wären lauter Lügen – würden seine Landsleute ihm Glauben schenken? Oder wenn Einer der ältern Mohren ihm in’s Wort fiele, und sagte: „He, kecker Bursche, woher weißt du das? Du bist ja in deinem Leben nie außer Landes gewesen; wie willst du denn wissen, wie es in andern Gegenden aussieht?“ Müßte ich nicht sagen, der Alte hätte Recht? Oder was könnte ich sonst antworten, Hermotimus?

[545] Hermotimus. Nichts anderes: die Zurechtweisung wäre sehr verdient.

Lycinus. So weit wären wir also Eins. Ob aber auch das Folgende dir gleich sehr, wie mir, einleuchten wird –?

Hermotimus. Was wäre das?

31. Lycinus. Gesetzt nun, jener Philosoph führe fort, und sagte: „Nehmen wir nun den ganz ähnlichen Fall an, Lycinus: Einer, der außer seiner Stoa nichts kennt, wie hier dein guter Freund Hermotimus, und sein Tage nie eine Wanderung nach Plato’s, Epicur’s, oder irgend eines Andern Gebiet unternommen hat, ein solcher sagte also, das Schöne sey nur in der Stoa zu finden, nur was sie sage, sey wahr, alle übrigen Philosophen gehören zum gemeinen Haufen – würdest du nicht mit allem Rechte die Dreistigkeit eines Menschen tadeln, der noch keinen Fuß aus seinem Mohrenlande gesetzt hat, und gleichwohl über Alles, was außerhalb desselben ist, so kühnlich absprechen wollte?“ Was soll ich da antworten? Ich könnte ihm zwar mit allem Grunde entgegen halten, daß aus dem Eifer, mit welchem ich mir die Lehrsätze der Stoiker, die ich nun einmal zu meiner Philosophie machen will, aneigne, nicht gefolgert werden könne, daß ich darum mit den Lehren der Uebrigen gänzlich unbekannt seyn müsse. Denn der Meister trägt uns mitunter auch die letztern vor, indem er jedesmal seine Widerlegung hinzufügt.

32. Dieß könnte ich zwar sagen; aber glaubst du, daß sich ein Pythagoras, Plato und Epikur damit zufrieden geben werden? Oder werden sie nicht vielmehr laut auflachen [546] und fragen: Wie in aller Welt kommt dein Freund Hermotimus dazu, sich einzubilden, alles dasjenige, was ihm unsere Gegner für unsere Lehre ausgeben, gehöre uns wirklich an, während sie doch dieselbe entweder nicht kennen, oder absichtlich entstellen? Wenn ein Athlete, um, bevor der Kampf angeht, seine Muskeln zu üben, gegen einen eingebildeten Gegner mit Fersen und Fäusten gewaltige Luftstreiche macht, wird ihn darum dein Hermotimus, wenn er als Kampfrichter zu entscheiden hat, sogleich für einen unüberwindlichen Sieger erklären? Oder wird er nicht diese Luftstreiche für eine leichte und ungefährliche Spielerei ansehen, und ihm den Sieg erst dann zuerkennen, wann er seinen Gegner zu Boden gerungen, und dieser selbst sich für überwunden bekannt hat? Hermotimus soll sich also von den Spiegelfechtereien seiner Lehrer gegen uns Abwesende ja nicht verleiten lassen, zu glauben, sie hätten uns wirklich überwunden, und unsere Philosophie stehe auf so schwachen Füßen, daß es ein Leichtes wäre, sie umzuwerfen! Diese Leute gehen mit dem, was sie unsere Lehren nennen, um, wie die Kinder mit den leichten Häuschen, die sie aufbauen, um sie im nächsten Augenblicke wieder einzureißen. Sie gleichen ganz den Anfängern im Pfeilschießen, welche ein Heubündelchen auf eine Stange stecken, und aus einer sehr mäßigen Entfernung nach diesem Ziele schießen. Treffen sie’s glücklich, und fährt der Pfeil mitten durch das Büschelchen hindurch, so erheben sie ein Geschrei, als ob Wunder was Großes geschehen wäre. Aber Persische und Scythische Bogenschützen machen es nicht so: diese schießen für’s Erste meistens vom Pferde herab, wenn es in vollem Laufe ist; sodann verlangen sie gewöhnlich [547] ein Ziel, das in Bewegung ist, nicht aber feststeht und den Pfeil erwartet, sondern sich ihm auf’s schnellste zu entziehen sucht. Daher schießen sie meist wilde Thiere; Viele treffen sogar die Vögel im Fluge. Wollen sie aber bisweilen an einem feststehenden Ziele die Schnellkraft ihres Bogens versuchen, so zielen sie auf eine hölzerne Scheibe, die vielen Widerstand leistet, oder auf einen mit einer noch frischen Rindshaut überzogenen Schild, und dürfen sich, wenn sie diese durchschießen können, darauf verlassen, daß ihre Geschosse auch durch eine Waffenrüstung dringen werden. Sage also deinem Hermotimus in unserem Namen, daß seine Meister bloß Heubüschel aufgesteckt hätten, nach welchen sie schößen, und daß die bewaffneten Männer, welche sie erlegt zu haben sich rühmten, bloße Schattenbilder von uns gewesen wären, welche sie selbst an die Wand gemahlt hätten. Wenn sie mit diesen fertig geworden, meinten sie, es auch mit uns geworden zu seyn. Aber es ist kein Einziger unter uns, der ihnen nicht zurufen konnte, was einst Achill von Hector und seinen Troern sagte:

– – nicht seh’n sie von meinem Helme die Stirne
Nah herstrahlen mit Glanz; drum trotzen sie – –[13]

So, mein Freund, würden sie sprechen, sowohl Alle insgesammt, als auch jeder Einzelne für sich.

33. Noch könnte allenfalls Plato ein Geschichtchen aus Sicilien, wo er sehr bekannt war, hinzufügen. Der Syracusische Fürst Gelon hatte nämlich das Unglück, aus dem Munde zu riechen, ohne es zu wissen, weil kein Mensch den [548] Muth hatte, es ihm zu sagen, bis endlich eine Ausländerin in einer vertraulichen Stunde es wagte, ihn auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. Bei der nächsten Gelegenheit überhäufte er seine Gemahlin mit Vorwürfen, daß sie, die doch längst um die Sache gewußt haben müsse, ihm kein Wort davon gesagt hätte. Diese bat ihn aber dringend, ihr deßhalb nicht zu zürnen: denn da sie keinem andern Manne je zu nahe gekommen, so wäre sie der Meinung gewesen, alle Männer müßten so riechen. „Da also dein Hermotimus“ – dürfte Plato hinzusetzen – „es von jeher bloß mit Stoikern zu thun hatte, so kann er natürlich nicht wissen, wie anderer Leute Mundwerk beschaffen ist.“ Aehnliches und vielleicht noch mehr als dieß würde mir auch Chrysipp zu sagen haben, wenn ich ihn ohne Prüfung verschmähte, und auf Plato’s Seite mich schlüge, in blindem Vertrauen auf die Worte eines Menschen, der einzig und allein nur mit Plato Bekanntschaft gemacht hatte. Um also meine Meinung kurz zu sagen, so behaupte ich: so lange es nicht ausgemacht ist, welche philosophische Schule die wahre sey, soll man sich zu keiner von allen halten; denn Einer ausschließend anzuhängen, wäre eine Beleidigung der übrigen.

34. Hermotimus. Um Gottes willen, Lycinus, lassen wir doch den Plato, Aristoteles, Epikur und ihres Gleichen in Ruhe: es ist meine Sache nicht, mit diesen mich in einen Kampf einzulassen. Wir Beide, du und ich, wollen nur so unter uns die Frage erörtern, ob die Philosophie das ist, wofür ich sie halte. Was brauchen wir zu dieser Untersuchung die Mohren aus Aethiopien, und Gelon’s Weib aus Syracus herbeizuziehen?

[549] Lycinus. Die können auf der Stelle wieder gehen, wenn du sie überflüssig findest. Aber beginne: ich bin auf etwas Außerordentliches gespannt.

Hermotimus. Ich halte es für sehr möglich. Lycinus, daß Einer, der bloß den stoischen Lehrbegriff tüchtig erlernt hat, mittelst desselben die Wahrheit finden könne, auch wenn er sich nicht mit andern Systemen Punkt für Punkt bekannt gemacht hat. Denke dir einmal, es sagte dir Einer weiter nichts, als zweimal zwei mache viere: hättest du nöthig, bei allen Rechenmeistern herumzugehen und dich zu erkundigen, ob nicht etwa Einer unter ihnen ist, der sagt, es mache fünf oder sieben? oder würdest du dich nicht vielmehr im ersten Augenblicke schon überzeugen, daß der Mann Recht hat?

Lycinus. Versteht sich.

Hermotimus. Wie kannst du es also für unmöglich halten, daß Einer, der nun einmal an die Stoiker gerathen, um von ihnen die Wahrheit zu hören, sich von ihnen überzeugen lasse, ohne hinfort anderer Philosophen zu bedürfen, da er recht gut weiß, daß zweimal zwei nicht fünf machen kann, und wenn es zehntausend Platone und Pythagorasse behaupteten?

35. Lycinus. Das paßt nicht hieher, lieber Hermotimus. Du vergleichst ausgemachte Dinge mit solchen, die im Streite liegen, von denen sie doch himmelweit verschieden sind. Oder hast du jemals einen Menschen gesehen, der im Ernste behauptet hätte, zweimal zwei mache sieben oder eilf?

Hermotimus. Nein: wer das behauptete, müßte nicht bei Troste seyn.

[550] Lycinus. Hingegen – und nun beschwöre ich dich bei den Gratien, sage mir die Wahrheit – hast du jemals einen Stoiker und einen Epikuräer beisammen getroffen, die sich nicht über die letzten Ursachen und Endzwecke der Dinge gezankt hätten?

Hermotimus. Niemals, ich gestehe es.

Lycinus. Nun siehst du, guter Freund, wie du mich, deinen alten Cameraden, mit Trugschlüssen zu hintergehen suchst? Wir untersuchen, welche philosophische Schule auf dem wahren Wege sey; da nimmst du das Ergebniß vorweg, und räumst den gesuchten Vorzug den Stoikern ein, weil sie es seyen, die zweimal zwei für viere gäben: und doch ist eben dieß nichts weniger als ausgemacht. Denn die Epikuräer und Platoniker sagen, sie wären’s, die so rechneten, ihr hingegen brächtet fünf und sieben heraus. Oder ist es nicht dasselbe, wenn ihr behauptet, das Sittlichschöne sey das einzige Gut, während die Epikuräer nur das Angenehme dafür gelten lassen? oder wenn ihr sagt, Alles, was ist, sey körperlich, wogegen Plato auch etwas Unkörperliches an den Dingen annimmt? Aber, wie gesagt, du hast, etwas zu anmaßlich, eben das, was noch in Frage steht, als ausgemacht angenommen, und deinen Stoikern etwas als unbestrittenen Besitz zugesprochen, woran die Uebrigen nicht minder lebhafte Ansprüche machen. Das ist’s, was mir eine besonders vorsichtige Untersuchung zu erfordern scheint. Zeigte sich’s, daß der Satz: zweimal zwei macht vier, ganz allein den Stoikern angehört, so müßten freilich die Andern schweigen; allein, so lange man eben über diesen Punkt sich streitet, haben wir entweder allen Parteien Gehör zu geben, [551] oder uns den Vorwurf machen zu lassen, als hätten wir nach Gunst entschieden.

36. Hermotimus. Wie mir scheint, Lycinus, so hast du nicht recht verstanden, was ich sagen wollte.

Lycinus. So erkläre dich deutlicher, wenn das nicht der Sinn deiner Worte war.

Hermotimus. Du sollst gleich sehen, was ich meine. Denke dir, es wären ihrer zwei in den Tempel des Aesculap oder des Bacchus gegangen, und gleich darauf wäre eine Schaale aus dem Tempelschatze vermißt worden. Man wird also bei den beiden Männern nachsuchen müssen, um zu sehen, welcher von ihnen die Schaale zu sich gesteckt habe?

Lycinus. Versteht sich.

Hermotimus. Also Einer von Beiden muß sie haben?

