Indiana

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Textdaten
Autor: George Sand
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Titel: Indiana
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Auflage:
Entstehungsdatum: 1832 (EA)
Erscheinungsdatum: o. J. (um 1904)
Verlag: Karl Prochaska,
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Erscheinungsort: Leipzig, Wien
Übersetzer: verm. H. Meister
Originaltitel: Indiana
Originalsubtitel:
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Kurzbeschreibung: Roman
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KLASSISCHE ERZÄHLUNGEN DER WELTLITTERATUR BD. 1
SAMMLUNG PROCHASKA


George Sand
Indiana
Aus dem Französischen


Leipzig · Wien · Teschen. · Verlag
Druck und Einband von Karl Prochaska.


Erstes Kapitel.

An einem regnerischen, kühlen Herbstabend saßen in einem kleinen Schloß der Brie drei Personen und sahen, in Nachdenken versunken, das Holz im Kamin verbrennen und den Zeiger an der Uhr langsam vorrücken. Zwei dieser Schweigsamen schienen sich der Langweile geduldig zu ergeben. Der dritte der Anwesenden dagegen bewegte sich auf seinem Sitze unruhig hin und her, erstickte halblaut ein melancholisches Gähnen und schlug mit der Feuerzange auf die funkensprühenden Holzstücke.

Es war der Herr des Hauses, der Oberst Delmare, ein alter Degenknopf auf Halbsold, früher schön, jetzt von schwerfälliger Körperfülle, mit kahler Stirn, grauem Bart und ein Paar Augen, vor deren Blick alles zitterte, Frau, Diener, Pferde und Hunde. In seiner Ungeduld begann er endlich mit schwerem Schritte die ganze Länge des Salons auf und ab zu messen, in jener militärisch steifen Haltung, welche den Mann der Parade und den Musteroffizier charakterisiert.

Aber jene Tage des Glanzes, wo der Leutnant Delmare mit der Luft des Feldlagers Ruhm und Triumphe einatmete, waren längst vergangen. Der höhere Offizier außer Dienst, von dem undankbaren Vaterland vergessen, sah sich jetzt verurteilt, die Folgen einer spät geschlossenen Ehe zu tragen. Er war Gatte einer jungen, hübschen Frau, Besitzer eines bequemen Schlosses und dazu ein in seinen Spekulationen glücklicher Fabrikherr. Während er seinen alten, im Geschmack der Zeit Ludwig XV. möblierten Salon durchschritt, warf er bei jeder Wendung seiner Promenade einen scharfen Blick auf die beiden Genossen dieses schweigsamen Abends und wandte dabei seiner Frau jene argwöhnische Aufmerksamkeit zu, mit welcher er nun seit drei Jahren diesen gebrechlichen und kostbaren Schatz hütete.

Denn seine Frau war erst neunzehn Jahre alt, und wenn man sie in der Ecke dieses ungeheuren Kamins von weißem Marmor sah, so schmächtig, so bleich, so traurig, den Ellbogen auf ihre Knie gestützt, so jung, inmitten dieser alten Haushaltung, so mußte man wohl die Gattin des Obersten Delmare beklagen und vielleicht den greisen Oberst noch mehr.

Die dritte Person, ein Mitbewohner dieses einsamen Hauses, saß an der anderen Seite des Kamins. Es war ein Mann in der vollen Kraft und Blüte seiner Jugend, dessen reiches, hellblondes Haar und wohlgepflegter Backenbart in grellem Gegensatz zu dem grauen Haar, der fahlen Gesichtsfarbe und den rauhen Zügen des Hausherrn standen; aber man brauchte nicht Künstler zu sein, um den rauhen und strengen Ausdruck Herrn Delmares den regelmäßigen nichtssagenden Gesichtszügen des jungen Mannes vorzuziehen; wenn er schon wegen der kräftigen Bildung seiner Formen, der glatten Weiße seiner Stirn, der Ruhe und Klarheit seiner Augen, seiner schönen Hände und sogar wegen der ausgesuchten Eleganz seiner Jagdkleidung in den Augen jeder Frau, die in der Liebe dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts huldigte, für einen schönen Kavalier gelten durfte. Aber vielleicht bestand zwischen dieser schwächlichen leidenden Frau und diesem schläfrigen und mit gutem Appetit gesegneten Manne durchaus gar keine Sympathie. Gewiß ist, daß sich das Argusauge des Eheherrn vergeblich anstrengte, zwischen diesen beiden so ungleichen Wesen einen wärmeren Blick oder ein schnelleres Aufatmen der Brust zu entdecken.

Das einzige glückliche Geschöpf in dieser Gruppe war ein schöner Jagdhund, welcher seinen Kopf auf die Knie des am Kamin sitzenden Mannes gelegt hatte. Er zeichnete sich durch seinen schlanken Wuchs, seine spitze, fast der eines Fuchses ähnlichen Schnauze und sein kluges Gesicht aus, welches ganz von verwirrten Haaren starrte, zwischen denen zwei große, gelbe Augen hervorglänzten. Diese Augen, die in der Hitze der Jagd so blutgierig blicken können, zeigten jetzt einen Ausdruck von unbeschreiblicher Zärtlichkeit, und wenn der Herr, der Gegenstand dieser Liebe, das silbergraue Seidenhaar des schönen Hundes streichelte, glänzten dessen Augen vor Vergnügen, während sein langer Schwanz den Kamin taktmäßig fegte. Endlich ließ das Tier ein leichtes schüchternes Bellen hören und setzte seine beiden Pfoten auf die Schultern seines geliebten Herrn.

„Leg’ dich, Ophelia, leg’ dich!“ gebot der junge Mann und richtete in englischer Sprache einen ernsten Tadel an das gelehrige Tier, welches beschämt zu Frau Delmare kroch, als wolle es sie um ihren Schutz bitten. Aber Frau Delmare verharrte in ihrem träumerischen Sinnen und ließ Ophelias Kopf ohne Liebkosung auf ihren beiden weißen Händen ruhen, die sie über ihrem Knie gefaltet hielt.

„Dieser Hund ist also im Salon völlig eingebürgert?“ sagte der Oberst, heimlich erfreut, einen Ableiter für seine üble Laune zu finden. „In den Stall, Ophelia! fort, dummes Tier!“

Wenn jemand jetzt Frau Delmare beobachtet hätte, so würde er bei diesem geringfügigen Anlaß das schmerzliche Geheimnis ihres ganzen Lebens haben erraten können. Ein unmerklicher Schauer überlief ihren Körper und ihre Hände umklammerten heftig den Hals des Tieres, wie um es zu beschützen. Herr Delmare zog seine Jagdpeitsche aus der Rocktasche und ging mit drohender Miene auf die arme Ophelia los. Frau Delmare wurde noch blässer als gewöhnlich; ihr Busen wogte krampfhaft und mit einem Ausdruck unaussprechlichen Schreckens, ihre großen blauen Augen auf ihren Gatten richtend, rief sie:

„Um Gottes willen, mein Herr, töten Sie das unschuldige Tier nicht!“

Diese wenigen Worte genügten, den Zorn des alten Soldaten zu dämpfen.

„Das ist ein Vorwurf,“ sagte er peinlich berührt, „mit dem du mich seit dem Tage verfolgst, wo ich auf der Jagd in meinem Unmut dein Windspiel niederschoß. Ist denn ein Hund, der auf keinen Zuruf hört und das Wild verscheucht, ein so großer Verlust? Übrigens hast du ihn erst seit seinem Tode lieben gelernt. Vorher beachtetest du ihn nicht; aber jetzt ist es eine willkommene Gelegenheit, mir Vorwürfe zu machen.“

„Habe ich dir je einen Vorwurf gemacht?“ fragte Frau Delmare sanft.

„Das habe ich nicht behauptet,“ erwiderte der Oberst, in fast väterlichem Tone, „aber in den Tränen gewisser Frauen liegen herbere Vorwürfe, als in den härtesten Worten. Zum Henker, du weißt wohl, daß ich in meiner Nähe nicht gern weinen sehe.“

„Du siehst mich niemals weinen, denke ich.“

„Aber ich sehe fortwährend deine geröteten Augen, und das ist meiner Treu noch schlimmer!“

Während dieser ehelichen Auseinandersetzung war der junge Mann aufgestanden und hatte mit der größten Ruhe Ophelia hinausgeführt, dann setzte er sich wieder Frau Delmare gegenüber, nachdem er ein Licht angezündet und es auf den Rand des Kamins gestellt hatte. Sobald das Antlitz der jungen Frau durch das Licht eine schärfere Beleuchtung erhielt, bemerkte Herr Delmare ihre leidende Miene, ihre krankhafte Gesichtsfarbe und den matten Blick ihrer umränderten Augen. Er trat zu ihr und fragte sie mit der Unbeholfenheit eines Mannes, dessen Herz und Charakter selten in Einklang sind, kurz und abgebrochen:

„Wie befindest du dich heute, Indiana?“

„Wie gewöhnlich, ich danke dir,“ antwortete sie, ohne Überraschung oder Groll zu zeigen.

„Wie gewöhnlich! Das ist eine Antwort, die weder gut noch schlecht bedeutet. Ich weiß, daß du dich nicht wohl befindest, das hast du selbst Sir Ralph gesagt. Oder ist das nicht wahr? Sprechen Sie, hat sie es gesagt?“

„Sie hat es mir gesagt,“ antwortete Sir Ralph phlegmatisch, ohne den vorwurfsvollen Blick zu beachten, den Indiana ihm zuwarf.

In diesem Augenblicke trat eine vierte Person ein. Es war das Faktotum des Hauses, ein ehemaliger Sergeant im Regiment des Herrn Delmare.

„Er habe Grund zu glauben,“ erklärte er, „daß sich Kohlendiebe in den vergangenen Nächten um die jetzige Stunde in den Park eingeschlichen hätten. Er wolle, ehe er die Türen schlösse, seine Runde machen und bat um eine Flinte.“ Herr Delmare holte sogleich zwei Jagdflinten und gab Lelièvre eine davon.

„Wie?“ rief Frau Delmare entsetzt, „du wolltest einiger Säcke Kohlen wegen einen armen Bauer töten?“

„Ich schieße jeden Menschen, der sich des nachts bei mir einschleicht, wie einen Hund nieder,“ antwortete Delmare gereizt. „Das Gesetz gibt mir die Vollmacht dazu.“

„Das ist ein abscheuliches Gesetz!“ erwiderte Indiana. Sie war im Begriff, heftig zu werden, bezwang sich jedoch und fügte in sanfterem Tone hinzu: „Aber deine Gicht? Du wirst morgen Schmerzen haben, wenn du in diesem Regen hinausgehst.“

„Du hast gewaltige Furcht, deinen alten Gatten pflegen zu müssen!“ antwortete Delmare, indem er unter Verwünschungen über sein Alter und seine Frau mit heftigen Schritten hinausging.


Zweites Kapitel.

Indiana Delmare und Sir Ralph Brown beobachteten, als sie allein waren, dieselbe kalte Gleichgültigkeit wie vorher. Endlich brach sie das Stillschweigen und sagte im Tone sanften Vorwurfs:

„Es war doch nicht recht, lieber Ralph; ich hatte dich gebeten, Herrn Delmare nicht zu verraten, daß ich mich leidend fühle. Er ist der letzte, der von meiner Krankheit wissen soll.“

„Ich begreife dich nicht, Liebe,“ antwortete Sir Ralph; „du hast unrecht, dich so gegen den Oberst zu erbittern; er ist ein Mann von Ehre.“

„Und wer sagt denn das Gegenteil, Sir Ralph? …“

„Ei, du selbst, ohne es zu wissen. Deine Traurigkeit, dein krankhafter Zustand und, wie er selbst bemerkt, deine roten Augen sagen jedermann, daß du nicht glücklich bist …“

„Schweigen Sie, Sir Ralph, Ich habe Ihnen nicht erlaubt, so viel Dinge zu wissen.“

„Nun ja, ich bin dir nicht fein genug, ich kenne die Subtilitäten deiner Sprache nicht, ich weiß nicht, was man in englischer oder französischer Sprache den Frauen sagen muß, um sie zu trösten. Ein anderer hätte die Kunst besser verstanden, dein Vertrauen zu gewinnen, und vielleicht wäre es ihm gelungen, dein Herz, das gegen mich kalt und verschlossen bleibt, zu beruhigen. Ich mache nicht zum erstenmal die Erfahrung, wie in Frankreich die Worte eine größere Herrschaft haben als die Gedanken. Besonders die Frauen …“

„O, du hegst eine tiefe Verachtung gegen die Frauen, lieber Ralph. Ich stehe hier allein gegen zwei und muß mich also drein ergeben, niemals recht zu haben.“

„Gib uns unrecht, liebe Cousine, indem du deine frühere Heiterkeit, Frische und Lebhaftigkeit wieder annimmst. Denke an die Insel Bourbon und unsere köstliche Einsiedelei in Bernika, an unsere heitere Kindheit und unsere Freundschaft, die so alt ist, wie du …“

„Ich denke auch an meinen Vater …,“ sagte Indiana mit schmerzlichem Nachdruck, indem sie Ralphs Hand ergriff.

Sie versanken in ein tiefes Stillschweigen.

„Indiana,“ begann Ralph nach einer Pause, „was fehlt dir? Du lebst in einem Wohlstande, der dem Reichtum vorzuziehen ist, hast einen trefflichen Gatten, der dich vom ganzen Herzen liebt, und, ich wage es zu sagen, einen aufrichtigen, ergebenen Freund.“

Frau Delmare drückte leise Ralphs Hand, änderte aber ihre Stellung nicht; ihr Kopf blieb auf ihren Busen geneigt und ihr feuchtes Auge auf die Kohlenglut im Kamin gerichtet.

„Deine Traurigkeit, liebe Freundin,“ fuhr Ralph fort, „ist ein krankhafter Zustand. Wer von uns kann dem Trübsinn, dem Spleen entgehen! Blicke um dich und du wirst viele Leute finden, die dich mit Recht beneiden. So ist aber der Mensch, immer richtet sich sein Sehnen auf das, was er nicht hat.“

Sir Ralph befand sich hier nicht in seinem Elemente. Es fehlte ihm weder an Verstand, noch an Bildung, aber eine Frau zu trösten, war eine Aufgabe, die seine Kräfte überstieg. Er begriff den Kummer anderer so wenig und fühlte seine Ungeschicklichkeit so sehr, daß er es selten wagte, eine Pflicht der Freundschaft zu erfüllen, die er für die peinlichste hielt.

Während wieder Schweigen herrschte, vernahm man nur noch die tausend leisen Stimmen, welche in dem brennenden Holze knisterten, das Pfeifen des Windes und das Rauschen des gegen die Fenster schlagenden Regens. Dieser Abend war einer der trübsten, welche Frau Delmare in ihrem kleinen Schloß der Brie zugebracht hatte. Auch lastete eine unbestimmte Ahnung auf ihrem, jedem Eindruck leicht zugänglichen Gemüte. Sie besaß allen Aberglauben einer nervösen Kreolin; gewisse Stimmen der Natur, das eigentümliche Licht des Mondes ließen sie an ein bevorstehendes Unglück glauben, und die Nacht hatte für diese träumerische und melancholische Frau eine Sprache voll Geheimnisse und Visionen, welche sie je nach ihren augenblicklichen Sorgen und Körperleiden zu deuten pflegte.

„Du wirst mir wieder sagen, ich sei töricht,“ bemerkte sie, indem sie ihre Hand, welche Sir Ralph noch immer hielt, zurückzog; „aber es droht jemandem … wahrscheinlich mir … eine Gefahr; ich fühle mich aufgeregt, als wenn mir eine neue Gestaltung meines Schicksals bevorstände … Ich fürchte mich,“ fügte sie schaudernd hinzu.

Und ihre Lippen wurden so bleich wie ihre Wangen, Erschrocken über ihre tötliche Blässe, zog Sir Ralph die Klingel, um Hilfe herbeizurufen. Niemand kam, und da Indiana immer schwächer wurde, legte er sie auf eine Chaise longue, eilte durch alle Zimmer, Wasser und flüchtige Salze suchend, ohne sie zu finden, zerriß alle Klingeln und rang die Hände vor Ungeduld und Unmut über sich selbst.

Endlich kam er auf den Gedanken, die Glastür, die nach den Park führte, zu öffnen, und nach Lelièvre und nach Indianas Kammermädchen, der Kreolin Noun, zu rufen.

Einige Augenblicke nachher kam Noun aus einer der finstersten Alleen des Parkes hervor und fragte lebhaft, ob Frau Delmare sich kränker als gewöhnlich fühle.

„Ja, sehr krank,“ antwortete Herr Brown.

Beide traten in den Salon und eilten der ohnmächtig gewordenen Frau Delmare zu Hilfe.

Noun war ihre Milchschwester und ist gemeinsam mit ihr erzogen worden. Beide liebten sich zärtlich. Noun, groß, stark, strahlend von Gesundheit, lebhaft, flüchtig und voll des heißen, leidenschaftlichen Blutes der Kreolen, übertraf an glänzender Schönheit den bleichen, zarten Reiz Indianas, die gegenseitige große Anhänglichkeit ließ jedoch ein Gefühl weiblicher Rivalität zwischen ihnen nicht aufkommen.

Als Frau Delmare wieder zu sich kam, fiel ihr die Aufregung in den Zügen ihres Kammermädchens, die Unordnung und Nässe ihres Haares, die Unruhe, die sich in ihrem ganzen Wesen zeigte, sofort auf.

„Beruhige dich doch, mein armes Kind,“ sagte Indiana freundlich.

Noun drückte die Hand ihrer Herrin an ihre Lippen und frug in einer seltsamen Angst und Verstörtheit:

„Ach Gott, gnädige Frau, wissen Sie, warum Herr Delmare im Park ist?“

„Warum?“ wiederholte Indiana. „Wenn ich mich recht erinnere, so wollte er –“

„Herr Delmare behauptet, es seien Diebe im Park,“ unterbrach sie Noun mit bebender Stimme; „er macht mit Lelièvre die Runde, beide mit Flinten bewaffnet …“

„Nun?“ sagte Indiana, welche irgend eine Schreckensnachricht zu erwarten schien.

„Nun,“ erwiderte Noun, indem sie in höchster Aufregung die Hände rang, „ist der Gedanke nicht entsetzlich, daß sie einen Menschen töten wollen?“

„Töten?“ rief Frau Delmare auffahrend.

„Ja, ja, sie werden ihn töten!“ sagte Noun mit unterdrücktem Schluchzen. Sie ging an das Fenster des Salons und von da wieder an die Chaise longue ihrer Herrin zurück und lauschte mit angstvoller Miene auf das geringste Geräusch.

„Aber hast du denn ganz den Verstand verloren?“ rief Sir Ralph unwillig. „Siehst du nicht, daß du deine Herrin erschreckst?“ Fast in demselben Augenblicke machte der Knall eines Flintenschusses die Fensterscheiben erklirren. Noun sank auf ihre Knie.

„Was für erbärmliche unnötige Weiberfurcht!“ schalt Sir Ralph, „man wird ein Kaninchen geschossen haben.“

„Nein, Ralph,“ entgegnete Frau Delmare, mit festem Schritt nach der Tür gehend, „ich sage dir, es ist Menschenblut vergossen worden.“

Noun stieß einen durchdringenden Schrei aus.

Jetzt hörte man im Park Lelièvres Stimme. „Gut gezielt, Herr Oberst!“ rief er. „Der Räuber liegt auf der Erde! …“

Sir Ralph begann nun ebenfalls unruhig zu werden. Er folgte Frau Delmare, und einige Augenblicke nachher brachte man einen blutenden Menschen ins Haus, der kein Lebenszeichen gab.

„Nicht so viel Lärm und Geschrei!“ rief der Oberst in einem Tone, der fast lustig klang, seinen erschreckten Dienern zu, welche sich um den Verwundeten drängten; „meine Flinte war nur mit Salz geladen. Ich glaube sogar, ich habe ihn nicht einmal getroffen; er ist aus Schreck heruntergefallen.“

„Und dieses Blut,“ fragte Frau Delmare vorwurfsvoll, „fließt es auch bloß aus Schreck?“ Mit einer Entschlossenheit, die ihr niemand zugetraut hätte, trat sie zu dem Verwundeten und leuchtete mit einem Lichte in sein Gesicht. Statt eines Strolches, wie man erwartet hatte, erblickte man einen jungen Mann mit edlen Zügen, sorgfältig, wie zur Jagd gekleidet. Eine Hand war nur leicht verwundet, aber seine zerrissenen Kleider und seine Ohnmacht ließen auf einen schweren Fall schließen.

„Kein Wunder!“ sagte Lelièvre, „er ist ja zwanzig Fuß hoch heruntergefallen. Er ritt gerade auf der Mauerkante, als der Oberst auf ihn schoß. Infolge des Schmerzes ließ er los. Ich habe ihn selbst herunterfallen sehen.“

„Wenn dieser Mensch tot ist, so ist es meine Schuld nicht,“ sagte der Oberst, „untersuche einmal die Hand, Indiana, und wenn du ein einziges Schrotkorn darin findest …“

„Ich glaube dir gern,“ antwortete Indiana, welche mit einer Kaltblütigkeit und einer moralischen Kraft, deren niemand sie für fähig gehalten hätte, aufmerksam den Puls und die Halsadern untersuchte. „Auch ist er nicht tot,“ fügte sie hinzu, „sondern bedarf schleuniger Hilfe.“

Darauf ließ sie den Verwundeten in den Billardsaal bringen, welcher zunächst lag. Auf einige Bänke breitete man eine Matratze aus, und, von ihren Frauen unterstützt, verband Indiana die verwundete Hand, während Sir Ralph, welcher chirurgische Kenntnisse besaß, einen reichlichen Aderlaß vornahm.

Der Oberst war unter dem Hauseingang bei seinen Dienern geblieben. Er war jetzt ganz zahm geworden, wie immer, sobald er seinem Zorn genug getan hatte. Jeder der Diener teilte seine Ansicht, daß es doch höchst verdächtig sei, wenn jemand sich des nachts über die Mauern einschleicht. Der Gärtner zog seinen Herrn leise beiseite und flüsterte ihm zu, der Eindringling sehe aufs Haar einem jungen Gutsbesitzer ähnlich, der erst seit kurzem in der Nachbarschaft wohne, und den er drei Tage vorher bei dem ländlichen Feste von Rubelles mit Fräulein Noun habe sprechen sehen.

Diese Mitteilung gab Herrn Delmares Ideen eine andere Richtung; seine breite, glänzende und kahle Stirn wurde von einer starken Ader durchfurcht, deren Anschwellen stets der Vorläufer eines Sturmes war.

„Teufel!“ sagte er zu sich selbst, indem er die Fäuste ballte, „meine Frau zeigt für diesen Gelbschnabel, der sich bei mir über die Mauern einschleicht, eine ganz auffallende Teilnahme. Dahinter muß ich kommen!“

Bleich und zitternd vor Zorn trat er in den Billardsaal.


Drittes Kapitel.

„Beruhige dich,“ sagte Indiana, „der Mann wird sich in einigen Tagen wieder erholen, wenigstens hoffen wir es, obgleich er die Sprache noch nicht wiedergefunden hat …“

„Darum handelt es sich nicht,“ sagte der Oberst mit gepreßter Stimme, „für mich handelt es sich darum, den Namen dieses interessanten Kranken zu erfahren, und mir zu erklären, wie er so zerstreut sein konnte, die Parkmauer mit der Haustür zu verwechseln.“

„Er ist mir gänzlich unbekannt,“ antwortete Frau Delmare mit einer so stolzen Kälte, daß ihr furchtbarer Gatte einen Augenblick wie betäubt war. Aber bald kam er wieder auf seinen eifersüchtigen Verdacht zurück und sagte mit gedämpfter Stimme:

„Ich werde es erfahren, Indiana, sei versichert, ich werde es erfahren …“

Frau Delmare tat, als bemerke sie seine Wut nicht. Um vor seinen Dienern nicht loszubrechen, ging der Oberst hinaus und rief den Gärtner.

„Wie nennt sich jener Herr, der unserem Spitzbuben ähnelt, wie du sagst?“

„Herr von Ramière; er hat vor kurzem das kleine englische Haus des Herrn von Cercy gekauft.“

„Was ist er für ein Mensch? Ist er ein Edelmann, ist er hübsch?“

„Sehr schön und ein Edelmann, wie ich glaube …“

„Das konnte ich mir denken!“ erwiderte der Oberst mit Nachdruck. „Sag’ mir, Louis, hast du diesen Geck niemals hier herumschweifen sehen?“

„Herr Oberst … schon vergangene Nacht …“ erwiderte Louis verlegen, „habe ich deutlich einen Mann an den Fenstern der Orangerie gesehen.“

„Und du bist nicht über ihn hergefallen?“

„Herr Oberst, ich wollte es tun, aber da sah ich eine weißgekleidete Dame aus der Orangerie heraustreten und ihm entgegengehen. Vielleicht sind es der Herr Oberst und die gnädige Frau, dachte ich, die vor Tagesanbruch einen Spaziergang machen, und legte mich wieder zu Bette. Aber diesen Morgen hörte ich, daß Lelièvre von einem Diebe sprach, dessen Fußspuren er im Park gesehen haben wollte, und ich sagte mir, dahinter steckt etwas.“

„Ich verstehe, du erlaubst dir, Gedanken zu haben. Du bist ein Einfaltspinsel. Wenn du noch einmal einen solchen unverschämten Gedanken äußerst, so schneide ich dir die Ohren ab. Verstanden!“

Der Oberst trat wieder in das Billardzimmer, und ohne darauf zu achten, daß der Verwundete endlich Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins gab, begann er die Taschen des Rockes zu untersuchen, welcher über einen Stuhl gehängt war. Der Verwundete streckte seinen Arm aus und sagte mit schwacher Stimme:

„Sie wünschen zu wissen, wer ich bin, mein Herr. Ich werde es Ihnen sagen, sobald wir allein sind. Bis dahin ersparen Sie mir die Verlegenheit, in der lächerlichen und unangenehmen Lage, in der ich mich befinde, Ihnen meinen Namen zu nennen.“

„Ich gestehe Ihnen,“ antwortete der Oberst scharf, „ich habe sehr wenig Mitleid mit Ihrer Lage. Doch da ich hoffe, daß wir uns bald allein gegenüberstehen werden, so will ich mir das Vergnügen Ihrer näheren Bekanntschaft bis dahin aufsparen. Wollten Sie aber wohl mir unterdessen sagen, wohin ich Sie bringen lassen soll?“

„In das Wirtshaus des nächsten Dorfes, wenn Sie so gütig sein wollen.“

„Aber der Herr ist nicht transportabel,“ wandte Indiana lebhaft ein. „Nicht wahr, Ralph?“

„Der Zustand des Herrn beschäftigt dich viel zu sehr,“ sagte der Oberst. „Geht hinaus,“ wandte er sich an die Diener. „Der Herr befindet sich besser und wird mir jetzt seine Gegenwart in meinem Hause erklären können.“

„Ja, mein Herr,“ antwortete der Verwundete, „es wäre mir aber lieber, wenn alle Anwesende mein Geständnis hörten, denn es liegt mir sehr daran, nicht für das zu gelten, was ich nicht bin. Erfahren Sie denn, welcher Anlaß mich zu Ihnen führte: ‚Mein Herr, Sie haben durch außerordentlich einfache und nur Ihnen bekannte Mittel eine Maschine konstruiert, welche an Leistungsfähigkeit alle anderen Werke dieser Art in hiesiger Gegend übertrifft. Mein Bruder besitzt im südlichen Frankreich ein ziemlich ähnliches Etablissement, das aber ungeheure Summen verschlingt. Daher entschloß ich mich, Sie um einige gute Ratschläge zu bitten. Aber man ließ mich nicht bei Ihnen vor, sondern antwortete mir, es sei niemand erlaubt, Ihr Etablissement zu besehen. Durch diese Zurückweisung gereizt, beschloß ich, selbst mit Gefahr meines Lebens und meiner Ehre, das Unternehmen meines Bruders zu retten. Ich erstieg in der Nacht Ihre Mauer und suchte in das Innere Ihrer Fabrik zu dringen. Ich wollte mich in irgend einem Winkel verbergen und Ihre Arbeiter bestechen, um die Maschine kennen zu lernen und einen rechtlichen Mann Nutzen daraus ziehen zu lassen, ohne Ihnen zu schaden. Das ist mein Vergehen. Wenn Sie noch eine andere Genugtuung verlangen, bin ich bereit, sie Ihnen zu geben, sobald ich wieder hergestellt sein werde.“

„Ich denke, wir könnten die Sache als abgetan ansehen, mein Herr,“ antwortete der Oberst. „Ihr habt die Erklärung mit angehört, ihr anderen. Geht jetzt hinaus und laßt mich mit diesem Herrn über meine Maschineneinrichtung sprechen.“

Die Diener gehorchten. Der von seiner langen Rede geschwächte Verwundete sank auf Indianas Arm zurück und verlor zum zweitenmal das Bewußtsein.

Herr Delmare zog Sir Ralph beiseite. „Freund,“ flüsterte er, ihm die Hand fast wund drückend, „das ist eine schlau angelegte Intrigue! Ich bin zufrieden, vollkommen zufrieden mit dem geschickt ersonnenen Vorwand, wodurch dieser junge Mann meine Ehre in den Augen meiner Leute bewahrt hat. Aber beim Teufel! er soll die Schmach teuer bezahlen, die er mir angetan hat. Und dieses Weib, das ihn pflegt und sich den Anschein gibt, als kenne sie ihn nicht! O, die List ist den Frauen angeboren! …“

Sir Ralph ging eine Weile im Saale auf und ab. Dann trat er wieder zum Oberst und zeigte mit dem Finger auf Noun, welche mit verstörten Blicken und totbleichen Wangen in der Unbeweglichkeit der Verzweiflung hinter dem Kranken stand.

Ralph erinnerte sich, daß Noun in dem Augenblicke, wo er sie gesucht hatte, im Park gewesen war, er dachte an ihre durchnäßten Haare, ihre feuchte und schmutzige Fußbekleidung. Diese unbedeutenden Umstände waren ihm, als Frau Delmare in Ohnmacht lag, nicht sehr aufgefallen, aber jetzt kehrten sie wieder in sein Gedächtnis zurück, ebenso wie jenes Entsetzen, jene krampfhafte Aufgeregtheit und der Schrei, den Noun ausgestoßen hatte, als sie den Flintenschuß hörte …

Herr Delmare verstand Ralphs Andeutungen sogleich und brauchte nur das Gesicht dieses Mädchens zu beobachten, um zu merken, daß sie allein die Schuldige war. Demungeachtet mißfiel ihm die eifrige Sorge seiner Frau um den Helden dieses galanten Abenteuers.

„Indiana,“ sagte er, „entferne dich. Es ist spät und du bist nicht wohl; Noun wird bei dem Herrn bleiben, um ihn diese Nacht zu pflegen, und wenn er morgen besser ist, werden wir ihn in seine Wohnung bringen lassen.“

Frau Delmare, welche dem Ungestüm ihres Gatten mutig zu widerstehen wußte, gab stets seiner Sanftmut nach. Sie bat Sir Ralph, noch ein wenig bei dem Kranken zu bleiben, und zog sich in ihr Zimmer zurück.

Nicht ohne Absicht hatte der Oberst diese Anordnung getroffen. Als alles zur Ruhe und das Haus still war, schlich er sich leise in den Saal, wo Herr von Ramière lag. Hinter einem Vorhang verborgen, belauschte er das Gespräch des jungen Mannes mit dem Kammermädchen und bald stellte sich heraus, daß zwischen beiden ein Liebesverhältnis bestand. Die ungewöhnliche Schönheit der jungen Kreolin hatte in der Umgegend Aufsehen gemacht. Mehr als ein hübscher Offizier von den in Melun liegenden Lanciers hatte sich um sie bemüht, aber nur Herr von Ramière hatte Erhörung gefunden.

Der Oberst Delmare trug so wenig Verlangen, in das Liebesgeheimnis tiefer einzudringen, daß er sich zurückzog, sobald er sich von der Schuldlosigkeit seiner Gattin versichert hatte.

Als Frau Delmare erwachte, sah sie Noun verwirrt und traurig an der Seite ihres Bettes, doch schrieb sie dies der Aufregung und Anstrengung der Nacht zu. Noun gewann völlig ihre Unbefangenheit wieder, als sie den Oberst ruhig in das Zimmer seiner Frau eintreten und von dem Vorfall sprechen hörte, wie von einer ganz harmlosen Sache.

Am frühen Morgen hatte sich Sir Ralph nach dem Befinden des Kranken erkundigt. Der Sturz von der Mauer hatte keine gefährliche Folge, die Wunde an der Hand war bereits zugeheilt. Herr von Ramière hatte gewünscht, sogleich nach Melun gebracht zu werden, und seine Börse unter die Dienerschaft verteilt, um sich deren Schweigen zu erkaufen, damit seine Mutter, die nur einige Stunden von hier wohnte, wie er sagte, nicht erschreckt werde. Der Oberst und Sir Ralph hatten das Zartgefühl, Nouns Geheimnis zu bewahren und sie nicht einmal ahnen zu lassen, daß sie es wüßten. Bald war in der Familie Delmare von diesem Vorfall nicht mehr die Rede.


Viertes Kapitel.

Es dürfte vielleicht zweifelhaft erscheinen, daß Herr Raymon von Ramière, ein junger Mann von glänzenden Eigenschaften, an die Erfolge im Salon und an vornehme Abenteuer gewöhnt, zu dem Kammermädchen auf einem kleinen Gute eine dauernde Neigung gefaßt habe. Herr von Ramière schätzte die Vorteile der Geburt nach ihrem wahren Werte. Er hatte sogar Grundsätze, wenn er seiner besseren Einsicht folgte, aber er war ein Mann mit ungezähmten Leidenschaften, und wenn diese die Oberhand über ihn gewannen, war er keiner ruhigen Überlegung mehr fähig.

Herr von Ramière war in die junge Kreolin mit den großen, schwarzen Augen, welche bei dem Feste von Rubelles die Bewunderung der ganzen Umgegend auf sich gezogen hatte, verliebt; nichts weiter. An dem Tage, wo er über dieses leicht besiegte Herz triumphierte, kehrte er voll Schrecken über seinen Sieg in seine Wohnung zurück und sagte, sich vor die Stirn schlagend:

„Wenn sie mich nur nicht ernstlich liebt!“

Also erst, nachdem er alle Beweise ihrer Liebe angenommen hatte, fing er an, diese Liebe zu ahnen. Dann fühlte er Reue; aber er ließ sich lieben nach wie vor, er liebte selbst aus Dankbarkeit, er überstieg die Mauern im Park des Herrn Delmare aus Liebe zur Gefahr; aus Ungeschicklichkeit tat er einen furchtbaren Sturz und war vom Schmerz seiner jungen und schönen Geliebten so gerührt, daß er sich in seinen eigenen Augen gerechtfertigt fand, wenn er fortfuhr, den Abgrund zu erweitern, in den sie versinken mußte.

Sobald er wieder hergestellt war, hatte der Winter kein Eis, die Nacht keine Gefahren, das Gewissen keine Stacheln, um ihn abzuhalten, die Kreolin zu besuchen und ihr zu schwören, daß er nie eine andere als sie geliebt hätte, daß er sie allen Königinnen der Welt vorzöge und was der überschwenglichen Beteuerungen mehr waren, die bei jungen, armen und leichtgläubigen Mädchen stets ein williges Ohr finden werden. Im Januar reiste Frau Delmare mit ihrem Gatten nach Paris; Sir Ralph Brown zog sich auf sein Gut zurück und Noun, welche zur Aufsicht des Landhauses ihrer Gebieter zurückblieb, konnte ungehindert ihre Freiheit genießen. Das war ein Unglück für sie. Der Wald mit seiner Poesie, die im Rauhreif geschmückten Bäume und ihre magische Wirkung im Mondlicht, das Geheimnis der kleinen Pforte, all dieses Beiwerk einer Liebesidylle hielt Herrn von Ramière in seinem Rausche gefangen. Im weißen Nachtgewande glich Noun, mit ihrem langen schwarzen Haar, einer Königin, einer Fee. Wenn er sie aus dieser Burg von rotem Backstein heraustreten sah, glaubte er, eine Burgfrau des Mittelalters zu erblicken, und in dem mit exotischen Blumen geschmückten Kiosk, wo sie ihn mit den Reizen der Jugend und Leidenschaft berauschte, vergaß er gern alles, dessen er sich später mit schwerem Herzen erinnern mußte. Aber dennoch war Noun nichts weiter als das Kammermädchen einer hübschen Frau. Der Mut, mit welchem sie ihren Ruf ihm zum Opfer brachte und der wohl verdient hätte, seine Liebe für sie noch zu erhöhen, hatte für ihn keinen Wert. Die Gattin eines Pairs von Frankreich, die sich auf solche Weise aufgeopfert hätte, wäre eine köstliche Eroberung gewesen; aber ein Kammermädchen! Was bei der einen Heroismus war, ward bei der anderen Frechheit, Gemeinheit.

Raymon liebte elegante Sitten, Poesie in der Liebe. Für ihn galt ein Mädchen von Nouns niederem Stande nicht als Frau. Man hatte ihn für die Welt erzogen, alle seine Gedanken auf ein hohes Ziel gelenkt, alle seine Fähigkeiten für ein fürstliches Glück entwickelt, und nur wider seinen Willen hatte ihn die Glut seines Blutes in eine bürgerliche Liebeständelei verstrickt. An den Tagen, wo seine Leidenschaft für die Geliebte am heftigsten war, hatte er wohl daran gedacht, sie zu sich zu erheben, ihre Verbindung gesetzmäßig zu machen … Ja, daran hatte er gedacht; aber die Liebe verschwand mit den Gefahren des Abenteuers und dem reizenden Zauber des Geheimnisses. Wenn er sie wahrhaft geliebt hätte, so hätte er, selbst wenn er ihr seine Zukunft, seine Familie und seinen Ruf zum Opfer brachte, immer noch glücklich mit ihr sein können. Aber sein Gefühl war erkaltet, sollte er das Mädchen heiraten, um sie bei seiner Familie verhaßt, bei ihresgleichen verächtlich, bei ihren Domestiken lächerlich zu machen, um sie in eine Gesellschaft zu führen, wo sie nicht an ihrem Platze war und den tiefsten Demütigungen ausgesetzt sein würde?

Nein, man wird ihm recht geben müssen, daß das nicht möglich, daß es nicht edel gewesen wäre, daß er einen solchen Kampf gegen die Gesellschaft nicht aufnehmen konnte.

Als Herr von Ramière alles dies erwogen hatte, sah er ein, daß es besser sei, dieses unglückliche Band zu lösen. Seiner Mutter, die nach Paris zurückgekehrt war, um den Winter dort zuzubringen, konnte dieser kleine Skandal nicht lange verborgen bleiben. Schon wunderte sie sich über seine häufigen Reisen nach Cercy, ihrem Landhause, und es fiel ihr auf, daß er ganze Wochen daselbst zubrachte. Unmöglich konnte er eine so gute Mutter noch länger täuschen und seiner Gegenwart berauben. Er verließ Cercy und kam nicht mehr zurück.

Noun weinte, wartete, und wagte endlich, an ihn zu schreiben. Armes Mädchen! Das war der letzte Todesstoß. Der Brief eines Kammermädchens! Die Zeilen diktierte ihr Herz … aber die Ausdrucksweise, die Orthographie! Ach, das arme, halb wild aufgewachsene Kind der Insel Bourbon wußte nicht einmal, daß es Sprachregeln gebe.

Raymon konnte es nicht über sich gewinnen, den Brief bis zu Ende zu lesen. Er warf ihn schnell ins Feuer, um nicht über sich selbst erröten zu müssen.

In der vornehmen Gesellschaft hatte man die Abwesenheit des Herrn von Ramière bemerkt; das will in jenen Kreisen, wo sich alle gleichen, sehr viel sagen. Raymon war hier gesucht, für ihn hatte diese Menge von gleichgültigen oder spöttischen Larven aufmerksame Blicke und teilnehmendes Lächeln. Er war dankbar für die geringsten Zeichen der Anhänglichkeit, begierig nach der Achtung aller, stolz auf eine große Menge von Freundschaften.

In dieser Welt, deren Vorurteile so unerbittlich sind, hatte ihm alles, selbst seine Fehler, zum Glück gereicht, und wenn er nach der Ursache dieser allgemeinen Veliebtheit forschte, so fand er sie in sich selbst. Er verdankte sie aber auch seiner Mutter, deren ausgezeichneter Geist und fleckenloser Wandel ihr eine große Bedeutung gaben. Von ihr hatte er die trefflichen Grundsätze ererbt, welche ihn stets zum Guten zurückführten und ihn trotz des Ungestüms seiner fünfundzwanzig Jahre in der öffentlichen Achtung erhielten. Man war auch viel nachsichtiger gegen ihn, als gegen andere, weil seine Mutter die Kunst verstand, ihn zu entschuldigen, während sie ihn tadelte, und ihm Nachsicht zu erzwingen, indem sie sich den Schein gab, darum zu bitten.

Bei einem Ball des spanischen Gesandten erschien Raymon zuerst wieder in der Pariser Welt.

„Herr von Ramière, wenn ich nicht irre?“ sagte eine hübsche junge Frau zu ihrer Nachbarin.

„Es ist ein Komet, der in ungleichen Zwischenräumen erscheint. Schon lange hat man von diesem jungen Manne nichts gehört.“

Die Dame, welche so sprach, war eine bejahrte Sizilianerin.

„Eine sehr liebenswürdige Erscheinung,“ sagte die andere, „nicht wahr, gnädige Frau?“

„Reizend, auf Ehre,“ stimmte die alte Sizilianerin bei.

„Ich wette,“ bemerkte ein schneidiger Gardeoberst, „Sie sprechen von dem Liebling der auserlesenen Salons, dem braunen Raymon?“

„Es ist ein schöner Studienkopf,“ erwiderte die junge Frau.

„Und was Ihnen noch angenehmer sein wird, ein unruhiger Kopf,“ erwiderte der Oberst.

Die junge Frau war seine Gattin.

„Warum ein unruhiger Kopf?“ fragte die Sizilianerin.

„Ganz südliche Leidenschaften, der schönen Sonne von Palermo würdig, gnädige Frau.“

Zwei oder drei junge Damen bogen ihre liebreizenden, mit Blumen geschmückten Köpfe vor, um die Worte des Oberst zu hören.

„In der Garnison hat er dieses Jahr eine wahrhafte Verheerung angerichtet,“ fuhr dieser fort. „Wir werden gezwungen sein, mit ihm Streit zu suchen, um ihn los zu werden.“

„Wenn er den Frauen so gefährlich ist, um so schlimmer,“ sagte ein junges Mädchen, dem man die Spottlust ansah, „ich kann die Menschen nicht leiden, die alle Welt liebt.“

„Sprechen Sie nicht so,“ erwiderte die Sizilianerin, indem sie dem Fräulein von Nangy mit ihrem Fächer einen leichten Schlag auf die Hand gab. „Sie wissen nicht, was ein Mann, welcher geliebt sein will, hier zu bedeuten hat.“

„Sie glauben also, daß es nur auf das Wollen ankommt?“ entgegnete das junge Mädchen mit den großen spöttisch blickenden Augen.

„Mein Fräulein,“ sagte der Oberst, der sich ihr näherte, um sie zum Tanz aufzufordern, „sehen Sie sich vor, daß der schöne Raymon Sie nicht hört.“

Fräulein von Nangy lachte; aber den ganzen Abend wagte die liebliche Mädchengruppe, der sie angehörte, nicht mehr von Herrn von Ramière zu sprechen.


Fünftes Kapitel.

Herr von Ramière irrte in dem wogenden Gedränge der geschmückten Menge herum.

Beim Wiedereintritt in diese ihm heimische Welt schämte er sich fast über die tolle unziemliche Leidenschaft, die ihn diesen Kreisen so lange entfremdet hatte. Er sah auf die im Glanz der Lichter so reizenden Damen, und alle diese wundervollen Schönheiten, diese fast königlichen Toiletten, diese zierlichen Tournüren schienen ihm über die Herabwürdigung, durch die er sich erniedrigt hatte, stumme Vorwürfe zu machen. Doch wie verhärtet er auch war, die Tränen eines armen betrogenen Mädchens schmerzten ihn.

Die Ehre dieses Abends gehörte einer jungen Dame, deren Namen niemand kannte und die durch die Neuheit ihrer Erscheinung in der großen Welt das Vorrecht genoß, die allgemeine Aufmerksamkeit zu fesseln. Schon die Einfachheit ihres Anzuges hätte hingereicht, sie inmitten der Diamanten, Federn und Blumen, welche die anderen Damen schmückten, hervorzuheben. Perlenreihen in ihr schwarzes Haar geflochten, machten ihren ganzen Schmuck aus. Das matte Weiß ihres Halsbandes, ihr weißes Kreppkleid und ihre bloßen Schultern schienen, von fern gesehen, völlig ineinander zu verschmelzen und kaum hatte die Wärme der Gemächer auf ihre Wangen jenen zarten Hauch von Rot hervorzubringen vermocht, den die mitten im Schnee erblühte bengalische Rose trägt. Sie war sehr klein, sehr zierlich und schlank. Beim Tanz war sie so leicht, daß man glaubte, ein Luftzug müsse hinreichen, sie emporzuheben. Wenn sie saß, sank sie in sich zusammen, als fehle ihrem allzu biegsamen Körper die Kraft, sich aufrechtzuerhalten; und wenn sie sprach, lächelte sie, aber mit einem schwermütigen Blick. Man verglich diese junge Frau mit einem durch Zauberkraft hervorgerufenen entzückenden Phantom, welches mit dem Licht des jungen Morgens wie ein Traumbild zerrinnen müsse.

Während man sie umdrängte, um sie zum Tanz aufzufordern, bemerkte eine Dame, welche in den Gesellschaften die Rolle eines Almanachs spielte: „Diese junge Frau ist die Tochter jenes alten Narrn Carvajal, der in Spanien der Partei Josephs anhing und später auf der Insel Bourbon in zerrütteten Vermögensumständen gestorben ist. Diese schöne exotische Blume ist sehr unglücklich verheiratet worden, aber ihre Tante steht bei Hofe gut angeschrieben.“

Raymon hatte sich der schönen Indierin genähert. Eine seltsame Bewegung bemächtigte sich seiner bei ihrem Anblick; dieses bleiche, schwermütige Antlitz hatte er schon irgendwo gesehen, vielleicht in einem seiner Träume; seine Blicke hefteten sich mit der süßen Wonne auf sie, die man beim Wiedererscheinen eines schmeichelnden Traumgesichtes empfindet, welches man für immer verloren zu haben fürchtete. Er erfuhr endlich, daß diese Dame sich Frau Delmare nannte, und nahte sich ihr, sie zum Tanz aufzufordern.

„Sie erinnern sich meiner nicht,“ sagte er, „aber ich, Madame, ich habe Sie nicht vergessen können. Und doch sah ich Sie nur einen Augenblick wie im Traume, aber dieser Augenblick zeigte Sie mir so gut, so mitleidsvoll …“

Frau Delmare erbebte.

