Im Congoland (2)

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Autor: Eduard Pechuel-Loesche
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Titel: Im Congoland. 2. Europäische Handelsplätze in der Congoniederung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 484–488
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Leben in den Faktoreien an der Kongo-Mündung und Beschreibung einer Dampferfahrt den Fluss aufwärts
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Im Congoland.

Von Dr. Pechuel-Loesche.
2. Europäische Handelsplätze in der Congoniederung.

Eine wochenlange einförmige Reise auf dem englischen Postdampfer führt den Congofahrer größtentheils in solcher Nähe an der Küste von Westafrika entlang, daß diese sich wie ein Panorama vor ihm aufrollt. Von Kabinda an nähert sich endlich der bis dahin viele Küstenpunkte berührende Dampfer in ununterbrochener Fahrt dem Congo; gefährliche Bänke zwingen ihn jedoch, wie alle tiefgehenden Fahrzeuge, vom Lande abzuhalten. In dieser Gegend wurden in den Jahren 1863 und 1868 von den englischen Kreuzern die letzten Sklavenschiffe aufgebracht.

Mißfarbige Gewässer, schwankende Strömungen und unruhiger Wellenschlag kündigen die Nähe des Congo an; der Dampfer pflügt quer hindurch, denn er pflegt den Fluß von der Südseite anzulaufen. Die bisherige Küstenlinie schwindet mehr und mehr, zugleich aber tauchen gerade voraus Bestände von Mangroven[1] und Fächerpalmen auf, welche die südliche Landmarke, Point Padrao, in Besitz genommen haben. Ausgedehnte Strecken von niederem, dicht bewaldetem, sowie nach innen von

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Die Gartenlaube (1883) b 485.jpg

Schwimmende Inseln und die Hochlande des Congo.
Nach Originalaufnahmen Dr. Pechuel-Loesche’s auf Holz gezeichnet von Prof. A. Goering.

[486] Altwassern und Lagunen labyrinthisch durchzogenem Schwemmlande treten in Sicht.

Hier, an einer leider nur sehr schwierig aufzufindenden Stelle, hat in den letzten Tagen des Jahres 1484 der Entdecker der Congomündung, der portugiesische Seefahrer Diego Cao, als Zeugen seines Erfolges einen der ihm mitgegebenen Steinpfeiler (Padrao) aufgerichtet. Als der erste erblickte mit dem portugiesischen Entdecker auch ein Deutscher den Congo: Martin Behaim, ein weitgereister, einem Nürnberger Patriciergeschlechte entsprossener Mann, welcher die Expedition als „Kosmograph“ begleitete.

Noch ehe der Dampfer zur eigentlichen Mündung gelangt, blinkt vor den jenseitigen, weit zurückliegenden Uferhöhen eine Linie weißer Punkte auf, welche das geübte Auge als eine lange Reihe blendend weißer Gebäude erkennt, die vor einem dunklen Hintergrunde von Mangroven scheinbar auf dem Wasser schwimmen. Es ist Banana, der Centralplatz des Congohandels sowohl wie eines großen Theiles des Küstenhandels weiter Landstriche im Norden und Süden.

Erst wenn der Dampfer hinüberkreuzt, entdeckt man, daß die zahlreichen stattlichen Gebäude auf einer sehr niedrigen und schmalen Landzunge liegen, auf einer öden Nehrung, die, einige Kilometer weit vom Nordufer vorspringend, auf der einen Seite von einem breiten Nebenarm des Congo, auf der anderen vom Meere bespült wird. Solchergestalt von unruhigen Gewässern umflossen und ursprünglich von ihnen aufgebaut, ist sie wiederum der Gefahr ausgesetzt, von innen oder außen durchbrochen zu werden. Die gerade an jenen Stellen angesessenen Holländer haben, wie ihre wackeren Landsleute daheim, schon öfters mit dem ihre Existenz gefährdenden Elemente mühsam zu kämpfen gehabt. Mit Pfahlwerken und aus ziemlicher Entfernung herbeigeholten Steinen, die sie an den bedrohten Punkten aufwallen, haben sie bisher ihr Besitzthum erfolgreich behauptet.