Lycinus. Nicht anders, weil sie auf einmal verschwunden ist.

Hermotimus. Wenn man sie nun gleich bei dem Ersten findet, so wird man den Zweiten nicht mehr aufsuchen, weil er sie unmöglich haben kann?

Lycinus. Das ist klar.

Hermotimus. Und findet man sie bei dem Ersten nicht, so hat sie der Zweite, und es bedarf eben so wenig einer Nachsuchung: nicht wahr?

Lycinus. So ist’s.

Hermotimus. Wenn wir also die Schaale bei den Stoikern gefunden, so werden wir nicht noch bei Andern suchen wollen, da wir ja nun haben, was wir so lange suchten: oder wozu sollten wir uns noch fernere Mühe geben?

[552] 37. Lycinus. Das hätte man allerdings nicht nöthig, wenn man sie wirklich gefunden hätte, oder gewiß wüßte, daß die, welche man gefunden, eben jene vermißte ist, oder wenn überhaupt das Tempelkleinod als solches kenntlich wäre. Allein, mein lieber Freund, für’s Erste sind es nicht bloß ihrer zwei, die in den Tempel gegangen waren, so daß also nothwendig der Eine von Beiden das Gestohlene bei sich haben müßte, sondern es sind ihrer gar Viele. Für’s Zweite ist noch gar nicht ausgemacht, was eigentlich das Vermißte ist, ob eine Schaale, ein Pokal, oder eine Krone: Jeder der Priester nennt etwas Anderes; und nicht einmal in der Angabe des Metalls stimmen sie mit einander überein. Der Eine behauptet, das Vermißte wäre von Erz, ein Anderer, es wäre von Silber, ein Dritter, von Gold, ein Vierter, von Zinn gewesen. Es bleibt also nichts übrig, als Alle, die im Tempel waren, zu durchsuchen: und wenn man auch sogleich bei dem Ersten eine goldene Schaale fände, so müßten nichts desto weniger auch noch alle Uebrigen ausgezogen werden.

Hermotimus. Warum das?

Lycinus. Weil man nicht weiß, ob das Vermißte wirklich eine Schaale ist. Und wenn auch Alle hierin übereinstimmten, so würden doch vielleicht nicht Alle darüber Eins seyn, daß es eine goldene sey. Doch gesetzt, es wäre Thatsache, daß man eine goldene Schaale vermißte, und man hätte wirklich gleich bei dem Ersten eine solche gefunden, so wäre man einer Durchsuchung aller Uebrigen doch noch nicht überhoben. Denn man sieht es der gefundenen nicht sogleich an, ob sie dieselbe ist, die dem Gotte angehört: es giebt ja der goldenen Schaalen noch mehrere.

[553] Hermotimus. Das ist freilich wahr.

38. Lycinus. Man wird also genöthigt seyn, Alle der Reihe nach zu durchsuchen, und was man bei sämmtlichen gefunden, zusammenzubringen, und alsdann durch Vergleichung dasjenige Stück auszumitteln, welches für das Kleinod eines Gottes gehalten zu werden verdient. Denn die Schwierigkeit der Untersuchung wird dadurch hauptsächlich vermehrt, daß Keiner der Ausgezogenen ist, bei dem man nicht Etwas fände: bei dem Einen einen Pokal, bei dem Andern eine Krone, bei dem Dritten eine Schaale, und zwar bei Diesem von Erz, bei Jenem von Gold, bei einem Andern von Silber. Welches nun von diesen Dingen in den Tempelschatz gehört, ist noch nicht ausgemacht. Und so ist man nothwendig ungewiß darüber, wer das Heiligthum geplündert, weil sogar in dem Falle, daß Alle das Nämliche bei sich hätten, die Frage gleich unentschieden bliebe, da ja diese Gegenstände auch Privateigenthum seyn könnten. Die Ursache dieser Ungewißheit liegt bloß in dem Umstande, daß die vermißte Schaale (vorausgesetzt, daß es wirklich eine Schaale war) keine Aufschrift hat. Denn wäre sie mit dem Namen des Gottes oder auch nur des Stifters versehen, so brauchten wir, sobald wir die Aufschrift gefunden hätten, weder uns, noch den Uebrigen mit weiterer Nachsuchung Mühe zu machen. – Ohne Zweifel hast du schon öfters Kampfspiele mit angesehen, mein Hermotimus?

Hermotimus. O ja, Lycinus, oft schon und an vielen Orten.

Lycinus. Hast du auch wohl einmal in der Nähe der Kampfrichter gesessen?

[554] Hermotimus. Auch das; erst neulich bei den olympischen Spielen saß ich links neben den Hellanodiken.[14] Der Eleer Evandridas hatte mir einen Platz unter seinen Landsleuten verschafft, weil ich gar sehr wünschte, Alles, was bei den Hellanodiken vorgeht, einmal recht in der Nähe beobachten zu können.

Lycinus. Weißt du nun auch, wie sie die Paare, die mit einander zu ringen oder zu fechten haben, durch’s Loos ausmachen?

Hermotimus. Allerdings weiß ich es.

Lycinus. Nun – so wirst du es besser zu sagen wissen, als ich, da du so nahe zugesehen hast.

39. Hermotimus. In alten Zeiten, als Herkules noch Kampfrichter war, waren Lorbeerblätter –

Lycinus. Lassen wir die alten Zeiten, guter Hermotimus: erzähle mir nur, was du mit eigenen Augen gesehen.

Hermotimus. Vor den Kampfrichtern steht eine silberne Urne aus dem Jupitertempel. In dieselbe werden kleine Loose, ungefähr von der Größe einer Bohne, geworfen, welche Paarweise bezeichnet sind, das erste Paar mit A, das zweite mit B, und so fort, nach der Anzahl der Athleten, die sich gemeldet haben. Einer derselben tritt nun herzu, verrichtet ein Gebet zu Jupitern, greift in die Urne, und zieht ein Loos; nach ihm ein Anderer und so weiter. Ein Büttel steht dabei, und verhindert Jeden, den Buchstaben des gezogenen Looses zu lesen. Wenn nun Alle gezogen haben, [555] so geht der Alytarch [Oberbüttel] oder einer von den Kampfrichtern selbst (denn so genau weiß ich es nicht mehr) im Kreise der Athleten herum, besichtigt ihre Loose, und stellt sodann je die zwei, welche gleiche Buchstaben gezogen haben, als Ring- oder Fechterpaare zusammen. So wird verfahren, wenn die Zahl der Kämpfer eine gerade ist, wie achte, zehen, zwölfe: sind sie ungerad, so wird auch ein ungerades Loos mit einem Buchstaben, der nur Einmal vorkommt, in die Urne geworfen. Wer nun dieses zieht, darf abwarten, bis die Andern gekämpft haben, weil er kein Gegenloos hat; und man hält dieß für kein kleines Glück eines Athleten, wenn es ihn trifft, bei noch ganz frischen Kräften mit erschöpften Gegnern zusammen zu kommen.

40. Lycinus. Halt – das ist’s eben, was ich wollte. Also gesetzt, es seyen ihrer Neune; sie haben Alle gezogen, und halten ihr Loos in den Händen. Du gehst (ich will dich einmal aus einem bloßen Zuschauer zum Hellanodiken machen) von Einem zum Andern, besiehst die Buchstaben, und nicht früher, denke ich, kannst du wissen, wer der glückliche Ungerade[WS 2] ist, als bis du bei Allen herumgekommen bist, und sie in Paare gestellt hast.

Hermotimus. Wie so, Lycinus?

Lycinus. Ich meine, es ist nicht wohl denkbar, daß sich der Buchstab, welcher den Ungeraden bezeichnet, gleich zuerst darbiete: und wenn sich’s auch zufällig so fügte, so könntest du doch noch nicht wissen, ob er’s wirklich ist. Denn man erfährt nicht voraus, daß das J, oder K, oder M den Ungeraden anzeige: sondern wenn du den Buchstaben A getroffen, suchst du den, der das zweite A hat; und sobald er [556] gefunden ist, stellst du die Beiden zusammen: eben so machst du es mit B, und so fort, bis dir endlich der übrig bleibt, welcher den einzelnen Buchstaben gezogen hat.

41. Hermotimus. Wenn du aber auf diesen gleich das erste- oder zweitemal träfest, was würdest du da thun?

Lycinus. Lieber Freund, es handelt sich nicht darum, was ich thun würde: sondern du bist jetzt der Hellanodike; von dir möchte ich missen, ob du in diesem Falle gleich sagen würdest: dieß ist der Ungerade; oder ob du es nicht gleichwohl für nöthig fändest, auch noch bei den Uebrigen herumzugehen, um zu sehen, ob sich sein Buchstab nicht noch einmal findet, was du ja doch nicht wissen kannst, bevor du alle andern Loose besichtigt hast?

Hermotimus. Doch wohl, Freund Lycinus; denn wenn es ihrer Neune sind, und ich treffe das E gleich bei dem Ersten und Zweiten an, so weiß ich, daß der, der es gezogen hat, der Ungerade ist.

Lycinus. Wie wäre das möglich, Hermotimus?

Hermotimus. Siehst du, zwei haben A, zwei B, zwei C, zwei D gezogen: diese vier Buchstaben braucht man also, um die vier Paare zu bezeichnen: folglich ist klar, daß der nächste Buchstabe E nur Einmal vorhanden seyn kann, und daß also, wer diesen gezogen hat, der Ungerade seyn muß.

Lycinus. Ich weiß nicht, Hermotimus, soll ich mich damit begnügen, deinen Scharfsinn zu bewundern, oder darf ich offenherzig sagen, was ich dir zu entgegnen habe?

Hermotimus. Sprich immerhin: übrigens kann ich [557] mir wahrhaftig nicht vorstellen, was sich mit Grund gegen meine Darstellung der Sache einwenden ließe.

42. Lycinus. Du setztest voraus, daß die Loose immer nach der Ordnung der Buchstaben im Alphabet bezeichnet werden, das erste Paar mit A, das zweite mit B, u. s. w., bis am Ende die Zahl der Athleten mit einem einzelnen Buchstaben schließt. Ich gebe zu, daß in Olympia dieses Verfahren beobachtet wird. Wie aber, wenn wir fünf Buchstaben außer ihrer Ordnung nehmen, etwa P, S, Z, K, T, und die vier erstern je auf zwei von acht Loosen schreiben, so daß also T allein für den Neunten übrig bleibt, um ihn als den Ungeraden zu bezeichnen: was wirst du nun thun, wenn dir dieses T zuerst begegnete? Wie kannst du wissen, daß sein Besitzer der Ungerade ist, wenn du nicht zuvor bei allen Uebrigen nachgesehen und dich überzeugt hast, daß sich kein zweites T findet? Denn in diesem Falle kannst du nicht, wie du vorhin zu thun meintest, aus der Ordnung der Buchstaben auf den Ungeraden schließen.

Hermotimus. Allerdings eine schwierige Frage.

43. Lycinus. Die Sache läßt sich auch noch auf eine andere Weise darstellen. Bezeichnen wir einmal die Loose, statt mit Buchstaben, mit Figuren, wie sie die Aegyptier sehr häufig als Schrift gebrauchen, z. B. Menschen mit Hunde- oder Löwenköpfen – doch nein, diese Fratzen sind uns zu fremdartig; also wählen wir natürliche Figuren, und zeichnen, so sorgfältig und kenntlich als wir es vermögen, auf jedes der beiden ersten Loose einen Menschen, auf das zweite Paar ein Pferd, auf das dritte einen Hahn, auf das vierte einen Hund; das neunte Loos aber soll einen Löwen zum [558] Zeichen haben. Wenn du also gleich zu Anfang dem Loose mit dem Löwen begegnest, wie kannst du behaupten, bereits das Loos des Ungeraden entdeckt zu haben, ehe du auch die der Andern besehen hast, ob nicht sonst noch ein Löwe gezogen worden ist?

Hermotimus. Ich weiß wirklich hierauf nicht zu antworten, Lycinus.