„Ach ja, mein Herr,“ sagte sie lebhaft, „ich erkenne Sie wieder.“

Dann errötete sie und schien zu fürchten, gegen die Schicklichkeit verstoßen zu haben. Sie blickte sich um, ob jemand sie gehört habe. Ihre Schüchternheit erhöhte ihre natürliche Anmut, und Raymon fühlte sich von dem Ton dieser Stimme, die ein wenig verschleiert und so sanft war, daß es schien, sie sei nur zum Gebet geschaffen, aufs innigste gerührt.

„Ich fürchtete schon,“ sagte er, „niemals Gelegenheit zu finden, Ihnen zu danken. Wie glücklich bin ich, daß mir dieser Augenblick erlaubt, die Schuld meines Herzens abzutragen! …“

„Es wäre mir noch angenehmer,“ entgegnete sie, „wenn Herr Delmare seinen Anteil daran haben könnte; wenn Sie ihn näher kennen lernten, würden Sie finden, daß er ebenso gut wie heftig ist. Sie würden ihm verzeihen, daß er Sie unabsichtlich verletzt hat, denn sein Herz hat gewiß mehr geblutet als Ihre Wunde.“

„Sprechen wir nicht von Herrn Delmare, gnädige Frau. Ich war im Unrecht gegen ihn und er nahm sich selbst sein Recht; ich kann es nur vergessen, aber Ihnen, Madame, die Sie mir Ihre zarte Sorge zu teil werden ließen, werde ich diesen Edelmut Zeit meines Lebens nie vergessen, und noch weniger werden Ihre engelreinen Züge, Ihre himmlische Sanftmut und diese barmherzigen Hände, welche Balsam auf meine Wunde träufelten und die ich nicht küssen konnte, aus meiner Erinnerung weichen.“

Während Raymond dies sagte, hatte er Indianas Hand erfaßt, um mit ihr zum Kontretanz anzutreten. Er drückte diese Hand sanft in der seinigen und alles Blut der jungen Frau strömte nach ihrem Herzen.

Als er sie zu ihrem Sitz zurückführte, begann sich die Ballgesellschaft zu lichten. Raymon setzte sich neben sie. Er besaß jene Unbefangenheit des Benehmens, welche eine gewisse Erfahrung des Herzens gibt. Doch bei dieser einfachen Frau fühlte er sich befangener, als er es je gewesen war. Trotzdem gab die erlangte Übung seinen Worten jene überzeugende Kraft, welcher sich die unerfahrene Indiana hingab, ohne zu wissen, daß das alles nicht erst für sie erfunden worden war.

Im allgemeinen, und die Frauen wissen das recht gut, ist ein Mann, welcher geistreich von Liebe spricht, nur sehr wenig verliebt. Raymon machte in diesem Falle eine Ausnahme; er drückte seine Leidenschaft mit Kunst aus und fühlte sie warm, nur war es nicht Leidenschaft, welche ihn beredt machte, sondern die Beredtsamkeit machte ihn leidenschaftlich. Er kannte Frauen, die scharfblickend genug waren, um solchen heftigen Ergüssen zu mißtrauen; aber Raymon hatte aus Liebe sogenannte Torheiten begangen; er hatte ein junges, wohlerzogenes Mädchen entführt, sehr hochgestellte Frauen kompromittiert und drei aufsehenerregende Duelle gehabt. Ein Mann, der das alles wagen darf, ohne lächerlich oder verabscheut zu werden, steht über jeden Angriff erhaben und ist in der vornehmen Welt ein ziemlich seltenes Wunder, das die Frauen nicht mit Verachtung strafen.

Als Raymon Frau Delmare und ihre Tante, Frau von Carvajal, zu ihrem Wagen führte, gelang es ihm, Indianas kleine Hand an seine Lippen zu drücken. Nie hatte der verstohlene und glühende Kuß eines Mannes die Hand dieser Frau berührt, obgleich sie unter einem heißen Klima geboren und neunzehn Jahre alt war; neunzehn Jahre der Insel Bourbon bedeuten fünfundzwanzig unter unserer milderen Sonne. Der nervösen jungen Frau hätte dieser Kuß fast einen lauten Schrei entlockt. Man mußte sie beim Einsteigen in den Wagen unterstützen. Eine solche Feinheit der Organisation war Raymon noch nicht vorgekommen.

„Wenn ich sie noch einmal sehe,“ gestand er sich auf dem Heimwege, „würde ich den Kopf verlieren.“

Am folgenden Tage hatte er Noun vollständig vergessen; alles, was er noch von ihr wußte, war, daß sie Frau Delmare angehöre. Die bleiche Indiana beschäftigte alle seine Gedanken. Wenn Raymon fühlte, daß er verliebt wurde, pflegte er sich zu betäuben, nicht um die keimende Leidenschaft zu ersticken, sondern im Gegenteil, um die Vernunft zum Schweigen zu bringen, welche ihn ermahnte, die Folgen zu bedenken.

Schon am folgenden Tage hatte er ausfindig gemacht, daß Herr Delmare in Geschäftsangelegenheiten nach Brüssel gereist war. Bei seiner Abreise hatte er seine Gattin Frau von Carvajal anvertraut, die ihm wenig sympathisch, aber Indianas einzige Verwandte war. Im Glücksspiel des Krieges emporgekommen, entstammte Delmare einer armen unbekannten Familie, deren er sich zu schämen schien, wenigstens fühlte er, daß er seiner Frau nicht zumuten dürfe, mit seinen ungebildeten Verwandten sich auf einen vertrauteren Fuß zu stellen. Trotz seiner Abneigung gegen Frau von Carvajal konnte er nicht umhin, ihr große Achtung zu beweisen.

Frau von Carvajal, einer vornehmen spanischen Familie angehörig, war eine jener Frauen, welche um keinen Preis unbedeutend sein wollen. Zur Zeit, als Napoleon Europa beherrschte, hatte sie den Kaiser vergöttert und mit ihrem Gatten und Schwager die Partei der Josephinos ergriffen, aber ihr Gatte hatte bei dem Fall der kurzlebigen Dynastie des Eroberers sein Leben eingebüßt, und der Vater Indianas war in die französischen Kolonien geflüchtet. Darauf begab sich Frau von Carvajal nach Paris, wo sie durch Börsenspekulationen mit den Trümmern ihres früheren Glanzes sich einen neuen Wohlstand geschaffen hatte. Durch Geist, Intriguen und äußerliche Frömmigkeit hatte sie sich noch überdies in die Gunst des Hofes zu setzen gewußt, so daß ihr Haus eines der angesehensten war.

Als Indiana nach ihres Vaters Tode nach Frankreich kam, als die Gattin des Oberst Delmare, fühlte sich Frau von Carvajal durch eine so wenig glänzende Verbindung nicht sehr geschmeichelt. Doch Delmares Tätigkeit und richtiger Blick in Geschäften wog ein Vermögen auf. Frau von Carvajal erwarb für Indiana das kleine Schloß Lagny und die daranstoßende Fabrik. Dank den speziellen Kenntnissen des Herrn Delmare und den Geldsummen, welche Sir Ralph Brown, der Cousin seiner Frau, vorstreckte, nahmen in zwei Jahren die Geschäfte des Obersten eine glückliche Wendung und Frau von Carvajal, in deren Augen Vermögen die beste Empfehlung war, zeigte ihrer Nichte vielen Anteil und versprach ihr den Rest ihrer Hinterlassenschaft. In Bezug auf Politik bestanden zwischen dem Oberst und Frau von Carvajal große Meinungsverschiedenheiten. Der Ruhm seines großen Kaisers war ihm unantastbar, er verteidigte ihn mit blinder Hartnäckigkeit und mußte sich daher viel Gewalt antun, um in dem Salon der Frau von Carvajal, wo man nur noch die Restauration pries, nicht beständig in Streit zu geraten.

Von allen diesen Verhältnissen hatte sich Herr von Ramière binnen wenigen Tagen Kenntnis verschafft. Auch erfuhr er, daß er Indiana sehen könne, wenn er sich unter die Protektion der Frau von Carvajal begab, und am Abend des dritten Tages stellte er sich bei ihr vor. Indiana füllte geduldig auf dem Stickrahmen ihrer Tante den Grund einer Tapisseriearbeit aus. Sie war in diese mechanische Beschäftigung ganz versunken und überhörte die Stimme des Dieners, welcher einen Besuch anmeldete. Kaum erhob sie die Augen von ihrer Stickerei, als sie sich wie von einem elektrischen Schlage getroffen fühlte, und sich an ihrem Arbeitstische festhalten mußte, um nicht umzusinken.


Sechstes Kapitel.

Es waren vier oder fünf ehrwürdig aussehende Damen anwesend, welche Raymon in diesem Salon nicht erwartet hatte. Es war unmöglich, ein Wort zu sprechen, das nicht in allen Winkeln des Gemaches gehört wurde. Diese alten Betschwestern, welche Karten spielten, schienen nur da zu sein, um die Gespräche der jungen Leute unter ihre Zensur zu stellen, und in ihren strengen Zügen glaubte Raymon die geheime Freude des Alters zu lesen, welches eine Genugtuung darin findet, die Jugend in ihrem Vergnügen zu verkümmern. Raymon hatte auf eine vertraulichere Unterhaltung gerechnet, als der Ball erlaubte, und fand das Gegenteil. Diese unverhoffte Schwierigkeit gab jedoch seinen Blicken höheres Feuer, den einzelnen Fragen, die er an Frau Delmare richtete, größere Innigkeit. Das arme Kind war auf einen solchen Angriff gar nicht vorbereitet. Ihre Verlegenheit wurde durch Raymons Kühnheit vermehrt. Frau von Carvajal, welche den Geist des Herrn von Ramière hatte rühmen hören, verließ ihr Spiel, um mit ihm ein lebhaftes Gespräch über die Liebe anzuknüpfen, in welches sie viel spanische Leidenschaft und deutschen Idealismus einmischte. Indem Raymon in das von der Tante angeschlagene Gesprächsthema mit feuriger Beredsamkeit einging, sagte er der Nichte alles, was sie anzuhören sich geweigert haben würde. Die arme junge Frau gestand errötend, daß sie von diesen Dingen nichts verstände, und Raymon der trunken vor Freude, ihre Wangen sich färben und ihren Busen schwellen sah, nahm sich vor, es ihr zu lehren.

Indiana schlief diese Nacht noch weniger als die vorhergehenden. Ihr Herz war seit langer Zeit für ein Gefühl reif, das ihr keiner der Männer hatte einflößen können, die sie bisher kennen gelernt hatte. Von einem wunderlichen, heftigen Vater erzogen, hatte sie nie das Glück genossen, welches die Zuneigung eines anderen gewährt. Herr von Carvajal war von seinen politischen Leidenschaften so eingenommen und durch die Vernichtung seiner ehrgeizigen Pläne so gereizt, daß er in den Kolonien der grausamste Pflanzer und der unangenehmste Nachbar wurde. Seine Tochter hatte unter seiner finsteren Laune entsetzlich gelitten. Aber indem sie fortdauernd die Leiden der Sklaverei vor Augen sah, hatte sie sich eine musterhafte äußere Geduld, eine bewundernswürdige Nachsicht und Güte gegen ihre Untergebenen, zugleich aber auch einen eisernen Willen und eine ungewöhnliche Widerstandskraft gegen alles erworben, was sie zu unterdrücken drohte. Als sie Delmare heiratete, hatte sie nur den Herrn und das Gefängnis gewechselt. Sie liebte ihren Gatten nicht, vielleicht nur aus dem Grunde, weil man es ihr zur Pflicht machte, ihn zu lieben.

Ein unbekanntes Übel nagte an ihrer Jugend. Sie war kraft- und schlaflos. Vergeblich suchten die Ärzte einen organischen Fehler in ihr zu entdecken, sie hatte keinen. Ihre gesamten Kräfte schwanden fast gleichmäßig, der Schlag ihres Herzens wurde immer schwächer, ihr Blut zirkulierte nur bei Fieberanfällen; noch einige Zeit, und die arme Gefangene wäre gestorben. Aber wie groß auch ihre Mutlosigkeit war, so blieb die unbewußte Sehnsucht nach einem anderen Herzen, das mit ihr fühlen konnte, doch immer wach. Das Wesen, welches sie bis dahin am meisten geliebt hatte, war Noun, die heitere, mutige Gefährtin ihrer Leiden; und der Mann, der ihr die meiste Teilnahme gezeigt hatte, war ihr phlegmatischer Vetter Sir Ralph. Aber welche Nahrung für die verzehrende Tätigkeit ihrer Gedanken konnte ihr von der Gesellschaft eines armen Mädchens, unwissend und verlassen wie Indiana selbst, und derjenigen eines Engländers geboten werden, der nur für die Fuchsjagd leidenschaftlich eingenommen war?

Frau Delmare war wirklich unglücklich, und das erstemal, da sie in ihrer eisigen Atmosphäre den warmen Hauch eines jungen, leidenschaftlichen Mannes fühlte, das erstemal, da ein zärtliches Wort ihr Ohr berauschte und ein bebender Mund ihre Hand wie mit einem glühenden Eisen berührte, dachte sie weder an ihre Pflicht, noch an die Klugheit, noch an die Zukunft; sie erinnerte sich nur der verhaßten Vergangenheit, ihrer langen Leiden, ihres despotischen Herrn. Sie dachte auch nicht daran, daß Ramière ein gewissenloser Lügner sein könne. Sie sah in ihm einen Mann, wie sie ihn wünschte, wie sie ihn geträumt hatte, und Raymon hätte sie betrügen können, wenn er nicht aufrichtig gewesen wäre. Und warum hätte er es nicht sein sollen bei einer so schönen und so liebenden Frau? Welche andere hatte ihm jemals so viel Reinheit und Unschuld des Herzens entgegengebracht? Von welcher anderen durfte er eine freundlichere Zukunft erhoffen? War diese unter dem Sklavenjoch seufzende Frau, welche nur auf eine Gelegenheit wartete, um ihre Kette zu zerbrechen, nicht von Natur zum Lieben geschaffen?

Demungeachtet bemächtigte sich Indianas bei dem Gedanken an Ramière ein Gefühl des Schreckens. Sie fürchtete für den Mann, der mit ihrem argwöhnischen, rachsüchtigen Gatten einen Kampf auf Leben und Tod beginnen würde. Das schüchterne Wesen, das nicht zu lieben wagte, aus Furcht, ihren Geliebten dem Tode preiszugeben, dachte nicht an die Gefahr, sich selbst ins Verderben zu stürzen. Am folgenden Tage faßte sie den Entschluß, Herrn von Ramière zu vermeiden. An demselben Abend gab einer der ersten Bankiers von Paris einen Ball. Frau von Carvajal wollte ihre Nichte hinführen; aber in der Befürchtung, Raymon dort zu treffen, gelobte sich Indiana, nicht hinzugehen. Zum Schein nahm sie den Vorschlag an. Als aber Frau von Carvajal in voller Toilette in das Zimmer ihrer Nichte trat, um sie abzuholen, erklärte Indiana, daß sie unwohl sei und sich kaum auf den Füßen halten könne. „Ich würde Ihnen nur Verlegenheiten bereiten,“ sagte sie. „Gehen Sie ohne mich auf den Ball, gute Tante.“

„Ohne dich?“ fragte Frau von Carvajal, welche ihre Toilette nicht umsonst gemacht haben wollte. „Was soll ich alte Frau denn in der Gesellschaft, ohne die schönen Augen meiner Nichte, die mir erst Wert geben?“

„Ihr Geist wird den Mangel derselben ersetzen, liebe Tante,“ entgegnete Indiana.

Die Marquise von Carvajal, die nichts weiter verlangte, als sich überreden zu lassen, ging allein. Und jetzt verbarg Indiana ihr Gesicht in ihre beiden Hände und begann zu weinen; denn sie hatte ein großes Opfer gebracht.

Das erste, was Raymon auf dem Balle erblickte, war die alte Marquise. Vergeblich suchte er aber in ihrer Nähe das weiße Kleid und die schwarzen Haare Indianas.

„Meine Nichte ist krank,“ hörte er die Marquise zu einer anderen Dame sagen, „oder vielmehr, sie hat die Laune, allein zu Hause bleiben zu wollen, ein Buch in der Hand, um sich sentimentalen Träumereien hinzugeben.“

„Sollte sie mich vermeiden wollen?“ dachte Raymon.

Sogleich verließ er den Ball und eilte in die Wohnung der Marquise. Dort fragte er den Diener, den er schlaftrunken im Vorzimmer fand, nach Frau Delmare.

„Die gnädige Frau ist krank.“

„Ich weiß es. Ich komme, um mich im Auftrage der Frau von Carvajal nach ihrem Befinden zu erkundigen.“

„Ich werde die gnädige Frau davon benachrichtigen …“

„Das ist überflüssig; Frau Delmare empfängt mich.“

Und Raymon trat ein, ohne sich anmelden zu lassen. Alle anderen Diener waren zu Bette gegangen. Eine einzige, mit einem grünen Schirme bedeckte Lampe erhellte schwach den großen Saal. Indiana hatte der Tür den Rücken gewendet, in einem großen Lehnstuhl sitzend, sah sie trüb den Flammen im Kamin zu.

In seinen Ballschuhen näherte sich Raymon unhörbar auf dem weichen Teppich. Er sah sie weinen, und als sie den Kopf wandte, fand sie ihn zu ihren Füßen, mit Heftigkeit ihre Hände fassend, die sie vergeblich ihm zu entziehen suchte. Im Nu war ihr Vorhaben, ihn aufzugeben, vergessen. Sie fühlte, daß sie diesen Mann, der keine Hindernisse scheute, mit Leidenschaft liebte und segnete den Himmel, welcher ihr Opfer verwarf. Statt Raymon zu zürnen, hätte sie ihm fast gedankt.

Raymon wußte bereits, daß er geliebt war. Er brauchte die Freude nicht zu sehen, welche durch Indianas Tränen glänzte, um zu begreifen, daß er alles wagen konnte. Ohne ihr seine unerwartete Gegenwart zu erklären, sagte er:

„Indiana, Sie weinen … warum weinen Sie? … Ich will es wissen.“

Sie erbebte, als sie sich bei ihrem Namen nennen hörte.

„Warum fragen Sie danach?“ entgegnete sie; „ich darf es Ihnen nicht sagen …“

„Wohl, Indiana! Ich, ich weiß es. Ich kenne Ihre ganze Geschichte, es gibt nichts, was mir nicht jener Augenblick enthüllt hätte, wo man mich blutend zu Ihren Füßen legte und Ihr Gemahl zornig zusehen mußte, wie Sie mit Ihren weichen Armen meinen Kopf stützten und mit Ihrem sanften Atem mir neues Leben einhauchten. Er ist eifersüchtig! O, ich begreife es wohl; ich wäre es auch, oder vielmehr an seiner Stelle brächt’ ich mich um. Denn Ihr Gatte sein, Indiana, und den Besitz Ihres Herzens nicht verdienen, heißt der schlechteste oder der elendeste der Menschen sein.“

„O, Himmel, schweigen Sie!“ rief die junge Frau, indem sie ihm mit ihren Händen den Mund schloß; „schweigen Sie, denn Sie machen mich strafbar. Warum wollen Sie mir lehren, ihn zu verwünschen? Ich habe nichts Böses von ihm gesagt; ich hasse ihn nicht, ich schätze, ich liebe ihn! …“

„Sagen Sie lieber, Sie fürchten ihn, denn der Despot hat Ihr Herz gebrochen und die Furcht sitzt Ihnen zu Häupten, seid Sie das Opfer dieses Mannes geworden sind. Sie, Indiana, von diesem rohen Menschen entheiligt, dessen eiserne Hand die Blüten Ihres Lebens vernichtet hat! Armes Kind! So jung und so schön, und schon so viele Leiden ausgestanden … denn mich täuschen Sie nicht, Indiana, ich kenne alle Geheimnisse Ihres Schicksals, ich kenne Ihr Leid. Mag die Welt sagen: Sie ist krank. Ich weiß es besser: Ich weiß, wenn der Himmel Sie mir gegeben hätte, mir, dem Unglücklichen, der sich den Kopf zerschmettern möchte, weil er zu spät gekommen ist, dann wären Sie nicht krank. Indiana, ich schwöre es Ihnen bei meinem Leben, ich würde Sie auf den Armen getragen haben, um Ihre Füße vor jeder rauhen Berührung zu bewahren. An meinem Herzen wären Sie vor jedem Leiden geschützt gewesen; mein Blut hätte ich gegeben, um das Ihrige zu erneuen, und wenn Sie der Schlaf geflohen hätte, würde ich kniend vor Ihrem Bette gewacht und Ihren Träumen geboten haben, Ihnen Blumen zu streuen. Ich hätte die Flechten Ihres Haares geküßt, die Schläge Ihres Herzens gezählt, und bei Ihrem Erwachen, Indiana, hätten Sie mich zu Ihren Füßen gefunden, Ihnen dienend wie ein Sklave, Ihr erstes Lächeln erspähend, mir Ihren ersten Kuß erbittend.“

„Genug, genug!“ rief Indiana ganz verwirrt. „Sprechen Sie nicht so zu mir, zu mir, die nicht glücklich sein darf; zeigen Sie mir den Himmel nicht auf der Erde, mir, die dem Tode verfallen ist.“

„Dem Tode!“ rief Raymon, sie heftig in seine Arme drückend. „Du, sterben, Indiana, sterben, ehe du noch gelebt, ehe du geliebt hast! … Nein, ich werde dich nicht sterben lassen, denn mein Leben ist jetzt an das deinige geheftet. Du bist das Weib, das meine Träume mir gezeigt haben, der glänzende Stern, der auf mich herableuchtete und mir zurief: ‚Wandle noch in diesem Leben des Elends, und der Himmel wird dir einen seiner Engel senden, um dich zu geleiten.‘ Du warst mir von Anbeginn bestimmt, Indiana! Die Menschen und ihre eisernen Gesetze haben über dich verfügt, aber du gehörst mir; du bist die Hälfte meiner Seele, die längst schon ihre andere Hälfte suchte. Als du auf der Insel Bourbon von einem Freunde träumtest, so war ich es, der dir erschien. Kennst du mich nicht? scheint es dir nicht, als ob wir uns schon damals gesehen hätten? Erkanntest du mich nicht wieder, als du mein Blut stilltest, als du deine Hand auf mein erloschenes Herz legtest, um ihm Leben und Wärme wiederzugeben? O, ich erinnere mich wohl. Als ich die Augen öffnete, sagte ich: ‚Da ist sie! so lebte sie in allen meinen Träumen, sie ist es, der ich ungekannte Seligkeiten verdanken soll.‘ Und so war das Leben, zu dem ich zurückkehrte, dein Werk. Dein Gatte, dein Herr hat mich, blutend von seiner Hand, zu deinen Füßen gelegt, und jetzt kann uns nichts mehr trennen …“

„Er! er kann uns trennen!“ unterbrach ihn Indiana, welche mit Wonne zuhörte. „Ach! ach! Sie kennen ihn nicht; er ist ein Mann, der keine Verzeihung übt, ein Mann, den man nicht täuscht. Raymon, er wird Sie töten! …“

Und sie verbarg sich weinend an seinem Busen. Raymon drückte sie leidenschaftlich an sich.

„Ich trotze ihm!“ rief er. „Liebe mich und ich bin unverwundbar. Dich aber werde ich der grausamen Macht dieses Tyrannen entreißen. Sage mir, du liebst mich, und ich ermorde ihn, wenn du ihn zum Tode verurteilst.“

„Sie flößen mir Entsetzen ein, schweigen Sie! Wollen Sie jemand töten, so töten Sie mich; denn ich habe einen ganzen Tag gelebt und verlange nichts mehr …“

„Stirb denn, aber vor Fülle des Glücks!“ rief Raymon, seine Lippen auf Indianas Mund drückend.

Aber der Sturm war für diese schwache Blume zu überwältigend; sie erbleichte, legte die Hand an ihr Herz und verlor das Bewußtsein.

Anfangs glaubte Raymon, seine Liebkosungen würden sie wieder erwecken, aber vergeblich bedeckte er ihre Hände mit Küssen, vergeblich rief er sie mit den süßesten Namen. Seit langer Zeit ernstlich krank, war Frau Delmare Nervenzufällen unterworfen, welche stundenlang anhielten. Verzweifelnd mußte endlich Raymon Hilfe herbeirufen. Er zieht die Klingel. Eine Kammerfrau erscheint; aber ein Schrei entringt sich ihrer Brust, als sie Raymon erkennt. Dieser fand sogleich seine Geistesgegenwart wieder.

„Still, Noun!“ flüsterte er der Kreolin ins Ohr. „Ich wußte, daß du hier bist; ich wollte zu dir; ich ahnte nicht, deine Gebieterin hier zu finden, sondern glaubte sie auf dem Ball. Als ich ins Zimmer trat, habe ich sie erschreckt, und sie sank in Ohnmacht. Sei klug, ich entferne mich.“

Raymon entfloh und ließ jede dieser Frauen im Besitz eines Geheimnisses zurück, das beiden verhängnisvoll werden mußte, wenn es sich ihnen enthüllte.


Siebentes Kapitel.

Am folgenden Morgen erhielt Raymon wieder einen Brief von Noun. Diesen warf er nicht verächtlich von sich, im Gegenteil, er öffnete ihn eilig. Das Geheimnis des jungen Mädchens ließ sich nicht mehr verbergen. Schon hatten Kummer und Verzweiflung ihre Wangen gebleicht. Frau Delmare bemerkte diesen krankhaften Zustand, ohne die Ursache zu erraten. Noun fürchtete die Strenge des Obersten. Sie wußte wohl, daß sie die Verzeihung ihrer sanften Herrin erhalten würde, aber die Schande und der Schmerz, zu einem furchtbaren Geständnis gezwungen zu sein, würde sie töten. Was sollte aus ihr werden, wenn Raymon nicht dafür sorgte, sie vor den Demütigungen zu bewahren, die sie zu Boden drückten? Er mußte endlich an ihr Schicksal denken, oder sie warf sich zu den Füßen der Frau Delmare, um ihr alles zu gestehen. Das war der verzweifelte Inhalt des Briefes.

Herrn von Ramières erste Sorge war, Noun von ihrer Herrin zu entfernen.

„Hüte dich, ohne mein Einverständnis zu sprechen,“ antwortete er ihr. „Richte es ein, daß du diesen Abend in Lagny bist, ich werde hinkommen.“

Während er sich nach Lagny begab, überlegte er, wie er sich benehmen solle. Noun war einsichtig genug, um nicht das Unmögliche von ihm zu verlangen. Sie hatte niemals gewagt, das Wort Ehe auch nur auszusprechen, und weil sie bescheiden und edelmütig war, meinte Raymon, er habe sie nicht betrogen und Noun hätte ihr Schicksal voraussehen müssen. Er wäre gern bereit gewesen, dem armen Mädchen die Hälfte seines Vermögens anzubieten, und ihr alle Unterstützung zu teil werden zu lassen, welche sie verlangen konnte. Seine Lage wurde aber dadurch peinlich, daß er gezwungen war, ihr zu sagen, er liebe sie nicht mehr; denn er konnte nicht täuschen. Er hatte Noun mit den Sinnen geliebt; Indiana liebte er mit ganzer Seele. Raymon war sehr unglücklich. Er kam an die Parkpforte von Lagny, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben.

Noun hatte keine so schnelle Antwort erwartet und deshalb wieder ein wenig Hoffnung gefaßt.

„Er liebt mich noch,“ sagte sie sich, „er will mich nicht verlassen. In Paris, mitten unter all den Festen, hat er nur auf einige Augenblicke die arme Kreolin vergessen. Ach, wer bin ich, daß er mir all die großen Damen, alle schöner und reicher als ich, zum Opfer bringt?“

Und Noun vergegenwärtigte sich die verführerischen Reize des Luxus und prunkender Toiletten so lebhaft, daß sie darin das Mittel zu erblicken glaubte, ihre frühere Macht über Raymon wieder zu gewinnen. Sie legte die Kleider ihrer Herrin an, zündete in dem Zimmer, welches Frau Delmare bewohnte, ein großes Feuer an, schmückte den Kamin mit den schönsten Blumen, die sie im Treibhaus finden konnte, trug feines Obst und edle Weine auf und umgab sich, mit einem Worte, mit dem ganzen anheimelnden Zauber eines Boudoirs. Als sie sich in einem großen Spiegel besah, ließ sie sich nur selbst Gerechtigkeit widerfahren und dachte: Vielleicht gewinn ich alle die Liebe wieder, die er einst für mich empfunden hat.

Raymon hatte sein Pferd in einer Köhlerhütte im Walde gelassen und trat in den Park, zu dem er einen Schlüssel besaß. Fast alle Diener waren der Herrschaft gefolgt, der Gärtner stand in seinem Vertrauen, und er kannte alle Zugänge zu Lagny.

Die Nacht war kalt; ein dicker Nebel verhüllte die Bäume des Parks und Raymon irrte einige Zeit in den verschlungenen Alleen herum, ehe er die Tür des Kiosks fand, wo Noun ihn empfing. Sie war in einen Pelz gehüllt, dessen Kapuze über ihr Haupt gezogen war.

„Wir können hier nicht bleiben,“ sagte sie, „es ist zu kalt, folge mir, aber sprich nicht.“

Raymon fühlte einen außerordentlichen Widerwillen, Indianas Heim als Liebhaber ihres Kammermädchens zu betreten. Doch diese Zusammenkunft sollte entscheidend werden.

Noun führte ihn über den Hof, öffnete geräuschlos die Pforte, ergriff ihn dann bei der Hand und geleitete ihn schweigend durch die düsteren Korridore; endlich zog sie ihn in ein rundes Gemach, wo blühende Orangerie süße Wohlgerüche verbreitete und helle Wachskerzen auf Kandelabern brannten,

Noun hatte bengalische Rosen entblättert und auf den Boden gestreut, den Diwan mit Veilchen geschmückt, eine sanfte Wärme strömte dem Eintretenden wohlig durch die Glieder, auf den Tischen schimmerten glänzende Kristallflaschen und Gläser. Raymon bedurfte nur kurzer Zeit, um zu erkennen, wo er war. Der feine Geschmack und die keusche Einfachheit, welche in dem ganzen Gemach herrschten, jene elegant gebundenen Bücher auf einem Bücherbrett von Mahagony, der mit einer zierlichen und unvollendeten Arbeit bespannte Stickrahmen, die Harfe, deren Saiten noch zu zittern schienen, die Kupferstiche, welche die zärtliche Liebe Pauls und Virginiens, die Berggipfel der Insel Bourbon und die Küsten von Saint-Paul darstellten, vor allem aber das kleine, unter Mousselinvorhängen halb verborgene Bett, weiß und züchtig, wie das einer Jungfrau. – Alles deutete auf Indiana. Während Raymon sich an dem feinen, unbestimmbaren Duft, den Indianas Gegenwart in diesem Heiligtum zurückgelassen hatte, berauschte, betrachtete Noun ihn mit unnennbarem Entzücken, in dem Glauben, der Anblick aller der ihm erwiesenen Aufmerksamkeiten versenke ihn in dieses süße Staunen.

Endlich brach er das Schweigen.

„Ich danke dir für alle die Vorbereitungen, die du für mich getroffen hast,“ sagte er, „ich danke dir besonders, mir den Eingang in dieses Zimmer geöffnet zu haben, aber wir sind hier nicht an unserem Platz und ich muß Frau Delmare selbst in ihrer Abwesenheit respektieren,“

„Das ist sehr grausam,“ entgegnete Noun, die ihn nicht verstanden hatte, aber sein kaltes, unzufriedenes Wesen beobachtete. „Ich hatte gehofft, dir zu gefallen, und ich sehe, du stößest mich zurück.“

„Nein, liebe Noun, ich werde dich nie zurückstoßen. Ich bin hieher gekommen, um ernstlich mit dir zu sprechen und dir Beweise von der Zuneigung zu geben, die ich dir schuldig bin. Ich erkenne dankbar deinen Wunsch an, mir zu gefallen; aber es wäre mir lieber, wenn ich dich nur im Schmuck deiner Jugend und deiner natürlichen Anmut vor mir sähe, anstatt mit diesem geborgten Flitter.“

Noun verstand ihn nur zur Hälfte, aber sie weinte.

„Ich bin sehr unglücklich,“ sagte sie, „ich hasse mich, da ich dir nicht mehr gefalle. Ich hätte es voraussehen sollen, daß deine Liebe nicht lange anhalten werde. Daß du mich nicht heiraten würdest, wußte ich sehr wohl, aber wenn du mich wenigstens noch liebtest, so hätte ich ohne Klage alles getragen … O, ich bin verloren, entehrt! Vielleicht jagt man mich fort … Jeder wird das Recht zu haben glauben, mich mit Füßen zu treten … Ach, und doch würde ich dies alles freudig ertragen, wenn du mich noch liebtest.“

Noun war von Tränen fast erstickt; sie hatte die Blumen von ihrer Stirn gerissen und ihr langes Haar wogte wild auf ihre vollen glänzenden Schultern herab. Sie strahlte in Schmerz und Liebe. Überwältigt zog Raymon sie in seine Arme und ließ sie neben sich aufs Sofa sitzen. Durch dieses Zeichen der Zärtlichkeit beglückt, trocknete Noun ihre Tränen und warf sich zu Raymons Füßen.

„Liebe mich doch noch,“ sagte sie, seine Knie umfassend, „sage mir noch einmal, daß du mich liebst, und ich bin wieder glücklich.“

Ihre großen schwarzen Augen weilten auf ihm mit den zärtlichsten Blicken. Raymon vergaß alles, seine Entschlüsse, seine neue Liebe und den Ort, wo er war, indem er Nouns Liebkosungen erwiderte.

Nach und nach tauchte ein unbestimmter nebelhafter Gedanke an Indiana in Raymon auf. Die beiden Spiegelscheiben, welche Nouns Bildnis vervielfältigten, schienen sich mit tausend Phantomen zu bevölkern. Er glaubte in der Tiefe dieser doppelten Widerspieglung eine zartere Form zu erblicken und in dem letzten duftigen, dunklen Schatten, welchen Noun hineinwarf, den feinen, schmächtigen Wuchs Indianas zu erkennen.

Betäubt, wie Raymon von den starken Weinen, verstand Noun die wunderlichen Reden ihres Geliebten nicht. Wenn sie nicht selbst trunken, wie er gewesen wäre, würde es ihr nicht entgangen sein, daß Raymon an eine ganz andere dachte. Sie hätte bemerkt, daß er die Schärpe und die Bänder küßte, die Indiana getragen hatte, die Wohlgerüche einatmete, die ihn an sie erinnerten, aber Noun bezog dies alles auf sich selbst, während Raymon von ihr nichts sah, als Indianas Gewand. Indiana sah er in der Wolke des Punsches, welchen Nouns Hand entzündet hatte.

Als Raymon von seinem Rausch erwachte, drang der Tag durch die Spalten der Fensterladen, und lange blieb er regungslos in ein dumpfes Staunen versunken, den Ort, wo er sich befand, und das Bett, worauf er in seinen Kleidern geruht hatte, fast für ein Traumgesicht haltend. Im Zimmer der Frau Delmare hatte Noun alles wieder in Ordnung gebracht, nichts verriet das Gelage des gestrigen Abends.

Raymon stand auf und wollte hinausgehen; aber die Tür war verschlossen, das Fenster dreißig Fuß vom Boden entfernt.

Da warf er sich auf seine Knie.

„O Indiana,“ rief er, die Hände windend, „kannst du mir eine solche Schmach verzeihen? Verwirf mich jetzt, vertrauende, sanfte Indiana; denn du weißt nicht, welchem schändlichen, gemeinen Menschen du die Schätze deiner Unschuld anvertrauen willst! Verstoße mich, tritt mich unter deine Füße!“

Da trat Noun in ihrer gewöhnlichen Kleidung ein. Als sie Raymon auf den Knien sah, glaubte sie, er bete. Sie wußte nicht, daß das nicht die Gewohnheit der vornehmen Leute ist. Schweigend wartete sie, bis es ihm gefallen würde, ihre Gegenwart zu bemerken.

Als Raymon sie sah, fühlte er sich gereizt und verlegen, ohne sich entschließen zu können, sie zu schelten, oder ihr ein freundliches Wort zu gönnen.

„Warum hast du mich hier eingeschlossen?“ fragte er endlich.

„Damit du nicht fortgehst,“ antwortete Noun schmeichelnd. „Das Haus ist unbewohnt, der Gärtner kommt niemals in diesen Teil des Gebäudes, von dem ich allein den Schlüssel habe. Du bleibst also diesen Tag noch bei mir, du bist mein Gefangener.“

Diese Anordnung brachte Raymon zur Verzweiflung; denn er fühlte für seine Geliebte nichts mehr. Doch mußte er sich darein ergeben und vielleicht hielt ihn auch, trotz des peinlichen Gefühles, das ihn in diesem Zimmer ergriff, ein unwiderstehlicher Reiz darin fest.

Als Noun gegangen war, um ihm sein Frühstück zu bereiten, begann er beim Licht des Tages alle die stillen Zeugen von Indianas Einsamkeit näher zu betrachten. Er öffnete ihre Bücher, durchblätterte ihr Album und schloß sie dann eilig, denn er fürchtete noch immer, eine Profanation zu begehen und die unschuldigen Geheimnisse eines weiblichen Herzens zu verletzen. Endlich bemerkte er auf dem Wandgetäfel, dem Bette der Frau Delmare gegenüber, ein großes, mit doppelter Gaze bedecktes Gemälde in reichem Rahmen.

Vielleicht war es Indianas Bildnis. Begierig, es zu betrachten, stieg Raymon auf einen Stuhl, entfernte die Gaze und entdeckte mit Erstaunen das lebensgroße Porträt eines jungen Mannes.


Achtes Kapitel.

„Es ist mir, als müßte ich diese Züge kennen,“ sagte er zu Noun, als diese eben zurückkehrte, indem er sich bemühte, eine gleichgültige Miene anzunehmen.

„Pfui, mein Herr,“ entgegnete das junge Mädchen, das Frühstück auf den Tisch setzend, „es ist nicht hübsch, in die Geheimnisse meiner Gebieterin einzudringen.“

Raymon erbleichte.

„Geheimnisse?“ wiederholte er. „Wenn es hier Geheimnisse gibt, so bist du die Vertraute und doppelt strafbar, mich in dieses Zimmer geführt zu haben.“

„Ach nein, es ist kein Geheimnis,“ sagte Noun lächelnd. „Könnte meine Herrin vor einem so eifersüchtigen Gatten Geheimnisse haben?“

„Wen stellt dieses Porträt vor?“

„Sir Ralph Brown, den Cousin der gnädigen Frau; es ist ihr Jugendfreund und ich könnte fast sagen, auch der meinige.“

Raymon betrachtete das Gemälde mit finsteren Blicken.

Wir haben bereits gesagt, daß Sir Ralph ein hübscher Mann war, von kräftiger Gestalt und reichem Haarwuchs, immer geschmackvoll gekleidet. Wenn er auch nicht der Mann dazu war, ein romantisches Frauenherz zu erobern, so hätte er doch die Eitelkeit einer nüchtern angelegten Natur befriedigen können. Er war in Jagdkleidern dargestellt, von seinen Hunden umgeben, an deren Spitze sein Lieblingshund, die schöne Ophelia, stand. Sir Ralph hielt in der Hand den Zügel eines prächtigen, englischen Pferdes, welches fast den ganzen Hintergrund des Gemäldes einnahm. Das Bild war bewundernswürdig ausgeführt und das Original kam ihn bei weitem nicht gleich.

Doch fragte sich Raymon unwillig:

„Wie, dieser vierschrötige Engländer genießt das Vorrecht, das geheimste Gemach der Frau Delmare zu schmücken? Sein fades Bild hängt immer da. Er überwacht, er verfolgt alle ihre Bewegungen; er besitzt sie zu jeder Stunde!“

„Ist das Gemälde immer mit der Gaze umhüllt?“ fragte er das Kammermädchen.

„Immer,“ antwortete sie, „wenn die gnädige Frau abwesend ist. Doch bemühe dich nicht, sie wieder vorzuhängen, Frau Delmare kommt in einigen Tagen zurück.“

„Dann, Noun, wäre es gut, wenn du ihr sagtest, daß dieses Gesicht einen sehr impertinenten Ausdruck hat … An Herrn Delmares Stelle würde ich nur eingewilligt haben, es hier aufzuhängen, nachdem ich ihm beide Augen ausgestochen hätte …“

„Was hast du denn gegen das Gesicht des guten Herrn Brown?“ sagte Noun. „Er ist ein so trefflicher Herr! Früher hatte ich ihn nicht so gern, weil ich immer von meiner Herrin hörte, er sei selbstsüchtig, aber seit dem Tage, wo er dir so viel Teilnahme bewies …“

„Richtig,“ unterbrach sie Raymon, „er stand mir bei, aber nur auf Frau Delmares Bitte.“

Der Tag rückte vor, ohne daß Noun wagte, Raymon an den eigentlichen Zweck seiner Anwesenheit zu erinnern. Endlich gegen Abend gewann sie es über sich und drang in ihn, ihr seine Absichten zu erklären.

Raymon hatte keine anderen, als sich von einem gefährlichen Zeugen und einer Frau, die er nicht mehr liebte, zu befreien. Doch wollte er ihr Schicksal sicher stellen und machte ihr die glänzendsten Anerbietungen.

Das arme Mädchen erblickte darin einen Schimpf; sie riß sich das Haar aus und hätte sich den Kopf zerschmettert, wenn Raymon sie nicht mit Gewalt zurückgehalten hätte.

„Es ist meine Schuldigkeit,“ sagte er, „und du wärst sehr strafbar, wenn ein falsches Zartgefühl dich bewöge, meine Anerbietungen zurückzuweisen.“

Noun beruhigte sich und trocknete ihre Augen.

„Wohlan,“ sagte sie, „ich nehme deine Vorschläge an, aber nicht für mich. Auch mußt du mir versprechen, mich ferner zu lieben. Deine Gleichgültigkeit würde mich umbringen. Kannst du mich nicht zu dir nehmen, um dir zu dienen? Sieh, ich bin nicht ehrgeizig. Laß mich in den Dienst deiner Mutter treten. Sie soll mit mir zufrieden sein, ich schwöre es dir; und wenn du mich auch nicht mehr liebst, so werde ich dich doch wenigstens noch sehen können.“

„Du verlangst etwas Unmögliches, liebe Noun. In dem Zustande, in welchem du dich befindest, kannst du nicht daran denken, in irgend jemandes Dienst zu treten, und meine Mutter zu täuschen, wäre eine Niederträchtigkeit, in welche ich niemals willigen kann. Geh nach Lyon oder Bordeaux, ich verpflichte mich, dir bis zu dem Augenblick, wo du dich wieder zeigen kannst, es an nichts fehlen zu lassen.“

„Nein,“ rief das Mädchen, schmerzlich die Hände faltend. „Ich will nicht in einer fernen Stadt sterben, wo Sie mich vergessen.“

„Noun, wenn du fürchtest, daß ich dich täuschen will, so komm mit mir, derselbe Wagen soll uns an den Ort führen, den du selbst wählen magst; überall hin will ich dir folgen und dir die Pflege angedeihen lassen, die ich dir schuldig bin, nur nicht nach Paris.“

„Ja, um mich zu verlassen, wenn Sie mich in einem fremden Lande als unbequeme Last abgesetzt haben,“ sagte sie mit bitterem Lächeln. „Nein, mein Herr, nein, ich bleibe! Ich will mich zu Frau Delmares Füßen werfen, ihr alles bekennen, und ich weiß, sie wird mir verzeihen, denn sie ist gut und liebt mich. Wir sind fast an demselben Tage geboren; sie ist meine Milchschwester. Sie wird mich nicht von sich stoßen, sie wird mit mir weinen, sie wird mich pflegen. Ach, sie ist das einzige Wesen auf der Welt, welches sich meiner erbarmen wird! …“

Dieser Entschluß brachte Herrn von Ramière fast zur Verzweiflung. Ehe er noch eine Antwort finden konnte, ließ sich im Hofe das Rollen eines Wagens hören. Noun eilte bestürzt ans Fenster.

„Es ist Frau Delmare!“ rief sie, „fliehen Sie!“

Der Schlüssel zur verborgenen Treppe war in diesem Augenblick der Verwirrung nicht zu finden. Noun ergriff Raymon am Arm und zog ihn in den Korridor, aber kaum hatten sie die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sie in geringer Entfernung vor sich Frau Delmares Stimme hörten und ein Licht, das ein Diener trug, seinen flackernden Schein auf ihre entsetzten Gesichter warf. Noun hatte nur noch Zeit, umzukehren und mit Raymon, den sie nach sich zog, in das Schlafzimmer zurückzueilen.

Ein kleiner Garderoberaum, in welchen eine Glastür führte, konnte für einige Augenblicke einen Zufluchtsort darbieten, aber die Tür konnte nicht verschlossen werden und möglicherweise hätte Frau Delmare gleich bei ihrer Ankunft hineingehen können. Um also nicht überrascht zu werden, mußte sich Raymon in den Alkoven zurückziehen und sich hinter den Vorhängen verbergen. Es war nicht wahrscheinlich, daß Frau Delmare sich gleich zur Ruhe legen würde. Unterdeß konnte Noun ein Mittel zu Raymons Flucht finden.

Indiana trat ein und umarmte Noun mit schwesterlicher Vertraulichkeit. Das Gemach war so wenig erhellt, daß sie die Bestürzung ihrer Freundin nicht bemerkte.

„Du hast mich also erwartet?“ fragte Frau Delmare, sich dem Feuer nähernd; „wie wußtest du um meine Ankunft?“

Ohne Antwort abzuwarten, fügte sie hinzu:

„Herr Delmare wird morgen hier sein. Als ich seinen Brief empfing, reiste ich sogleich ab. Ich hatte Gründe, ihn hier und nicht in Paris zu erwarten. Aber du scheinst über meine Gegenwart nicht besonders erfreut zu sein.“

„Ich bin traurig,“ sagte Noun, indem sie niederkniete, um ihrer Herrin beim Wechseln der Fußbekleidung behilflich zu sein. „Ich habe mit Ihnen zu sprechen, aber später. Wollen Sie jetzt nicht in den Salon kommen?“

„Gott bewahre mich, es ist ja eine fürchterliche Kälte darin.“

„Aber Ihr Abendessen wartet.“

„Ich bin nicht hungrig. Geh und hole meine Boa, die ich im Wagen gelassen habe.“

„Sogleich,“ antwortete Noun, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren. „So geh doch, geh doch!“

Mit diesen Worten drängte Indiana die Zögernde scherzend zur Tür hinaus. Kaum hatte Noun das Zimmer verlassen, als Frau Delmare den Riegel vorschob, Hut und Reisepelz ablegte und beides auf das Bett warf. Dabei kam sie Raymon so nahe, daß er zurückwich und an das Bett stieß, das auf sehr leicht beweglichen Rollen stand und mit einem leichten Geräusch nachgab. Frau Delmare mochte glauben, sie habe selbst an das Bett gestoßen; hob aber doch den Vorhang empor und sah in dem Schein des Kaminfeuers den Kopf eines Mannes an der Wand. Mit einem Schrei stürzte sie nach der Klingel, um Hilfe herbeizurufen. Wenn sie ihre Leute rief, so kompromittierte sie sich selbst. Raymon baute auf ihre Liebe, er eilte auf sie zu, um sie von der Klingel zurückzuhalten. Aus Furcht, von Noun gehört zu werden, die nicht weit sein konnte, dämpfte er seine Stimme, indem er sagte:

„Indiana, verzeihen Sie einem Unglücklichen, den Sie seiner Vernunft beraubt haben, und der sich nicht entschließen konnte, Sie Ihrem Gatten wieder zu überlassen, ehe er Sie noch einmal gesehen hatte.“

Während er Indiana in seine Arme drückte, klopfte Noun angstvoll an die Tür. Frau Delmare riß sich aus Raymons Armen los, öffnete und sank auf einen Lehnstuhl.

