In welchem Reich geht die Sonne nicht unter?

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Autor: O. N.
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Titel: In welchem Reich geht die Sonne nicht unter?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 78
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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In welchem Reiche geht die Sonne nicht unter?

In meinem Reiche geht die Sonne nicht unter“ – fürwahr ein stolzes Wort, und zugleich der kühnste Traum aller hoffnungsvollen Kronprinzen. Zum erstenmale scheint der Ausdruck angewendet worden zu sein auf die einstige spanische Weltherrschaft, deren europäisch-amerikanisches Reich in der That eine Ausdehnung gewonnen hatte, die alles bisher Dagewesene in Schatten stellte. Ob aber die Gebietsteile der Spanier wirklich so lagen, daß jederzeit ein spanischer Unterthan die Sonne schauen konnte, wird neuerdings von den Gelehrten bezweifelt oder vielmehr widerlegt. Heutzutage dürften die Engländer die einzigen sein, die sich mit Recht der Unmöglichkeit eines Sonnenuntergangs in ihren Ländern rühmen können, wenn wir absehen von den unbedeutenden Besitzungen der Franzosen, Portugiesen etc., auf die näher einzugehen sich nicht lohnt. Denn wie wir weiterhin sehen werden, ist es unter Umständen ein sehr billiges Vergnügen, sich ewigen Sonnenscheins zu erfreuen.

Derjenige Herrscher, der augenblicklich die ausgedehnteste zusammenhängende Ländermasse besitzt, ist der Selbstherrscher aller Reussen. Da der Wille des Zaren von der deutsch-russischen Grenze bis zur asiatisch-amerikanischen Meerenge gilt, so fehlt nicht viel, daß die Sonne, wenn sie in Polen untergeht, auf der Tschuktschen-Halbinsel aufgeht und, wenn sie den Tschuktschischen Robbenfängern ihren letzten Abschiedsgruß sendet, den Warschauern das Morgenrot zeigt. Vor einigen Jahrzehnten gehörte den Russen auch noch die nordamerikanische Halbinsel Alaska, die seitdem an die Vereinigten Staaten übergegangen ist. Damals erstreckte sich thatsächlich die russische Herrschaft über mehr als den halben Erdumfang in westöstlicher Richtung, über die Alte und die Neue Welt und durch nicht weniger als drei Weltteile in geschlossener Ländermasse. Aber selbst damals konnte man nicht sagen, daß die Sonne ihre Russen nicht verlasse. Nämlich – die Sache ist nicht so ganz einfach, weil die Sonne in ihrem Laufe zwischen den beiden Wendekreisen wechselt, nicht immer gerade über dem Aequator sich bewegt, oder mit anderen Worten: weil der Tag nicht immer und überall 12 Stunden währt, sondern schon in Deutschland zwischen etwas weniger als 8 und etwas mehr als 16 Stunden schwankt. Schon in der geographischen Breitenlage Deutschlands müßte daher ein Fürst über mindestens zwei Drittel des Erdumfangs (d. i. eines Parallelkreises) verfügen, um auch in den Wintermonaten zur Zeit der kürzesten Tage und längsten Nächte den Schein der Sonne nicht zu verlieren. Daher mußten die Russen selbst damals, als sie noch in Amerika saßen, während des Dezembers und Januars zeitweise auf die Sonne verzichten. Umgekehrt können sie auch heute im Juni noch immer behaupten, daß die Sonne auf irgend einen Russen scheine. Denn dazu gehören offenbar nur 120 Längengrade oder ein Drittel eines Parallelkreises.

Man kann schon daraus sehen, daß der Hauptwert hier weniger auf dem Praktischen als auf dem Theoretischen liegt. In jedem einzelnen Augenblicke beleuchtet die Sonne gerade eine bestimmte Halbkugel von der Erde, während die andere Halbkugel in dem Schatten der Nacht liegt. Faßt man daher zwei Punkte der Erdoberfläche ins Auge, die sich gerade gegenüberliegen, so wird stets der eine davon im Tageslicht, der andere im Nachtdunkel liegen, und wenn für den einen die Sonne untergeht, so geht sie für den andern gerade auf. Daraus ergiebt sich sofort die eigentümliche Thatsache, daß keine besonders ausgedehnten Ländergebiete nötig sind, um den Ruhm immerwährenden Lichtes zu erringen, sondern daß schon zwei Punkte dazu ausreichen. Wer sich zwei kleine Aecker an gerade entgegengesetzten Erdstellen kauft, darf sofort sagen: „Auf meinen Besitzungen geht die Sonne niemals unter!“ Denn in der That ist der Tag ununterbrochen, der Morgen der einen „Besitzung“ schließt sich unmittelbar an den Abend der zweiten.

Anderseits kann einer fast die halbe Welt besitzen, nämlich nahezu eine ganze Halbkugel, und er muß sich dennoch gefallen lassen, daß die Sonne, wenn auch nur auf kurze Zeit, nicht das mindeste Stückchen seines Reiches bescheint. So z. B. könnte ganz Amerika einen Staat bilden, ohne jenen stolzen Spruch auf sich anwenden zu können. Ja nicht einmal ein Herrscher könnte das, der ganz Europa, ganz Afrika, ganz Australien und fast ganz Asien, nur letzteres mit Ausnahme des kleinen östlichsten Teiles, besäße.