44. Lycinus. Das glaube ich dir. Es wird sich nichts auch nur Scheinbares dagegen sagen lassen. Wir mögen also den, der die heilige Schaale hat, oder den Ungeraden, oder auch den besten Wegweiser in jene schöne Stadt, zu finden wünschen: jedenfalls sind wir genöthigt, die Runde bei Allen zu machen, zu durchsuchen, zu prüfen, zu besichtigen, zu vergleichen. Und auch so noch wird es Mühe genug kosten, hinter die Wahrheit zu kommen. Wenn ich also auf einen Rathgeber bei der Wahl der philosophischen Schule, mit welcher ich es zu halten hätte, mich sollte verlassen können, so müßte es nur ein Mann seyn, der die Behauptungen und Lehrsätze sämmtlicher Philosophen genau kennte. Jeder Andere könnte mir nicht genügen: ich könnte mich auf das Urtheil eines Mannes nicht verlassen, der auch nur mit einer einzigen Schule nicht bekannt wäre; denn wie leicht könnte gerade diese die beste von allen seyn? Wenn man uns einen schönen Menschen vorstellte und versicherte, dieser wäre der Schönste unter allen Sterblichen, würden wir wohl dieser Versicherung glauben, so lange wir nicht wüßten, ob der, welcher so spräche, alle Menschen gesehen hat? Schön mag der uns Vorgestellte immerhin seyn: ob der Schönste, könnte nur der wissen, welcher Alle sammt und sonders mit ihm verglichen [559] hätte. Wir wollten aber nicht bloß einen schönen, sondern den schönsten aller Menschen sehen; und so lange wir diesen nicht ausfindig machen, haben wir nichts ausgerichtet. Denn es darf uns nicht bloß an der nächsten besten schönen Gestalt genügen, die uns aufstößt, sondern wir haben die vollkommenste Schönheit aufzusuchen; und diese kann nothwendig nur Eine seyn.

45. Hermotimus. Sehr wahr.

Lycinus. Nun also, lieber Hermotimus, kannst du mir Einen nennen, der alle Wege in der Philosophie versucht hat, und recht vertraut ist mit der Lehre des Pythagoras, des Plato, des Aristoteles, des Chrysipp, des Epikur und aller Uebrigen, und der am Ende aus allen diesen Wegen denjenigen sich auserlesen, der sich ihm als der wahre und einzig zur Glückseligkeit führende erprobt hatte? Sobald wir diesen Mann gefunden haben, brauchen wir uns keinen Augenblick länger zu bemühen.

Hermotimus. Es wird eben nicht leicht seyn, einen solchen ausfindig zu machen.

46. Lycinus. Was thun wir also, Freund? Aufgeben, dächt’ ich, sollten wir unser Beginnen darum noch nicht, wenn wir auch vor der Hand nicht so glücklich sind, einen Führer dieser Art zu besitzen. Das Beste und Sicherste ist doch wohl: Jeder von uns macht sich selbst an das Geschäft, geht von Schule zu Schule, und erkundigt sich und prüft recht genau, was in jeder derselben gelehrt wird.

Hermotimus. So ergiebt sich’s freilich aus dem Bisherigen: allein wenn uns nur nicht im Wege stände, was du vorhin selbst angeführt hast, daß es nicht leicht ist, nachdem [560] man einmal mit ausgespannten Segeln dem Winde sich überlassen, wieder zurückzusteuern. Denn wie sollte Einer die verschiedenen Wege alle begehen können, wenn er, wie du selbst gestehst, gleich auf dem ersten festgehalten wird?

Lycinus. Ich will es dir sagen: wir müssen’s machen, wie Theseus, und mittelst des Fadens der Ariadne uns in jedes dieser Labyrinthe wagen, um uns an demselben ohne Mühe wieder herauswinden zu können.

Hermotimus. Wer wäre aber diese Ariadne, und woher bekämen wir den Faden?

Lycinus. Sey unbesorgt, mein Freund; ich glaube schon Etwas gefunden zu haben, an das wir uns halten können.

Hermotimus. Und das wäre?

Lycinus. Es ist nicht mein, sondern das Eigenthum eines alten weisen Dichters,[15] und heißt: „Sey nüchtern und hartgläubig!“ Denn wer nicht sogleich Alles für baare Münze annimmt, was man ihm vorsagt, sondern wie der besonnene Richter verfährt, der auch die Uebrigen in ihrer Ordnung zum Worte kommen läßt, dem sollte es wohl nicht schwer werden, aus jenen Labyrinthen sich herauszuarbeiten.

Hermotimus. Wahrhaftig, du hast Recht: so wollen wir es machen.

47. Lycinus. Nun, es sey. Allein zu welchem (der verschiedenen Meister) wollen wir uns denn zuerst begeben? Oder ist dieß etwa gleichgültig? Wenn wir also den Anfang mit dem ersten Besten, allenfalls mit Pythagoras machen, [561] wie viele Zeit, glaubst du, hätten wir nöthig, um den ganzen Pythagoras von außen und innen kennen zu lernen? Vergiß mir aber ja nicht, jene fünf Jahre des Schweigens in Anschlag zu bringen. Diese also mitgerechnet, werden, denke ich, etwa dreißig Jahre erforderlich seyn. Oder däucht dich das zu viel, so setzen wir, als das Wenigste, zwanzig.

Hermotimus. Gut, also zwanzig.

Lycinus. Dem Nächsten nach diesem, dem Plato, müssen weitere zwanzig Jahre eingeräumt werden, und weniger dürfen es auch bei Aristoteles nicht seyn.

Hermotimus. Allerdings.

Lycinus. Wie viel dem Chrysipp gebühren, brauche ich dich nicht erst zu fragen: ich weiß ja aus deinem eigenen Munde, daß vierzig Jahre für diesen kaum hinreichen.

Hermotimus. So ist es.

Lycinus. Wiederum zwanzig dem Epikur, und ebensoviel jedem der Uebrigen. Daß ich damit nicht zu viel ansetze, wirst du sehr begreiflich finden, wenn du dich erinnerst, wie viele achtzigjährige Stoiker, Epikuräer und Platoniker es giebt, welche gestehen, daß sie noch nicht so weit seyen, um eine vollständige Kenntniß des ganzen Lehrgebäudes ihrer Schule zu besitzen. Und wenn es auch diese nicht sagten, glaube mir, die Meisten selbst, ein Chrysipp, Aristoteles, Plato, würden es Wort haben. Hat nicht schon Socrates, gewiß ein eben so großer Weiser als Jene, laut genug und öffentlich bekannt, er wisse nicht nur nicht Alles, sondern er wisse gar Nichts, außer dieß allein, daß er Nichts wisse? Rechnen wir nun Alles zusammen – zwanzig Jahre für den Pythagoras, ebensoviel für den Plato und Jeden der folgenden; [562] und nehmen wir auch nur zehn philosophische Schulen an, so macht es zusammen eine Summe von –

Hermotimus. Mehr als zweihundert Jahren, lieber Lycinus!

Lycinus. Wenn du willst, so wollen wir ein Viertheil abbrechen, so daß es an hundertfünfzig genug sey, oder streichen wir meinetwegen die ganze Hälfte.

48. Hermotimus. Das magst du: jedenfalls sehe ich, daß unter Tausenden vielleicht Einer den Weg durch alle Schulen machen wird, und wenn er gleich nach seiner Geburt anfienge.

Lycinus. Was beginnen wir jetzt, guter Hermotimus, da die Sachen so stehen? Sollen wir wieder umstoßen, was wir bereits anerkannt haben, den Satz nämlich, daß man nicht im Stande ist, aus vielen Dingen das Beste zu wählen, wenn man nicht zuvor alle geprüft hat, und daß, wer ohne diese Prüfung wählen wollte, nur ein Prophet seyn müßte, wenn sich ihm das Wahre ungesucht darbieten sollte –? Haben wir uns nicht schon darüber vereinigt?

Hermotimus. O ja!

Lycinus. Es wäre also unumgänglich nöthig, daß wir wenigsten ein Jahrhundert lebten, wenn wir, nach sorgfältiger Prüfung aller Philosophieen, mit Sicherheit die Wahl der besten treffen und durch dieselbe das höchste Glück finden wollten. Ehe wir aber das thun können, tappen wir im Finstern, stoßen überall an, und halten aus Unkunde der Wahrheit das Erste Beste, was uns in die Hände kommt, für das gesuchte Gut. Und wenn uns auch ein glücklicher Zufall auf das Wahre stoßen ließe, so könnten wir ja doch nicht mit [563] Bestimmtheit wissen, ob es wirklich das ist, was wir suchen. Denn es sind der Dinge gar so viele, die sich einander gleich sehen, und von denen jedes das Wahre seyn will.

49. Hermotimus. Ich weiß nicht, Lycinus, wie es kommt, daß zwar Alles, was du sagst, mir ganz vernünftig zu seyn scheint, daß ich aber gleichwohl (um die Wahrheit zu gestehen) mit diesen deinen unnöthigen und weitläuftigen Grübeleien nichts weniger als zufrieden bin. Fast sollte ich denken, ich sey heute nicht zur guten Stunde aus dem Hause gegangen, um dir zu begegnen; denn schon war ich so nahe dem Ziele meiner Wünsche; und nun hast du mich in Hoffnungslosigkeit zurückgeworfen, indem du mir die Unmöglichkeit, die Wahrheit zu finden, zeigtest, zu deren Aufsuchung so viele Jahre erforderlich seyn sollen.

Lycinus. Nicht mir, guter Hermotimus, sondern vielmehr deinem Vater Menekrates und deiner Mutter (wie sie hieß, weiß ich nicht), oder vielmehr der menschlichen Natur hast du Vorwürfe zu machen, daß dir nicht das lange Leben eines Tithόnus angeboren worden, und daß die Lebensdauer eines Sterblichen – wenn’s auf’s höchste kommt - auf hundert Jahre beschränkt ist. Ich that weiter nichts, als daß ich, gemeinschaftlich mit dir suchend, auf ein sehr natürliches Ergebniß kam.

50. Hermotimus. Nein, du bist von jeher ein Spötter gewesen, und ich weiß nicht, was dir die Philosophie und die Philosophen zu Leide gethan haben, daß sie die beständige Zielscheibe deiner Witzeleien sind.

Lycinus. Freilich müßt ihr Weltweisen, du und dein Meister, besser als ich zu sagen wissen, was die Wahrheit [564] ist; ich weiß nur so viel, daß man sie nicht gerne hört, und dafür der Lüge in hundert Fällen den Vorzug giebt. Die letztere hat freilich ein viel gefälligeres Aeußere, und wird deßwegen überall lieber gesehen. Die Wahrheit aber, die sich keiner Unlauterkeit bewußt ist, spricht offen und frei mit den Menschen, und darum ist man ihr so gram. Siehst du nun, wie du jetzt aus demselben Grunde mir grollst, weil ich dir zur Entdeckung der Wahrheit verholfen und an den Tag gelegt habe, daß der Gegenstand unseres beiderseitigen Strebens nicht so ganz leicht zu erreichen ist. Es ist gerade, als ob du in eine Bildsäule, die du für einen Menschen hieltest, verliebt wärest, und ich in dem Augenblicke, wo du hofftest, dem geliebten Gegenstande dich zu nähern, dir wohlmeinend sagte, daß dein Sehnen eitel und deine Schöne von Erz oder Marmor sey, und du wolltest mich deßwegen für übelgesinnt halten, weil ich dich einer thörichten Selbsttäuschung und einer abentheuerlichen Hoffnung entriß, die ewig nicht in Erfüllung gehen konnte.

51. Hermotimus. Du willst also ohne Zweifel damit sagen, wir sollen uns der Philosophie gänzlich enthalten, und uns wie Alltagsmenschen träger Gedankenlosigkeit hingeben.

Lycinus. Wo und wann habe ich das gesagt? Du hast mich gewiß nie behaupten hören, daß man gar nicht philosophiren solle, sondern das sagte ich, weil es Pflicht ist, das Studium der Weisheit zu betreiben, und der Wege so viele sind, von welchen jeder angeblich zur Weisheit und Tugend führt, der wahre Weg aber unbekannt ist, so muß man um so vorsichtiger in der Auswahl seyn. Und da die Anzahl, [565] unter welcher man zu wählen hat, so groß ist, so sahen wir, daß es unmöglich ist, das Beste herauszufinden, wenn man nicht Alles der Reihe nach sorgfältig prüft. Da zeigte sich’s aber, daß diese Prüfung sehr weitläuftig werden würde. Und nun muß ich dich abermals fragen: was ist deine Meinung? Wirst du dem ersten Führer, der dir aufstößt, anhängen und dir seine Philosophie aneignen? Wirst du also die gute Beute des Nächsten Besten seyn wollen?