Bleich und fast dem Tode nahe, warf sich Noun gegen die Tür des Korridors, um die hin und wieder gehenden Domestiken zu verhindern, Zeugen dieser seltsamen Szene zu werden.

Raymon fühlte, daß er mit einiger Geistesgegenwart immer noch beide Frauen zu gleicher Zeit täuschen könnte.

„Gnädige Frau,“ sagte er, indem er vor Indiana niederkniete, „meine Gegenwart hier muß Ihnen als eine Beleidigung erscheinen. Hier liege ich zu Ihren Füßen, um Ihre Verzeihung zu erflehen, gewähren Sie mir eine Unterredung nur von einigen Minuten und ich werde mich rechtfertigen …“

„Schweigen Sie, mein Herr, und entfernen Sie sich von hier!“ rief Frau Delmare mit der vollen Würde, die ihrer Stellung zukam. „Öffne die Tür, Noun, und laß den Herrn hinaus, damit alle meine Diener ihn sehen und die Schmach seines Benehmens auf ihn allein falle.“

Noun, welche sich entdeckt glaubte, sank neben Raymon auf die Knie. Frau Delmare betrachtete sie mit Erstaunen und schwieg.

Raymon wollte ihre Hand fassen, aber sie entzog sie ihm. Rot vor Zorn stand sie auf.

„Entfernen Sie sich,“ gebot sie, nach der Tür zeigend, „gehen Sie mir aus den Augen, denn Ihr Betragen ist schändlich. Es scheint Ihre Gewohnheit zu sein, sich auf diese Weise in die Familien einzuschleichen? Das also ist die so reine Verehrung, die Sie mir gestern Abend schworen! So wollten Sie mich beschützen, mich achten, mich verteidigen! Sie sehen eine Frau, die Ihnen mit eigenen Händen beigestanden, die dem Zorn ihres Gatten getrotzt hat, um Sie dem Leben zu erhalten. Sie täuschen sie durch eine heuchlerische Dankbarkeit; Sie schwören ihr eine ihrer würdige Liebe, und zum Lohn für ihre Sorge und Leichtgläubigkeit wollen Sie sie im Schlaf überfallen. Sie gewinnen ihr Kammermädchen, Sie scheuen sich nicht, ihre Diener zu den Vertrauten eines Verhältnisses zu machen, das noch gar nicht besteht … Gehen Sie, mein Herr, Sie haben es sehr schnell fertiggebracht, mich zu ernüchtern! … Gehen Sie! … Und du, elendes Mädchen, die du die Ehre deiner Herrin so wenig achtest, du verdienst, daß ich dich von mir jage. Tritt von der Tür weg! …“

Halb tot vor Erstaunen und Verzweiflung hatte Noun die Augen auf Raymon gerichtet, als erwarte sie von ihm Aufschluß über diesen ihr unerklärlichen Vorgang. Plötzlich ergriff sie unter heftigem Zittern Indianas Arm.

„Was sagen Sie?“ rief sie wutbebend, „dieser Mensch liebt Sie?“

„O, du hast es recht gut gewußt,“ sagte Frau Delmare, das Mädchen verächtlich zurückstoßend. „Ach Noun, das ist eine Schändlichkeit, deren ich dich niemals für fähig gehalten hätte. Du hast meine Ehre verkaufen wollen, die Ehre deiner besten Freundin, welche in dich so viel Vertrauen setzte.“

Frau Delmare weinte, aber eben so sehr vor Zorn als vor Schmerz. Niemals hatte Raymon sie so schön gesehen, aber er wagte kaum, sie anzublicken, denn ihr beleidigter weiblicher Stolz zwang ihn, die Augen niederzuschlagen. Wäre er mit ihr allein gewesen, so hätte er sie vielleicht zu besänftigen vermocht.

Ein Klopfen an die Tür machte alle drei erbeben. Noun eilte sofort zur Tür, um den Eintritt in das Zimmer zu wehren; aber Frau Delmare stieß sie entschlossen zurück, winkte Raymon gebieterisch, sich in die Ecke des Gemaches zurückzuziehen, hüllte sich mit jener Kaltblütigkeit, welche sie sich in kritischen Momenten so bewunderungswürdig zu bewahren wußte, in einen Schal, öffnete selbst die Tür und fragte den Diener, der geklopft hatte, was er ihr zu sagen habe.

„Sir Ralph Brown kommt soeben an,“ lautete die Antwort, „und fragt, ob die gnädige Frau ihn empfangen will.“

„Sage Herrn Ralph, daß mich sein Besuch sehr erfreut und ich sogleich zu ihm kommen werde. Laß Feuer in dem Salon machen und das Abendessen bereiten. Noch eins! Bring mir den Schlüssel zum kleinen Park.“

Der Bediente entfernte sich. Frau Delmare blieb an der halb offenen Tür stehen; sie wollte weder Noun noch Raymon zuhören.

Der Diener kam in drei Minuten zurück. Frau Delmare nahm den Schlüssel und wandte sich nach der Entfernung des Dieners an Raymon mit den Worten:

„Die Ankunft meines Vetters Sir Brown schützt Sie vor dem Skandal, dem ich Sie aussetzen wollte. Er würde für meine Verteidigung sein Blut vergießen, aber da es mir leid wäre, das Leben eines Ehrenmannes gegen das eines Nichtswürdigen in Gefahr zu bringen, so erlaube ich Ihnen, sich ohne Aufsehen zu entfernen. Noun, die Sie hereingebracht hat, wird Sie wieder fortbringen, gehen Sie!“

„Wir werden uns wiedersehen, gnädige Frau,“ antwortete Raymon mit scheinbarer Zuversicht, „und obgleich ich sehr strafbar bin, werden Sie doch vielleicht die Strenge bereuen, mit der Sie mich jetzt behandeln.“

„Ich hoffe, mein Herr, wir sehen uns niemals wieder,“ antwortete Indiana.

Ohne Raymon eines Grußes zu würdigen, sah sie ihn mit seiner zitternden und unglücklichen Mitschuldigen hinausgehen.

Raymon erwartete Vorwürfe von Noun, als er in der Dunkelheit des Parks allein mit ihr war. Aber sie sprach kein Wort, sie führte ihn bis zum Gitter des verschlossenen Parks, und als er ihre Hand ergreifen wollte, war sie schon verschwunden.

Raymon ging, den Tod im Herzen; über dem Schmerz, Frau Delmare beleidigt zu haben, vergaß er Noun fast ganz und dachte nur auf Mittel, die erstere zu versöhnen, denn Hindernisse steigerten seine Tatkraft bis zur Leidenschaft, wenn ein Erfolg auch noch so hoffnungslos schien.

Als Frau Delmare, ziemlich schweigend mit Sir Ralph zu Abend gegessen und sich in ihr Gemach zurückgezogen hatte, kam Noun nicht, wie gewöhnlich, um sie zu entkleiden. Vergeblich klingelte sie, und da sie darin einen absichtlichen Ungehorsam sah, verschloß sie ihre Tür und legte sich nieder. Aber sie brachte eine entsetzliche Nacht zu und eilte mit Tagesanbruch in den Park, um in der Kälte das Fieber abzukühlen, welches ihre Brust verzehrte. Welche entsetzliche Täuschungen hatte sie binnen vierundzwanzig Stunden erlebt! Sie hatte die ganze Nacht geweint und jetzt sank sie am Ufer des kleinen Flusses, welcher den Park durchschnitt, auf den vom Morgenreif noch weißen Rasen nieder. Es war gegen Ende des März; die Natur fing an zu erwachen; einzelne Nebelstreifen ruhten noch auf dem Wasser, die Vögel übten sich in ihrem ersten Frühlings- und Liebesliedern.

Ein frommes Gefühl erwachte in Indianas Herzen.

„Gott hat es so gewollt,“ sagte sie. „Dieser Mensch hätte mich vielleicht zum Laster fortgerissen; er hätte mich ins Verderben gestürzt. Jetzt, wo die Niedrigkeit seiner Gesinnung mir enthüllt ist, kann ich gegen diese unheilvolle Leidenschaft, die in meinem Busen gärte, auf der Hut sein … Ich will meinen Gatten lieben … ich will es versuchen! Alles, was seine Eifersucht erregen kann, will ich vermeiden, denn jetzt weiß ich, was man von dieser lügnerischen Beredsamkeit zu halten hat, mit welcher die Männer uns zu betören wissen.“

Das Geräusch der Wasserräder, welche die Fabrik des Herrn Delmare in Bewegung setzten, begann sich hinter den Weiden des jenseitigen Ufers hören zu lassen. Der Fluß, welcher sich in die eben geöffneten Schleusen stürzte, zeigte schon Bewegung auf seiner Oberfläche, und als Frau Delmares Blick dem raschen Laufe des Wassers folgte, sah sie unter dem Schilf etwas wie ein Stück Zeug schwimmen, welches der Strom fortzureißen sich bestrebte. Sie stand auf, beugte sich über das Wasser und erkannte Nouns Kleidungsstücke. Entsetzen lähmte sie. Die Strömung arbeitete und zerrte langsam einen Leichnam aus dem Schilf, das ihn festgehalten hatte.

Ein durchdringender Schrei zog die Arbeiter der Fabrik herbei. Frau Delmare lag ohnmächtig am Ufer, unweit von ihr trieb auf dem Wasser Nouns Leichnam.


Neuntes Kapitel.

Zwei Monate sind vergangen. In Lagny hat sich seitdem nichts verändert. An einem Frühlingsabend saß Herr Delmare auf den Stufen der Vortreppe, die Flinte in der Hand, und übte sich, Schwalben im Fluge zu töten. Indiana arbeitete am offenen Fenster des Salons an ihrem Stickrahmen und beugte sich von Zeit zu Zeit hinaus, um mit betrübtem Blicke das grausame Vergnügen ihres Gatten zu beobachten. Ophelia bellte erzürnt über eine ihren Gewohnheiten so widerstrebende Jagd, und Sir Ralph, auf der Steinrampe reitend, rauchte seine Zigarre.

„Indiana!“ rief der Oberst, seine Flinte niederlegend, „ich habe dir etwas mitzuteilen.“ Er näherte sich dem Fenster, das ziemlich tief lag, und mit einer scherzhaften Miene, wie sie nur ein alter, eifersüchtiger Ehemann zeigen kann, sagte er: „Um dich ein wenig zu zerstreuen, habe ich für morgen einen deiner Verehrer zum Frühstück eingeladen. Du wirst mich fragen, welchen, denn du hast eine ziemlich hübsche Anzahl, Schelmin.“

„Es ist vielleicht unser alter guter Pfarrer,“ riet Frau Delmare.

„O, ganz und gar nicht. Ralph, nennen Sie ihr den Namen, der ihr schon auf der Zunge schwebt, den sie aber nicht aussprechen will.“

„Es bedarf nicht so vieler Umstände, um Herrn von Ramière hier anzukündigen,“ sagte ruhig Sir Ralph, „ich denke, das ist ihr ziemlich gleichgültig.“

Frau Delmare fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, sie trat vom Fenster zurück, als ob sie etwas im Salon suchte. Als sie wieder erschien, war ihre Haltung äußerlich ruhig.

„Wie?“ sagte sie, „Sie wollten wirklich diesen Menschen hier empfangen, der sich bei Ihnen eingeschlichen hat, um Ihnen Ihre Erfindung zu stehlen, und den Sie fast wie einen Verbrecher erschossen hätten … Sie sind beide wahrlich sehr friedfertiger Natur, um dies zu vergessen.“

„Du bist mir mit gutem Beispiele vorausgegangen, meine Liebe, denn als er dich bei deiner Tante besuchte, hast du ihn sehr gut aufgenommen, hast auch während eines ganzen Balles mit ihm getanzt, wie man mir gesagt hat.“

„Man hat dich getäuscht.“

„O, ich erfuhr es von deiner eigenen Tante! Schon seit langer Zeit empfängt sie Herrn von Ramières Besuche. Er hat mir unaufgefordert wichtige Dienste in bezug auf meine Fabrik geleistet, und da ich so einem Fremden keine Verbindlichkeiten schuldig sein mag, so will ich mich mit ihm abfinden.“

„Und auf welche Weise?“

„Indem ich mir ihn zum Freunde mache. Ich habe ihn diesen Morgen mit Ralph in Cercy besucht und lernte da auch seine Mutter kennen, eine äußerst liebenswürdige alte Dame. Es gefällt mir besonders, daß weder sie noch ihr Sohn durchaus nicht stolz auf ihren alten Stamm sind. Kurz, dieser Ramière ist ein Prachtmensch und ich habe ihn eingeladen, bei uns zu frühstücken und meine Fabrik zu besehen.“

Frau Delmare zog sich in ihr Zimmer zurück, um über die unerwartete Mitteilung ihres Gatten nachzudenken. Einstweilen wollen wir sie ihren Gedanken überlassen und auf Nouns Tod zurückkommen. Es ist zweifellos, daß sich diese Unglückliche in einem jener Augenblicke heftiger Gemütsbewegungen, wo die Leidenschaft sich leicht zu einer Gewalttat hinreißen läßt, in den Fluß geworfen hatte.

Zwei Personen konnten mit Gewißheit auf einen Selbstmord schließen: Herr von Ramière und der Gärtner von Lagny. Den Gärtner bewogen Schrecken und Gewissensbisse, Stillschweigen zu beobachten. Aus Habgier hatte er die Zusammenkünfte der beiden Liebenden begünstigt und der geheime Kummer der jungen Kreolin war ihm nicht verborgen geblieben. Mit Recht die Vorwürfe seiner Herrschaft fürchtend, schwieg er, und als Herr Delmare, dessen Vermutungen der Tatsache nahe kamen, ihn befragte, leugnete er hartnäckig. Demnach konnte man das Ereignis dem Zufall zuschreiben. In finsterer Nacht durch den Park gehend, konnte Noun sich in dem herrschenden dicken Nebel verirrt haben und neben der englischen Brücke, welche über den schmalen Fluß führte, von dem steilen und vom Regen schlüpfrig gewordenen Ufer hinabgestürzt sein.

Sir Ralph, der ein tieferer Beobachter war, als er sich anmerken ließ, hatte zwar einen starken Grund zum Verdacht gegen Herrn von Ramière gefunden, doch teilte er ihn niemand mit, da er es für grausam hielt, einem Menschen noch Vorwürfe zu machen, der schon unglücklich genug war, sich zeitlebens solche Gewissensbisse machen zu müssen. Dem Oberst stellte er vor, daß bei dem krankhaften Zustande Indianas es dringend notwendig sei, die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes ihrer Jugendgefährtin zu verheimlichen. So kam man schweigend überein, niemals in Indianas Gegenwart davon zu sprechen.

Doch diese Vorsicht war unnötig; denn Indiana hatte ebenfalls ihre Gründe, an einen Selbstmord zu glauben. Die bitteren Vorwürfe, welche sie an jenem verhängnisvollen Abend dem unglücklichen Mädchen gemacht hatte, schienen ihr hinreichende Ursachen, um Nouns verhängnisvollen Entschluß zu erklären. Daher hatte in dem furchtbaren Augenblick, wo Indiana den Leichnam auf dem Wasser erblickte, ihr ohnedies so niedergebeugtes Herz den letzten Stoß erhalten. Ihr Leiden machte jetzt schnellere Fortschritte; das junge und vielleicht kräftige Weib wollte nicht genesen und gab sich unter der Last des Kummers dem Tode preis.

„Wehe mir, wehe!“ rief sie aus, nachdem sie die bevorstehende Ankunft Raymons in ihrem Hause erfahren hatte. „Fluch dem Manne, welcher nur hieher kommt, um mir verderblich zu werden. Großer Gott, warum gibst Du zu, daß er sich meines Schicksals nach Willkür bemächtigt, daß er nur die Hand ausstrecken und zu sagen braucht: ‚Sie gehört mir, und wenn sie mir widersteht, stürze ich sie ins Unglück!‘“

Sie begann bitterlich zu weinen, denn der Gedanke an Raymon erweckte ihre Erinnerung an Noun nur noch lebhafter.

„Arme Noun! arme Gefährtin meiner Kindheit, meine einzige Freundin!“ rief sie schmerzlich. „Dieser Mensch war dir verderbenbringend wie mir! Durch welche Kunstgriffe hat er dich dahin bringen können, mir die Treue zu bewahren und eine solche Schändlichkeit an mir zu begehen? Du erkanntest deinen Fehler erst, als du meinen Zorn sahest! Ich war zu streng gegen dich, ich habe dich zur Verzweiflung getrieben, dir den Tod gegeben! Unglückliche, warum warfst du dich nicht weinend an meinen Busen und sagtest: ‚Ich bin betrogen worden, ich wußte nicht, was ich tat. Aber du weißt es wohl, ich achte und liebe dich!‘ Ich hätte dich in meine Arme gedrückt und du wärest noch am Leben. Tot! tot, so jung, so schön, so lebensfreudig! Gestorben mit neunzehn Jahren eines so entsetzlichen Todes!“

Während Indiana ihre Gefährtin beweinte, beweinte sie auch, ohne es sich selbst zu gestehen, die Täuschungen der drei schönsten Tage ihres Lebens, der einzigen, wo sie gelebt hatte; denn während dieser drei Tage hatte sie mit heißer Leidenschaft geliebt. Je blinder und heftiger diese Liebe gewesen war, desto tiefer hatte Indiana die Schmach empfunden, die ihr widerfahren war.

Doch sie hatte mehr dem Impulse der Scham und des Verdrusses nachgegeben, als einem wohlbedachten Willen. Sehr wahrscheinlich würde Raymon Verzeihung gefunden haben, wenn er Zeit gehabt hätte, seine ganze hinreißende Beredsamkeit ins Treffen zu führen.

Bei Raymon war es nicht gekränkte Eigenliebe, weshalb er die Liebe und die Verzeihung Frau Delmares suchte. Die Liebe keiner anderen Frau, kein anderes Glück auf der Erde schien ihm dafür Ersatz geben zu können. Ein unersättlicher Drang nach Kampf und leidenschaftlichen Aufregungen verzehrte sein Leben.

Man glaube jedoch nicht, daß er gegen Nouns Tod unempfindlich gewesen wäre. Im ersten Augenblicke wollte er sich sogar erschießen; aber der Gedanke an seine Mutter bewahrte ihn davor. Was sollte aus ihr werden? Aus seiner alten, schwachen Mutter, deren Leben so bewegt, so schmerzensreich gewesen war, die nur noch für ihn, ihr einziges Glück, lebte! Die beste Art, sein Verbrechen wieder gutzumachen, war, sich von jetzt an mehr denn je seiner Mutter zu widmen, und in dieser Absicht kehrte er nach Paris zurück.

Raymon besaß eine unglaubliche Macht über alles, was ihn umgab, denn er war bei allen seinen Fehlern und Verirrungen in der Pariser Gesellschaft ein ausgezeichneter Mann und besaß sogar den Ruf als geistreicher und talentvoller Kopf. Er beschäftigte sich viel mit Politik und die Schriften, die er veröffentlichte, wurden mit großem Interesse gelesen. Sein Vermögen überhob ihn der Notwendigkeit, für Geld zu schreiben; er schrieb nur aus Neigung und aus Anhänglichkeit an das absolute Königtum Ludwigs XVIII., der damals regierte. Aber seine ehrgeizigen Träume wichen bald wieder dem Bedürfnisse seines Herzens und dem Drange nach verliebten Abenteuern.

Anfangs hatte er verzweifelt, nach dem tragischen Ausgange seiner doppelten Intrigue Frau Delmare je wiederzusehen. Aber während er die Bedeutung des Schatzes erwog, der ihm in ihr entging, kam ihm die Hoffnung, sich ihn zurückzuerobern. Er erwog die Hindernisse, auf welche er stoßen würde, und sah ein, daß diejenigen, deren Beseitigung am schwierigsten wäre, zunächst von Indiana selbst ausgehen würden. Er mußte also den Angriff von dem Gatten selbst unterstützen lassen. Die eifersüchtigen Ehemänner sind zu dieser Art Dienstleistung besonders geeignet.

Vierzehn Tage, nachdem Raymon diesen Entschluß gefaßt hatte, befand er sich auf dem Wege nach Lagny, wo man ihn zum Frühstück erwartete. Es sollen nicht alle die Dienstleistungen aufgezählt werden, wodurch es seiner Klugheit gelungen war, sich in Herrn Delmares Gunst zu setzen; dafür möge hier ein Bild des Obersten selbst seine Stelle finden.

Das Zartgefühl des Herzens betrachtete dieser alte Soldat als weibische Kinderei. Ohne Geist, ohne Takt und ohne Erziehung, genoß er einer größeren Achtung, als man durch Talente und Herzensgüte erlangt. Er hatte breite Schultern und eine kräftige Faust; er wußte den Säbel und den Degen trefflich zu führen und dabei besaß er eine argwöhnische Empfindlichkeit. Da er nicht immer Scherz verstand, so lebte er in fortwährendem Mißtrauen, daß man sich über ihn lustig mache. Durch Drohungen mit Stockschlägen und Duellen wußte er sich Respekt zu verschaffen; deshalb war sein Name in der Provinz stets mit der Bezeichnung des Tapfern begleitet, weil die militärische Tapferkeit augenscheinlich nur darin besteht, breite Schultern und einen starken Schnauzbart zu haben, wie ein Fuhrknecht zu fluchen und bei dem geringsten Streit nach dem Degen zu greifen. Die alten Soldaten des Kaiserreiches, welche fabelhafte Heldentaten ausgeführt hatten, waren in dem Pulverdampf der Schlachten herangewachsen. Aber nach ihrem Rücktritt in das bürgerliche Leben waren sie nur noch kühne und rohe Gesellen und man mußte froh sein, wenn sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft nicht wie in einem eroberten Lande betrugen!

Herr Delmare besaß alle guten und alle schlechten Eigenschaften dieser ausgedienten Militärs. Offenherzig bis zur Kinderei in gewissen zarten Punkten des Ehrgefühls, wußte er seine Interessen auf die bestmögliche Weise zu wahren, ohne sich besonders über das Heil oder Unheil zu beunruhigen, welches daraus für andere entstehen konnte. Der Buchstabe des Gesetzes war sein Gewissen, das Recht seine Moral. Er besaß jene unbeugsame Rechtlichkeit, die nichts borgt, aus Furcht, es nicht wiedergeben zu können, und nichts leiht, aus Furcht, es nicht zurückzuerhalten. Er war ein ehrlicher Mann, der lieber sterben will, als einen Ast aus den königlichen Wäldern zu nehmen, aber jeden ohne Umstände töten würde, der in dem seinigen einen dürren Zweig aufläse. Er mischte sich in nichts, was um ihn her vorging, aus Furcht, einen Dienst leisten zu müssen. Aber wenn er sich aus Ehrgefühl zu einem solchen verbunden glaubte, so bewies niemand einen tätigeren Eifer. Voll Vertrauen wie ein Kind, und doch auch argwöhnisch wie ein Despot, glaubte er einem falschen Schwur und mißtraute einem aufrichtigen Versprechen. Er war unfähig, seine Frau zu schätzen oder sie auch nur zu verstehen. In Indianas Herzen hatte die Sklaverei eine Art tugendhafter und stummer Abneigung gegen ihren Gatten erzeugt, die nicht immer gerecht war. Er war nur hart und sie hielt ihn für grausam. In seinem Ungestüm lag mehr Rauhheit als Zorn. Die Natur hatte ihn nicht bösartig geschaffen; er hatte Augenblicke des Mitleids, die ihn bis zur Reue führten, und in der Reue war er fast gefühlvoll. Das kriegerische Lagerleben hatte die Rohheit bei ihm zur zweiten Natur gemacht. Einer weniger geschmeidigen, weniger sanften Frau gegenüber wäre er schüchtern wie ein gezähmter Wolf gewesen. Aber Indiana war ihres Schicksals überdrüssig, sie gab sich nicht die Mühe, zu versuchen, es besser zu gestalten.


Zehntes Kapitel.

Als Raymon im Hofe von Lagny aus seinem Tilbury stieg, fühlte er seinen Mut sinken. Er sollte unter dieses Dach treten, das ihm so entsetzliche Erinnerungen zurückrief!

Der erste, der ihm entgegentrat, war Sir Ralph Brown, und als er ihn in seinem Jagdkleide, von seinen Hunden umgeben und ernst wie ein schottischer Laird, auf sich zukommen sah, glaubte er das Bildnis zu erblicken, welches er in dem Zimmer der Frau Delmare gefunden hatte. Wenige Augenblicke nachher kam der Oberst und man trug das Frühstück auf, ohne daß Indiana erschienen wäre.

„Frau Delmare will also durchaus nicht herunterkommen?“ fragte der Oberst sein Faktotum Lelièvre mit einiger Bitterkeit.

„Die gnädige Frau hat eine schlimme Nacht gehabt,“ antwortete Lelièvre, „und Fräulein Noun … zum Teufel! der Name kommt mir nicht aus dem Gedächtnis! … Fräulein Fanny, will ich sagen, hat mir versichert, daß die gnädige Frau jetzt schliefe.“

„Wie kommt es denn, daß ich sie eben am Fenster gesehen habe? Fanny hat sich getäuscht. Geh und sag’ Frau Delmare, das Frühstück sei aufgetragen …; oder vielmehr, Sir Ralph, lieber Vetter, wollten Sie wohl selbst sehen, ob Ihre Cousine ernstlich krank ist?“

Hatte der unglückliche Name, welcher dem Diener aus Gewohnheit entschlüpft war, Raymons ganzes Wesen schmerzlich berührt, so mischte der Auftrag des Obersten diesem Gefühl einen sonderbaren Zusatz von Eifersucht bei.

Dieser Engländer hat hier Rechte, dachte er, welche der Gatte selbst in Anspruch zu nehmen nicht zu wagen scheint.

Als wenn Herr Delmare Raymons Gedanken erraten hätte, sagte er:

„Das darf Sie nicht wundern. Herr Brown ist der Arzt des Hauses und dann ist er unser Vetter, dem wir von Herzen zugetan sind.“

Ralph blieb wohl zehn Minuten aus. Raymon war zerstreut und unruhig. Er aß nicht und sah häufig nach der Tür. Endlich erschien der Engländer wieder.

„Indiana ist wirklich nicht wohl,“ berichtete er, „ich habe ihr geraten, sich wieder niederzulegen.“

Ruhig setzte er sich an den Tisch und aß mit gesundem Appetit. Der Oberst tat desgleichen.

„Das ist sicher nur ein Vorwand, mit mir nicht zusammentreffen zu müssen,“ dachte Raymon.

Das Hindernis steigerte seine Willenskraft. Nouns Bild verschwand und bald schwebte seiner Phantasie nur noch die graziöse leichte Gestalt Indianas vor. Im Salon setzte er sich an ihren Stickrahmen und betrachtete, während er das Gespräch fortführte und den Zerstreuten spielte, die Blumen ihrer Stickerei und berührte die Seidenrollen, welche durch ihre kleinen Finger geglitten waren. Schon in Indianas Zimmer hatte er diese Arbeit gesehen; damals war sie kaum begonnen, jetzt war sie mit Blumen bedeckt, die unter dem Hauche des Fiebers entstanden und von ihren täglichen Tränen befeuchtet waren. Nur mit Mühe vermochte Raymon seine eigenen Tränen zurückzuhalten.

Die Stimme des Obersten erweckte ihn plötzlich.

„Nun, mein geehrter Herr Nachbar,“ sagte er, „es ist Zeit, daß ich mein Versprechen halte. Die Fabrik ist in vollem Gange und alle Arbeiter sind in Tätigkeit. Hier ist Bleistift und Papier, damit Sie Ihre Notizen machen können.“

Raymon folgte dem Obersten, besah die Fabrik mit aufmerksamem Blicke, hörte mit unerschöpflicher Geduld die endlosen Erklärungen des Herrn Delmare an, ging in einige seiner Ideen ein und bestritt andere, während doch seine Gedanken auf Frau Delmare gerichtet waren. Nach Besichtigung des inneren Fabriksbetriebes kam das Gespräch auf die Kraft des Wassers. Sie traten hinaus und kletterten auf die Schleuse. Der Werkmeister mußte die Schaufeln stellen und man sprach über den wechselnden Stand der Wasserhöhe. Herr Delmare schätzte den Höchststand auf fünfzehn Fuß.

„Um Vergebung, Herr Oberst,“ sagte der Werkmeister, „wir haben dieses Jahr schon siebzehn Fuß gehabt.“

„Wann war das? Sie täuschen sich,“ antwortete der Oberst.

„Das war den Tag vor Ihrer Rückkehr aus Belgien, Herr Oberst, in der Nacht, wo Fräulein Noun ertrunken gefunden wurde. Der beste Beweis ist, daß der Leichnam über den Damm gehen konnte und erst hier angehalten wurde, an der Stelle, wo der Herr steht.“

Der Werkmeister zeigte auf die Stelle, wo Raymon stand. Der Unglückliche wurde bleich wie der Tod. Er warf einen Blick auf das zu seinen Füßen dahinfließende Wasser und glaubte Nouns Leiche darin zu erblicken. Ein Schwindel ergriff ihn und er wäre in den Fluß gefallen, wenn Ralph ihn nicht am Arme weggezogen hätte.

„Gut,“ sagte der Oberst, der dies nicht bemerkt hatte; „aber das war ein außerordentlicher Fall und die mittlere Höhe des Wassers … Aber was Teufel, haben Sie beide?“ unterbrach er sich plötzlich.

„Nichts,“ antwortete Sir Ralph; „als ich mich umwandte, trat ich Herrn von Ramière auf den Fuß; ich muß ihm sehr weh getan haben.“

Diese Antwort wurde in einem so ruhigen und natürlichen Tone gegeben, daß Raymon sich einredete, Sir Ralph glaube es selbst.

Einige Stunden später verließ Raymon Lagny, ohne Frau Delmare gesehen zu haben. Das war mehr, als er hoffte; er hatte gefürchtet, sie werde ihm gleichgültig und ruhig begegnen.

Er kam wieder, ohne jedoch glücklicher zu sein. Diesmal war der Oberst allein. Raymon tat alles, um sich in dessen Gunst zu befestigen. Er rühmte Napoleon, den er nicht liebte, beklagte die Gleichgültigkeit der Regierung, welche die berühmten Trümmer der großen Armee vernachlässige, und brachte von seinen politischen Glaubensartikeln nur diejenigen zur Sprache, welche Herrn Delmare schmeicheln konnten. Er nahm sogar einen ganz anderen Charakter an, kehrte den Lebemann, den leichten Kameraden, sogar den sorglosen Taugenichts hervor.

„Nun,“ sagte der Oberst, als er ihn fortgehen sah, „der wird meine Frau nie erobern!“

Frau von Ramière war damals in Cercy; Raymon rühmte ihr Indianas Anmut und Geist und wußte ihr geschickt den Wunsch einzuflößen, der jungen Frau einen Besuch zu machen. Eine Woche später begleitete sie in der Tat ihren Sohn nach Lagny.

„Jetzt kann mich Indiana nicht mehr vermeiden,“ triumphierte Raymon.

Allerdings hatte er recht. Als Indiana aus dem Wagen eine bejahrte Frau steigen sah, die sie nicht kannte, eilte sie ihr auf der Freitreppe des Schlosses entgegen. Sie nahm Frau von Ramière achtungsvoll und gütig auf; aber ihre Kälte gegen Raymon war so eisig, daß er sie nicht lange zu ertragen vermochte. Sein Stolz empörte sich, denn an Verachtung war er nicht gewöhnt. Da spielte er denn die Rolle eines Mannes, der gleichgültig gegen eine Laune ist, er bat um die Erlaubnis, Herrn Delmare im Park aufsuchen zu dürfen, und ließ die beiden Frauen allein.

Indiana konnte dem Reize nicht widerstehen, den ein überlegener Geist, verbunden mit einem edlen und großmütigen Herzen, auch über die geringfügigsten Beziehungen zu verbreiten weiß, und wurde warm und herzlich in Frau von Ramières Gegenwart. Nie hatte sie eine Mutter gekannt, Frau von Carvajal, ihre Tante, konnte deren Stelle nicht ersetzen; um so wohltuender empfand Indiana den sanften Zauber, den Raymons Mutter auf sie ausübte.

Bei der Abfahrt sah Raymon, wie Indiana die Hand seiner Mutter an ihre Lippen drückte. Die arme Indiana fühlte das Bedürfnis, sich an jemand anzuschließen. Alles, was ihr Hoffnung auf Teilnahme und Schutz in ihrem einsamen und unglücklichen Leben bot, wurde von ihr mit Entzücken erfaßt.

„Ich will mich in die Arme dieser trefflichen Frau werfen,“ dachte sie, „und, wenn es nötig ist, ihr alles bekennen. Ich will sie beschwören, mich vor ihrem Sohne zu retten, und ihre Klugheit wird über ihn und über mich wachen.“

Das war natürlich Raymons Gedanke nicht.

„Die Güte und Anmut meiner teuren Mutter bewirken Wunder,“ sagte er sich. „Was verdanke ich ihr nicht schon! Meine Erziehung, meine Erfolge im Leben. Es fehlt mir nur noch, daß ich ihr das Glück verdanke, die Liebe einer Frau, wie Indiana, zu gewinnen.“

Bald nachher erhielt Raymon eine Einladung, drei Tage in Bellerive zuzubringen, dem prächtigen Landsitze, welchen Sir Ralph Brown zwischen Cercy und Lagny besaß. Es sollte mit Hilfe der besten Schützen der Umgegend Jagd auf Wild gemacht werden, welches den Wald und die Gärten des Besitzers verwüstete. Raymon liebte weder Sir Ralph noch die Jagd, aber bei großen Gelegenheiten machte Frau Delmare im Hause ihres Vetters die Honneurs, und die Hoffnung, sie dort zu treffen, bestimmte Raymon, die Einladung anzunehmen.

Sir Ralph rechnete jedoch diesmal nicht auf seine Cousine; sie hatte sich mit dem schlechten Zustand ihrer Gesundheit entschuldigt. Aber der Oberst ließ das nicht gelten.

„Du willst wohl der ganzen Umgegend glauben machen, daß ich dich unter Schloß und Riegel halte?“ warf er ihr vor. „Du läßt mich für einen eifersüchtigen Gatten gelten; das ist eine lächerliche Rolle, die ich nicht länger spielen mag. Ziemt es dir, deinem Vetter einen so geringen Dienst zu verweigern, da wir nur seiner Freundschaft unser Vermögen und das Gedeihen unserer Unternehmungen verdanken? Aber ich weiß wohl, der arme Teufel ist dir nicht sentimental genug, du siehst in ihm einen Egoisten, weil er die Romane nicht liebt und den Tod eines Hundes nicht beweint. Übrigens machst du es Herrn von Ramière nicht besser. Wie hast du ihn empfangen? Frau von Carvajal stellt ihn dir vor und du bist entzückt von ihm, aber kaum schenkte ich ihm mein Wohlwollen, so findest du ihn unerträglich und stellst dich krank, wenn er zu uns kommt. Soll ich deinetwegen für einen Mann ohne Welt gelten? Das muß aufhören.“

Als Raymon bei Sir Ralph ankam, hatte die Jagd bereits begonnen. Delmare wurde erst zur Stunde des Mittagessens erwartet. Unterdessen entwarf Raymon seinen Plan, zu dessen Ausführung er drei Tage Zeit hatte.


Elftes Kapitel.

Seit zwei Stunden befand sich Raymon im Salon, als er in einem Nebenzimmer Indianas sanfte Stimme hörte. Bei diesem ersten Wiedersehen fand er sie so verändert, daß seine Leidenschaft dem Gefühle aufrichtiger Teilnahme wich. Kummer und Krankheit hatten auf ihrem Gesichte tiefe Spuren hinterlassen. Fast war sie kaum noch schön zu nennen und die Eroberung ihres Herzens versprach mehr Ruhm als Vergnügen … Aber Raymon war es sich selbst schuldig, dieser Frau Glück und Leben wiederzugeben.

Als er sie so bleich und mutlos sah, zweifelte er, daß in einer so gebrechlichen Hülle ein starker, moralischer Widerstand wohnen könne.

„Indiana!“ sagte er zu ihr mit einer geheimen Zuversicht, die unter einer Miene tiefer Trauer verborgen war, „so muß ich Sie wiederfinden? Ich wußte nicht, daß dieser so lang ersehnte Augenblick mir einen so entsetzlichen Schmerz bereiten würde!“

Frau Delmare war auf eine solche Sprache nicht gefaßt. Sie hatte erwartet, Raymon als zerknirschten, beschämten Sünder vor sich erscheinen zu sehen, aber statt sich anzuklagen, statt ihr von seiner Reue und seinem Schmerze zu sprechen, hatte er nur Kummer und Mitleid für sie! Sie fühlte sich daher sehr zu Boden gedrückt, weil sie dem Manne Bedauern einflößte, der ihr Erbarmen hätte anflehen sollen!

Eine Frau von Welt hätte sich in einer so schwierigen Lage zu helfen gewußt; aber Indiana besaß weder die Erfahrung noch die Verstellungsgabe, welche notwendig war, um sich ihren Vorteil zu bewahren. Jene Worte des Mitleids vergegenwärtigten ihr alle ausgestandenen Leiden und Tränen glänzten an ihren Augenwimpern.

„Ich bin in der Tat krank,“ sagte sie, indem sie sich schwach und abgespannt auf den Lehnstuhl setzte, den Raymon ihr darbot; „ich fühle mich sehr leidend und habe das Recht, mein Herr, mich zu beklagen.“

Raymon hatte nicht gehofft, so schnell zum Ziele zu gelangen.

„Indiana,“ erwiderte er, ihre Hand ergreifend, die sich kalt und trocken anfühlte, „sagen Sie nicht, daß ich der Urheber Ihrer Leiden bin; Sie würden mich wahnsinnig vor Schmerz und Freude machen.“

„Vor Freude?“ wiederholte sie, indem sie ihre großen blauen Augen voll Staunen auf ihn heftete.

„Ich hätte sagen sollen, vor Hoffnung, denn wenn ich Ihre Leiden verschuldet habe, so kann ich Sie vielleicht auch davon befreien. Sprechen Sie ein Wort,“ fügte er hinzu, indem er sich neben sie auf eins der Kissen des Diwans warf, welches herabgefallen war; „fordern Sie mein Blut, mein Leben! …“

„O, schweigen Sie!“ sagte Indiana bitter, ihm ihre Hand entziehend. „Sie haben schändlich mit Versprechungen gespielt; versuchen Sie doch, das Übel wieder gutzumachen, dessen Urheber Sie sind! Geben Sie mir doch meine Gefährtin, meine Schwester, geben Sie mir Noun, meine einzige Freundin, zurück!“

Ein tödlicher Frost durchschauerte Raymons Adern.

Sie weiß alles, dachte er, und sie richtet mich.

Nichts war so demütigend für ihn, als Noun von ihrer Nebenbuhlerin beweint zu sehen.

„Ja, mein Herr,“ sagte Indiana, indem sie ihr in Tränen gebadetes Gesicht erhob, „Sie sind schuld …“

Aber plötzlich hielt sie inne, als sie Raymons entsetzliche Blässe sah.

Ihre ganze Herzensgüte, die ganze Zärtlichkeit, welche dieser Mann ihr unwillkürlich einflößte, trat bei diesem Anblick wieder in ihr Recht.

„Verzeihung,“ sagte sie, tief ergriffen, „ich tue Ihnen sehr wehe, ich selbst habe so viel gelitten! Sprechen wir von etwas anderem.“

Von dieser Sanftmut und Großmut tief bewegt, führte Raymon schluchzend Indianas Hand zu seinen Lippen und bedeckte sie mit Küssen und Tränen.

„O, da Sie Noun so beweinen,“ sagte Indiana, „Sie, der sie nicht gekannt hat, da Sie den Schmerz so tief empfinden, den Sie mir bereitet haben, so wage ich nicht mehr, Ihnen Vorwürfe zu machen. Beweinen wir sie gemeinsam, mein Herr, sie wird von des Himmels Höhen auf uns herabsehen und uns verzeihen.“

Kalter Schweiß trat auf Raymons Stirn. Die Worte: „Sie, der sie nicht gekannt hat,“ befreiten ihn zwar von einer furchtbaren Angst, aber diese Berufung an den Schatten seines Opfers traf ihn mit einem abergläubischen Schrecken. Heftig erschüttert, erhob er sich und schritt an ein offenes Fenster. Indiana blieb schweigend und tief bewegt sitzen. Nachdem sie Raymon wie ein Kind hatte weinen sehen, empfand sie eine Art geheimer Freude.

„Er ist gut!“ dachte sie; „er liebt mich, sein Herz ist edel. Er hat einen Fehler begangen, aber seine Reue tilgt ihn aus, und ich hätte ihm schon früher verzeihen sollen.“

Sie betrachtete ihn mit zärtlicher Rührung und nahm die Gewissensbisse des Schuldigen für die Reue der Liebe.

„Weinen Sie nicht mehr,“ bat sie, indem sie sich erhob und zu ihm trat, „ich habe die arme Noun getötet, ich allein bin die Schuldige. Dieser Vorwurf wird mein ganzes Leben lang auf mir lasten; ich gab einem Gefühl des Mißtrauens und des Zornes Raum. Auf sie warf ich alle Bitterkeit, die ich gegen Sie fühlte, Sie allein hatten mich beleidigt, und ich bestrafte meine arme Freundin dafür. Ich war sehr hart gegen sie! …“

„Und gegen mich,“ rief Raymon, plötzlich die Vergangenheit vergessend, um nur noch an die Gegenwart zu denken.

Frau Delmare errötete.

„Ich hätte Ihnen vielleicht nicht diesen schmerzlichen Verlust zuschreiben sollen, den ich in jener furchtbaren Nacht erlitt,“ sagte sie; „aber ich kann Ihr unzartes und sträfliches Betragen gegen mich nicht vergessen. Ich glaubte mich damals geliebt! … und Sie hatten nicht einmal Achtung für mich!“

Raymon gewann seine Kraft wieder. Das peinliche Gefühl, das ihn zu Eis erkältet hatte, verschwand wie ein Alpdruck, sein Mut, seine Leidenschaft und Hoffnung kehrten wieder zurück.

„Ich bin strafbar, wenn Sie mich hassen,“ sagte er, indem er sich zu ihren Füßen warf; „aber wenn Sie mich lieben, bin ich es nicht, bin ich es nie gewesen. Sagen Sie, Indiana, lieben Sie mich?“

„Verdienen Sie es?“ fragte sie.

„Ich bete dich an!“ rief Raymon. Sie überließ ihm ihre Hände und während sie ihre großen, feuchten Augen auf ihn heftete, in welchem auf Augenblicke ein düsteres Feuer brannte, entgegnete sie: „Wissen Sie, was es heißt, eine Frau, wie mich, zu lieben? Nein, Sie wissen es nicht. Sie beurteilten mein Herz nach allen jenen abgestumpften Herzen, über welche Sie bisher Ihre flüchtige Herrschaft übten. Sie wissen nicht, daß ich noch nicht geliebt habe und daß ich mein jungfräuliches ganzes Herz nicht gegen ein von Leidenschaften zerrissenes und erstorbenes austauschen mag, mein ganzes Leben nicht gegen einen einzigen schnell vorübergehenden Tag hingeben will.“

„Indiana, ich weiß, wie man Sie lieben muß; ich habe nicht erst bis auf diesen Tag gewartet, um es zu begreifen. Habe ich nicht die ganze Geschichte Ihres Herzens in dem ersten Ihrer Blicke, der auf mich fiel, gelesen? Und weshalb wäre ich denn so leidenschaftlich? Nur Ihrer Schönheit wegen? O, gewiß, sie kann auch einen weniger glühenden Mann zum höchsten Enthusiasmus hinreißen; aber wenn ich diese zarte und anmutige Hülle verehre, so geschieht es, weil sie ein reines und göttliches Gemüt einschließt und weil ich in Ihnen nicht bloß eine Frau, sondern einen Engel sehe.“

„Ich weiß, daß Sie das Talent zu schmeicheln besitzen, aber hoffen Sie nicht, über meine Eitelkeit zu triumphieren. Mich muß man ungeteilt, ohne Rückhalt lieben; man muß bereit sein, mir alles zu opfern, Vermögen, Ruf, Pflicht, Grundsätze und Familie, alles, mein Herr, denn ich lege dieselbe Hingebung in die Wagschale. Sie sehen wohl, daß Sie mich so nicht lieben können.“

Es war nicht zum erstenmal, daß Raymon einer Frau begegnete, welche die Liebe im Ernst nahm; aber er wußte, daß die Versprechungen der Liebe in den Augen der Gesellschaft die Ehre nicht binden. Er erschrak also keineswegs über Indianas Anforderungen, er dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft. Der unwiderstehliche Reiz dieser so leidenschaftlichen, körperlich so hinfälligen, an Geist und Herz so entschlossenen Frau riß ihn fort. Sie war so schön, so lebhaft, so hoheitsvoll, während sie ihm ihre Gesetze diktierte, daß er wie verzaubert auf seinen Knien lag.

„Ich schwöre dir,“ sagte er, „mit Leib und Seele dein zu sein, ich weihe dir mein Leben, mein Blut, meinen Willen; nimm alles, verfüge über mein Vermögen, über meine Ehre, mein Gewissen, meine Gedanken, über mein ganzes Sein.“

„Still!“ flüsterte Indiana, „da kommt mein Vetter.“

In der Tat trat der phlegmatische Ralph Brown mit einer sehr ruhigen Miene ein, versicherte aber gleichwohl, er sei aufs freudigste überrascht, seine Cousine, auf die er nicht gehofft habe, hier zu sehen. Dann bat er um die Erlaubnis, sie umarmen zu dürfen, um ihr seinen Dank zu bezeugen, beugte sich langsam und gemessen über sie und drückte, nach dem Gebrauch seines Landes, einen Kuß auf ihre Lippen.

Raymon erblaßte vor Zorn, und kaum hatte Ralph sich entfernt, als er rasch auf Indiana zutrat, um die Spur dieses impertinenten Kusses zu verwischen. Aber Frau Delmare wies ihn ruhig zurück.