Aber auch damit ist die Zahl der Möglichkeiten oder auch nur der einfachsten Fälle noch nicht erschöpft. Es kann nämlich einer ein einziges zusammenhängendes Stück Land haben, das nicht einmal den zwanzigsten Teil der Erdoberfläche beträgt, und doch ununterbrochenen Sonnenschein. Dies ist nämlich der Fall, wenn man die Umgegend des Nordpols nimmt und dabei den Polarkreis etwas überschreitet, also etwa Island, Grönland und die nördlichsten Teile von Amerika, Europa und Asien, alles Landstrecken, die nahezu wertlos sind und es voraussichtlich in alle Ewigkeit auch bleiben werden. Auf diesem so umschriebenen Gebiete muß immer ein Fleck Sonne haben, deshalb, weil die Sonne niemals über den Südpol zu stehen kommt, was andere Planeten unseres Sonnensystems wirklich über sich ergehen lassen müssen. Bei einem richtigen Normalplaneten wandelt die Sonne stets nur über dem Aequator, ohne einen Schritt vom Wege nach Norden oder Süden abzuweichen. Dann würde schon das kleinste Grundstück auf nur einem der beiden Pole genügen, um sich unaufhörlich des Anblicks der Sonne erfreuen zu können. Allerdings würde man sie immer nur dicht am Horizonte schauen, so daß man wohl Licht hätte, aber schwerlich Wärme.

Auch Deutschland ist trotz seiner Kolonien in Ostafrika, Westafrika und in den australischen Inselfluren noch kein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht. Dazu würden noch Erwerbungen in Amerika nötig sein. Für die deutsche Zunge aber gilt die Wahrheit allerdings, denn sie erklingt in Chile, in Brasilien und in Nordamerika.

Ob England noch auf viele Jahre hin seine Machtstellung über seine Kolonien und damit das Recht, jenes stolze Wort auf sich anzuwenden, wird behaupten können, erscheint sehr fraglich. Denn immer vernehmlicher und nachdrücklicher tönt es dem stolzen Albion entgegen: „Amerika den Amerikanern,“ wie es die sogenannte Monroe-Doktrin will. Kanadas Abfall scheint in der That nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dann aber ist für John Bull die Zeit des Sonnenunterganges gekommen.

O. N.



Die Perle.
Roman von Marie Bernhard.

(4. Fortsetzung.)


Albrecht und Ilse schwiegen beide, als Kapitän Leupold sie allein gelassen hatte. Wenn man einander unendlich viel zu sagen hat, findet man schwer das erste Wort. Womit den Anfang machen? Wie das Uebermaß dessen, was auf unser Herz einstürmt, bewältigen? Sie sollten auf eine Zeit, die ihnen unglaublich lang erschien, Abschied voneinander nehmen; es konnte ein Abschied für immer sein. Die Verhältnisse lagen so ungünstig für sie, daß eine Vereinigung kaum denkbar, nur wie durch ein Wunder möglich erschien … und doch, wie glücklich sie aussahen, wie glücklich sie waren, diese beiden! Voll Entzücken ruhten Albrechts Blicke auf dem lieblichen Geschöpf, das er in seinen Armen, an seinem Herzen hielt. Wie viel Herrliches und Schönes hatte er auf seinen weiten Reisen schon gesehen – war sie nicht das Herrlichste, das Schönste? Und war diese wundersame Hülle nicht doch nebensächlich, wenn man ihr Herz kannte, das so treu, so lauter war? Mit einem raschen Kusse erwiderte Ilse seinen Blick. In ihrem starken festen Herzen lebte eine freudige Zuversicht, daß noch alles gut werden müsse, und wenn auch das Unglück ihrer Eltern und der Abschied ihre Seele bedrückten, so wollte sie das doch dem Geliebten nicht zeigen. Wenn sie ihm, der hinaus mußte auf das tückische Meer, in die Fremde, mit Thränen kam, mit Zittern und Bangen – war das nicht selbstsüchtig und feige von ihr? Und so lächelte sie ihn denn an mit ihren sonnigen Augen.

„Wie gut von Onkel Erich, daß er uns erlaubt hat, hierherzukommen! Er muß Dich sehr lieb haben.“

„Dich viel mehr, Liebling!“

Ilse schüttelte den Kopf. „Ich glaub’ es nicht. Die Frauen sind ihm weiter nichts als ein notwendiges Uebel.“

Albrecht warf den Kopf zurück, um anzudeuten, daß es gleichgültig sei, was der sonderbare alte Kauz über die Frauen im allgemeinen und über Ilse im besonderen denke, dann senkte er seine heißen dürstenden Lippen in das Goldhaar seiner Braut.

„Albrecht, wie soll das werden, wenn wir nun auf so lange Zeit voneinander getrennt sind?“

„Ich weiß nicht!“ Seine Stirn war gefurcht, er atmete schwer.

Sie strich ihm sanft mit der Hand über die Augen. „Es thut mir weh, Dich so zu sehen.“

Ein mühsames Lächeln verzog seine Lippen. „Verzeih’, Ilse! Ich will versuchen – versuchen … nun aber von Dir! Wie steht es daheim? Keine Aenderung zum Guten?“

„Zum Guten? Ach, wenn Du wüßtest!“

„Alles will ich und muß ich wissen.“

„Es geht zu Ende mit uns! Die ‚Perle‘ muß verkauft werden, die Mama –“

„Ilse – Geliebte … nicht weinen!“

„Nein, nein!“ Tapfer rang sie die aufsteigenden Thränen nieder. „Aber, Albrecht, sag’ – ist es nicht hart? Der arme Papa! Und Armin, der kein anderes Lebensziel, keinen anderen Wunsch hat, als einst die ‚Perle‘ zu bewirtschaften!“

„Und Du selbst, Ilse!“

„Ich! Bin ich nicht tausendfach glücklicher als sie alle?