Juedischer Krieg/Buch II 1-9

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Juedischer Krieg
Buch II 10-16 »
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II. Buch.


Nähere Vorgeschichte

oder

Keime des Krieges.

Von der Thronbesteigung des Archelaus bis zum Ausbruch des Krieges.

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Erstes Capitel.
Erneuerung der Huldigung gegen Archelaus. Ungestüme Forderungen an den König. Blutige Unterdrückung eines Aufstandes.

1 (1.) Dem Archelaus bereitete der Umstand, dass er nothwendig nach Rom reisen musste, gleich anfangs neue Wirren. Als er nämlich sieben Tage für seinen Vater Trauer gehalten und dem Volke ein sehr splendides Todtenmahl gegeben hatte, wie es bei den Juden schon Sitte ist – eine Sitte übrigens, die viele in Armut stürzt, weil es einem nicht freisteht, ob man die ganze Menge der Leidtragenden zum Schmause laden will oder nicht, sondern jeder, der es unterlässt, für pietätlos gilt –, zog er an Stelle des Trauergewandes ein weißes Kleid an und gieng in den Tempel, wo ihn das Volk unter den mannigfaltigsten Glückwunschbezeugungen empfieng. 2 Auch Archelaus bewillkommte seinerseits die Volksmenge von einem goldenen Throne aus, der auf einer hohen Estrade aufgestellt war, und sprach ihr vor allem seinen Dank für den regen Eifer aus, den sie beim Leichenbegängnisse seines Vaters bewiesen, wie auch für die Huldigungen gegen seine eigene Person, die selbst gegen einen bereits bestätigten König nicht schöner hätten sein können. Doch wolle er sich, erklärte er, vorläufig nicht bloß jeder Machtäußerung, sondern selbst der Anwendung der königlichen Titulatur enthalten, bis der Kaiser seine Thronfolge bestätigt haben würde, da diesem allein, wie schon das Testament hervorhebe, die oberste Verfügung über Alles zustünde. 3 So habe er auch in Jericho nicht einmal von dem Heere, das ihm schon das Diadem um die Stirne binden wollte, dasselbe entgegengenommen. Er werde indes ihre Bereitwilligkeit und wohlwollende Gesinnung, wie dem Militär, so auch dem Volke reichlichst vergelten, sobald er von den obersten Machthabern definitiv zum König ernannt sein würde. Denn es werde sein eifrigstes Bemühen sein, in jeder Beziehung einen besseren Eindruck auf sie zu machen, als sein Vater gemacht habe.

4 (2.) Darüber hocherfreut, wollte sich nun die Menge sogleich von der Aufrichtigkeit seiner Gesinnung durch hochgespannte Forderungen überzeugen. Die einen schrien, dass er die Abgaben erleichtern, andere, dass er die Zölle abschaffen, einige sogar, dass er die Gefangenen [132] freigeben möge. Um sich die Gunst des Volkes zu erhalten, sagte Archelaus zu Allem „Ja“. Er ließ hierauf Opfer darbringen und that sich mit seinen Freunden gütlich. 5 Da, am späten Nachmittag, rottet sich ein ziemlich großer Haufen von Leuten zusammen, die es auf einen Umsturz abgesehen hatten, und inscenieren, nachdem die allgemeine Trauer für den König jetzt abgeschlossen war, ihre eigene Trauerfeier, welche der Klage um die von Herodes für das Herabschlagen des goldenen Adlers am Tempelthor hingerichteten Personen gelten sollte. 6 Es hatte aber diese Feier keineswegs den Charakter einer stillen Trauer, sondern sie äußerte sich in durchdringenden Weherufen, wie auf ein Commando erscholl die Todtenklage, und von den Schlägen, mit denen sich die Jammernden die Brüste zerschlugen, hallte es rings in der Stadt wider, alles angeblich aus Schmerz über die Männer, die, wie man sich ausdrückte, um der väterlichen Gesetze und um des Tempels willen so elend hingeschlachtet worden wären. 7 Mit lautem Geschrei forderte man aber auch eine Genugthuung für diese Opfer in der Bestrafung der früheren Günstlinge des Herodes und vor allem in der Entfernung des vom König aufgestellten Hohenpriesters, an dessen Stelle schon nach dem Gebot der einfachsten Selbstachtung ein frömmerer und reinerer Mann gewählt werden müsse.

8 (3.) Obschon diese Forderungen dem Archelaus das Blut in die Wangen trieben, musste er gleichwohl die Bestrafung der Meuterer zurückstellen, weil er sich mit seiner Abreise beeilen wollte und besorgen musste, falls er einmal die Volksmassen durch bewaffnetes Einschreiten gereizt haben würde, durch die daraus entstehende Bewegung erst recht zurückgehalten zu werden. Er versuchte darum mehr auf dem Wege der Ueberredung, als der Gewalt, die Meuterer zur Ruhe und Ordnung zurückzuführen und ließ sie zunächst durch seinen Feldhauptmann, den er in ihre Mitte sandte, zum Frieden mahnen. 9 Kaum aber hatte derselbe den Tempel betreten, als ihn auch schon die Empörer, ohne dass er sich auch nur mucksen konnte, mit Steinwürfen zum Heiligthum hinausjagten. Auch für alle anderen, die nach ihm herbeikamen, um sie zu verwarnen, – und deren schickte Archelaus sehr viele in den Tempel hinein – hatten sie nur zornige Antworten, so dass man sich nicht mehr verhehlen konnte, die Juden würden, sobald sie erst einmal Zufluss bekämen, gutwillig sich nicht mehr fügen. 10 Und richtig, als das Fest der ungesäuerten Brote, das bei den Juden den Namen Pascha führt und von einer großen Menge von Opfern begleitet ist, vor der Thüre stand, da kam eine ungeheure Volksmasse vom Lande zur Festfeier nach Jerusalem herein, während diejenigen, welche die Trauer über die Gesetzeslehrer veranstaltet hatten, auch [133] schon im Tempel gruppenweise herumstanden und so dem Aufstand immer neue Nahrung gaben. 11 Jetzt gerieth Archelaus in ernstliche Besorgnis und schickte, um die Ausbreitung der revolutionären Raserei über das ganze Volk noch bei Zeiten zu verhüten, einen Obersten an der Spitze einer Cohorte unter sie, mit dem Befehle, den Aufruhrstiftern mit Gewalt das Handwerk zu legen. Bei ihrem Erscheinen kam die ganze Menge in eine wilde Gährung und überschüttete die Cohorte mit einem Hagel von Steinen, unter dem die meisten todt am Platze blieben, während der Oberst, mit Wunden bedeckt, nur mit genauer Noth sich retten konnte. 12 Hierauf kehrten sich die Rebellen um und opferten ruhig weiter, als wäre gar nichts vorgefallen! Anders aber Archelaus, dem jetzt einleuchtete, dass dem Volke ohne eine blutige Lection nicht mehr Einhalt geboten werden könne. Er warf sofort sein ganzes Heer auf die Empörer, die Fußtruppen mussten in geschlossenen Massen von den Straßen der Stadt aus gegen den Tempel rücken, indes die Reiterei in der freien Umgebung desselben operierte. 13 So stürzten sie plötzlich über die Opfernden her, hieben bei 3000 davon nieder und versprengten die übrige Masse nach den umliegenden Bergen. Den Abschluss dieser blutigen Scene machte die Ankunft von Herolden, die im Namen des Archelaus verkündeten, dass Jedermann sich nach Hause zu begeben habe, worauf denn in der That alle Pilger das Fest unterbrachen und sich aus dem Staube machten.


Zweites Capitel.
Archelaus vor Augustus. Der Einspruch seiner Verwandten. Glückliche Vertheidigung durch Nikolaus. Unschlüssigkeit des Kaisers.

14 (1.) Nun begab sich Archelaus in Begleitung seiner Mutter und seiner Freunde Poplas, Ptolemäus und Nikolaus zur See hinab, während er zu Jerusalem Philippus in der Eigenschaft eines Verwalters der königlichen Paläste und Hüters seines Hauses zurückließ. 15 Zu gleicher Zeit mit Archelaus reisten auch Salome mit ihren Kindern, sowie seine Brüder und Schwäger ab, vorgeblich, um sich für die Thronfolge des Archelaus ins Zeug zu legen, in Wirklichkeit aber, um ihn wegen der im Heiligthum verübten Gesetzesfrevel zu verklagen.

16 (2.) In Cäsarea begegnete ihm der kaiserliche Schatzmeister von Syrien, namens Sabinus, der eben nach Judäa hinauf wollte, um die Cassen des Herodes in seine Obhut zu nehmen. Doch war noch zur rechten Zeit der Statthalter Varus, den Archelaus durch Vermittlung des Ptolemäus inständig um seine persönliche Dazwischenkunft hatte ersuchen lassen, hier angekommen, um den Sabinus von der [134] Fortsetzung seines Weges abzuhalten. 17 Aus Rücksicht für Varus unterbrach denn Sabinus seine gar eilige Reise nach den Schlössern des Herodes, wo er sonst dem Archelaus die Schatzkammern seines Vaters vor der Nase versiegelt haben würde, und gab auch das Versprechen, bis zum Erkenntnis des Kaisers nichts weiteres unternehmen zu wollen. 18 Er blieb also in Cäsarea. Sobald aber die unbequemen Persönlichkeiten sich wieder entfernt hatten, und zwar die eine nach Antiochien aufgebrochen, Archelaus aber nach Rom abgesegelt war, machte sich Sabinus schleunig auf den Weg nach Jerusalem und setzte sich dort in den Besitz der königlichen Paläste. Er ließ dann die Commandanten der verschiedenen Schlösser, wie auch die königlichen Verwalter zu sich kommen, um auf diesem Wege die Verzeichnisse der Schätze auszuschnüffeln und sich auch der Schlösser zu versichern. 19 Aber die Schlosshauptleute setzten sich sowenig über die Befehle des Archelaus hinaus, dass sie im Gegentheil unentwegt alles und jedes sorglich hüteten und überdies auch so vorsichtig waren, sich für ihr Benehmen nicht so sehr auf Archelaus, als vielmehr auf den Kaiser selbst zu berufen.