„Bedenken Sie,“ sagte sie, „daß Sie viel gegen mich wieder gutzumachen haben, ehe ich an Sie glauben kann.“

Raymon verstand den zarten Sinn dieser Weigerung nicht; er sah darin nur eine Abweisung und faßte gegen Sir Ralph einen um so tieferen Haß.

Am Abend war Raymon sehr geistreich. Es waren viele Gäste da. Er konnte sich der Bedeutung nicht entziehen, zu welcher ihn sein Talent berechtigte, und wenn Indiana eitel gewesen wäre, hätte sie sich gefreut, ihn von dieser neuen Seite kennen zu lernen. Aber in ihrem geraden, einfachen Sinne erschrak sie im Gegenteil über Raymons geistige Überlegenheit vor der Gewalt, welche er um sich her ausübte, vor dieser magnetischen Kraft, mit welcher der Himmel oder die Hölle manchen Menschen beschenkt.

Traurig sagte sie sich, es sei ja nicht der Ruhm, sondern das Glück, das sie erstrebe, und mit Schrecken mußte sie sich die Frage vorlegen, ob dieser Mann, dem das Leben so verschiedene Farben, so vielseitige Interessen zeige, ihr sein ganzes Gemüt widmen, ihr all seinen Ehrgeiz zum Opfer bringen könne. Was konnte sie, die unbedeutende Frau, in seinem Leben sein, während er in dem ihrigen alles war?

Als er ihr den Arm bot, um sie aus dem Salon zu führen, flüsterte er ihr einige Worte der Liebe zu, aber sie entgegnete ihm traurig:

„Sie haben sehr viel Geist!“

Raymon verstand diesen Vorwurf und brachte den ganzen folgenden Tag zu Frau Delmares Füßen zu. Die anderen, mit der Jagd beschäftigten Gäste ließen beiden vollkommene Freiheit.


Zwölftes Kapitel.

Als Sir Ralph von der Jagd zurückkam und nach seiner Gewohnheit Indianas Puls befühlte, bemerkte Raymon, der ihn aufmerksam beobachtete, einen unmerklichen Schimmer von freudiger Überraschung in seinen Zügen. Als begegneten sich die beiden Männer in dem gleichen Gedanken, trafen sich ihre Blicke, und unwillkürlich senkte Raymon sein Auge zu Boden. Während des ganzen übrigen Tages lag in dem Gesichte des Barons, wenn er auf Frau Delmare sah, ein Etwas, das man Teilnahme oder Besorgnis hätte nennen können, wenn seine Züge ein bestimmtes Gefühl auszudrücken vermocht hätten. Vergeblich bemühte sich Raymon, zu ergründen, was es war; Ralph war undurchdringlich.

Plötzlich, als er einige Schritte hinter Frau Delmares Stuhl stand, hörte er Ralph halbleise zu ihr sagen:

„Es würde dir guttun, Cousine, wenn du morgen ein wenig ausrittest.“

„Aber du weißt ja, daß ich kein Pferd hier habe,“ antwortete sie.

„Wir wollen schon eins für dich finden. Willst du uns dann zur Jagd begleiten?“

Frau Delmare brachte verschiedene Ausreden vor, um sich davon loszumachen. Raymon schloß hieraus, daß sie vorzog, bei ihm zu bleiben, glaubte aber auch zu bemerken, daß es ihrem Cousin darum zu tun war, dieses Beieinandersein zu hintertreiben. Er trat näher und vereinigte seine Bitten mit denen Sir Ralphs. Erbittert gegen diesen lästigen Ehrenhüter Indianas, nahm er sich vor, ihm dieses Amt schwer genug zu machen.

„Wenn Sie einwilligen, der Jagd beizuwohnen,“ sagte er zu Indiana, „so werden Sie mich ermutigen, Ihrem Beispiel zu folgen. Ich liebe die Jagd nicht sehr, aber das Glück, Ihr Begleiter zu sein …“

„So will ich also mitreiten,“ antwortete Indiana unbedacht.

Sie wechselte mit Raymon einen Blick des Einverständnisses, den aber Ralph bemerkte, und während des ganzen Abends konnte Raymon sie weder ansehen noch ein Wort an sie richten, ohne der Beobachtung Ralphs zu begegnen.

Am folgenden Morgen sah Raymon das feierliche Gesicht seines Wirtes in seinem Zimmer erscheinen. Ralphs Benehmen war noch steifer und kühler als sonst und Raymon hoffte schon auf eine Herausforderung. Es handelte sich jedoch nur um ein Reitpferd, welches Raymon nach Bellerive gebracht hatte. Ralph hatte erfahren, daß er es verkaufen wollte, und in fünf Minuten war der Kauf geschlossen. Raymon kam plötzlich auf den Gedanken, es sei nur darauf abgesehen, ihn zu verhindern, die Jagd mitzumachen, und erklärte mit ziemlich dürren Worten, daß er der Jagd zu Fuße nicht zu folgen pflege.

„Mein Herr,“ antwortete Ralph, „ich weiß, was ich meinen Gästen schuldig bin.“

Und er entfernte sich.

Als Raymon in die Vorhalle des Hauses herabkam, sah er Frau Delmare im Reitkleide, fröhlich mit Ophelia spielend, welche ihr batistnes Taschentuch zerriß. Auf ihren Wangen war eine leichte Purpurfarbe wieder zurückgekehrt, ihre Augen hatten den lange verlorenen Glanz wiedergewonnen. Sie war schon wieder hübsch geworden. Die Locken ihres schwarzen Haares flossen unter ihrem kleinen Hute hervor, der ihrem Gesichte reizend stand, und das von oben bis unten zugeknöpfte Tuchkleid zeigte ihren feinen, schlanken Wuchs.

Von ihrer Anmut entzückt, sagte Raymon ihr einige artige Komplimente.

„Sie beunruhigten sich über meine Gesundheit,“ erwiderte sie ganz leise; „sehen Sie nicht, daß ich leben will?“

Er konnte ihr nur mit einem Blicke des Glückes antworten. Sir Ralph selbst führte seiner Cousine das Pferd vor, welches er soeben von Raymon gekauft hatte.

„Wie?“ rief Frau von Delmare, „ist das nicht das Pferd, das ich gestern Herrn von Ramière im Schloßhofe reiten sah? Er hat also die Güte, es mir zu leihen?“

„Hast du nicht die Schönheit dieses Tieres bewundert?“ sagte Sir Ralph. „Von heut an gehört es dir.“

„Du wirst witzig, lieber Vetter. Wem soll ich danken, Herrn von Ramière, der mir sein Pferd leiht, oder dir, der ihn vielleicht darum gebeten hat?“

„Du mußt deinem Vetter danken,“ bemerkte Herr Delmare; „er hat das Pferd für dich gekauft und macht es dir zum Geschenk.“

„Ist es wahr, guter Ralph?“ fragte Frau Delmare, indem sie das schöne Tier mit der Freude eines kleinen Mädchens liebkoste, welches den ersten Schmuck erhält.

„Waren wir nicht übereingekommen, daß ich dir ein Pferd geben sollte für die Arbeit, an der du für mich stickst?“

Indiana warf sich Sir Ralph um den Hals und schwang sich dann auf das Pferd, welches sie mit Keckheit paradieren ließ.

Raymon empfand ein heftiges Gefühl des Unmuts, als er von dem Austausch dieser vertraulichen Zärtlichkeit Zeuge sein mußte.

„Wie bin ich glücklich!“ sagte Indiana zu Raymon, als sie in der Schloßallee an seiner Seite ritt. „Es scheint, der gute Ralph hat erraten, welches Geschenk mir das liebste sein könnte. Und Sie, Raymon, sind Sie nicht auch glücklich, das Pferd, das Sie ritten, in meinem Besitz zu sehen?“

„Nein, gnädige Frau, ich bin nicht glücklich,“ antwortete Raymon, „denn die untergeordnete Rolle des Kaufmanns zu spielen, um einem anderen Gelegenheit zu geben, sich Ihnen angenehm zu machen, ist eine Demütigung. Wenn ich annehmen müßte, daß dies die Absicht Ihres Vetters war, so würde ich mich rächen.“

„O pfui! sehen Sie, jetzt bin ich mit Ihnen schon nicht zufrieden; ich sehe, an diesem Gefühle des Unmuts gegen meinen Vetter hat verletzte Eigenliebe einen sehr großen Anteil.“

„Ich gestehe,“ erwiderte Raymon, „ich habe fürchterlich gelitten, als ich sehen mußte, welche Rechte sich dieser Mensch anzumaßen scheint.“

„Anmaßen, er, Raymon? Sie wissen also nicht, welches heilige Dankgefühl uns an ihn fesselt! Sie wissen nicht, daß seine Mutter die Schwester der meinigen war, daß er, als Knabe, meine erste Kindheit beschützt hat, daß er meine einzige Stütze, mein einziger Lehrer, mein einziger Gefährte auf der Insel Bourbon war, daß er mit einem Worte das einzige Wesen ist, welches mich liebt und an meinem Leben Anteil nimmt? Aber fürchten Sie nicht, Raymon, daß ich Sie je bitten werde, mich auf Ralphs Weise zu lieben.“

„Erklären Sie mir doch diesen Menschen, ich bitte; denn wer könnte sein verschlossenes Wesen durchdringen?“

„Ich will Ihnen einiges aus seinem Leben erzählen, was Ihnen seinen Charakter erklären wird,“ antwortete Indiana. „Er hatte das Unglück, einen Bruder zu besitzen, den seine Eltern ihm offen vorzogen; dieser Bruder hatte alle die glänzenden Eigenschaften, die Ralph fehlen. Er faßte leicht, sprühte von Geist, war lebhaft, einschmeichelnd, warm, liebenswürdig. Ralph dagegen war linkisch, trübsinnig, liebte die Einsamkeit, lernte langsam. Als er sich von seinen Eltern gegen den glücklicher veranlagten älteren Bruder zurückgesetzt und sogar gedemütigt sah, wurde sein Charakter schon in früher Jugend düster und träumerisch, eine unbesiegliche Schüchternheit lähmte alle seine Fähigkeiten. Man hatte ihn dahingebracht, sich selbst zu verachten und zu hassen. Er verzweifelte am Leben, und hat mir oft erzählt, daß er in seinem fünfzehnten Jahre eines Tages die Wohnung seiner Eltern mit dem festen Entschlusse verlassen hätte, sich ins Meer zu stürzen; aber während er bereits auf der Klippe stand, sah er mich an der Hand meiner Amme, einer Negerin, auf sich zukommen. Ich war damals fünf Jahre alt. Ich war hübsch, wie man sagt, und fühlte gegen meinen schweigsamen Vetter eine Vorliebe, die niemand teilte. Beide unglücklich, verstanden wir uns bereits. Er lehrte mich seine Muttersprache und ich stammelte ihm in der meinigen vor. Als ich mich an seinen Hals warf, bemerkte ich, daß er weinte, und ohne zu wissen, warum, weinte ich auch. Dann drückte er mich an sein Herz und schwor, wie er mir seitdem erzählt hat, für mich, das verlassene Kind, zu leben und zu sterben. Ich war also das erste und einzige Band in seinem traurigen Dasein. Seit diesem Tage trennten wir uns fast nie mehr; wir brachten unsere Tage frei und froh in der Einsamkeit der Gebirge zu. Ralphs älterer Bruder, Edmund Brown, starb mit zwanzig Jahren; seine Mutter folgte ihm aus Gram und sein Vater war untröstlich. Gern hätte Ralph seinen Schmerz gemildert, aber die Kälte, mit welcher diese Versuche zurückgewiesen wurden, vermehrte nur seine natürliche Schüchternheit. Ganze Stunden brachte er düster und schweigend bei diesem trostlosen Greise zu, ohne zu wagen, ein liebevolles Wort an ihn zu richten, so sehr fürchtete er, ihn durch einen ungeschickt angebrachten Beweis von Zärtlichkeit zu erzürnen. Der arme Ralph war seit Edmunds Tode unglücklicher denn je, er wurde nach wie vor verkannt. Ich war sein einziger Trost.“

„Ich kann ihn nicht beklagen, was Sie auch sagen mögen,“ unterbrach sie Raymon; „aber ein Punkt in seinem und Ihrem Leben bleibt mir unerklärlich: Warum hat er Sie nicht geheiratet?“

„Als ich im heiratsfähigen Alter stand, war Ralph zehn Jahre älter als ich, und das ist ein ungeheurer Abstand in unserem Klima, wo die Jugend der Frauen so schnell verblüht. Auch war Ralph schon verheiratet.“

„Sir Ralph ist Witwer? Ich habe nie von seiner Frau sprechen hören.“

„Sprechen Sie nie mit ihm davon. Sie war jung, reich und schön, aber sie hatte Edmund geliebt und war ihm bestimmt gewesen. Aus Rücksichten auf ihre Familie sah sie sich gezwungen, Ralph ihre Hand zu reichen, ohne daß sie sich Mühe gegeben hätte, ihm ihre Abneigung zu verbergen. Er mußte mit ihr nach England gehen, und als er nach ihrem Tode auf die Insel Bourbon zurückkam, war ich mit Herrn Delmare verheiratet und im Begriff, nach Europa abzureisen. Ralph versuchte allein zu leben; aber die Einsamkeit verschlimmerte sein Übel. Er verkaufte seine Kaffeepflanzungen und ließ sich in Frankreich nieder. Die Art, wie er sich meinem Gatten vorstellte, würde mich zum Lachen gereizt haben, wenn die Anhänglichkeit des guten Ralph mich nicht gerührt hätte.“

„‚Ich liebe Ihre Frau,‘ sagte er mit aller Offenherzigkeit zu Herrn Delmare, ‚ich habe sie erzogen; ich betrachte sie wie meine Schwester, und mehr noch, wie meine Tochter. Erlauben Sie, daß ich mich in Ihre Nähe ansiedle und wir drei unser Leben zusammen zubringen? Man sagt, Sie seien ein wenig eifersüchtig auf Ihre Frau, man rühmt Sie aber auch als einen Mann von Ehre und Rechtlichkeit. Wenn ich Ihnen mein Wort gebe, daß ich sie niemals geliebt habe und sie niemals lieben werde, so brauchen Sie ebensowenig besorgt zu sein, als wäre ich wirklich Ihr Schwager. Wollen Sie mir glauben?‘“

Herr Delmare, welcher viel auf seinen Ruf militärischer Rechtlichkeit hielt, nahm diese freimütige Erklärung mit scheinbarem Vertrauen auf; doch bedurfte er einer mehrmonatlichen aufmerksamen Prüfung, ehe sich dieses Vertrauen befestigte. Jetzt ist es unerschütterlich.“

„Sie sind also fest überzeugt, Indiana,“ sagte Raymon, „daß Sir Ralph sich mit jener Versicherung selbst nicht ein wenig betrügt?“

„Sein Herz ist tot durch seine vielen Leiden,“ antwortete Indiana. „Ralph liebt nichts mehr, um sich den Schmerz des Verlustes zu ersparen. Seine Freundschaft für mich ist nur noch alte Gewohnheit. Jetzt trage ich von ganzem Herzen die Schuld der Vergangenheit ab und suche sein Leben zu verschönern und zu erheitern. Ich bin ihm notwendig, denn ich bin die einzige, die ihn liebt; seit Herr Delmare sich an ihn angeschlossen hat, liebt er diesen fast ebenso wie mich. So mutig und nachdrücklich er mich einst gegen die Tyrannei meines Vaters beschützte, ein so treuer Beschützer ist er mir meinem Gatten gegenüber, mit dem er sich nicht entzweien will. Er fragt nicht, ob ich unglücklich bin, es genügt ihm, mich am Leben zu sehen. Er hat so oft gehört, daß sein Herz gefühllos wäre, daß er jetzt selbst davon überzeugt ist. Er sucht und findet das Glück in der Ruhe, in der Bequemlichkeit des Lebens. Er kümmert sich nicht um fremdes Leid, kurz, Ralph ist ein Egoist.“

„Nun, um so besser!“ sagte Raymon, „ich fürchte ihn nicht mehr; ich will ihn sogar lieben, wenn Sie es wünschen.“

„Ja, lieben Sie ihn, Raymon. Er wird empfänglich dafür sein; wir aber wollen uns nie mit der Frage quälen, warum man uns liebt, sondern nur, wie man uns liebt. Wohl dem, der geliebt werden kann, gleichviel aus welchem Beweggrund.“

„Was Sie sagen, Indiana,“ erwiderte Raymon, indem er ihren schlanken, feinen Körper umfaßte, „ist die Klage eines einsamen, traurigen Herzens, aber an mir sollen Sie das Wie und das Warum kennen lernen.“

„Um mich glücklich zu machen, nicht wahr?“ fragte sie mit einem leidenschaftlichen Blicke.

„Um dir mein Leben zu geben!“ beteuerte Raymon, indem er Indianas wallende Haare mit seinen Lippen berührte.

Das nahe tönende Signal eines Jagdhorns warnte beide, auf ihrer Hut zu sein; es kam von Sir Ralph. Vielleicht hatte er sie beobachtet, – vielleicht auch nicht.


Dreizehntes Kapitel.

Als die Spürhunde losgelassen waren, belebten sich Indianas Augen und Wangen, ihre Brust hob sich unter heftigen Atemzügen und plötzlich war sie von Raymons Seite verschwunden. Raymon wußte nicht, daß die Jagd die einzige Leidenschaft war, welche Ralph und Indiana miteinander teilten. Er ahnte ebensowenig, daß in diesem gebrechlichen und zarten Weibe ein mehr als männlicher Mut wohnte, jene phantastische Unerschrockenheit, welche zuweilen, gleich einem Nervenkrampfe, in dem schwächsten Wesen mächtig erwacht.

Mit Entsetzen sah Raymon sie dahinfliegen, kühn in das Dickicht eindringen, ohne Zaudern über Gräben setzen, ohne Furcht, ihre schwachen Glieder zu brechen, sondern nur darauf bedacht, als erste auf die Spur des Ebers zu gelangen. Raymon begann sich vor der Kühnheit und Hartnäckigkeit zu fürchten, die ein so unerschrockener Geist in der Liebe ahnen ließ.

„Wenn sich ihr Wille ebenso ungestüm an mich kettet, wie sie der Spur des Ebers folgt,“ dachte er, „wenn die Gesellschaft für sie keine Schranken, die Gesetze keine Kraft haben, dann unterliege ich meinem Geschick und opfere meine Zukunft auf.“

Rufe des Entsetzens und der Angst, unter denen sich auch die Stimme Indianas unterscheiden ließ, weckten Raymon aus seinem Nachdenken. Erschrocken gab er seinem Pferde die Sporen und befand sich bald bei Sir Ralph, der ihn fragte, ob er die Hilferufe gehört hätte.

In demselben Augenblick stürzten ihnen mehrere Jägerburschen entgegen und aus ihren verworrenen Durcheinanderreden schien hervorzugehen, daß der Eber sich gegen Frau Delmare gewendet und sie zu Boden geworfen hätte. Andere kamen hinzu und riefen Sir Ralph zu Hilfe. „Aller Beistand ist vergebens,“ sagte einer, der zuletzt kam, „da ist keine Hoffnung mehr, jede Hilfe kommt zu spät.“

In diesem Augenblick des Schreckens fiel Raymons Auge auf das totenbleiche Gesicht Sir Ralphs. Er schrie nicht, er rang nicht die Hände; er griff nur nach seinem Jagdmesser und wollte sich dieses mit einer wahrhaft britischen Kaltblütigkeit ins Herz stoßen, als Raymon ihm die Waffe entriß und ihn nach dem Orte zog, woher das Geschrei kam.

Ralph schien aus einem Traume zu erwachen, als er Frau Delmare auf sich zueilen sah, ihn zu bitten, ihrem Gatten zu Hilfe zu kommen. Der Oberst lag wie leblos auf der Erde. Ralph öffnete ihm rasch eine Ader, denn er hatte sich bald überzeugt, daß er nicht tot war, sondern nur den Schenkel gebrochen hatte. Er wurde ins Schloß getragen.

Man hatte nur infolge eines Irrtums Frau Delmares Namen genannt, vielleicht auch hatten Ralph und Raymon im Augenblick der Verwirrung den Namen zu hören geglaubt, der sie am meisten interessierte.

Indiana war nicht verwundet, aber Schrecken und Bestürzung raubten ihr fast die Kraft, zu gehen. Raymon stützte sie mit seinen Armen und versöhnte sich wieder mit ihrem weiblichen Herzen, da er sah, wie schmerzlich sie von dem Unglück ihres Gatten ergriffen war, dem sie doch so viel zu verzeihen hatte.

In jenem Augenblicke, wo Sir Ralph sich hatte töten wollen, hatte Raymon erkannt, wie groß dessen Liebe zu seiner Cousine war und wie wenig sie durch die zum Oberst im Gleichgewicht gehalten wurde. Diese Beobachtung, welche der Meinung Indianas geradezu widersprach, haftete fester in Raymon als im Gedächtnis der übrigen Zeugen dieser Szene. Doch sprach er mit Indiana niemals von Ralphs Selbstmordversuch.

Erst nach sechs Wochen konnte man den Obersten nach Lagny bringen, und dann verstrichen noch mehr als sechs Monate, ehe er wieder zu gehen vermochte. Seine Frau pflegte ihn mit der zartesten Sorgfalt; sie verließ ihren Platz am Krankenbett nicht und ertrug ohne Klagen seine Launen und soldatischen Zornesausbrüche. Und dabei erblühte sie in frischer Gesundheit und in ihrem Herzen zog das Glück ein. Raymon liebte sie wirklich. Er kam alle Tage, ertrug die Schwächen ihres Mannes, die Kälte ihres Vetters, den Zwang dieser Zusammenkünfte. Ein Blick von ihm goß für einen ganzen Tag Freude in Indianas Herz. Sie dachte nicht mehr daran, ihr Leben zu beklagen.

Unmerklich faßte der Oberst Freundschaft für Raymon. Er schrieb diese häufigen Besuche auf seine eigene Rechnung, indem er sie als Beweise der Teilnahme an seiner Gesundheit betrachtete. Auch Frau von Ramière kam zuweilen und Indiana schloß sich ihr mit ganzem Herzen an.

Bei diesem fortdauernden engen Beisammensein sahen sich Raymon und Ralph zu einer gewissen nahezu vertraulichen Annäherung gezwungen, aber lieben konnten sie sich nicht. Ihre Ansichten wichen in allem wesentlichen voneinander ab, sie hatten nichts Gemeinsames, worin ihre Gefühle übereinstimmten, und wenn sie beide Frau Delmare liebten, so geschah dies auf so verschiedene Weise, daß dieses Gefühl sie mehr trennte, als einander näher brachte. Indiana überließ sich mit dem ganzen Vertrauen ihrer Jugend der Hoffnung auf eine heitere Zukunft. Es war ihr erstes Glück und ihre glühende Phantasie, ihr weiches Herz wußte es mit allem zu schmücken, was ihm noch fehlte. Raymon log nicht, als er sagte, sie sei die einzige Liebe seines Lebens; er hatte nie, weder so rein noch so ausdauernd geliebt. Bei Indiana vergaß er alles, er gefiel sich in diesem traulichen Familienzirkel, in diesen freundlichen Beziehungen, die sie schuf. Er bewunderte die Geduld und die Kraft dieser Frau; er staunte über die Gegensätze ihres Geistes und ihres Charakters. Er staunte besonders, daß Indiana, nachdem sie jenen so ernsten und feierlichen Bund mit ihm geschlossen, seine ganze Hingabe, sein völliges selbstloses Aufgehen in ihr fordernd, so wenig Ansprüche machte, mit dem verstohlenen Glücke zufrieden war und ihm blind vertraute. Die Liebe war für ihr Herz eine neue und edle Leidenschaft, tausend zarte und edle Gefühle knüpften sich immer von neuem daran und gaben ihr eine Kraft, welche Raymon nicht fassen konnte.

Er selbst war anfangs von der ewigen Gegenwart ihres Gatten oder ihres Vetters unangenehm berührt. Aber bald zwang ihn Indiana, sich dieser fortdauernden Aufsicht zu fügen. Das Gefühl des Glückes, welches ihr verstohlener Blick ihm bezeugte, die beredte und stumme Sprache ihrer Augen, ihr Lächeln, wenn das Gespräch durch eine plötzliche Anspielung ihre Herzen berührte, – das alles waren bald zarte und köstliche Freuden, welche Raymon dank seinem Zartgefühl und seiner trefflichen Erziehung zu schätzen wußte.

Wenn er sich zufällig mit Indiana allein befand, belebten sich ihre Wangen nicht mit einem höheren Rot, sie wendete ihre Blicke nicht verlegen ab. Nein, ihre klaren, ruhigen Augen betrachteten ihn stets mit unbefangenem Entzücken; das engelgleiche Lächeln ruhte immer auf ihren rosigen Lippen wie bei einem kleinen Mädchen, das noch nichts kennt, als die Küsse seiner Mutter. Wenn Raymon sie so vertrauensvoll, so leidenschaftlich, so rein sah, nur dem keuschen Bedürfnisse des Herzens lebend, wenn er zu ihren Füßen lag, dann wagte Raymon nicht mehr Mensch zu sein, in der Besorgnis, die ideale Vorstellung, welche sie sich von ihm gebildet hatte, zu zerstören. Aus Eigenliebe wurde er tugendhaft wie sie.

Aber einen gab es in diesem Familienkreise, dessen Glück völlig zerstört wurde, und das war Ralph. Für ihn hatte das Leben nie glänzende Aussichten, nie reine, innige Freuden gehabt; für ihn war es ohne Poesie, ohne Interesse, ohne Freundschaft, ohne Liebe. Er hatte Vater und Mutter gehabt, einen Bruder, eine Gattin, einen Sohn, eine Freundin, und doch hatte er von all diesen Familienbanden nichts gewonnen, nichts behalten, er war ein Fremdling im Leben, welches traurig und ungekannt hinfloß und ihm nicht einmal jenes versöhnende Gefühl seines Unglücks gab, das selbst im Schmerze Reize findet.

Trotz seiner Charakterstärke fühlte er sich zuweilen seiner Tugend überdrüssig. Er haßte Raymon und hätte nur ein einziges Wort zu sprechen gebraucht, um ihn aus Lagny zu vertreiben; aber er sprach es nicht, denn Ralph hatte einen Glauben, der stärker war als die tausend Glaubensartikel Raymons, – dieser Glaube war sein Gewissen.

In seiner Einsamkeit hatte er sich einen Freund aus seinem eigenen Herzen gemacht. Immer in sich verschlossen, immer in sich die Ursache der Ungerechtigkeit erforschend, die er von anderen dulden mußte, war er zu der Gewißheit gelangt, daß er keine Fehler an sich hatte, welche die Welt zu ihrem harten Urteil über ihn berechtigen konnten. Sein Herz sagte ihm, daß er fähig sei, für andere alles zu empfinden, was er anderen nicht für sich einflößen konnte, und wenn er geneigt war, anderen alles zu verzeihen, so war er auch entschlossen, gegen sich selbst keine Nachsicht zu üben. Dieses ganz innerliche Leben, diese in sich verschlossenen Gefühle gaben ihm allen Anschein des Egoismus und diesem gleicht vielleicht nichts mehr, als die Selbstachtung.

Doch wie es oft geschieht, daß, wenn wir etwas zu gut machen wollen, wir es weniger gut machen, so geschah es auch, daß Sir Ralph aus allzugroßem Zartgefühl und aus Besorgnis, sein Gewissen mit einem Vorwurf zu belasten, gegen Indiana ein Unrecht beging, das nie gesühnt werden konnte. Dieser Fehler bestand darin, daß er ihr die wahre Ursache von Nouns Tode nicht aufklärte. Ohne Zweifel hätte sie dann die Gefahren ihrer Liebe zu Raymon erkennen müssen. Wir werden aber später sehen, welche peinliche Bedenklichkeiten Ralph bewogen, über einen so wichtigen Punkt zu schweigen. Als er sich entschloß, das Schweigen zu brechen, war Raymons Herrschaft bereits befestigt.

Ein unerwartetes Ereignis bedrohte die Zukunft des Obersten und seiner Gattin. Ein belgisches Handelshaus, auf welchem Delmares geschäftliche Existenz beruhte, hatte plötzlich Bankerott gemacht und der Oberst mußte, kaum hergestellt, schleunigst nach Antwerpen abreisen.

Da er noch schwach und leidend war, wollte Indiana ihn begleiten; aber Herr Delmare, der mit völligem Ruin bedroht und entschlossen war, allen seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, fürchtete, seine Reise möchte den Anschein einer Flucht bekommen, und gleichsam als Garantie seiner Rückkehr wollte er seine Frau in Lagny lassen. Er weigerte sich sogar, Sir Ralph mitzunehmen, sondern bat ihn, zu Indianas Schutz zurückzubleiben, im Fall sie von ängstlichen Gläubigern gedrängt werden sollte.

Mitten unter diesen trüben Verhältnissen quälte Indiana nur die Möglichkeit, Lagny verlassen und sich von Raymon trennen zu müssen; doch er beruhigte sie, indem er versicherte, daß der Oberst in diesem Falle ohne Zweifel nach Paris ziehen würde. Er schwor ihr übrigens, ihr überall hin zu folgen, unter welchem Vorwande es auch sei, und die leichtgläubige Frau pries das ihren Gatten betroffene Unglück als ein Glück, da es ihr Gelegenheit gab, Raymons Liebe auf die Probe zu stellen. Er dagegen dachte nur an das Glück, seit sechs Monaten zum erstenmal wieder Gelegenheit zu haben, mit Indiana allein zu sein. In dieser Erwartung fand er sich jedoch ein wenig getäuscht, denn Ralph, der es mit der Stellvertretung des Obersten sehr gewissenhaft nahm, hielt sich vom Morgen an in Lagny auf und kehrte erst am Abend nach Bellerive zurück. Da er und Raymon eine Strecke den gleichen Weg hatten, so trieb Ralph seine Höflichkeit so weit, sich abends beim Aufbruch stets nach Raymon zu richten. Dieser Zwang wurde Raymon bald verhaßt und Indiana glaubte darin nicht allein ein beleidigendes Mißtrauen gegen sich, sondern auch die Absicht zu erblicken, sich eine despotische Macht über ihre Freiheit anzumaßen.

Acht Tage waren bereits seit der Abreise des Obersten verstrichen; er konnte bald zurück sein. Raymon mußte die Gelegenheit benützen; sich für besiegt von Sir Ralph zu erkennen, war eine Schmach für ihn. Eines Morgens ließ er folgenden Brief in Frau Delmares Hand gleiten:

„Indiana! Ich bin unglücklich und Sie sehen es nicht. Ich bin über Ihre Zukunft, nicht über die meinige, traurig und unruhig, denn wo Sie auch sein mögen, werde ich leben und sterben. Aber, wie sollten Sie, schwach und hinfällig, wie Sie sind, Entbehrungen ertragen? Sie haben einen reichen und freigebigen Cousin, Ihr Gatte wird vielleicht von seiner Hand annehmen, was er von der meinigen ausschlägt, und ich, ich kann nichts für Sie tun.

Durch ein unbegreifliches Mißgeschick ist mir während der Tage, welche ich frei zu Ihren Füßen zuzubringen hoffte, ein peinlicher Zwang auferlegt worden.

Sprechen Sie nur ein Wort, Indiana, damit wir wenigstens eine Stunde allein sein und ich Ihnen alles sagen könne, was mich quält.

Und dann, Indiana, habe ich eine kindische Laune, die Laune eines Verliebten: ich möchte an der Stelle, wo ich Sie so zornig gegen mich sehen mußte, mich vor Ihnen niederwerfen und Dich bitten, Deine Hand auf mein Herz zu legen, und es von seinem Verbrechen zu reinigen und ihm all Dein Vertrauen zu schenken, wenn Du mich Deiner würdig findest. Ach ja! ich möchte Dir beweisen, daß ich Dir eine reinere, heiligere Verehrung weihe, als je ein junges Mädchen ihrer Madonna weihte! An Deine Brust gelehnt, möchte ich eine Stunde lang das Leben der Engel genießen. Indiana, nur eine Stunde, die erste, vielleicht die letzte! Ich werde unserem Vertrage treu bleiben, das schwöre ich Dir. Grausame, willst Du mir nichts gewähren? Hast Du denn Furcht vor mir?“

Frau Delmare ging in ihr Zimmer hinauf, um diesen Brief zu lesen, beantwortete ihn sogleich und steckte Herrn von Ramière die Antwort mit einem Parkschlüssel zu, den er nur zu wohl kannte.

„Ich Dich fürchten, Raymon! O nein, jetzt nicht. Ich weiß zu gut, wie Du mich liebst. Wenn ich Dich weniger liebte, würde ich vielleicht weniger ruhig sein; aber ich liebe Dich, wie Du es selbst nicht weißt … Geh bei guter Zeit von mir weg, um Ralph jedes Mißtrauen zu benehmen. Komm um Mitternacht wieder; hier ist der Schlüssel zur kleinen Pforte, schließe sie hinter Dir wieder ab.“


Vierzehntes Kapitel.

An diesem Abend war Ralph wahrhaft unerträglich; nie war er schwerfälliger, kälter, langweiliger. Der Abend rückte immer weiter vor, ohne daß er sich anschickte, fortzugehen. Frau Delmare begann unruhig zu werden, sie sah nach der Uhr, welche bereits die elfte Stunde zeigte. Ralph war ein Mann, dem nichts entging, weil er alles kalt beobachtete. Raymons scheinbarer Weggang hatte ihn nicht getäuscht. Er bemerkte Indianas Unruhe. „Ich muß an jenen Abend denken,“ sagte er plötzlich, „wo wir ebenfalls an diesem Kamin saßen, wie jetzt; das Wetter war trüb und feucht, wie heute … Du warst kränklich und gabst dich düsteren Gedanken hin. Du hattest ein ahnungsvolles Gefühl, als ob eine Gefahr drohe, die dein ganzes Schicksal umgestalten werde.“[WS 1]

„Damals war ich krank,“ antwortete Indiana, welche plötzlich so bleich geworden war wie an jenem Abend, von dem Ralph sprach. „Jetzt, wo ich mich gesund fühle, glaube ich nicht mehr an Ahnungen.“

„Ich aber glaube daran,“ erwiderte Ralph, „denn an jenem Abend warst du eine Prophetin, Indiana, eine große Gefahr war wirklich im Anzuge, ein unheilvoller Einfluß bemächtigte sich dieser friedlichen Häuslichkeit.“

„Mein Gott, ich verstehe dich nicht.“

„Du wirst mich gleich verstehen, arme Freundin. An jenem Abend wurde Raymon von Ramière zu uns gebracht …“

Ralph wartete einige Augenblicke, ohne zu wagen, seine Augen auf seine Cousine zu richten; da sie nichts antwortete, fuhr er fort:

„Ich rettete dem Verwundeten das Leben, aus Menschlichkeit und auf dein Bitten, Indiana, aber wehe mir, daß ich es tat. Wahrlich, ich allein bin schuld an dem Unglück.“

„Ich weiß nicht, von welchem Unglück du sprichst,“ antwortete Indiana kurz.

„Ich spreche von dem Tode jener Unglücklichen,“ sagte Ralph. „Ohne jenen Menschen würde sie noch leben; ohne seiner verhängnisvollen Liebe wäre jenes schöne und gute Mädchen noch bei dir.“

Jetzt erst begann Indiana ihren Vetter zu verstehen. Sie fühlte sich im Innersten ihres Herzens empört über diese seltsame Wendung, welche darauf abzielte, ihr ihre Neigung für Herrn von Ramière vorzuwerfen.

„Es ist genug,“ sagte sie aufstehend.

Ralph schien darauf nicht zu achten.

„Was mich immer gewundert hat,“ fuhr er fort, „ist, daß du den wahren Grund, weshalb Herr von Ramière über unsere Mauern kletterte, nicht erraten hast.“

Ein plötzlicher Verdacht stieg in Indiana auf, ihre Knie zitterten; sie setzte sich nieder.

Ralph hatte das Messer in ihr Herz gestoßen und eine furchtbare Wunde geschlagen. Kaum gewahrte er die Wirkung, so bereute er auch schon seine Worte aufs bitterste und dachte nur an den Schmerz, den er dem Wesen zufügte, welches er vor allem auf der Welt liebte; sein Herz wollte brechen.

„In deiner Abneigung gegen Herrn von Ramière,“ sagte sie mit Bitterkeit, „sehe ich dich zu Mitteln greifen, die deiner unwürdig sind; wie du dich aber von deiner Rachsucht gegen ihn so weit fortreißen lassen kannst, das Gedächtnis einer Person zu beflecken, die durch ihr Unglück uns heilig sein sollte, das ist mir unbegreiflich. Ich habe Sie nichts gefragt, Sir Ralph, und weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich will nichts weiter hören.“

Sie stand auf und verließ Herrn Brown betäubt und schmerzlich ergriffen.

Er hatte vorausgesehen, daß er seiner Cousine nur auf seine eigenen Kosten würde die Augen öffnen können; sein Gewissen hatte ihm gesagt, er müsse sprechen, und er hatte es getan, mit all dem Ungeschick, dessen er fähig war.

Verzweifelt verließ er Lagny und irrte wie wahnsinnig im Walde umher.

Es war Mitternacht. Raymon war an der Parkpforte. Er öffnete sie. Aber beim Eintreten schauerte er zusammen. Denn wenn man sich erinnert, unter welch anderen Verhältnissen er sich ehedem durch diese Alleen und diesen Garten geschlichen hatte, so begreift man, daß ein hoher Grad von Mut dazu gehörte, um auf demselben Wege und mit solchen Erinnerungen ein neues Abenteuer aufzusuchen.

Diese Nacht war eben so düster und neblig, wie jene Nächte im vergangenen Frühjahr. Als Raymon an dem Kiosk vorbeikam und einen Blick auf die Tür warf, klopfte sein Herz wider seinen Willen bei dem Gedanken, daß sie sich öffnen und eine in einen Pelz gehüllte weibliche Gestalt heraustreten werde. Um in den eigentlichen Garten zu gelangen, mußte er den Fluß und eine kleine hölzerne Brücke überschreiten. Beim Flusse verdichtete sich der Nebel noch mehr, und um nicht in das am Ufer wachsende Schilfrohr zu geraten, hielt sich Raymon am Brückengeländer fest. Der Mond erhob sich jetzt und warf, indem er die Dünste zu durchbrechen suchte, ungewisse Streiflichter auf die im Wasser schwankenden Pflanzen. Der Wind, welcher durch die Blätter rauschte und die trockenen Äste aneinander schlug, pfiff klagend vorüber und glich einem abgebrochenen menschlichen Hilferuf. Raymons Zähne schlugen aufeinander, er war dem Umsinken nahe. Doch sah er das Törichte seiner Furcht ein und überschritt die Brücke.

Er hatte die Mitte derselben erreicht, als eine kaum sichtbare menschliche Gestalt am Ende des Geländers erschien, als wenn sie ihn hier erwartet hätte. Raymons Gedanken verwirrten sich, entsetzt kehrte er um und verbarg sich unter dem Schatten der Bäume, mit starrem Blicke jene Erscheinung betrachtend, welche im Nebel des Flusses, im zitternden Strahle des Mondes hin und her schwankte und dann plötzlich auf ihn zukam.

Hätten in diesem Augenblick seine Füße ihm nicht völlig den Dienst versagt, so würde er feig davongelaufen sein. Aber er fühlte sich gelähmt und umfaßte, um sich zu halten, den Stamm einer Weide, sich hinter derselben verbergend. Da ging Sir Ralph, eingehüllt in einen hellfarbigen Mantel, der ihm in der Entfernung ein gespensterhaftes Ansehen gab, an ihm vorüber und verschwand auf dem Wege, den Raymon gekommen war.

„Ungeschickter Spion!“ lachte Raymon, indem er sah, wie jener die Spur seiner Schritte aufsuchte, „du bist auf dem falschen Wege.“

Die Schrecken waren verschwunden. Raymon überschritt die Brücke.

Das vom Grauen in seinen Adern erstarrte Blut drängte jetzt mit Heftigkeit nach seinem Kopfe. Die bleichen Schrecken des Todes waren der stürmischen Wirklichkeit der Liebe, des Lebens gewichen. Raymon fühlte sich wieder kühn.

„Armer Ralph!“ dachte er, indem er die versteckte Treppe mit leichtem Schritte erstieg, „du hast es nicht anders gewollt!“


Fünfzehntes Kapitel.

Frau Delmare hatte sich, nachdem sie ihren Vetter verlassen, in ihr Zimmer eingeschlossen und tausend stürmische Gedanken waren in ihrer Seele erwacht. Nicht zum erstenmal warf ein unbestimmter Verdacht sein düsteres Licht auf das schwache Gebäude ihres Glückes. Einige Zeit vor Nouns Tode hatte Indiana einen kostbaren Ring an ihrem Finger bemerkt. Diesen Ring, den Noun gefunden haben wollte, trug Indiana nun als heiliges Andenken an die unglückliche Freundin, und oft hatte sie Raymon erbleichen sehen, wenn er ihre Hand ergriff, um sie an seine Lippen zu drücken. Einmal hatte er sie gebeten, nie mit ihm von Noun zu sprechen, weil er sich als die Ursache ihres Todes betrachtete, und als sie ihm diesen Gedanken auszureden suchte, indem sie sich selbst die Schuldige nannte, hatte er ihr geantwortet: „Nein, arme Indiana, klage dich nicht an, du weißt nicht, wie sehr ich strafbar bin.“

Dieses in einem bitteren Tone gesprochene Wort hatte Indiana erschreckt. Sie hatte nicht gewagt, mit Fragen in ihn zu dringen, und jetzt fehlte es ihr an Mut, darüber nachzudenken und eine Folgerung daraus zu ziehen. Als sie sich erinnerte, daß Raymon kommen sollte, als sie an all das Glück dachte, welches sie sich von dieser Stunde versprochen hatte, da verwünschte sie Ralph und wollte lieber ihn anklagen, als einen Verdacht gegen Raymon aufkommen zu lassen.

Plötzlich kam sie auf einen jener seltsamen, unklaren Einfälle, wie sie sich in unglücklichen Stimmungen und bei heftigen nervösen Aufregungen nicht selten einzufinden pflegen. Sie wollte Herrn von Ramière auf eine eigentümliche Probe stellen, auf die er nicht gefaßt sein konnte. Kaum hatte sie ihre Vorbereitungen hiezu getroffen, als sie Raymons Schritte auf der geheimen Treppe hörte. Sie eilte, ihm zu öffnen und setzte sich dann rasch wieder nieder. Wie in allen wichtigen Krisen ihres Lebens, bewahrte sie sich auch jetzt ihre volle Geistesgegenwart, so groß auch ihre innere Bewegung war.

Raymon war noch atemlos, als er die Tür aufstieß. Indiana hatte ihm den Rücken zugewandt und war in einen Pelz gehüllt. Zufällig war es derselbe, welchen Noun in jener verhängnisvollen Nacht getragen hatte, um Raymon im Park entgegenzugehen. Jetzt, wo er dieselbe Erscheinung, traurig über einen Stuhl gebeugt, plötzlich wieder erblickte, bei dem bleichen, ungewissen Lichte einer Lampe, in demselben Zimmer, welches so verhängnisvolle Erinnerungen in ihm wachrufen mußte, trat er unwillkürlich einen Schritt zurück, seinen entsetzten Blick auf diese unbewegliche Gestalt gerichtet und wie ein Feigling zitternd, daß er, wenn sie sich umwandte, in die totenbleichen Züge der Ertrunkenen blicken könne.

Frau Delmare ahnte von dem Eindruck nichts, den sie auf Raymon hervorbrachte. Sie hatte um ihren Kopf ein indisches seidenes Tuch geschlagen, nach Art der Kreolinnen: es war Nouns gewöhnliche Kopfbedeckung gewesen. Von Furcht überwältigt, war Raymon dem Umsinken nahe, aber als er Indiana erkannte, hatte er seinen Schrecken schnell überwunden und eilte auf sie zu. Ihr Gesicht trug den Ausdruck ernsten Nachdenkens; sie sah ihn fest an, doch mehr forschend, als zärtlich. Raymon schrieb diesen unerwarteten Empfang der zarten Zurückhaltung eines jungen, weiblichen Herzens zu.

„Meine Vielgeliebte,“ flüsterte er, sich vor ihr auf die Knie werfend, „fürchtest du mich denn?“

Aber sogleich bemerkte er, daß Indiana etwas in der Hand hielt, das sie mit einer gewissen schalkhaften Wichtigkeit vor ihm ausbreitete. Es war eine Masse schwarzer Haare von ungleicher Länge, die in der Eile abgeschnitten zu sein schienen und die Indiana mit ihren Händen glattstrich.

„Erkennst du sie?“ sagte sie, indem sie einen durchdringenden, seltsamen Blick auf ihn heftete.

Raymon warf seinen Blick auf das seidene Tuch, das ihren Kopf verhüllte. „Böses Kind,“ rief er, die Haare aus ihrer Hand nehmend, „warum hast du sie dir abgeschnitten? Ich hatte immer meine Freude daran! Gieb sie mir, damit ich sie immer bei mir haben und sie täglich küssen kann.“

Aber als er diesen reichen Haarschmuck, von dem einige Flechten bis zur “Erde reichten, in die Hand nahm, fand er, daß sie sich rauh anfühlten und daß ihnen die duftige Feuchtigkeit der Lebenswärme fehle, als wenn sie schon seit langer Zeit abgeschnitten wären. Sein Auge suchte vergeblich jenen blauen Widerschein, der Indianas Haaren Ähnlichkeit mit dem azurnen Gefieder des Raben gab. Sie waren negerschwarz und schwer wie die von einem Toten.

Indianas klarer Blick haftete sich durchdringend auf Raymon.

„Das sind nicht die deinigen!“ sagte er und lüftete das seidene Tuch, unter welchem sich Indianas Haar barg. Da waren ihre Haare in ihrer ganzen unberührten Fülle und sanken in all ihrer Pracht auf ihre Schultern herab. Aber sie stieß ihn zurück und hielt ihm immer die abgeschnittenen Haare hin.

„Erkennst du sie nicht?“ fragte sie, „hast du sie nie bewundert, nie geliebkost? Hast du keine Träne für die, welche diesen Ring trug?“

Raymon war eine sehr reizbare Natur. Sein Blut kreiste schnell, seinen Nerven fehlte jede Widerstandskraft gegen starke und plötzliche Eindrücke. Er zitterte von Kopf bis zu den Füßen und fiel ohnmächtig auf den Boden.

Als er wieder zu sich kam, lag Indiana auf den Knien neben ihm, benetzte ihn mit ihren Tränen und bat ihn um Verzeihung. Aber Raymon liebte sie nicht mehr.