Mit voller Kraft hat der Dampfer die mächtige Strömung durchschnitten und läuft in den breiten Arm des Congo ein, der sich zwischen der Nehrung und dem oberhalb liegenden Inselgewirr öffnet. Der Begrüßungsschuß dröhnt über das Wasser und weckt das Echo in den Mangrovenbeständen; der Anker fällt, und von den Factoreien eilen Boote heran, um Nachrichten von der Heimath sowie Güter in Empfang zu nehmen.

Wer auf der Reise verschiedene Küstenpunkte besucht und bereits einen Einblick in afrikanische Handelsverhältnisse gewonnen hat, erkennt sogleich, daß Banana ein wichtiger Platz sein muß. Segelboote und größere Fahrzeuge, sowie kleine und mittlere Dampfer, welche den Güterverkehr auf dem Flusse und an der Küste besorgen, beleben kommend oder gehend die Wasserfläche oder liegen an den Bollwerken vertaut; zeitweilig ankern auch große Seeschiffe in der Nähe, welche die hier angehäuften Producte nach Europa führen, und viermal im Jahre liegt der stattliche neue Dampfer „Afrikaan“ des holländischen Hauses an der Landungsbrücke. Er vermittelt die directe Verbindung zwischen Banana und Rotterdam.

Die südliche Hälfte der langgestreckten Nehrung befindet sich im Besitze des holländischen Hauses, dessen Baulichkeiten und Gehöfte den größten Theil des Raumes einnehmen. Unmittelbar benachbart liegt eine französische Factorei. Dann folgt eine Strecke theilweise versumpften Bodens, noch eine Nebenfactorei der Holländer und auf diese ein ursprünglich portugiesisches Gehöft, das im vorigen Jahre in die Hände einer englischen Gesellschaft übergegangen ist. Am weitesten nördlich und ziemlich abgelegen hat die englische Livingstone-Mission sich eine Heimstätte geschaffen.

Diese Ansiedelungen zusammengenommen bilden Banana. Wenn man jedoch schlechthin von Banana spricht, so ist in der Regel das holländische Haus gemeint. Nicht nur steht es allen übrigen weit voran an Großartigkeit der Anlage, sondern es gewährt dem Ankömmling auch liebenswürdige Aufnahme und Gastfreundschaft, ohne welche sich Niemand in diesen Gegenden aufhalten könnte, so lange er nicht unter eigenem Dache wohnt. Die deutschen Expeditionen in Loango wie Angola waren von jeher auf das holländische Haus angewiesen. Nicht als ob etwa Vertreter anderer Nationen weniger zuvorkommend wären! Wer jene Küstenstriche bereist hat, wird der opferfreudigen Gastfreundschaft und thatkräftigen Hülfe aller Europäer, seien es Portugiesen, Holländer, Engländer, Franzosen, Deutsche, allezeit dankbar gedenken müssen, denn wo immer er sich hingewendet, wurde er willkommen geheißen.

Das holländische Haus und das englische Hatton und Cookson besitzen jedoch die meisten Factoreien, die ausgedehntesten Beziehungen und bedeutendsten Verkehrsmittel, sodaß vor Allem der Forschungsreisende durch deren rückhaltlos gewährte Benutzung in seinen Unternehmungen gefördert wird.

Wer genügend lange an vielen Orten der Küste gelebt hat, um nach eigener Erfahrung urtheilen zu können, darf sich der Verpflichtung nicht entziehen, ungerechtfertigte Anschauungen zu widerlegen. Westafrika ist nicht eine Freistätte für den Abschaum der Menschheit. Wohl wird man dort, wie überall, sympathische und unsympathische, brave und weniger gut geartete Menschen finden; wohl geht dort mancher Mann durch eigene Schuld zu Grunde, und manches ist geschehen, was nach Recht und Gesetz nicht hätte geschehen sollen. Derartiges ereignet sich jedoch selbst da, wo nicht wie in fernen, der Cultur noch unerschlossenen Gebieten die eigenartigen Zustände und Lebensbedingungen größere Anforderungen an die moralische Kraft des Individuums stellen.

