Kanossa

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Textdaten
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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Kanossa
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 2, S. 8–11, 24–28
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kanossa.[1]
Von Johannes Scherr.

Hochidealische Religionen wie der Buddhismus und das Christenthum tragen vom Anfang an einen Widerspruch in sich, welcher herauskommt, sobald sie in der Welt zur Geltung und Macht gelangen. Denn die Wirklichkeit rächt sich an dem Ideal dadurch, daß sich es zur Karikatur seiner selbst macht. Was ist aus der Lehre der Weltverleugnung und Weltverachtung, welche Buddha und Christus gepredigt haben, auf geschichtlichem Boden geworden? Hüben wie drüben ein hierarchisches System, welches eingestandenermaßen das Leben bedingen und bestimmen, die Welt so oder so besitzen und beherrschen will. Auf die idealische Frage nach der Menschenbruderschaft gab die Geschichte den faulen Lamaismus und den herrschsüchtigen Papalismus, die Ketzerverfolgungen und die Religionskriege zur Antwort. Die metaphysische Substanz des buddhistischen wie des christlichen Dogma’s verflüchtigte sich spurlos in dem Pomp und Geräusch eines auf sinnliche Wirkung berechneten Kultus. Die abstrakte Doktrin verwandelte sich in konkreten Götzendienst. An die Stellen der idealisch-erhabenen Erscheinungen des Königssohnes von Kapilavastu und des Zimmermannssohnes von Nazara traten ihre größenwahnwitzig-realen Zerrbilder, der Tale Lama zu Hlassa und der Papst in Rom.

Der Mensch will getäuscht sein. Das verlangt seine Natur, welche nach Täuschung lechzt und die Wahrheit mehr fürchtet als Feuer und Schwert. Vom Beginne der menschlichen Gesellschaft bis zur heutigen Stunde war die Lüge ihr Schoßkind. Sie wird es auch bleiben, so lange die Gesellschaft dauert. Erst der letzte Mensch wird der letzte Sichselbstbelüger, der letzte betrogene Betrüger sein.

Die Illusion ist, so zu sagen, die Butter zum täglichen Brote des Menschendaseins. Je dicker sie aufgetragen wird, desto lieber beißt der Mensch darein. Das haben alle Gründer und Schwindler gewußt und benützt vom Apollonius von Tyana bis zur Spitzeder. Am besten aber wußten und am ausgiebigsten benützten es zu allen Zeiten die Hierarchen. Unermüdlich drehten sie die Kurbel des Glaubensfasses, worin „die Milch der frommen Denkart“ zu Illusionen gebuttert wurde. Schon in den Tempeln von Memphis und Babel, war ihnen klargeworden, daß man dem menschlichen Täuschungsbedürfniß alles, aber auch gar alles zumuthen dürfte.

[9] Die christlichen Auguren überboten dann ihre heidnischen Kollegen und verstanden es auch noch besser als diese, das Lachen zu verhalten, wenn sie einander begegneten. Mit der ernsthaftesten, ja mit der erhabensten Miene von der Welt verkündigten sie die plattesten Orakel. Und sie wirkten damit wirklich Wunder, gar keine Frage. Unter vielen anderen dieses, daß dem Windei der faulen Fabel, Petrus wäre Bischof zu Rom gewesen, der weltgeschichtliche Koloß des Papstthums entkroch.

Was die Menschen glauben, das ist. Die Menschen des Mittelalters mußten, so, wie sie waren, an das Papstthum als an eine, nein, als an die Weltmacht glauben, und darum war es eine solche. In den Augen der Millionen und wieder Millionen, die noch heute daran glauben, ist es noch jetzt eine, nein, die oberste Weltmacht. Nicht das Sein der Dinge, sondern das Scheinen bedingt ja ihren Werth und ihre Wirkung. Spottet nicht über den „Fels Petri“! Der ist dauerhafter als Granit. Nur ein ebenbürtiger, nur ein gleich riesenhafter Wahn wird ihn zerschlagen können. Noch aber ragt er steil und stolz und an dem Schatten, welchen er über die Gegenwart hinwirft, läßt sich die Wolkenhöhe messen, in welcher er sich vor achthundert Jahren den Menschen dargestellt hat.