„Sie haben mir furchtbar weh getan,“ sagte er, „Sie haben mir einen Schmerz bereitet, den wieder gut zu machen nicht in Ihrer Kraft steht. Ich fühle es, nie werden Sie mir das Vertrauen zu Ihrem Herzen wiedergeben, das ebensoviel Rachsucht wie Grausamkeit in sich schließt. Arme Noun, armes, unglückliches Mädchen! ihr tat ich Unrecht, nicht Ihnen! Sie wäre zur Rache an mir berechtigt gewesen, statt dessen opferte sie ihr Leben, um mir meine Zukunft zu lassen. Sie aber hätten das nicht getan! … Geben Sie mir diese Haare, sie sind das einzige, was mir von der Frau übrig bleibt, die allein mich wahrhaft geliebt hat. Unglückliche Noun! Du warst einer anderen Liebe wert! Und Sie, Indiana, Sie werfen mir ihren Tod vor, Sie, die ich so sehr geliebt habe, daß ich jene vergaß und den furchtbaren Qualen des Gewissens Trotz bot! Und da Sie sehen, mit welcher wahnsinnigen Leidenschaft ich Sie liebe, schlagen Sie Ihre Nägel in mein Herz. O, als ich eine aufopfernde Liebe wegwarf, um mich einer so wilden Leidenschaft hinzugeben, war ich ebenso töricht als strafbar.“

Frau Delmare antwortete nichts. Unbeweglich, bleich, mit gelöstem Haar und starrem Blick erregte sie Raymons Mitleid. Er ergriff ihre Hand und sagte:

„Und dennoch ist meine Liebe zu dir so blind, daß ich die Vergangenheit und die Gegenwart, das Verbrechen, welches mein Leben befleckt, und die Grausamkeit, die du eben an mir begangen hast, vergessen kann. Liebe mich nur und ich verzeihe dir.“

Als er sah, wie sie fürchtete, seine Liebe zu verlieren, wie sie so demütig vor ihm stand, als wolle sie ihr Unrecht sühnen, heuchelte er einige Augenblicke lang eine tiefe Trauer. Er beachtete kaum Indianas Tränen und Liebkosungen; er wartete, bis sie all ihre Kraft in dem herzzerreißenden Schmerz, von ihm verstoßen zu sein, verbraucht hatte; und dann, als er sie auf ihren Knien, den Tod von einem Worte erwartend, vor sich sah, riß er sie an seine Brust. Sie überließ ihm ihre Lippen ohne Widerstand; sie war fast tot.

Aber plötzlich, wie aus einem Traum erwachend, entzog sie sich seinen stürmischen Liebkosungen und flüchtete sich unter das Porträt Ralphs, als wenn sie sich in den Schutz dieses ernsten Mannes mit der reinen Stirn, den ruhigen Lippen, begeben wollte. Raymon riß sie gewaltsam von ihrem Zufluchtsorte hinweg. „Ich bin jetzt nicht mehr dein Sklave oder dein Freund,“ rief er. „Ich bin nur noch ein Mann, der dich wahnsinnig liebt und dich, die launenvolle, grausame, aber doch schöne und angebetete Frau in seinen Armen hält. Mit Worten der Sanftmut und des Vertrauens hättest du mein Blut bemeistern können. Aber du hast alle meine Leidenschaften aufgewühlt, aufgeregt, du hast mich unglücklich, feig, wütend gemacht. Verzeihung, Indiana, Verzeihung! Wenn ich dich erschrecke, ist es deine Schuld; du hast mir so viel Schmerz bereitet, daß ich die Vernunft verloren habe.“

Indiana zitterte an allen ihren Gliedern. „Das also ist die edle, reine Liebe, die Sie mir gelobt haben!“ sagte sie mit bitterem Vorwurf.

Er sank vor ihr nieder und klagte sie an, sie liebe ihn nicht.

„Raymon,“ sagte Indiana, sich plötzlich besinnend, „du warst vielleicht nicht so strafbar, als ich glaubte. Sage mir jetzt, warst du wegen mir gekommen, als ich dich hier in diesem Zimmer überraschte, oder wegen Noun?“

Raymon zauderte. Da er aber bedachte, Indiana würde bald hinter die Wahrheit kommen oder kenne sie vielleicht schon, antwortete er:

„Wegen ihr.“

„Gut!“ erwiderte sie mit traurigem Blicke. „Ich will lieber eine Untreue ertragen, als einen Schimpf. Sei stets aufrichtig, Raymon. Seit wann warst du in diesem Zimmer, als ich eintrat? Bedenke wohl, Ralph weiß alles, und wenn ich ihn fragen wollte …“

„Es bedarf der Angeberei des Sir Ralph nicht, Madame. Ich war seit dem vorhergegangenen Abend da.“

Beide schwiegen einige Augenblicke; Indiana erhob sich und wollte eben sprechen, als ein kurzer Schlag an ihrer Tür das Blut in ihren Adern stocken machte. Weder sie noch Raymon wagten zu atmen.

“Ein Papier schob sich unter der Tür herein. Es war ein Blatt, auf welchem mit Bleistift die Worte geschrieben waren:

„Dein Gatte ist angekommen!“

Ralph.“     


Siebzehntes Kapitel.

„Das ist eine jämmerlich erfundene Lüge!“ sagte Raymon, „Sir Ralph sehnt sich nach einer Lektion, und ich will ihm eine geben …“

„Ich verbiete es Ihnen,“ sagte Indiana mit kaltem, entschiedenem Tone. „Ralph hat nie gelogen. Mein Gatte ist hier, wir sind verloren.“

„Wohlan,“ sagte Raymon, indem er sie begeistert in seine Arme schloß, „da der Tod uns droht, so verzeihe mir alles und laß in diesem erhabenen Augenblicke dein letztes Wort das der Liebe sein!“

„Dieser Augenblick des Schreckens, der kühnen Mut erfordert, hätte für mich der schönste meines Lebens werden können,“ sagte sie, „aber du hast ihn mir verdorben.“

Das Rollen eines Wagens ließ sich im Hofe hören und eine ungeduldige Hand setzte die Glocke des Schlosses in Bewegung.

„Ich kenne diese Art zu klingeln,“ sagte Indiana aufmerksam und kalt; „aber du hast noch Zeit zu entfliehen. Geh! ….“

„Nein, ich gehe nicht!“ rief Raymon; „ich ahne einen schändlichen Verrat. Ich bleibe, meine Brust wird dich beschützen …“

„Hier ist kein Verrat im Spiele … Du hörst, die Diener sind bereits wach und das Gitter wird geöffnet … Flieh, die Bäume im Garten werden dich verbergen, und der Mond ist untergegangen. Kein Wort mehr, geh!“

Raymon war genötigt, zu gehorchen; aber sie begleitete ihn bis zur Treppe hinab und warf einen spähenden Blick auf die Baumgruppen des Gartens. Alles war ruhig. Sie blieb lange auf der letzten Stufe, angstvoll dem Geräusche seiner Tritte auf dem Sande lauschend. An ihren Gatten dachte sie nicht mehr. Was kümmerte sie sein Verdacht und sein Zorn, wenn nur Raymon außer Gefahr war.

Dieser eilte durch den Park, überschritt die Brücke und erreichte die kleine Pforte. Kaum war er draußen, als Sir Ralph zu ihm trat.

„Haben Sie die Gefälligkeit,“ redete er Raymon mit kalter Höflichkeit an, „mir diesen Schlüssel anzuvertrauen. Wenn man ihn sucht, wird es weniger auffallen, ihn in meiner Hand zu finden.“

Raymon hätte die tödlichste Beleidigung dieser spöttischen Großmut vorgezogen.

„Ich bin nicht der Mann, einen aufrichtigen Dienst zu vergessen,“ sagte er, „weiß aber auch einen Schimpf zu rächen.“

„Ich verzichte auf Ihren Dank,“ antwortete Ralph in unverändertem Tone, „und erwarte ruhig Ihre Rache; doch das ist keine Zeit zu einem Gespräch. – Da ist Ihr Weg – denken Sie an Frau Delmares Ehre.“

Und er verschwand.

Raymon kam mit Tagesanbruch in Cercy an und legte sich mit Fieberschauern zu Bette.

Indiana dagegen machte beim Frühstück voll Ruhe und Würde die Wirtin. Der Oberst war düster und sorgenvoll, seine Angelegenheiten beschäftigten ihn so vollauf, daß er für einen eifersüchtigen Verdacht keine Gedanken gehabt hätte.

Raymon fand erst gegen Abend die Sammlung wieder, an seine Liebe zu denken; aber diese Liebe hatte bedeutend abgenommen. Er liebte die Hindernisse, aber sie durften nicht so peinlicher Art sein, wie er sie jetzt voraussah, nachdem Indiana das Recht hatte, ihm Vorwürfe zu machen.

Endlich erinnerte er sich, daß die Schicklichkeit es erfordere, sich nach ihr zu erkundigen. Er schickte seinen Diener aus, in der Nähe von Lagny herumzustreifen, um zu erfahren, was daselbst vorgehe. Dieser Bote brachte ihm folgenden Brief, den Frau Delmare ihm übergeben hatte:

„In dieser Nacht haben Sie ein Wort zu mir gesprochen, das mir schmerzliche Freude gemacht hat. Arme Noun! verzeihe mir! Sie haben gesagt, Raymon, Sie hätten mir diese Unglückliche geopfert, Sie liebten mich mehr als sie. Und doch hätte Ihr Betragen mich daran zweifeln lassen sollen. Wollen Sie versprechen, mich nie auf diese Weise zu lieben? O, nicht reiner geliebt zu sein, als sie es war! Wenn ich dies glauben müßte! …. Und doch war sie schöner als ich, weit schöner! Warum haben Sie mich vorgezogen? Sie müssen mich doch anders und tiefer geliebt haben …. Das wollte ich Ihnen sagen. Wollen Sie den Gedanken aufgeben, mein Geliebter zu sein, wie Sie der ihrige waren, dann kann ich auch ferner an Ihre Reue, an Ihre Aufrichtigkeit, an Ihre Liebe glauben; wo nicht, so werden Sie mich niemals wiedersehen. Vielleicht ist das mein Tod, aber ich will lieber sterben, als mich herabwürdigen.“

Raymon war sehr verlegen, was er antworten sollte. Dieser Stolz beleidigte ihn.

Von diesem Augenblicke an liebte er sie nicht mehr. Sie hatte seine Eigenliebe gekränkt. Für ihn war sie nicht einmal mehr das, was ihm Noun gewesen war. Arme Indiana! Sie, die mehr sein wollte! Ihre leidenschaftliche Liebe wurde verkannt, ihr blindes Vertrauen verachtet. Raymon hatte sie nie verstanden, wie hätte er sie lange lieben können!

Es war ihm nicht mehr darum zu tun, ein Glück zu erobern, sondern einen Schimpf zu rächen. Nach kühler Überlegung schrieb er folgende Antwort an Indiana nieder:

„Ich bin strafbar gewesen. Doch nein, ich war wahnsinnig. Vergiß diese Stunden. Ich bin jetzt ruhig; ich habe nachgedacht und fühle mich noch Deiner würdig …. Gesegnet seist du, Engel des Himmels, daß du mich vor mir selbst gerettet, mich erinnert hast, wie ich Dich lieben sollte. Ich werde Dein Freund, Dein Bruder sein, nichts mehr. Ich will sanft, unterwürfig, unglücklich sein, wenn ich nur noch ferner aus Deinem Munde höre, daß Du mich liebst. O, schenke mir Dein Vertrauen und mein Glück wieder; sage mir, wann wir uns wiedersehen werden. Ich weiß nicht, was in dieser Nacht nach meiner Entfernung vorgegangen ist; warum läßt Du mich darüber in Ungewißheit? Mein Diener hat Euch alle drei im Park spazieren gehen sehen. Der Oberst war niedergeschlagen, doch nicht zornig. Also hätte dieser Ralph uns doch nicht verraten? Seltsamer Mensch! Aber wie werde ich mich ferner in Lagny sehen lassen dürfen, da unser Schicksal jetzt in seinen Händen ruht? Ich werde es dennoch wagen, und müßte ich mich auch demütigen. Ich werde lieber alles tun, als dich verlieren. Um Deinen Willen verließe ich selbst meine Mutter; für Dich würde ich jedes Verbrechen begehen. Ach, wenn Du meine Liebe verständest, Indiana!“

Die Feder entsank Raymons Händen; er war müde bis zum Einschlafen. Er schellte seinen Diener, trug ihm auf, das Billett noch vor Tagesanbruch nach Cercy zu tragen, und genoß dann jenes tiefen, erquickenden Schlafes, dessen Süßigkeit nur der Selbstzufriedene kennt.“

Frau Delmare brachte die Nacht mit Schreiben zu. Als sie Raymons Brief erhielt, antwortete sie eilig darauf:

„Dank, Raymon, Dank! Du gibst mir Kraft und Leben wieder. Jetzt kann ich alles ertragen; denn Du liebst mich; Dich schrecken die härtesten Proben nicht. Ja, wir werden uns wiedersehen, wir werden allem trotzen. Ralph mag aus unserem Geheimnis machen, was er will, ich mache mir darüber keine Sorgen. Du liebst mich, ich fürchte selbst meinen Gatten nicht mehr.

„Du willst wissen, wie unsere Angelegenheiten stehen? …. Wir sind ruiniert. Es ist die Rede davon, Lagny zu verkaufen und in die Kolonien zurückzukehren … Aber was kümmert mich das alles! Raymon, ich baue auf Dein Versprechen, rechne Du auf meinen Mut. Nichts kann mich schrecken, nichts mich von meinem Vorhaben abbringen. Mein Platz ist an Deiner Seite und nur der Tod wird mich von Dir trennen.“

„Überspannte Frau!“ sagte Raymon, indem er das Billett in den Händen zerdrückte. „Romanhafte Pläne, gefährliche Unternehmungen schmeicheln ihrer Einbildungskraft. Ich habe gesiegt, meine Herrschaft ist neu begründet, und jene tollen Ideen, mit denen sie sich trägt – das wollen wir schon sehen! Immer sind diese leichtsinnigen, lügenhaften Wesen bereit, Unmögliches zu unternehmen! Wenn man diesen Brief liest, sollte man wirklich nicht glauben, daß sie ihre Küsse zählt und mit ihren Liebkosungen geizt!“

Noch an demselben Tage begab sich Raymon nach Lagny. Ralph war nicht da. Der Oberst empfing ihn aufs freundschaftlichste und sprach voll Vertrauen mit ihm. Er führte ihn in den Park, um ungestörter zu sein. Dort sagte er ihm, daß er gänzlich zu Grunde gerichtet sei, und die Fabrik schon am folgenden Tag zum Verkauf ausschreiben werde. Raymon bot seine Hilfe an.

„Nein, lieber Freund,“ entgegnete der Oberst, „schon der Gedanke, meine Stellung Ralphs Gefälligkeit zu verdanken, ist mir zu peinlich gewesen, es verlangt mich, meinen Verbindlichkeiten gegen ihn nachzukommen. Der Verkauf dieses Grundstückes wird mich in den Stand setzen, alle meine Schulden auf einmal zu bezahlen. Es wird mir allerdings dann nichts mehr übrig bleiben, aber ich habe Mut, Unternehmungsgeist und Geschäftskenntnis. Ich habe schon einmal das Gebäude meines kleinen Glückes aufgerichtet, ich kann wieder von vorn beginnen. Ich bin es meiner Frau schuldig, die jung ist, und die ich nicht in Dürftigkeit hinterlassen mag. Sie besitzt noch ein kleines Haus auf der Insel Bourbon, dorthin will ich mich zurückziehen und mich wieder auf Handelsgeschäfte verlegen.

Raymon drückte des Obersten Hand. „Ich sehe mit Vergnügen,“ sagte er, „daß Sie sich von diesen Unglücksfällen nicht niederbeugen lassen. Aber zeigt Frau Delmare denselben Mut? Fürchten Sie nicht ihren Widerstand gegen Ihren Auswanderungsplan?“

„Die Frauen sind zum Gehorchen da, nicht um Ratschläge zu erteilen. Ich habe meiner Frau meinen Entschluß noch nicht definitiv angekündigt und mache mich auf Tränen und Krämpfe gefaßt, und wäre es auch nur aus Widerspruchsgeist! Doch ich rechne auf Sie, lieber Raymon, daß Sie meiner Frau vernünftig zusprechen werden. Sie hat vertrauen zu Ihnen.“

Raymon versprach, am folgenden Tage wiederzukommen, um Indiana den Entschluß ihres Gatten mitzuteilen.

„Sie werden mir dadurch einen großen Dienst erweisen,“ sagte der Oberst. „Ich werde dafür sorgen, daß Sie ungestört mit ihr sprechen können.“

„Ei, das trifft sich ja herrlich!“ dachte Raymon im Weggehen.


Achtzehntes Kapitel.

Raymon sah voraus, daß diese Liebe, welche sich ihrem Ende näherte, ihm bald höchst lästig werden würde. Daher kam ihm auch das Mißgeschick des Obersten sehr gelegen. Für ihn handelte es sich nur noch darum, sich Indianas Übersprung geschickt zu nutze zu machen und dann seinem guten Sterne die Sorge zu überlassen, ihn von ihren Tränen und Vorwürfen zu befreien.

Am folgenden Tage begab er sich daher nach Lagny.

„Indiana,“ begann er seine Unterredung mit ihr, „ahnst du wohl, mit welchem Auftrage mich dein Gatte betraut hat? Ich soll dich bitten, ihn nach der Insel Bourbon zu begleiten, ich soll dich überreden, mich zu verlassen, mir das Herz aus dem Leibe zu reißen. Glaubst du, daß er seinen Advokaten gut gewählt hat?“

Der düstere Ernst Indianas zwang Raymon trotz seiner Kunstgriffe dennoch eine gewisse Achtung ab.

„Warum willst du von dem allen mit mir sprechen?“ fragte sie; „fürchtest du, daß ich gehorche? Beruhige dich, Raymon, mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin bereit, den kühnen Schritt zu tun, zu dem mein Geschick mich treibt, und du wirst ja meine Stütze, mein Führer sein!“

Raymon erschrak vor Indianas ruhiger Zuversicht. Übrigens war er immer noch in der Meinung, daß Indiana ihn eigentlich nicht liebe und ihre überspannten Ideen nur aus Romanen geschöpft habe, um sie jetzt auf ihre Lage anzuwenden. Er nahm seine leidenschaftliche Beredsamkeit, seine poetische Phantasie zu Hilfe, um sich auf gleicher Höhe mit seiner romanhaften Geliebten zu halten, und es gelang ihm, ihren Irrtum zu verlängern.

Raymon fürchtete jedoch, Indiana könne ihn beim Wort nehmen und ihn zur Erfüllung seiner Verheißungen zwingen, wenn er nicht geschickt den von ihr entworfenen Plan unterminierte. Daher überredete er sie, bis zu dem Augenblick, wo es Zeit zum offenen Widerstand sei, dem Anschein des Einverständnisses oder der Gleichgültigkeit anzunehmen.

Ralph wollte durchaus seinen unglücklichen Freunden helfen. Er bot sein ganzes Vermögen, sein Schloß Bellerive, seine Renten aus England und den Verkauf seiner Plantagen in den Kolonien an; doch der Oberst war unbeugsam. Er wollte keinerlei Opfer von ihm annehmen. Ralph verpachtete Bellerive und begleitete Herrn und Frau Delmare nach Paris, bis zu ihrer Abreise nach der Insel Bourbon.

Lagny wurde mit der Fabrik und allem Zubehör zum Verkauf gestellt. Der Winter verfloß für Indiana traurig und düster. Wohl war Raymon in Paris, wohl sah er sie alle Tage; er war voll zarter Aufmerksamkeit für sie, aber er blieb stets nur kurze Zeit und nur in Anwesenheit ihres Gatten.

Raymon hatte Grundsätze, wie wir schon gesagt haben. Als er sah, welche Freundschaft, welches Vertrauen der Oberst ihm schenkte, wie er ihn für das Muster der Ehrenhaftigkeit hielt und wie er fast auf seine Vermittlung zwischen sich und seiner Frau brannte, da entschloß er sich, dieses Vertrauen zu rechtfertigen, diese Freundschaft zu verdienen und die beiden Gatten zu versöhnen. Er wurde wieder moralisch, tugendhaft, Philosoph. Es wird sich zeigen, auf wie lange.

Indiana, welche diese Umwandlung nicht verstand, litt furchtbar, sich so vernachlässigt zu sehen; doch war sie harmlos genug, sich den völligen Ruin ihrer Hoffnungen nicht einzugestehen, denn sie ließ sich leicht täuschen. Ihr Gatte trug vor der Welt den stoischen Gleichmut eines charakterfesten Mannes zur Schau, zu Hause aber war er nur noch ein reizbares Kind. Indiana hatte darunter schwer zu leiden. Eine gewöhnliche Frau würde diesen Mann beherrscht haben, sie wäre auf seine Ansichten eingegangen und hätte sich ihr Bestes dabei gedacht; sie hätte sich scheinbar seinen Vorurteilen angeschlossen, um im stillen sich darüber lustig zu machen, sie würde ihm geschmeichelt, würde ihn getäuscht haben. Aber Heucheln und Täuschen war in ihren Augen ein Verbrechen und zwanzigmal in einem Tage war sie im Begriff, ihrem Gatten zu gestehen, daß sie Raymon liebe; nur die Furcht, den Geliebten zu verlieren, hielt sie davon zurück. Ihr kalter, schweigender Gehorsam reizte den Oberst weit mehr, als offener Widerstand es vermocht hätte, denn er mußte sich gestehen, daß er wohl befehlen, aber nicht überzeugen könne. Wenn er zuweilen eine verkehrte Anordnung tat, die Indiana, ohne ihre richtigere Meinung geltend zu machen, mit der mechanischen Unterwerfung eines Sklaven ausführte, und wenn er dann sehen mußte, wie sehr die Folgen ihres blinden Gehorsams sein Interesse schädigten, so geriet er in furchtbare Wut, und das schlimmste dabei war, daß er sich selbst als Schuldigen anklagen mußte. In solchen Augenblicken hätte er Indiana umbringen können.

Und doch liebte er im Grunde seines Herzens diese schwache Frau. Wenn er des Morgens in ihr Zimmer trat, in der Absicht, mit ihr zu zanken, so fand er sie zuweilen schlafend und wagte nicht, sie aufzuwecken. Er betrachtete sie schweigend, erschrak über ihre Zartheit, über die Blässe ihrer Wangen, über den Ausdruck schwärmerischer Ergebung, der sich in diesen stummen Zügen aussprach. Dann schämte er sich, daß ein so schwächliches Wesen auf sein Geschick einen Einfluß gewonnen hatte, auf ihn, den Mann von Eisen, gewohnt, durch ein einziges Kommandowort ganze Schwadronen in Bewegung zu setzen.

Dieses Weib, fast noch ein Kind, das er, wenn er gewollt hätte, mit seiner Hand hätte zerdrücken können, da lag sie, hinfällig, unter seinen Augen vielleicht von einem andern träumend und selbst im Schlafe ihm trotzend. Er fühlte sich versucht, sie an den Haaren herumzuschleifen, um sie zu zwingen, um Gnade zu bitten; aber sie war so hübsch, so zierlich, so weiß, daß er sich ihrer erbarmte, wie das Kind vom Anblick des Vögleins gerührt wird, das es töten wollte. Und er weinte wie ein Weib, dieser eherne Mann, und entfernte sich, damit sie nicht den Triumph genießen sollte, seine Tränen zu sehen. In der Tat, es war schwer zu entscheiden, wer unglücklicher war, ob sie oder er. Herr und Frau Delmare hatten in Melun und Fontainebleau einige wohlhabende Familien kennengelernt, die den Winter in Paris zubrachten und hier das Ehepaar aufsuchten. Diese kleinstädtischen Menschen wurden nun die eifrigsten Zwischenträger und suchten die Gatten auszusöhnen, die doch niemals in Streit gerieten. Die einen rieten Frau Delmare zur Unterwerfung und sahen nicht, daß sie darin schon des Guten zu viel tat; die anderen rieten dem Gatten, streng zu sein und sein Ansehen nicht unter den Pantoffel kommen zu lassen. Nichts wurde von diesen klatschsüchtigen Leuten, unter dem Vorwande, Frieden zu stiften, unversucht gelassen, die Lage des so ungleichen Ehepaares zu verschlimmern und ihre gegenseitige Hartnäckigkeit noch zu schüren.

Ralph war klug genug, sich in ihre Zwistigkeiten nicht zu mengen. Indiana hatte geargwöhnt, er werde Raymon bei ihrem Gatten verdächtigen; doch das fortdauernde gute Einvernehmen zwischen diesen beiden war ihr ein überzeugender Beweis von der Verschwiegenheit ihres Vetters. Sie fühlte jetzt das Bedürfnis, ihm zu danken; aber er wich ihren Versuchen aus. Sie bemühte sich daher, ihm ihre Dankbarkeit durch freundliche Fürsorge und kleine zärtliche Aufmerksamkeiten zu bezeugen; aber Ralph schien nicht darauf zu achten und Indianas Stolz wurde von dieser hochmütigen Großmut sehr gedemütigt. Um in ihm nicht die Meinung zu erwecken, als habe sie ihn durch jene zarten Auszeichnungen nur in seiner Nachsicht und Verschwiegenheit bestärken wollen, nahm sie gegen den armen Ralph wieder ein kaltes, gezwungenes Wesen an. Sein Benehmen erschien ihr als der ausgebildetste Egoismus; er schien sie zwar zu lieben, aber nicht mehr zu achten. Ihre Gesellschaft schien ihm nur zu seiner Zerstreuung zu dienen, seine Besuche nur eine gewohnheitsmäßige Sache, ihre Fürsorge für seine kleinen Bedürfnisse nur etwas Selbstverständliches zu sein.


Neunzehntes Kapitel.

Indiana machte Raymon keine Vorwürfe mehr, seit sie gefunden hatte, daß er sich nur lau verteidigte. Mehr noch als eine Erkaltung seiner Liebe, fürchtete sie, von ihm verlassen zu werden. Sie konnte nicht mehr leben ohne die Hoffnung auf die Zukunft, die er ihr versprochen hatte, denn das Leben mit ihrem Gatten und Ralph war ihr verhaßt geworden, und wenn sie nicht darauf hätte rechnen dürfen, der Herrschaft dieser beiden Männer bald entzogen zu werden, so würde auch sie sich ins Wasser gestürzt haben. Sie dachte oft daran; wenn Raymon sie wie Noun behandle, sagte sie sich, so bliebe ihr kein anderes Mittel, einer unerträglichen Zukunft zu entgehen, als Noun nachzueilen.

Die zur Abreise festgesetzte Zeit näherte sich. Der Oberst schien an einen Widerstand seiner Frau kaum ernstlich zu denken und ordnete seine Angelegenheiten. Alle diese Vorbereitungen beobachtete Indiana mit größter Ruhe, denn ihr Entschluß stand fest. Sie suchte im voraus an ihrer Tante, der Frau von Carvajal, einen Schutz zu finden, sie gestand ihr ihren Widerwillen gegen diese Reise, und die alte Marquise, welche, obgleich in allen Ehren, in der Schönheit ihrer Nichte eine Anziehungskraft für ihre Gesellschaftsabende sah, erklärte, es sei des Obersten Schuldigkeit, seine Gattin in Frankreich zu lassen, es grenze an Barbarei, sie bei ihrer zarten Gesundheit den Strapazen einer Seereise auszusetzen. Herr Delmare betrachtete diese Andeutungen als leeres Geschwätz, und auch als sie durchblicken ließ, daß Indiana ihre Erbin nur werden würde, wenn sie hier bleibe, blieb er fest.

Raymon kümmerte sich nicht mehr darum, was aus Indiana werden würde; diese Liebe war ihm völlig zur Pein geworden, ohne daß sie es ahnte.

Eines Morgens, als er von einem Balle nach Hause kam, fand er Frau Delmare in seiner Wohnung. Sie war um Mitternacht gekommen und erwartete ihn seit fünf langen Stunden im ungeheizten Zimmer. Den Kopf in ihre Hand gestützt, saß sie mit jener düsteren Geduld da, welche das Leben ihr gelehrt hatte. Als Raymon eintrat, erhob sie den Kopf; in ihrem bleichen Gesicht war weder ein Ausdruck des Unmutes noch des Vorwurfes zu entdecken.

„Ich erwartete dich,“ redete sie ihn sanft an. „Da du seit drei Tagen nicht zu mir gekommen bist, und in dieser Zwischenzeit Dinge vorgegangen sind, die du unverzüglich wissen mußt, so bin ich um Mitternacht fortgegangen, um dich davon in Kenntnis zu setzen.“

„Das ist eine unverzeihliche Unklugheit,“ erwiderte Raymon, indem er sorgfältig die Tür hinter sich schloß; „und meine Diener wissen, daß du hier bist, sie haben es mir gesagt.“

„Lassen wir das,“ entgegnete sie kalt, „Höre, was ich dir zu sagen habe. Herr Delmare will in drei Tagen nach Bordeaux und von da nach den Kolonien abreisen. Du hast mir versprochen, mich vor Gewalt zu schützen; daß es so weit kommen wird, ist außer Zweifel. Ich habe mich gestern abend erklärt, daraufhin schloß Herr Delmare mich in mein Zimmer ein. Ich bin durch ein Fenster entschlüpft, sieh, meine Hände sind noch blutig. In diesem Augenblick sucht man mich vielleicht; Ralph könnte vermuten, wo ich bin, aber er ist in Bellerive. Ich bin entschlossen, mich zu verbergen, bis Herr Delmare sich darein ergeben hat, ohne mich zu reisen. Hast du daran gedacht, mir einen Zufluchtsort zu sichern? Seit so langer Zeit habe ich dich nicht allein sprechen können, daß ich nicht weiß, wie weit du mit deinen Vorbereitungen bist. Mit Ergebung ertrug ich die Kürze deiner Besuche, den Zwang in unserer Unterhaltung, die Vorsicht, womit du jedes vertraulichere Gespräch mit mir zu vermeiden suchtest. Dennoch hat mein Vertrauen zu dir keinen Augenblick gewankt. Heute will ich mir den Lohn für mein Vertrauen holen; der Augenblick ist gekommen; sprich, nimmst du mein Opfer an?“

Es war keine Zeit mehr, die Täuschung aufrecht zu erhalten. Raymon war wütend, sich in seiner eigenen Schlinge gefangen zu sehen.

„Du bist wahnsinnig!“ rief er, sich in seinen Lehnstuhl werfend. „In welchem Roman für Kammerzofen hast du deine gesellschaftlichen Studien gemacht?“

Er schwieg, da er fühlte, er sei zu ungestüm.

Indiana war ruhig, wie jemand, der sich auf das Schlimmste gefaßt macht.

„Fahre fort,“ sagte sie, ihre Arme über ihrer Brust kreuzend.

„Nie, nie werde ich solche Opfer annehmen!“ rief Raymon, sich lebhaft erhebend. „Als ich dir sagte, Indiana, daß ich die Kraft dazu haben würde, habe ich mich selbst verleumdet; denn nur ein Nichtswürdiger kann seine Hand dazu bieten, die Frau, welche er liebt, der Schande preiszugeben. Bei deiner Unbekanntschaft mit der Welt hast du die Folgen eines solchen Schrittes nicht erwogen. Könntest du, einfaches, unwissendes Weib, mich noch lieben, wenn ich deinen Ruf, dein Leben meinem Vergnügen opfern wollte?“

„Du widersprichst dir selbst,“ sagte Indiana. „Wenn ich dich glücklich mache, indem ich dir ganz angehöre, was fürchtest du die öffentliche Meinung? Liegt dir mehr an ihr, als an mir?“

„Ach, nicht meinetwegen lege ich einen Wert darauf.“

„Also meinetwegen? Ich habe diese Bedenklichkeiten vorausgesehen, und um dich vor jedem Vorwurf zu schützen, habe ich den entscheidenden Schritt selbst getan und es nicht erst darauf ankommen lassen, von dir entführt zu werden. Dich kann also kein Vorwurf treffen. In diesem Augenblick, Raymon, bin ich bereits entehrt; obgleich der erwachende Tag meine Stirn so rein findet, als sie es gestern war, so bin ich jetzt doch in der öffentlichen Meinung ein verlorenes Weib. Das alles habe ich erwogen, ehe ich handelte.“

„Abscheuliche Berechnung eines Weibes!“ dachte Raymon. Dann sagte er mit schmeichelndem väterlichen Tone:

„Du überschätzest die Wichtigkeit deines Schrittes. Nein, liebe Freundin, einer Unbedachtsamkeit wegen ist noch nicht alles verloren. Ich werde dafür sorgen, daß meine Dienerschaft reinen Mund hält…“

„Und etwa auch die meinige, die in diesem Augenblick wahrscheinlich mich ängstlich sucht? Und mein Gatte? Denkst du, er werde mich morgen wieder bei sich aufnehmen wollen, nachdem ich eine Nacht unter deinem Dache zugebracht habe? Könntest du mir wirklich raten, zu ihm zurückzukehren und ihn fußfällig zu bitten, mich als Zeichen seiner Gnade noch einmal an die Kette zu schmieden, unter deren Last bereits meine Jugend verwelkte und mein Leben hinschmachtete? Könntest du ohne Gewissensbisse eine Frau diesem Schicksal preisgeben, die sich unter deinen Schutz flüchtet, um dir für ein ganzes Leben anzugehören?“

Raymon dachte auf ein Mittel, sich von dieser lästigen Treue zu befreien oder einen Vorteil daraus zu ziehen.

„Du hast recht, Indiana,“ rief er mit Feuer, „du gibst mich mir selbst wieder. Verzeihe meiner kindischen Sorge und bedenke, daß nur meine Liebe zu dir sie mir eingegeben hat. Verzeihe, daß ich an etwas anderes denken konnte, als an das unaussprechbare Glück, dich zu besitzen. Laß mich alle Gefahren vergessen, die uns bedrohen, laß mich in dieser Stunde ganz in dem Glücke schwelgen, daß ich dir zu Füßen liege und dich besitze. Mag doch dein Gatte kommen und dich meinen Armen entreißen wollen, dich, mein Glück, mein Leben. Von jetzt an gehörst du ihm nicht mehr, du bist meine Freundin, meine Geliebte, meine Gebieterin.“

Raymon verschwendete nun alle Lockungen einer glühenden Beredsamkeit. Er war wirklich hinreißend in seiner Sprache. Er redete sich in eine Leidenschaft hinein, um sich selbst zu betrügen. Und das verblendete, leichtgläubige Weib hörte mit Entzücken auf diese trügerischen Deklamationen, sie fühlte sich glücklich, sie strahlte von Hoffnung und Freude; sie verzieh alles.

Da erhob sich der Tag sonnig und glänzend, er warf Ströme des Lichtes in das Zimmer und das Geräusch auf der Straße nahm mit jeder Sekunde zu. Raymon warf einen Blick auf die Uhr, welche die siebente Stunde anzeigte.

„Es ist Zeit, zu Ende zu kommen,“ dachte er, jeden Augenblick kann Delmare erscheinen. Ich muß sie zu überreden suchen, gutwillig nach Hause zurückzukehren.“

Er wurde dringender, in seinen Küssen lag fast zorniger Ungestüm. Indiana fühlte sich von Furcht ergriffen. Ein guter Engel breitete seine Flügel über dieses wankende und verirrte Herz. Sie erwachte und wies die Angriffe des selbstsüchtigen und feigen Lüstlings zurück.

„Laß mich,“ sagte sie. „Du brauchst unmöglich neue Beweise meiner Zärtlichkeit, meine Gegenwart hier ist schon ein sehr großer. Aber laß mich die Kraft meines Gewissens bewahren, um gegen die mächtigen Hindernisse zu kämpfen, die uns noch trennen.“

„Wovon sprichst du?“ fragte Raymon, aufgebracht und durch ihren Widerstand erbittert. Alle Besinnung verlierend, stieß er sie roh zurück. Dann ging er mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab, ergriff eine Wasserflasche und stürzte ein großes Glas Wasser hinunter, welches seine Aufregung dämpfte.

„Jetzt, gnädige Frau, ist es Zeit, sich zu entfernen,“ sagte er spöttisch.

Ein Strahl des Lichtes erleuchtete endlich Indiana und zeigte ihr Raymons Charakter unverhüllt.

„Sie haben recht,“ sagte sie und wandte sich der Tür zu.

„Nehmen Sie doch Ihren Mantel und Ihre Boa mit!“ rief er.

„Es ist wahr,“ erwiderte sie, „diese Spuren meiner Gegenwart könnten Sie kompromittieren.“

„Sie sind ein Kind,“ sagte er in leichtem, scherzendem Tone, indem er ihr mit lächerlicher Sorgfalt den Mantel umhing. „Warten Sie, ich werde Ihnen einen Wagen besorgen. Wenn ich könnte, würde ich Sie selbst nach Hause bringen, aber das hieße nur, Sie ins Unglück stürzen.“

„Und glauben Sie nicht, daß ich schon verloren bin?“ sagte sie mit Bitterkeit.

„Nein, Geliebte,“ erwiderte Raymon, dem jetzt nur noch daran gelegen war, daß sie ihn in Ruhe ließ. „Sie brauchen ja nur vorzugeben, bei Ihrer Tante Schutz gesucht zu haben; sie wird alles ausgleichen. Man wird glauben, Sie hätten die Nacht bei ihr zugebracht.“

Frau Delmare hörte ihn nicht. Mit gedankenlosem Blick sah sie die Sonne groß und rot über einen Horizont von glänzenden Dächern emporsteigen. Raymon versuchte, sie aus dieser Starre zu wecken. Sie wandte ihre Augen auf ihn, schien ihn aber nicht zu erkennen. Ihre Wangen hatten eine grünliche Farbe und ihre Zunge schien gelähmt.

Raymon ward von Furcht erfaßt. Er gedachte des Selbstmordes der anderen. Vor dem Gedanken zurückschaudernd, zum zweitenmal zum Verbrecher zu werden, führte er Indiana sanft zu seinem Lehnstuhl, schloß sie ein und begab sich nach der Wohnung seiner Mutter hinauf.


Zwanzigstes Kapitel.

Frau von Ramière, welche die Gewohnheit hatte, zeitig aufzustehen, war bereits wach. Als sie ihren Sohn bleich und verstört und im Ballanzuge eintreten sah, erriet sie sogleich, daß er sich wieder einmal in einer, der in seinem stürmischen Leben so häufigen Krisen befinde. In solchen Lagen war sie stets seine Zuflucht und seine Rettung gewesen. Alles, was ihrem Sohne das Leben süß und angenehm gemacht hatte, war dem ihrigen zu Kummer und Sorge geworden. Sein Charakter war nur eine Frucht ihrer unerschöpflichen Liebe und ihrer edlen Zärtlichkeit für ihn. Unter der Zucht einer strengen Mutter wäre er besser geworden.

Frau von Ramière erblaßte, richtete sich in ihrem Bette auf und sah ihn angstvoll an. Schon ihr Blick sagte ihm: „Was kann ich für dich tun? Wohin soll ich eilen?“

„Liebe Mutter,“ begann er, indem er ihre magere, fast durchsichtige Hand ergriff, „ich bin entsetzlich unglücklich und bedarf deiner. Ich liebe Frau Delmare. Diese Frau bringt mich zur Verzweiflung, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

„So sprich nur!“ sagte Frau von Ramière mit der Lebhaftigkeit, welche die Kraft ihrer mütterlichen Liebe ihr gab.

„Seit mehreren Monaten suche ich sie zu ihrer Pflicht zurückzuführen, aber alle meine Bemühungen dienen nur dazu, ihre Sucht nach Abenteuern, wie die Frauen ihres Landes sie in ihren romantischen Köpfen nähren, noch mehr zu reizen. In dem Augenblicke, wo ich mit dir spreche, ist sie in meinem Zimmer, wider meinen Willen, und ich weiß nicht, wie ich sie bewegen soll, sich zu entfernen.“

„Die Unglückliche!“ rief Frau von Ramière, während sie sich eilig ankleidete. „Ich will mit ihr sprechen; darum wolltest du mich doch bitten, nicht wahr?“

„Ach ja,“ antwortete Raymon, den die Zärtlichkeit seiner Mutter selbst rührte. „Rede ihr gütig zu. Sie wird gewiß auf die Vernunft hören. Die Arme! Sie leidet so viel!“

Raymon warf sich in einen Lehnstuhl und begann zu weinen. So viele Gemütsbewegungen hatten seine Nerven aufgeregt. Seine Mutter begab sich hinab.

Indiana weinte nicht. Als sie Raymons Mutter erkannte, erhob sie sich ruhig und würdevoll. Frau von Ramière hatte diese edle Haltung so wenig erwartet, daß sie sich verlegen fühlte.

Dann aber gab sie dem tiefen und aufrichtigen Gefühle ihres Herzens nach und öffnete ihr die Arme. Indiana warf sich an ihre Brust, ihre Verzweiflung löste sich in heftiges Schluchzen auf und die beiden Frauen weinten lange.

Aber als Frau von Ramière sprechen wollte, wehrte ihr Indiana.

„Sagen Sie mir nichts, gnädige Frau,“ bat sie, „jedes Wort würde mir wehe tun. Ihre Teilnahme und Ihre Liebkosungen genügen, mir Ihre edle Gesinnung zu beweisen. Jetzt gehe ich, es bedarf Ihrer Bitten nicht; ich weiß selbst, was ich zu tun habe.“

„Und doch bin ich nicht gekommen, um Sie fortzuschicken, sondern um Sie zu trösten,“ sagte Frau von Ramière.

„Für mich gibt es keinen Trost,“ antwortete Indiana, sie umarmend; „schenken Sie mir Ihre Liebe, das wird mir wohl tun; aber sprechen Sie nicht mit mir. Leben Sie wohl, gnädige Frau! Sie glauben an Gott, bitten Sie ihn für mich.“

„Sie sollen nicht allein gehen!“ rief Frau von Ramière. „Ich will Sie selbst zu Ihrem Gatten zurückführen, Sie verteidigen und beschützen.“

„Edle Frau,“ sagte Indiana, „Sie allein kannten Raymons Geheimnis nicht. Diesen Abend wird ganz Paris davon sprechen, und Sie würden in dieser Geschichte eine Rolle spielen, die Ihrer unwürdig wäre. In drei Tagen reise ich nach der Insel Bourbon ab.“

„Komm in meine Arme, geliebte Tochter, komm, daß ich dich segne! Gott wird deinen Mut belohnen …“

„Ich hoffe es,“ sagte Indiana, gen Himmel blickend.

Frau von Ramière wollte wenigstens nach einem Wagen schicken, aber Indiana wollte allein, ohne Aufsehen, zurückkehren. Umsonst stellte ihr Frau von Ramière vor, daß sie nach solchen Gemütsbewegungen zu angegriffen sei, um den langen Weg zu Fuß zurücklegen zu können.

„Ich habe Kraft genug,“ antwortete Indiana, „ein Wort von Raymon hat hingereicht, sie mir zu geben.“

Sie hüllte sich in ihren Mantel, zog ihren schwarzen Spitzenschleier herab und verließ das Haus durch eine Hintertür. Bei den ersten Schritten, die sie auf die Straße tat, fürchtete sie, ihre zitternden Beine würden ihr den Dienst verweigern. Jeden Augenblick glaubte sie sich von der rohen Hand ihres wütenden Gatten erfaßt. Bald jedoch gab ihr das Geräusch der Straße, die geschäftigen Menschen, die ihr begegneten, und die Kälte des Morgens, die äußerliche Ruhe wieder. Sie ging den Kai von der Akademie bis zum Corps-Législatif hinab, vergaß aber, die Brücke zu überschreiten, und ging am Ufer hin, in ein dumpfes Träumen, in ein gedankenloses Brüten versunken, immer weitergehend, ohne zu wissen, wohin.

Unmerklich hatte sie sich dem Rande des Wassers genähert, das die Eisschollen zu ihren Füßen hinrollte, die mit einem dumpfen Krachen an dem steinernen Ufer zerbarsten. Das Wasser übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Indianas Sinne. Der Gedanke an Nouns Selbstmord hatte in Stunden der Verzweiflung etwas Verlockendes für sie gewonnen. Nur ihr religiöses Empfinden hatte sie von einem solchen Entschlusse zurückgehalten; aber in diesem Augenblick erinnerte sie sich kaum, daß ein Gott sei, und schritt weiter, immer näher dem Flusse zu, dem geheimnisvollen Drange ihres unsäglichen Leidens gehorchend.

Als sie die schneidende Kälte des Wassers fühlte, das schon ihre Füße benetzte, erwachte sie, wie aus einem Halbtraume; sie sah sich um, wo sie sei, und erblickte Paris hinter sich, die Seine unter ihren Füßen hinfließend und in ihren Wogenmassen den graublauen Reflex des Himmels mit sich fortreißend. Diese beständige Bewegung des Wassers und die Unbeweglichkeit des Bodens verwirrten sie und in ihrem Vorstellungsvermögen schien es ihr, als ob das Wasser stillstehe und das Land fliehe. Von Schwindel ergriffen, lehnte sie sich gegen eine Mauer und neigte sich, wie verzaubert, nach dem hinab, was sie für eine feste Masse hielt … Das Bellen eines Hundes, welcher freudig um sie her sprang, erweckte sie und verzögerte die Ausführung ihres Entschlusses. Darauf erschien ein Mann, ergriff sie, zog sie fort und setzte sie auf die Überreste eines am Ufer liegenden Kahnes. Sie sah ihn an, ohne ihn zu erkennen. Er nahm seinen Mantel ab, wickelte sie hinein, nahm ihre Hände in die seinigen, um sie zu erwärmen, und rief sie bei ihrem Namen. Aber in ihrer Betäubung vermochte sie keinen Gedanken zu fassen; seit achtundvierzig Stunden hatte sie vergessen, etwas zu sich zu nehmen.

Doch als die Wärme nach und nach in ihre erstarrten Glieder zurückkehrte, sah sie Ralph kniend vor sich, der ihre Hände hielt.

„Bist du Noun begegnet?“ fragte sie ihn. „Ich habe sie eben auf dieser Straße vorübergehen sehen (sie zeigte auf den Fluß) und wollte ihr folgen, aber ich hatte nicht die Kraft, zu gehen. Es war, als hätte ich Blei an den Füßen.“

Ralph sah sie schmerzlich bewegt an. Er glaubte, sein Kopf müsse ihm zerspringen.

„Laß uns gehen,“ sagte er.

„Ja, gehen,“ antwortete sie, „aber erst suche meine Füße, ich habe sie hier auf dem Sande verloren.“

Ralph bemerkte, daß ihre Füße naß und von der Kälte erstarrt waren. Er trug sie in seinen Armen bis zu einem gastfreundlichen Hause, wo die Pflege einer mitleidigen Frau sie wieder zum Bewußtsein brachte. Während dieser Zeit schickte Ralph jemand zu Herrn Delmare, um ihn zu benachrichtigen, daß seine Frau wiedergefunden sei; aber der Oberst war noch nicht in seine Wohnung zurückgekehrt, als der Bote dort anlangte. Er setzte seine Nachforschungen, von heftiger Unruhe bis zur Wut gequält, fort. Ralph, der besser wußte, wo man zu suchen hatte, war sofort zu Herrn von Ramière geeilt. Dieser stand eben im Begriff, sich ins Bett zu legen, und behandelte Ralph mit ironischer Kälte. Der plötzliche Gedanke an Nouns Ende hatte Ralph an den Fluß geführt. Er folgte demselben nach der einen Richtung hin, während er seinen Diener nach der anderen schickte. Ophelia hatte sogleich die Spur ihrer Herrin erkannt und Sir Ralph zu dem Orte geführt, wo er Indiana gefunden hatte. Sie wäre nicht im stande gewesen, ihrem Vetter die Gedanken zu erklären, die eine Stunde zuvor sie beherrschten; aber er erriet sie und begriff ihren Seelenzustand, ohne sie zu fragen.