Ein Land für Abenteurer ist Westafrika am allerwenigsten. Wer daselbst, und zwar unter viel ungünstigeren äußeren Verhältnissen, nicht arbeitet, wie er daheim arbeiten sollte, der vermag nicht zu existiren. Reichthümer wird Niemand dort spielend erwerben, und zu einem erfolgreichen Geschäftsbetrieb bedarf man geschickter und thätiger Männer.

Zu Banana lernt man den Handelsbetrieb in unerwarteter Großartigkeit kennen. Das holländische Haus ist der bedeutendste Stapelplatz sowohl für europäische Tauschwaaren, als auch für Producte des Congogebietes und der Länder im Norden und im Süden. Dem entsprechend zerfällt das Etablissement in zwei Abtheilungen. In der südlichen sind die zur Verschiffung nach Europa bereiten Landesproducte, in der nördlichen die für den Tauschhandel eingeführten Güter aufgestapelt. In der nördlichen Abtheilung befindet sich zugleich auch die Hauptbuchhalterei. Zwischen beiden, auf der schmalsten Strecke der hier etwa zweihundert Schritte breiten Nehrung, sind die schwarzen Arbeiter des Hauses angesiedelt. Ihre Zahl beträgt etwa vierhundert. Sie wohnen nach Landessitte in kleinen, reihenweise angeordneten, aus Papyrusschäften und Palmfiedern erbauten Hütten, welche von der frischen Seebrise mit voller Kraft bestrichen werden.

Die beiden, durch die originelle Arbeiterstadt getrennten Centralfactoreien bestehen aus riesigen, von eingeführten Backsteinen, Holz oder Eisen construirten Magazinen, sowie schmucken Wohnhäusern. Letztere sind mit breiten schattigen Veranden versehen und enthalten viele hohe luftige Zimmer, die theilweise leer stehen zur Aufnahme gelegentlicher Besucher.

An diesen fehlt es selten in Banana; sei es, daß Beamte oft entlegener Factoreien in Geschäften oder auf einer Erholungsreise eintreffen, sei es, daß Leidende Herrn Dr. Rabe, den seit Jahren in Banana wirkenden, aus Mecklenburg stammenden Arzt des Hauses, consultiren wollen. Alle Gebäude sind blendend weiß gestrichen und den gesunden Seewinden zugänglich. Die weiten Höfe sind mit reihenweis geordneten noch jungen Cocospalmen und mit einer aus Südafrika zur Küste gebrachten Baumart (Spondias lutea) bepflanzt. Künstlich angelegte feste Wege auf dem nachgiebigen, das Gehen ungemein erschwerenden Sande verbinden die wichtigsten Baulichkeiten mit einander.

Die Gehöfte beherbergen europäische und afrikanische Thiere. Da sind ein Paar wohlgepflegte Sattelpferde der beiden Chefs des Hauses, eine Anzahl trefflicher, durch mancherlei charakteristische Eigenthümlichkeiten ausgezeichneter Reitesel und Ziegen, Schafe, Schweine verschiedener Länder. Zahlreiche Hühner, Tauben, Truthühner und Pfauen beleben das Gehöft. Mancherlei Antilopen fesseln den Blick in einem kleinen Park, und Affen ergötzen durch ihr Treiben in einem großen Gitterhaus. Auch ein breitgehörnter Reitochse aus dem Süden wandelt beschaulich umher. Dazu kommen noch die Lieblinge der Beamten des Hauses: ein riesiger Neufundländer, ein flockiger Jagdhund und verschiedene Hündchen, eine Anzahl Katzen, eine überaus zahme, überall auftauchende drollige Manguste (Ichneumon), die nirgends fehlenden klugen Graupapageien und anderes kleines Getier.

