In den Karpfenteichen in der Niederlausitz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. Edm. Beckenstedt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: In den Karpfenteichen in der Niederlausitz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 759–762
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[759]
An den Karpfenteichen der Niederlausitz.

Nicht mit den Reizen hoher landschaftlicher Schönheit geschmückt und von der Natur nicht mit reichem, ertragfähigem Boden gesegnet, hat die Niederlausitz erst spät sozusagen Stellung genommen unter den bevorzugteren Schwesterlandschaften Deutschlands. Und doch findet sich hier des Beachtenswerthen, ja Anziehenden gar Vieles. Hat doch an dem oberen und mittleren Laufe der [760] Spree, wenige Meilen von der Hauptstadt des deutschen Reiches entfernt, ein fremdes Volk seine Nationalität bewahrt, mit fremdem Gruße, in phantastischer Tracht schreitet noch heute die zierliche Wendin an uns vorüber. Unsere Teiche und Canäle zeigen gar manches idyllisches Bild, und die stolzen, hohen Bäume gewähren unseren Parks einen Schmuck, welcher wo anders nur selten in Kunstgärten gefunden wird, Muskau und Branitz aber, die Schöpfungen des Fürsten Pückler, des gewandten und feinsinnigen Schriftstellers, des großen Gartenkünstlers, welcher jetzt in der Mitte seiner letzten Schöpfungen in einer Pyramide seinen ewigen Schlaf hält, haben Weltruf.

Auch die Industrie der Niederlausitz hat sich von Jahr zu Jahr mehr emporgeschwungen. Unsere Teiche dienen nicht allein der Belebung und Verschönerung der Landschaft, ihr Zweck ist ein wesentlich praktischer. Die dortige Karpfenzucht hat große Resultate aufzuweisen; in Hamburg, um nur ein Beispiel anzuführen, besiegte der Spreewaldkarpfen den böhmischen.

Die sogenannte Karpfenbörse hat in Cottbus ihren Sitz. Jährlich, nämlich am ersten Montag des Cottbuser Herbstmarktes entwickelt sich im Hôtel Ansorge daselbst, dessen Ruf anerkannt ist, ein rühriges Leben. Die Fischhändler aus Halle, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Posen – wer nennt die Städte, nennt die Namen alle? – unter ihnen Firmenvertreter wie Kaumann-Berlin, F. J. Meyer-Hamburg, der „Karpfenkönig“ Fritsche, haben sich aus den verschiedensten Weltgegenden herbegeben und warten der „Karpfenbarone“. Mit diesem Namen bezeichnet man Züchter ersten Ranges, wie Mende-Dobrilugk, dem Niemand den Ruf streitig macht, die größten Karpfen zu züchten, von Löwenstein und Faber mit je 6 bis 800, Berger-Peitz mit mindestens 2000 Centnern. Diese Herren tagen in einem gesonderten Saale als Fischereiverein unter der sachkundigen Leitung des Herrn von Treskow, um die Fragen des Tages zu besprechen und annähernd den zu fordernden Preis für den Karpfen zu bestimmen. Nachdem dieses Geschäft erledigt, beginnen die eigentlichen Abschlüsse. Das Gewicht nur der Karpfen aus der Nieder- und Oberlausitz, welche durch ihre Züchter in Cottbus auf der Börse repräsentirt werden, beträgt 8 bis 10,000 Centner, die Zahl der Fische 2 bis 300,000.