„Liebe Cousine,“ sagte er in sanftem, feierlichen Tone, „ich verlange von dir ein Versprechen, das letzte Zeichen der Freundschaft, womit ich dir lästig fallen werde.“

„Sprich,“ antwortete sie, „dir etwas zulieb zu tun, ist das einzige Glück, das mir noch bleibt.“

„Wohl, so gelobe mir,“ begann Ralph wieder, „niemals zum Selbstmord deine Zuflucht zu nehmen, ohne mich vorher davon zu benachrichtigen. Ich schwöre dir bei meiner Ehre, daß ich mich einem solchen Schritte auf keine Weise widersetzen werde. Du weißt, ich bin selbst schon mit einem solchen Vorhaben umgegangen …“

„Warum sprichst du von Selbstmord?“ fragte Indiana. „Ich habe nie Hand an mein Leben legen wollen. Ich fürchte Gott; ohnedies …“

„Vorhin aber, Indiana, als dieses treue Tier (er liebkoste Ophelia) dich an deinem Kleide festhielt, hattest du Gott und die ganze Welt vergessen …“

Eine Träne trat in Indianas Auge. Sie drückte Sir Ralphs Hand.

„Warum hast du mich zurückgehalten?“ fragte sie. „Ich wäre jetzt im Schoße Gottes, denn ich war nicht strafbar, ich wußte nicht, was ich tat …“

Der Wagen, den beide bestiegen hatten, hielt vor dem Hause, wo sie ihren Gatten wiederfinden sollte. Sie hatte nicht die Kraft, die Treppen hinaufzusteigen; Ralph trug sie bis in ihr Zimmer und blieb bei ihr. Als die heftig ertönende Klingel die Rückkehr des Obersten ankündigte, erstarrte das Blut in Indianas Adern. Heftig ergriff sie den Arm ihres Vetters.

„Höre, Ralph, wenn du noch ein wenig Liebe für mich übrig hast,“ flehte sie, „so erspare mir den Anblick dieses Menschen in meinem jetzigen Zustande. Ich mag sein Mitleid nicht erregen, ich will lieber seinen Zorn als sein Erbarmen … Öffne nicht, oder sage ihm, du hättest mich nicht gefunden.“

Ihre Arme umklammerten Ralph mit krampfhafter Gewalt, um ihn zurückzuhalten. Der arme Baronet wußte nicht, was er tun sollte. Delmare riß von neuem an der Klingel, als wollte er sie zersprengen.

„Du denkst nur an seinen Zorn,“ sagte endlich Ralph, „nicht an die Angst, die er um dich ausgestanden hat. Du glaubst immer, er hasse dich …. Wenn du diesen Morgen seinen Schmerz gesehen hättest! …“

Indiana ließ erschöpft ihre Arme herabsinken und Ralph ging, um zu öffnen.

„Sie ist hier?“ rief der Oberst beim Eintreten. „Tausend Donnerwetter! wie bin ich gelaufen, um sie wiederzufinden. Ich bin ihr sehr verbunden für das angenehme Geschäft, das sie mir aufgebürdet hat! Ich will sie nicht sehen, denn ich schlüge sie tot.“

„Bedenken Sie doch, daß Indiana Sie hört,“ antwortete Ralph mit leiser Stimme. „Sie ist in einem Zustande, wo sie keine Aufregung ertragen kann. Mäßigen Sie sich.“

„Ich habe wohl keine ertragen seit diesem Morgen?“ brüllte der Oberst. „Sie ist die Ursache, daß ich mich mit der alten Närrin Carvajal, die mir die Schuld an diesem tollen Streiche zuschieben wollte, gründlich überworfen habe. O, ich bin ganz außer Atem!“

Während Delmare mit seiner rauhen, harten Stimme so sprach, hatte er sich auf einen Stuhl im Vorzimmer gesetzt. Er schilderte unter wilden Flüchen seine ausgestandene Angst, tat tausend Fragen und hörte glücklicherweise auf keine Antwort; denn der arme Ralph konnte nicht lügen, und was er zu erzählen hatte, würde den Zorn des Obersten keineswegs haben besänftigen können.

Als Frau Delmare die Verwünschungen ihres Gatten hörte, fühlte sie sich stärker, als sie sich zugetraut hatte. Dieser Zorn war ihr lieber, als eine edelmütige Nachsicht, die sie nicht verdient hätte, und versöhnte sie mit sich selbst. Sie trocknete die letzte Spur ihrer Tränen und sammelte alle ihre geistige Kraft. Als ihr Gatte mit einer gebieterischen Miene auf sie zutrat, veränderte er plötzlich den Ausdruck seines Gesichtes und den Ton seiner Stimme, so sehr schüchterte ihn die Überlegenheit ihres Charakters ein. Er versuchte, würdig und kalt zu sein wie sie, konnte aber damit nicht zurechtkommen.

„Werden Sie die Gefälligkeit haben, Madame,“ fragte er, „mir zu sagen, wo Sie diesen Morgen und vielleicht sogar die ganze Nacht gewesen sind?“

Aus diesem „Vielleicht“ schöpfte Indiana neuen Mut, denn sie schloß daraus, daß ihre Abwesenheit erst spät bemerkt worden war.

„Nein, mein Herr,“ antwortete sie, „es ist nicht meine Absicht, es Ihnen zu sagen.“

Delmare wurde grün und gelb vor Zorn und Staunen.

„Wirklich?“ rief er mit bebender Stimme, „Sie glauben, mir die Antwort verweigern zu können?“

„Wenn ich mich weigere, Ihnen zu antworten, so geschieht es, um Sie zu überzeugen, daß Sie kein Recht haben, mich zu fragen,“ entgegnete sie in eisigem Tone.

„Ich habe kein Recht dazu? Tausend Teufel! wer ist hier der Herr, Sie oder ich?“

„Ich weiß, daß ich die Sklavin bin und Sie der Herr. Sie haben das Recht des Stärkeren, und die gesellschaftliche Ordnung billigt es Ihnen zu; aber über meinen Willen haben Sie keine Macht.“

„Schweig, dummes, impertinentes Geschöpf! Du mißbrauchst das Erbarmen, das man mit dir hat! Aber du sollst bald sehen, daß man deinen Hochmut zähmen kann.“

„Ich rate Ihnen nicht, es zu versuchen, Ihre Ruhe würde darunter leiden und Ihre Würde nichts dabei gewinnen.“

„Glaubst du?“ schrie er, ihre Hand zwischen seinem Zeigefinger und Daumen zusammenpressend.

Ralph ergriff mit eisenfester Faust des Obersten Arm und beugte ihn wie ein Schilfrohr.

„Wagen Sie es nicht, dieser Frau auch nur ein Haar zu krümmen,“ sagte er mit kalter Ruhe.

Delmare hatte große Lust, sich auf ihn zu werfen; aber er fühlte, daß er im Unrecht sei, und fürchtete nichts so sehr, als über sich selbst erröten zu müssen. Während er seine Arme fest an die Brust drückte, um nicht in Versuchung zu kommen, seine Frau zu schlagen, fuhr er fort:

„Also, Madame, Sie leisten mir offenen Widerstand, Sie weigern sich, mir nach der Insel Bourbon zu folgen, Sie wollen sich von mir trennen? Nun, auch ich …“

„Das war gestern mein Wille, er ist es heute nicht mehr. Sie haben Gewalt gebraucht, indem Sie mich in mein Zimmer einschlossen; ich bin aus dem Fenster gesprungen, um Ihnen zu beweisen, daß man den Willen einer Frau nicht beugt, wenn man rohe Gewalt gegen sie anwendet. Ich habe einige Stunden außerhalb Ihres Machtgebietes zugebracht; ich wollte die Luft der Freiheit atmen und Ihnen zeigen, daß ich nur von mir selbst abhänge. Während meiner Abwesenheit kam mir die Einsicht, daß ich es meiner Pflicht und meinem Gewissen schuldig sei, mich wieder unter Ihre Vormundschaft zu stellen; ich habe es aus eigenem Antriebe getan. Mein Vetter hat mich hieher begleitet, und nicht zurückgeführt. Sie dürfen überzeugt sein, daß er mich nicht hätte zwingen können, wenn ich ihm nicht hätte folgen wollen. Also, mein Herr, ich bin bereit, Ihnen nach der Insel Bourbon zu folgen, nicht weil es Ihr Wille, sondern weil es mein freiwillig gefaßter Entschluß ist.“

„Ihre Geistesverwirrung kann nur mein Mitleid erwecken,“ sagte der Oberst, die Achseln zuckend.

Er ging in sein Zimmer, über den Entschluß seiner Frau sehr erfreut.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Raymon hatte seiner Ermüdung nachgegeben und war in tiefen Schlaf gesunken, nachdem er Sir Ralph kurz abgefertigt hatte. Als er erwachte, ergoß sich ein Gefühl des Wohlbehagens durch seinen ganzen Körper; er glaubte, die Hauptkrisis dieses Abenteuers sei jetzt überstanden. Schon längst hatte er vorausgesehen, daß ein Augenblick kommen würde, wo er seine Freiheit gegen die romantische Leidenschaft dieser Frau würde verteidigen müssen. Jetzt endlich war die Entscheidung gefallen, – er hatte gesiegt. Indiana hatte sich einsichtsvoll und vernünftig gezeigt und ihren Entschluß schnell gefaßt.

Raymon war sehr zufrieden mit seiner Vorsehung, denn er besaß eine für sich allein, auf welche er rechnete, um alles zu seinem Vorteil, wenn auch zum Nachteil anderer hübsch in Ordnung zu bringen.

Er fühlte sich zwar noch erschöpft von diesen sogenannten Gemütsbewegungen, dennoch beschäftigten bereits freundliche Bilder der Zukunft seine Gedanken. Er war endlich wieder frei und überließ sich ganz der seligen Empfindung dieses köstlichen Zustandes, den er sich gewöhnlich so schlecht zu bewahren wußte.

„Warum langweilt mich denn diese köstliche Freiheit des Geistes so bald, die ich mir immer so teuer zurückerkaufen muß?“ fragte er sich. „Fühle ich mich in den Fesseln einer Frau gefangen, so sehne ich mich danach, sie zu zerbrechen, um meine Herzensruhe wiederzuerlangen. Ich will verdammt sein, wenn mir das sobald wieder geschieht! Der Kummer, den mir diese beiden Kreolinnen bereitet haben, soll mir zur Warnung dienen, ich will mich in Zukunft nur an leichtsinnige, spöttische Pariserinnen wenden … an wahrhaft vornehme Frauen. Vielleicht täte ich gut, mich zu verheiraten, um den Torheiten für immer ein Ende zu machen.“

Am anderen Tage dachte er aber daran, daß ihm noch die Aufgabe zu erfüllen bliebe, die Achtung, wenn auch nicht die Liebe Indianas wiederzugewinnen. Er wollte nicht, daß sie sich rühmen könne, ihn verlassen zu haben, er wollte sie überzeugen, daß sie seiner höheren Vernunft und seinem Edelmut nachgegeben hätte. Er wollte sie noch beherrschen, nachdem er sie verstoßen hatte, und schrieb ihr:

„Ich komme nicht, Deine Verzeihung, liebe Freundin, für einige grausame oder verwegene Worte zu erbitten, die mir in der Aufregung entschlüpft sind. Es ist nicht meine Schuld, wenn ich in Deiner Nähe das Feuer meines kochenden Blutes nicht bemeistern kann. Du warst zu vollkommen, um Dich zu den gemeinen Leidenschaften herabzuwürdigen, wie sie uns anderen, staubgeborenen Kreaturen anhaften. Ich habe Dir es oft gesagt, Indiana, Du bist keine Frau, ich verehre Dich in meinem Herzen wie eine Gottheit. Aber ach! in Deiner süßen Gegenwart nahm oft der alte Mensch seine Rechte wieder, und ich vergaß, daß Du ein Abglanz des Himmels bist, ein Traum ewiger Seligkeiten, ein Engel, vom Busen Gottes losgerissen, um meine Schritte in diesem Leben zu leiten und mir von den Freuden eines anderen Daseins zu erzählen. Warum, reiner Geist, hattest Du die verführerische Gestalt eines Weibes angenommen? Warum, Engel des Lichtes, hattest Du Dich mit den Lockungen der Hölle geschmückt? Oft glaubte ich das Glück in meinen Armen zu halten, und Du warst nur die Tugend.

„Verzeihe mir, teure Freundin, ich war Deiner nicht würdig. Mein Herz leidet schmerzlicher als das Deine, durch den mutigen Entschluß, der Dich meinen Armen entführt. Ja, meine Indiana, Du hast die Kraft gefunden, dieses heroische Opfer zu bringen. Es vereinsamt meine Zukunft und vernichtet mein Dasein. Doch ich liebe Dich noch immer genug, um mein Schicksal ohne Klage zu ertragen; denn mein Glück ist nichts, das Deinige ist mir alles. Meine Ehre würde ich Dir tausendmal zum Opfer bringen, aber die Deinige ist mir teurer als alle Freuden, die Du mir gegeben hättest. Die Verachtung der Menschen hätte mich tiefer gebeugt als Dich. Ich hätte es nicht ertragen, Dich durch meine Schuld verachtet, beschimpft zu sehen und von diesem Schimpfe Dich nicht reinigen zu können! Denn vergeblich hätte ich mein Blut für Dich vergossen, ich hätte Dich vielleicht gerächt, aber Dir Deine Ehre nicht wieder zurückgeben können. Arme Indiana, ich hätte Dich ins Verderben gestürzt! O, ich wäre sehr unglücklich geworden!

„Reise also, Vielgeliebte, flieh unter einen anderen Himmel, um die Früchte der Tugend und der Religion zu ernten. Gott wird uns für unsere Entsagung belohnen, er wird uns in einem glücklicheren Leben vereinigen und vielleicht sogar … Aber dieser Gedanke ist nur ein neuer Frevel; und doch kann ich nicht umhin, zu hoffen! … Leb’ wohl, Indiana, leb’ wohl! … Ach, mein Herz ist vernichtet. Wo könnte ich die Kraft finden, Dir Lebewohl zu sagen.“

Frau Delmare verschloß den Brief uneröffnet in einen Koffer, den sie erst in den Kolonien öffnen sollte. Sie wollte sich von ihrer Tante verabschieden, Ralph redete ihr dies jedoch aus: er war bei Frau von Carvajal gewesen, er wußte, daß diese heuchlerische Betschwester ihre Nichte mit Vorwürfen überhäufen wolle; und dieser Demütigung wollte er Indiana nicht aussetzen.

Am folgenden Tage, als Delmare und seine Gattin in den Postwagen steigen wollten, sagte Sir Ralph in seiner gewohnten gleichmütigen Weise zu ihnen:

„Ich habe Ihnen oft zu verstehen gegeben, liebe Freunde, daß ich Sie zu begleiten wünschte; Sie haben mir stets ausweichend geantwortet. Jetzt aber wiederhole ich meine Frage: Wollen Sie mir erlauben, mit Ihnen zu reisen?“

„Nach Bordeaux?“ fragte Herr Delmare.

„Nach Bourbon,“ antwortete Herr Ralph.

„Wo denken Sie hin!“ rief der Oberst. „Sie dürfen sich bei der Wahl Ihres Aufenthaltes nicht nach uns richten, denn unsere Zukunft ist sehr ungewiß. Wir würden Ihre Freundschaft mißbrauchen, wollten wir das Opfer annehmen. Sie sind reich, jung, frei, Sie müssen wieder heiraten und eine Familie gründen.“

„Darum handelt es sich hier nicht,“ entgegnete Sir Ralph. „Seit einem halben Jahre hat es mir geschienen, als wenn Ihrer beiden Freundschaft gegen mich etwas erkaltet wäre. Sollte ich mich täuschen, so genügt ein Wort von Ihnen, mich zu beruhigen. Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Bin ich Ihrer nicht mehr wert, so sagen Sie es mir offen.“

Der Oberst reichte ihm gerührt die Hand und versicherte, daß er aufrichtiger als je sein Freund sei und sein Anerbieten nur aus Zartgefühl ablehne.

„Und du,“ wandte sich Ralph mit bewegter Stimme an Indiana, „fühlst auch du noch die alte Freundschaft für mich?“

Dieses Wort erweckte all die kindliche Neigung, alle jugendlichen Erinnerungen wieder, die einst ihre Herzen vereinigt hatten. Sie sanken einander weinend in die Arme. Ralph war einer Ohnmacht nahe, denn in diesem kräftigen Körper, unter diesem ruhigen, zurückhaltenden Temperamente verbargen sich die mächtigsten Leidenschaften. Er ergriff Indiana und den Oberst bei den Händen. „Seien Sie offen gegen mich in dieser Stunde einer vielleicht ewigen Trennung,“ sagte er, „lehnen Sie meinen Vorschlag, Sie zu begleiten, meinetwegen oder Ihretwegen ab?“

„Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre,“ antwortete Delmare, „daß ich ein großes Opfer bringe, indem ich ihn ablehne.“

„Was mich betrifft,“ sagte Indiana, „so weißt du ja, daß ich mich nie von dir trennen möchte.“

„Gott bewahre mich, daß ich in einem solchen Augenblicke an Ihrer Aufrichtigkeit zweifeln sollte, teure Freunde,“ entgegnete Ralph, „Ihr Wort genügt mir, ich bin mit Ihnen beiden zufrieden.“

Und er verschwand.

Sechs Wochen nachher ging die Brigg „La Coraly“ im Hafen von Bordeaux unter Segel. Ralph hatte seinen Freunden geschrieben, daß er einige Tage vor ihrer Abreise dort eintreffen würde, aber aus seiner lakonischen Mitteilung ließ sich nicht entnehmen, ob er ihnen nur ein letztes Lebewohl sagen, oder sie begleiten wollte. Sie erwarteten ihn bis zur letzten Stunde vergeblich und der Kapitän gab das Zeichen zur Abfahrt, ohne daß Sir Ralph erschienen wäre. Manche düstere Befürchtungen vermehrten den Schmerz, welcher auf Indianas Gemüt lastete, als die letzten Häuser des Hafens in dem Grün der Küste verschwanden. Sie zitterte bei dem Gedanken, jetzt ganz allein auf ihren Gatten angewiesen zu sein, den sie haßte, und mit ihm leben und sterben zu müssen, ohne einen Freund zu haben, der sie trösten und sie gegen seine heftige Gemütsart schützen könnte.

Aber als sie sich umwandte, blickte sie plötzlich in Ralphs ruhiges, ihr freundlich zulächelndes Antlitz.

„Du verläßt mich also nicht!“ rief sie, als sie sich unter strömenden Tränen an seinen Hals warf.

„Niemals!“ antwortete Ralph, sie an seine Brust drückend.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Brief der Frau Delmare an Herrn von Ramière. Insel Bourbon, 3. Juni 18..

„Ich hatte mir vorgenommen, Sie nicht mehr mit der Erinnerung an mich zu belästigen, aber als ich hier ankam und den Brief las, den Sie mir am Tage vor meiner Abreise von Paris einhändigen ließen, fühlte ich das Bedürfnis, darauf zu antworten; denn in dem Augenblicke eines furchtbaren Schmerzes bin ich zu weit gegangen; ich habe mich Ihretwegen verachtet und bin Ihnen eine Ehrenerklärung schuldig, nicht dem Liebhaber, sondern dem Menschen.

„Verzeihen Sie mir, Raymon, ich habe Sie in jenem entsetzlichsten Augenblicke meines Lebens für ein Ungeheuer gehalten. Ein einziges Wort, ein einziger Blick von Ihnen hat alles Vertrauen, alle Hoffnung für immer aus meiner Seele verscheucht. Ich weiß, daß ich nicht mehr glücklich werden kann, aber wenn ich Sie verachten müßte, so wäre dies für mich der Todesstoß.

„Ja, ich habe Sie verabscheut, ich habe bedauert, daß Bourbon nicht weit genug war, um vor Ihnen zu fliehen, und dieser Unwille gab mir Kraft, das Leben bis auf seine bitterste Hefe zu kosten.

„Aber seit ich Ihren Brief gelesen habe, denke ich besser von Ihnen. Ich vermisse Sie nicht, aber ich hasse Sie auch nicht mehr und will Ihnen nicht den Vorwurf anheften, mein Leben vernichtet zu haben. Nein, Sie sind nicht strafbar; Ihr Herz war nicht gefühllos, aber es war mir verschlossen. Sie haben mich nicht belogen, ich nur habe mich getäuscht. Sie waren weder treubrüchig noch gefühllos, Sie liebten mich nur nicht.

„Doch ich will nicht mehr klagen; ich schreibe Ihnen nicht, um mit fluchbeladenen Erinnerungen die Ruhe Ihres jetzigen Lebens zu vergiften; ich will auch nicht Ihr Mitleid für die Leiden wachzurufen suchen, die allein zu tragen ich Kraft genug habe.

„Ich will mir nicht die Mühe geben, Ihren Brief zu widerlegen, das wäre zu leicht. Sie hätten nicht nötig gehabt, mir zu sagen, daß die Verachtung der Menschen der Lohn meines Fehltrittes geworden wäre; ich wußte es sehr wohl. Nur hatte ich nicht vorausgesehen, daß Sie mein Opfer zurückweisen könnten, nachdem ich es Ihnen bereits gebracht hatte. Nein, gewiß, ich hätte niemals geglaubt, daß Sie mich den Folgen eines so gefährlichen Entschlusses preisgeben und mich die bitteren Folgen allein tragen lassen würden, anstatt mir in Ihrer Liebe Schutz zu gewähren.

„Wie würde ich den Lästerzungen der Welt getrotzt haben, die mir nicht schaden konnten! Wie hätte ich, stark durch Ihre Liebe, der Verachtung der Menschen gespottet! Ein Wort von Ihnen, ein Blick, ein Kuß hätte hingereicht, mich freizusprechen, wo die Gesetze der Gesellschaft mich verurteilten. Ich war töricht. Ich hatte, wie Sie mir vorwarfen, das Leben nur in Romanen kennen gelernt, aus jenen heiteren und kindischen Dichtungen, die das Herz durch die Phantasiegebilde unmöglicher Glückseligkeit erfreuen. Aber derselbe Vorwurf trifft auch Sie, Raymon. Wie kommt es, daß Ihnen die Vernunft erst angesichts der Gefahr wiederkehrte? Ich glaubte, die Gefahr mache uns blind, steigere den Mut, ersticke die Furcht, und dennoch haben Sie im Augenblick der Krisis gezittert!

„Vielleicht glich Ihr Traum nicht dem meinigen; mein Mut lag in der Liebe. Sie haben sich eingebildet, mich zu lieben, und in der Stunde, wo ich vertrauensvoll zu Ihnen kam, erwachten Sie aus Ihrem Irrtum.

„Warum sollte ich Ihnen jetzt Vorwürfe machen? Vielleicht habe ich Sie zu sehr geliebt, vielleicht war Ihnen, dem Manne, der die Unabhängigkeit liebt, meine Zärtlichkeit lästig und ermüdend.

„Freuen Sie sich denn dieser Freiheit, die Sie auf Kosten meines ganzen Lebens wiedererkauft haben, und seien Sie glücklich, das ist der letzte Wunsch, der in meinem gebrochenen Herzen noch Raum hat. Sprechen Sie mir aber nie von Gott. Mein Gott ist ein anderer als der Ihrige, oder vielmehr lassen Sie mich wiederholen, was Ihnen Ralph eines Tages in Lagny sagte: ‚Sie glauben an gar nichts. Ihre Erziehung hat Sie ohne Prüfung den Glauben Ihrer Väter annehmen lassen; aber die Überzeugung vom Dasein Gottes ist Ihnen nicht ins Herz gedrungen; Sie haben vielleicht nie gebetet.‘

„Leben Sie wohl, Raymon, mögen Sie glücklich ohne mich leben, ich verzeihe Ihnen, daß Sie mich unglücklich gemacht haben. Sprechen Sie zuweilen von mir mit Ihrer Mutter, der besten Frau, die ich kennen gelernt habe. Seien Sie überzeugt, daß weder Unmut noch Rachsucht gegen Sie in meinem Herzen lebt; mein Schmerz ist der Liebe würdig, die ich für Sie empfand.

Indiana.“     

Die unglückliche Indiana! Dieser tiefe und ruhige Schmerz war nur das Gefühl ihrer eigenen Würde, während sie an Raymon schrieb; aber in Wahrheit überließ sie sich der ganzen Heftigkeit ihrer Verzweiflung. Vielleicht verlor sie das Vertrauen auf Raymons Liebe nie ganz, ungeachtet der schmerzlichen Erfahrungen, die sie mit ihm gemacht hatte. Wenn sie an die nackte Wahrheit hätte glauben wollen, so würde sie das Leben nicht mehr ertragen haben.

Die Frau ist schwach von Natur; um der großen Überlegenheit, die ihre zarte Natur ihr über die Männer gibt, ein Gegengewicht zu verleihen, scheint der Himmel absichtlich eine blinde Eitelkeit und törichte Leichtgläubigkeit in ihr Herz gelegt zu haben. Um sich dieses zarten, beweglichen und scharf beobachtenden Wesens zu bemächtigen, bedarf es vielleicht nur der Kunst, sich der Schmeichelei geschickt zu bedienen und die Eigenliebe zu reizen. Wehe dem Manne, der sich von Offenheit und Freimut Erfolge in der Liebe verspricht! Er wird Ralphs Schicksal teilen, wer sich über die grenzenlose Schwäche und Verblendung wundern wollte, von der Indiana sich Raymon gegenüber beherrschen ließ, den frage ich, ob man je eine Frau gefunden hat, die zehn Jahre lang in der Tiefe ihres Herzens das Geheimnis einer Hoffnung zu verschließen wußte, um sie leichtsinnig in einem Augenblicke der Leidenschaft aufs Spiel zu setzen, und die nicht in den Armen eines Mannes eben so kindisch schwach wurde, als sie unüberwindlich stark in den Armen eines andern war.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Das häusliche Leben Indianas hatte sich friedlicher gestaltet. Sie war fast immer allein. Ihr Haus lag in den Bergen über der Stadt. Delmare, der einen Handel nach Indien und Frankreich betrieb, hielt sich den ganzen Tag am Hafen auf, wo er eine Warenniederlage hatte. Sir Ralph wohnte mit dem Ehepaare im gleichen Hause und widmete sich dem Studium der Naturgeschichte, oder beaufsichtigte die Arbeiten in der Pflanzung. Indiana, die wieder die kreolische Gewohnheit des Nichtstuns angenommen hatte, brachte die heißesten Stunden des Tages in ihrer Hängematte und die langen Abende in der Einsamkeit der Gebirge zu.

Bourbon ist, genau genommen, nur ein ungeheurer Bergkegel, dessen Basis einen Umfang von ungefähr vierzig Stunden hat und dessen gigantische, mit ewigem Schnee bedeckte Spitzen sich zu einer Höhe von 4800 Fuß erheben. Fast von allen Punkten dieser gewaltigen Gebirgsmasse entdeckt das Auge in der Ferne hinter den schroff abgespitzten Felsen, den engen Tälern und dichten Wäldern den Horizont, den das Meer mit seinem blauen Gürtel umgibt. Von den Fenstern ihres Zimmers konnte Indiana, zwischen zwei Felsspitzen hindurch, die weißen Segel der Schiffe sehen, welche den Indischen Ozean befuhren. Dennoch gab der herrliche Anblick ihren Träumen keinen poetischen Reiz, sondern stimmte sie nur bitterer. Dann ließ sie ihre Vorhänge herab und floh das Tageslicht, um brennende, schmerzliche Tränen zu vergießen.

Aber wenn sich am Abend vom Meere her der Wind erhob und ihr den Duft der blühenden Reisfelder zuführte, schweifte sie in die Wildnis und ließ Delmare und Ralph unter der Varanga den würzigen Trank des Faham allein schlürfen und gemächlich ihre Zigarren dabei rauchen. Dann erklomm sie einen zugänglichen Berggipfel, den erloschenen Krater eines alten Vulkans, und betrachtete die untergehende Sonne, die den Duft der Atmosphäre in Flammen zu setzen und über die flüsternden Wipfel des Zuckerrohrs und die schroffen Wände der Klippen Gold- und Rubinenstaub auszuschütten schien. Der Anblick des Meeres, wie weh er ihr auch tat, bezauberte sie dennoch. Sie glaubte in nebelhaften Fernen die ’’Fata morgana’’ eines anderen Landes, das Bild einer ungeheuren Stadt zu erblicken und fühlte ihr Herz vor Freude schlagen, indem sie sich vorstellte, dies sei Paris, wo sie doch in Wirklichkeit die glücklichsten Tage ihres Lebens verbracht hatte. Dann bemächtigte sich ihrer ein seltsamer Schwindel. Vor ihren Augen verschwanden die Schluchten, welche sie vom Ozean trennten; sie glaubte über diesen dahinzufliegen und jenem Truggebilde entgegenzueilen. Das waren die einzigen glücklichen Augenblicke, auf die sich Indiana während des Tages freute. Bei ihr vereinigte sich alles in einer glühenden Sehnsucht nach einem Ziele, das weder Erinnerung noch Erwartung, weder Hoffnung noch Schmerz, sondern nur das Verlangen in all seiner verzehrenden Macht war.

Dagegen fühlte sich Ralph auf seinen Spaziergängen von den düsteren, versteckten Orten angezogen, wo der Hauch der Seeluft ihn nicht erreichen konnte; denn der Anblick des Ozeans war ihm ebenso verhaßt geworden, als der Gedanke, ihn noch einmal zu überschiffen. Frankreich war in seiner Erinnerung nur ein Ort des Fluches. Er suchte es mit aller Kraft zu vergessen und vermied sorgfältig jedes Wort, das an die Zeit seines dortigen Aufenthaltes erinnern konnte. Was hätte er nicht darum gegeben, diese entsetzliche Erinnerung auch aus Indianas Gedächtnis tilgen zu können! Aber er fühlte sich so unfähig dazu, so wenig geschickt und beredt, daß er Indiana lieber floh, als sie zu zerstreuen suchte. In dem Übermaß seiner zartsinnigen Zurückhaltung gab er sich nach wie vor den Anschein der Kälte und des Egoismus. Wer ihn mit allem Eifer durch Wälder und Gebirge streifen sah, um Vögel und Insekten zu fangen, der hätte nimmer geglaubt, daß dies nur die Maske war, hinter welcher er seine schwermütigen Träumereien verbarg.

Diese kegelförmige Insel ist vielfach gespalten und enthält tiefe Schluchten, in denen die Flüsse ihre klaren, schäumenden Wasser dahinrollen. Eine dieser Schluchten heißt Bernica. Es ist ein schmales, tiefes Tal, von zwei senkrechten Felswänden eingeschlossen, deren Oberfläche hie und da mit Felsgestrüpp und Heidekraut bewachsen ist.

Ein Bach rieselt in der Rinne, welche die beiden Felswände bei ihrem Zusammentreffen bilden, und da, wo das Geleise aufhört, stürzt er sich in eine furchtbare Tiefe herab und bildet unten einen kleinen See, umgeben von Schilfrohr und stets von feuchtem Nebel umhüllt. An seinen Ufern und am Rande einer Wasserrinne, welche durch das Überströmen des Beckens entstanden ist, wachsen Bananen- und Orangenbäume, deren dunkles Grün das Innere der Schlucht schmückt. Das war Ralphs Lieblingsaufenthalt. Hier vergoß er ungesehene Tränen, wenn die so lange verborgenen grausamen Qualen der Verkennung ihm unerträglich wurden. Hier hatte er sich schon in den Tagen seiner Jugend gegen die Ungerechtigkeit gestählt, die ihm von seiner Familie widerfuhr, hier hatte er Kraft gegen die Tücken seines Geschickes gesammelt und sich jene Ergebung in das Unabänderliche angeeignet, die ihm zur zweiten Natur geworden war. Hieher auch hatte er als Knabe die kleine Indiana getragen und sie auf das Gras des Ufers gelegt, während er in dem klaren Wasser angelte oder die Felswände zu ersteigen suchte, um Mövennester zu entdecken.

Diese Erinnerungen drängten sich jetzt in Ralphs Geist zusammen, aber sie hatten einen bitteren Beigeschmack, denn die Zeiten hatten sich sehr geändert und das kleine Mädchen, das seine Gefährtin gewesen war, hatte aufgehört, seine Freundin zu sein, oder war es wenigstens nicht mehr, wie sonst, in der ganzen Fülle ihres Herzens. Zwischen beide hatte sich ein Etwas, eine Erinnerung geschlichen, um die sich alle Regungen ihres Gemütes bewegten, und Ralph fühlte, daß er diesen Punkt nie wieder antasten dürfe.

Er schwieg also und vermied Indiana sogar. Obgleich unter demselben Dache lebend, sah er sie fast nur zu den Zeiten der gemeinsamen Mahlzeit. Dennoch wachte er über sie gleich einer unsichtbaren Vorsehung. Des Abends, wenn sie ausgegangen war, wartete er auf sie am Fuße der Felsen, auf denen sie gewöhnlich zu sitzen pflegte. Hier blieb er ganze Stunden, sah zuweilen durch die vom Mond beleuchteten Zweige zu ihr auf und wagte nicht, sie in ihren Träumereien zu stören. Wenn sie in das Tal hinabstieg, bot er ihr seinen Arm und führte sie nach Hause zurück, ohne ein Wort an sie zu richten, wenn sie nicht selbst ein Gespräch begann. Nachdem er ihr Gutenacht gewünscht, zog er sich in sein Zimmer zurück. Er wachte unablässig über Indianas Ruhe und wußte sie zu schützen, wenn ihr Gatte, dessen Handelsgeschäfte nicht nach Wunsch gingen, seine üble Laune an ihr auslassen wollte. Durch die dünnen Wände des leicht gebauten Hauses vernahm Ralph jedes zornige Wort des Obersten. Dann wußte er sich, ohne seine eigentliche Absicht merken zu lassen, zwischen Indiana und ihren Gatten zu stellen, und der alte Herr besaß hinreichendes Ehrgefühl, um sich vor diesem Zeugen, dessen Wachsamkeit nie schlummerte, im Zaume zu halten.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

In der inneren Politik Frankreichs bereiteten sich wichtige Veränderungen vor, welche einer Revolution entgegensteuerten. Die herrschende Gesellschaft hatte sich überlebt, die Partei, der Herr von Ramière angehörte und für die er eine bedeutende publizistische Tätigkeit entfaltet hatte, verlor Macht und Einfluß.

Wenn auch nicht erwünscht, aber unter den obwaltenden Verhältnissen zu gelegener Zeit stellte sich bei Raymon ein heftiges rheumatisches Leiden ein, welches ihn nötigte, sich aus dem ebenso hitzigen als unerquicklichen Streite der Meinungen mit seiner Mutter auf das Land zurückzuziehen.

In dieser Einsamkeit litt er außerordentlich. Die stechenden Schmerzen der Krankheit, die Langweile und das Fieber gaben seiner Ideenwelt unmerklich eine andere Richtung.

Seine Mutter pflegte ihn aufs sorgfältigste, erkrankte aber selbst höchst bedenklich. Darüber vergaß er seine eigenen Leiden. Er wachte an ihrem Lager, doch reichten seine Kräfte nicht aus und er erlag physisch der Last der Anstrengung. Bezahlte Leute waren jetzt seine Pfleger, nur selten besuchte ihn ein Freund. Unwillkürlich mußte er an Indiana denken, die ihm jetzt eine willkommene Hilfe gewesen wäre. Er erinnerte sich an die hingebende Pflege, die sie vor seinen Augen ihrem alten, mürrischen Gatten gewidmet hatte, und vergegenwärtigte sich die wohltuende Anmut, mit der sie ihren Geliebten würde zu umgeben wissen.

„Wenn ich ihr Opfer angenommen hätte,“ sagte er sich, „so wäre sie entehrt; aber was würde es mich kümmern in meiner jetzigen Lage? Verlassen von einer frivolen und selbstsüchtigen Welt, stünde ich nicht allein; die, welche alle mit Verachtung zurückgestoßen hätten, wäre liebevoll um mich, sie würde meine Leiden beweinen und sie zu mildern wissen. Warum habe ich dieses Weib verstoßen? Sie liebte mich so sehr, daß das Glück, mein häusliches Leben zu verschönen, sie über die Anfeindungen der Menschen getröstet haben würde.“

Er beschloß, sich zu verheiraten, sobald er wieder hergestellt wäre, und vergegenwärtigte sich alle die reizenden Frauengestalten, die ihn in den Salons der Gesellschaft am meisten interessiert hatten. Dann aber mußte er sich doch fragen, ob ihre rosigen Lippen ein anderes Lächeln hätten, als das der Koketterie, ob ihre zarten Händchen Wunden zu heilen wüßten, ob ihr feiner, glänzender Geist geeignet sei, die Langweile der Krankheit zu zerstreuen? Raymon mißtraute mehr als ein anderer der Koketterie der Frauen; mehr als ein anderer haßte er den Egoismus, weil er wußte, daß sein Glück nichts von ihm gewinnen könne. Er gehörte einer hohen, strengen Familie an, die eine Mißheirat nicht geduldet haben würde, und doch waren die großen Vermögen mit Sicherheit nur noch bei der Bourgeoisie zu finden. Voraussichtlich würde diese Klasse sich auf den Trümmern der anderen erheben, und um sich in dem Sturme der Bewegung oben zu erhalten, mußte man der Schwiegersohn eines Fabrikanten oder eines Bankiers sein. Raymon hielt es daher für klug, erst abzuwarten, von welcher Seite der Wind herkommen würde, ehe er einen Schritt tat, der über seine ganze Zukunft entscheiden sollte. Indessen konnte seine Krankheit lange währen, und die Hoffnung auf bessere Tage erstickt die Heftigkeit gegenwärtiger Schmerzen nicht. Er dachte von neuem an jene unbegreifliche Verblendung, da er sich geweigert hatte, Frau Delmare zu entführen, und verwünschte sich, seine wahren Interessen so schlecht verstanden zu haben.

Um diese Zeit erhielt er den Brief, welchen Indiana ihm von der Insel Bourbon schrieb. Die unbeugsame Energie, welche sie mitten in dem Unglück bewahrte, das ihre Lebenskraft hätte brechen müssen, erregte Raymons lebhafte Bewunderung.

„Ich habe sie falsch beurteilt,“ gestand er sich, „sie liebt mich wirklich, sie liebt mich noch, und noch jetzt dürfte ich vielleicht nur ein Wort sagen, um, wie ein mächtiger Magnet, sie von einem Ende der Welt an das andere zu mir zu ziehen, wenn nicht sechs bis acht Monate darüber vergehen müßten, um zu diesem Ziele zu gelangen, so möchte ich es wohl versuchen.“

Mit diesen Gedanken schlief er ein. Doch bald weckte ihn ein ungewöhnliches Geräusch im anstoßenden Zimmer wieder auf. Er erhob sich mühsam, warf seinen Schlafrock über und schleppte sich in das Gemach seiner Mutter. Ihr Zustand war beunruhigender als je.

Gegen Morgen fand sie die Kraft wieder, sich mit ihm zu unterhalten; doch täuschte sie sich nicht über die Spanne Zeit, die ihr noch zu leben blieb, und beschäftigte sich mit der Zukunft ihres Sohnes.

„Du verlierst in mir deine beste Freundin,“ sagte sie zu ihm, „möge der Himmel mich durch eine deiner würdige Gefährtin ersetzen! Aber sei klug, Raymon, und wage die Ruhe deines ganzen Lebens nicht für einen Traum des Ehrgeizes. Ach, ich kannte nur eine Frau, welche ich hätte meine Tochter nennen mögen. Höre mich, lieber Sohn! Herr Delmare ist alt und gebrechlich; wer weiß, ob jene weite, anstrengende Reise nicht den letzten Rest seiner Kräfte erschöpft hat. Achte die Ehre seiner Frau, so lange er lebt, aber wenn er, wie ich es glaube, mir bald nachfolgen wird, so erinnere dich, daß noch eine Frau auf der Welt lebt, welche dich fast ebenso liebt, wie deine Mutter dich geliebt hat.“

Am Abend starb Frau von Ramière in den Armen ihres Sohnes. Raymons Schmerz war tief und herb; seine Mutter war ihm wirklich unentbehrlich gewesen, mit ihr verlor er den ganzen moralischen Halt seines Lebens. Er vergoß heiße, verzweifelnde Tränen, er klagte den Himmel an, er fluchte seinem Geschick, er beweinte auch Indiana.

Als er etwas hergestellt war, warf er einen Blick auf die Lage Frankreichs. Die politischen Wetterwolken ballten sich immer drohender zusammen, und da er keine Lust verspürte, sich von neuem in den Streit zu mischen, zog er sich nach Cercy zurück mit dem traurigen Andenken an seine Mutter und an Frau Delmare. Er machte sich mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut, daß Indiana für ihn nicht verloren sei, wenn er sich die Mühe geben wollte, sie zurückzurufen. In diesem Entschluß sah er manches Bedenkliche, aber noch weit mehr Vorteile. So lange zu warten, bis sie Witwe sei, um sie zu heiraten, wie Frau von Ramière es gewollt hatte, fand er nicht in seinem Interesse. Delmare konnte noch zwanzig Jahre leben und Raymon wollte nicht für immer der Aussicht auf eine glänzende Heirat entsagen. Seine Phantasie malte ihm ein schöneres Glück. Wenn er sich ein wenig Mühe gab, konnte er über Indiana eine unbeschränkte Macht ausüben und an Geschick und Leichtsinn fehlte es ihm nicht, um aus dieser heißblütigen Frau eine ergebene Geliebte zu machen. Die öffentliche Meinung brauchte er nicht zu fürchten, er konnte ja Indiana in tiefer Einsamkeit wie einen Schatz verbergen. Dort sollte sie ihm an Tagen der Einsamkeit das Glück einer reinen und edlen Neigung gewähren. Indianas Gatte verursachte ihm keine Skrupel: er würde wohl seine Frau nicht dreitausend Stunden weit verfolgen, zumal ihn seine Geschäfte auf der Insel Bourbon zurückhielten. Indiana war nicht die Frau, welche Wert auf gesellschaftliche Zerstreuungen legte; sie wollte nur geliebt sein, und Raymon fühlte, er würde sie schon aus Dankbarkeit lieben, sobald sie ihm nützlich wäre. Er nahm sich vor, sich seine Freiheit zu bewahren, ohne daß sie sich darüber beklagen könnte, er schmeichelte sich, so viel Macht über sie gewinnen zu können, um sie in alles willigen zu sehen, selbst in seine Heirat mit einer andern.

„Übrigens,“ sagte er sich, „hat diese Frau dann für mich ein Opfer gebracht, das sie nicht mehr zurücknehmen kann. Meinetwegen ist sie über den Ozean gekommen, und dadurch ist ihr jede Möglichkeit abgeschnitten, bei ihrem Gatten Verzeihung zu finden. Die Welt ist nur gegen kleine, gemeine Fehler unbeugsam, eine seltene Kühnheit setzt sie in Erstaunen. Man wird mich nicht verurteilen, wenn ich Indiana nach einem so hohen Beweise ihrer Liebe aufnehme und beschütze. Die Gesellschaft will zuweilen, daß man ihr trotze, sie gewährt denjenigen nicht ihre Bewunderung, welche den breitgetretenen Weg verfolgen. In unserer Zeit muß man die öffentliche Meinung mit Peitschenschlägen regieren.“

Unter dem Einfluß solcher Gedanken schrieb er an Frau Delmare. Sein Brief atmete Liebe, Schmerz und vor allem Wahrheit. Ach, welch ein bewegliches Rohr ist die Wahrheit, daß sie sich unter jedem Hauche beugt!

Raymon hatte jedoch die Klugheit, sich den Schein zu geben, als wenn er Indianas Rückkehr als ein ungehofftes Glück betrachte. Er schrieb ihr die letzten Worte seiner Mutter, schilderte ihr die Verzweiflung, in die ihn dieser Verlust gestürzt hätte, die Pein der Einsamkeit. Er entwarf ein düsteres Bild von der Revolution, welche an Frankreichs Horizont aufzog, tat zwar, als ob es ihn tröste, die kommenden Schläge allein tragen zu müssen, gab aber Indiana zu verstehen, daß der Augenblick für sie erschienen sei, jene begeisterte Treue, jene aufopfernde Hingebung, deren sie sich gerühmt hätte, durch die Tat zu beweisen. Raymon beklagte sein Geschick und sagte, er habe einst das Glück in seiner Hand gehalten und dennoch die Selbstverleugnung besessen, sich zu einer ewigen Einsamkeit zu verdammen. „Sage mir nicht mehr,“ fügte er hinzu, „daß Du mich geliebt hast, denn ich wäre dann schwach genug, meinen Mut zu verwünschen. Sage mir, daß Du glücklich bist und mich vergissest, damit ich nicht in Versuchung komme, Dich den Banden zu entreißen, die uns trennen.“

Mit einem Worte, er nannte sich unglücklich, und das bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als ob er Indiana gesagt hätte, daß er sie erwarte.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Während der drei Monate, welche zwischen dem Abgange dieses Briefes und seiner Ankunft auf der Insel Bourbon verstrichen, hatte sich ein Zwischenfall ereignet, der Indianas Lage nahezu unerträglich machte. Sie führte ein Tagebuch, und die Empfindungen und Gedanken, die sie darin niederlegte, richtete sie an Raymon, obgleich sie nicht die Absicht hatte, es ihm zu schicken. Diese Papiere fielen in Delmares Hände, das heißt, er erbrach die Kassette, worin Indiana das Tagebuch und Raymons frühere Briefe verwahrte, und las sie mit wütender Eifersucht. In der ersten Aufregung seines Zornes verlor er alle Selbstbeherrschung und ging seiner Frau mit geballten Fäusten entgegen, als sie von ihrem Spaziergange zurückkam. Ohne ein Wort zu sprechen, ergriff er sie bei den Haaren, warf sie nieder und versetzte ihr mit dem Absatz seines Stiefels einen Stoß in die Stirn.

Kaum hatte er dem schwachen Wesen dieses blutige Zeichen seiner Rohheit aufgedrückt, als er sich selbst verabscheute. Entsetzt über seine Tat, schloß er sich in sein Zimmer ein, wo er seine Pistolen lud, um sich zu erschießen; aber in dem Augenblick, wo er diese Absicht ausführen wollte, sah er, wie Indiana unter der Varanga sich wieder erhob und ruhig das über ihr Gesicht herabrinnende Blut abtrocknete. Im ersten Augenblicke freute er sich hierüber, da er bereits gefürchtet hatte, er habe sie getötet; dann aber entbrannte sein Zorn von neuem.