Des Tages über herrscht eine rastlose Thätigkeit in den weiten Gehöften. Unter luftigen Schuppen schaffen die Küfer, unter anderen wird an Schiffen gezimmert; aus der Schmiede dröhnen [487] Hammerschläge. Singend und rufend tummeln sich Hunderte von Schwarzen an den Bollwerken und Landungsbrücken, entladen und beladen Fahrzeuge, schaffen Güter von und nach den Magazinen, verpacken Waaren oder säubern die Niederlagsräume. Allenthalben überwachen Europäer die Arbeiten. Boten eilen mit Zetteln hin und her und halten gewissermaßen eine engere Postverbindung zwischen den verschiedenen Dirigenten aufrecht, denn die Verwalter der einzelnen Magazine verlassen ihre so verführerische Schätze enthaltenden Räume nicht, so lange diese dem Verkehre offen stehen. Dem von der Cultur beleckten Afrikaner erscheint Alles als rechtmäßige Beute, was er in Factoreien bei Seite schaffen kann.

Mit einer Unterbrechung um die Mittagszeit währt die vielartige Thätigkeit vom Morgen bis zum Abend. Dann tritt Ruhe ein, obwohl in der Hauptbuchhalterei nothwendige Arbeiten auch noch bei Licht bewältigt werden. An diese Geschäftsräume, von wo aus das ganze Unternehmen geleitet wird, stößt eine große offene Halle, wo die Europäer, mit Ausnahme einiger, welche im südlichen Gehöft leben, ihre Mahlzeiten einnehmen. Sie speisen an zwei langen Tafeln: an der einen und größten haben die höheren Beamten und Gäste ihre Plätze, an der zweiten essen die übrigen Angestellten, die nach Beendigung der Mahlzeit die Halle verlassen.

An der Haupttafel dagegen, namentlich wenn Gäste anwesend sind, rücken später die Herren zwanglos zusammen und pflegen bei einem Glase des in diesem Klima so wohlthätigen, sogar nothwendigen portugiesischen Landweines und einer Pfeife Tabak anregender Unterhaltung. Der Chef des Hauses und sämmtlicher dazu gehöriger Factoreien, Herr A. de Bloeme, und sein Vertreter Herr de la Fontaine-Verwey, sowie die Vorsteher der verschiedenen Departements: die Herren Anema, Gray, Consul van Wettern, W. Develle (ein Landsmann aus Köln) leisten den Gästen in liebenswürdigster Weise Gesellschaft. Besucher von anderen Factoreien finden sich ein sowie Capitaine und Ingenieure von eingekommenen Schiffen. Zur günstigen Zeit trifft man in Banana auch wohl Beamte des Hauses, die sonst in fernen Factoreien und Plätzen leben: Herrn Greshoff aus Boma, Abtheilungschef der Factoreien am oberen Congo, Herrn Consul Niemann, die gleiche Stellung zu St. Paul de Loanda in Angola bekleidend; Herrn Reïs aus Ponta da Lenha, früher am Kuilufluß; Herrn Kamerman aus Ambriz, einst getreuer Nachbar unserer Station Tschintschotscho; Herrn Chaves von Muanda, den unverwüstlich fröhlichen Sänger der Küste. So begegnet man unverhofft wieder manchen lieben alten Bekannten, darunter lebensfrischen Männern, die länger denn ein Jahrzehnt an der Küste heimisch sind und von Afrika nicht lassen. Unter solchen Umständen wird die Unterhaltung ungemein lebhaft. Zustände und Ereignisse der Küste werden besprochen, Abenteuer erzählt, Erinnerungen ausgetauscht. Nicht selten herrscht in dem fröhlichen Kreise ein wunderbares Sprachgewirr, da oft holländisch, portugiesisch, deutsch, englisch, französisch zugleich gesprochen wird. Wer anderweitige Vergnügungen liebt, begiebt sich nach einem Nebengebäude, wo in großem luftigem Gesellschaftszimmer ein Billard und Pianino locken.

