Herr Wendriner erzählt eine Geschichte

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Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Herr Wendriner erzählt eine Geschichte
Untertitel:
aus: Mit 5 PS Seite 48-52
Herausgeber:
Auflage: 10. – 14. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Ernst Rowohlt
Drucker: Herrosé & Ziemsen
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus: EIN MANN AM WEGE: HERR WENDRINER
Erstdruck in: Weltbühne, 25. Mai 1926
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[48]
Herr Wendriner erzählt eine Geschichte

„Mahlzeit! Guten Appetit! Na, dann wolln wir anfangen! Na, was ist –? Du hast uns zum Essen reingerufen, und [49] das Essen steht nicht auf dem Tisch! Hundertmal hab ich schon gesagt, wenn ich reinkomm, will ich, daß das Essen aufm Tisch steht. Das Mädchen …! Das Mädchen …! Entschuldigen Sie, Welsch, aber wir haben ’n neues Mädchen … Na, ich will mich am Sonntag nicht ärgern. Ja, also was ich sagen wollte: ich wollt Ihnen doch erzählen, was mir da neulich passiert ist. Ich komm also – ah, endlich, die Suppe! Guten Appetit! tu auf – ich komm also nachm Theater, ich glaube, es war im Schauspielhaus, nein, doch nicht … im Deutschen Theater, richtig, komm ich raus und geh so auf die Straße – mir nicht so viel Klößchen – Welsch, nehm Sie von den Klößchen, die sind excillent, ich soll sie bloß nicht essen, ich wer so dick, sagt der Arzt – komm ich raus, spricht mich ein wildfremder Mensch an. Ganz jung, ein ganz junger Mensch … Soo! Walter, kannste dich denn nicht vorsehn! Jetzt haste wieder alles danebengespritzt! Nächstens wern wir dir ’n Pichel umbinden! So ein großer Junge! Weiß oder rot, Welsch? Ich nehm auch lieber roten … ’n ganz junger Mensch, ich kenn ihn nicht – gib mir mal ’n bißchen Salz – und spricht mich an. Er hätt nichts zu essen. Ich sage, lieber Freund, sag ich, ich hab auch manchmal nichts zu essen, aber deshalb spricht man doch nicht gleich jeden Menschen auf der Straße an! Ausgerechnet mich! Als ob nicht reichere Leute aus dem Theater … Lächerlich, Welsch, was Ihnen meine Frau auftut, könn Sie essen! Genieren gibts hier nicht, nu nehm Sie schon … Also ich sag zu dem jungen Mann, hörn Sie mal, sag ich, Sie sehn doch ganz anständig aus, wie kommt das, daß Sie nichts zu essen haben … Also, Welsch, jetzt tun Sie mir den einzigen Gefallen und zieren Sie sich hier nicht! Nehm Se doch! Nu nehm Sie noch ’n bißchen Zander! Nu nehm Sie doch! Bedienen Sie sich! Genötigt wird hier nicht. Ja, sagt der junge Mann, er wär aus Breslau, [50] ich horch natürlich auf – Walter, du sollst nicht so viel Buttersauce essen! Iß nicht so viel! Das bekommt dir nicht! Neulich hat er sich erst übergeben! Iß nicht so viel Buttersauce! Kannst du nicht hören? Nimm ihm mal die Buttersauce weg! Nehm Sie noch ’n bißchen, Welsch! Vorjen Sonntag war Regierer hier, der hat sich für drei Wochen voll gegessen! Ein gesunder Appetit! Nehm Sie noch ’n bißchen, Welsch! Jetzt hast du wieder das gehackte Ei vergessen! Paß doch ’n bißchen besser auf! Nie paßte auf. Was sagen Sie, Welsch? Volksentscheid? Ich weiß nicht, ich bin nicht dafür. Ich hab son unbehagliches Gefühl! Damit fangen sie an, und mitm Auto hörn sie nachher auf. Und ich will Ihnen mal sagen – unterbrich mich doch nicht immer! – ich will Ihnen mal sagen … grade die Juden sollten … La domestigue … Jaa, ja, das Fleisch ist sehr schön durch! Ich erzähl Ihnen nachher weiter. Jetzt nicht. Sagt der junge Mensch also zu mir, er wär aus Breslau. Ich hab mich unterbrochen, ßis nicht nötig, daß das Mädchen alles hört. Sie gehn bloß nachher rum und erzählen wer weiß was. Nehm Sie doch ’n bißchen Kompott! Kompott