In Friedrich Rückert’s Haus/1

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: In Friedrich Rückert’s Haus/1
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 105–107
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
1. Der letzte Gang zum Alten
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[105]
In Friedrich Rückert’s Haus.
Von Friedrich Hofmann.
1. Der letzte Gang zum Alten.


Am Morgen des letzten Tags vom Januar ist der letzte große Dichter aus der Glanzzeit deutscher Geistesblüthenpracht von uns geschieden. Friedrich Rückert starb zu Neuseß bei Coburg, nahe an der Vollendung seines achtundsiebenzigsten Jahres.

Es wäre Versündigung, am Grabe eines solchen Todten die gewöhnliche Klage der Trauer zu erheben, wie freudig wir auch die so sehnlich erhoffte Kunde begrüßt hätten, daß das jugendfrische Auge des greisen Dichters einem neuen Frühling lebensfroh entgegensehe. Heilig sei uns der Schmerz seiner Lieben; aber wem die Früchte eines Lebens, das vom 16. Mai 1788 bis zum 31. Januar 1866 währte, als das unvergängliche Vermächtniß desselben an ein großes Volk vor Augen stehen, der versinkt nicht in unfruchtbares Klagen, sondern den drängt es, des Vollendeten würdige Entschlüsse in’s Leben zu rufen.

Als der Nachhall von den Todtenglocken zu Neuseß durch Deutschland drang, in wie vielen Herzen erweckte er die dankbare Trauer der Liebe und Verehrung? In Tausenden, gewiß; aber für Millionen läuteten die Glocken vergeblich; sie hatten nichts mit verloren, des Dichters Name war ihnen ein fremder Schall. Das ist ein schwerer Vorwurf für den Bildungsstolz der Deutschen, hier hat die Klage das Recht, laut zu werden über den Frevel, den man am Volke begeht, wenn man ihm die Pforten des Ewigschönen verschließt, seine Erkenntniß nicht hinführt bis zum Mitgenuß der reichsten, erhebendsten, erquickendsten Schätze des deutschen Geistes, wenn das werthvollste Gemeingut der Nation nur den Glücklicheren zugänglich ist, welche wohlhabend genug sind, um sich mehr Kenntnisse zu verschaffen, als der Staat und die Hüter der Volksschule für diese zu verordnen für gut finden. – Hier öffnet sich für den wahren Volksfreund ein Feld des segensreichsten Wirkens. Gebt unsere großen Dichter ihrem Volke! Labt ihm das an geistiger Noth darbende Herz, klärt ihm den in der Sorge des Alltags verdunkelten Blick! Oeffnet ihm die Halle des verschlossenen Geistes, wenn ihr nach nationaler Macht und Freiheit strebt, denn nur „Kenntniß ist Macht“ und „nur die Wahrheit wird uns frei machen!“

Von allen deutschen Dichtern bieten nur Wenige dem Volke einen solchen Reichthum von Erhebung und Erquickung, Belehrung und Ermuthigung, wie Friedrich Rückert, und dies Alles in den dem Volke geläufigsten Formen des Lieds, des Spruchs und der Erzählung, und Alles aus dem Volksherzen, ja aus den Herzen vieler Völker erforscht und ausgewählt und dem deutschen Volke heimgebracht in den schönsten Lauten seiner Zunge und in der begeisternden Sprache der Götter, die nur große Dichter reden. Allen, Allen hat er Etwas mitgebracht. Wir dürfen’s hier wiederholen, was wir dem Lebenden zur Ehre gesagt: Wenn er an dem Fenster seiner Wohnung stand und über die Blumen seines Gartens hinübersah zur Landstraße, die der rege Verkehr der Welt belebt, so hätte er wohl sich rühmen dürfen: Dort geht Keiner, der nicht eine Gabe von mir empfangen hat. Ich gab den Jünglingen Lieder der Ehre, ich gab den Jungfrauen Lieder der Liebe, den [106] Männern und Frauen gab ich Sprüche der Weisheit, ich habe die Greisen nicht mit Gebeten voll Trost und Erhebung vergessen, und den Kindern schenkte ich die Märchen zum Spiel.