20 (3.) Unterdessen zog ein neuer Gegner des Archelaus von Judäa nach Rom: es war das Antipas, der ihm mit der Behauptung, dass das eigentliche Testament, in welchem er selbst als König gestanden, doch rechtskräftiger sein müsse, als der Nachtrag dazu, die Krone streitig machen wollte. Er hatte zudem selbst von Salome und vielen Verwandten, die mit Archelaus nach Rom fuhren, schon vorher das Versprechen erhalten, dass sie sich seiner Sache annehmen würden, 21 und suchte auch seine Mutter, sowie den Bruder des Nikolaus, den Ptolemäus, auf seine Seite zu ziehen, eine Persönlichkeit, die ihm wegen des Vertrauens, das sie bei Herodes genossen hatte, von ausschlaggebender Bedeutung zu sein schien. Ptolemäus hatte ja unter allen Freunden bei Herodes das größte Ansehen. Die größte Hoffnung jedoch setzte Antipas in den Rhetor Irenäus, von dessen gewaltiger Beredsamkeit er sich einen so sicheren Erfolg versprach, dass er in der Erwartung desselben alle noch so gut gemeinten Mahnungen, dem Archelaus als dem ältesten Bruder und durch das Codicil allein berechtigten Thronfolger doch keine Schwierigkeiten zu bereiten, barsch von sich wies. 22 Nach seiner Ankunft in Rom wandten ihm schließlich alle seine Verwandten, denen Archelaus immer verhasster wurde, ihre Sympathien zu. In erster Linie wünschte sich freilich ein jeder die volle Autonomie unter der Aufsicht eines römischen Legaten: würde man aber das nicht erreichen können, so wollte man noch lieber Antipas, als Archelaus, auf dem Throne sehen.

[135] 23 (4.) Diese Action der Verwandten gegen Archelaus unterstützte auch noch Sabinus durch Briefe, die er an den Kaiser richtete und die über Archelaus nur Klagen, über Antipas dagegen das höchste Lob brachten. 24 So machte sich denn die Partei der Salome daran, die verschiedenen Beschwerdepunkte in einer Klageschrift zusammenzustellen, die sie dann beim Kaiser einreichte. Darauf antwortete Archelaus mit einer Gegenschrift, welche die Hauptpunkte seiner Rechtsansprüche darlegte, und ließ zugleich durch Ptolemäus den Siegelring seines Vaters, wie auch dessen Papiere dem Augustus übergeben. 25 Der Kaiser zog zunächst die von beiden Seiten vorgebrachten Gründe, sowie den Umfang des Königreiches und die Höhe seiner Einkünfte, außerdem noch die zahlreichen Glieder des herodianischen Hauses bei sich in Erwägung, las dann die von Varus und Sabinus hierüber eingelaufenen Berichte durch und versammelte hierauf den Staatsrath, an welchem er auch seinen Adoptivsohn Cajus, den Sohn des Agrippa und seiner Tochter Julia, zum erstenmal theilnehmen ließ. Hier ertheilte er nun den Parteien das Wort.

26 (5.) Zuerst trat Antipater, der Sohn der Salome, entschieden der tüchtigste Redner der Gegenpartei, in die Schranken und begann seine Anklagerede: Wenn Archelaus, so führte er aus, in diesem Augenblicke um den Thron sich bemühe, so sei das ein bloßes Geflunker mit Worten, weil er sich in der That schon längst als König geberdet habe und die jetzige feierliche Audienz vor dem Kaiser zu einem bloßen Possenspiel herabwürdige. Hätte er ja doch seine Entscheidung im Punkte der Thronfolge gar nicht erst abgewartet, 27 wenn anders es Thatsache sei, dass er nach dem Ableben des Herodes heimlich Leute bestellt und unter die Volksmenge gesteckt habe, die ihm das Diadem umwinden sollten, dass er feierlich auf einem Throne Platz genommen und wie ein König in verschiedenen Anliegen Audienzen ertheilt, wichtige Aenderungen in der Heeresorganisation getroffen und Avancements gestattet, 28 ja auch dem Volke alles versprochen habe, was es nur immer von ihm und zwar in einem Tone, als sei er schon wirklicher König, zu erlangen wünschte, und dass er endlich auch die von seinem Vater auf die schwersten Anschuldigungen hin in Haft gesetzten Personen ohne weiters freigelassen hätte. Und jetzt komme er daher, um sich von seinem höchsten Herrn eine Schattenkrone zu erbitten, indes er die wirkliche sich selbst schon eigenmächtig aufs Haupt gesetzt habe, um auf solche Art den Kaiser aus einem Gewalthaber zu einem Titelverleiher zu machen. 29 Ueberdies erhob Antipater gegen Archelaus den entehrenden Vorwurf, er habe selbst mit der Trauer über seinen Vater nur eine niedrige Farçe gespielt, indem er am Tage das jämmerlichste [136] Gesicht gemacht, des Nachts aber sich so angezecht, dass er es wie der tollste Nachtschwärmer getrieben habe. Dies sei auch, erklärte Antipater, der eigentliche Grund gewesen, warum das über ein solches Treiben ganz empörte Volk zum Aufruhr gegriffen habe. 30 Hier setzte der Redner zum entscheidenden Angriff ein: es war die Hinmordung sovieler Menschen in den Räumen des Heiligthums. „Diese armen Leute,“ rief er aus, „sind zur Festfeier gekommen, um über ihren eigenen Opfern selber unbarmherzig hingeschlachtet zu werden, und die Menge der im Tempel aufgethürmten Leichen erreichte eine solche Höhe, wie sie nicht einmal ein heidnisches Kriegsheer, und wäre es selbst ohne jede Kriegserklärung über die Stadt hergefallen, hätte aufhäufen können. 31 Selbst der eigene Vater hat schon diesen grausamen Charakter des Archelaus rechtzeitig durchschaut und ihm darum auch nicht die leiseste Hoffnung auf die Krone gegeben – abgesehen von jener Stunde, wo er, schon kränker am Geist als am Leibe und eines gesunden Gedankens nicht mehr mächtig, einen Thronfolger ins Codicil schrieb, den er nicht einmal mehr kannte, wohlgemerkt, ohne dass der König gegen den Erben im Haupttestamente, das er noch bei voller Gesundheit des Leibes und bei voller Geistesklarheit verfasst hatte, auch nur die geringste Beschwerde gehabt hätte. 32 Wollte aber schon jemand durchaus dem Urtheile eines schwerkranken Mannes eine größere Rechtskraft zuschreiben, so hat sich doch Archelaus selbst nachträglich durch seine die Krone schändenden Frevel die Herrschaft aberkannt. Oder was für ein sauberer Regent möchte doch wohl nach erlangter kaiserlicher Bestätigung aus einem Menschen werden, der schon vor dieser Bestätigung so viele Leute hat hinmetzeln lassen?“

33 (6.) Nachdem Antipater noch viele ähnliche Beschwerden durchgegangen und jeden einzelnen Punkt durch die Zeugenaussagen seiner Verwandten, von denen er die meisten für sich citieren konnte, belegt hatte, schloss er seine Anklagerede. 34 Hierauf erhob sich Nikolaus zur Vertheidigung des Archelaus und wies zuerst nach, dass das Gemetzel im Tempel ein Gebot der Nothwendigkeit gewesen sei, weil die niedergehauenen Empörer dadurch, dass sie den Thron des Herodes angriffen, auch die kaiserliche Oberherrlichkeit über denselben, von der gerade die gegenwärtige Gerichtssitzung feierliches Zeugnis gebe, angegriffen hätten. 35 Auf die anderen Beschuldigungen übergehend, konnte sich der Redner darauf berufen, dass gerade die Ankläger es gewesen seien, die dem Archelaus zu diesen Maßregeln gerathen hatten. In Betreff des Nachtrages zum Testamente endlich glaubte der Vertheidiger ganz besonders aus dem Grunde die Rechtsgiltigkeit vertreten zu können, weil Herodes darin auch die Bestätigung des Thronfolgers [137] durch Augustus ausdrücklich festgesetzt habe. 36 „Denn wer noch so weit seiner mächtig gewesen ist, dass er dem Herrn des römischen Reiches seinen Thron zur Verfügung stellen konnte, der hat sich,“ schloss Nikolaus, „wohl auch in dem Erben nicht geirrt: gewiss hat der noch bei vollem Bewusstsein den Thronbewerber vorgeschlagen, der das eine noch klar wusste, bei wem sich derselbe um die Bestätigung zu bewerben habe.“

37 (7.) Nachdem so auch der Vertheidiger alle Gesichtspunkte erschöpft hatte, trat Archelaus vor und warf sich schweigend dem Kaiser zu Füßen. Dieser aber hieß ihn freundlich aufstehen und deutete ihm an, dass der Uebernahme des väterlichen Thrones in Ansehung seines Charakters nichts entgegenstehe; doch gab er noch keine bindende Erklärung 38 und entließ einstweilen die Versammelten, um die gewonnenen Eindrücke bei sich zu verarbeiten, weil er noch nicht wusste, ob er wirklich einen bestimmten Thronfolger aus den in beiden Testamenten bezeichneten Persönlichkeiten ernennen oder aber das Reich auf das ganze Haus des Herodes vertheilen sollte, da ihm die zahlreichen Mitglieder desselben doch eine standesgemäße Versorgung zu erheischen schienen.


Drittes Capitel.
Die Römer werden unter Sabinus zu Jerusalem hart angegriffen und schließlich im Königshof belagert.

39 (1.) Bevor noch der Kaiser eine Entscheidung in der Sache des Archelaus fällte, wurde dessen Mutter Malthace krank und starb. Zu diesem Unglück kamen noch briefliche Nachrichten von Varus aus Syrien, die von einem Abfall der Juden redeten. 40 Einen solchen hatte übrigens Varus schon vorausgesehen, weshalb er auch nach der Abfahrt des Archelaus alsbald gegen Jerusalem herangezogen war, um die Ruhestörer im Zaume zu halten, da alle Anzeichen dafür sprachen, dass die jüdische Nation sich nicht fügen würde. Nachdem er eine der drei syrischen Legionen, mit der er eben einmarschiert war, in der Stadt zurückgelassen hatte, 41 hatte er sich wieder nach Antiochien zurückbegeben. Bald nach ihm kam auch Sabinus in die Hauptstadt und bot den Juden den erwünschten Anlass zu einer Umwälzung. Er ertrotzte nämlich, gestützt sowohl auf die von Varus zurückgelassenen Truppen, wie auch auf seine eigenen zahlreichen Sclaven, die er insgesammt mit Waffen versehen hatte, um sie als Handlanger seiner Habgier zu verwenden, die Uebergabe der königlichen Schlösser von ihren Besatzungen und durchwühlte jetzt in der rohesten Weise die [138] Schätze des Königs. 42 Als nun Pfingsten herannahte, ein bei den Juden unter diesem Namen bekanntes Fest, welches den Abschluss von sieben Wochen bildet und von der Zahl dieser Tage seine Bezeichnung erhalten hat, da führte diesmal nicht die gewohnte Andacht, sondern der allgemeine Unwille das Volk nach der Hauptstadt. 43 Eine unzählbare Menschenmasse aus Galiläa und Idumäa, aus dem Gebiete von Jericho und dem östlich vom Jordan gelegenen Peräa sammelte sich in Jerusalem, wozu noch der Kern der Nation aus dem eigentlichen Judäa kam, hervorragend durch die Zahl und den Kampfesmuth seiner Männer. 44 Man bildete drei getrennte Heerhaufen, von denen jeder ein eigenes Lager bezog, der eine auf der Nordseite des Tempels, der zweite auf der Südseite beim Hippodrom, während die dritte Abtheilung beim Königspalaste gegen Westen hin Stellung nahm. So hatten sie die Römer auf allen Punkten eingeschlossen und machten sich nun an die Belagerung.