52. Hermotimus. Welche Antwort könnte dich befriedigen, einen Menschen, der behauptet, daß Niemand im Stande sey, diese Prüfung selbst anzustellen, wenn er nicht so alt werde wie der Vogel Phönix, um von einer Schule zur andern gehen zu können, und sie von Grund aus kennen zu lernen; und der weder auf das Zeugniß solcher, welche die Probe schon gemacht haben, noch auf den Beifall der Mehrheit einiges Gewicht legen will?

Lycinus. Welche machen diese Mehrheit aus? und wer sind die, welche die Probe schon mit allen gemacht haben? Giebt es einen solchen, so verlange ich keine weitern, es soll mir an diesem einzigen genügen. Nennst du mir aber Leute, welche diese Einsicht nicht haben, so wird auch eine noch so große Anzahl derselben mich nicht bewegen, ihnen zu glauben, da sie ja entweder keine oder nur Eine Schule kennen, und gleichwohl über alle aburtheilen wollen.

Hermotimus. Nun ich sehe schon, du hast allein das Wahre gesehen, und alle übrigen Philosophen sind sammt und sonders unwissende, beschränkte Köpfe.

Lycinus. Du thust mir sehr Unrecht, mein Freund, wenn du glaubst, daß ich mich über alle Uebrigen stellen, [566] oder mich überhaupt nur denen beizählen wolle, die Etwas wissen. Hast du denn schon vergessen, wie ich ausdrücklich sagte, daß ich mir nicht anmaße, der Wahrheit näher als Andere auf der Spur zu seyn, und offen gestand, daß ich sie noch eben so wenig als Andere kenne?

53. Hermotimus. Immerhin mag deine Behauptung, daß man ohne vorgängige genaue Bekanntschaft mit den Lehren jeglicher Schule die rechte unmöglich herausfinden könne, sehr gegründet seyn. Allein, daß man der Prüfung jeder einzelnen so viele Jahre einräumen müsse, das, Freund, ist eine lächerliche Voraussetzung. Als ob es nicht möglich wäre, auch in sehr kurzer Zeit sich eine ganz genügende Einsicht in alle Systeme zu verschaffen! Ich für meinen Theil halte dergleichen für nichts weniger als schwer und weitläuftig. Man erzählt ja von einem großen Künstler – Phidias, glaub’ ich, war es – der aus einer einzigen Löwenklaue, die man ihm zeigte, im Stande war, genau die Größe des ganzen Löwen zu errathen. Eben so würdest du, wenn man dir bloß eine Hand wiese, den übrigen Körper aber verdeckte, doch wohl sogleich wissen, daß der verhüllte Körper ein menschlicher ist, wiewohl du von demselben bloß jene Hand sähest. Nun aber können die Hauptsätze, auf welche jedes der verschiedenen Systeme hinausläuft, in wenigen Stunden begriffen werden; jedes weitere langwierige und ängstliche Grübeln über dieselben ist äußerst überflüssig; und so genügt es, den Werth des Ganzen aus jenen Hauptpunkten zu beurtheilen, und sich darnach in der Wahl des Besten zu richten.

[567] 54. Lycinus. Ey, Freund Hermotimus, das nenne ich nun doch einmal einen haltbaren Satz: aus einigen Theilen soll man das Ganze erkennen! Ich habe immer das Gegentheil sagen hören, wer das Ganze kennt, kenne auch die Theile, nicht aber umgekehrt. Sage mir also doch, im Fall dein Phidias in seinem Leben keinen Löwen gesehen hätte, wie könnte er wissen, daß die Klaue, die er sieht, einem Löwen angehört? Wiederum, wenn Einer nicht wüßte, wie ein Mensch aussieht, wie könnte er beim Anblick einer bloßen Hand sagen, daß es die Hand eines Menschen sey? – Du weißt mir nichts zu antworten? Nun so will ich es für dich thun. Allein ich kann nicht helfen, dein Phidias wird sammt seinem Löwen unverrichteter Sache wieder abziehen müssen: denn glaube mir, bester Junge, du hast mit diesem Beispiele nichts gesagt, was hieher gehörte. Siehe selbst, wie verschieden dieser Fall von dem unsrigen ist. In den beiden von dir angeführten Beispielen war das Schließen von dem Theile auf das Ganze bloß dadurch möglich, daß den Schließenden das Ganze, der Löwe und der Mensch, schon bekannt war. In einer Philosophie aber, z. B. in der Stoischen, wie kannst du aus einem einzelnen Theile auch alle übrigen richtig erkennen, oder sie für schön erklären, da du ja das Ganze noch nicht kennst, von welchem jenes bloß ein Theil ist?

55. Was aber deine so eben gemachte Behauptung betrifft, daß es ein Leichtes sey, die Hauptsätze jeder einzelnen Philosophie in wenigen Stunden sich vortragen zu lassen, so gebe ich gerne zu, daß es wenig Zeit und Mühe kostet, zu lernen, was jede Schule für Grundursachen und Endzwecke [568] der Dinge annehme, was jede von der Natur der Götter und dem Wesen der Seele lehre, welche Philosophen bloß körperliche Stoffe anerkennen, welche dagegen auch das Daseyn unkörperlicher Dinge behaupten, welche das Vergnügen, und welche das Sittlichschöne für das höchste Gut erklären und so weiter. Allein zur Gewißheit zu kommen, welche von diesen allen die Wahrheit lehrt, ist gewiß nicht das Geschäft eines halben Tages, sondern gar vieler Tage. Oder was wäre es, was diese Leute plagt, daß sie sich abmühen, tausende von Büchern zu schreiben, vermuthlich bloß um Andere von der Wahrheit jener wenigen Sätze zu überzeugen, welche dir so leicht zu begreifen und auswendig zu lernen scheinen? Weil du nun also doch einmal den langwierigen Weg, Alles mit eigenen Augen zu prüfen und hernach erst zu wählen, verwirfst, so sehe ich für dich kein anderes Mittel, um die beste Wahl zu treffen, als dich der Hülfe eines Wahrsagers zu bedienen. Dieser Weg ist dann gewiß bequem und kurz genug: du lässest dir den Hauptinhalt jeglicher Philosophie in der Kürze vortragen, lässest sodann einen Wahrsager rufen, der dir für jedes System ein Opferthier abschlachten muß: und so erspart dir der Gott eine Menge von Geschäften, indem er dich in der Leber der Thiere sehen läßt, welches System du zu wählen hast.

56. Oder wenn du willst, so kann ich dir ein anderes, noch bequemeres, Verfahren anrathen, wobei du weder Thiere abzuschlachten und irgend einem Gotte zu opfern, noch auch die kostspielige Mühwaltung eines Priesters zu bezahlen brauchst. Wirf Loose mit den Anfangsbuchstaben der einzelnen Philosophen in eine Urne; sodann laß Niemand als ein [569] unschuldiges Kind herzutreten, und das erste Loos, das ihm in die Hand kommt, herausziehen: und dieses Loos wird dir den Philosophen, gleichviel welchen, bezeichnen, der hinfort dein Führer seyn soll.

57. Hermotimus. Freund Lycinus, laß diese unwürdigen Späße; antworte lieber einmal auch mir auf eine Frage: hast du wohl schon in eigener Person Wein gekauft?

Lycinus. O ja, schon mehrmals.

Hermotimus. Giengst du damals in allen Schenken der Stadt herum, um zu kosten, zu mustern, zu vergleichen?

Lycinus. Nichts weniger.

Hermotimus. Also begnügtest du dich, den ersten guten Wein, den du fandest, und der dir seines Preises würdig schien, zu kaufen?

Lycinus. Versteht sich.

Hermotimus. Und aus dem ganz Wenigen, was du kostetest, konntest du die Beschaffenheit des ganzen übrige Weines beurtheilen?

Lycinus. Allerdings konnte ich’s.

Hermotimus. Hingegen wenn du bei den Weinhändlern herumgiengest und sagtest: ich will eine Flasche Wein kaufen, also seyd so gut, ihr Leute, und gebt mir ein Jeder ein Faß auszutrinken, damit ich wissen kann, welcher von euch den besten hat, und damit ich von diesem nehme – wenn du so sprächest, würde man dich nicht auslachen, oder dir gar, wenn du auf der tollen Forderung beständest, ein kaltes Bad auf den Kopf geben?

Lycinus. Ohne Zweifel, und mit Recht, dünkt mich.

[570] Hermotimus. Nicht anders verhält es sich mit der Philosophie. Wozu brauchten wir das ganze Faß zu leeren[WS 3], da ja eine kleine Probe schon hinreicht, um zu wissen, was an dem Ganzen ist?

58. Lycinus. Seht doch, wie glatt und schlüpfrig mein Hermotimus ist! Du gleitest mir ja aus den Händen wie ein Aal! Nur gut für mich, daß du wieder in dieselbe Reuse fielst, welcher du zu entrinnen glaubtest.

Hermotimus. Wie soll ich das verstehen?

Lycinus. Du hast ja Etwas, worüber die ganze Welt im Streite liegt, weil es ein unbekanntes Etwas ist, nämlich die wahre Philosophie, mit einer ganz verschiedenen Sache, welche ihre Beschaffenheit sogleich selbst ankündigt, und von Jedermann gekannt ist, nämlich dem Weine verglichen. Ich wüßte in der That nicht zu sagen, welche Aehnlichkeit du überhaupt zwischen der Philosophie und dem Weine finden könntest: es müßte denn nur die einzige seyn, daß die Philosophen ihre Weisheit um Geld verkaufen, wie die Weinschenken ihr Getränke, und daß sie mit Mischen, Fälschen und Schlechtmessen großentheils eben so gut umgehen können, wie diese. Betrachten wir einmal dein Gleichniß ein Bischen genauer! Wenn du sagst, der Wein aus demselben Fasse sey durchaus einer und derselbe, so läßt sich dagegen nicht das Mindeste einwenden; und eben so wenig widerspreche ich, was du daraus folgerst, daß man nur zu kosten brauche, um sogleich zu wissen, wie das ganze Faß beschaffen ist. Nun aber wollen wir sehen, wie dieß auf die Philosophie paßt. Tragen auch etwa die Philosophen, z. B. dein Lehrer, alle Tage nur immer dasselbe vor, oder sprechen sie [571] nicht heute über diesen, morgen über jenen Satz? Unstreitig das Letztere, da ja der abzuhandelnden Materien so viele sind. Und gewiß hättest du nicht schon ganze zwanzig Jahre bei deinem Meister ausgeharrt, und, ein zweiter Ulysses, in den Labyrinthen dieser Philosophie dich umgetrieben, wenn der Mann stets nur das Nämliche sagte, und es also hinlänglich wäre, dasselbe einmal gehört zu haben.

59. Hermotimus. Da hast du Recht.

Lycinus. Eben so wenig konntest du also gleich das Erstemal, da du seine Philosophie kostetest, eine richtige Vorstellung von dem Ganzen derselben erhalten. Während der Wein, der aus Einem Fasse fließt, stets derselbe ist, waren die Vorträge deines Lehrers immer wieder andere und neue. Also, mein Freund, wirst du entweder das ganze Faß leeren müssen, oder das, was du bis jetzt getrunken, wirkt weiter nichts als einen eiteln Schwindel. Denn es will mich bedünken, daß die Gottheit den ächten philosophischen Schatz ganz auf dem Boden und unter der Hefe versteckt hat. Somit hast du nur die Wahl, entweder dieses Faß bis auf die Neige auszuschöpfen, oder ewig auf den nektarischen Trank zu verzichten, nach welchem du doch schon so lange dürstest. Du hingegen meinst, wenn du auch nur einen schwachen Zug gethan hättest, alsbald der vollkommene Weise zu seyn, der Priesterin zu Delphi gleich, die durch einen Trank aus der heiligen Quelle, augenblicklich gottbegeistert und in den Stand gesetzt werden soll, den Fragenden Orakel zu ertheilen. Aber, wie es scheint, verhält es sich nicht so. Sagtest du doch selbst, du fangest erst an, da du ja schon das halbe Faß ausgetrunken hast.