„Es ist also nur eine Schmarre,“ rief er, „und du verdienst den Tod tausendfach! Nein, ich töte mich nicht, denn du würdest nur in den Armen deines Geliebten darüber triumphieren! Ich will leben, euch zur Qual, ich will mich daran weiden, wie du vor Sehnsucht und Schmerz hinwelkest, ich will den Schändlichen, der sein Spiel mit mir treibt, der öffentlichen Verachtung preisgeben.“

Noch kämpfte er mit den Qualen seiner Wut, als Ralph durch die andere Tür der Varanga eintrat.

„Indiana,“ rief er entsetzt, als er sie mit blutbedecktem Antlitz und aufgelöstem Haar vor sich sah, „wer hat dich so zugerichtet?“

„Du kannst noch fragen?“ antwortete sie mit einem bitteren Lächeln. „Wer anders, als dein Freund hat das Recht und auch den Willen dazu?“

Mit zwei Sätzen war Ralph an der Tür, mit einem Faustschlage stieß er sie auf … Aber auf dem Boden des Zimmers sah er Delmare liegen, das Gesicht blau, den Hals geschwollen und von heftigen Krämpfen eines Blutandranges fast erstickt. Ralph las die zerstreut umherliegenden Papiere zusammen. Als er Raymons Handschrift erkannte und die zerbrochene Kassette sah, begriff er, was vorgegangen sei. Er legte die zusammengerafften Papiere in Indianas Hände und riet ihr, sie sogleich zu verbrennen, denn wahrscheinlich hatte sich Delmare nicht die Zeit genommen, alles zu lesen.

Er bat sie darauf, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, während er die Sklaven herbeirufen wollte, um dem Oberst beizustehen; aber sie wollte weder die Papiere verbrennen, noch ihre Wunde verbergen.

„Nein,“ sagte sie stolz, „ich will, daß jedermann dieses Mal sehe, womit dieser Mann seine eigene Schande auf mein Antlitz gedrückt hat.“

Sobald der Oberst sich wieder erholt hatte, überhäufte ihn Ralph mit den heftigsten Vorwürfen. Delmare, der im Grunde kein bösartiger Mann war, beweinte seinen Fehler wie ein Kind und wollte seine Frau rufen, um sie um Verzeihung zu bitten; aber Ralph suchte ihm begreiflich zu machen, daß er sich durch einen kindischen Versöhnungsversuch in Indianas Augen nur noch mehr herabsetzen werde, ohne das ihr zugefügte Unrecht wieder gutzumachen.

Von diesem Tage an wurde Delmare seiner Gattin völlig verhaßt. Alles, was er tat, um sie versöhnlich zu stimmen, raubte ihm vollends den letzten Rest von Achtung, die sie ihm bis dahin vielleicht noch bewahrt hatte. Übrigens handelte der Oberst nicht ohne selbstsüchtige Beweggründe: er fühlte die zunehmenden Beschwerden seines Alters, die Pflege seiner Frau wurde ihm unentbehrlich und seine Furcht vor der Einsamkeit wuchs mit jedem Tage. – Seit der erlittenen Mißhandlung hatte Indiana sich mit dem Gedanken getragen, zu entfliehen, nur war die Insel nicht groß genug, um sich den Nachforschungen zu entziehen. Schon war der Entschluß in ihr gewiß, zwischen sich und ihren Tyrannen das Meer zu legen, als Raymons Brief ankam. Da verschwand alles andere wie ein Hauch. Indiana fühlte oder glaubte zu fühlen, daß sie ihn mehr als je vorher liebe. Raymons Schilderung seiner Tage entzündete in ihrem Herzen jene Regung der Großmut, die tief begründet in ihrer Natur lag. Als sie ihn allein und unglücklich wußte, machte sie sich eine Pflicht daraus, die Vergangenheit zu vergessen. Ihre Begeisterung war so groß, daß sie für ihn noch zu wenig zu tun glaubte, wenn sie einem jähzornigen Gatten mit Gefahr ihres Lebens entfloh und die Mühsal einer viermonatlichen Reise auf sich nahm.

Jetzt kam es also nur darauf an, abzureisen. Es war sehr schwer, Delmares Mißtrauen und Ralphs Umsicht zu täuschen, doch das war nicht das Haupthindernis. Niemand konnte die Insel Bourbon verlassen, ohne daß es vorher in den öffentlichen Zeitungen bekanntgemacht wurde. So wollte es das Gesetz.

Unter den wenigen Fahrzeugen, die auf der gefährlichen Rhede von Bourbon vor Anker lagen, war das Schiff „Eugène“ im Begriff, nach Europa zu gehen. Indiana suchte lange Zeit eine Gelegenheit, unbeobachtet mit dem Kapitän zu sprechen; aber so oft sie den Wunsch äußerte, einen Gang nach dem Hafen zu machen, mußte Ralph auf ausdrückliches Verlangen ihres Gatten sie begleiten. Endlich erfuhr sie, daß der Kapitän des „Eugène“ oft eine im Innern des Landes wohnende Verwandte besuchte und abends auf sein Schiff zurückkehre. Von ihrem Felsen aus beobachtete sie nun regelmäßig den Gebirgsweg, auf dem der Kapitän Random, um zum Hafen zu gelangen, kommen mußte. Zwei Tage vor der Abfahrt des Schiffes war ihr endlich der Zufall günstig. Sie sah den Kapitän auf dem Fußsteige herannahen und eilte auf ihn zu.

„Mein Herr,“ redete sie ihn an, all ihren Mut zusammennehmend, „ich komme, meine Ehre und mein Leben in Ihre Hände zu geben. Ich will die Kolonie heimlich verlassen und nach Frankreich zurückkehren. Wenn Sie das Geheimnis, das ich Ihnen anvertraue, verraten, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich ins Meer zu stürzen. Ich bin sehr unglücklich; wenn Sie wüßten, wie entsetzlich mein Dasein in diesem Lande ist, würden Sie Mitleid mit mir haben.“

Der edle, rührende Ausdruck Indianas imponierte dem Kapitän. Er ahnte sogleich, wen er vor sich habe, denn jener Vorfall zwischen Delmare und seiner jungen Frau war in der ganzen Kolonie bekannt geworden. Als sein Blick auf diesem schönen, schwachen Wesen ruhte, fiel ihm die Unschuld und Reinheit desselben auf, besonders wurde er lebhaft bewegt, als er auf ihrer Stirn eine rote Schramme wahrnahm. Er hatte mit Delmare in Handelsverbindungen gestanden und gegen diesen in den Geschäften so strengen und eisernen Mann einen Groll gefaßt.

„Zum Teufel,“ rief er, „Delmare ist ein Korsar, dem ich sehr gern diesen Streich spiele; aber bedenken Sie, daß mein guter Ruf hier auf dem Spiele steht. Sie müssen ohne Aufsehen beim Niedergang des Mondes entschlüpfen.“

„Ich weiß, mein Herr,“ antwortete Indiana, „daß Sie mir diesen wichtigen Dienst nur durch Übertretung der Gesetze leisten, Sie laufen vielleicht Gefahr, eine Strafe bezahlen zu müssen, deshalb biete ich Ihnen diesen Schmuck an, dessen Wert wenigstens dem doppelten Preise der Überfahrt gleichkommt.“ Sie übergab ihm ein Kästchen mit Juwelen, die ihr einst Frau von Carjaval geschenkt hatte. Es war Indianas ganzes Vermögen.

Der Kapitän nahm lächelnd den Schmuck und sagte:

„Jetzt ist nicht Zeit, unsere Rechnung abzumachen, ich will sehr gern Ihr kleines Vermögen in Verwahrung nehmen. Unter solchen Umständen haben Sie wahrscheinlich kein großes Gepäck. Begeben Sie sich daher in der Nacht der Abfahrt zu dem Felsen der kleinen Latanenbucht, dorthin wird ein mit zwei Matrosen bemanntes Boot kommen und Sie zwischen ein und zwei Uhr des Morgens an Bord bringen.“


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der Tag vor der Abreise verstrich. Indiana schloß sich in ihr Zimmer ein, um die wenigen Sachen zurechtzulegen, die sie mitnehmen wollte; dann trug sie dieselben, unter ihren Kleidern verborgen, Stück für Stück unter die Felsen in der Palmenbucht und legte sie in einen Bastkorb, den sie in den Sand vergrub. Das Meer ging hohl und der Wind wuchs von Stunde zu Stunde. Aus Vorsicht hatte das Schiff „Eugène“ den Hafen verlassen und kreuzte hin und her, und Indiana erblickte in der Ferne seine weißen, vom Winde geschwellten Segel.

Gegen Abend ließ der Wind nach. Der „Eugène“ näherte sich der Küste und bei Sonnenuntergang hörte Indiana einen Kanonenschuß in den Echos der Insel widerhallen. Es war das Signal der Abfahrt für den folgenden Tag.

Nach dem Abendessen fühlte sich Delmare unwohl. Er brauchte die Hilfe der Gattin, die sich nun plötzlich Vorwürfe machte bei dem Gedanken, wer sich dieses Greises erbarmen würde, wenn sie ihn verlassen hätte. Gegen zehn Uhr fühlte er sich jedoch bedeutend besser, er bat Indiana, sich niederzulegen und sich nicht weiter um ihn zu sorgen. Ralph versicherte, daß alle Krankheitssymptome verschwunden wären und ein ruhiger Schlaf jetzt das beste Heilmittel sei. Als die elfte Stunde schlug, war im Hause alles still. Indiana warf sich unter bitteren Tränen auf ihre Knie und betete, denn sie stand in Begriff, sich mit einer großen Schuld zu beladen, und von Gott allein konnte sie Verzeihung erwarten. Leise trat sie in das Zimmer ihres Gatten. Er lag in tiefem Schlafe, sein Gesicht war ruhig, seine Atemzüge gleichmäßig. In dem Augenblicke erst, wo sie sich entfernen wollte, bemerkte sie Ralphs Gegenwart, der in einer Ecke des Zimmers in einem Lehnstuhl schlummerte, um gleich bei der Hand zu sein, falls der Kranke seiner bedürfen sollte.

„Armer Ralph,“ dachte Indiana, „welch’ schmerzlicher Vorwurf für mich!“

Sie war nahe daran, ihn aufzuwecken und ihm alles zu gestehen, aber der Gedanke an Raymon war stärker als ihre Reue. Sie löste von ihrem Halse eine goldene Kette, ein Erbstück von ihrer Mutter, legte sie sanft um Ralphs Hals, als das letzte Pfand schwesterlicher Freundschaft, und hielt ihre Lampe noch einmal über das Antlitz ihres greisen Gatten, um sich zu überzeugen, daß er nicht mehr krank sei. Er träumte in diesem Augenblicke und sagte im Schlafe mit trauriger, schwacher Stimme: „Hüte dich vor diesem Manne, er stürzt dich ins Verderben! …“ Indiana zitterte vom Kopf bis zu den Füßen und entfloh in ihr Zimmer. Sie rang die Hände in verzweifelter Ungewißheit; bald aber beschwichtigte sie der Gedanke, daß es sich ja um Raymons Glück handle, nicht um das ihrige.

Nachdem sie ihren Korb ausgegraben hatte, setzte sie sich schweigend und zitternd auf die Erde – lauschte dem pfeifenden Wind und dem Brausen der zu ihren Füßen sich brechenden Wogen; aber diese Stimmen wurden von dem Klopfen ihres Herzens übertäubt, das in ihren Ohren wie der Ton einer Totenglocke widerhallte.

Sie wartete lange. Die festgesetzte Stunde mußte bereits vorüber sein. Das Meer war so stürmisch und das Anlegen an den Küsten der Insel zu jeder Zeit so schwierig, daß sie an dem guten Willen der Matrosen, die sie holen sollten, zu zweifeln begann. Endlich bemerkte sie auf den glänzenden Wogen den schwarzen Schatten eines Bootes, das sich zu nähern suchte. Aber die Brandung war so stark, das Meer ging so hohl, daß das schwache Fahrzeug jeden Augenblick zwischen den Wogen verschwand. Zuweilen vernahm sie Rufe, die von dem Boote herübertönten; sie beantwortete dieselben, aber der heulende Wind verwehete ihre schwache Stimme. Als die Matrosen endlich nahe genug waren, um sie zu hören, ruderten sie mit großer Mühe heran und warteten, bis eine Woge sie an das Ufer führen würde. Sobald sie fühlten, daß das Boot erhoben wurde, verdoppelten sie ihre Anstrengungen und die Woge warf sie mit dem Boote an den Strand.

Das Boot entführte Indiana mitten durch die wild aufschäumenden Wellen unter dem Heulen des Sturmes und den Flüchen der beiden Ruderer, welche laut die Gefahr verwünschten, der sie sich Indianas wegen aussetzten. Der eine wünschte den Kapitän zu allen Teufeln, daß er nicht schon vor zwei Stunden den Befehl gegeben habe, die Anker zu lichten; aber nur dieses Frauenzimmers wegen habe er so lange gewartet. Der andere warnte seinen Kameraden, in Gegenwart dieser Zuhörerin auf den Kapitän zu schimpfen.

„Ei was!“ entgegnete der erste, „in dieser Nacht haben wir nur mit den Haifischen unsere Rechnung zu machen. Wenn wir je den Kapitän Random wiedersehen, so denke ich, wird er nicht schlimmer sein als sie.“

„Ja, die Haifische!“ sagte der andere, „ich weiß nicht, ob es einer ist, der uns von da unten schon anglotzt, aber ich sehe in den Wogen ein Gesicht, das kein christliches zu sein scheint.“

„Dummkopf! siehst du einen Hund für einen Meerwolf an! Holla, vierfüßiger Passagier, man hat dich an der Küste vergessen, aber der Teufel hole mich, wenn du Schiffszwieback zu essen kriegst. Unsere Ordre lautet nur auf eine Frau, von Hunden ist keine Rede.“

Zu gleicher Zeit erhob er sein Ruder, um einen Schlag gegen den Kopf des Tieres zu führen. In diesem erkannte Indiana die treue Ophelia, die ihre Spur in den Felsen der Insel aufgefunden hatte und ihr schwimmend folgte. Im Augenblick, wo der Matrose nach ihr schlagen wollte, warf die Woge, gegen die sie mühsam ankämpfte, sie weit vom Boot hinweg, und ihre Herrin hörte ihr schmerzliches Geheul. Sie bat die Ruderer, Ophelia in das Boot aufzunehmen, aber in dem Augenblick, wo das treue Tier sich näherte, zerschmetterten sie ihm unter höhnischem Gelächter den Kopf und Indiana sah den toten Körper Ophelias, die sie so sehr geliebt hatte, verschwinden. Je mehr die Küste zurückwich, desto ruhiger wurde das Meer und bald eilte das Boot schnell und gefahrlos dem Schiffe zu. Jetzt kam den beiden Ruderern die gute Laune und mit ihr die Überlegung wieder. Sie bemühten sich, ihre Grobheit gegen Indiana wieder gutzumachen, aber ihre Schmeicheleien waren beleidigender als ihr Zorn. An der Rohheit ihrer Führer rächte sich Indiana, als sie auf dem Schiffe angekommen war, durch eine reiche Belohnung ihrer Mühsal, dann zog sie sich in die Kajüte zurück und wartete mit Angst auf die Stunde der Abfahrt.

Endlich brach der Tag an und auf dem Meere zeigten sich zahlreiche Boote, welche Passagiere an Bord brachten. Hinter einer Stückpforte verborgen, spähete Indiana angstvoll aus, ob sich ihr Gatte unter diesen Ankömmlingen befände, um sie zurückzuholen. Endlich verhallte der Kanonenschuß, welcher die Abfahrt verkündigte, in den Echos der Insel. Das Fahrzeug begann Berge von Schaum vor sich aufzuhäufen, und die aufsteigende Sonne warf ihr heiteres, rosiges Licht auf die weißen Gebirgsgipfel, die bald am Horizont verschwanden.

Als man sich einige Stunden auf dem Meere befand, führte Kapitän Random eine Art Komödie auf, um jede Verantwortlichkeit für die ungesetzliche Mitnahme seiner Passagierin von sich abzuwälzen. Er tat, als wenn er jetzt erst Frau Delmare auf seinem Schiffe entdecke, spielte den Überraschten, befragte seine Matrosen, erzürnte sich zum Schein, beruhigte sich dann und setzte endlich ein Protokoll auf, daß sich an Bord des „Eugène“ ein Findelkind eingestellt habe, wie der technische Ausdruck für solche Fälle lautet.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Drei Tage nach dem Abgange des Briefes nach der Insel Bourbon hatte Raymon den Brief und die Absicht, in welcher er ihr geschrieben, völlig vergessen. Er fühlte sich wohler und hatte einen Besuch in seiner Nachbarschaft gewagt. Das Landgut Lagny, welches Herr Delmare seinen Gläubigern an Zahlungs Statt überlassen hatte, war in Besitz eines reichen Fabrikanten, namens Hubert, übergegangen. Raymon fand den neuen Eigentümer bereits in diesem Hause eingerichtet, das ihn an so manches erinnerte. Anfangs überließ er sich seinen Empfindungen, indem er den Garten durchstreifte, der die Spur von Nouns leichten Schritten noch im seinen Sande zu bewahren schien, und indem er die Gemächer durchschritt, in denen er noch den Ton von Indianas sanfter Stimme zu hören glaubte; aber eine neue Bewohnerin dieser ihm so vertraulichen Räume gab seinen Gedanken eine andere Richtung.

In dem großen Salon, an der Stelle, wo Frau Delmare gewöhnlich zu arbeiten pflegte, saß ein junges, großes und schlankes Mädchen, in deren Zügen sich ebenso viel Liebenswürdigkeit als Bosheit ausdrückte.

Sie richtete auf Raymon einen halb spöttischen, halb schmeichelnden Blick, der ihn zu gleicher Zeit anzog und zurückstieß. Die junge Dame wußte das Gespräch bald auf Frau Delmare zu lenken.

„Sie waren mit den früheren Bewohnern dieses Hauses sehr genau bekannt,“ sagte sie, „und es ist sehr freundlich von Ihnen, hier neue Gesichter aufzusuchen. Frau Delmare“, fügte sie hinzu, einen durchdringenden Blick auf Raymon werfend, „soll eine ausgezeichnete Frau gewesen sein und muß für Sie hier Erinnerungen zurückgelassen haben, die uns in den Schatten stellen.“

„Sie war eine treffliche Frau,“ antwortete Raymon gleichgültig, „und ihr Gatte ein würdiger Mann.“

„Aber,“ nahm das kecke, junge Mädchen wieder das Wort, „ich glaube, sie war noch mehr als eine treffliche Frau. Wenn ich mich recht entsinne, so lag in ihrer Person ein Reiz, der ein wärmeres, poetischeres Beiwort verdiente. Ich sah sie vor zwei Jahren auf einem Ball beim spanischen Gesandten. An diesem Tage war sie entzückend. Erinnern Sie sich nicht?“

Raymon erbebte, indem er jenes Abends gedachte, wo er zum erstenmal mit Indiana gesprochen hatte. Er erinnerte sich zu gleicher Zeit, daß er auf diesem Ball auch der vornehmen Erscheinung dieses jungen Mädchens begegnet war; aber er hatte sich damals nicht erkundigt, wer sie sei. Erst heute, als er sich verabschiedete und Herrn Hubert zu der Anmut seiner Tochter Glück wünschte, erfuhr er ihren Namen.

„Ich habe nicht das Glück, ihr Vater zu sein,“ antwortete der Fabrikherr, „sondern ich habe Fräulein von Nangy adoptiert. Verwitwet und ohne Kinder, sah ich mich vor zehn Jahren im Besitz von ziemlich bedeutenden Kapitalien, den Früchten meiner Arbeit, die ich sicher anzulegen suchte. In Bourgogne war das Landgut und Schloß Nangy zu verkaufen, das zu den Nationalgütern gehörte und mir sehr bequem lag. Ich war seit einiger Zeit sein Eigentümer, als ich erfuhr, daß der ehemalige Besitzer mit seiner siebenjährigen Tochter in einem kleinen Häuschen daselbst ein kümmerliches Dasein friste. Dieser Greis hatte zwar Entschädigungen empfangen, sie aber zur gewissenhaften Bezahlung der während der Emigration gemachten Schulden verwendet. Ich wollte sein Los mildern, aber er hatte in seinem Unglück allen Stolz seines Ranges gewahrt. Kurze Zeit nach meiner Ankunft starb er, ohne von mir irgend eine Dienstleistung angenommen zu haben. Darauf nahm ich sein Kind auf. Die Kleine gewöhnte sich bald, mich wie ihren Vater anzusehen, und ich habe sie wie meine eigene Tochter erzogen. Sie hat mir reich vergolten durch das Glück, das sie über meine alten Tage verbreitet. Um mir dieses Glück zu sichern, habe ich Fräulein von Nangy adoptiert und wünsche jetzt nichts, als einen ihrer würdigen Gatten zu finden, der das Vermögen, welches ich ihr einst hinterlassen werde, wohl zu verwalten versteht.“

Raymon fühlte, daß er der zu dieser angenehmen Aufgabe berufene Mann sein könne, und dankte dem erfinderischen Glück, welches allen seinen Hoffnungen entgegenkam und ihm jetzt eine Gattin seines Standes mit einem hübschen bürgerlichen Vermögen darbot. Das war eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen durfte. Er suchte sich die Besorgnisse auszureden, mit denen ihn zuweilen sein nach der Insel Bourbon gesandter Brief erfüllte, und gab sich der Hoffnung hin, daß die arme Indiana seinen eigentlichen Zweck nicht fassen, oder nicht den Mut haben würde, ihm zu entsprechen; kurz, es gelang ihm, sich selbst zu täuschen und sich für schuldlos zu halten; denn um keinen Preis der Welt hätte er sich als einen Egoisten betrachten mögen.

Er kam also oft nach Lagny und seine Besuche waren Herrn Hubert sehr angenehm, denn Raymon verstand ja bekanntlich die Kunst, sich beliebt zu machen, und bald kannte der reiche Fabrikbesitzer nur noch den Wunsch, Herrn von Ramière seinen Schwiegersohn zu nennen. Aber seine Adoptivtochter sollte selbst wählen und er ließ beiden vollkommene Freiheit, sich kennen und beurteilen zu lernen.

Laura von Nangy hielt ihn zwischen Furcht und Hoffnung. Berechnend und einschmeichelnd, hochmütig und liebenswürdig, war sie ganz die Frau, Raymon zu beherrschen, denn sie war ihm an Gewandtheit ebenso überlegen, als er es Indiana gegenüber gewesen war. Sie hatte bald erkannt, daß ihr Vermögen eine ebenso starke Anziehungskraft auf ihren Bewunderer ausübe, als ihre Persönlichkeit; sie besaß zu viel Verstand und kannte die Welt zu sehr, um von Liebe zu träumen bei einem Vermögen von zwei Millionen. Sie nahm dies Herrn von Ramière durchaus nicht übel; sie verurteilte ihn nicht, weil er das Positive erstrebte, sie liebte ihn nicht, weil sie ihn zu genau kannte.

Für dieses junge Mädchen gab es weder Jugend noch süße Träume, noch eine trügerische Zukunft. Ihr war das Leben eine kalte Berechnung und das Glück eine kindische Täuschung, gegen die man sich wie gegen eine alberne Schwäche wappnen müsse.

Während Raymon an der Verwirklichung seines Glückes arbeitete, näherte sich Indiana den Küsten Frankreichs. Wie groß war ihr Erstaunen und ihr Schrecken, als sie, im Hafen angelangt, die dreifarbige Fahne auf den Mauern von Bordeaux wehen sah. Eine gewaltige Aufregung herrschte in der Stadt, der Präfekt wäre fast am Tage vorher ermordet worden; das Volk erhob sich von allen Seiten, die Garnison schien sich auf einen verzweifelten Angriff vorzubereiten und man kannte den Ausgang der Revolution in Paris noch nicht. „Ich komme zu spät!“ war der erste Gedanke, der Indiana wie ein Blitzstrahl durchzuckte. In ihrem Entsetzen ließ sie das wenige Geld und die Sachen, die sie besaß, auf dem Schiffe zurück und begann in einer Art Geistesverwirrung die Stadt zu durchirren. Sie suchte einen Eilwagen nach Paris, aber die Postwagen waren mit fliehenden Reisenden überfüllt. Erst gegen abend fand sie einen Platz. Im Augenblick, wo sie in den Wagen steigen wollte, erschien eine Patrouille der schnell improvisierten Nationalgarde und verlangte die Papiere der Reisenden. Indiana hatte keine. Während sie darüber unterhandelte, hörte sie in ihrer Nähe sagen, der König sei abgesetzt und entflohen und die Minister mit allen ihren Anhängern ermordet. Diese mit lautem Freudengeschrei aufgenommenen Gerüchte versetzten Indiana einen tödlichen Schlag. In dieser ganzen Revolution interessierte sie persönlich nur die Person und das Schicksal eines einzigen Menschen. Sie sank ohnmächtig auf das Pflaster und kam erst in einem Krankenhause nach mehreren Tagen wieder zum Bewußtsein.

Ohne Geld, ohne Wäsche, ohne Kleider, wurde sie zwei Monate nachher, schwach und erschöpft durch eine Gehirnentzündung, wieder entlassen. Als sie sich in dieser großen Stadt allein auf der Straße fand, ohne Geld und von der ausgestandenen Krankheit noch erschöpft, ergriff sie ein unbeschreibliches Gefühl von Schrecken und Verzweiflung bei dem Gedanken, daß Raymons Schicksal schon längst entschieden sei und daß ihr niemand zur Seite stehe, der sie von dieser entsetzlichen Ungewißheit befreien könnte. Das Entsetzen des Alleinstehens lastete mit seiner ganzen Macht auf ihrem gebrochenen Herzen. In dieser geistigen Erstarrung wurde sie von der anbrechenden Nacht überrascht, die sie unter den Trümmern eines abgerissenen Hauses verbrachte. Endlich kam der Tag und der Hunger machte sich geltend. Erst jetzt erinnerte sich Indiana wieder, daß sie ihre Sachen und ihr Geld auf dem Schiffe zurückgelassen habe. Sie schleppte sich nach dem Hafen, fragte nach der Brigg „Eugène“ und erfuhr, daß dieses Fahrzeug noch immer auf der Rhede vor Bordeaux läge. Sie ließ sich hinführen und fand den Kapitän Random eben beim Frühstück.

„Nun,“ rief er, „schöne Reisende, schon wieder zurück von Paris? Sie kommen zur gelegenen Zeit, denn ich segle morgen wieder ab. Soll ich Sie nach Bourbon zurückbringen?“

Wie er erzählte, hatte er sie überall suchen lassen, um ihr ihr Eigentum zuzustellen. Aber Indiana hatte in dem Augenblick, wo man sie ins Hospital brachte, kein Papier bei sich, aus dem man ihren Namen hätte erfahren können. Sie war als Unbekannte in die Register eingetragen worden, und der Kapitän hatte nichts über sie erfahren können. Ungeachtet ihrer Schwäche reiste Indiana am folgenden Tage nach Paris ab.

Noch denselben Abend, wo sie dort eintraf, eilte sie nach Raymons Wohnung und erfuhr vom Portier, daß der Herr sich wohl befinde und in Lagny weile.

„In Lagny?“ frug Indiana ungläubig. „Sie wollen sagen, in Cercy.“

„Nein, in Lagny, es ist jetzt sein Besitztum.“

„Guter Raymon!“ dachte Indiana, „er hat dieses Landgut gekauft, um mir einen Zufluchtsort zu bieten, wo die Bosheit mich nicht erreichen kann. Er wußte wohl, daß ich kommen würde.“

Trunken von Glück und neubelebt, begab sie sich in ein Hotel garni und überließ sich die Nacht und einen Teil des folgenden Tages der Ruhe. Es war so lange, daß die Unglückliche keinen friedlichen Schlummer genossen hatte! Nach ihrem Erwachen kleidete sie sich sorgfältig an, sie wußte, daß Raymon auf die Reize der Toilette viel hielt, und daher hatte sie schon am vorigen Abend ein hübsches neues Kleid gekauft. Aber als sie ihr Haar ordnen wollte, suchte sie vergeblich ihre langen, schönen Flechten; sie waren während ihrer Krankheit unter der Schere der Krankenwärterin gefallen. Jetzt bemerkte sie es zum erstenmal, so sehr hatte der Gedanke an Raymon sie von allem anderen abgelenkt.

Doch als sie ihre kurzen schwarzen Haare auf ihrer weißen Stirn hatte locken lassen, als sie ihren hübschen Kopf mit einem kleinen Hute von englischer Form bedeckt und in ihren Gürtel ein Bukett der Blumen gesteckt hatte, deren Duft Raymon besonders liebte, hoffte sie, ihm immer noch zu gefallen.

Sie nahm am Nachmittag einen Wagen und kam gegen neun Uhr abends in ein Dorf am Saum des Waldes von Fontainebleau. Hier verließ sie den Wagen und schlug zu Fuß einen Waldweg ein, auf dem sie in einer Viertelstunde an den Park von Lagny gelangte. Da sie die kleine Pforte verschlossen fand, Raymon aber überraschen wollte, so ging sie an der alten morschen Mauer des Parkes hin und fand auch bald eine in Verfall geratene Stelle, die sie ohne zu große Mühe überstieg.

Als sie ihren Fuß auf einen Boden setzte, der Raymon gehörte und jetzt ihr Asyl, ihr Heiligtum werden sollte, fühlte sie ihr Herz vor Freude hüpfen. Sie eilte mit leichten Schritten durch die Alleen, die sie so gut kannte, und erreichte den englischen Garten. Nichts hatte sich verändert; aber die Brücke, deren schmerzlichen Anblick sie fürchtete, war verschwunden, der Lauf des Flusses sogar verändert, alle die Orte, welche an Nouns Tod erinnern konnten, waren nicht wiederzuerkennen.

„Er hat mir diese traurigen Erinnerungen ersparen wollen,“ dachte Indiana.

Auf den Brettern, welche die Stelle der Brücke ersetzten, überschritt sie den Fluß und gelangte in den Garten. Sie mußte stillstehen, denn ihr Herz schlug so heftig, als wollte es springen. Sie erhob die Augen nach dem Fenster ihres ehemaligen Zimmers. O, Glück! hinter den blauen Vorhängen strahlte Licht, Raymon war da! Konnte er denn ein anderes Zimmer bewohnen? Die Tür der heimlichen Treppe war offen.

„Er erwartet mich zu jeder Stunde,“ dachte sie, „er wird glücklich sein, aber kaum überrascht.“

Oben auf der Treppe blieb sie noch einmal stehen, um Atem zu schöpfen; sie beugte sich nieder und blickte durch das Schlüsselloch. Raymon war allein und las. Da saß er, ruhig und schön, die Stirn auf seine weiße Hand gestützt, die sich in seinen schwarzen Haaren verlor.

Indiana stieß heftig die Tür auf.

„Du hast mich erwartet!“ rief sie, auf ihre Knie sinkend, „du hast die Monate, die Tage gezählt! du hast mich gerufen, und da bin ich! Da bin ich! ich sterbe!“

Ihre Gedanken verwirrten sich; unfähig, zu sprechen, schloß sie die Augen, um sie dann zu Raymon zu erheben.

Er war bleich, stumm, unbeweglich, wie vom Blitze getroffen.

„Erkenne mich doch,“ rief sie, „ich bin es, deine Indiana, die du aus der Verbannung gerufen hast und die dreitausend Stunden weit herkommt, um dich zu lieben, dir zu dienen. Bist du mit mir zufrieden?

Sprich! Ich erwarte ein Wort, einen Kuß, und ich bin hundertfach belohnt.“

Aber Raymon antwortete nicht; seine bewundernswürdige Geistesgegenwart hatte ihn verlassen. Er war wie zu Boden geschmettert, als er dieses Weib zu seinen Füßen sah; er verbarg seinen Kopf in seine Hände und wünschte sich den Tod.

„Mein Gott, du sprichst nicht! Du umarmst mich nicht!“ rief Indiana, Raymons Knie gegen ihre Brust drückend. „Ja, ich weiß, das Glück schmerzt, es tötet, ich weiß es wohl! Ach, ich habe dich zu sehr überrascht. Sag’ mir ein Wort, ein einziges Wort, Raymon.“

„Ich möchte weinen,“ begann Raymon mit erstickter Stimme.

„Und auch ich,“ sagte sie, „seine Hände mit Küssen bedeckend. Weine, weine denn an meinem Busen, ich werde deine Tränen mit Küssen trocknen, ich will dir alles sein, was du von mir begehrst, Gefährtin, Dienerin, Geliebte. Verfüge über mich, über mein Blut, mein Leben; ich bin dein mit Leib und Seele. Ich habe dreitausend Wegstunden gemacht, um dir zu gehören, nimm mich, ich bin dein, du bist mein Herr!“

Durch Raymons Kopf zuckte plötzlich ein höllischer Gedanke. Er erhob sein Gesicht von seinen gefalteten Händen und blickte Indiana mit einer teuflischen Ruhe an; dann irrte ein furchtbares Lächeln über seine Lippen und seine Augen funkelten: denn Indiana war noch schön.

„Vor allen Dingen mußt du dich verbergen,“ sagte er aufstehend.

„Warum hier mich verbergen?“ fragte sie; „bist du nicht der Herr, der mich aufnehmen und beschützen kann, mich, die niemand als dich auf der Erde hat und die ohne dich betteln müßte? Geh’, selbst die Welt kann dir kein Verbrechen mehr daraus machen, mich zu lieben, ich habe alles auf mich allein genommen … Aber wo willst du hin?“ rief sie, als sie ihn nach der Tür gehen sah.

Sie hing sich mit dem Schrecken eines Kindes, das nicht allein gelassen sein will, an ihn und schleppte sich auf den Knien fort, um ihm zu folgen.

Er wollte die Tür verschließen; aber ehe er sie mit der Hand erreichen konnte, öffnete sie sich und Laura von Nangy trat ein. Sie schien weniger erstaunt als verletzt. Ohne ein Wort laut werden zu lassen, bückte sie sich ein wenig, um die Frau, die halb ohnmächtig zur Erde gesunken war, zu betrachten.

„Frau Delmare,“ sagte sie mit einem kalten, verächtlichen Lächeln, „es hat Ihnen beliebt, drei Personen in eine sonderbare Lage zu versetzen; doch danke ich Ihnen, mir die am wenigsten lächerliche Rolle zugeteilt zu haben, und ich entledige mich ihrer, indem ich Sie bitte, sich zu entfernen.“

Der Unwille gab Indiana die Kraft wieder; sie erhob sich elastisch und sagte zu Raymon:

„Wer ist denn diese Frau und mit welchem Rechte gibt sie mir Befehle in deinem Hause?“

„Sie sind hier in meinem Hause, Frau Delmare,“ erwiderte Laura.

„Aber sprechen Sie doch, mein Herr,“ rief Indiana, krampfhaft den Arm des Unglücklichen schüttelnd, „sagen Sie mir doch, wer das ist.“

„Es ist meine Frau,“ antwortete Raymon mit jammervoller Miene.

„Ich verzeihe Ihrer Unwissenheit,“ sagte Frau von Ramière mit einem grausamen Lächeln. „Wären Sie an dem Orte geblieben, den die Pflicht Ihnen anweist, so hätten Sie bereits eine Verlobungskarte von Herrn von Ramière erhalten. Nun, Raymon,“ fügte sie in einem Tone höhnischer Freundlichkeit hinzu, „deine Verlegenheit dauert mich, ich denke, du wirst jetzt einsehen, daß das Leben etwas mehr Klugheit erfordert. Ich überlasse dir die Sorge, dieser abgeschmackten Szene ein Ende zu machen. Ich würde darüber lachen, wenn du nicht so entsetzlich unglücklich deswegen aussähest.“

Mit diesen Worten zog sie sich zurück, sehr zufrieden mit der Würde, die sie bewahrt hatte, und insgeheim über die überlegene Stellung triumphierend, welche sie durch diesen Vorfall über ihren Gatten erlangt hatte.

Als Indiana wieder zum Bewußtsein kam, befand sie sich allein in einem verschlossenen Wagen auf dem Wege nach Paris.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

An der Barrière hielt der Wagen; ein Diener, den Indiana schon früher bei Raymon gesehen hatte, öffnete den Schlag und fragte, wohin er die gnädige Frau bringen sollte. Indiana nannte ihm mechanisch das Hotel garni, in welchem sie sich zuletzt aufgehalten hatte. Als sie dahin kam, sank sie auf einen Stuhl und blieb so bis zum nächsten Morgen, ohne daran zu denken, sich ins Bett zu legen. Sie wünschte zu sterben, war aber zu gebrochen, zu schwach, um sich töten zu können. Sie glaubte, es sei unmöglich, nach solch entsetzlichen Leiden weiterleben zu können und der Tod würde von selbst kommen, sie zu befreien. So blieb sie den ganzen folgenden Tag, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, ohne die wenigen Dienstanerbietungen, die ihr gemacht wurden, zu beachten. Indiana befand sich in einer Lage, wie sie für eine verlassene Frau kaum schrecklicher gedacht werden kann. Tausende von Meilen von jedem teilnahmsvollen Herzen entfernt zu sein, sich ohne Geldmittel in dem großen Paris wie in einer wasserlosen Wüste zu finden, in dem ganzen vergangenen Leben nicht eine Erinnerung zu haben, die nicht vergiftet oder befleckt wäre, in der ganzen Zukunft nicht eine einzige Hoffnung vor sich zu sehen, welche über die furchtbare Gegenwart hinweghelfen könnte, – das ist der äußerste Grad des Elends und der Verlassenheit. Indiana versuchte nicht, gegen ein zerrissenes, vernichtetes Leben zu kämpfen, sie ließ Hunger, Fieber und Schmerz über sich ergehen, ohne eine Klage auszustoßen, ohne eine Träne zu vergießen, ohne einen Versuch zu machen, eine Stunde früher zu sterben, eine Stunde weniger zu leiden.

Am Morgen des zweiten Tages fand man sie starr vor Kälte, mit blauen Lippen, aufeinandergepreßten Zähnen und erloschenen Augen am Boden liegen; doch war sie nicht tot. Die Besitzerin des Hauses untersuchte die Schubfächer des Sekretärs, und als sie nur sehr wenig Geld darin fand, überlegte sie, ob sie diese Unbekannte, die gewiß die Kosten einer langwierigen, schweren Krankheit nicht aufbringen konnte, nicht lieber ins Hospital schicken sollte. Doch da sie eine sehr „menschenfreundliche“ Frau war, ließ sie die Kranke zu Bette bringen und schickte nach einem Arzt, um zu hören, ob die Krankheit länger als zwei Tage dauern könnte. Es kam einer, den man nicht gerufen hatte.

Als Indiana die Augen öffnete, fand sie ihn an ihrem Bett. Sein Name braucht nicht erst genannt zu werden.

„Ach, bist du es? Bist du es?“ rief sie und warf sich an seine Brust. „Du bist mein guter Engel! aber du kommst zu spät, ich kann dich nur noch sterbend segnen.“

„Du wirst nicht sterben, liebe Freundin,“ antwortete Ralph bewegt, „das Leben kann dir noch lächeln. Die Gesetze, die sich bisher deinem Glücke entgegenstellten, werden jetzt deiner Neigung keinen Zwang mehr auferlegen. Wohl hätte ich gewünscht, den dämonischen Zauber zu zerstören, mit dem ein Mensch, den ich weder liebe noch achte, dich umgarnt hat; doch das steht nicht mehr in meiner Macht. Das Schicksal, das dich vereinsamt in meine Arme wirft, legt mir gegen dich die Pflichten eines Vormundes und Vaters auf. Ich komme, dir anzukündigen, daß du frei bist und dein Geschick mit dem des Herrn von Ramière vereinigen kannst. Delmare ist nicht mehr.“

Tränen rollten langsam über Ralphs Wangen, während er sprach. Indiana fuhr jäh empor und rang ihre Hände in Verzweiflung.

„Mein Gatte ist tot? Ich habe ihn getötet! Und du sprichst mit mir von Zukunft und Glück, als wenn es dies für ein Herz noch gäbe, das sich verabscheut und verachtet! Wisse denn, Gott ist gerecht und ich bin gerichtet! Herr von Ramière ist verheiratet.“

Sie sank erschöpft in die Arme ihres Vetters. Mehrere Stunden vergingen, ehe beide das Gespräch wieder aufnehmen konnten.

„Dein Bewußtsein ist getrübt,“ sagte Ralph in sanftem Tone, „aber du kannst dich beruhigen. Delmare ist aus dem Schlummer nie wieder erwacht, in dem du ihn verließest, er hat deine Flucht nicht erfahren. Ein Schlagfluß hat ihn getroffen.“

„Dann waren die Worte, die er an mich richtete, seine letzten,“ sagte Indiana. „Im Augenblick, wo ich ihn für immer verließ, sprach er im Schlafe und sagte: ‚Dieser Mensch wird dich verderben.‘ Diese Worte werden hier fortleben,“ fügte sie hinzu, indem sie die Hand auf ihr Herz legte.

„Als ich die Kraft hatte, meine Augen und meine Gedanken von dem Toten abzuwenden,“ fuhr Ralph fort, „dachte ich an dich; an dich, Indiana, die jetzt frei war. Ich fürchtete die Wirkung einer zu plötzlichen Nachricht auf dich und wartete am Eingange des Hauses, in dem Glauben, du würdest bald von deinem Morgenspaziergang zurückkommen. Ich wartete vergebens. Ich will nicht von meiner Angst, nicht von meinen Nachforschungen, von meinem Schrecken sprechen, als ich Ophelia zerschmettert am Ufer fand, wohin die Wogen sie geworfen hatten. Ach, ich suchte lange in der Befürchtung, deine Leiche auch finden zu müssen, denn ich dachte, du hättest dir den Tod gegeben, und drei Tage glaubte ich, ich hätte nichts mehr zu lieben auf der Erde. Doch bald verbreitete sich in der Kolonie das Gerücht, daß du die Flucht ergriffen hättest. Ein Schiff, das in der Rhede einlief, war im Kanal von Mosambique der Brigg „Eugène“ begegnet; die Mannschaft war auf dein Schiff hinübergekommen. Ein Passagier hatte dich erkannt und in weniger als drei Tagen wußte die ganze Insel von deiner Flucht.

Ich verschone dich mit den abgeschmackten und kränkenden Gerüchten, zu denen das Zusammentreffen deiner Flucht mit dem Tode deines Gatten Anlaß gab. Mir blieb auf Erden nur noch die einzige Pflicht zu erfüllen, dir Hilfe zu bringen, wenn du sie brauchtest. Ich reiste kurze Zeit nach dir ab; aber die Überfahrt war sehr stürmisch und erst seit acht Tagen bin ich in Frankreich. Mein erster Gedanke war, zu Herrn von Ramière zu eilen, um mich nach dir zu erkundigen. Aber der Zufall führte mich mit seinem Diener zusammen, der dich eben hieher gebracht hatte. Ich fragte ihn nur nach deiner Wohnung und kam in der Überzeugung hieher, dich nicht allein zu finden.“

„Allein! Allein! Schändlich verlassen!“ rief Indiana. „Aber sprechen wir nicht mehr von diesem Menschen! sprechen wir niemals mehr von ihm! Ich kann ihn nicht mehr lieben, denn ich verachte ihn; aber ich will auch nicht daran erinnert werden, daß ich ihn geliebt habe, das hieße, auf meine letzten Augenblicke Schande und Vorwürfe häufen. O, sei mein tröstender Engel, du, der in allen schweren Stunden meines verfehlten Lebens mir die Freundeshand reichte. Erfülle erbarmenvoll deine letzte Sendung, sprich Worte der Zärtlichkeit und der Verzeihung, damit ich ruhig sterbe.“

Sie hoffte wirklich, zu sterben; aber der Kummer stählt die Lebenskraft. Indiana war nicht einmal gefährlich krank, sondern versank nur in einen Zustand völliger Gleichgültigkeit.

Ralph suchte sie zu zerstreuen; er führte sie nach Touraine und umgab sie mit allen Annehmlichkeiten des Lebens. Als er aber alle Hilfsmittel erschöpft hatte, ohne daß er auf diesem düsteren, gleichgültigen Gesicht einen schwachen Strahl der Heiterkeit hervorlocken konnte, beklagte er die Ohnmacht seiner Tröstungen und warf sich bitter vor, wie ungeschickt er in seiner Liebe sei.

Eines Tages fand er sie niedergeschlagener als je. Er wagte nicht, mit ihr zu sprechen, und setzte sich in traurigem Schweigen zu ihr. Da sagte Indiana, zärtlich seine Hand drückend:

„Ich tue dir sehr weh, armer Ralph, und du mußt viel Geduld mit mir haben. Die unsinnigste Anforderung könnte von der Freundschaft nicht mehr verlangen, als du für mich getan hast. Jetzt überlaß mich meinem Schicksal und beflecke dein reines, heiliges Leben nicht durch die Berührung mit einem verfluchten. Suche anderwärts das Glück, das in meiner Nähe nicht zu finden ist.“

„Ich gebe es wirklich auf, dich zu heilen, Indiana,“ antwortete er, „aber ich werde dich nie verlassen, selbst wenn du mir sagst, daß ich dir lästig bin, denn du bedarfst noch der Pflege. Doch höre mich. Ich habe dir ein Heilmittel vorzuschlagen, das ich für das äußerste Unglück aufgespart habe, das aber untrüglich ist.“

„Ich kenne nur ein Mittel gegen den Kummer,“ antwortete sie, „es ist Vergessenheit. Wenn mein Wille allein ausreichte, dir für deine Aufopferung dankbar zu sein, so wäre ich schon jetzt heiter und ruhig, wie in den Tagen unserer Kindheit. Glaube mir, Freund, ich finde keine Lust daran, mein Übel selbst zu nähren und meine Wunde offenzuhalten; weiß ich denn nicht, daß alle meine Leiden auf dich zurückfallen? Ach, ich möchte vergessen, genesen können, aber ich bin nur eine schwache Frau, Ralph, sei geduldig und halte mich nicht für undankbar.“

Sie brach in Tränen aus.