Ein unserem Vaterlande mißgünstiger Stern stand über der Stunde, wo der Bischof von Rom, von den Umständen gedrängt, den Entschluß faßte, die Tradition vom römischen „Imperium“ dem Germanenthum aufzupfropfen. Karl der Große gab sich zum Imperator her, weil er vom Größenwahn der Weltherrschaft besessen war, wie vor ihm der makedonische Alexander und wie nach ihm der korsische Napoleon. Nun hob jener Kampf zwischen Kaiserthum und Papstthum an, welcher das ganze Mittelalter hindurch in wechselnder Gestalt getobt hat. Anfangs freilich, etliche Jahrhunderte lang sogar, mußte sich das „geistliche Schwert“ demüthig unter das „weltliche Schwert“ ducken. Noch war ja das Schutzbedürfniß des Papstthums ein zu gebieterisches, als daß ihm hätte beikommen können, sich dem Kaiserthum gleichstellen oder gar über dasselbe sich erheben zu wollen. Thatsächlich waren die deutschen Kaiser die Herren und Gebieter der römischen Päpste. Otto der Große stellte dieses Verhältniß auch staatsrechtlich fest, indem er durchsetzte, daß zwar Klerus und Volk der Stadt Rom das Recht, die Päpste zu wählen, haben sollten, aber das Recht der Bestätigung oder Verwerfung dieser Wahl beim Kaiser sein sollte, welchem neugewählte und bestätigte Päpste einen förmlichen Treueid schwören mußten.

Diese kaiserliche Oberherrlichkeit über den römischen Stuhl ist zur deutlichsten und glänzendsten Erscheinung gekommen unter der Reichsherrschaft Kaiser Heinrichs des Dritten (1039-1056), welcher geniale und erlauchte Mann überhaupt dem „Imperium“ deutscher Nation die höchste Machtfülle und den hellsten Glanz verliehen hat. Und der große Kaiser war auch ein im besten Sinne frommer Mann, welcher seine Pflicht, der Kirche Schirmherr zu sein, sehr ernst und strenge nahm. In den schrecklichen Nöthen jener eisernen Zeit war wieder einmal in der sogenannten Christenheit der Wunsch und Wille kundgeworden, mit dem Christenthum Ernst zu machen und namentlich auch die Geistlichkeit aus ihrer sittlichen Versunkenheit herauszuheben. Der Mittelpunkt dieser Reformströmung war das Kloster Kluny in Burgund, und Heinrich der Dritte förderte und unterstützte von ganzem Herzen die kluniacensische Richtung, insbesondere durch sein Vorgehen gegen den verderblichen Mißbrauch des Schachers mit geistlichen Aemtern („Simonie“). Wo es sich um Beseitigung von Schäden handelte, welche als für die Kirche geradezu lebensgefährliche erscheinen mußten, griff seine Herrscherhand energisch durch. So, als es galt, dem Skandal einer päpstlichen Dreifaltigkeit oder vielmehr Dreispaltigkeit ein Ende zu machen. Denn es gab ja zu seiner Zeit drei Päpste zugleich und diese, Benedikt der Neunte, Sylvester der Dritte und Gregor der Sechste, ja, diese „Statthalter“ des Stifters der „Religion der Liebe“ bannten und verfluchten einander gegenseitig, wie das unter gleichen oder ähnlichen Umständen die „Nachfolger Petri“ ad majorem dei gloriam immer zu thun pflegten. Auf seiner Romfahrt i. J. 1046 versammelte der Kaiser eine Synode von Bischöfen zu Sutri, ließ durch dieselbe die drei Unfehlbaren absetzen und machte den frommen Bischof von Bamberg, Suidger, zum rechtmäßigen Papst. Einem der degradirten Tiaraträger, Gregor, war das Urtheil gesprochen, nach Deutschland in's Exil zu gehen, und dorthin begleitete ihn sein Kaplan Hildebrand.

Das war ein kleiner, schmächtiger, unansehnlicher Mann, welcher die Mönchskutte der Kongregation von Kluny trug. Sprach er, so that er es mit einer schwachen, unangenehm heiseren Stimme. Gewiß haben nur wenige Menschen, ja vielleicht hat niemand auf der Reise über die Alpen und später am deutschen Kaiserhofe des unscheinbaren Mönches sonderlich geachtet. Und doch trug derselbe das Schicksal Deutschlands in sich, und doch sollte diese heisere Stimme dereinst Worte sprechen, welche mit der schütternden Gewalt des Donners durch Europa rollten. Der Mönch Hildebrand ist eben einer jener weltgeschichtlichen Charaktere gewesen, von welchen die Natur etwa von Jahrtausend zu Jahrtausend einen schafft, einer jener Herrscher-Menschen, welche wie den besten so auch den bösesten Hang und Drang einer Zeit in sich zusammenfassen und mit souveräner Genialität ihrer Zeit einen Stämpel aufprägen, welcher Jahrhunderte lang dauert und wirkt.

Unser Land hat niemals einen gefährlicheren Feind und Hasser gehabt, als dieser Mönch von germanisch-langobardischer Herkunft und mit dem urdeutschen Namen Hildebrand einer gewesen ist. Aber diese Feindschaft und dieser Haß ist nicht etwa klein-persönlichen Motiven, sondern vielmehr einem großen Princip entsprungen: – Deutschland besaß das Imperium, und dieses sollte der Theokratie unterworfen, das Kaiserthum zum Fußschemel des Papstthums gemacht werden.