Die Gartenlaube ist durch das Vertrauen, das die Nation ihr so treu bewahrt, zu der Aufgabe verpflichtet, die höchsten Träger deutscher Ehre dem Volke im reinen Lichte der Wahrheit zu zeigen; diese Verpflichtung wird eine umso gebietendere, jemehr die Feinde alles Vorwärtsstrebens der Völker im deutschen Geist zugleich den Geist der Freiheit verfolgen. Lernen wir von unseren Feinden und predigen wir’s unserm Volk zu jeder Stunde, daß nur ein freier Mann auch ein wahrhaft deutscher ist und daß Alles, was deutsch ist, frei sein muß!

Schon einmal (1863) hat die Gartenlaube mich mit dem Auftrag beehrt, Friedrich Rückert als Dichter und Menschen darzustellen; damals feierten wir mit jenem Artikel den fünfundsiebenzigsten Geburtstag des noch in frischer Kraft lebenden Mannes. Heute, wo der grüne Hügel seinen ewigen Schlummer deckt, zieht es mich noch einmal zu dem Heiligthum des Hauses hin, wo er als Vater, als liebereiches, ehrwürdiges Haupt seiner Familie gewaltet hat. Ich will’s versuchen, dieses Familienbild so heiter und rein wieder zu geben, wie der Geist ist, der in allen Werken des Dichters sich wiederspiegelt, und der Geist war, der sein gastliches Haus so schön und glücklich machte.


Vom Schlosse Kallenberg, dem Lieblingssitze des Herzogs Ernst von Coburg, herab durch den prächtigen Parkwald in einem milden Augustregen am Arme seiner Frau zu lustwandeln, macht Leib und Seele munter; als wir aber aus dem Walde heraustraten und das Rauschen der frischaufathmenden Blätter, die unter der Last ihres Perlenschmucks nickten und trieften, hinter uns verschwand, fing es an weniger schön zu werden. Der Regen hatte den Fußpfad der Chaussée nach Coburg aufgeweicht und fiel in ausgiebigeren Tropfen nieder, so daß die Regenschirme sich satt getrunken hatten, als wir zu den ersten Häusern von Neuseß kamen. Die Schritte beflügelnd suchten wir nach einem Gartenpförtchen linker Hand, um – wir durften es schon wagen – in Rückert’s gastfreundlichem Hause vor dem Unwetter ein wenig unterzutreten. Da war’s erreicht, wir huschten durch den Gras- in den Blumengarten, durch die Veranda in die Hausflur.

Fräulein Marie Rückert, die seit der Mutter Tod die Pflichten einer waltenden Hausfrau auf sich genommen, begrüßte uns mit herzlicher Freude und führte uns in die trauliche Familienstube zu ebener Erde, unter deren Fenstern der kleine, klare Lauterfluß vorüberrauscht. In dem sonst so stillen Raume, seitdem die übrigen sechs Kinder des Hausvaters, fünf Söhne und eine Tochter, sämmtlich eigene Heerde gegründet, war heute wieder ein Bildchen des alten Lebens eingezogen. Der jüngste Sohn des Hauses, in preußischen Diensten, war da mit der junges, blühenden Gattin und dem ersten Kindchen. Diese kleine Enkelin des Dichternestors lag, mit den eigenen Händchen spielend, im Korbwagen und kümmerte sich nichts um die neue Gesellschaft.

Die Schauer des durchnässenden Regens waren bald überwunden, Fräulein Marie hatte für ein Frühstück gesorgt, aber dabei für noch Etwas, denn als wir uns eben um den großen Familientisch niedergelassen hatten, trat mit noch immer rüstigem festem Schritte der Herr des Hauses ein.

„Das war schön von dem Regen, daß er Sie hereingetrieben hat,“ lautete sein Willkommen. Nur meine Frau durfte sich einiges Bedauertwerdens erfreuen. Es war eine Herzenslust, zu dem ehrwürdigen, hohen Greis hinaufzuschauen, dessen Nacken die letzten Krankheitsstürme freilich ein wenig gebeugt hatten, aber dessen jugendfrischem Augenstrahl sie nichts hatten anhaben können.