„Höre mich an, teure Indiana,“ entgegnete Ralph, ihre Hand ergreifend, „das Vergessen steht nicht in unserer Macht; ich kann geduldig leiden, aber dich leiden zu sehen, geht über meine Kräfte. Warum aber wollen wir gegen ein eisernes Geschick ankämpfen? Der Gott, den wir, du und ich, anbeten, hat den Menschen nicht zu so viel Elend bestimmt, ohne den Trieb in ihn zu legen, sich diesem Elend zu entziehen. Hierin liegt das Mittel gegen alle Leiden, und dieses Mittel ist der Selbstmord.“

„Schon oft fühlte ich mich dazu versucht,“ antwortete Indiana nach kurzem Stillschweigen, „aber ein frommes Bedenken hielt mich davon zurück. Inzwischen hat mich das Unglück eine andere Religion gelehrt, als die, welche Menschen lehren. Als du zu mir kamst, war ich entschlossen, Hungers zu sterben, aber du batest mich, zu leben, und ich hatte das Recht nicht, dir dieses Opfer zu verweigern. Jetzt hält mich nur noch dein Leben, deine Zukunft. Was sollst du allein auf der Erde, armer Ralph? Aber ich werde vielleicht genesen. Ja, Ralph, ich werde das Mögliche tun. Gedulde dich nur noch ein wenig, bald vielleicht werde ich lächeln können; ich will wieder ruhig und heiter werden, um dir dieses Leben zu widmen, das du dem Unglück abgerungen hast.“

„Nein, liebe Freundin,“ erwiderte Ralph, „ich werde ein solches Opfer nie annehmen. Warum solltest du dich an eine verhaßte Zukunft ketten? Nur, um sie mir angenehm zu machen? Glaubst du, ich wäre fähig, sie zu genießen, wenn ich fühle, daß dein Herz keinen Anteil daran nimmt? Nein, bis zu diesem Grade bin ich nicht Egoist. Seit langer Zeit schon bin ich des Lebens überdrüssig, ich habe nicht mehr die Kraft, es ohne Bitterkeit und ohne Gottlosigkeit zu ertragen. Verlassen wir es gemeinsam, Indiana, kehren wir zu Gott zurück, der uns in dieses Land der Prüfung, in dieses Tal der Tränen verbannt hat, aber uns gewiß nicht verstoßen wird, wenn wir wund und zerschlagen seine Gnade, sein Mitleid anflehen. Die Taufe des Unglücks hat unsere Seelen hinreichend geläutert; geben wir sie dem zurück, der sie uns geschenkt hat.“

Dieser Gedanke beschäftigte Ralph und Indiana mehrere Tage und nach Verlauf derselben beschlossen sie, sich gemeinsam den Tod zu geben, es handelte sich jetzt nur noch darum, auf welche Art.

„Das ist eine wichtige Frage,“ sagte Ralph; „doch habe ich schon daran gedacht. Was wir begehen wollen, ist nicht die Eingebung einer augenblicklichen Geistesverwirrung, sondern eine wohlüberlegte Tat. Wir müssen sie mit der Sammlung vollziehen, wie der Katholik die Sakramente begeht. Für uns ist das Weltall der Tempel, wo wir Gott verehren. Hier, in diesem von lasterhaften Menschen wimmelnden Lande, im Schoße dieser Zivilisation, welche Gott leugnet oder ihn verketzert, würde ich mich stets beengt, zerstreut und niedergedrückt fühlen. Ich möchte freudig sterben, mit heiterer Stirn, die Augen zum Himmel erhoben. Ich will dir den Ort nennen, wo der Selbstmord mir in seiner edelsten, erhabensten Gestalt erschienen ist. Am Rande eines Abgrundes auf der Insel Bourbon, oberhalb jenes Wasserfalles, welcher sich durchsichtig in die einsame Schlucht von Bernica hinabstürzt, dort haben wir die seligsten Stunden unserer Kindheit zugebracht; dort habe ich später die bittersten Kümmernisse meines Lebens beweint; dort habe ich beten gelernt; dort möchte ich mich in einer jener schönen Nächte unseres Klimas in das reine Gewässer stürzen und in das frische, blumengeschmückte Grab steigen, welches aus der Tiefe des grünenden Schlundes heraufwinkt.“

„Ich willige ein,“ antwortete Indiana, ihre Hand in die Ralphs legend. „Stets hat mich seit dem Tode meiner armen Noun eine unbesiegliche Macht zum Wasser hingezogen. Wie sie zu sterben, wäre die Buße für ihren Tod, den ich verschuldet habe.“

„Und dann,“ sagte Ralph, „eine Seereise ist die beste Vorbereitung. Losgerissen von der ganzen Welt, immer bereit, furchtlos das Leben zu verlassen, werden wir mit entzücktem Auge dem Schauspiele der entfesselten Elemente zusehen. Komm, Indiana, schütteln wir den Staub dieses undankbaren Landes von unseren Füßen. Hier unter Raymons Augen sterben, das würde wie eine kleinliche, feige Rache erscheinen. Überlassen wir es Gott, diesen Menschen zu züchtigen, bitten wir ihn lieber, diesem undankbaren, vertrockneten Herzen die Schätze seines Erbarmens zu öffnen.“

Sie reisten ab. Die Goelette „La Nahandove“ trug sie schnell und leicht in ihr bereits zweimal verlassenes Vaterland. Nie war eine Überfahrt glücklicher. Es schien, ein günstiger Wind sei gesandt, um diese beiden so lange auf den Klippen des Lebens herumgeworfenen Unglücklichen in den Hafen der Ruhe zu bringen. Während der dreimonatlichen Fahrt befestigte die stärkende Seeluft Indianas geschwächte Gesundheit; die Ruhe zog wieder in ihr gequältes Herz. Sie vergaß ihr vergangenes Leben, ihre Stirn wurde wieder heiter und ein Strahl der Gottheit schien in ihre blauen, fast melancholischen Augen übergegangen zu sein.

Eine ähnliche Veränderung ging in Ralphs innerem und äußerem Wesen vor; dieselben Ursachen hatten bei ihm fast dieselben Wirkungen. Sein schon lange im Schmerz erkaltetes Herz erwärmte sich in der belebenden Glut der Hoffnung. Seine Worte nahmen das treue Gepräge seiner Gefühle an und erst jetzt lernte Indiana seinen wahren Charakter kennen. Die heilige, kindliche Vertraulichkeit, die sie einander näher brachte, nahm dem einen seine peinliche Schüchternheit, der anderen ihre ungerechten Vorurteile. Zu gleicher Zeit schwand in Indiana die schmerzliche Erinnerung an Raymon, sie erblich vor Ralphs bisher ungekannten Tugenden, vor seiner erhabenen Reinheit. Je mehr Ralph in Indianas Augen wuchs, desto tiefer sank Raymon in ihrer Meinung, bis endlich die fortdauernde Vergleichung dieser beiden Männer jede Spur ihrer blinden, unglücklichen Liebe in ihrem Herzen vernichtet hatte.


Neunundzwanzigstes Kapitel.

An einem der ewigen Sommerabende, deren die Insel Bourbon sich erfreut, wanderten zwei Passagiere der Goelette „La Nahandove“, die vor drei Tagen angekommen war, der Schlucht von Bernica[WS 2] zu. Der Mond, kaum aus den dunklen Fluten des Ozeans aufgetaucht, zog einen langen Silberstreif auf dem Wasser, aber sein Licht drang noch nicht in die Schlucht und in dem See spiegelten sich nur zitternd einige Sterne. Die auf dem Abhange des oberen Gebirges zerstreuten Zitronenbäume waren noch nicht mit den bleichen Diamanten bedeckt, mit welchen der Mond ihre spröden, glatten Blätter besäet. Nur auf dem Wipfel einiger gigantischen Palmen, deren schlanke Stämme sich hundert Fuß über den Boden erhoben, versilberten sich die Blätter im Glanze des Mondlichtes.

Die Seevögel schwiegen in den Felsspalten, einige blaue Tauben, hinter den Gipfeln der Berge verborgen, ließen ihr lockendes Gurren hören. Schöne Käfer schwirrten wie lebendige Edelsteine in den Kaffeebäumen und das eintönige Brausen des Wasserfalles schien geheime Gespräche mit dem Echo der Ufer zu führen.

Die beiden einsamen Wanderer schritten einen Felsensteig empor und kamen endlich oberhalb der Schlucht an den Ort, wo der Bergstrom seine weiße, leichte Dunstsäule in den Abgrund stürzt. Sie befanden sich auf einer kleinen Plattform, die der Ausführung ihres Vorhabens besonders günstig war. Einige an Raphiastengeln hängende Lianen bildeten hier eine natürliche Laube, die sich über den Wasserfall neigte. Mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit schnitt Sir Ralph einige Äste hinweg, die den Sprung hätten hindern können, dann ergriff er Indiana bei der Hand und ließ sie auf einen bemoosten Felsen niedersitzen.

„Ich gedenke, diese große Stunde der Andacht und dem Gebete zu weihen,“ nahm Ralph das Wort. „Ich sage nicht, daß wir uns mit dem Ewigen aussöhnen müßten, das hieße den Abstand unterschätzen, der uns von seiner erhabenen Macht trennt; aber wir sollten uns mit den Menschen versöhnen, die uns Leiden bereitet haben, und dem Abendwind, welcher nach Nordwesten weht, Worte der Verzeihung für diejenigen anvertrauen, welche dreitausend Stunden von uns entfernt sind.“

„Ich fühle, daß ich ohne Selbstüberwindung verzeihen kann,“ sagte Indiana, „daß mein Herz weder Haß noch Liebe empfindet. Großer Gott, Du siehst in den geheimsten Grund meiner Seele; Du weißt, daß alle meine Gedanken Dir zugewendet sind.“

Ralph setzte sich jetzt zu Indianas Füßen und begann mit lauter Stimme zu beten. Der Todesstunde nahe, schüttete er sein ganzes Herz aus, die Fesseln, die es gedrückt hatten, lösten sich, die innere Glut, die er unter der Maske eisiger Kälte getragen, war jetzt kein Verbrechen mehr, der Schleier, welcher so viel Tugend, Seelengröße und Selbstverleugnung verborgen hatte, sank herab, und der Geist dieses Mannes erhob sich zur Höhe. Zum erstenmal gehorchte das Wort seinen Gedanken und der unbedeutende Mensch, der während seines ganzen Lebens kaum etwas gesprochen hatte, was sich über das Gewöhnliche erhob, entfaltete in seiner letzten Stunde eine überzeugende Beredsamkeit, wie Raymon sie nie besessen hatte. Für Ralph war jetzt der Augenblick da, er selbst zu sein, vor seinem Richter die Verkleidung abzulegen, welche die Menschen ihm aufgezwungen hatten. Der Ralph, den Indiana gekannt hatte, lebte nicht mehr, und der, den sie jetzt hörte, schien ihr ein Freund, den sie einst in ihren Träumen gesehen hatte, und der erst jetzt, am Rande des Grabes, für sie zur Wirklichkeit wurde. Sympathisch strömten die Gedanken und Empfindungen, die er aussprach, auf sie über, und Tränen frommer Begeisterung fielen aus ihren Augen auf Ralphs Locken.

Jetzt trat der Mond über die Wipfel der großen Palmbäume und sein Strahl fiel auf Indianas weißes Gewand und ihr langes, auf die Schultern herabfallendes Haar.

Ralph kniete vor ihr nieder.

„Jetzt, Indiana,“ sagte er feierlich, „mußt du mir alles Leid verzeihen, das ich dir angetan habe, damit ich mir es selbst verzeihen kann.“

„Ach,“ antwortete sie, „was habe ich dir denn zu verzeihen, armer Ralph? Muß ich dich nicht im Gegenteil in der letzten Stunde meines Lebens segnen?“

„Ich weiß nicht, bis zu welchem Grade ich strafbar war,“ begann Ralph wieder, „aber während des langen und furchtbaren Kampfes mit einem Geschick war ich es gewiß oft genug, wenn auch wider meinen Willen.“

„Von welchem Kampfe sprichst du?“ fragte Indiana.

„Das eben ist das Geheimnis meines Lebens,“ antwortete er, „was ich dir, ehe ich sterbe, enthüllen muß. Waffne dich mit Geduld, denn ich habe eine lange Geschichte zu erzählen, Indiana, es ist die Geschichte meines Lebens.“

„Kenne ich sie denn nicht bereits? Lebten wir nicht immer beisammen?“

„Nein, du kennst sie nicht, du kennst keinen Tag, keine Stunde davon,“ sagte Ralph traurig. „Wann hätte ich sie dir denn erzählen können? Der Himmel wollte, daß der einzige Augenblick, der zu diesem Geständnis geeignet war, der letzte unseres Lebens sein solle. So höre denn, Indiana: Die Natur beging einen sonderbaren Fehler, als sie mir ein glühendes Herz gab; sie hatte auf mein Gesicht eine Steinmaske gedrückt und auf meine Zunge ein schweres Gewicht gelegt, sie hatte mir versagt, meine Empfindungen durch Blicke und Worte auszudrücken. Man beurteilte mich nach dem äußeren Scheine. Mit Abscheu entfernte meine Mutter mich von ihrem Busen, weil mein Gesicht ihr nicht zulächeln konnte. In dem Alter, wo man einen Gedanken kaum von unbewußtem Instinkt unterscheiden kann, wurde ich schon ein Egoist genannt.

„Da war es entschieden, daß niemand mich lieben würde, denn ich konnte niemandem meine Liebe ausdrücken. Man stieß mich fast aus dem väterlichen Hause und zwang mich, wie ein armer Vogel auf den Felsenklippen zu leben. Du weißt, Indiana, was für eine traurige Kindheit mir beschieden war. Jedoch der Himmel sandte mir einen Trost, eine Hoffnung. Du tratest in mein Leben, als wenn du für mich geschaffen worden wärest. Armes Kind! Du warst verlassen wie ich; ohne Liebe und ohne Schutz, schienst du mir bestimmt zu sein. Zehn Jahre lang warst du mein, ungeteilt mein! Damals wußte ich noch nicht, was Eifersucht sei. Ich machte aus dir meine Schwester, meine Gefährtin, meine Schülerin. Ich fing an, mich zu achten, da ich dir nützlich wurde. Nachdem ich deinetwegen die Last des Lebens auf mich genommen hatte, regte sich in mir die Hoffnung auf einen Dank. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, daß du meine Gattin werden könntest; verzeihe mir dieses Wort, das ich auch jetzt nur mit Zittern auszusprechen wage. Meine Phantasie schmückte dich bereits mit allen Reizen der Jugend; ich war ungeduldig, dich zur Jungfrau heranwachsen zu sehen. Jeden Morgen forschte ich, welch eine Wirkung ein Tag mehr auf dich hervorgebracht hätte; denn ich war schon ein Jüngling von fünfzehn Jahren und du warst noch ein Kind. Schon glühten in meinem Busen Leidenschaften, deren Namen dir unbekannt waren, du erstauntest oft über mein trauriges Wesen und ich schien dir melancholisch und wunderlich. Dennoch liebtest du mich, wie ich war; jeder Augenblick meines Lebens war nur dir geweiht und meine Leiden machten dich meinem Herzen nur teurer. Ich lebte der Hoffnung, daß du bestimmt seiest, sie einst in Freuden zu verwandeln.

„Ach, verzeihe mir den verbrecherischen Gedanken; wenn es ein Frevel war, auf dich zu hoffen, so ist Gott allein strafbar, mir diesen Gedanken zum alleinigen Troste gegeben zu haben. Wovon konnte dieses gedrückte, verkannte Herz leben, von wem konnte es einen Blick, ein Lächeln der Liebe erwarten, wenn nicht von dir?

„Doch nie versündigte ich mich durch einen unreinen Gedanken an der Jungfräulichkeit deines Herzens. Meine Küsse waren die eines Vaters, und wenn deine unschuldigen, scherzenden Lippen den meinigen begegneten, so weckten sie nie das verzehrende Feuer des Verlangens. Nein, nicht in dich, das kleine Mädchen mit den blauen Augen war ich verliebt. So wie du damals warst mit deinem freundlichen Lächeln und deinen unschuldigen Liebkosungen, sah ich in dir nur mein Kind oder meine kleine Schwester; aber wenn ich in die Zukunft schaute, sah ich dich erwachsen vor mir und liebte in dir die Jungfrau.

„Oft habe ich, allein auf diesem Felsen sitzend, meine Hände gerungen und das unbekannte Glück der erträumten Zukunft angerufen. Aber sah ich dich unten auf dem Fußsteig, lachend und scherzend zu mir eilen, dann beruhigte sich mein Blut; in Gegenwart der siebenjährigen Indiana vergaß ich die fünfzehnjährige, von der ich eben geträumt hatte. Dennoch betrübte es mich, daß du noch so jung, so klein warst. Ich verglich dein Haar mit anderen Locken, die ich in früheren Jahren von deiner Stirn geschnitten hatte, und sah mit Lust die dunklere Färbung, die jeder Frühling brachte. Dann betrachtete ich an dem Stamme eines Dattelbaumes die Merkmale, die ich daran eingegraben hatte, um die Fortschritte deines Wachstums zu verfolgen. Der Baum trägt heute noch jene Einschnitte. Aber, ach! vergeblich bist du groß geworden, vergeblich hat deine Schönheit ihre Verheißungen erfüllt, vergeblich sind deine Haare schwarz geworden wie das Ebenholz, du bist nicht für mich groß geworden, nicht für mich haben sich deine Reize entwickelt, für einen andern schlug dein Herz zum erstenmal.

„Es war eine reine, eine tiefe und wahre Liebe, welche du mir damals schon einflößtest. Noun war mit zehn Jahren um einen ganzen Kopf größer als du; Kreolin in der ganzen Bedeutung des Wortes, war sie schon entwickelt, der Ausdruck ihres feuchten Blickes, ihre Haltung, ihr ganzes Wesen war das eines jungen Mädchens. Doch ich liebte Noun nur deinetwegen, deren Spiele sie teilte. Nie kam mir die Frage in den Sinn, ob sie schon schön sei, ob sie noch schöner werden würde. In meinen Augen war sie noch mehr Kind als du. Ich liebte eben nur dich. Ich rechnete auf dich, du warst die Gefährtin meines Lebens, der Traum meiner Jugend …

„Aber die Zukunft täuschte meine Hoffnungen. Der Tod meines Bruders zwang mich, seine Braut zu heiraten. Ich schweige über diese Zeit meines Lebens. Ich war der Gatte einer Frau, die mich haßte und die ich nicht lieben konnte. Ich war Vater und verlor meinen Sohn; ich wurde Witwer und erfuhr, daß du mir verloren warst.

„Als ich hieher zurückkam, als ich den Mann sah, mit dem man dich verheiratet hatte, … verzeih, Indiana, da wurde ich wirklich Egoist. In der Liebe liegt stets Egoismus, selbst in der meinigen herrschte er vor. Ich empfand, ich weiß nicht welche grausame Freude bei dem Gedanken, daß man dir in diesem Manne einen Herrn, aber keinen Gatten gegeben hatte. Du erstauntest über die Zuneigung, die ich ihm bezeigte; ich sah eben in ihm keinen Nebenbuhler. Ich wußte wohl, daß dieser Greis weder Liebe einflößen noch empfinden könne und daß dein Herz in diesem Ehebunde unberührt bleiben werde. Ich war ihm dankbar für deine Kälte und für deine Treue. Wäre er hier geblieben, so würde ich vielleicht sehr strafbar geworden sein; aber ihr wandtet euch nach Frankreich und ließet mich allein. Ohne dich zu leben, schien mir unmöglich. Ich versuchte, diese Liebe zu besiegen, die in aller ihrer Kraft wieder aufgelebt war, als ich dich wiederfand, wie ich dich in deiner Kindheit geträumt hatte. Aber die Einsamkeit schärfte nur mein Leid und ich gab dem Bedürfnis nach, dich zu sehen, unter demselben Dache zu leben, dieselbe Luft zu atmen. Ich begriff, daß ich mit der Gefahr nicht spielen dürfe, denn meine Leidenschaft war zu glühend. Ich fühlte, ich müsse eine dreifache Mauer von Eis um mich aufrichten, um mir dein Interesse und dein Mitgefühl zu entfremden, das mir verderblich geworden wäre und alle meine guten Vorsätze vernichtet haben würde. So habe ich denn den Vorwurf der Herzlosigkeit und des Egoismus auf mich genommen, den, Dank dem Himmel, du mir nicht erspart hast. Meine Verstellung gelang über mein Erwarten, du schenktest mir eine Art beschämenden Erbarmens, du sprachst mir Herz und Gemüt ab und ich hatte nicht das Recht, darüber in Zorn zu geraten, denn dadurch hätte ich dir gezeigt, daß ich ein Mann war.

„Ich beklage mich über die Menschen und nicht über dich, Indiana. Du warst stets gut und nachsichtig, du ertrugst mich unter der abstoßenden Hülle, die ich angenommen hatte, um in deiner Nähe zu weilen. Nächst dir bewies mir Delmare die größte Nachsicht. Du hast mich beschuldigt, ich hätte ihn dir vorgezogen, ich hätte dein Wohl meinem Egoismus aufgeopfert, da ich mich weigerte, in eure häuslichen Zwiste als Vermittler einzugreifen. Du hast nicht begriffen, daß ich die Stimme zu deinen Gunsten nicht erheben konnte, ohne mich zu verraten. Was wäre aus dir geworden, wenn Delmare mir die Tür gewiesen hätte? Wer hätte dich geduldig, schweigend, aber mit der ausdauernden Festigkeit einer unerlöschlichen Liebe beschützt? Raymon gewiß nicht! Und dann, ich gestehe es, ich liebte Delmare aus Dankbarkeit, diesen rohen, ungeschlachten Mann, der mir das einzige Glück, das mir blieb, entreißen konnte, und es doch nicht tat. Aber nun bin ich an den Punkt gekommen, wo ich von den entsetzlichsten Leiden meines Lebens sprechen muß, von jener Zeit, wo deine von mir so sehr ersehnte Liebe einem andern gehörte. Damals goß der Haß sein Gift in meinen Busen und die Eifersucht verzehrte den Rest meiner Kräfte. Damals hätte ich den verabscheuten Menschen im Grunde dieser Schlucht sehen mögen, um ihm mit Steinwürfen das Haupt zu zerschmettern. Ich wollte ihn nicht töten, weil du ihn beweint haben würdest.

„O, der Elende! Gott verzeihe ihm das Leid, das er mir angetan, aber er strafe ihn für das, welches er auf dein Haupt gehäuft hat! Schon bei seiner Geburt hätte ihm die Gesellschaft das Brandmal auf die Stirn drücken sollen; sie hätte ihn als den herzlosesten, verruchtesten Menschen aus ihrer Mitte stoßen sollen! Aber im Gegenteil, sie hat ihn im Triumph herumgetragen! O, daran erkenne ich die Menschen, die einem Scheusal, welches Glück und Ehre anderer mit Füßen tritt, auch noch ihre Verehrung darbringen.

„Verzeihung, Indiana, Verzeihung! Es ist vielleicht grausam, vor dir zu klagen, doch es ist zum ersten- und letztenmal; laß mich dem Schurken fluchen, der dich ins Grab stößt. Es bedurfte dieser entsetzlichen Erfahrung, um dir die Augen zu öffnen. Vergeblich warnte dich Nouns trauriges Ende, vergeblich erhob sich vom Sterbelager Delmares eine Stimme und rief dir zu: ‚Hüte dich vor ihm, er stürzt dich ins Verderben!‘ Du warst taub; dein böser Genius hat dich fortgerissen und, gebrochen, wie du bist, verdammt dich die öffentliche Meinung und spricht jenen frei. Ach! du liebtest ihn so sehr! und er hätte dein Dasein so schön machen können! An seiner Stelle wäre ich mit dir in den Schoß wilder Gebirge geflohen; ich hätte dich der Gesellschaft entrissen, um dich für mich allein zu besitzen, ich hätte mich deiner Verlassenheit gefreut, um dir alles ersetzen zu können. O, Indiana! diese wilde Schlucht als Wohnung, diese Bäume als unser ganzer Reichtum, wie hätten sie mich stolz und glücklich gemacht, wenn der Himmel sie mir mit deiner Liebe gegeben hätte!“

Ralph weinte wie ein Kind und in diesen Tränen lag mehr Schmerz um Indianas Los, als um das seinige.

„Weine nicht über mich,“ sagte er, als er sie ebenfalls in Tränen gebadet sah, „beklage mich nicht, dein Mitleid entschädigt mich für die ganze Vergangenheit und die Gegenwart ist nicht mehr bitter. Was sollte mich jetzt schmerzen? Du liebst ihn ja nicht mehr.“

„Hätte ich dich besser gekannt, Ralph, so hätte ich ihn nie geliebt,“ rief Indiana, „deine Tugend hat mich ins Verderben gestürzt.“

„Und dann,“ sagte Ralph, sie mit schmerzlichem Lächeln betrachtend, „ich habe noch andere Ursachen zur Freude. Ohne es zu ahnen, hast du mir während der Überfahrt in vertraulichen Stunden das Geständnis abgelegt, daß dieser Raymon das Glück nicht erreicht habe, das seine Frechheit erstrebte, und damit hast du mich von dem quälenden Vorwurf befreit, dich schlecht gehütet zu haben, denn ich hatte die Kühnheit, dich gegen seine verführerischen Künste beschützen zu wollen, und dadurch habe ich dich beleidigt, Indiana. Ich unterschätzte deine Kraft; das ist abermals ein Verbrechen, das du mir verzeihen mußt.“

„Ach,“ sagte Indiana, „du bittest mich um Verzeihung, mich, die eine so reine und edle Liebe mit unbegreiflicher Verblendung, mit abscheulichem Undank vergolten hat. Ich sollte mich zu deinen Füßen werfen und um Verzeihung flehen.“

„Diese Liebe erregt also weder deinen Abscheu noch deinen Zorn, Indiana? O Gott, ich danke Dir! Ich werde glücklich sterben! Nun darf ich mich deinen Bruder, deinen Gatten, deinen Geliebten für die Ewigkeit nennen. Seit dem Tage, wo du gelobtest, mit mir aus dieser Welt zu scheiden, habe ich den süßen Gedanken genährt, daß du mir gehörtest, mir wiedergegeben seiest, um mich nie zu verlassen; ganz im stillen begann ich dich meine Braut zu nennen. Im Schoße Gottes erwartet mich die Seligkeit, die meine Kindheit träumte, und dort wirst du mich lieben, Indiana; dort wirst du, von allen trügerischen Täuschungen dieses Lebens gereinigt, mich für ein ganzes Dasein voll Leiden und Entsagungen entschädigen; dort wirst du mein sein, Indiana! In diesem Sinne habe ich dich gebeten, dieses weiße Kleid anzulegen, es ist dein Hochzeitskleid, und dieser Felsen, der in den See hinausragt, ist der Altar, der uns erwartet.“

Er stand auf, pflückte einen blühenden Orangenzweig und befestigte ihn in Indianas schwarzes Haar. Dann kniete er wieder nieder.

„Mach mich ganz glücklich,“ bat er, „sage mir, daß dein Herz in diese Verbindung für das andere Leben einwilligt. Gib mir die Ewigkeit, zwing mich nicht, mir die Vernichtung zu wünschen.“

Von Indianas Augen war die schon lange gelockerte Binde herabgesunken. Zur Wahrheit, zur Natur zurückgekehrt, sah sie Ralphs Herz, wie es war, sie erblickte auch seine Züge, wie sie sie nie gesehen hatte. Im unverhüllten Schmucke seiner Offenheit und Tugend war er weit schöner als Raymon und Indiana fühlte, daß sie ihn hätte lieben sollen.

„Sei mein Gatte im Himmel und auf Erden,“ sagte sie zu ihm, „mit diesem Kusse verlobe ich mich dir für die Ewigkeit.“

Ihre Lippen vereinigten sich und in diesem Kusse, an der Schwelle eines anderen Lebens, genossen sie alle Freuden des Irdischen. Dann faßte Ralph seine Braut in seine Arme und trug sie fort, um sich mit ihr in den Abgrund zu stürzen ….


Schluß.
An J. Neraud.

Im Monat Januar war ich an einem heißen und glänzenden Tage von Saint Paul abgereist, um in den Urwäldern der Insel Bourbon zu träumen. Ich träumte von Dir, mein Freund. Diese Urwälder erinnerten mich an Deine Wanderungen und Deine Studien. Ich fand überall die Wunder wieder, die Du mir in Deinen Erzählungen so bezaubernd geschildert hast, und um sie mit Dir zu genießen, hätte ich Dich gern dem kalten Europa entführt, wo Du zufrieden in bescheidenem Dunkel lebst. Glücklicher Mensch, dessen Talente und Verdienste noch kein allzu dienstfertiger Freund der Welt verraten hat!

Ich hatte meinen Spaziergang nach einem einsamen Orte in den höchsten Regionen der Insel gerichtet. Dort ist infolge eines vulkanischen Ausbruches ein Teil des Gebirges zusammengestürzt, wodurch sich ein von Felsentrümmern starrendes Tal gebildet hat. Während ich im Anblick dieser gigantischen, launenhaften Gebilde der Natur die fliehende Zeit vergaß, wurde ich von einem furchtbaren Unwetter überrascht. Ströme von Regen schwellten die Flüsse an, welche alle ihre Quellen auf dem Gipfel des Bergkegels haben. In einer Stunde war alles überschwemmt und die Abhänge des Gebirges bildeten einen ungeheuren Wasserfall, der sich wütend in die Ebene herabstürzte.

Nach einer zweitägigen, höchst beschwerlichen und gefährlichen Wanderung erreichte ich endlich eine menschliche Wohnung. Das einfache, aber hübsche Haus lag in einer wilden Umgebung und ward von einem Felsenwall überragt, der ihm gegen Sturm und Sonnenglut Schutz gewährte. Etwas weiter unten stürzte sich ein mächtiger Wasserfall in die Tiefe einer Schlucht und bildete darin einen See, über welchen Gruppen der schönsten Bäume ihre Gipfel erhoben.

Ich klopfte heftig an die Tür des Hauses. Ein Mann öffnete und trat mir auf der Schwelle entgegen. Ich prallte drei Schritte zurück. Ehe ich noch meine Bitte um Aufnahme aussprechen konnte, hatte sie mir der Herr des Hauses mit einem stummen ernsten Zeichen gewährt. Ich trat ein und befand mich Sir Ralph Brown gegenüber.

Seit fast einem Jahre, wo das Schiff „La Nahandove“ Herrn Brown und seine Gefährtin in die Kolonie zurückgebracht, hatte man Sir Ralph kaum dreimal in der Stadt gesehen und Frau Delmare lebte in so tiefer Zurückgezogenheit, daß es vielen Bewohnern zweifelhaft schien, ob sie überhaupt noch am Leben sei. Um jene Zeit war ich zum erstenmal in Bourbon gelandet und zum zweitenmal in meinem Leben traf ich jetzt mit Herrn Brown zusammen.

Meine erste Begegnung mit ihm hatte in Saint Paul am Meeresufer stattgefunden und einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. Züge und Haltung dieses Mannes waren mir anfangs nicht sehr aufgefallen; aber als ich mich aus müßiger Neugier genauer nach ihm erkundigte, erhielt ich von den Kolonisten so seltsame und so widersprechende Antworten, daß ich den Einsiedler von Bernica mit größerer Aufmerksamkeit betrachtete.

„Er ist ein Mensch ohne Erziehung,“ sagte mir der eine, „vollkommen unbedeutend, der auf der Welt nur eine Eigenschaft besitzt, die des Schweigens.“

„Er ist ein außerordentlich unterrichteter und tiefsinniger Mann,“ sagte ein anderer, „aber zu sehr von seiner geistigen Überlegenheit überzeugt und deshalb von so anmaßendem Benehmen, daß er mit gewöhnlichen Leuten gar nicht spricht.“

„Dieser Mensch liebt nur sich,“ behauptete ein dritter; „er ist ein vollkommener Egoist.“

„Sie wissen also nicht,“ sagte ein junger Mensch, der in der Kolonie aufgewachsen und ganz in dem beschränkten Provinzialgeist befangen war, „daß dieser Elende seinen Freund vergiftet hat, um dessen Frau heiraten zu können?“

Diese Auskunft erschien mir so unglaublich, daß ich mich an einen älteren Kolonisten wandte, den ich als einen verständigen Mann kannte.

„Sir Ralph war nie beliebt,“ antwortete er mir, „weil er sehr verschlossen war, aber man achtete ihn. Das ist alles, was ich von ihm sagen kann; denn seit seiner unglücklichen Geschichte stehe ich in keinem Verkehr mehr mit ihm.“

„Welche Geschichte?“ fragte ich.

Man erzählte mir nun den plötzlichen Tod des Obersten Delmare, die Flucht seiner Frau in derselben Nacht, die Abreise und Wiederkehr des Herrn Brown. Das Dunkel, welches über diesen Vorgängen lag, hatte durch die Nachforschungen der Gerichte nicht aufgehellt werden können; das Verbrechen der Flüchtigen konnte nicht bewiesen werden. Die Rückkehr der beiden Beschuldigten und ihre Zuflucht in die Einsamkeit von Bernica schienen jenen Verdacht jedoch zu bestätigen. Man vermutete, daß sie nach Europa gegangen wären, um die Sache hier vergessen zu machen; in Frankreich aber seien sie von der öffentlichen Meinung so entschieden verurteilt worden, daß sie sich genötigt sahen, zurückzukehren und in die Einöde zu fliehen, um ungestört ihrer verbrecherischen Neigung zu leben.

Doch alle diese Ansichten schienen mir durch eine andere Behauptung widerlegt, die offenbar von besser unterrichteter Seite kam: „Frau Delmare,“ sagte man mir, „habe von jeher eher Kälte als Neigung für ihren Vetter Ralph gezeigt.“

Damals hatte ich aufmerksam den Helden so vieler seltsamen Gerüchte betrachtet. Er saß auf einem Warenballen, die Rückkehr eines Seemannes erwartend, mit dem er irgend einen Kauf abgeschlossen hatte; seine Augen, blau wie das Meer, waren mit dem Ausdruck ruhiger Träumerei auf den Horizont gerichtet, in seinen Zügen lag eine so edle Offenheit, daß ich hätte schwören mögen, man tue ihm völlig unrecht. Nein, dieser Mann hatte kein Verbrechen auf seinem Gewissen, sein Herz und seine Hände waren so rein wie seine Stirn.

Plötzlich fiel sein zerstreuter Blick auf mich, der ihn mit lebhafter und unbescheidener Neugier betrachtete. Verlegen, wie ein auf der Tat ertappter Dieb, senkte ich die Augen zu Boden. Seit diesem Augenblick hatte ich oft an ihn denken müssen. Mein Verlangen, ihn näher kennen zu lernen, sollte nun Befriedigung finden, als ich genötigt war, seine Gastfreundschaft anzunehmen. Er führte mich in sein Zimmer, lieh mir Kleidung und Wäsche und geleitete mich dann zu seiner Gefährtin.

Als ich sie so jung und schön vor mir sah, – denn sie schien kaum achtzehn Jahre zu zählen – als ich ihre Frische, ihre Anmut, den süßen Ton ihrer Stimme bewundern mußte, empfand ich ein schmerzliches Gefühl, daß diese Frau unter dem Drucke einer so abscheulichen Verleumdung zu leiden habe.

Acht Tage lang hielten mich die ausgetretenen Flüsse, die überschwemmten Ebenen, die Regen und Winde in Bernica zurück; und als endlich die Sonne wieder erschien, dachte ich noch immer nicht daran, meine Wirte zu verlassen.

Beide besaßen keine glänzenden Geistesgaben, aber sie wußten anregend und anmutig zu sprechen und waren gefühlvoll. Indiana war unwissend, doch lag ihrer Unwissenheit nicht Beschränktheit oder Stumpfheit zu Grunde, sondern sie war begierig, das nachzuholen, was sie in der Eintönigkeit ihres bisherigen Lebens nicht kennen gelernt hatte. Vielleicht war dabei auch ein wenig Koketterie im Spiele, um durch Fragen, die sie in meiner Gegenwart an ihren Freund richtete, dessen umfassende Kenntnis in helles Licht zu stellen. Ich hatte mir fest vorgenommen, Sir Ralph nicht zu verlassen, ohne seine Geschichte zu erfahren; aber der entsetzliche Verdacht, der auf ihm lastete, machte mich befangen. Endlich, als der Tag meiner Abreise herangekommen war, überwand ich meine Schüchternheit.

„Hören Sie,“ sagte ich zu ihm, „die Menschen sind sehr verdorben; sie haben mir viel Böses von Ihnen erzählt. Jetzt, wo ich Sie kenne, wundere ich mich darüber nicht. Ihr Leben muß sehr rein sein, da es so verleumdet worden ist …“

Ich hielt plötzlich inne, als ich in den Zügen der Frau Delmare den Ausdruck des größten Erstaunens gewahrte. Ich sah ein, daß sie von den abscheulichen Gerüchten, die im Umlauf waren, nichts wußte, und bemerkte auf dem Gesichte Sir Ralphs einen Ausdruck des Ärgers, der aber auch mit Stolz gemischt war. Beschämt von dem Blicke Sir Ralphs und voll Reue, ihn zum Dank für die glücklichen Tage, die ich bei ihm verlebt hatte, gekränkt zu haben, machte ich mir bittere Vorwürfe und brach in Tränen aus.

„Junger Mann,“ sagte er, meine Hand fassend, „bleiben Sie noch einen Tag bei uns; ich möchte den einzigen Freund, den wir in diesem Lande haben, so von mir nicht scheiden sehen.“

Als Frau Delmare sich entfernt hatte, sagte er:

„Ich habe Sie verstanden, ich will Ihnen meine Geschichte erzählen, aber nicht in Indianas Gegenwart. Es gibt Wunden, an die man nicht rühren darf.“

Am Abend machten wir einen Spaziergang in den Wald. Die vor vierzehn Tagen noch so frischen und schönen Bäume waren gänzlich ihrer Blätter beraubt, aber schon bedeckten sie sich mit dicken, harzigen Knospen. Die Bäche stießen den Sand, mit dem ihr Bett erfüllt war, mit Beharrlichkeit aus. Alles gewann wieder Lieben und Frische.

„Sehen Sie doch,“ sagte Ralph zu mir, „mit welcher erstaunlichen Schnelligkeit diese reiche, gütige Natur ihren Schaden wieder verbessert!“

„Ich erinnere mich der Stürme des vergangenen Jahres,“ bemerkte Indiana; „nach vier Wochen war keine Spur mehr von ihren Verwüstungen zu sehen.“

„Das ist das Bild eines vom Kummer gebrochenen Herzens,“ erwiderte ich; „wenn das Glück ihm wieder nahet, blühet es von neuem und verjüngt sich schnell wieder.“

Indiana reichte mir die Hand und sah Herrn Brown mit einem unaussprechlichen Blick voll Zärtlichkeit an.

Als die Nacht kam, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und Sir Ralph hieß mich neben sich auf eine Bank im Garten setzen und erzählte mir seine Geschichte bis zu dem Punkte, wo wir sie im letzten Kapitel gelassen haben.

Hier machte er eine lange Pause und schien meine Gegenwart gänzlich vergessen zu haben.

Von dem Interesse getrieben, das ich an seiner Erzählung nahm, wagte ich sein Nachdenken durch eine Frage zu unterbrechen.

Er erschrak, wie ein Mensch, der aus dem Schlafe aufgeweckt wird, dann sagte er mit einem gutmütigen Lächeln:

„Mein junger Freund, es gibt Erinnerungen, welchen man durch die Mitteilung ihre Blüte nimmt. Es genüge Ihnen, zu erfahren, daß ich fest entschlossen war, mit Indiana in den Tod zu gehen. Aber in dem Buche des Schicksals schien es anders bestimmt. Ein Arzt würde Ihnen vielleicht sagen, daß sich meiner plötzlich ein Schwindel bemächtigte und mich in der Richtung des Weges täuschte. Ich aber, der ich nichts weniger als ein Arzt in diesem Sinne bin, will lieber glauben, daß der Engel Abrahams und Tobias’, jener schöne weiße Engel mit blauen Augen und goldenem Gürtel, auf einem Mondstrahl herabstieg und wogend in dem zitternden Nebel des Wasserfalles seine silbernen Flügel über meine sanfte Gefährtin ausbreitete. Das einzige, was ich Ihnen versichern kann, ist, daß der Mond hinter die hohen Spitzen des Gebirges hinabsank, ohne daß ein unheimliches Geräusch das friedliche Murmeln des Wasserfalles unterbrochen hätte. Als ein lichter Streifen sich am Horizonte des Meeres abzeichnete und der erste purpurne Strahl auf das Orangengebüsch fiel, lag ich auf meinen Knien und sandte ein heißes Dankgebet zu Gott empor.

Glauben Sie aber nicht, daß ich das unverhoffte Glück plötzlich annahm. Allzu strahlend erschien mir die Zukunft, die sich vor mir erhob, und als Indiana lächelnd auf mich blickte, zeigte ich ihr den Wasserfall und sprach ihr vom Sterben.

Wenn du es nicht bereuest, diesen Morgen erlebt zu haben, sagte ich, so dürfen wir beide uns gestehen, daß wir das Glück in seiner ganzen Fülle genossen haben, und das ist ein Grund mehr, das Leben zu verlassen, denn morgen würde vielleicht mein Gestirn erbleichen. Wer weiß, ob ich, wenn wir diesen Ort verlassen, wenn die berauschende Stimmung, in die mich der Gedanke an den Tod und an meine Liebe versetzt hat, von mir weicht, nicht wieder das verachtete Wesen werde, das ich gestern noch für dich war. Würdest du nicht über dich selbst erröten, wenn du mich so wiederfändest, wie du mich gekannt hast? Ach, Indiana, erspare mir diesen entsetzlichen Schmerz.

‚Zweifelst du an deinem Herzen, Ralph?‘ fragte Indiana mit dem liebenswürdigsten Ausdruck der Zärtlichkeit und des Vertrauens, ‚oder gewährt dir das meinige nicht hinreichende Sicherheit?‘

Soll ich es bekennen? Ich war nicht glücklich in den ersten Tagen. Ich zweifelte nicht an Indianas Aufrichtigkeit, aber die Zukunft erschreckte mich. Seit dreißig Jahren mißtrauisch gegen mich selbst, konnte ich in einem Tage das Glück nicht fassen, zu gefallen und geliebt zu werden. Ich hatte Augenblicke der Ungewißheit, der Bitterkeit; ich bedauerte zuweilen, mich nicht in den See gestürzt zu haben, als ein Wort Indianas mich so glücklich gemacht hatte.

Auch sie schien zuweilen in ihre alte Schwermut zurückzufallen, denn das Herz gewöhnt sich an das Unglück, es faßt darin Wurzel und löst sich nur mühsam davon wieder los. Doch muß ich dem Herzen dieser Frau Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß sie nie Sehnsucht nach Raymon hatte; sie hat sich seiner nicht einmal mehr erinnert, um ihn zu hassen.

Endlich, wie es bei tiefen und wahren Neigungen geschieht, befestigte die Zeit unsere Liebe, statt sie zu schwächen; jeder Tag gab ihr neue Innigkeit, denn jeder Tag gab uns neue Veranlassung, einander zu achten und zu segnen. Nach und nach verschwanden alle unsere Besorgnisse, und als wir sahen, wie leicht diese Gegenstände des Mißtrauens zu beseitigen wären, liebten wir uns mit voller Zuversicht.“

Ralph schwieg, aber nach einigen Augenblicken frommer Sammlung, in die wir uns beide versenkt hatten, fuhr er fort, indem er mir die Hand drückte:

„Ich spreche Ihnen nicht von meinem Glück; wenn es Schmerzen gibt, die sich nicht aussprechen lassen, so gibt es auch Freuden, die in dem menschlichen Herzen verborgen bleiben, weil Worte sie nicht schildern können. Man muß erst vom Sturm gebrochen, vom Blitz getroffen worden sein, um solche Freuden, solches Glück zu verstehen. Und was nun unsere Verbrechen betrifft,“ fügte er lächelnd hinzu …

„O,“ rief ich, die Augen mit Tränen erfüllt.

„Hören Sie, mein Herr,“ unterbrach er mich sogleich, „Sie haben nur wenige Stunden mit den beiden Verbrechern von Bernica gelebt, aber eine einzige reichte für Sie hin, ihr ganzes Leben zu lernen. Unsere Tage gleichen sich alle, sie gehen schnell und rein an uns vorüber, wie die Tage unserer Kindheit. Jeden Abend segnen wir den Himmel, jeden Morgen flehen wir um seinen Schutz. Der größere Teil unserer Einkünfte ist dem Loskaufen armer, kranker Neger gewidmet. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Kolonisten uns Böses nachsagen. Wären wir doch reich genug, um alle die Armen zu befreien, welche in der Sklaverei leben! – Unsere Diener sind unsere Freunde, sie teilen unsere Freude, wir pflegen sie in ihrer Krankheit. So geht unser Leben ohne Kummer, ohne Vorwurf hin. Sehen wir zuweilen Tränen in unseren Augenwimpern, so gelten sie nur unserem Glücke.“

„Lieber Freund,“ sagte ich zu ihm, nach einem langen Stillschweigen, „könnten die Beschuldigungen der Welt bis zu Ihnen dringen, Ihr Glück würde laut darauf antworten.“

„Sie sind jung,“ antwortete er, „für Sie, dessen reine Seele die Welt noch nicht beschmutzt hat, bezeugt das Glück unsere Tugend, für die Welt bestätigt es unser Verbrechen. O, die Einsamkeit ist schön und die Menschen sind nicht wert, daß man bedauert, ohne sie zu leben. Man hält den menschlichen Umgang notwendig für das Glück. Wer es glaubt, mag sie achten. Ich aber beklage aufrichtig jedes Glück, das sich nach ihren Launen richten muß.“

„Einige tadeln Ihre Zurückgezogenheit,“ wagte ich einzuwenden, „sie behaupten, jeder Mensch gehöre der Gesellschaft, die Anspruch auf ihn habe. Es wäre ein gefährliches Beispiel, welches Sie der Gesellschaft gäben.“

„Die Gesellschaft darf nichts von dem verlangen, der nichts von ihr erwartet,“ antwortete Sir Ralph. „Die üble Wirkung meines Beispiels aber bezweifle ich, mein Herr, es ist zu viel Energie nötig, um dauernd mit der Welt zu brechen. Also lasse man uns unser Glück, das niemandem etwas kostet und das sich verbirgt, aus Furcht, Neid zu erregen. Gehen Sie, junger Mann, erwerben Sie sich Freunde, einen Stand, einen Ruf, ein Vaterland. Ich besitze Indiana. Brechen Sie nicht die Fesseln, die sie an die Gesellschaft binden, achten Sie ihre Gesetze, wenn sie Ihnen Schutz gewähren, halten Sie ihr Urteil in Ehren, wenn es billig gegen Sie ist; aber wenn die Gesellschaft Sie eines Tages verleumdet und verstößt, dann seien Sie stolz genug, um sie entbehren zu können.“

„Ja,“ sagte ich, „ein reines Herz kann uns die Verbannung erträglich machen, aber um sie zu lieben, muß man eine Gefährtin haben, wie die Ihrige.“

„Ach,“ sagte er mit einem unbeschreiblichen Lächeln, „wenn Sie wüßten, wie ich diese Welt beklage, die verächtlich auf mich herabsieht.“

Am folgenden Tage schied ich von Ralph und Indiana; Ralph umarmte mich, Indiana entließ mich unter Tränen.

„Leben Sie wohl,“ riefen sie mir zu, „und wenn die Welt, in die Sie jetzt zurückkehren, Sie eines Tages verstößt, dann erinnern Sie sich unserer indischen Hütte.“


Ende.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anführungszeichen fehlt in der Vorlage
  2. Vorlage: Bernice