Schon diese einfache Thatsache dürfte zur Vergleichung mit den Leitungen der künstlichen Fischzucht, für welche so viel Interesse gezeigt wird, anregen. Bekanntlich ist die Hebung der Fischzucht seit den Schriften des Professor Coste vom Collége de France ein Tagesthema geworden, und wenn auch die glänzenden Resultate, welche man in Aussicht stellt, die Flüsse, Teiche und Seen mit Fischen zu beleben, für Frankreich nur zum geringen Theil erreicht worden sind, so arbeitet doch die von der französischen Regierung zu Hüningen errichtete Musteranstalt unter deutschen Beamten erfolgreich weiter, und der deutsche Fischereiverein sucht Interesse für Hebung der Fischzucht in allen Kreisen unserer Bevölkerung zu erwecken. Ob die Erfolge den Erwartungen entsprechen werden, das muß freilich die Zeit lehren. Bis jetzt sind eigentlich nur in der künstlichen Zucht der Edelfische Erfolge zu verzeichnen; es scheint, als ob die Edelfische eine zwar willkommene Bereicherung unserer Flüsse sein werden, aber die Salmoniden allein werden schwerlich je ein preiswerthes Nahrungsmittel für das Volk abgeben können. Der Fischereiverein wird besonders auf Reform der Gesetze zu sehen haben; es ist im Fischhandel noch manches von der Willkür des Einzelnen abhängig, denn während in Berlin jetzt fleißig Aale confiscirt werden, weil sie die gesetzmäßige Größe nicht haben, erkennt man in Pommern, woher circa 90 Procent der in Berlin zum Verkauf gestellten Aale kommen, nicht nur die dort verpönte Größe willig als Verkaufsgröße an, sondern verpachtet auch für wenige Groschen in der Winterzeit Eisen zum Fang von Aalen an Jedermann; es wird bei diesem Aalfang unter dem Eise die gesetzliche Größe der Fische natürlich nicht untersucht.

Indeß wir kehren zur Niederlausitz zurück und erfreuen uns der Ergebnisse der natürlichen Fischzucht, welche still und geräuschlos, wie alles wahrhaft Tüchtige, auf eigenem Wege zu ihrer jetzigen Höhe gelangt ist. Und wie viele Vorurtheile waren zu beseitigen, wie viele Anschauungen, welche sich in naturwissenschaftlichen Werken breit machen, zu bekämpfen, wie viele Erfahrungen zu sammeln, bevor es die Lausitz dahin bringen konnte, ihrem Culturfisch, dem Karpfen, sein über ganz Deutschland sich erstreckendes Absatzgebiet zu sichern!

Doch begeben wir uns nun zu diesen Teichen, um an Ort und Stelle Einblick in Zucht und Fang zu nehmen! Die genannten Teiche, einige siebenzig an der Zahl, gebieten über eine Wasserfläche von circa 5000 Morgen und liefern jetzt einen Ertrag von etwa 2000 Centner jährlich.

Sehen wir uns zuerst einen der kleinen Teiche, einen sogenannten Streichteich an! In ihm setzt eine bestimmte Anzahl von Milchnern und Rögnern den Samen ab. Besondere Sorgfalt erfordert hier die Behandlung des Teichbodens, welcher am besten durch vorausgegangene Bestellung entsäuert und nahrungsreich gemacht wird: es ist zu wünschen, daß er vor dem nachtheiligen Einfluß des Windes geschützt ist. Er ist absolut hechtfrei zu halten und empfängt gern einen großen Theil seines Wassers direct vom Himmel; denn Himmelsteiche sind in der Regel die besten Streichteiche. War der Boden nun nicht zu nahrungsreich, haben Wind und Wetter sich als nicht ungünstig erwiesen, so wird die kräftige Brut im nächsten Frühjahr in den Streckteich versetzt. Im Herbst nämlich ist ein Transport der jungen Karpfen mit Gefahr verbunden; übersteht doch kein junges Exemplar die Gefahren des Winters, wenn ihm bei dem Umsetzen die Schuppen verletzt werden, selbst wenn die Beschaffenheit des Teiches ein noch so bequemes Winterlager gewährt. Der Streckteich, in welchem der Karpfen so weit heranwachsen soll, daß er im Abwachsteich marktfähig wird, hat ihm möglichst nahrungsreichen Untergrund zu bieten. Ist der Karpfen im Laufe des Sommers genügend gestreckt, also gewachsen, so übergiebt man ihn im nächsten Frühjahr dem Abwachsteich, in den meisten Fällen aber muß er noch einen zweiten Sommer sich strecken, und dann wandert er in den Streckteich zweiter Ordnung. Im Abwachsteich, welcher unter allen Teichen die größte Wasserfläche umfaßt, werden nur noch 20 bis 40 Karpfen auf den Morgen eingesetzt und zwar mit einem Beisatz von anderen Fischen im Verhältniß von etwa 1:20. In diesem Teiche nun spielt außer dem Karpfen der Hecht seine Hauptrolle; er ist, wie allgemein bekannt, das Factotum des Karpfenteiches. Mag es auch in das Gebiet der Sage gehören, daß der Hecht dem trägen Karpfen Bewegung verschafft, sodaß dieser zu besserem Appetit gelangt, er ist unentbehrlich, weil er die wilden Fische tilgt, welche dem Karpfen die Nahrung schmälern, ihn am Streichen hindert, oder wo dies geschehen ist, die wilde Karpfenbrut beseitigt.

