Künstlers Wanderjahre

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Autor: Franz von Pocci
Illustrator: Franz von Pocci
Titel: Künstlers Wanderjahre
Untertitel: Aphorismen aus meinem Tagebuche
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 3, S. 20–23
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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[20]
Künstlers Wanderjahre.
Aphorismen aus meinem Tagebuche.


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I.


O gold’ner Frühlingsmorgenschein – –
Wie freudig funkelt die Sonne d’rein!
Wie winkt es vom Gebirge her
So wonnebang, so sehnsuchtsschwer!

5
Ich hör’ der Lerche freudig Schmettern –

Was fesselt mich noch an die düst’re Stadt?
Noch ist die Welt vernagelt nicht mit Brettern;
Wohlan – ich bin der dumpfen Mauern satt.
Die Pinsel ausgepackt; zur Hand die Mappe,

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Der Malstock sei mein Wanderstab;

So wand’re ich im frohen Trappe
Der duft’gen Ferne zu, Berg auf, Thal ab!
Umschwebe mich, holdsel’ge Frau,
Du Poesie, die ich stets liebt’ im Stillen,

15
Daß ich mit Hilfe meiner guten Brillen

Die Schöpfung bei dem rechten Licht’ beschau;
Daß ich den Geist, der in ihr haust,
Vermag so recht herauszuwühlen,
Daß mir’s gelingt, wie Meister Göthe’s Faust,

20
Alle sieben Tagwerk in der Brust zu fühlen.

Und spür’ ich dann den Geist recht vehement,
Laß mich den Augenblick beim Schopfe fassen:
Die schwerste Kunst ist, den Moment
Nicht unbenützt vorübergehen lassen. –


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[21]
25
Dann frisch die Kreide zugespitzt,

Die Leinwand her, die Farben aufgetragen!
Denn – was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen!


II.


Ich habe manche dunkle Nacht

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Auf den Gebirgen zugebracht.

Auf hoher Kuppe, einsam und allein
Saß ich im stillen Mondenschein
Ganz in der Schöpfung Majestät versunken – –
Nicht Worte hat ein jegliches Gefühl – –

35
Wie seufzt’ ich oft, in tiefer Wonne trunken:

O guter Mond, was gehst du doch so still! –


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Ja, Mondenlicht in jeder Phase
Versetzt, man weiß es selbst nicht wie,
So recht in eine schwärmende Ekstase!

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Und hätte nur die Industrie

Die Kunst nicht gar so weit zurückgelassen,
Gäb’s eine Farbe, gleich den blassen
Gebrochnen, schwärmerischen Strahlen – –
Was wollt’ ich da für Mondlicht malen!

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So aber – ach, man räsonnirt,

Man schilt den Künstler, der sich müht und quälet,
Und denkt nicht d’ran, daß uns das Mittel fehlet,
Das unsere Zwecke sanktionirt.
Gebt uns nur einen archimed’schen Stand,

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Und aus den Fugen heben wir die Welt! –

So lang jedoch der Stoff den Geist gefangen hält,
Bleibt auch der Genius gefesselt an den Sand!


So sinnend stieg ich vom Gebirge nieder.
Schon schwang die Nacht ihr düsteres Gefieder;

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Doch – eh’ ich dessen mich versah,

War ich der stillen Kneipe nah,
Darinn’ ich meinen Wohnsitz aufgeschlagen,
Mein Pathmos und mein Tivoli! –
Schnell ward, was ich begehrte, aufgetragen,

60
Und bald war ich – ich wußte gar nicht, wie –

Von ewigen Gedanken trunken –
Ganz in mich selbst und – in den Krug versunken!


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III.


’S’ist trüb! – Der Nebel hüllt der Berge Spitzen!
Da sitze ich in Mitte meiner Skizzen.

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Nun, liebe Seele, lab’ dich erst daheim!

Laß deiner Dichtung gold’ne Ader fließen;
Der Nachgenuß – das ist erst recht genießen;
Dem trunk’nen Dichter holpert jeder Reim.
Doch – ehe du dein Werk beginnst,

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Geziemt es sich, daß du dich wohl besinnst.


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Seyn oder Nichtseyn, das ist hier die Frage!
Ob ich, wie große Geister uns’rer Tage
An einem mächtigen Carton soll schwitzen?
Ob ich die Geister zu entfesseln wage,

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Die schlummernd in der Blase sitzen?

– Frisch d’ran, frisch d’ran! Im Oel liegt Harmonie;
Die Farbe – ja, das ist die Melodie,
Die um das kalte Wort sich schlinget!
Was der Verständigsten Verstand nicht zwinget,

80
Das wird im Liede einem Kind verständlich,

Und mit der Farbe da verhält es sich ganz ähnlich.
Die Farbe nur gibt Licht, – und wie man jetzt
Die Töne massig auf einander setzt,
Läßt sich doch auch die Wirkung gut erkennen;

85
Man möchte die Manier schier plastisch nennen!

D’rum wacker darauf los! Auf die Palette
Die Farben aufgelegt. – Ha, wie sie strahlen!
Heran, du Staffelei, nun gilt’s zu malen,
Als ob ich tausend Hände hätte.

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Ich fühl’ von Genialität ein Meer

Durch alle meine Adern rinnen!
Kaum kann ich folgen. Ach, ich fühl es schwer,
Daß zu des Geistes Flügeln nicht so schnelle
Ein körperlicher Flügel sich geselle!

95
Doch – Muth mein Herz – hier – hier die Sonne –

Sie leuchte halb in sommerlicher Wonne,
Halb sei sie zugedeckt von Wetternacht;
Nur der Contrast ist’s, der die Wirkung macht!
Hier eine stille, lange, große Haide,

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Recht melancholisch hingepinselt,

Darob der Sturmwind seine Elegieen winselt;
Und hier, vom Tannenbaume überdacht,
Der Hütte freundliches Asyl,
Die Quelle d’ran, des weichen Rasens Pfühl,

105
Und d’rüber hin ein warmer Sonnenglast,

AIs hielte hier Waldfräulein seine Rast,
Und wer es sieht, dem lacht das Herz vor Freude.


Das Hochgebirge schließ’ den Hintergrund,
Das macht die Landschaft fertig erst und rund!

110
Ein kühner Pinselstrich – der läßt sich gut –

Die Farben nicht gebrochen, ganz und satt,
Wie sie der Chemiker bereitet hat, –
Ich hasse Halbheit! – Auch ist wohl d’rauf anzutragen,
Daß die Lasur noch ihre Wirkung thut;

[23]
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Die gibt dem Meisterwerk erst Glanz und Gluth;

Das kann dir jeder Töpfer sagen!
Was das Format betrifft – ich hab’ mich stets ergötzt
Am Uebermächtigen und Grandiosen.
Auch tappt die Welt nur nach dem Großen,

120
Ob auch der Neid d’ran seine Hauer wetzt.

Was mir die Seele dehnt so weit und mächtig,
Das faßt kein Rähmchen ein, eng, schmal und schmächtig; –
Was ich empfind’ in Künstlerbrunst, –
Entfalte in der Länge sich und Breite,

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Nur groß, nur groß – zwölf Schuh nach jeder Seite –

Kurz ist das Leben, – aber lang die Kunst!


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