Auf unwillkommene Gäste ist das holländische Haus ebenfalls eingerichtet, wie eine an der Hafenseite verdeckt stehende kleine Batterie von Schiffsgeschützen beweist. Zur Zeit des Sclavenhandels haben die Eingeborenen trefflich gelernt, Raubzüge zu unternehmen. Noch vor drei Jahren wagten sie, eines Morgens in Canoes heranschleichend, einen Ueberfall auf die der holländischen unmittelbar benachbarte französische Factorei. Als Flußpiraten liegen sie immer auf der Lauer, um abgelegen im Fluß ankernde oder auf den Grund gerathene Handelsfahrzeuge zu plündern. Selbst wohlbewaffnete Schiffe haben sie anzugreifen sich erdreistet, und die Chronik des Congo berichtet von manchen Beraubungen und blutigen Vorgängen. Derartige Uebelthaten zu strafen und Sicherheit für den Handel zu schaffen, sind englische Kriegsschiffe zuletzt in den Jahren 1875 und 1877 mit Waffengewalt auf dem Congo vorgegangen.

Freilich läßt sich damit nicht viel erreichen. Denn das von Wasseradern durchzogene versumpfte Waldland der Niederung bietet dem mit Canoes, Steinschloßflinten und Pulver reichlich versehenen Raubgesindel ausgezeichnete Verstecke, sowie zahllose Wege zur Flucht. Durchstreift man zu Boote die Niederung oder befährt auf Dampfern den Hauptstrom, so lernt man die Schwierigkeiten der Aufspürung und Verfolgung vollauf würdigen.

Den Altwasserarm einige Kilometer weit hinabfahrend und dann um den mit stattlichen Mangroven bestandenen Bulambemba Point (etwa: Echospitze) nach Osten biegend, hält sich der Dampfer an der Nordseite der vier bis acht Kilometer breiten Wasserfläche, die zu beiden Seiten von dunklen Wäldern begrenzt wird. Als schlanke, dreißig Meter hohe Bäume oder als undurchdringliches Gebüsch beschatten Mangroven den Sumpfboden, alle übrigen Holzgewächse ausschließend. Pandanusforste umsäumen die wirren Bestände. Auf Strecken festeren Bodens, wo das Schwemmland über den mittleren Stand des Wassers emporgewachsen ist, haben sich an Stelle der zu Grunde gegangenen Rhizophoren buschreiche Waldwiesen gebildet, geschmückt mit Gruppen anmuthiger wilder Dattelpalmen und stattlicher Wollbäume; selbst breitästige Affenbrodbäume haben hier und dort Raum gefunden. Schön blühende Hybiscusbüsche und großblätterige Ficusarten umkränzen das Ufer und hängen ihr Gezweig in das rasch strömende Wasser. Schlinggewächse überspinnen Busch und Baum. Allenthalben öffnen sich Buchten und Einschnitte an den nur durch die Vegetation kenntlich gemacht[en] Uferstrecken, und Seitenwasser zweigen sich ab, die man in der Regel erst entdeckt, wenn Canoes in dem Pflanzengewirr ein- und ausschlüpfen.

In ruhiger Fahrt immer dem Nordufer folgend, passirt der Dampfer zwei dem Ufer angeschmiegte Inselchen, die Kalb- und Bulleninsel; auf letzterer sieht man im glücklichen Fall das erste Krokodil, ein wohlbekanntes, ziemlich großes Thier, welches die westliche Sandspitze seit vielen Jahren zu seinem Ruheplatz erwählt hat.

Man bemerkt überhaupt auffallend wenige Thiere. Affen zeigen sich kaum noch an den Verkehrswegen in der Niederung, die Hippopotamen haben sich in entlegene Canäle zurückgezogen. Selbst die Vogelwelt ist recht arm. Der gemeine angolensische Adler hockt hier und dort auf einem Aste oder streicht trägen Fluges über den Fluß, etliche Gänse und Enten ziehen vorüber, ein Schlangenhalsvogel oder Reiher wird aufgetrieben. Lärmende Graupapageien kreuzen, namentlich des Morgens, von Ufer zu Ufer, und ein Schwarm grüner Tauben schwirrt gelegentlich am Waldrande hin. Oberhalb der Mangrovenbestände, wo der Fluß inselreicher, die Landschaft offener wird, erscheint vor allem das Wassergeflügel zahlreicher und man erblickt öfters abseits rastende, jedoch sehr wachsame Krokodile, die in der Regel eilig in das Wasser gleiten.