Wie fast alle Geschöpfe in der Jugendzeit die allerschwersten Krankheiten zu überstehen haben, muß auch der Karpfen bis zu dem Tage, welcher ihn dem Abwachsteiche zuführt, die meisten Fährlichkeiten überwinden. Im Abwachsteiche werden äußere Feinde ihm nur noch selten gefährlich – Fischotter zwar und Seeadler finden ihre Beute – aber Raubfische bedrohen ihn nicht mehr, und Schwan und Eisvogel, Enten und Taucher, Frösche und Unken sind nur dem Laich oder der Brut gefährlich. Auch Krankheiten stellen sich meist nur bei dem jungen Karpfen ein: Polypen machen einen Karpfen zur Aufzucht untauglich; Bandwürmer umschnüren seine Eingeweide, bis er abmagert und stirbt; Läuse quälen ihn oder führen die Wassersucht herbei. Aber auch das Wasser selbst kann ihm verderblich werden. Bedarf doch Zu- und Abfluß des Wassers absolut genauer Regelung, und auf correcte Spannung zu halten, ist eine der Hauptaufgabe der Teichbeamten; ein Graben, welcher schädliches Wasser zuführt, ein plötzliches Anschwellen des Teiches nach einem starken Gewitterregen, das Einschlagen des Blitzes in den Teich haben schon oft der Zucht bedeutenden Schaden zugefügt.

Doch der Herbsttag ist genaht, an welchem der Fang des marktfähigen Karpfens vor sich geht, und wir begeben uns zum Teufelsteich bei Peitz, dem größten der Domäne. Drei Wochen vor diesem Tage hat bereits das Ablassen des Teiches begonnen. An den tiefen Fangstellen hat während dieser Zeit absolute Ruhe zu herrschen, da sonst der feinhörige, furchtsame Fisch die tieferen Gräben, welche zur Fangstelle führen, nicht heruntersteigt, mithin der Fang ein überaus schwieriger und zeitraubender sein würde. Am Tage des Zuges selbst beginnen die Treiber am frühen Morgen die Gräben mit lautem Halloh entlang zu waten, bis die Fische auf die Fangstelle, welche circa einen Morgen Wasserfläche umfaßt, zusammen getrieben worden sind. Jetzt werden die Gräben mit Stellnetzen abgesperrt, und nun erst beginnt der [762] Fang. Zwei Watnetze, von je drei Fischern gehandhabt, liefern mit jedem Zuge etwa hundert Centner Karpfen. Die Fische werden in Kübeln zur Wiegstelle getragen und auf Platten ausgeschüttet. Sofort werden Hechte, Karauschen, Schleie etc. abgesondert, die kleinen Barsche aber, welche halbzerdrückt auf die Platte gelangen, können jetzt nichts Besseres thun, als mit Eleganz vom süßen Leben Abschied zu nehmen, um etwa Acker und Wiese zu düngen.