45 (2.) Beim Anblick ihrer Menge und ihres wilden Muthes überkam den Sabinus doch ein gelinder Schrecken, und er schickte Boten um Boten an Varus mit der Bitte um eiligen Entsatz, da im Falle eines Verzuges die ganze Legion niedergehauen werden könnte. 46 Er selbst stieg unterdessen auf den höchsten Thurm der Veste, welcher von dem durch die Parther gemordeten Bruder des Herodes seinen Namen herleitete und Phasaël hieß, und ermunterte von da herab durch Winke die Legionssoldaten zum Sturme auf die Feinde, weil er vor lauter Entsetzen sich nicht einmal zu den Seinigen herunterzugehen getraute. 47 Trotzdem fügten sich die Legionäre dem furchtsamen Commando, machten einen Ausfall aus der Burg und drangen unter einem harten Kampfe mit den Juden gegen den Tempel vor, wo sie Dank ihrer militärischen Schulung gegenüber der ungeübten Menge so lange im Vortheile blieben, als es bei den Feinden niemandem einfiel, von oben herab Widerstand zu leisten. 48 Sobald aber einmal eine größere Zahl von Juden die Säulenhallen von oben besetzt hatten, und sie nun ihre Geschosse den Römern gerade auf die Köpfe schleuderten, da wurden viele von den letzteren zerschmettert, und es wurde ebenso schwierig, sich der Schützen von oben zu erwehren, als dem Andrang im Nahkampf Stand zu halten.

49 (3.) Dergestalt von beiden Seiten hart mitgenommen, legten die Soldaten von unten Feuer an die Säulenhallen, die wegen ihrer Größe und Pracht wahre Wunderwerke waren. Im Nu waren die obenstehenden von den Flammen eingeschlossen, von denen viele im Feuer, viele andere aber unter den Händen der Feinde, unter die sie herabsprangen, ihr Leben verloren. Manche stürzten sich selbst auf [139] der rückwärtigen Seite über die Mauer in die Tiefe, einige fielen in ihrer Verzweiflung in das eigene Schwert, um dem Feuer zuvorzukommen. 50 Alle anderen aber, denen es geglückt war, heil von der Mauer herunterzugleiten, um sich auf die Römer zu werfen, konnten wegen des ausgestandenen Schreckens leicht bewältigt werden. Nachdem auf solche Art die Juden zum Theil gefallen, zum Theil in heillose Flucht zerstoben waren, stürzten sich die Soldaten auf den von allen Vertheidigern entblößten Gottesschatz und schleppten davon bei 400 Talente weg. Was von diesem Gelde nicht in den Händen der Soldaten hängen blieb, das heimste Sabinus ein!

51 (4.) Der Schmerz über den Verlust so schöner Werke und so vieler Männer brachte aber jetzt noch weit mehr und noch furchtbarere Kämpfer gegen die Römer auf die Beine. Die Juden umzingelten neuerdings die Königsburg und drohten, alle Römer ohne Ausnahme über die Klinge springen zu lassen, wenn sie nicht schnellstens den Platz räumen würden: wäre aber Sabinus bereit, mit seiner Legion abzumarschieren, so wollten sie sich mit ihrem Worte für einen ungestörten Abzug verbürgen. 52 Die Juden wurden hiebei auch von den königlichen Truppen unterstützt, die zum größten Theile zu ihnen übergegangen waren. Die besten Kerntruppen jedoch, 3000 Sebastener unter den Befehlen des Rufus und Gratus, von denen der eine das königliche Fußvolk, Rufus aber die Reiterei commandierte, und die beide, auch abgesehen von der ihnen zur Verfügung stehenden Truppe, schon wegen ihrer Tapferkeit und Einsicht für den Ausgang des Kampfes von ausschlaggebender Bedeutung waren, hatten sich an die Römer angeschlossen. 53 Die Juden warfen sich nun mit Eifer auf die Belagerung und schrien, während sie sich an die Mauern der Burg machten, zu gleicher Zeit den Leuten des Sabinus in einemfort zu: „Ziehet doch einmal ab und legt unserem jetzigen redlichen Bemüh’n um die langentbehrte väterliche Selbständigkeit nichts mehr in den Weg! 54 Dem Sabinus wäre es freilich recht lieb gewesen, hätte er in solcher Weise aus der Falle entschlüpfen können, aber er traute den Versprechungen der Juden nicht recht und witterte hinter ihrem gnädigen Angebot nur einen Köder, der ihn in einen Hinterhalt locken sollte. Da er andererseits auch auf einen Entsatz von Varus hoffen konnte, so wollte er doch lieber die Belagerung noch länger aushalten.

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Viertes Capitel.
Andere gleichzeitige Aufstände im Lande: so jener der ausgedienten Soldaten des Herodes, der Aufruhr des Judas, Simon und Athrongäus.

55 (1.) Unterdessen brachen auch an vielen Orten auf dem Lande Unruhen aus, und der günstige Zeitpunkt verlockte gar viele, ihre Hand selbst nach der Krone auszustrecken. So rotteten sich in Idumäa 2000 Bewaffnete zusammen, die einst unter Herodes gedient hatten, und lieferten den Königlichen verschiedene Scharmützel. Doch stützten sich die letzteren bei diesem Kampfe unter der Führung des Vetters des Herodes Achiab fast nur auf die Hauptfestungen und suchten wohlweislich jedem Treffen auf offenem Felde auszuweichen. 56 Auch in Sepphoris in Galiläa sammelte Judas, ein Sohn des Räuberhauptmanns Ezechias, der einstmals das Land unsicher gemacht hatte, bis er in die Hände des Königs Herodes fiel, eine nicht unbeträchtliche Bande, mit welcher er dann in die königlichen Arsenale eindrang und, nachdem er daraus seine Leute sämmtlich mit Waffen versehen hatte, zum Angriff auf alle, die ihm seine Herrschaft streitig machen wollten, übergieng.

57 (2.) In Peräa setzte sich sogar ein ehemaliger Sclave des Herodes, namens Simon, pochend auf seine Wohlgestalt und Leibesgröße, das Diadem auf und zog mit der Räuberbande, die er gebildet hatte, im Lande herum. Auf diesen Streifungen brannte er den königlichen Palast in Jericho und viele andere Edelsitze im Lande nieder, um sich so durch Sengen und Brennen auf eine mühelose Art seine Beute zu verschaffen. 58 Er hätte wohl in kürzester Zeit die Monumentalbauten bis auf den letzten in Asche gelegt, wenn nicht der Befehlshaber des königlichen Fußvolkes Gratus die Trachonitischen Bogenschützen und die Elite der Sebastener aufgeboten hätte und dem Manne zu Leibe gerückt wäre. 59 In dem nun folgenden Gefechte ward eine große Anzahl von Peräern niedergemacht, Simon selbst flüchtete durch eine steile Schlucht, doch schnitt ihm Gratus den Weg ab und traf den Flüchtling mit einem Hieb von der Seite so in den Nacken, dass er ihn förmlich köpfte. Außerdem erregten noch einige andere Leute aus Peräa einen Aufruhr, bei welchem auch das in der Nähe des Jordan gelegene Königsschloss bei Betharamathus in Flammen aufgieng.

60 (3.) Ja selbst ein Hirte, namens Athrongäus, wagte es damals als Kronprätendent aufzutreten. Er machte sich diese Hoffnung bloß aus dem Grunde, weil er über einen kräftigen Körperbau, über ein Herz voll Todesverachtung und außerdem über vier Brüder verfügte, die ihm ganz ähnlich waren. 61 Einem jeden derselben gab er eine be- [141] waffnete Bande zur Seite und schickte sie wie Feldherren und Satrapen über Land, während er selbst in seiner Eigenschaft als König sich natürlich mit vornehmeren Geschäften befasste. 62 Es blieb übrigens das Attentat auf die Krone von Seite dieses Mannes kein bloßer vorübergehender Versuch, sondern es gelang ihm auch, sich in der Folgezeit eine nicht unbeträchtliche Weile zu behaupten und das Land im Verein mit seinen Brüdern durch seine Streifzüge in Athem zu halten. Sie hatten es dabei vor allem auf die Niedermetzlung der Römer und der Königlichen abgesehen, doch ließen sie auch keinen Juden durchschlüpfen, wenn er im Besitze von Wertsachen in ihre Hände gerieth. 63 Athrongäus wurde so keck, dass er einmal sogar einen ganzen römischen Manipel, welcher der Legion Proviant und Waffen überbringen sollte, bei Emmaus einschloss und den commandierenden Hauptmann Arius nebst vierzig seiner wackersten Krieger niederschoss. Die übrigen schwebten in Gefahr, dasselbe Schicksal zu erleiden, und entkamen nur darum, weil Gratus mit seinen Sebastenern ihnen gerade noch früh genug Hilfe brachte. 64 Solcher Ueberfälle machten sie auf Einheimische und Römer im Verlaufe dieser kriegerischen Bewegung noch gar viele, bis endlich nach einiger Zeit ihrer drei und zwar der älteste von Archelaus, die zwei etwas jüngeren von Gratus und Ptolemäus, denen sie in die Hände gerathen waren, unschädlich gemacht wurden. Der vierte ergab sich dann auf Gnade dem Archelaus. 65 Dieses Schicksal ereilte sie, wie gesagt, erst später: zu unserer Zeit erfüllten sie noch ganz Judäa mit den Schrecken eines Bandenkrieges.


Fünftes Capitel.
Varus stellt in Judäa die Ruhe wieder her.