Nichtsdestoweniger bleibt die Reichhaltigkeit des Thierlebens hinter aller Erwartung zurück, und wer die Jagd mit einigem Erfolge betreiben will, muß zu Boote die Seitengewässer aufsuchen, obwohl auch dort alles Wild sich schell verbirgt und schwierig zu erlegen ist.

Stromauf von der Bulleninsel tauchen an beiden Ufern im gelichteten Walde neu angelegte kleine Factoreien auf. Die Oertlichkeiten, von Wasser und Sumpf umgeben, besitzen nichts Einladendes. Vor zwei Jahrzehnten noch standen an diesen Stellen die Gehöfte von Sclavenhändlern. Von hier aus konnten sie den Congo bis zur Mündung überblicken und, wenn englische Kreuzer ihnen den Weg versperrten, ihre mit Menschen befrachteten Fahrzeuge durch Canäle der nördlichen Niederung ungesehen bis an das Meer schaffen.

Nun beginnen Bänke und Inseln das Fahrwasser zu beschränken, und der Dampfer hat Umwege einzuschlagen. Die Lage der Untiefen verändert sich überdies rasch und wechselt fast mit jedem Hochwasser; selbst Inseln verschwinden in wenigen Jahren und entstehen wieder ebenso schnell an anderen Orten. Von den schwindenden Inseln und Bänken wie von unterwaschenen Uferstrecken heben die Fluthen die des Haltes beraubte Vegetation ab und tragen sie mit sich hinaus in das Meer. So entstehen die vielgenannten schwimmenden Inseln des Congo, die zuweilen bis hundert Schritt im Durchmesser halten mögen, in der Regel aber viel kleiner sind. Es sind in der Hauptsache hohe Gräser und Büsche, die, durch ihr Wurzelgewebe verbunden, aufrecht wie sie wuchsen von dannen treiben. Größere Bäume finden natürlich in der schwimmenden Pflanzendecke keinen Halt, sondern sinken um; doch sieht man bisweilen über armdicke Bäume Wind und Wellen zum Trotze das Gleichgewicht bewahren.

Flache, mit hohen Gräsern und verstreutem Gebüsche bestandene Inseln zur Rechten lassend, läuft der Dampfer in den nördlichen Arm des Hauptstromes, der hier immer noch die Breite [488] des Rheins bei Köln besitzt. Das nördliche Ufer trägt vielartiger werdende Bewaldung, die namentlich reich an Wein- und Oelpalmen ist. Zur Rechten erscheinen am Uferrand der grasigen Insel drei einsame Oelpalmen; ihnen gegenüber, noch hinter einer Waldecke verborgen, liegt Ponta da Lenha: der Holzort. Es wird, je nach Wind und Wasserstand, in vier- bis f[ü]nfstündiger Fahrt von Banana erreicht. Bis dorthin können große Seeschiffe bequem gelangen; im Jahre 1874 dampfte ein deutsches Kriegsschiff bis zu diesem Punkte: die „Gazelle“, unter Freiherrn von Schleinitz.

Zur Zeit des blühenden Sclavenhandels zählte Ponta da Lenha über ein Dutzend großer Gehöfte, die in länger Reihe am Flusse auf einer künstlich erhöhten und durch Pfahlwerke geschützten Uferleiste errichtet waren. Gegenwärtig finden sich daselbst noch drei Factoreien.

Trotz der starken Verpfählungen unterwäscht der Strom das Ufer; vor einigen Jahren wurde ein Theil einer portugiesischen Factorei plötzlich hinweggerissen, und ein französisches Haus, das gleiche Schicksal befürchtend, hat vor anderthalb Jahren den Platz verlassen. Ponta da Lenha ist von Wasser und Sumpf umgeben und wird nicht selten überfluthet; Morast und Wasserläufe trennen die einzelnen Häuser, sodaß der Verkehr sich gewöhnlich auf Booten oder Canoes vollzieht.