Hildebrands Geburtsjahr ist nicht mit zweifelloser Bestimmtheit nachzuweisen. Sein Vater war ein Bäuerlein Namens Bonizo und bewirthschaftete den Meierhof Roavakum, unweit der Stadt Soana in Tuscien (Toskana) gelegen. Später hat man die Legende aufgebracht, Hildebrand sei der Sohn eines Zimmermannes in Rom gewesen, augenscheinlich in der Absicht, an die Herkunft Jesu zu erinnern. Er selbst hat echtmönchisch nie von seinen Eltern gesprochen, wie um durch solches Schweigen anzudeuten, daß er das, was er mit unerbittlicher Folgerichtigkeit der ganzen Klerisei auferlegte, die Loslösung von Familienbanden, zuvor an sich selber vollzogen habe. Die Gunst des Geschickes wollte, daß das Genie des Bauernjungen von Roavakum nicht in der Stallatmosphäre verkümmerte. Ein Bruder seines Vaters war Abt des hochangesehenen Santa-Maria-Klosters auf dem Aventin zu Rom. Hier fand der junge Hildebrand Aufnahme als Novize und nicht allein eine mönchische Erziehung, sondern auch seine Ausbildung zum klerikalen Politiker und Diplomaten. Die spärlichen Bildungsmittel des 11. Jahrhunderts befanden sich ja ausschließlich im Besitze der Kirche. Dieser eignete auch bis zur Zeit, wo sie der Schablonewirthschaft des Jesuitismus verfiel, der demokratische Zug, dem Talente freie Bahn zu schaffen. Darum finden wir unsern Bauernsohn von Roavakum als Fünfundzwanzigjährigen schon als Kaplan Gregors des Sechsten. Auf deutschem Boden mag ihm zuerst Sinn und Bedeutung von Machtfülle und Weltherrschaft aufgegangen sein, wie er ja in den kaiserlichen, fürstlichen und bischöflichen Pfalzen unseres Landes Gelegenheit hatte, die Stärke und die Schwäche des Reiches auszuspähen. Unschwer mag er erkannt haben, daß nur eine Herrenhand wie die des dritten Heinrichs die ewige deutsche Adelsanarchie niederzuhalten und welche Vortheile sein Gedanke aus dem unseligen Centrifugalgeiste der Deutschen zu ziehen vermöchte. Der Mönch kam rasch empor. Unter dem Pontifikat Leo’s des Neunten hatte er am päpstlichen Hofe bereits einen großen Stand. Vom Subdiakon stieg er dann zum Erzdiakon, war Mitglied des Kollegiums der Kardinäle, verwaltete die städtischen Angelegenheiten Roms und zugleich die päpstlichen Finanzen. Als Finanzminister der Kurie trat er in Kompagnonschaft mit einem getauften jüdischen Bankherrn und diese Verbindung war sowohl für die päpstliche Kasse wie für die hildebrandische sehr gewinnreich. Es ist zweifelhaft, ob das polnische Sprüchwort: „Spricht das Geld, schweigt die Welt“ – damals schon erfunden war, aber unzweifelhaft ist, daß der Gesellschafter des getauften Juden sehr wohl wußte, was alles man der Welt zu beweisen vermöchte, so man Säcke voll Gold und Silber als Beweisgründe vorführen könnte. Unter den Päpsten Viktor dem Zweiten, Nikolaus dem Zweiten und Alexander dem Zweiten leitete der Premierminister Hildebrand die Politik des „heiligen Stuhls“ mit ebenso kluger wie kühner Hand und brachte sie Schritt vor Schritt dem Ziele [10] näher, welches seine Genialität ihr gesetzt. Seit Kaiser Heinrich der Dritte im Oktober von 1056 eines so beklagenswerth-vorzeitigen Todes gestorben war und seinen Sohn und Nachfolger, König Heinrich den Vierten, als unmündigen Knaben hinterlassen hatte, rückte Hildebrand dieses sein Ziel mehr und mehr in die Tageshelle. Der große Kaiser war todt; jetzt war Platz für den größeren Papst. Doch begnügte sich der päpstliche Minister noch mit dem Wesen der Macht und gönnte anderen, dem zweiten Nikolaus und dem zweiten Alexander, den Schein und Namen. Während dieser beiden Pontifikate that er schon manches Entschiedene, um die Tiara von der Kaiserkrone zu befreien und die Umkehrung des bisherigen Verhältnisses der „beiden Schwerter“ anzubahnen. So dieses, daß er die Wahl der Päpste auf das Kollegium der Kardinäle übertragen ließ, wobei vom kaiserlichen Rechte der Bestätigung oder Verwerfung schon nur noch nebenbei die Rede war. Die praktische Schlußfolgerung aus dieser Prämisse zog Hildebrand, indem er die Wahl Alexanders des Zweiten ohne alle Rücksicht auf den deutschen Kaiserhof machte. Nach dem Ableben dieser seiner päpstlichen Marionette, hielt der Minister dafür, daß jetzt die Zeit gekommen wäre, wo er auch formell werden müßte, was er sachlich schon lange gewesen. Am 29. Juni von 1073 ist er demzufolge unter dem Namen Gregors des Siebenten in der Peterskirche als Papst geweiht und aufgethront worden.