66 (1.) Als Varus die Briefe des Sabinus und der Truppencommandanten erhalten hatte, glaubte er sofort für die ganze Legion fürchten und darum schleunigst zu ihrem Entsatze aufbrechen zu müssen. 67 Er nahm die zwei anderen Legionen und die ihnen zugetheilten vier Reitergeschwader und marschierte nach Ptolemais ab, das er auch zum Sammelplatz für die Bundestruppen der verschiedenen Könige und Fürsten bestimmt hatte. Unterwegs zog er überdies von den Einwohnern der Stadt Berytus, durch die er durchkam, noch 1500 Schwerbewaffnete an sich. 68 Sobald dann in Ptolemais das gesammte Heer der Bundesgenossen, darunter auch der Araber Aretas, den übrigens nur der Hass gegen Herodes hiebei leitete, an der Spitze einer nicht unbedeutenden Streitmacht von Reiterei und Fußvolk, eingetroffen war, sandte Varus sofort einen Theil seiner Truppen nach [142] der an das Gebiet von Ptolemais angrenzenden Landschaft Galiläa. Die Leitung der Expedition übergab er seinem Freund Cajus, der denn auch die entgegenrückenden Feinde zurückwarf, die Stadt Sepphoris erstürmte und verbrannte, ihre Bewohner aber zu Sclaven machte. 69 Hierauf zog Varus in Person an der Spitze der ganzen wiedervereinigten Macht Samaria zu, that aber der Stadt nichts zuleide, weil er erfahren hatte, dass sie dem Beispiel anderer aufrührerischer Städte nicht gefolgt war und keine aufständische Bewegung hatte aufkommen lassen. Er campierte dafür in der Umgebung eines Dorfes, namens Arus. Da dasselbe ein Besitzthum des Ptolemäus war, so ward es von den Arabern, die auch alle Freunde des Herodes mit ihrem Grimme verfolgten, gründlich ausgeraubt. 70 Von da zog Varus nach einem anderen Dorfe, Sampho, auf einer Anhöhe gelegen, das die Araber nebst allen anderen benachbarten Ortschaften, auf die sie stießen, gleichfalls ausplünderten. Feuersäulen und Blutbäche bezeichneten ihren Weg, und vor ihren räuberischen Händen war nichts geschützt. 71 Auch Emmaus, dessen Bewohner übrigens die Flucht ergriffen hatten, wurde, und zwar auf ausdrücklichen Befehl des Varus, der die Hinschlachtung des Arius und seiner Krieger noch nicht verschmerzt hatte, eingeäschert.

72 (2.) Von hier aus gieng Varus gegen Jerusalem vor, doch genügte sein bloßes Erscheinen an der Spitze des römischen Heeres, um die Stellungen der Juden aufzurollen. Während nun die früheren Belagerer sich aus dem Staube machten und über das Land hinflohen, 73 öffneten ihm die eigentlichen Stadtbewohner ihre Thore und suchten sich bei ihm von aller Schuld am Abfalle zu entlasten, indem sie betheuerten, dass sie für ihre Person der Bewegung ganz ferne gestanden und nur wegen des Festes gezwungen gewesen seien, die Menge in die Stadt einzulassen, wo sie dann, weit entfernt, den Meuterern im Kampfe zu helfen, im Gegentheil selbst von ihnen zugleich mit den Römern in Belagerungszustand versetzt worden seien. 74 Dem Varus waren übrigens gleich anfangs Josephus, der Vetter des Archelaus, mit Gratus und Rufus an der Spitze der königlichen Truppen und der Sebastener, sowie auch die römischen Legionäre in ihrer üblichen Kriegsparade entgegengezogen – ohne Sabinus. Der hatte es nicht einmal gewagt, dem Varus unter die Augen zu kommen, und darum schon früher sich aus der Stadt entfernt, um sich ans Meer zu begeben. 75 Varus ließ jetzt durch eine Abtheilung seines Heeres zur Verfolgung der Rebellen das Land abstreifen und konnte auch deren eine große Anzahl aufgreifen. Davon ließ er dann jene, die beim Aufruhr eine mehr untergeordnete Rolle gespielt hatten, bloß [143] in die Gefängnisse werfen, die Rädelsführer aber in der Zahl von beiläufig 2000 ans Kreuz schlagen.

76 (3.) In Jerusalem erfuhr er auch, dass Idumäa noch immer von Scharen Schwerbewaffneter in der Gesammtstärke von 10.000 Mann besetzt gehalten würde. Dessenungeachtet gab er gerade jetzt den Arabern ihren Abschied, weil er sich überzeugt hatte, dass sie so ganz und gar nichts von der Art wahrer Bundesgenossen hatten, sondern den Krieg nur auf eigene Faust und Rechnung führten und aus Hass gegen Herodes in der Schädigung des Landes weit über seine Absicht hinausgiengen. Er rückte also mit seinen Legionären allein in Eilmärschen gegen die Abtrünnigen heran. 77 Bevor es jedoch zum Kampfe kam, ergaben sich dieselben auf den Rath des Achiabus, worauf Varus dem großen Haufen gleich vollen Pardon gab, während er die Befehlshaber zur weiteren Verantwortung an den Kaiser sandte. 78 Augustus übte an der Mehrzahl Gnade und verhängte nur über einige Anverwandte des Königs, die, obwohl zur Sippe des alten Herodes gehörig, sich dennoch zu den Empörern geschlagen hatten, die Todesstrafe, weil sie gegen einen König aus dem eigenen Geblüte das Schwert ergriffen hätten. 79 Auf solche Art hatte nun Varus die Ruhe und Ordnung in Jerusalem wieder hergestellt. Zu ihrer ferneren Sicherung ließ er die schon früher hier dislocierte Legion zurück, während er selbst sich wieder nach Antiochia begab.


Sechstes Capitel.
Augustus vertheilt das Reich des Herodes unter dessen Kinder.

80 (1.) Archelaus bekam unterdessen in Rom einen neuen Process und zwar mit den Juden, die noch vor dem Ausbruch der Empörung mit Erlaubnis des Varus eine Gesandtschaft nach Rom geschickt hatten, um wegen der Erlangung der Autonomie für die Nation Schritte zu thun. Es waren ihrer fünfzig zu diesem Zwecke nach Rom gekommen, denen sich jedoch von den in Rom lebenden Juden noch über 8000 Bittsteller beigesellten. 81 Augustus versammelte nun die höchsten Staatsbeamten mit seinem Freundeskreise zu einer Sitzung in dem Apollotempel auf dem Palatin, der eine höchsteigene Schöpfung des Kaisers und darum mit wunderbarer Pracht ausgestattet war. Gegenwärtig war die ebenerwähnte jüdische Menge mit den Gesandten an ihrer Spitze, ihr gegenüber hatte sich Archelaus mit seinen Freunden aufgestellt, 82 während die Partei seiner Verwandten sich von beiden abseits hielt, weil sie es einerseits aus Hass und Neid gegen Archelaus nicht über sich gewinnen konnten, sich ihm anzuschließen, [144] andererseits jedoch auch die Ungnade des Kaisers fürchten mussten, falls sie sich vor ihm in Mitte der Ankläger sehen ließen. 83 Außer den Genannten hatte sich auch Philippus, der Bruder des Archelaus, eingefunden, nachdem er von dem wohlmeinenden Varus die Anregung, wie auch ein ehrenvolles Geleite für diese Reise erhalten hatte, die einen zweifachen Zweck verfolgen sollte, nämlich einmal den Archelaus in seinem Kampfe um die Krone zu unterstützen oder, falls der Kaiser die Herrschaft des Herodes unter alle seine Nachkommen theilen sollte, ihm selbst auch einen Antheil daran von seiner Gnade zu verschaffen.

84 (2.) Nach Ertheilung des Wortes ergiengen sich die Ankläger zuerst ausführlich über die Frevelthaten des Herodes: „Nicht unter einem König,“ sagten sie, „sind wir gestanden, sondern unter einem der grausamsten Tyrannen, die es je gegeben hat. Hat er ja doch den größten Theil des Volkes zur Schlachtbank geführt, die Ueberlebenden aber in einer Weise tractiert, dass man die Ermordeten noch glücklich preisen musste. 85 Denn nicht zu reden davon, dass er einzelne Unterthanen an ihrem physischen Leibe mit seinen Folterwerkzeugen schinden ließ, hat er selbst ganze Städte, sozusagen, ausgeschunden: ja bis aufs Blut hat er die eigenen Städte ausgesaugt, um mit dem erpressten Gelde die heidnischen Städte zu verschönern und das Mark unseres Landes an wildfremde Nationen zu verschwenden. 86 Von seinem alten Wohlstand und seiner altväterlichen Strenge hat er das Volk in den Abgrund der tiefsten Armut und Sittenverderbnis hinabgestoßen: mit einem Worte: wir Juden haben innerhalb weniger Jahre unter Herodes eine größere Summe von Leiden durchgemacht, als unsere während der Regierung des Xerxes heimgekehrten Ahnen die ganze Zeit über seit ihrer Rückkehr aus Babylon erduldet haben. 87 Durch das fortwährende Unglück abgestumpft, haben wir uns sogar so weit erniedrigt, dass wir es über uns gebracht haben, aus freien Stücken die bitter empfundene Knechtschaft selbst erblich zu machen, 88 indem wir den Archelaus, den Sprössling eines solchen Wütherichs, nach dem Tode seines Vaters unaufgefordert »König« tituliert, an seiner Trauer über das Ableben des Herodes Antheil genommen und ihm zu seiner Thronbesteigung Glück gewünscht haben. 89 Dieser Mensch nun hat im Gegentheil, gleichsam als wollte er sich alle Mühe geben, um nicht als Bastard des Herodes angesehen zu werden, den Weg zum Throne mit dem Blute von 3000 Bürgern bespritzt, und die Leichenmassen, die er am hohen Festtage im Heiligthum angehäuft, das waren seine erste glänzende Opfergabe um eine gottgesegnete Regierung! 90 Kein Wunder, wenn dann die wenigen, die so viele Quälereien noch überdauert haben, endlich einmal gegen ihr grausames Schicksal [145] Front gemacht haben und jetzt nach Kampfesbrauch statt des Rückens den Peinigern die Zähne weisen wollen. Doch möchten wir euch, o Römer, bitten: Erbarmt euch der Volksreste, die in Judäa noch geblieben sind, und werfet doch wenigstens das, was von unserer Nation noch übrig ist, nicht ihren grausamen Henkern hin! 91 Schlaget unser Land zu Syrien und gebet ihm nur eigene Landpfleger: wir werden dann den Beweis liefern, dass die gegenwärtig als Empörer und Kampfhähne angeschwärzten Juden einer gerechten Regierung sich ganz gut zu fügen wissen.“ 92 Mit dieser Bitte beendeten die Juden ihre Anklagerede. Jetzt stand Nikolaus auf und wies nicht bloß die gegen den König erhobenen Anwürfe als nichtig zurück, sondern erhob auch gegen die Nation selbst den Vorwurf angestammter Unlenksamkeit und Unbotmäßigkeit gegen ihre Könige. Dabei theilte der Redner auch Seitenhiebe an jene Verwandten des Archelaus aus, welche zu der Partei der Ankläger übergetreten waren.