Die äußere Erscheinung Friedrich Rückert’s war immer, soweit ich mit seinem Bilde in die Erinnerung zurückgehen kann, eine imponirende. Er war von sehr hoher Gestalt, die dadurch wenig verlor, daß er das Haupt etwas vorgebeugt, wie alle Denker, zu tragen pflegte – „die volle Aehre beugt den Halm“. Sein Antlitz ist wohl aus zahlreichen Portraits im Allgemeinen bekannt, oft aber nur am langen, in der Stirnmitte gescheitelten Haare kenntlich; den Ausdruck der Augen gab keines wieder. Sie lagen tief unter der mit den starken Brauen hervortretenden Stirn und waren der wunderbar klare, ausdrucksvolle Spiegel seiner Seele. Ihr freundlicher Blick war bezaubernd; sicherlich sprachen sie auch im Zorn gewaltig mit. Seine Kleidung war einfach und bequem und so, daß sie ihm gestattete, ohne Umkleidung auch in den Garten oder auf seinen „Goldberg“ oder auch bis in den Park des Kallenberg zu wandeln, dazu eine bequeme Mütze mit großem Schild, anders hab’ ich ihn nie gesehen. In seiner Jugend trug er den damals üblichen altdeutschen Rock; aus seiner römischen Zeit sah ich einmal ein Bildniß, auf welchem er einen schönen Schnurrbart trug. Dieser fiel später weg, das lange Haar nahm er mit in’s Grab. Sein Greisenhaupt, und zwar wenige Tage vor seinem Tode gezeichnet,[1] theilt die Gartenlaube in einer der nächsten Nummern mit.

Auch Rückert’s häusliche Gewohnheiten und Bedürfnisse waren sehr einfach und für seine Stellung im Leben fast anspruchslos. Er stand früh auf und brachte den Vormittag meist in der Studirstube zu, die für alle Besuche ein verschlossenes Heiligthum war. Hier lag er seinen ernsten Arbeiten ob, die in den letzten Jahren meist die morgenländischen Sprachen und Literaturen betrafen, für die ihm ein reicher, gelehrter Apparat zu Gebote stand. Es mußte eine ganz besondere Veranlassung sein, die ihn bewog, das Arbeitszimmer zu verlassen, wenn ihn nicht die eigene Lust in’s Freie zog. Desto geselliger war er stets am Mittagstisch, den er gern belebt hatte, wie er es bei seiner zahlreichen Familie gewöhnt worden war. Hier ließ er den Grundzug seines Wesens, eine edle Heiterkeit, gern walten und war dem guten, reinen Scherze hold, obwohl er jeden ernsten Gegenstand ebenso gern erfaßte, wenn er etwas Rechtes bot. Nach Tische folgte er dem Gang der Unterhaltung noch eine kurze Zeit, dann ging er, ohne die Uebrigen zu stören. Man wußte, daß sein Schlafstündlein ihm Bedürfniß war. Um drei Uhr war der Kaffeetisch bereit, in der schönen Jahreszeit im Garten zwischen wohlgepflegten Blumen, und dann war es auch wo die meisten der vorüberfliegenden Besuche Zutritt hatten. Auch die Freunde und Verwandten aus der Stadt stellten sich häufig, manche sogar regelmäßig, dazu ein.

Es bedarf kaum der Bemerkung, daß diese Kaffeestündchen fast immer ein köstlicher Schatz geistreicher und oft der vielseitigsten Unterhaltung würzte, aus welcher nicht nur die Gäste bleibende Erinnerungen mit forttrugen, sondern die auch für Rückert belebend und anregend waren, so daß sie ihm, in Verein mit den Zeitschriften, die er in ziemlicher Anzahl hielt, den Aufenthalt in einer Stadt ersetzten. War Rückert nicht durch Gäste gebunden, oder wollte er sich nicht binden lassen, so wandelte er Nachmittags, mit leichter Lectüre in der Tasche, auf seinen „Goldberg“, einen etwa zehn Minuten von Neuseß im breiten Wiesenthale aufwärts liegenden kleinen parkartig bewaldeten Hügel, auf welchem er sich ein geschmackvolles Schweizerhäuschen gebaut hatte. Die Abende waren wieder dem häuslichen Familientisch geweiht, den er, auch wenn übernachtende Gäste an ihm Theil nahmen, verließ, sobald seine bestimmte Schlafstunde nahte.