[572] 60. Ich will dir ein anderes Gleichniß geben, das sich vielleicht besser auf die Philosophie anwenden läßt. Das Faß und den Verkäufer wollen wir beibehalten, aber in dem Fasse sollen sich statt Wein allerhand Sämereien und Hülsenfrüchte befinden, oben Waizen, hernach Bohnen, dann Gerste, unter dieser Linsen, hierauf Kichererbsen und noch mehrere dergleichen Gattungen. Nun wolltest du solche Früchte kaufen, und der Verkäufer nähme oben eine Hand voll Waizen weg und reichte sie dir als Probe dar: könntest du durch den Anblick dieses Waizens dich versichern, daß die Erbsen rein, die Linsen weich zu kochen, die Bohnen nicht ausgefressen sind?

Hermotimus. Wie könnte ich das wissen?

Lycinus. Eben so wenig könntest du aus den ersten Paar Sätzen, die du von einem Philosophen hörtest, sogleich abnehmen, welchen Werth seine ganze Philosophie hat. Sie ist nicht Eine Masse wie der Wein, dem du sie vergleichen wolltest; und das Ganze ist nicht immer dem ersten Schlucke gleich. Weil sie daher etwas ganz Anderes ist, so bedarf sie desto sorgfältigerer Prüfung. Kauft man eine Flasche schlechten Wein, so besteht der ganze Schaden in ein Paar Obolen: aber unterzugehen in der Fluth gemeiner Alltagsmenschen, das ist, wie du ja selbst gleich anfangs sagtest, kein kleines Unglück. Ueberdieß würde ja derjenige, welcher ein ganzes Faß austrinken wollte, um hernach ein Nösel zu kaufen, durch diese starke Probe den Weinhändler sehr zu Schaden bringen. Bei der Philosophie ist dergleichen nicht zu befürchten: du magst trinken, so viel du willst, das Faß wird nicht leerer, der Weinschenk nicht ärmer. Im Gegentheile, [573] je mehr ausgeschöpft wird, desto mehr fließt zu; und wie das Danaïdenfaß, goß man auch noch so viel in dasselbe, immer leer blieb, so wird dieses, des Ausschöpfens ungeachtet, nur immer voller.

61. Ich will dir dieses Kosten der Philosophie noch an einem zweiten Gleichniß versinnlichen: nur glaube ja nicht, daß ich die Philosophie lästern wolle, wenn ich sie mit irgend einem sehr schädlichen Gifte, etwa mit Schierling oder Wolfsmilch u. s. w. vergleiche. So gewiß es ist, daß diese Gifte tödtlich sind, so stirbt man doch nicht davon, wenn man nur so viel, als auf die äußerste Spitze des Nagels geht, davon kostet, und sie nicht in nöthiger Quantität, auf die rechte Art bereitet, und in der gehörigen Verbindung zu sich nimmt. Du hingegen meintest, das kleinste Theilchen dürfe nur genommen werden, um die Wirkung des Ganzen zu erfahren.

62. Hermotimus. Mag dem immerhin so seyn: aber was folgt daraus? Muß man also nothwendig hundert Jahre alt werden, und während dieser ganzen Zeit mit den mühseligsten und weltläuftigsten Studien sich placken, oder soll man gänzlich auf die Philosophie verzichten?

Lycinus. Ich dächte, das Letztere, Hermotimus: und wir müssen uns darüber zu trösten wissen, wenn anders wahr ist, was du gleich anfangs sagtest, daß das Leben kurz, die Kunst lang sey. Ich kann gar nicht begreifen, wie du auf einmal darüber so ungehalten seyn kannst, daß es dir versagt ist, in Einem Tage, noch vor Sonnenuntergang, ein Chrysipp, Plato oder Pythagoras zu werden.

Hermotimus. Du willst mich nur in die Enge treiben und fangen, Lycinus. Warum so unfreundlich gegen [574] mich? Womit habe ich dich beleidigt? Geschieht es etwa aus Neid, weil ich schon einige Fortschritte in den Wissenschaften gemacht habe, während du, alter Geselle, dich versäumt hast?

Lycinus. Weißt du, was du zu thun hast? Betrachte mich als einen Narren, an dessen Gefasel man sich nicht zu kehren hat. Verfolge den Weg, auf dem du dich nun einmal befindest, und führe das Vorhaben aus, welches dir gleich anfangs das Beste geschienen.

Hermotimus. Aber du bist ja gewaltthätig genug, mir gar keine Wahl erlauben zu wollen, ehe ich alle geprüft habe.

Lycinus. Sey überzeugt, daß ich nimmermehr anders sprechen werde. Wenn du mich übrigens gewaltthätig nennst, so beschuldigst du den Unschuldigen; [16] da im Gegentheile, indem du mich in Anklagestand versetzest, ich es bin, dem Gewalt geschieht. Um mich davon zu befreien, muß eine triftige Gegenrede mir zu Hülfe kommen, und dann sieh zu, ob diese nicht noch viel gewaltthätigere Dinge dir zu hören geben wird, als die bisherigen waren. Aber freilich – du wirst auch hier wieder nicht den Gründen, sondern mir den Vorwurf gewaltsamer Nöthigung machen.

Hermotimus. Nun, was soll ich denn für weitere Gegenreden vernehmen? Es sollte mich doch wundern, wenn sich über die ganze Sache noch etwas sagen ließe?

63. Lycinus. Es ist, meine ich, um das Beste zu erwählen, nicht genug, daß wir Alles mit eigenen Augen sehen [575] und untersuchen, sondern es gehört noch etwas dazu, was eben das Wichtigste ist.

Hermotimus. Und das wäre?

Lycinus. Höre also, mein wunderliches Freundchen: man muß ausgerüstet seyn mit dem Vermögen, richtig zu prüfen und zu urtheilen, mit Scharfsinn, geübter Denkkraft und unbestechlicher Wahrheitsliebe – lauter nothwendige Eigenschaften für denjenigen, der über Dinge von solcher Wichtigkeit urtheilen soll. Ohne dieselben ist alles Betrachten und Untersuchen vergeblich. Und dabei versteht es sich von selbst, daß eine lange Zeit zu diesem Geschäfte erforderlich ist; man muß das Ganze, aus welchem man wählen soll, vor sich haben und übersehen, muß sodann das Einzelne mehrmals genau betrachten, und mit seiner Entschließung recht bedächtig an sich halten; man darf sich weder durch das Alter eines Lehrers, noch durch sein ehrwürdiges Aussehen, noch auch durch den Ruf seiner Weisheit imponiren lassen, sondern hat sich ganz nach dem Beispiele der Areopagiten zu richten, welche ihre Gerichtssitzungen bei Nacht und Dunkel halten, um genöthigt zu seyn, nicht auf die Redenden, sondern auf das, was sie sagen, zu sehen. Auf diese Weise ist erst eine sichere Wahl der rechten Art zu philosophiren möglich.

Hermotimus Aber auf dieser Welt nimmermehr: denn wenn man es so machen wollte, so würde keines Menschen Leben zureichen, um zu Allen zu gehen, einen Jeden genau zu betrachten, und wenn man Jeden betrachtet hat, sie Alle gegen einander zu beurtheilen, und wenn man sie beurtheilt hat, Einen zu wählen, und wenn man gewählt [576] hat, endlich zu philosophiren. Das, sagst du ja, wäre das einzige Mittel, um das Wahre zu finden; anders gehe es nicht.

64. Lycinus. Und gleichwohl – fast nehme ich Anstand, es zu sagen, guter Hermotimus – gleichwohl reichen wir auch damit noch nicht aus: ich fürchte sogar, wir haben uns selbst betrogen; wir glaubten, Etwas gefunden zu haben, worauf wir fußen könnten, und haben – Nichts gefunden.[17] Es wird uns wohl ergangen seyn, wie den Fischern: sie werfen ihr Netz einmal um das andere aus; auf einmal verspüren sie, daß es schwer geworden ist; sie ziehen in Hoffnung, eine Menge Fische gefangen zu haben, und wenn es endlich zu Tage kommt, was erscheint? – ein Stein, oder ein alter mit Sand angefüllter Topf. Freund, ich besorge, auch wir haben etwas Dergleichen herausgezogen.

Hermotimus. Ich verstehe wahrhaftig nicht, was du mit deinem Netze meinst: nur das merke ich, daß du mich darin fangen willst.

Lycinus. Nun, versuche zu entschlüpfen. Du bist ja ein vortrefflicher Schwimmer, will’s Gott. Höre also. Wenn wir auch bei Allen herumgekommen, und sie probirt, und in so weit also das Geschäft beendigt haben, so ist, glaube ich, doch noch nichts weniger als ausgemacht, ob Einer von Allen wirklich das Gesuchte hat, oder ob Alle gleich wenig darin wissen.

Hermotimus. Wie? was sagst du? Keiner von Allen hätte es?

[577] Lycinus. Ich sagte nur: es ist nicht ausgemacht. Oder hältst du es denn für unmöglich, daß sie sich Alle täuschten, und daß noch Keiner von ihnen das Wahre ausfindig gemacht hätte, das ja etwas ganz Anderes seyn könnte, als wofür es von ihnen gehalten wird?

65. Hermotimus. Wie wäre das möglich?

Lycinus. Ich will es dir auf diese Art versinnlichen: das gesuchte Wahre soll eine Zahl seyn, etwa die Zahl zwanzig; es nehme also Jemand zwanzig Bohnen in die Hand, verschließe sie, und frage zehn Andre nach einander, wie viele Bohnen er in der Hand habe: da werden sie denn verschiedentlich rathen, Einer sieben, ein Anderer fünf, ein Dritter dreißig, ein Vierter und Fünfter zehen und fünfzehen, kurz Jeder eine andere Zahl: und möglich ist es immer, daß Einer zufällig die richtige trifft, meinst du nicht?

Hermotimus. Allerdings.

Lycinus. Aber eben so möglich ist es auch, daß alle Zehen auf falsche Zahlen rathen, und auch kein Einziger sagt, zwanzig Bohnen habe der Mann in der Hand. Nicht wahr?

Hermotimus. O ja gewiß.

Lycinus. Eben so rathen auch die Philosophen hin und her, worin wohl jene wahre Glückseligkeit bestehen möge; der Eine, setzt sie in das Vergnügen, der Andere in das Sittlichschöne, wieder ein Anderer in etwas ganz Anderes. Es läßt sich sehr wohl denken, daß Eines von diesen wirklich das höchste Gut ist: es ist aber auch nicht unwahrscheinlich, daß dieses Gut irgendwo ist, wo noch Keiner gesucht hat. Es scheint mir also fast, wir machen’s verkehrt; wir eilen [578] dem Ziele zu, ehe wir noch den rechten Anfang gefunden haben. Vor allen Dingen, dächte ich, muß man darüber im Reinen seyn, ob das Wahre wirklich bekannt ist, und ob es sich überhaupt bei einem der Philosophen findet: hernach erst kann gesucht werden, welcher von diesen unser Vertrauen, als Inhaber des Wahren, verdient.

Hermotimus. Das heißt doch wohl so viel als: wenn wir auch alle Schulen durchwandert haben, würden wir am Ende doch nie dahin kommen, das Wahre zu finden; nicht wahr?

Lycinus. Ich verweise dich an deine eigene Vernunft, mein Freund: ich zweifle nicht, sie wird dir antworten, daß auf diesem Wege das Wahre nie wird gefunden werden können, so lange ungewiß bleibt, ob es sich auch wirklich unter den Systemen dieser Männer findet.

66. Hermotimus. Da haben wir’s: also ohne Aussicht es je zu finden, und verzichtend auf das Studium der Weisheit, sollen wir hinfort das Leben gemeiner Menschen führen. Das folgt ja klar aus deiner Behauptung: es ist gar nicht möglich zu philosophiren, die Weisheit ist ein für ein Menschenkind schlechthin unerreichbares Gut. Du verlangst, derjenige, welcher sich der Philosophie widmen will, soll sich erst die beste unter den Philosophien wählen. Die Wahl derselben aber, sagst du, kann so lange nicht zuverläßig seyn, als man nicht, durch sämmtliche Schulen wandernd, die wahrste sich ausgelesen. Hernach berechnest du die Zahl der Jahre, die auf jede derselben zu verwenden sey, und bringst eine so übermäßige Summe heraus, daß dieses Geschäft mehrere Menschenalter dauern müßte, und das Ziel jenseits der [579] Gränzen des längsten Menschenlebens läge. Am Ende aber behauptest du gar, das Ziel selbst liege noch nicht außer allem Zweifel, indem es nicht entschieden sey, ob die Philosophen wirklich selbst schon das Wahre gefunden hätten oder nicht.