Trotz der bedenklichen Lage ist der Ort nicht in besonderem Grade ungesund, weil vom Flusse her frische Luft die Baulichkeiten durchstreift. Aber seine goldenen Tage sind vorüber; die Stätte ist leer geworden, und nur die Tradition berichtet noch von dem übermüthigen Treiben, das einst hier herrschte.

Der schmucken, durch eine schöne Bananenallee ausgezeichneten holländischen Factorei liegt die englische von Hatton und Cookson unmittelbar benachbart. In letzterer haust Herr Cobden Phillips, ebenfalls ein altbewährter Freund der deutschen Loango-Expedition. Er ist ein Gelehrter und Künstler in der Wildniß, der nach des Tages Arbeit frisch und fröhlich nach seinen Büchern und Instrumenten oder nach der geliebten Geige greift. Gar wunderbar muthet es an, wenn in stiller Abendstunde von der Veranda die verständnißvoll vorgetragenen Weisen unserer Classiker über den leise rauschenden Strom und in den Sumpfwald hinausklingen. Dann halten wohl auch passirende Eingeborene mit Rudern inne und lauschen im treibenden Canoe den Tönen eines Concertes von Mendelssohn oder einer Violinsonate von Bach, wo zur Sclavenzeit der Zecher wüster Lärm erschallte.

Von dieser Gegend aufwärts theilen mehrere Inselreihen den Congo in drei Hauptarme, die Fahrzeugen mittlerer Größe hinreichende Tiefe bieten. Die Dampfer verfolgen in der Regel den in der Mitte liegenden, um in abermals vier bis fünf Stunden Boma zu erreichen. Eine große Anzahl keiner Factoreien liegt versteckt an den Seitengewässern.

Man erblickt hier die letzten Mangroven, die bereits recht kümmerlich aussehen, weil das Wasser, das ihre Wurzeln umspült, kaum noch brackisch ist. Auch der geschlossene Urwald tritt zurück; nur hier und dort ziehen sich Waldstreifen entlang oder erheben sich Baumgruppen, während die Ufer noch vielfach mit dichtem Gebüsch bekleidet sind.

Aber auch dieses wird spärlicher und an seine Stelle treten die hohen Halmgräser, die den größten Theil des flachen Geländes in unbestrittenen Besitz genommen haben; unter ihnen zum ersten Male der classische Papyrus, dessen unzugängliche Horste die versumpften Bodenstrecken beherrschen, dessen geschmeidige Schäfte das treffliche landesübliche Baumaterial bilden. Die waldscheue, vom Meeresstrande bekannte Fächerpalme findet hier wiederum die Bedingungen ihres Gedeihens und überragt vereinzelt oder in lockeren Hainen die hohen Grasbestände. Allenthalben treiben schwimmende Inseln, deren hauptsächliche Geburtsstätte zur Zeit des Hochwassers gerade in diesem Gebiete zu suchen ist.

Fast unbehindert schweift der Blick weithin über die von unzähligen großen und kleinen Wasseradern durchzogenen Gelände der breiten Niederung bis zu den fernen Uferhöhen. Diese leiten ostwärts zu den Hochlanden des Congo über, die nach kurzer Fahrt oberhalb Ponta da Lenha in Sicht treten. Diese Landschaft ist auf dem beigegebenen Bilde dargestellt.

Nicht wie ein mächtiges Gebirge, sondern als Ketten gerundeter Hügel begrenzen sie die Landschaft, deren Hauptreiz lediglich der vielfache Wechsel zwischen Festem und Flüssigem sowie die ausgeprägte Herbststimmung bildet, welche ihr während der Trockenzeit die mit Ausnahme des Papyrus abgestorbenen Gräser verleihen.


  1. Eine Baumart, die in tropischen Küstengegenden auf Bodenstrecken gedeiht, welche von Brackwasser bespült werden. Der Stamm der Mangrove wird von einem oft grotesk gestalteten Wurzelgerüst getragen, welches bis mehrere Meter hoch über dem Schlamm frei emporragt. Von dem Gezweig hängen Luftwurzeln nieder, die jedoch nicht, wie vielfach geschildert wird, zu neuen selbstständigen Pflanzen auswachsen.