Gegen Besuche, weß Standes sie auch waren, konnte Niemand sich tactvoller benehmen, als Rückert. Gegen Fremde war er gemessen, obwohl fern von jeder zurückstoßenden Kälte; sein Menschenkennerblick erkannte bald genug, wen er vor sich hatte, und darnach richtete sich seine eigene Wandelung. Wenn ihn aber Menschen begrüßten, die er lieb hatte, so ließ er aller Herzlichkeit seiner biederen fränkischen Natur freien Lauf – und zu diesen Glücklichen, denen er eine treue Zuneigung bewahrte, gehörten wir.

Es entspann sich nun, was sich von selbst verstand, eine höchst belebte Unterhaltung, an welcher auch ein Freund und Altersgenosse des anwesenden Sohnes Rückert’s, und ebenfalls Gast des Hauses, Antheil nahm und die häufig in eine ältere und jüngere Gruppe zerfiel, namentlich während Rückert und ich uns unsere politischen Sorgen mittheilten.

Der wiedererstandene „Freimund Reimar“ lebte wegen seiner neuen geharnischten Lieder noch im besten Andenken, als das jüngste seiner Zeitgedichte, auf Lincoln’s Tod, eben zur Zeit meines Besuchs durch viele Blätter lief. Meine Hindeutung darauf führte uns von selbst auf das zerrissene Feld des Tageshaders. Rückert mit seinem ebenso freien wie gerechten Herzen warf nicht, wie es so gern verbitterte Kämpfer aus der alten Zeit thun, den Stein auf das Volk der Gegenwart, nur die Hauptrichtung der Zeit beklagte er.

„Das zu einseitig materielle Streben läßt keine wahre Begeisterung für hochgesteckte Ziele aufkommen, und wo die Begeisterung [107] fehlt, da suchen wir auch die Aufopferungsfähigkeit vergebens.“ Er verglich die gegenwärtige Bewegung mit jener der Befreiungskriege, wo die Begeisterung alles Volk vom Greis bis zur Jungfrau und zum Knaben durchdrungen habe, – „und wenn ich auch den Unterschied der Zeiten und Ziele berücksichtige, so bleibt das Eine doch ein schlimmes Zeichen, daß gerade in der Jugend, und besonders im größten Theil der studirenden, das Ideale gescheut, wenn nicht gar belächelt wird.“ Die Schleswig-Holsteiner nahm er aus, die ihren besseren Geist auf den Schlachtfeldern gezeigt hätten und für die er seine Sympathie ja öffentlich genug ausgesprochen hat. Daß er den Bestrebungen des Nationalvereins zugethan war, ist wohl bekannt. „Den Nordamerikanern,“ sagte er im Verlaufe des Gesprächs, „habe ich lange Zeit, als eitel geldmachenden Menschen, trotz des vielen Vortrefflichen ihrer Staatseinrichtungen, nicht viel zugetraut, wenn sie sich einmal in einem großen Kampf bewähren sollten. Jetzt ziehe ich den Hut vor diesem Volke. Es hat sich eben in wahrhaft antiker Großartigkeit gezeigt, daß die Freiheit fähig ist, Menschen zu erziehen, die bei aller materieller Betriebssucht im Frieden, wenn es ihr Höchstes, das Bestehen ihres Staates und ihre Unabhängigkeit gilt, zu bewunderungswürdigem Heldenthum sich aufschwingen können. Daß aber jeder ihrer Feldherren und ihrer Präsidenten nach vollbrachter Pflicht ein Cincinnatus ist, das ist mir das Höchste.“

Vom Schooß der jungen Mutter klang schon lange das liebliche, feine Stimmehen des Enkelkindchens zum Großvater herüber, und die Aermchen arbeiteten um so eifriger, je eifriger dieser sprach. Vor der Hand bestand das ganze Wörterbuch des fröhlichen Kindchens aus „Het-het-het!“ und doch drang diese einfachste Sprache so wirksam in die Herzen, daß die ganze Gesellschaft ihm lauschte. Und wie nun gar der glückliche Großvater! Da mußte ein Bißchen geherzt und gekost werden. Und welche Aeuglein leuchteten aus dem lieben Gesichtchen! Die vier Augen, die sich jetzt so selig anlachten, verriethen ihre Verwandtschaft deutlich genug.