Was wollte Gregor?
Daß die Erde ein Gottesstaat sei.
Wer sollte denselben regieren?
Der Statthalter Gottes auf Erden, der Papst.

Die alte kirchliche Vorstellung von dem einen Hirten und der einen Heerde erfuhr eine zeitgemäße Umbildung. Das Princip des Lehnstaates wurde auf das Verhältniß von Kirche und Staat, von Papst und Kaiser angewandt: – Gott, der Oberlehnsherr der Welt, hat den „heiligen Vater“ mit dem Erdkreis belehnt. Kraft der ihm also übertragenen göttlichen Machtvollkommenheit theilt der Papst Länder und Reiche als Lehen aus und zieht auch die verwirkten wieder ein. Der Kaiser ist demzufolge nur der erste Vasall des Papstes, die kaiserliche Oberlehnsherrlichkeit über die Christenheit nur ein Ausfluß der päpstlichen, ein „Beneficium“, das verdient werden muß und verwirkt werden kann, eine Gnade, die nach Gefallen erwiesen oder verweigert wird. Der Papst ist also von rechtswegen der Oberherr aller weltlichen Machthaber. Er steht ebenso hoch über dem Kaiser und über den Königen, wie der Gott über den Menschen, der Himmel über der Erde, die Kirche als göttliche Einsetzung über dem Staate als menschlicher Einrichtung steht.

Die Menschen des 11. Jahrhunderts glaubten, mit verschwindend wenigen Ausnahmen, an diesen Schwindelkoloß von Papstprämisse und folglich nahmen sie auch die Konsequenzen derselben an.

Gregor selber glaubte zweifellos an seine Aufstellungen. Er war von seinem Rechte, die Weltherrschaft ansprechen zu dürfen, zu müssen, vollständig überzeugt. Nichts könnte irriger sein, als zu wähnen, dieser Mann habe aus Gründen kleinlicher Selbstsucht gehandelt. Ordinäre pfäffische Herrschgelüste lagen weit unter ihm. Er wollte die Erde zu einem Gottesstaate machen; er wähnte, es zu können. Ein Revolutionär vom radikalsten und kühnsten Schlage, hat dieser Mönch, in den Formen seiner Zeit und indem er sich als oberster Feudalherr proklamirte, dem Feudalsystem den Krieg gemacht und wenigstens instinktiv eine sociale Umwälzung angestrebt, basirt auf die Vorstellung von einer absoluten Gleichheit der Menschen vor Gott, beziehungsweise vor dem Vicegott, dem Papste. Gregor war ein glühender Idealist, ein begeisterter Optimist. Er glaubte an das Märchen von der Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen; er glaubte an die Möglichkeit einer Harmonie auf Erden, an die Möglichkeit eines selbstlosen Hirten und einer friedsamen Heerde von wohlgepflegten und wohlgehüteten Lämmern. Und doch brauchte er nur die Augen aufzuthun, um wahrzunehmen, daß die Menschen weit mehr ins Fach der Wölfischkeit als in das der Lämmerlichkeit schlügen. Der Grundirrthum des großen Papstes war genau der, von welchem unsere modernen Socialisten und Kommunisten – die ehrlichen nämlich – sich narren lassen, also das Phantasiegebilde von der Menschen- und Völkerbruderschaft. Als ob die Menschen und die Völker von Haus aus Brüder und nicht vielmehr Feinde oder, milder ausgedrückt, Konkurrenten im Geschäfte des Daseins wären! Als solche läßt die biblische Ursprungssage bedeutungsvoll schon die zwei ersten Brüder auftreten und richtig den einen durch den andern echtkonkurrentisch todtschlagen. Diese Konkurrenz zu verklagen oder gar zu verleugnen, ist ganz thöricht. Sie ist ja Schicksalsschluß. Ohne sie müßte das Geschäft des Daseins bald flau und faul werden, müßte geradezu verlottern und verlumpen, versimpeln und versiechen.