Von den Platten werfen vier geübte Hände die Karpfen in die Schale. Steigt der Centner bei einer gewissen Anzahl von Fischen, so wird mit äußerster Schnelligkeit der Inhalt der Schale einem Fasse anvertraut, welches auf einem Wagen steht; drei gefüllte Fässer geben eine Wagenladung.

Im schärfsten Trabe eilen nun die Pferde mit ihrer kostbaren Ladung dem Hammergraben zu, wo die Fische in „Dröbel“ umgeladen werden. Dröbel aber sind durchlöcherte, verdeckte Kähne, deren Oberfläche mit dem Wasserspiegel gleich ist; durchschnittlich fassen sie fünfundzwanzig Centner, und in ihnen werden die Karpfen in mühseliger Fahrt von wettergebräunten, abgehärteten Schiffern zum Schwielochsee geführt. Dort werden die Fische in größere Dröbel umgeladen, die je etwa hundert Centner fassen; im Schlepptau der Lastkähne erreichen diese nun in etwa einer Woche Berlin, in vier bis fünf Wochen aber erst Hamburg, Magdeburg etc. Während dieser ganzen Fahrt ist Aufmerksamkeit das oberste Gesetz der Dröbeltreiber und -begleiter. Nicht nur, daß die Fahrt namentlich nach und durch Berlin oft für die Treiber und Fische wegen zu vielen oder zu wenigen Wassers mit Gefahren und Opfern verbunden ist, es muß jeden Abend der ganze Karpfenbestand revidirt werden, jeder kranke oder todte Fisch aber ist zu entfernen; hin und wieder geschieht es auch, daß ein Dröbel zerschellt.

Wenn die erstaunlichen Resultate der natürlichen Fischzucht um so höher anzuschlagen sind, als sie den oft unbequemen Verhältnissen mühselig abgerungen werden müssen – betragen doch z. B. die Ausgaben des Peitzer Teichpächters etwa hunderttausend Mark – so weist doch die Lausitz noch ertragsfähigere Leistungen aus jenen Teichen auf, in welchen Goldfische gezüchtet werden. Besonders interessant aber sind die Resultate, welche der bekannte Züchter der großen Madnimaräne, Herr Rittergutsbesitzer Eckart in Lübbinchen, erzielt: in prächtig gewässerten Teichen, welche jetzt auch durch die in ihnen gefundenen Pfahlbauten bei Alterthumsforschern ihren guten Klang haben, spiegeln sich im Glanze der Sonne Goldfisch und Orfe, Forelle und Elritze, Lederkarpfen und Maräne, und wenn jetzt in Amerika die kostbarste aller Maränen, die Maräne des Madnisees, über welche in neuester Zeit die Regierung in Pommern Grenzsperre verhängt hat, gezüchtet werden kann, so ist es das Verdienst Eckart's, welcher zuerst angebrütete Maräneeier glücklich über den atlantischen Ocean gesandt hat. Wie dieser rühmlich bekannte Fischzüchter seine bewundernswerthen Resultate nur durch rastloses Probiren und Studiren erreicht hat, so werden wir, wollen wir Flüsse und Seen, Teiche und Aquarien reich und mannigfaltig beleben, rastlos zu arbeiten haben; denn die Bedingungen, unter welchen die verschiedenen Arten von Fischen gedeihen, sind zum größten Theil noch zu ergründen.

Der Staat aber wird auf die Fischzucht ein aufmerksameres Auge als bisher zu richten haben. Revision der Gesetze im Sinne des Praktischen und Nützlichen, Durchgreifen in der Handhabung dieser Gesetze in Bezug auf die wilde Fischerei, Beförderung der Zucht nicht nur des Edelfisches, Weisung an die Bahnen, möglichst billig und schnell zu expediren, vor Allem aber Errichtung von Probirstationen, womöglich in Verbindung mit den landwirthschaftlichen Akademien, endlich Heranbildung von erfahrenen Beamten und kenntnißreichen Berathern – das sind die Forderungen, welche wir im Interesse der Sache zu stellen haben.
Dr. Edm. Beckenstedt.