93 (3.) Nachdem so der Kaiser beide Theile einvernommen hatte, hob er für einstweilen ohne Entscheid die Sitzung auf. Nach Verlauf weniger Tage aber verlieh er dem Archelaus die Hälfte des Königreichs mit dem Titel eines Ethnarchen und versprach ihm, ihn auch zum König zu machen, wenn er sich bewähren würde. 94 Die andere Hälfte theilte er in zwei Tetrarchien, die er an zwei andere Söhne des Herodes vergab, die eine nämlich an Philippus, die andere an den Antipas, der dem Archelaus die Krone streitig gemacht hatte. 95 Unter die Herrschaft des Antipas kamen Peräa und Galiläa mit einem jährlichen Einkommen von 200 Talenten. Batanäa, Trachonitis, Auranitis und einige Gebietstheile von der Herrschaft des Zeno, nämlich die Gegend um Jamnia herum, mit einem Erträgnis von 100 Talenten bekam Philippus. 96 Zur Ethnarchie des Archelaus gehörte Idumäa, ganz Judäa und Samaria, welch’ letzteres Gebiet indes als Anerkennung seiner guten Haltung während des allgemeinen Aufstandes ein Viertel der Steuern nachgelassen bekam. 97 Er erhielt überdies die Herrschaft über die Städte Stratonsthurm, Sebaste, Joppe und Jerusalem, nicht aber über die eigentlichen Griechenstädte, wie Gaza, Gadara und Hippus, die der Kaiser vielmehr bei dieser Gelegenheit vom Herodianischen Reiche wieder abzweigte und mit Syrien vereinigte. Das dem Archelaus verliehene Gebiet warf ein Erträgnis von 400 Talenten ab. 98 Salome erhielt, abgesehen von den sonstigen Vermächtnissen des Königs, die Bestätigung als Herrin von Jamnia, Azotus und Phasaelis, wozu ihr Augustus noch den königlichen Palast in Askalon schenkte. Alles in Allem hatte sie daraus ein Einkommen von 60 Talenten. Ihre Herrschaft sollte jedoch nach dem Willen des [146] Kaisers von der Ethnarchie des Archelaus abhängig sein. 99 Von den übrigen Nachkommen des Herodes kam jeder in den Besitz dessen, was ihm testamentarisch hinterlassen worden war. Zwei noch unvermählten Töchtern des Königs schenkte indes der Kaiser außer diesen väterlichen Legaten noch 500.000 Silberdenare und gab sie den Söhnen des Pheroras zur Ehe. 100 Nach der Zuweisung der einzelnen Herrschaftsgebiete vertheilte endlich der Kaiser unter die Familie des Herodes sogar das ihm selbst vom König vermachte Geschenk von 1000 Talenten und suchte sich für seine Person nur einige minderwertige Juwelen als Andenken an den Hingegangenen aus.


Siebentes Capitel.
Der falsche Alexander. Verbannung des Archelaus. Tod der Glaphyra.

101 (1.) Um diese Zeit verfiel ein junger Mann, ein gebürtiger Jude, der aber in Sidon bei einem römischen Freigelassenen auferzogen worden, verleitet von seiner Leibesgestalt, die dem von Herodes hingerichteten Alexander ganz ähnlich war, auf den Gedanken, sich für denselben auszugeben, und kam in der Hoffnung, dass niemand seine wahre Persönlichkeit erkennen würde, sogar nach Rom. 102 Bei diesem Schwindel wurde er von einem anderen Juden unterstützt, der, von allen Vorgängen im Königreiche wohl unterrichtet, ihn anleitete zu sagen, dass die Leute, die ihn und Aristobulus hätten hinrichten sollen, sie aus Erbarmen hätten entschlüpfen lassen und für sie Leichen von Menschen unterschoben hätten, welche ihnen ganz ähnlich waren. 103 Damit gelang es ihm denn auch, zunächst die auf Kreta wohnenden Juden völlig zu berücken, und er fuhr dann, von ihnen mit Reisemitteln reichlich versehen, nach Melus hinüber, wo der überwältigende Schein seiner Glaubhaftigkeit ihm noch weit mehr einbrachte, und er sogar seine Gastfreunde dazu vermochte, mit ihm nach Rom zu fahren. 104 Er landete in Dikäarchia, wo er von den dortigen Juden Geschenke in schwerer Menge bekam und sogar von den ehemaligen Freunden des Herodes ein geradezu königliches Geleite nach Rom erhielt. Die Aehnlichkeit seiner Gestalt mit Alexander war aber auch so vollständig, dass Leute, die den wahren Alexander mit eigenen Augen gesehen hatten und ihn sehr gut kannten, Stein und Bein schwuren, dass der es sei. 105 Und gar erst die jüdische Bevölkerung Roms! Alles lief hinaus, um ihn zu sehen, und eine ungeheure Menschenmenge drängte sich in den Gassen, wo er auf seiner Sänfte vorbeikam. Den Meliern war nämlich ihr Fanatismus so zu Kopfe gestiegen, dass sie ihn [147] sogar in einer Sänfte trugen und auf ihre Unkosten ihm einen königlichen Hofstaat beistellten.

106 (2.) Augustus, der die Persönlichkeit des Alexander genau kannte, da dieser schon einmal von Herodes vor seinen Richterstuhl gebracht worden war, merkte wohl, schon bevor er noch den Menschen gesehen, den mit der Aehnlichkeit getriebenen Schwindel; da er aber gleichwohl auch den Ahnungen freudigerer Natur sein Ohr nicht ganz verschließen wollte, so schickte er einen gewissen Celadus, der mit Alexander gut bekannt gewesen, mit dem Auftrage ab, das Bürschchen zu ihm zu bringen. 107 Sobald Celadus seiner ansichtig geworden, fiel ihm sofort schon der Unterschied in den Gesichtszügen auf, und die weitere Wahrnehmung, dass seine ganze Constitution zu vierschrötig war und eher an einen Sclaven erinnerte, bestärkte ihn vollends in der Ueberzeugung, dass das Ganze nur ein Gaunerstückchen sei. 108 Er konnte aber kaum seine Entrüstung bemeistern, als er erst die kecken Worte vernahm, mit denen der Schwindler um sich warf. So sagte er z. B., als man ihn nach dem Verbleib des Aristobulus fragte, dass auch er gerettet, aber aus guten Gründen in Cypern geblieben sei, um sich keinen Nachstellungen auszusetzen: getrennt könnte man ihnen ja weniger anhaben. 109 Nun führte ihn Celadus beiseite und eröffnete ihm, dass der Kaiser ihm das Leben schenken wolle, wenn er denjenigen nennen würde, der ihn zu einer solchen Erzgaunerei beredet habe. Der Junge erklärte sich bereit, diesen Mann dem Kaiser zu verrathen, und folgte ihm zu Augustus, wo er in der That den Namen des Juden, der die Aehnlichkeit des Jünglings für den eigenen Säckel ausgebeutet hatte, angab und ganz naiv bemerkte, er, der falsche Alexander, habe in jeder Stadt allein schon eine solche Unmasse von Geschenken bekommen, wie sie wohl der wahre Alexander sein Lebtag nie erhalten habe. 110 Darüber musste selbst der Kaiser lachen und er ließ dann den falschen Alexander in Anbetracht seines kräftigen Körperbaues zum Ruderdienst auf die Galeeren bringen, während er den eigentlichen Anstifter zur Hinrichtung verurtheilte. Die Melier brauchten ihre Dummheit nur mit dem Verluste ihres Geldes zu büßen, das sie für den Schwindel ausgegeben hatten.

111 (3.) Als Archelaus die Ethnarchie übernahm, nahm er leider auch die Erinnerung an die ehemaligen Zerwürfnisse mit und benahm sich infolge dessen nicht bloß den Juden, sondern auch den Samaritern gegenüber so grausam, dass zuletzt beide Völkerschaften Gesandte an den Kaiser abschickten, um ihre Klagen gegen ihn anzubringen. Archelaus ward denn auch im neunten Jahre seiner Herrschaft nach Vienna, einer Stadt in Gallien, verwiesen, und sein Vermögen zu Gunsten [148] des kaiserlichen Schatzes eingezogen. 112 Bevor aber Archelaus vom Kaiser vorgeladen wurde, soll er folgendes Traumgesicht geschaut haben: Es war ihm nämlich, als wenn er neun volle, große Aehren sähe, die von Ochsen gefressen wurden. Er schickte darauf um die Wahrsager, worunter auch einige Chaldäer waren, und fragte sie, was das wohl bedeuten möchte. 113 Während nun der eine darüber diese, der andere eine andere Auslegung gab, erklärte ein gewisser Simon von der Secte der Essäer, dass nach seiner Meinung die Aehren Jahre, die Ochsen aber Umwälzungen bedeuten, weil sie nämlich beim Pflügen die Erdschollen aufwerfen. Demgemäß würde seine Regierung ebensoviele Jahre zählen, als es Aehren gewesen seien, und sein Tod nach einem sehr bewegten Leben erfolgen. Fünf Tage nach dieser Auslegung erhielt er auch schon seine Abberufung vor das kaiserliche Gericht.

114 (4.) Ich halte auch das Traumgesicht, das seine Frau Glaphyra gehabt hat, für merkwürdig genug, um es hieher zu setzen. Glaphyra war bekanntlich eine Tochter des Königs Archelaus von Kappadocien und in erster Ehe mit Alexander, einem Bruder des soeben ausführlicher bedachten Archelaus, einem Sohne des Königs Herodes, verheiratet, dessen Ermordung durch den eigenen Vater wir im Vorausgehenden erzählt haben. 115 Nach seinem Tode wurde sie die Gattin des Königs Juba von Libyen, den sie ebenfalls überlebte, um dann zu ihrem Vater heimzukehren und bei ihm ihre Witwenjahre zuzubringen. Hier sah sie der Ethnarch Archelaus und fasste eine so leidenschaftliche Neigung zu ihr, 116 dass er alsbald seine bisherige Gemahlin Mariamne entließ und die Glaphyra heimführte. Nicht gar lange nach ihrer Ankunft in Judäa war es ihr nun, als stünde Alexander vor ihr und redete sie an: „Du hättest es dir an der Heirat mit dem Libyer genüge sein lassen sollen. Du aber bist, weit entfernt, dich damit zufrieden zu geben, an meinen eigenen Herd zurückgekommen, um dir einen dritten Mann, und was von dir noch verwegener ist, meinen leiblichen Bruder zum Gatten zu nehmen. Wisse jedoch, dass ich über diese Unbild nicht mehr hinwegsehen will. Ich werde dich auch gegen deinen Willen zu holen wissen.“ Glaphyra machte von diesem Traumgesichte sofort Mittheilung und nicht ganz zwei Tage darauf weilte sie bereits nicht mehr unter den Lebenden.