Abgesehen von der Widernatürlichkeit und folglich Unmöglichkeit des Systems, welches Gregor verwirklichen wollte, muß man ihm zugestehen, daß er mit ebenso großer Genialität wie Thatkraft an dieser Verwirklichung arbeitete. Er übersah nicht sein Jahrhundert, aber er wußte es zu fassen und zu führen. Sein Arbeitsmaterial war der Glaube seiner Zeitgenossen. Sein Hauptwerkzeug mußte demnach selbstverständlich die Klerisei sein. Er richtete dieses Werkzeug meisterhaft zu seinen Zwecken her. Er gab der Klerisei die stramme Organisation einer Kaste, deren Interessen mit denen des Staates nichts mehr gemein haben sollten. Die gesammte Geistlichkeit wurde straff-hierarchisch gegliedert und mittels schärfster Disciplin zu einem streitfertigen Heere gemacht, von seinen obersten bis zu seinen untersten Graden jedem Wort und Wink des Papst-Generalissimus unbedingt gehorsam und dienstbereit. Wenigstens war das Gregors hierarchisches Ideal, welches jedoch das Schicksal aller Ideale hatte, d. h. keineswegs vollständig verwirklicht wurde. Namentlich darum nicht, weil es dazumal noch deutsche Bischöfe und Priester gab, welche das Vaterland höher stellten als den Vatikan und dem verfluchenden Papste zum Trotz dem verfluchten Kaiser die Treue hielten.

Als Mittel, das benöthigte wohldisciplinirte und streitbare geistliche Heer zu schaffen, handhabte Gregor, wie jedermann weiß, drei Verbote: das der Simonie, das der Laien-Investitur und das der Priesterehe. Das erste war sittlicher, die beiden andern waren hochpolitischer Natur. Die Aufhebung der Laien-Investitur, d. h. der die staatliche Vasallenschaft der Bischöfe und Aebte feststellenden Belehnung derselben von seiten der Könige mittels Ringes und Stabes, lös’te die Prälaten vom Staate los, die Durchsetzung des Cölibats die Priester von der Familie. Die socialpolitischen Folgen dieser Loslösung ergaben sich von selbst: der Priester stand außerhalb der Gesellschaft; ihre Mühen und Sorgen, ihre Freuden und Leiden waren nicht die seinigen. Was ging ihn fürder die „Welt“ an? Was Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Weib und Kind, was Heimat und Vaterland? Ihm sollte das alles die Kirche ersetzen, sie sollte sein Ein- und Alles sein. Aber in der Wirklichkeit war das doch nur eine tolle Einbildung. Nur in den allerseltensten Ausnahmefällen kann der Mensch über sich selbst hinaus und die verleugnete oder tyrannisirte Natur rächt sich unfehlbar und mit einer gewissen Schadenfreude an ihren Verleugnern und Tyrannen. Man braucht daher über die gräuelhaften Folgen des Priestercölibats kein großes Geschrei zu machen. Sie mußten kommen. Die harmloseste dieser Folgen war, daß an die Stelle der rechtmäßigen Ehe der Priester die wilde trat, der Konkubinat. Keine Frage übrigens, daß es auch Priester gab, welche den Cölibat streng und strikt meinten und nahmen. Mittels mühsäligster Selbstquälerei hielten sich diese Asketen und Zeloten von dem „Quell des Bösen“, von den „Fackeln des Satans“ – das waren in ihren Augen die Frauen – ängstlich fern. Aber es ist doch sehr kennzeichnend, daß einer dieser Fanatiker, ein vorragender Zeit- und Gesinnungsgenosse Hildebrands, der Kardinal Peter Damiani, in seinem Hymnus auf die Freuden des christlichen Paradieses diese Freuden mit ebenso glühenden Farben gemalt hat, wie Mohammed die des islamischen Paradieses im Koran geschildert hatte. Ferner, daß derselbe Peter, obzwar schon ein durch Fasten, Selbstgeißelung und Bußgürtelpein abgemergelter Greis, bekannte, runzelige und triefäugige Weiber vermöchte er wohl ohne Gefahr anzusehen, aber vor jungen und hübschen müßte er Augen und Herz hüten, wie ein gebranntes Kind das Feuer fürchtete. Endlich, daß abermals besagter heiliger Peter bei einer Gelegenheit ganz naiv erzählte, die in rechtmäßiger Ehe lebenden Priester Oberitaliens zeichneten sich durch Bildung, Pflichttreue und sittliche Lebensführung aus, während die im Cölibat lebende Klerisei Mittelitaliens in aller Rohheit und Lasterhaftigkeit förmlich sich wälzte. Die sehr nahe liegende Nutzanwendung dieser von ihm selber berührten Thatsache zu ziehen, fiel aber dem Manne nicht ein.