Lycinus. Könntest du denn, mein lieber Hermotimus, einen Eid darauf schwören, daß sie es wirklich gefunden haben?

Hermotimus. Ich möchte mir’s zwar nicht getrauen –

Lycinus. Und doch – wie so manches Andere habe ich absichtlich, ohne es zu berühren, dir nachgesehen, was noch einer langen Untersuchung bedurft hätte!

67. Hermotimus. Nun was denn?

Lycinus. Hast du noch nie gehört, daß unter den Leuten, die sich Stoiker, oder Epikuräer, oder Platoniker nennen, Manche sind, die eine minder vollständige Kenntniß ihres Systems haben, wiewohl übrigens ihr ganzes Wesen vollkommenes Vertrauen einflößt?

Hermotimus. Das ist allerdings wahr.

Lycinus. Glaubst du also nicht, daß es ein sehr schwieriges Geschäft ist, diejenigen, welche ihre Lehre gründlich kennen, von denen zu unterscheiden, welche bloß vorgeben, sie zu kennen?

Hermotimus. Ich gebe es vollkommen zu.

Lycinus. Unfehlbar also mußt du, wenn du den ächtesten Stoiker kennen lernen willst, die Hörsäle, wo nicht Aller, doch wenigstens der Meisten von ihnen besuchen und sie prüfen, ehe du den Besten zu deinem Meister erwählen [580] kannst; zuvor aber ist nöthig, daß du dich in Beurtheilung solcher Dinge geübt und dir eine gewisse Sicherheit erworben habest, um nicht aus Unkunde den Schlechten für den Bessern anzusehen. Du siehst selbst, wie viel auch dieses Geschäft Zeit erfordert, welche ich vorhin absichtlich nicht in Anschlag brachte, weil ich fürchtete, dich nur noch unwilliger zu machen. Und gleichwohl ist unter den unausgemachten Dingen, über welche man vor allen Dingen in’s Reine kommen muß, dieses unstreitig das wichtigste und unentbehrlichste; auf diesem Verfahren allein kann mit einigem Grunde deine Hoffnung, die Wahrheit zu finden, beruhen, und es kann dir auf keine Weise gelingen, wenn du nicht das Vermögen besitzest, richtig zu urtheilen und das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und wenn du nicht gleichsam den sichern Blick eines Münzwardeins hast, der auf’s genauste zu sagen weiß, was von ächtem Schrot und Korn, und was nachgemachte Waare ist. Hast du dir dieses Vermögen und diese Fertigkeit erworben, dann erst schreite zur Prüfung der Lehren selbst, wo nicht, so sey gewiß, daß dich nichts vor der Schmach sichern wird, von einem Jeden an der Nase herumgeführt, oder wie eine hungrige Ziege mittelst eines vorgehaltenen Büschels Laub nach Belieben nachgezogen zu werden. Du wirst alsdann seyn, wie Wasser, das man auf den Tisch gegossen, und nun mit dem Finger ziehen kann, wohin man will: oder wie ein Schilfrohr am Gestade eines Sees, das jeder Windstoß beugt und der leiseste Lufthauch hin und her wiegt.

68. Wärest du aber so glücklich, mein Freund, einen Meister zu finden, der die Kunst verstände, das Gewisse und [581] Ungewisse genau zu unterscheiden, und das Wahre mit unumstößlicher Gewißheit darzuthun, und er wollte diese Kunst auch dir mittheilen, dann wärest du freilich aller weitern Sorgen und Mühen überhoben: alsbald würde das Beste deinen Augen erscheinen; jegliche Lehre, auf den Probierstein deiner Kunst gebracht, würde sogleich als die wahre oder als falsch sich ergeben; du könntest nun mit voller Sicherheit entscheiden und wählen, könntest nun ganz dem Weisheitsstudium dich hingeben, und hinfort, im Besitze und Genusse der heißersehnten Glückseligkeit, des Inbegriffes aller Güter dich erfreuen.

Hermotimus. O schön, Lycinus! Nun sprichst du doch einmal tröstliche Worte, die mir eine herrliche Aussicht eröffnen. Wir wollen nicht säumen, einen solchen Mann uns zu suchen, der uns Unterscheidungsgabe, Beurtheilungskraft, und, was das Wichtigste ist, jene Unfehlbarkeit, von der du sprachst, beibringen soll. O wie wird sich dann alles Uebrige so leicht ergeben, wie so schnell und ungehindert werden wir an unser Ziel gelangen! Ich weiß es dir jetzt schon recht vielen Dank, daß du diesen so kurzen, und dabei besten Weg ausfindig gemacht hast.

Lycinus. Guter Hermotimus, du darfst mir jetzt noch nicht danken: denn noch habe ich Nichts gefunden, und dir Nichts gezeigt, was deinem ersehnten Ziele dich näher brächte. Im Gegentheile, wir sind nunmehr weiter davon, als jemals, und haben, wie man zu sagen pflegt, viel gearbeitet, aber nichts gethan.[18]

[582] Hermotimus. Wie meinst du das? Ich fürchte abermals etwas Trostloses zu vernehmen.

69. Lycinus. Ich meine, wenn wir auch einen Mann fänden, der die Kunst zu besitzen vorgäbe, das Wahre mit Unfehlbarkeit zu erkennen, und dieselbe auch Andern mitzutheilen, so könnten wir uns ihm doch nicht so unbesehen anvertrauen, sondern müßten einen Zweiten aufsuchen, der zu beurtheilen verstände, ob der Erste die Wahrheit spräche. Und wenn wir nun so glücklich wären, auch dieses Zweiten habhaft zu werden, so fragte sich’s erst noch, ob derselbe im Stand ist, ein richtiges Urtheil über jenen Erstern zu fällen, oder nicht. Wir hätten also zur Beurtheilung des Zweiten einen Dritten nöthig; denn wie sollten wir selbst zu beurtheilen vermögen, wer das Wahre am richtigsten zu erkennen wisse? Du siehst, dieses Verfahren führt in’s Unendliche; denn bei welchem sollen wir stehen bleiben, an welchen uns halten, da ja die Beweise für die Wahrheit selbst, so viele ihrer erfunden werden, wie du siehst, so sehr bestritten werden, und so gar nicht auf haltbarem Grunde beruhen? Denn die meisten derselben gehen, indem sie uns zur Ueberzeugung nöthigen wollen, von Voraussetzungen aus, die nichts weniger als erwiesen sind. Andere bringen sogar mit dem Augenscheinlichsten das Ungewisseste in Verbindung, auch wenn Beides in gar keiner Gemeinschaft steht, und geben sie gleichwohl für Beweise aus, wie z. B. der, welcher mit dem Daseyn der Altäre das Daseyn der Götter[WS 4] beweisen wollte.[19] Also, mein Hermotimus, drehen wir uns beständig im Kreise [583] herum: der Himmel mag wissen, wie es zugeht: aber wir sind noch eben so rathlos, wie wir gleich Anfangs waren.

70. Hermotimus. Ach, Lycinus, wie grausam spielst du mir mit! Den Schatz, den ich zu finden glaubte, hast du mir in Kohlen verwandelt! Und die vielen Jahre, und alle die Mühen eines langwierigen Studiums sollen unwiederbringlich verloren seyn?

Lycinus. Du wirst dich vielleicht darüber weniger grämen, lieber Freund, wenn ich dir sage, daß du nicht der Einzige bist, der diesseits des gehofften schönen Zieles bleiben muß, sondern daß die Philosophen Alle – damit ich’s kurz sage – sich um des Esels Schatten zanken. Denn welcher von diesen Allen wäre im Stande gewesen, die ganze lange Wanderung zu machen, von welcher wir sprachen, und die du ja selbst für eine Unmöglichkeit erklärt hast? Wenn du dich also über diese Entdeckung grämen wolltest, so kämest du mir vor wie ein Mensch, der unter bittern Thränen das Schicksal anklagte, das ihm nicht vergönnte, in den Himmel zu steigen, oder bei Sicilien in die Tiefen des Meeres sich zu versenken, um in Creta wieder aufzutauchen, oder auch von Griechenland nach Indien in Einem Tage durch die Lüfte zu fliegen. Der Grund, warum sich ein solcher Mensch grämte, wäre wohl kein anderer, als weil es ihm einmal von dieser Herrlichkeit träumte, oder weil er wachend sich dieselbe ausgemahlt hatte, ohne vorher zu bedenken, ob, was er sich wünsche, auch für die menschliche Natur erreichbar sey. So hat denn auch dich, lieber Freund, die Vernunft aus dem Schlafe, in welchem du so viel und so wundersam träumtest, gerüttelt; und nun zürnst du ihr, indem du, noch verfangen in den [584] angenehmen Bildern, die du geschaut, nur mit Mühe die Augen öffnest und den Schlaf von dir scheuchest. Gerade so geht es den Leuten, die sich wachend in einen glückseligen Zustand hineinträumen: wenn sie nun so recht mitten drin sind, ihren Reichthum sich auszumahlen, und wie sie Schätze aus der Erde heben, Völker beherrschen und in allen den Herrlichkeiten schwelgen, welche der freigebige Genius der Wünsche (der uns nie widerspricht, und wenn auch Einer Flügel haben, so groß wie der Koloß zu Rhodus seyn, oder Berge von lauter Gold finden wollte) in Fülle herbeizaubert – wenn nun, während sie über solchen Bildern brüten, der Bediente kommt und fragt, womit er Brod kaufen, oder was er dem Hausherrn, der nun schon einmal über das andere die Miethe gefordert hätte, antworten soll, so werden sie erboßt über den lästigen Frager, als ob er ihnen alle jene Herrlichkeiten wirklich gestohlen hätte, und es fehlt wenig, daß sie dem armen Jungen nicht mit dem Zähnen in’s Gesicht fahren.

71. Laß dir aber nicht beigehen, mein Bester, deinen Unmuth an mir auszulassen, wenn ich, da du mit Schatzgraben, Fliegen und andern dergleichen ausschweifenden Einbildungen und eiteln Erwartungen umgiengest, als dein Freund nicht zugeben wollte, daß du dein Leben in einem, zwar angenehmen, Traume, aber doch nur in einem Traume zubringest, sondern dich aufstehen hieß, und dir rieth, mit nothwendigen Dingen dich abzugeben, wobei du hinfort nicht in Versuchung kämest, den Kreis des gesunden Menschenverstandes zu verlassen. Denn die Dinge, welche dich bis jetzt beschäftigten, sind um nichts besser, als die Centauren, Chimären, [585] Gorgonen und andere dergleichen Traumgebilde, welche Dichter und Künstler mit ungebundener Freiheit erschaffen, und welche in der Wirklichkeit nie vorhanden waren, noch je vorhanden seyn können. Gleichwohl glaubt der große Haufe daran, und wird, wenn dergleichen Phantasieen seinen Augen oder Ohren dargeboten werden, ganz bezaubert, eben weil sie wunderbar und abentheuerlich sind.

72. So war es also auch irgend ein Mythendichter, von welchem du vernahmst, daß es ein weibliches Wesen von überirdischer, ja die Reize der Gratien selbst und der himmlischen Venus übertreffenden Schönheit gebe; und ohne zu untersuchen, ob der Mann die Wahrheit spricht, und ob wirklich eine solche Sterbliche auf der Welt ist, verliebst du dich augenblicklich in dieselbe, wie einst Medéa von Liebe zu Iason entbrannte, als sie ihn nur erst im Traume gesehen. Was aber dich und alle die, welche von gleicher Liebe zu diesem Phantasiegebilde ergriffen sind, am meisten verführte, war, wie ich vermuthe, die Folgerichtigkeit, mit welcher der Mann, nachdem ihr einmal in seine Glaubwürdigkeit volles Vertrauen gesetzt hattet, das Bild jener Schönheit euch weiter ausmalte. Dieses Folgerichtige hattet ihr allein im Auge; und da ihr euch gleich anfangs ihm gefangen gegeben, führte er euch – vorgeblich auf dem nächsten Wege zu eurer Geliebten, in der That aber – an der Nase herum. So ergab sich sehr leicht alles Weitere: Keinem von euch fiel es ein, an den Eingang zurückzukehren und nachzuforschen, ob dieser auch der rechte Weg, oder ob er nicht etwa auf einen falschen gerathen sey: sondern Jeder wandelte getreulich in den Fußstapfen der Vorangehenden, wie Schafe ihrem Hirten [586] folgen, anstatt daß ihr gleich beim Eingange reiflich hättet überlegen sollen, ob es auch wohlgethan sey, hineinzugehen.