Achtes Capitel.
Judas der Galiläer. Die drei Secten der Essener, Pharisäer und Sadducäer.

117 (1.) Das Land, über welches Archelaus geherrscht hatte, wurde nun zu einer förmlichen römischen Provinz bestimmt, und als Landpfleger ein römischer Ritter, namens Coponius, dahin abgeschickt, der [149] vom Kaiser auch das Recht des Blutbannes erhalten hatte. 118 Unter diesem trat ein Mann aus Galiläa, Judas mit Namen, auf, welcher seine Mitbürger zum Abfall von Rom zu verleiten suchte und sie für Feiglinge erklärte, wenn sie es über sich brächten, an die Römer Steuern zu entrichten, und wenn sie außer Gott dem Herrn noch sterblichen Gewalthabern dienen wollten. Er gründete auch mit seinen Ansichten, die mit den übrigen keinerlei Verwandtschaft haben, eine eigene Secte.

119 (2.) Es bestehen nämlich bei den Juden drei Arten von philosophischen Secten: die Anhänger der ersten heißen Pharisäer, die der zweiten Sadducäer, die der dritten führen den Namen Essener, da sie in der That auch im Rufe einer besonderen Pflege der inneren Frömmigkeit stehen. 120 Obschon Juden von Geblüt, wie die anderen, hängen sie doch weit mehr aneinander, als das bei den übrigen der Fall ist. Sie fliehen die Vergnügungen als etwas verwerfliches und sehen in der Enthaltsamkeit und in dem Widerstande gegen die Leidenschaften die wahre Tugend. Die Ehe steht bei ihnen in keiner besonderen Achtung, dafür nehmen sie aber die Kinder anderer Leute an, solange dieselben noch im zarten Alter stehen, wo sie am gelehrigsten sind. Sie halten dieselben dann so, als wären sie ihre leiblichen Kinder, und bilden sie ganz nach ihrem eigenen Muster. 121 Sie thun das aber nicht aus dem Grunde, weil sie etwa die Ehe und die Zeugung einer ehelichen Nachkommenschaft ganz beseitigen möchten, sondern bloß darum, weil sie die Zügellosigkeit der Weiber fürchten und von der Ueberzeugung ausgehen, dass keine einzige Frau ihrem rechtmäßigen Gatten die Treue bewahre.

122 (3.) Sie sind Verächter des Reichthums, und es herrscht ein ganz wunderbarer Geist der Gütergemeinschaft unter ihnen, so dass man wohl niemand bei ihnen antrifft, der ein hervorragenderes Besitzthum hätte. Denn es ist Gesetz bei ihnen, dass alle, die in die Secte eintreten, ihr Vermögen der ganzen Körperschaft opfern müssen, was zur Folge hat, dass man unter ihnen nirgends weder vom Elend der Armut noch von des Reichthums Ueberfluss etwas gewahrt, sondern, da das Besitzthum eines jeden mit dem der übrigen verschmolzen ist, alle Mitglieder, wie Brüder, nur ein einziges Eigenthum zusammen besitzen. 123 Oel besudelt nach ihrer Anschauung den Menschen: wenn sich einer darum nothgedrungen hat salben müssen, so wird der Leib wieder abgerieben, da sie große Stücke auf eine Haut halten, die nicht fettig ist, wie auch auf das beständige Tragen von weißen Kleidern. Jene Personen, welche die Sorge um die gemeinsamen Güter auf sich zu nehmen haben, werden auf dem Wege der Wahl dazu bestimmt, und [150] zwar wird jeder einzelne zu seinem Amte immer von der Gesammtheit gewählt.

124 (4.) Sie wohnen nicht in einer eigenen Stadt beisammen, sondern es gibt in jeder Stadt ihrer viele. Mitgliedern, die von anderwärts herkommen, steht alles, was die Brüder des betreffenden Ortes besitzen, ebenso offen, als wäre es ihr Eigenthum, und die Ankömmlinge kehren ihrerseits bei Leuten ein, die sie früher nie gesehen haben, als wären sie schon lange mit ihnen bekannt. 125 Aus diesem Grunde tragen sie auch, wenn sie eine Reise machen, außer den Waffen zum Schutze gegen Räuber, nicht das geringste bei sich. In jeder Stadt wird ein besonderer Schaffner für reisende Bundesmitglieder ernannt, der ihnen Kleidung und alles andere, was sie benöthigen, beizustellen hat. 126 In ihrem ruhigen Wesen, wie in ihrer ganzen äußeren Haltung erinnern sie an Kinder, die noch unter der Ruthe des Erziehers stehen. Sie legen nicht früher neue Kleider oder Sandalen an, bevor die alten nicht ganz zerfetzt oder durch langes Tragen total abgenützt sind. 127 Unter sich selbst kaufen und verkaufen sie nichts, sondern jeder theilt das, was er vorräthig hat, mit dem, der etwas benöthigt, und bekommt dagegen von diesem wieder, was er gerade von ihm brauchen kann. Auch ohne Gegengabe hat jeder Essener von dem anderen, was er immer wünscht, sofort zu bekommen.

128 (5.) Was nun die Verehrung der Gottheit anlangt, so ist diese bei ihnen eine ganz absonderliche. Vor Sonnenaufgang hört man von ihnen auch nicht ein einziges alltägliches Wort, dafür aber senden sie gewisse altererbte Gebete zur Sonne empor, als wenn sie dieselbe um ihr Erscheinen bitten wollten. 129 Ist das geschehen, so werden sie von den Oberen entlassen, und geht jeder an seine Beschäftigung, die er gelernt hat. So arbeiten sie rastlos bis zur fünften Stunde, worauf sie sich abermal an einem bestimmten Orte versammeln und, ein Linnentuch um die Hüften gegürtet, sich den Leib mit kaltem Wasser abwaschen. Nach dieser Reinigungsceremonie kommen sie alle wieder in einem eigenen Gemache zusammen, in welches keinem, der außer der Secte steht, der Eintritt gestattet ist, während die Mitglieder selbst diesen Speisesaal nur im Zustande der Reinheit wie einen Tempelraum betreten. 130 Nachdem sie in aller Ruhe ihre Plätze eingenommen, kommt der Bäcker und legt einem nach dem anderen das Brot vor, während der Koch einem jeden noch ein Geschirr mit einem einzigen Gerichte vorsetzt. 131 Vor dem Essen spricht der Priester ein Gebet, vor dem ja niemand etwas anrühren darf. Nach dem Mittagessen betet er wieder, um so am Anfang, wie am Schlusse der Mahlzeit Gott dem Herrn als dem Spender der Nahrung die Ehre zu geben. Nach dem Mahle [151] vertauschen sie die heiligen Gewande, die sie dabei angehabt, mit den gewöhnlichen, und wendet sich wieder ein jeder der Arbeit zu, die bis zum späten Abend dauert. 132 Dann kehren sie zurück, um die Abendmahlzeit einzunehmen, was in ähnlicher Weise, wie zu Mittag, geschieht. Die eben anwesenden Gäste essen an denselben Tischen. Kein Geschrei, kein wüster Lärm stört jemals die weihevolle Ruhe des Hauses, da sie einander der Reihe nach das Wort lassen, 133 so dass denen, die draußen vorübergehen, die Stille drinnen im Hause ganz unheimlich und wie die Feier eines Mysteriums vorkommt. Sie ist aber nur begründet in ihrer anhaltenden Nüchternheit und in dem Umstande, dass bei ihnen einem jeden nur soviel Speise und Trank zugemessen wird, als eben zur Sättigung hinreicht.

134 (6.) Im Allgemeinen nehmen sie nach dem Gesagten kein Werk vor, wozu sie nicht zuvor einen Auftrag von ihren Oberen erhalten haben. Doch können sie in zwei Fällen ganz selbständig vorgehen, nämlich wo es gilt, jemanden zu vertheidigen oder ihm Barmherzigkeit zu erweisen. Denn es ist jedem Essener ohne weiteres gestattet, solchen, die Hilfe verdienen und brauchen, beizuspringen und Lebensmittel den Nothleidenden zu verabreichen: nur eine Betheilung von Verwandten darf ohne Erlaubnis der Verwaltung nicht stattfinden. 135 Sie sparen ihren Zorn für Fälle, wo ihn die Gerechtigkeit fordert, und haben ihre innere Bewegung immer in der Gewalt. Sie sind ängstlich auf die Bewahrung der Treue bedacht und sorgen aus allen Kräften für die Aufrechthaltung des Friedens. Jedes Wort aus ihrem Munde ist verlässlicher, als ein Eidschwur. Vom Schwören wird bei ihnen gänzlich Umgang genommen, da der Schwur nach ihrer Auffassung etwas noch schlechteres ist, als selbst der Meineid. Denn, sagen sie, wer keinen Glauben mehr findet, außer er zieht Gott herbei, der ist ohnehin schon gerichtet. 136 Ganz außerordentlichen Eifer verwenden sie auf die Lectüre alterthümlicher Schriften, unter denen sie wieder jene am meisten bevorzugen, die auf das Gedeihen von Seele und Leib abzielen. Aus diesen Büchern suchen sie die Namen von heilkräftigen Wurzeln zur Bekämpfung verschiedener Krankheiten, wie auch die mannigfachen Kräfte der Steine herauszufinden.