Indeß war die Mittagszeit herangekommen, der Regen schlug noch kräftiger, als vorher, an die Fenster, er hatte sich, wie der Volksmund sagt, „völlig eingelegt“. Wir mußten da bleiben. Die Gesellschaft zerstreute sich, die Frauen halfen zur Herrichtung des Mittagstisches. Ich war mit Rückert bis zum Beginn der Mahlzeit meist allein.

Wie früher schon oft, lenkte sich unsere Unterhaltung auf einen uns Beiden theuren Mann, der Rückert’s Jugendgenosse und mir ein väterlicher Freund gewesen war, auf Karl Barth.

Den meisten Lesern der Gartenlaube wird dieser Mann vielleicht kaum dem Namen nach bekannt sein, obwohl er erst 1853 gestorben ist und in seiner Blüthezeit zu den besten Kräften seines Faches gehörte. In Rückert’s Gedichten steht folgendes Ghasel „an den Gevatter Kupferstecher Barth“:

„Wenn Du Dich gestochen müd’ am Stechtisch,
     Wie ich mich gesprochen matt am Sprechtisch,
Laß uns sitzen, sprechen und ausstechen
     Reinen Rheinweins eine Flasch’ am Zechtisch.
Freien Künsten stehen wir zu Diensten;
     Laß uns ihnen dienen nicht zu knechtisch!“

Dieser Künstler gehörte zu den seltenen Menschen an Begabung und an Charakter. Nur ein halbes Jahr älter, als Rückert, rief er 1812 in Frankfurt a. M. mit seinen damaligen Strebegenossen Cornelius, Xeller und Amsler die Idee einer nationalen Kunsterhebung in’s Leben und traf im Frühling 1817 mit Rückert in Rom zusammen. Dem dort geschlossenen Freundschaftsbunde sind Beide durch das ganze Leben treu geblieben. Später ließ er sich in Hildburghausen nieder, wo ich ihn achten und bewundern lernte. Nach seinem Tode – der ein gewaltsamer war: zu Guntershausen stürzte er sich in einem Anfall von Irrsinn aus einem Fenster und starb zu Kassel – erzählte man ein seltsames Begegniß zwischen ihm und dem Papst Pius dem Siebenten. Ich hatte es damals als Stoff zu einem Gedicht benützt, kam aber auf diesen Vorgang, den Barth selbst als ein heiliges Geheimniß bewahrt hatte, jetzt zurück, da ich gern Genaueres darüber erfahren hätte.

„Es war wohl ein tiefergreifender Augenblick, doch kann ich mich nicht mehr entsinnen, welche von den zahlreichen jungen Leuten, die wir damals in Rom zusammenlebten, dabei waren. Wir Schriftsteller, Wilhelm Müller, der Schwede Atterbom und ich, hielten uns zu den Künstlern, unter denen viele später weltberühmte Namen waren, wie Thorwaldsen, Overbeck, Amsler und selbst Cornelius. Barth war aber von Allen als der regsamste Geist anerkannt und hieß deshalb „der Wecker“. – Eines Tages schlenderte nun Barth mit einigen seiner deutschen Kunstgenossen, die man damals an ihrer Tracht, dem sogen. altdeutschen Rock und dem Barette sogleich als solche erkannte, die Via di San Croce entlang, als sie schon in der Ferne an der Bewegung der Menge bemerkten, daß ihnen Pius der Siebente von der Kirche Santa Maria Maggiore her entgegen komme. Da bei solchen Gelegenheiten der Papst dem Volke der Straße stets seinen Segen ertheilt, so weichen die Nichtkatholiken klugerweise solchen Acten nach irgend einer Seitengasse aus. Dies thaten jetzt auch Barth’s Genossen; nur er selbst war anderer Meinung. Er sprach: ‚Ei, was kümmert mich der Papst? Ich will sehen, wer mich hindert, ruhig meines Weges zu gehen.‘ Und so that er. Bald aber war er so dicht von Knieenden und von immer drohender Murrenden umgeben, daß er stehen bleiben mußte. So stand er denn, noch immer trotzig das Barett auf dem Haupte, da, als s der päpstliche Zug nahte. Als Pius der Siebente bis zu dem einzig Dastehenden und Hauptbedeckten herangekommen war, blieb auch er stehen und blickte ihn lange an. Dann sprach er zu ihm in mildem Ton: ‚Mein Sohn, wenn Du auch einem Glauben angehörst, welcher den Segen des Papstes verschmäht, so wird Dir doch der Segen eines Greises nicht schaden.‘ – Da sank Karl Barth in die Kniee und hielt das Barett vor die weinenden Augen, und Pius der Siebente segnete ihn als Greis, nicht als Papst.“

