Kaiser Wilhelms I. Wiederantritt der Regierung

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Textdaten
Autor: Unbekannt
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Titel: Kaiser Wilhelms I. Wiederantritt der Regierung.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 50, S. 393-394
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger's Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
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Kaiser Wilhelms I. Wiederantritt der Regierung.


Am 5. Dezember kehrte Kaiser Wilhelm nach Berlin zurück und übernahm durch folgenden Erlaß an den Kronprinzen die Regierungsgeschäfte wieder:

„Nachdem durch Gottes gnädige Hilfe Meine Gesundheit wiederhergestellt und damit die Behinderung fortgefallen ist, für deren Dauer Ich durch Meine Order vom 4. Juni d. J. Eurer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit und Liebden Meine Vertretung in der oberen Leitung der Regierungsgeschäfte übertragen habe, will Ich diese Geschäfte mit dem heutigen Tage wieder Selbst übernehmen. Dem Reichskanzler und dem Staats-Ministerium habe Ich diesen Erlaß zur amtlichen Veröffentlichung zugehen lassen.

Berlin, den 5. Dezember 1878.   Wilhelm. 


Die Bewohner Berlin’s hatten dem geliebten Kaiser einen großartigen Empfang bereitet. Berühmte Künstler schmückten die Straßen, durch welche er fuhr, in geschmackvollster Weise. Die öffentlichen Gebäude, die Häuser der Bürger waren mit Teppichen, Flaggen, Inschriften u. s. w., kurz in einer Weise geziert, die erkennen ließ, mit welcher Freude die Ankunft des wiedergenesenen greisen Fürsten begrüßt wurde. Die am Abend ausgeführte Beleuchtung der Stadt soll die großartigste gewesen sein, welche Berlin je gesehen hat – und das will etwas heißen.
Doch all solch äußerer Glanz vergeht rasch. Wir wollen ihn auch nicht weiter schildern, sondern nur einige Ansprachen anführen, welche bei diesem feierlichen und wichtigen Anlaß gehalten wurden. Sie sind es in der That werth, aufmerksam gelesen und in einem treuen Herzen bewahrt zu werden.
Zu den im Empfangssaal des Bahnhofs Versammelten sprach S. Majestät:

„Sie werden mit Mir fühlen, mit wie gemischten Empfindungen Ich in diesem Augenblicke vor Ihnen stehe; denn Sie haben ja die Zeit, seit jenes schmerzliche Ereigniß Mich betroffen, mit Mir durchlebt. So schwer die körperlichen Leiden waren, die Ich zu tragen hatte, so waren sie doch nicht so quälend als die Wunde, die Meinem Herzen dadurch geschlagen wurde, daß es gerade in Meiner Residenz und daß es ein Preuße war, durch welchen Mir diese Heimsuchung auferlegt wurde.“

Die Ansprache des Magistrats und der Stadtverordneten von Berlin an den Kaiser lautete:
Berlin, den 7. Dezember 1878. 
 Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser,
 Allergnädigster Kaiser, König und Herr!

Die Huld Ew. Majestät hat unseren Mitbürgern gestattet, in Freudenzeichen die tiefe Bewegung zu bekunden, mit welcher die Gemüther das Ende einer unsäglich trüben Zeit begrüßen. Seit sechs Monden stieg, wo ihres Namens würdige Deutsche wohnen, in täglichem Gebet zum Himmel das heiße Flehen um des Deutschen Kaisers Genesung; morgen aber wird der andächtige Chor der Gemeinden in Jubelpsalmen die Gnade Gottes preisen, die des Vaterlandes erlauchtes und geliebtes Oberhaupt mit neuer Kraft gesegnet hat.

Dem Allmächtigen der Dank, an des Reiches Männer und Frauen der Ruf zur Pflicht!

In solchem Vertrauen haben Ew. Majestät den herben Schmerz, der bei Ihrer Rückkehr sich in die Freude mischte, mehr angedeutet, als ausgesprochen; in solchem Sinne nahen wir uns als die Vertreter der Residenz dem Throne, und fügen zu den Jubelrufen des fünften Dezembers das erneute Gelübde unwandelbarer Treue!

Aufrichtig entquillt es uns aus dankbarem Herzen; denn Berlins Größe ist seiner heldenmüthigen und [394] weisen Fürsten Werk, und Ew. Majestät ruhmreiche Regierung schuf es um zur Hauptstadt des Reiches; voll nehmen wir das Gelübde auf uns; denn mit großen Pflichten gab Ew. Majestät Königlicher Vater der Verwaltung der Städte einen reichen und bedeutungsvollen Wirkungskreis; mit dem ganzen Bewußtsein der ernsten Lage fühlen wir die Pflicht, für Recht und Sitte, Gottesfurcht und Vaterlandsliebe auf dem uns angewiesenen Posten mit allen unseren Kräften einzustehen.