137 (7.) Bewirbt sich jemand um die Aufnahme in die Secte, so wird ihm der Eintritt nicht sofort gestattet, sondern er muss noch ein ganzes Jahr draußen bleiben, während dieser Zeit aber dieselbe Lebensweise, wie sie die Essener haben, nach deren Anweisung beobachten, zu welchem Zwecke man ihm ein kleines Grabwerkzeug, das oben erwähnte Lendentuch und ein weißes Kleid übergibt. 138 Hat er dann im Verlaufe dieser Zeit seine Enthaltsamkeit bewährt, so nähert er sich dem Essenerleben [152] um eine weitere Stufe, indem er an dem heiligen Bade der Reinigungsceremonie theilnehmen darf. Zur vollen Lebensgemeinschaft wird er jedoch noch immer nicht zugelassen, sondern, nachdem er bisher bloß seine Herrschaft über die Sinnlichkeit bewiesen, noch zwei weitere Jahre auf seinen eigentlichen Charakter geprüft und, wenn er dann würdig scheint, endlich ihrer Gesellschaft eingereiht. 139 Bevor er jedoch vom gemeinsamen Tische essen darf, muss er sich zuerst durch schauerliche Eidschwüre vor ihnen verpflichten, vor allem der Gottheit die gebürende Verehrung zu erweisen, dann auch die Pflichten der Gerechtigkeit gegenüber den Mitmenschen genau zu beobachten und Niemandem weder aus eigenem Antriebe noch im Auftrage anderer zu schaden, die Ungerechten jederzeit zu hassen und den Gerechten beizuspringen, 140 allen und jedem stets die Treue zu halten, ganz besonders aber den Regenten, da ohne den Willen Gottes Niemandem die Herrschaft zufallen könne. Sollte aber das neue Mitglied selbst einmal zur Herrschaft gelangen, so dürfe es nie durch ein übermüthiges Betragen seine Gewalt beflecken oder auch nur durch größere Kleiderpracht und sonstiges Gepränge vor den Untergebenen sich auszeichnen wollen. 141 Jeder solle stets die Wahrheit lieben und entschlossen sein, den Lügnern den Mund zu stopfen; seine Hände, gelobt er, rein von gestohlenem Gute, rein auch die Seele von schmutzigem Gewinn zu bewahren, vor den Anhängern seiner Secte kein Geheimnis zu haben und umgekehrt an andere keine internen Angelegenheiten zu verrathen, auch wenn man ihn zu Tode foltern würde. 142 Außerdem muss er noch schwören, sämmtliche Lehren der Secte ohne Entstellung genau so, wie er sie selbst überkommen, überliefern zu wollen, sich auch jeder Verstümmlung derselben zu enthalten, sowie die Bücher der Secte und die Namen der Engel sorgfältig zu hüten. Mit solchen Eidschwüren fesseln sie nun die Eintretenden vollständig an die Secte.

143 (8.) Wer bei einem bedeutenden Vergehen ertappt worden ist, wird aus der Genossenschaft gejagt, und muss gar oft der Ausgeschlossene auf die erbärmlichste Weise sterben und verderben. Denn einerseits darf er, durch seine Eide und Regeln gebunden, von Leuten, die außerhalb der Secte stehen, nicht einmal Speise nehmen, will er sich aber andererseits selbst mit Pflanzenkost fortbringen, so muss auch da der Körper infolge ungenügender Nahrungsaufnahme allmählich entkräftet werden und endlich unterliegen. 144 Die Essener haben darum auch schon viele, die in ihrer äußersten Erschöpfung kaum noch Athem holen konnten, aus Erbarmen wieder aufgenommen, da sie nach ihrer Meinung für die begangenen Vergehen durch ihre fast zur Todesqual gesteigerten Peinen genugsam gebüßt hätten.

[153] 145 (9.) Bei ihren Gerichten gehen sie mit peinlichster Genauigkeit und ganz unparteiisch vor, und es darf das Richtercollegium nicht weniger als hundert Mitglieder haben. Dafür ist aber auch die einmal gefällte Entscheidung unabänderlich. Nächst Gott ist bei ihnen der Name des Gesetzgebers der Gegenstand der größten Verehrung, so dass jeder, der gegen diesen eine Lästerung ausstößt, mit dem Tode bestraft wird. 146 Den älteren Leuten, wie auch der Mehrheit sich zu fügen, halten sie für eine Forderung des Anstandes: sitzen z. B. zehn beisammen, so würde es wohl keiner wagen, das Wort zu ergreifen, wenn es den übrigen neun nicht recht wäre. 147 Sie nehmen sich inacht, dass sie nicht mitten unter anderen oder nach rechts hin ausspucken, und sie zeichnen sich auch vor allen Juden durch die Genauigkeit aus, mit welcher sie die sabbathliche Arbeitsruhe beobachten. Denn nicht bloß, dass sie sich die Speisen einen Tag zuvor schon herrichten, um ja kein Feuer an diesem Tage anmachen zu müssen, unterstehen sie sich nicht einmal ein Gefäß am Sabbath zu verrücken oder auch nur beiseite zu gehen. 148 An den Werktagen graben sie sich mit ihrem Spaten, d. h. jenem Grabewerkzeug, das man den Neueingetretenen einhändigt, und das eben die Form eines Spatens hat, eine fußtiefe Grube, die sie mit ihrem Oberkleide von allen Seiten am Rande bedecken, um nicht das himmliche Licht zu entweihen, benützen sie dann als Abtritt 149 und schütten die aufgeworfene Erde wieder in die Grube hinein. Sie wählen dazu überdies die abgelegensten Orte, und obgleich die Ausscheidung des leiblichen Unrathes doch wohl etwas ganz natürliches ist, pflegen sie sich nachher auch noch abzuwaschen, gerade so, als ob sie eine gesetzliche Verunreinigung erlitten hätten.

150 (10.) Je nachdem sie längere oder kürzere Zeit bei dieser Lebensweise zugebracht haben, scheiden sie sich wieder in vier Classen, von denen die später eingetretenen so tief unter den früher aufgenommenen stehen, dass, wenn sie die letzteren zufällig berühren, diese sich abwaschen müssen, wie wenn sie sich durch Berührung mit einem Heiden befleckt hätten. 151 Sie leben in der Regel lange, die meisten gelangen zu einem Alter von mehr als hundert Jahren und zwar, wie ich glaube, gerade infolge ihrer einfachen Lebensweise und strengen Sitte. Indes setzen sie sich auch über die drohendsten Lebensgefahren hinaus und trotzen in ihrer Seelengröße allen Peinen, ja sie würden einen Tod, der in ruhmvoller Gestalt an sie herantritt, selbst einem unsterblichen Leben vorziehen. 152 Hat ja gerade der Krieg mit den Römern in jeder Beziehung ihren Seelenadel aufs glänzendste dargethan, da sie hier von den Folterschrauben gestreckt und gewunden, ihre Glieder [154] gebrannt und gebrochen, und alle Marterwerkzeuge der Reihe nach an ihnen versucht worden sind, um sie entweder zu einer Schmähung des Gesetzgebers oder zum Genuss einer regelwidrigen Speise zu zwingen, ohne dass sie sich jedoch zu einem von beiden verstehen wollten, ja sogar, ohne dass sie den Peinigern vorjammerten oder eine Thräne vergossen: 153 im Gegentheil, sie lächelten noch bei ihren Qualen und spotteten nur über jene, die ihnen die Folterwerkzeuge ansetzten, und gaben so mit freudigem Muthe ihre Leben hin, in der sicheren Hoffnung, es wieder zu erhalten.

154 (11.) Es besteht nämlich bei ihnen die unerschütterliche Ueberzeugung, dass zwar ihr Leib dem Zerfalle ausgesetzt, und der körperliche Stoff etwas vergängliches sei, dass aber die Seele, weil unsterblich, immer fortbestehe, da sie eigentlich aus dem feinsten Aether hervorgegangen und nur infolge eines elementaren Zaubers zum Körper herabgezogen und von ihm jetzt, wie von einem Kerker, umschlossen sei. 155 Würde sie nun einmal wieder aus den Fesseln des Fleisches losgelassen, so schwebe sie alsdann jubelnd, wie einer langen Knechtschaft entronnen, in die Höhe empor. Die Essener behaupten ganz ähnlich, wie man das sonst von Angehörigen der griechischen Nation hört, dass den guten Seelen drüber dem Ocean ihr Aufenthalt bereitet sei und zwar ein Ort, der weder von Regenschauern noch Schneegestöber noch auch vom Sonnenbrande zu leiden habe, sondern dem vom Ocean her ein milder Zephyr beständige Kühlung zufächle, während für die nichtswürdigen Seelen nach ihrem Glauben ein abgelegener, finsterer, sturmdurchbrauster Winkel bestimmt ist, ein Ort voll unausgesetzter Peinen. 156 Dieselbe Vorstellung scheinen mir auch die Hellenen auszudrücken, wenn sie ihren großen Männern, die sie Heroen und Halbgötter nennen, die Inseln der Seligen zum Wohnort geben, den Seelen der Bösen dagegen jenen Theil des Hades, der eigens für die Gottlosen bestimmt ist, und woselbst auch die griechische Sage gewisse Persönlichkeiten, wie den Sisyphus und Tantalus, einen Ixion und Tityus gepeinigt werden lässt: eine Vorstellung, welcher fürs erste der Glaube an die Unsterblichkeit der Seelen zugrunde liegt, wie auch zweitens das Bestreben, zur Tugend anzuspornen und vom Laster abzuhalten, 157 da die Guten während ihres irdischen Lebens gewiss noch eifriger werden, wenn sie auch nach ihrem Tode noch eine Aussicht auf Verherrlichung haben, indes die wilden Triebe der Bösen nothwendig eine Schranke in der Besorgnis finden müssen, dass, wenn sie auch in diesem Leben der Gerechtigkeit entgehen würden, sie doch nach ihrem Abscheiden eine Qual, die kein Tod mehr endet, zu erdulden haben werden. 158 Das also lehrt [155] die Religionsweisheit der Essener von der Seele, eine Lehre, womit sie eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft auf alle jene ausüben, die einmal von ihrer Weisheit gekostet haben.

159 (12.) Es gibt unter ihnen auch Männer, die sich anheischig machen, die künftigen Dinge vorauszuschauen, wozu sie sich durch Lesung heiliger Bücher, mannigfache Weihungen und die Erwägung prophetischer Aussprüche die Fähigkeit zu erwerben suchen, und es ist wirklich eine Seltenheit, wenn sie sich einmal in ihren Weissagungen irren.