[11] Papst Gregor war ein zu geriebener Politiker, um nicht zu wissen, daß es rathsam, mehr als einen Strang am Bogen zu haben. Darum verließ er sich weder auf das streitbar organisirte klerikale Heer allein, noch erwartete er alles von dem groben geistlichen Geschütze, von dem Bannstral- und Interdiktschleuderwerk. Vor- und umsichtig blickte er nach verlässlichen Bundesgenossen aus, und er wußte solche zu finden in einer erklecklichen Anzahl von deutschen Fürsten und Bischöfen, in den normannischen Häuptlingen, welche damals ihr junges Reich in Unteritalien gegründet hatten, in vielen lombardischen Städtebürgerschaften, deren italisches und republikanisches Gefühl er sehr geschickt gegen die deutsche Kaiserschaft aufstachelte, und in der mächtigen und charakterfesten Markgräfin Mathildis von Tuscien, welche ihn wie ihren Herrn und Heiland verehrte. Winkelskribenten und Schmutzblättler, welche schon im 11. Jahrhundert thaten, was sie noch heute thun, nämlich den Inhalt der Geifer- und Giftblase, welche sie statt der Seele in der Brust tragen, gegen alles geistig Hochragende emporspeien – solche Schmutzblättler und Winkelskribenten haben das Verhältnis Gregors zu Mathildis als ein unlauteres ausgeschrieen. Aber der Geifer des Neides und das Gift der Verleumdung haben die Höhe, auf welcher der große Papst stand, nicht zu erreichen vermocht. Dagegen ist es den Schmierfinken, welche auf päpstlicher Seite lästernd und verleumdend arbeiteten, nur allzu gut gelungen, ihr Ziel, den deutschen König Heinrich den Vierten, zu erreichen. Dieses Ziel stand eben, die Wahrheit zu sagen, nicht so hoch wie das der widerpäpstlichen Sudler.

König Heinrich war freilich mit nichten der „Wütherich“ und das „Ungeheuer“, als welchen und welches die päpstlichen Pamphletisten ihn darstellten. Aber er war auch nicht der Mann, dem weltherrschaftlichen Größenwahnsinn Gregors die Zwangsjacke berechtigter Staatsansprüche anzuthun. Seine Jugend war nur eine Verkettung verwildernder und verbitternder Geschehnisse, er selber ein Zankapfel zwischen seiner frommen Mutter Agnes, die zur Erzieherin und Regentin auch nicht das Zeug hatte, und gewissenlos-machtgierigen Prälaten gewesen. Als sechszehnjähriger Jüngling mit dem Königsschwert umgürtet, hatte er das heiße Gefühl, daß es ihm ziemte, die während seiner Minderjährigkeit zum höchsten Uebermuth ausgeschlagene Adelsanarchie zu bändigen und die gänzlich darniederliegende königliche Gewalt im Reiche wieder aufzurichten. Aber dem guten Wollen entsprach das Können bei weitem nicht. Wo höchste Staatsklugheit, Umsicht und Geduld hätten zur Anwendung kommen müssen, fuhr Heinrich, übelberathen und schlechtbedient, mit brausender Leidenschaftlichkeit darein. Am allerungeschicktesten verfuhr er dem stolzen und trotzigen Sachsenstamme gegenüber, von welchem dann auch die große Verschwörung und Empörung gegen das Reichsoberhaupt ausging (1073), zusammentreffend mit Hildebrands Erhebung auf den „Stuhl Petri“.

[24] Der Papst ersah falkenäugig seinen Vortheil. Seine Legaten in Deutschland schürten eifrig das Feuer der Rebellion. Aber diese sank vor dem kräftig geführten Königsschwerte Heinrichs vorderhand bei Hohenburg an der Unstrut (1075) besiegt zu Boden. Nun forderte Gregor von dem jungen Könige, daß dieser in Anerkennung der kirchlichen „Reform“ solche Bischöfe, welche ihre Stäbe mittels Simonie erlangt hätten, absetzte und seine Räthe, welche Simonie getrieben, entließe. Widrigenfalls sollte mit kirchlichen Strafmitteln gegen ihn, den König selbst, vorgegangen werden. Heinrich, der wohl fühlte, wohin Gregor zielte und daß

[25]
Die Gartenlaube (1862) b 245.jpg

Heinrich der Vierte in Kanossa.
Originalzeichnung von Professor H. Plüddemann in Dresden.[WS 1]