ist sehr gesund. Essen Sie auch Fruuhtsoohlt – ich meine, son Salz – es ist kein richtjes Abführmittel … Hilde, siehst du eigentlich von deinen Eltern, daß sie sich bei Tisch in der Nase bohren? Bei Tisch bohrt man nicht in der Nase. Tut man überhaupt nicht, hat Welsch ganz recht. Ja, um auf den jungen Mann zurückzukommen, er erzählt also von Breslau, kommt raus, er hat als kleiner Junge meinen verstorbenen Vater gekannt – er hat manchmal Bobongs von ihm bekomm. Ich hab mich natürlich nich zu erkennen gegeben, überhaupt war es schon spät, und es war auch ’n bißchen dunkel auf der Straße – ich konnt ja nicht wissen, wer der junge Mensch war … Ist kein Brot da? Siehste, wieder haste kein Brot reingestellt – du weißt doch, [51] daß ich Brot beim Essen aufm Tisch haben will! Zieh dich eben vorher an! Das Bild hängt schief – Kinder, was macht Ihr bloß den ganzen Tag! Keiner paßt auf – wenn ichs nicht sehe …! Ja, ’n ganz hübsches Bild – ich sammel son bißchen. Impressionisten natürlich. Von der modernen Kunst halt ich nichts. Ja, also richtig: er sagt, er wär stellungslos, er hätt keine Wohnung – und - Mahlzeit! Mahlzeit! Mahlzeit, Hilde! Mahlzeit, Walter! Mahlzeit, Welsch! Komm Se, ’n Likör … Kaffee trinken wir drin. Komm Se, wir rauchen ’ne Zigarre. Hier, die is leicht. Nein, nehm Sie die – die is besser. Hier ham Se Feuer. Ja, um auf die Geschichte zurückzukommen – Sie, meine Frau ist grad mal rausgegangen, kennen Sie schon den Witz von dem alten Grafen, der heiratet und im Hotel vor der Hochzeitsnacht noch schnell in die Bar geht? Ja. Er verlangt Pilsner; sagt der Barkiehper, Herr Baron, nehm Sie kein Pilsner, das schlägt nieder. Nehm Sie lieber ’n Glas Scherri. Tut er. Wie er am nächsten Morgen runterkommt, sagt er zu dem Kellner: Wissen Se was, geben Sie mir zwei Glas Scherri und meiner Frau schicken Sie ’ne Kanne Pil– Ach, da bist du ja – ich sage grade zu Welsch, mit der Mietsregelung müßte man das anders regeln. Ist der Kaffee fertig? Ja? Komm Se, Welsch, wir wolln Kaffee trinken. Ein oder zwei Stück Zucker? Milch? Ich nehm nie Milch. Hat mir der Arzt verboten. Kaffee hat er mir auch verboten. Man kann bloß nicht alles tun, was einem die Ärzte sagen. Ja, nu passen Sie auf, wie das mit dem jungen Mann war. Er hat mich um meine Adresse gebeten … na, das hab ich nu nicht getan – ich wer doch einem fremden Menschen nicht meine Adresse geben … wo soviel Schwindler in Berlin rumlaufen. Dabei fällt mir ein: haben Sie eigentlich Oberbedarf verkauft? Ich weiß nicht … ich hab kein rechtes Zutrauen … [52] Was! Was denn! Sie gehn doch noch nicht! Ach, Welsch, machen Sie doch keine Geschichten! Wird Ihre Schwägerin eben ’n bißchen warten! Komm Se immer noch früh genug hin! Lächerlich! Bleiben Sie doch noch ’n bißchen! Ih – bleiben Sie doch noch! Na, wenn Sie durchaus wollen. Warten Sie, ich bring Sie raus. Hier – das ist Ihr Überzieher. Das ist meiner. Ja, ich laß bei Kropat arbeiten – ich bin ganz zufrieden … er macht mir Extrapreise. Der Meister bedient mich immer selbst. Welsch, ham Sie das Papier hier hingeschmissen? Ach, das is von Ihren Blumen. Walter! Nimm mal das Papier hier weg! Hilde soll hinten nicht sonen Krach machen; sag ihr mal, Papa will das nicht. Und schick mir mal das Mädchen vor. Na, denn auf Wiedersehn, Welsch! Auf Wiedersehn! Komm Se gut nach Hause!

Wo bist du denn? Ich weiß nicht: der Welsch gefällt mir nicht. Nerwöhs is der Mann! Ich hab ihm ’ne Geschichte erzählen wollen – weißt du, das von dem jungen Mann, was ich dir schon erzählt habe, neulich vom Theater … die Sache is ja auch sehr interessant … Welsch kannste nichts erzählen. Weißte, was er tut? Er hört nicht zu.“