73. Um aber noch deutlicher einzusehen, was ich sagen will, so betrachte die Sache unter diesem Bilde. Du hörst von irgend einem jener Alles wagenden Poeten, es hätte einmal einen dreiköpfigen und sechsarmigen Menschen gegeben; du glaubst ihm das ohne Umstände, und ohne über die Möglichkeit der Sache nachzudenken, auf sein Wort; und so wird der Mann keinen Anstand nehmen, alles Weitere mit größter Consequenz hinzuzufügen, als da sind: sechs Augen, sechs Ohren, drei Stimmen, die das Ungethüm auf einmal von sich geben konnte, drei Mäuler, womit es aß, dreißig Finger statt zehen wie andre Menschenkinder; und, wenn es zum Streiten kam, so faßten die drei linken Hände drei Schilde von verschiedener Form, die drei rechten führten eine Streitaxt, eine Lanze und ein Schwert. Und wer sollte das nicht glauben wollen? Es folgt ja ganz natürlich aus der anfänglichen Behauptung, bei welcher man sich freilich hätte bedenken sollen, ob sie dem Dichter zuzugeben ist oder nicht. Denn hast du einmal diese eingeräumt, so mußt du dir alles Weitere gefallen lassen, was unaufhaltsam aus dem ersten Satze fließt; und es ist nun nicht mehr thunlich, diesen weitern Schilderungen des Dichters deinen Glauben zu versagen, da er sie so folgerichtig aus dem, was du ihm gleich anfangs zugestanden, herzuleiten weiß. Ihr befindet euch gerade in demselben Fall. Entflammt von Liebe und Verlangen, unterließet ihr gleich beim Eingange zu untersuchen, welche Bewandtniß es mit der Sache hat; und nun zieht euch die Folgerichtigkeit immer weiter mit sich fort, und läßt [587] euch keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, ob das, was sich aus den Vordersätzen zwar consequent ergiebt, nicht demungeachtet falsch sey. Wer dir sagt, zweimal fünf mache sieben, der wird, wenn du ihm, ohne selbst nachzurechnen, glaubst, dich auch dahin bringen, zu glauben, viermal fünf sey vierzehen, und was ihm sonst noch beliebt. Dasselbe Verfahren ist es, welches auch die so hoch bewunderte Geometrie beobachtet. Diese verlangt gleichfalls von den Anfängern die Zustimmung für etliche absurde und unhaltbare Heischesätze, z. B. Punkte seyen untheilbare Dinge, eine Linie hätte keine Breite, und was dergleichen mehr sind; auf einem so morschen Fundamente errichtet sie nun ein Gebäude, das nicht dauerhafter seyn kann, als seine Grundlage ist; und gleichwohl rühmt sich diese Wissenschaft, die von so grundlosen Begriffen ausgeht, eines unwidersprechlichen Beweisverfahrens.

74. Auf dieselbe Weise, nachdem ihr jeder Schule ihre Principien zugegeben habt, glaubt ihr nun alle die Sätze, die der Reihe nach folgen, und habt kein anderes Kennzeichen ihrer Wahrheit, als eben jene Folgerichtigkeit, die doch auf lauter Trug führt. Nicht Wenige unter euch gehen über dem langen Hoffen aus der Welt, bevor sie noch zur rechten Einsicht gekommen sind, und dem ganzen Trugspiel auf den Grund gesehen haben. Andere merken zwar nachgerade, daß man sie hintergangen hat; aber sie merken es zu spät, wenn sie schon sehr in Jahren vorgerückt sind und sich nun nicht mehr entschließen können, wieder umzukehren, aus Schaam, in einem solchen Alter gestehen zu müssen, daß sie sich, ohne es zu wissen, zu Kinderspiel hergegeben haben. [588] Diese bleiben also, aus einem falschen Ehrgefühl, im alten Geleise, preisen ihre Sachen an, und suchen möglichst Viele für das Gleiche zu gewinnen, um nicht allein die Betrogenen zu seyn, sondern sich mit der Menge derjenigen trösten zu können, denen es ebenfalls nicht besser, als ihnen selbst, ergeht. Zugleich wissen sie nur gar zu gut, daß es, sobald sie die Wahrheit sagten, um die Glorie geschehen wäre, in welcher sie bis jetzt, erhaben über gewöhnliche Sterbliche, wandeln. Sie hüten sich also wohl, zu gestehen, von welcher Höhe sie heruntergefallen, wohl wissend, daß man sie sonst für nichts Anderes halten wurde, als was andere Menschen auch sind. Nicht leicht wirst du Einen treffen, der edeln Muth genug hat, zu bekennen, daß sie hintergangen worden, und der so ehrlich ist, Andere vor dem gleichen Irrthum zu warnen. Bist du aber so glücklich, einen solchen Mann zu finden, so nenne ihn unbedenklich einen edeln rechtschaffenen Wahrheitsfreund, und gieb ihm, wenn du magst, den Titel Philosoph; denn ein solcher Mann ist es allein, welchem ich diese Würde gönne. Alle Uebrigen dieses Namens glauben entweder das Wahre zu wissen, und wissen es nicht, oder sie wissen, daß sie nichts wissen, wollen es aber aus feiger Schaam und Eitelkeit nicht Wort haben.

75. Doch, mein Freund, lassen wir nun um der Minerva willen alles Bisherige auf sich beruhen: vergessen wir es, als nicht gesprochen, und stellen wir uns vor, deine stoische Philosophie sey die einzig wahre, und jede andere außer ihr sey gar keine Philosophie; nun wollen wir sehen, ob das Ziel, das sie aussteckt, ein möglicherweise erreichbares ist, oder ob nicht Alle, die darnach streben, vergeblich sich abmühen. [589] Ich höre glänzende Versprechungen von einem wunderbaren Glück, dessen diejenigen genießen, welche den Gipfel erreicht haben: nur diese sind, sagt man, im Besitze des Inbegriffs aller wahren Güter. Nun fragt sich, lieber Freund: hast du jemals (du mußt das doch wohl am besten wissen) einen solchen Stoiker, der den Gipfel des Stoicismus erschwungen, kennen gelernt, einen Mann also, der sich nie betrüben, und nie von Sinnlichkeit hingerissen werden kann, und über Neid, Zorn, Geldliebe erhaben, und so vollkommen selig ist, wie das Musterbild seyn muß, dessen Leben als die Norm eines in Tugendübung hingebrachten Lebens gelten soll? Fehlte ihm auch nur das Mindeste zu dieser Vollkommenheit, so wäre er bei allen übrigen hohen Vorzügen doch mangelhaft; denn wenn er nicht vollkommen ist, so ist er auch nicht selig.

Hermotimus. Ich gestehe es, einen solchen Stoiker fand ich noch nicht.

76. Lycinus. Schön, guter Hermotimus, daß du das so ehrlich bekennest. In welcher Aussicht also betreibst du dieses Studium, wenn du siehest, daß weder dein Lehrer, noch der Lehrer deines Lehrers, noch dessen Vorgänger, noch, wenn du auch bis in’s zehente Glied hinaufsteigen wolltest, irgend einer dieser Schule ein ganz vollkommener Weiser und dadurch glückselig geworden ist? Denn du würdest wohl sehr unrecht haben, wenn du sagen wolltest, daß es dir genüge, auch nur in die Nähe jener göttlichen Seligkeit zu kommen: glaube mir, dieß würde dir so viel als nichts helfen. Man ist außerhalb der Schwelle und im Freien, und mag nun nahe vor der Thüre oder weit von ihr weg stehen, nur vielleicht [590] mit dem Unterschied, daß man im erstern Falle mit um so größrem Verdrusse in der Nähe sieht, was man entbehren muß. Also bloß deswegen, um dem Glücke wenigstens nahe zu kommen (und ich will annehmen, du werdest es wirklich), arbeitest du mit einer Anstrengung, die dich verzehren muß? Bedenkest du nicht, welch ein großer Theil deiner Lebenszeit nun schon zerronnen ist, während freudeleeres[20] Arbeiten, Sorgen und Wachen dich niederdrückte? Und nun willst du, wie du sagst, zum mindesten weitere zwanzig Jahre dich placken, um als achtzigjähriger Greis (und wer verbürgt dir dieses hohe Alter?) unter denen zu seyn, welche jenes hohe Glück – noch nicht gefunden haben? Oder glaubst du etwa der Einzige zu seyn, dem es beschieden ist, an ein Ziel zu gelangen, welchem vor dir schon so viele vortreffliche, und wahrlich noch viel behendere Läufer, als du bist, nachjagten und es gleichwohl nicht erreichten? –

77. Doch es sey, wenn du so willst; ergreife das hohe Gut, und habe es inne ganz und gar; so sehe ich doch für’s Erste nicht, was es für ein Gut seyn soll, das für solche Opfer ein angemessener Ersatz seyn könnte; und zweitens: wie lange meinst du denn, daß du dieses Glückes genießen werdest, wenn du erst als Greis, der für jeglichen Genuß längst abgestumpft ist, und schon, wie man zu sagen pflegt, einen Fuß im Sarge hat, seiner theilhaftig werden sollst? Es mußte denn nur seyn, daß du dich auf ein anderes Leben vorüben wolltest, um, wenn du nun wüßtest, wie man leben soll, in diesem zweiten Leben es um so besser zu haben; was [591] gerade so viel wäre, als wenn Einer die weitläuftigsten Vorbereitungen und Zurüstungen machte, um auch einmal etwas besser zu speisen, aber während derselben Hungers stürbe?

78. Und endlich scheinst du mir gänzlich vergessen zu haben, daß die Tugend bloß im Thun, in einer rechtschaffenen, weisen, männlichen Handlungsweise besteht; ihr aber (und wenn ich sage ihr, so meine ich eure philosophischen Häupter) laßt es euch nicht kümmern, nach jener thätigen Tugend zu trachten, sondern studirt über erbärmlichen Wortklaubereien, künstlichen Schlüssen und unauflöslichen Problemen, und bringt mit dergleichen Dingen den größten Theil eures Lebens hin. Wer hierin sich als Meister zeigt, der feyert in euern Augen die schönsten Triumphe. Das ist es denn auch, denke ich, was ihr an eurem alten Lehrmeister so sehr bewundert, daß er es nämlich so gut versteht, Alle, die sich mit ihm einlassen, durch schlaue Fragen, Spitzfindigkeiten und verfängliche Kniffe in Verlegenheit zu setzen und in die Enge zu treiben. Und so macht ihr euch, unbekümmert um die Frucht (ich meine die Veredlung der Handlungsweise) nur mit der Rinde des Baumes zu schaffen, und begnügt euch, in euren Zusammenkünften seine Blätter abzuschütteln. Sage selbst, lieber Hermotimus, sind es nicht bloß solche Dinge, womit ihr euch vom frühen Morgen bis an den Abend beschäftiget?

Hermotimus. Ich kann es nicht läugnen.

Lycinus. Hätte man da so unrecht, wenn man sagte, daß ihr nach dem Schatten jaget, ohne den Körper zu fassen, oder nach der alten abgestreiften Haut der Schlange greifet, [592] und sie selbst darüber entschlüpfen lasset? Verfahret ihr nicht gerade, wie wenn ein Mensch mit einer eisernen Keule Wasser in einem Mörser zerstampfen wollte, Wunder meinend, was für ein nothwendiges und nützliches Geschäft er betriebe, ohne zu wissen, daß, wenn er sich auch die Arme aus dem Leibe stampfte, Wasser doch ewig nur Wasser bleiben wird?