[26] die Spitze der kirchlichen „Reform“ gegen das deutsche Königthum, beziehungsweise gegen das deutsch-kaiserliche Imperium gerichtet sei, entschloß sich, den ihm hingeworfenen Fehdehandschuh aufzuheben. Er that es und konnte es thun; denn für einen tüchtigen Strategen und klugen Taktiker wäre dazumal das Kriegsspiel nicht übel gelegen. Allein wieder verdarb sich der König durch heftiges Dreinfahren seine Stellung, wobei ihm freilich zur Entschuldigung gereichen mag, daß ihn der Papst persönlich höchlich gereizt hatte. Denn Gregor hatte mittels mündlicher Botschaft den König der abscheulichsten Laster beschuldigt und im drohendsten Tone Besserung verlangt. Heinrichs Antwort war, daß er zu Worms ein nationales Koncil versammelte, welchem 24 deutsche, ein italischer und ein burgundischer Bischof anwohnten und das unter dem Vorsitze des Erzbischofs Siegfried von Mainz auf Begehren Heinrichs am 24. Januar von 1076 den „Bruder Hildebrand“ des päpstlichen Thrones, auf welchen er durch Bestechung, List und Gewalt gelangt wäre, förmlich für entsetzt erklärte. Des Königs Brief an den Entsetzten trug die Adresse: „Heinrich, nicht durch Anmaßung, sondern durch Gottes heilige Einsetzung König, an Hildebrand, nicht als an den Papst, sondern als an den falschen Mönch“ – und der Schluß des Schreibens lautete: „Verlaß den angemaßten apostolischen Stuhl! Ein anderer besteige den Thron Petri, der da nicht Gewalt übt unter dem Deckmantel der Religion, sondern die lautere Lehre verkündet. Ich, Heinrich, König von Gottes Gnaden, rufe dir mit allen meinen Bischöfen zu: Steige herab, steige herab!“

Aber Gregor stieg keineswegs von seinem Throne herab, sondern setzte sich nur fester und stolzer darauf. Ihm konnte die ihm von seiten des Königs gewordene Kriegserklärung auf Leben und Tod nur willkommen sein. Denn sie bot ihm ja eine prächtige Gelegenheit, die Ueberlegenheit des geistlichen Schwertes über das weltliche, die Macht des Geistes über die Materie in ihrem ganzen Umfange zu zeigen und kundzuthun. Der päpstliche Gegenschlag gegen den königlichen Streich kam schnell. Am 21. Februar von 1076 verkündete Gregor, umgeben von einer stattlichen Synode von Kardinälen und Bischöfen, in der Salvatorskirche des Lateran Heinrichs Entsetzung vom Königthum und Reich, entband alle Christen des dem Könige geleisteten Treueides, belegte ihn mit dem Anathem und bannte ihn förmlich und feierlich.

Die Kaiserin-Witwe Agnes, Heinrichs Mutter, war damals in Rom anwesend und zur Stunde in der Salvatorskirche Augen- und Ohrenzeugin der Bannung und Verfluchung ihres Sohnes. Da nun so ein Bann und Fluch dem Glauben der Menschen von damals zufolge die zeitliche und ewige Verdammniß des Gebannten und Verfluchten herbeiführte, so mußten, sollte man denken, Mutterherz und Muttermund unwillkürlich dagegen aufschreien. Es geschah nicht, und das ist ein schlagender Beweis, daß religiöser Wahn und Fanatismus selbst das Stärkste, was auf Erden lebt, das Muttergefühl, zu überwinden vermögen.

Kein Wunder also, daß der päpstliche Bannfluch gewaltig wirkte. Wie ein dörrender und versengender Föhn wehte er über die Alpen herüber, aber wie gefeuchtet durch den Schneehauch derselben fiel er als erquickender Regen auf alles in Deutschland, was der nationalen Einheit und dem durch Heinrich wiederhergestellten Königthume feindlich war. Einem gebannten Könige war man ja keinen Gehorsam, keine Treue schuldig. Im Gegentheil, Verrath und Empörung waren jetzt Christenpflicht. Nur wenige geistliche und weltliche Magnaten hatten ein Gefühl von Scham und Zorn, daß ein fremder Priester sich vermessen dürfte, das rechtmäßige Oberhaupt der deutschen Nation also zu beschimpfen. Die Adelsanarchie jubelte; der Partikularismus war wieder einmal obenauf. Wäre Heinrich ein Nummer-Eins-Mann gewesen, so konnte es ihm nicht allzu schwer werden, auch jetzt wieder der Rebellion den Meister zu zeigen. Allein so, wie er war, hatte er gerade in dieser kritischen Zeit durch verschiedene Uebereilungen und Mißgriffe seine Lage noch verschlimmert. Die Herzoge und Fürsten, sowie die päpstisch-gesinnten unter den Prälaten fühlten ihre Stärke. Sie versammelten sich im Oktober von 1076 zu Tribur am Rhein und faßten Beschlüsse, welche für Deutschland ein Unglück und eine Schmach waren. Sie anerkannten offen den Papst als obersten Herrn und Richter in Sachen des Reiches und beschlossen, der gebannte König müßte sich des Regiments begeben, bis er vom Banne losgesprochen wäre. Auch müßte er seine Unterwerfung dem Papste förmlich erklären. Dieser würde zu Anfang des nächsten Jahres nach Deutschland kommen und einer nach Augsburg einzuberufenden Reichsversammlung vorsitzen. Dort sollte sich Heinrich vor dem Richterstuhle des Papstes stellen, um sein Urtheil zu empfangen. Lautete dasselbe lossprechend, so sollte er wieder König sein; lautete es verdammend, sollte er des Königthums für immer entsetzt sein. Der Hauptmacher der Rebellion, welche zu diesen Beschlüssen führte, war der Bischof Bukko von Halberstadt. Die Herzoge Rudolf von Schwaben, Welf von Baiern und Berthold von Kärnten mitsammt den sächsischen Baronen hatten mit Gier den religiösen Vorwand ergriffen, von dem gebannten König abzufallen.