160 (13). Es besteht aber auch noch ein anderer Verband von Essenern, welcher in Lebensweise, Herkommen und Satzung den übrigen vollständig gleicht und nur im Punkte der Ehe eine abweichende Auffassung hat. Sie sind nämlich der Anschauung, dass jene, die nicht heiraten, die Hauptaufgabe des menschlichen Lebens, die Fortpflanzung des Geschlechtes, zunächst für ihre Person unmöglich machen; diese Handlungsweise sei aber noch dadurch bedenklicher, dass, wenn alle diesem Grundsatz huldigen wollten, das ganze Menschengeschlecht in kürzester Zeit aussterben müsste. 161 Doch prüfen diese Essener ihre Braut drei Jahre lang und führen sie erst dann heim, wenn sie sich nach dreimaliger Reinigung der ehelichen Pflicht gewachsen zeigt. Mit den Schwangeren pflegen sie keinen ehelichen Umgang und zeigen damit, dass sie nicht aus Sinnlichkeit, sondern nur, um Kinder zu bekommen, geheiratet haben. Wie die Männer nur mit einem Lendentuche umgürtet sich waschen dürfen, so müssen die Frauen beim Bade ein förmliches Gewand anhaben. Das also wären die Gebräuche der Essenersecte.

162 (14.) Um auf die zwei anderen Secten zurückzukommen, so bringen die einen, die Pharisäer, welche als die genauesten Ausleger der gesetzlichen Vorschriften gelten und überhaupt die erste Secte im Judenthum eingeführt haben, alles in Abhängigkeit von dem Verhängnis und von Gott, 163 so dass nach ihrer Meinung das Verhängnis selbst auf das rechtschaffene Leben, wie auch auf sein Gegentheil einen Einfluss ausübe, wenn auch beides hauptsächlich in der Hand des Menschen liege. Von den Seelen lehren sie, dass sie zwar alle unsterblich seien, dass aber nur die Seelen der Guten in einen anderen Leib wandern dürfen, während die der Schlechten mit ewiger Qual gezüchtigt werden. 164 Die Sadducäer, welche die zweite Secte ausmachen, nehmen im Gegensatz zu den Pharisäern gar kein Verhängnis an und geben weder ein wirksames Eingreifen Gottes in die Geschichte noch selbst irgend eine Aufsicht von seiner Seite zu. 165 Sowohl das Gute, wie das Schlechte, behaupten sie, stehe zur Auswahl des Menschen bereit, und jeder wendet sich nur nach seiner freien Willens- [156] entscheidung dem einen oder dem anderen davon zu. Die Unsterblichkeit der Seele, sowie die Strafen und Belohnungen in der Unterwelt stellen sie in Abrede. 166 Auch die Pharisäer halten, wie die Essener, auf Corpsgeist und pflegen die Eintracht mit der ganzen Nation, während die Sadducäer sich sogar untereinander ziemlich schroff begegnen und im Verkehre mit anderen Leuten ihres Volkes ebenso abstoßend sind, wie gegen Ausländer. Das ist der Hauptsache nach alles, was ich über die verschiedenen philosophischen Richtungen unter den Juden vorzubringen hatte.


Neuntes Capitel.
Das Ende der Salome. Wirren unter Pilatus. Agrippas Schicksale. Verbannung des Herodes Antipas.

167 (1.) Während die Ethnarchie des Archelaus in eine römische Provinz verwandelt wurde, verwalteten die anderen Regenten, wie Philippus und Herodes, genannt Antipas, die ihnen zugewiesenen Tetrarchien einfach weiter. Salome war nicht mehr darunter: denn sie hatte damals schon das Zeitliche gesegnet, nachdem sie der Kaiserin Julia ihre Toparchie und die Stadt Jamnia, wie auch die bei Phasaëlis gelegenen Palmenhaine vermacht hatte. 168 Auch als nach dem Tode des Augustus, welcher 57 Jahre, 6 Monate und 2 Tage lang den römischen Staat geleitet hatte, die kaiserliche Regierung auf Tiberius, den Sohn der Julia, übergieng, waren Herodes und Philippus noch immer an der Spitze ihrer Tetrarchien. Der letztere gründete bei den Jordanquellen in Paneas eine Stadt, namens Cäsarea, wie auch in Untergaulanitis die Stadt Julias, der erstere aber baute in Galiläa die Stadt Tiberias und in Peräa eine zweite, die ebenfalls den Namen Julias oder von einer Julia führte.

169 (2.) Nach Judäa wurde von Tiberius als Landpfleger Pilatus geschickt. Dieser ließ des Nachts und noch dazu verhüllt die Bilder des Kaisers, die sich auf den sogenannten Feldzeichen befinden, heimlich nach Jerusalem bringen. 170 Das rief nun am folgenden Tage eine ungeheure Bestürzung unter den Juden hervor, zunächst natürlich unter den Einwohnern der Stadt selbst, die beim Anblick der Standarten ganz außer Rand und Band geriethen, da man damit ihre Gesetze mit Füßen getreten hatte, nach denen es unstatthaft war, welches Bild immer in der Stadt anzubringen. Die Gährung unter den Stadtbewohnern ergriff aber auch das Volk in der Provinz, dass es massenhaft nach Jerusalem strömte. 171 Man brach nun gemeinsam nach Cäsarea auf, um Pilatus zu bestürmen, dass er die Feldzeichen aus Jerusalem [157] fortbringen lassen und die Gesetze ihrer Väter respectieren möge. Pilatus weigerte sich indes, ihre flehentliche Bitte zu erfüllen, worauf sich die Juden mit dem Angesicht zur Erde warfen und fünf Tage, wie auch ebensoviele Nächte unbeweglich in dieser Lage verharrten.

172 ( 3.) Am nächstfolgenden, d. h. am sechsten, Tage setzte sich Pilatus im großen Stadium auf seinen Amtssessel und beschied die jüdische Menge zu sich, scheinbar in der Absicht, ihnen seine Antwort mitzutheilen, während er in Wirklichkeit seinen Soldaten ein Zeichen gab, zu gleicher Zeit mit ihren waffenstarrenden Reihen die Juden einzuschließen. 173 Als sich die Juden von einer dreifachen Schlachtreihe umstellt sahen, erstarb ihnen ob des unerwarteten Anblickes zuerst das Wort im Munde; als aber dann Pilatus ihnen sagte, er werde sie niederhauen lassen, wenn sie die Bilder des Kaisers nicht zulassen wollten, und den Soldaten auch schon den Wink gab, blank zu ziehen, 174 da stürzten sie alle miteinander, wie auf ein verabredetes Zeichen, auf die Erde nieder, beugten ihren Nacken und schrien, sie wollten sich lieber niedermetzeln lassen, als das Gesetz übertreten. Hocherstaunt über eine so feurige Religiösität gab Pilatus den Befehl, die Standartenbilder sogleich aus Jerusalem zu entfernen.

175 (4.) Nach diesen Vorfällen rief die folgende Maßregel des Landpflegers eine neue Aufregung hervor. Pilatus wollte nämlich den heiligen Schatz, welcher Korban heißt, zur Anlage einer Wasserleitung hernehmen, die 400 Stadien weit das Wasser liefern sollte. Das erregte beim Volke böses Blut, und als Pilatus um diese Zeit nach Jerusalem kam, umdrängte es schreiend und schimpfend seinen Amtsstuhl. 176 Pilatus hatte aber schon so etwas vorausgesehen und darum seine Soldaten, bewaffnet zwar, aber als Civilisten verkleidet, an verschiedenen Punkten unter die Menge gesteckt, mit der Weisung, vom Schwerte keinen Gebrauch zu machen, dafür aber mit Knütteln die Krakehler zu bearbeiten, was denn auch auf das verabredete Zeichen vom Richterstuhl her geschah. 177 Die Folge war, dass viele Juden von den Streichen tödtlich getroffen, viele andere aber von den eigenen Leuten auf der Flucht niedergerannt und zertreten wurden. Das traurige Ende der Verunglückten schüchterte die Menge derart ein, dass sie keine Widerrede mehr wagte.

178 (5.) Um diese Zeit erschien Agrippa, der Sohn jenes Aristobulus, den sein Vater Herodes hatte hinrichten lassen, mit einer Klage gegen den Tetrarchen Herodes vor dem Kaiser Tiberius. Da aber dieser auf seine Klage nicht eingieng, so suchte Agrippa wenigstens seinen Aufenthalt in Rom dazu zu benützen, um außer anderen römischen Rangpersonen ganz besonders dem Cajus, dem Sohn des Germanicus, der [158] damals noch Privatmann war, den Hof zu machen. 179 So gab er einst ihm zu Ehren ein Festmahl, bei dem er nach unterschiedlichen schmeichelhaften Aeußerungen zuletzt sogar die Hände erhob und ganz laut zum Himmel den Wunsch emporsandte, dass er je eher, desto lieber den Tiberius abfahren und Cajus dafür an der Spitze des römischen Weltreiches sehen möchte. 180 Das wurde von einem seiner Bedienten dem Tiberius vermeldet, der voll Zorn darüber den Agrippa in den Kerker werfen ließ und sechs Monate in peinlicher Haft hielt, bis er selbst nach einer Regierung von 22 Jahren, 6 Monaten und 3 Tagen mit Tod abgieng.

181 (6.) Cajus, der nach ihm zum Kaiser ausgerufen wurde, befreite den Agrippa aus seiner Haft und setzte ihn zum Herrscher über die Tetrarchie des Philippus, der schon verstorben war, und zwar mit dem Titel eines Königs ein. Dieser Umstand nun, dass Agrippa auf solche Weise zu einer Herrschaft gekommen, erweckte wieder die Eifersucht und infolge deren neue anspruchsvolle Wünsche auf Seiten des Tetrarchen Herodes, 182 der in diesem seinem Trachten nach einer Königskrone ganz besonders von seiner eigenen Frau Herodias vorwärtsgeschoben wurde. Sie schimpfte nämlich immer auf seine Faulheit und hielt ihm vor, dass er nur darum zu keinem höheren Fürstenrang gekommen sei, weil er nicht an den kaiserlichen Hof nach Rom fahren wollte: denn wenn einmal der Kaiser den Agrippa aus dem Privatstande gleich auf einen Königsthron erhoben habe, so wäre doch wohl kein Zweifel gut möglich, dass er den Herodes wenigstens von einem Tetrarchen zum König aufsteigen lassen werde. 183 Dadurch ließ sich endlich Herodes bestimmen, sich zu Cajus zu begeben. Er wurde aber vom Kaiser zur Strafe für seine Begehrlichkeit nach Spanien verbannt, da ihm Agrippa an den Kaiserhof gefolgt war und ihn bei Cajus auch noch angeschwärzt hatte. Dafür erhielt Agrippa von Cajus die Tetrarchie des Herodes zu seinem bisherigen Gebiete hinzu. Herodes beschloss auch in Spanien, wohin ihn seine Frau begleitete, sein Leben.


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