 Allergnädigster Kaiser!

Was wir aussprechen, das hat Ew. Majestät liebreicher Blick in den leuchtenden Augen der Menge gelesen, die ihren wiederkehrenden Kaiser begrüßte, das keimt und wächst in mehr als Hunderttausend frommen Kinderherzen, die in Berliner Schulen den preußischen Wahlspruch „Mit Gott für König und Vaterland“ verstehen und lieben lernen.

Ew. Majestät haben in den Straßen unserer Stadt das herbste Leid erfahren; Gott der Herr wolle es fügen, daß Ew. Majestät in langen und glücklichen Tagen, der Dankbarkeit und Treue Ihrer Hauptstadt sicher, aus Hütten und Palästen, von Lippen und von Herzen, in Wort und That bekräftigt, mit Freuden nur den Ruf höre: Heil unserem Kaiser, Heil!

 Ew. Kaiserlichen Majestät
unterthänigste, treugehorsamste
 Der Magistrat:    Die Stadtverordneten: 
v. Forckenbeck. Dr. Straßmann.


Se. Majestät erwiederte auf die Adresse etwa Folgendes:

„Allerdings habe Ich aus dem Empfange, der Mir vorgestern geworden ist, erkannt und, wie Sie in der Adresse richtig sagen, aus den leuchtenden Augen der Mich empfangenden Bevölkerung gelesen, daß die Freude über Meine Genesung und Rückkehr eine innige, tief aus dem Herzen kommende gewesen ist.

In den äußern Zurüstungen, welche seit einigen Wochen für Meinen Empfang so emsig vorbereitet sind, ist vielleicht das von Mir gewünschte Maß überschritten worden. Sie haben Mir aber schon vorgestern gesagt, daß die allgemeine Freude sich nicht zurückhalten ließ. Leider ist es Mir nicht möglich gewesen, die Illumination selbst in Augenschein zu nehmen. Ich habe nur etwas von Meinem Fenster aus sehen können, aber von allen Seiten gehört, daß sie recht schön gewesen sei.

Und so danke Ich Ihnen herzlich für den Mir bereiteten, Meinem Herzen wohlthuenden Empfang und bitte Sie, diesen Meinen Dank überall zu verbreiten. Es ist Ihnen gelungen, den tief schmerzlichen Eindruck der letzten Ereignisse, wenn auch nicht ganz, so doch zum Theil zu verwischen. Indessen muß Ich immer daran denken, aus welcher Veranlassung es nothwendig wurde, daß Berlin Mich so empfing. Die Vorsehung hat es zugelassen, daß Mich so Schweres betroffen hat. Als Ich errettet war, fand Ich darin die Mahnung, Mich zu prüfen, ob Ich Meinen Lebenslauf so eingerichtet, Meine Pflichten so erfüllt habe, daß Ich werth war, gerettet zu werden. Wenn Ich die kurze Zeit, welche Mir noch zugemessen ist, ungetrübt verlebe, so ist es der Wille der Vorsehung, und wenn es anders kommen sollte, so ist es auch der Wille der Vorsehung. Menschliche Vorsicht ist gegen solche Dinge, wie sie Mir zugestoßen sind, ohnmächtig.

Eine Aenderung der Gesetze ist nothwendig geworden, und wie nothwendig diese Aenderung für Deutschland und dessen Einzelstaaten war, liegt jetzt wohl Allen klar vor Augen. Aber auch für die anderen Staaten ist dadurch eine Anregung gegeben. Es ist ja doch bewiesen, daß weit verzweigte Verbindungen existiren und zwar mit dem ausgesprochenen Prinzip, die Häupter der Staaten zu beseitigen.

Die Hauptsache ist aber, wie Sie in der Adresse richtig bemerken, die Erziehung der Jugend. Hier gilt es, die Augen offen zu halten. Das ist Ihre Aufgabe, die Herzen der Jugend so zu lenken, daß solche Gesinnungen nicht wieder aufwachsen. Und dabei ist das Wichtigste die Religion; die religiöse Erziehung muß noch viel tiefer und ernster gefaßt werden. In dieser Beziehung ist auch in unserer Stadt nicht Alles gut bestellt.

Ich danke Ihnen nochmals, Meine Herren, für die in der Adresse kundgegebenen Gesinnungen, welche Ich durch den Empfang bestätigt gefunden habe, und bitte Sie, das, was Ich gesagt habe, in möglichst weiten Kreisen mitzutheilen.“

Was können wir solchen Worten hinzufügen? Nur das Eine: den oft gehörten, den aus der Tiefe des Herzens kommenden Wunsch:
Gott erhalte uns noch lange unsern geliebten Kaiser!
Gott segne und schirme das Vaterland!