Wir schwiegen Beide, im Geist bei dem Bilde des armen Dahingeschiedenen. Erst nach einer Weile fuhr Rückert fort: „Sie wissen, daß Barth nicht fähig war, diesen Trotz gegen eine religiöse Sitte aus einem unlauteren Beweggrund auszuführen. Er that es aus der innersten Wahrhaftigkeit seines Wesens; des Papstes wegen die Straße meiden, hieß ihm so viel, als vom geraden Wege abweichen aus Feigheit oder Falschheit. Und ebenso war es nicht Schwachheit, die ihn vor dem Papst niederwarf, sondern die Wahrhaftigkeit seines Herzens gebot es ihm und er folgte ihr mit dem offenen Geständniß seiner Thränen. Ja, er war ein wunderbarer Mensch und verdiente wohl, daß auch die Gegenwart ihn recht genau kennen lernte: sie hat ihm Wenige an die Seite zu stellen.“

Rückert’s Freundschaft hatte offenbar in Barth auch den Dichter geweckt. Niemand hatte Rückert’s Werke gründlicher studirt, als er. In stundenlangem, gewandtestem und klarstem Vortrage, aber nur im Freundeskreise, konnte er über die Gesammt-Idee von Rückert’s Wirken, wie über jedes einzelne seiner Werke, jedes einzelne Gedicht reden, daß wir’s sehr oft bitterlich beklagten, daß dies Alles nur so verflog und nicht dem ganzen deutschen Volke zu Gute kommen konnte, wie es dessen würdig gewesen wäre. Und diese Begeisterung für den Dichter ward in ihm selbst zur Poesie. Als er den jüngsten Theil der „Oestlichen Rosen“ gelesen hatte (1822), schilderte er den Eindruck in einem längeren Gedichte, dessen Nachschrift mit der Strophe schloß:

„Ich dankte Gott ob solchem Hall,
Der Nacht zum Tage lichtet:
Schön ist’s doch auf dem Erdenball,
So lang’ so Einer dichtet!“

Und als ich 1853 Barth den „Weihnachtsbaum“ widmete, that ich’s mit einigen sich diesem schönen Gedanken anschließenden Versen, ohne zu ahnen, wie schon kaum mehr als zwölf Jahre später Beides vereint volle Geltung für den Mann haben solle, dessen Hausbilde wir diese Zeilen weihen: für Friedrich Rückert:

„Einst hat das beste Wort für Dich
Dein Freund an Dich gerichtet:
Wohl freuet man der Erde sich,
So lang’ so Einer dichtet!

Du standest auf der Menschheit Höh’n!
Seit Dein Geist uns entschwebte,
Da fühlen wir’s: wie war es schön,
So lang’ so Einer lebte!“

Wir müssen hier abbrechen; in einer der nächsten Nummern kehren wir noch einmal zu dem Haus des Dichters zurück, leider nicht blos zu erhebenden Erinnerungen, sondern hauptsächlich einer Versündigung wegen, mit welcher sich in jüngster Zeit die Presse am Heiligthum dieses Hauses vergangen hat.




  1. Von Carl Hohnbaum aus Hildburghausen, dem Sohne eines der treuesten Freunde Rückerts, der diesem Verhältniß wohl die seltene Gunst verdankte, daß der sonst für portraitirende Künstler schwer zugängliche Dichter ihm zu diesem vortrefflichsten von allen Rückertbildern saß.