79. Und nun erlaube mir nur noch die Frage: wünschest du, abgesehen von der Wissenschaft, deinem Meister auch in andern Dingen ähnlich, und eben so jähzornig, eben so filzig, streitsüchtig und dem Sinnengenusse ergeben zu werden, als er selbst ist, wiewohl man ihn im Publikum nicht dafür hält? – Du schweigst?[21] So will ich dir, wenn du es hören magst, lieber Freund, erzählen, wie sich unlängst ein sehr betagter Mann, dessen philosophische Vorträge einen sehr starken Zulauf von jungen Leuten haben, über die Philosophie geäußert hat. Er hatte eben einen seiner Schüler um die Bezahlung angefordert und sich dabei sehr erhitzt, indem er sagte, der Termin wäre längst verflossen, indem das Lehrgeld schon vor sechzehn Tagen als am letzten des vorigen Monats hätte berichtigt werden sollen; so wäre es zwischen ihnen ausgemacht gewesen, und dergl.

80. Ein Oheim des jungen Menschen, ein schlichter, in eure Weisheit freilich nicht eingeweihter Landmann, war Zeuge dieses leidenschaftlichen Ausbruches; er nahm das Wort und sagte: „So höre doch einmal auf, wunderlicher Mann, [593] über erlittenen Schaden zu schreien, wenn wir dich für die Worte, die wir dir abgekauft, noch nicht bezahlt haben. Denn was du an uns verkauft hast, ist ja noch immer dein, und deine Gelehrsamkeit ist dadurch um nichts geringer geworden. In der Hauptsache aber, um deren willen ich dir den jungen Menschen übergeben habe, ist derselbe durch dich um kein Haar besser geworden. Meinem Nachbar Echekrates hat er seine Tochter entführt und um ihre Unschuld gebracht; und hätte ich nicht dem armen Schlucker von Vater seine Klage mit einem Talente[22] abgekauft, der Bursche hätte einen schweren Prozeß an den Hals bekommen. Noch ganz neuerlich gab er seiner Mutter Ohrfeigen, als sie ihn ertappte, wie er eben einen tüchtigen Krug Wein wegschleppen wollte, wahrscheinlich um ihn als seinen Beitrag zu einem Trinkgelage[WS 5] zu liefern. Und was sein hitziges Temperament, sein unverschämtes, freches und lügenhaftes Wesen betrifft, so ist es jetzt wahrlich noch um ein gut Theil schlimmer mit ihm, als im vorigen Jahre. Es wäre mir lieber, du brächtest ihm bessere Sitten bei, als daß er jenes närrische Zeug bei dir lernt, wovon er uns, die wir von dergleichen Dingen nichts wissen wollen, tagtäglich über Tisch den Kopf vollschwatzt, z. B. wie einmal ein Krokodil ein Kind geraubt und versprochen hätte, es zurückzugeben, wenn der Vater – was weiß ich was antworten würde; oder, warum es bei Tag nicht Nacht seyn könne und dergl. Bisweilen macht er, der Kukuk weiß, was für ein Kunststück, wodurch er uns weiß [594] machen will, wir hätten Hörner auf dem Kopfe. Er hat nichts davon, als daß wir ihn auslachen, besonders wenn er sich die Ohren zuhält und mit sich selbst spricht, und mit Hexis und Schesis und Katalepsis und Phantasie und andern dergleichen wunderlichen Namen um sich wirft. Wir haben ihn auch schon sagen gehört, der liebe Gott sey nicht im Himmel, sondern verbreite sich durch Alles, durch Holz, Steine, Thiere, ja durch die gemeinsten Dinge. Und als ihn einmal seine Mutter fragte, zu was denn diese Possen gut wären, so hat er ihr in’s Gesicht gelacht und gesagt: „Habe ich nur erst diese Possen recht im Kopfe, so will ich den sehen, der mir wehren will, allein reich, allein König zu seyn, und alle andern Menschenkinder als Sclaven und erbärmliche Wichte, gegen mich gehalten, zu betrachten!“

81. So sprach der Landmann; nun höre aber auch, was ihm der Alte für eine schwache Antwort gab: „Glaubst du denn nicht,“ sagte er, „daß der Bursche, wenn er nicht zu mir gebracht worden wäre, noch viel schlechtere Streiche gemacht hätte, Streiche, die ihn vielleicht an den Galgen gebracht hätten? So aber hat ihm die Philosophie einen wohlthätigen Zügel angelegt; die Scheu vor ihr macht, daß er sich mäßigt und euch wenigstens erträglich ist. Das Gefühl, welche Schande es wäre, des philosophischen Aufzugs und Titels unwürdig zu erscheinen, begleitet ihn überall hin und hält ihn in der Zucht. Mit allem Rechte kann ich also, wo nicht für das, worin ich ihn wirklich besserte, so doch wenigstens für das meine Bezahlung von euch verlangen, was er aus Achtung vor der Philosophie Böses nicht begangen [595] hat. Sagen ja doch auch die Kinderwärterinnen, daß es gut sey, wenn die ganz kleinen Knaben schon in die Schule gehen; denn wenn sie auch noch nichts Gutes lernen können, so können sie doch wenigstens nichts Böses thun, so lange sie dort aufgehoben seyen. Ich glaube übrigens auch in allen übrigen Beziehungen meine Schuldigkeit gethan zu haben, und du kannst mit irgend einem Sachverständigen morgen in meine Schule kommen: da sollst du sehen, wie der junge Mensch schon Fragen macht, und Antworten giebt, und was er Alles gelernt und wie viele Bücher er schon gelesen hat, von den Axiomen, den Syllogismen, der Katalepsis, den Pflichten, und verschiedenen andern Gegenständen. Wenn er seine Mutter geschlagen und Mädchen verführt hat, was geht das mich an? Hat man mich denn zu seinem Hofmeister bestellt?“

82. So äußerte sich der alte Meister über die Philosophie. Vielleicht daß du derselben Meinung bist, Hermotimus, und sagst, es sey schon genug, wenn wir nur Philosophie treiben, um nichts Schlimmeres zu treiben. Aber, Freund, haben wir uns nicht anfangs ganz andere Hoffnungen von ihr gemacht? war es uns nicht darum zu thun, als würdigere und erhabenere Wesen unter den übrigen Sterblichen zu wandeln? – Wie? auch hierauf erhalte ich keine Antwort?

Hermotimus. O Lycinus, was soll ich dir sagen? Ich möchte weinen, so tief fühle ich mich von der Wahrheit alles dessen, was du sagtest, getroffen. Ach! ich Armer, wie viele schöne Zeit habe ich verloren, wie vieles Geld hingegeben, [596] um mir Sorgen und Mühe damit zu erkaufen! Nun ist mir, als ob ich aus einem Rausche erwachte; ich sehe, an was ich Thörichter meine Liebe verschwendete, und welche Leiden mir diese Liebe schuf!

83. Lycinus. Wozu nun diese Klagen, mein Guter? denke doch an den guten Rath, den Aesop in einer seiner Fabeln giebt. „Einst saß,“ so erzählt er, „ein Mensch am Gestade des Meeres, und zählte die Wellen, die sich an den Felsen brachen; da begegnete es ihm, daß er im Zählen irre ward, und dieß verdroß ihn sehr. Allein ein Fuchs, der dabei stand, sprach zu ihm: Seltsamer Mensch, was grämst du dich wegen der Wellen, die schon vorüber sind? Achte ihrer nicht, und fange von neuem an!“ Mache du es eben so, mein Freund: entschließe dich, den Rest deiner Tage als ein gemeinnütziges Glied der bürgerlichen Gesellschaft zu verleben, und entschlage dich deiner bisherigen abentheuerlichen und windigen Hoffnungen. Und wenn du vernünftig bist, so hältst du es für keine Schande, in deinen Jahren noch auf andere Gedanken zu kommen und den bessern Weg einzuschlagen.

84. Glaube übrigens nicht, lieber Freund, daß es mit diesem Allem bloß auf die Stoa abgesehen sey, und daß ich aus einem gegen die Stoiker insbesondere gefaßten persönlichen Hasse so gesprochen habe. Nein, was ich hier sagte, gilt von Allen insgemein. Ich würde nicht anders zu dir gesprochen haben, wenn du der Schule Plato’s oder des Aristoteles zugethan gewesen wärest, und die übrigen alle so einseitig und ohne Untersuchung verworfen hättest. Weil du [597] nun aber einmal der Stoa den Vorzug gegeben hattest, so war auch meine Rede zunächst gegen diese gerichtet, wiewohl ich, wie gesagt, nichts Besonderes gegen sie habe.

85. Hermotimus. Nun gut, mein Lycinus! ich gehe, um vor allen Dingen meinem Aeußern ein anderes Ansehen zu geben. Du sollst mich nun nicht länger mit einem langen und struppichten Barte, wie dieser ist, einhergehen und die Lebensart eines Büßers führen sehen; frei und behaglich soll hinfort mein ganzes Thun und Treiben seyn. Ja ich habe gute Lust, auch einen rothen Rock anzuziehen, damit alle Welt sehe, daß ich mit jenen Narrheiten nun nichts mehr zu schaffen habe. O könnte ich doch Alles sammt und sonders wieder von mir geben, was jene Leute mir beigebracht haben! Glaube mir, ich besinne mich keinen Augenblick, einen tüchtigen Nießwurztrank zu mir zu nehmen,[23] um mein Gehirn von allen solchen Albernheiten zu reinigen. Dir aber, theurer Lycinus, kann ich nicht genug Dank sagen, daß du mir, da ich von der trüben Fluth eines reißenden Stromes ohne Widerstand mich fortreißen ließ, als ein hülfreicher Genius, dergleichen sonst nur auf der tragischen Bühne erscheint, unerwartet zur Seite standst, und mich aus den Wogen zogst. Auch werde ich wohl recht daran thun, wenn ich mir das Haupthaar abscheeren lasse, wie diejenigen, welche aus einem Schiffbruche ihr Leben davon gebracht haben: und heut noch will ich ein feierliches Dankopfer dafür darbringen, daß [598] ich den dichten Nebel, der vor meinen Augen lag, so gänzlich verjagt habe. Sollte ich aber in Zukunft einen Philosophen zufällig auf der Straße gewahr werden, so will ich ihm, wie einem tollen Hunde, schon von weitem aus dem Wege gehen.



  1. Insel im icarischen Meer in der Nähe Kleinasiens.
  2. Werke und Tage v. 288 f.
  3. Ebendas. v. 40.
  4. S. Todtengesp. XIV, 6.
  5. ταῦτ᾿ εἶναί τι.
  6. Hom. Il. XI, 636:

    Mühsam hob ein Andrer den schweren Kelch von der Tafel;
    War er voll: doch Nestor, der Greis, erhob unbemüht ihn.
     Voß.

  7. ᾿Αζίωσιν nach Lehmann’s Vorschlag.
  8. Parodie von Il. V, 201.
  9. Anspielung auf einige Philosophen, die in diese Rubriken gehörten, z. B. Anacharsis, Epiktet, Antisthenes, Crates u. A. Wieland.
  10. D. h. nach dem Nordlande.
  11. Die Urschrift fügt hinzu: „noch, wie das Sprichwort sagt, über das Aegäische und Ionische Meer in einem Schilfkorbe schiffen wollen.“
  12. Il. XXIII, 866.
  13. Hom. Il. XVI, 70.
  14. Hellenenrichter, d. h. Kampfrichter.
  15. Des Komikers Epicharmus.
  16. Hom. Il. IX, 654.
  17. „Wir glaubten – gefunden.“ Wieland.
  18. „Und haben – nichts gethan.“ Wieland.
  19. S. den tragödisirenden Jupiter 51.
  20. ἀηδίᾳ nach Pierson’s Vorschlag.
  21. Τί σιγᾷς nach Grävius.
  22. 1733 Thlr.
  23. Nach dem Texte: „gerade zu dem entgegengesetzten Zwecke von dem des Chrysipp,“ der sich durch Nießwurz für seine stoischen Meditationen gestärkt haben soll.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: uns
  2. Vorlage: Ungegerade
  3. Vorlage: lereen
  4. Vorlage: Gotter
  5. Vorlage: Trinkgegelage