Heinrich seinerseits und die ihm treugebliebenen geistlichen und weltlichen Herren sahen es für eine unumgängliche Nothwendigkeit an, der Empörung diesen religiösen Vorwand zu entziehen, sowie alles daran zu setzen, den Papst nicht nach Deutschland kommen zu lassen. Ja, wenn die deutschen Städtebürgerschaften, welche treu an Heinrich hielten, wie sie trotz Bann und Interdikt später treu zu den Stauferkaisern standen, schon die Bedeutung und Macht erlangt gehabt hätten, welche sie zwei Jahrhunderte später besaßen, dann würde die Möglichkeit gegeben gewesen sein, die verrätherischen Beschlüsse von Tribur mit dem Schwerte zu zerhauen. Allein im 11. Jahrhundert war die Wehrfähigkeit des Reiches noch bei den großen Feudalherren, und dem Willen derselben mußte der verrathene König sich unterwerfen, maßen ja auch die Bischöfe und Barone seines angestammten Herzogthums Franken nichts für ihn thun wollten.

Er ging nach Kanossa.

Das ist der größte Triumph gewesen, welchen die Kirche über den Staat, der Romanismus über das Germanenthum jemals davongetragen hat. Aber, wohlverstanden, dieser Sieg Roms ist schlechterdings nur möglich geworden durch die schmachvolle Untreue der Mehrzahl des deutschen Adels und der deutschen Prälatenschaft. Zu allen Zeiten haben ja Deutsche selber ihrem Lande die bösesten Wunden geschlagen.



Von Speyer aus, wo er in halber Gefangenschaft weilte, hatte der gedemüthigte König eine Botschaft an den Papst gelangen lassen, daß er sich unterwärfe und nur um die Ledigung vom Banne bäte. Umsonst. Gregor wies die Bitte hart und herbe zurück. Er brannte vor Begierde, nach Deutschland zu kommen und inmitten der Reichsversammlung zu Augsburg als höchster Schiedsrichter auf Erden zu thronen. Gewiß, es hieße diesen großen Geist mit kleinem Maßstabe messen, wollte man dieses Verlangen auf eine persönliche Eitelkeit zurückführen, die es gekitzelt hätte, in dem Lande, wo er früher als demüthiger Mönch erschienen war, jetzo in dem ganzen Glanze seiner Vicegottheit aufzutreten. Aber es durfte und mußte den Papst reizen, die Statthalterschaft Gottes, wie er sie faßte und führte, gerade unter der Nation, bei welcher „das weltliche Schwert“, das Imperium war, mittels einer Haupt- und Staatsaktion von ungeheurer Bedeutung zu manifestiren, den Staat in der Person des angeklagten Königs zu seinen Richterfüßen zu sehen und mittels seines Wahrspruches die Erhöhung des Gottesstaates über das erste weltliche Reich und folglich über alle weltlichen Reiche ein- für allemal zu besiegeln.

Vor der Weihnacht von 1076 sandte er ein Schreiben an die deutschen Päpstler, alles zu seinem Empfange zu rüsten. Dann brach er von Rom auf, ging über Florenz und den Apennin nach Mantua, bis wohin die große Gräfin Mathildis ihn geleitete, und war im Begriffe, weiter nordwärts zu reisen das Etschthal aufwärts, als ihm der Bischof von Vercelli einen Boten zusandte mit der überraschenden Nachricht, der gebannte König der Deutschen hätte die Alpen überstiegen und stände schon auf italischem Boden. Mit Heeresmacht? Gregor mußte das glauben. Seine Eisenseele konnte sich gar nicht vorstellen, daß Heinrich, der tödtlich beleidigte und beschimpfte Germane, nicht als Rächer, sondern als Flehender käme. Eilends kehrte demnach der Papst um nach Tuscien, wo er des Schutzes seiner mächtigen gräflichen Verehrerin gewiß war, und fühlte sich erst sicher, als sich das Burgthor von Kanossa hinter dem Eingerittenen geschlossen hatte. Das war ja die festeste von Mathilde's Burgen. Etliche Meilen südwärts von Reggio ragte sie auf einem steilabfallenden, aber geräumigen Quarzfelsen [27] hoch in die Lüfte. Ein dreifacher Mauerring umgab das Schloß, welches für uneinnehmbar galt und außer den Wohn- und Wirthschaftsbauten auch ein Mönchskloster sammt Kirche enthielt. Heute bezeichnen nur Trümmer die Stelle, deren Name jedem deutschen Gemüthe sich einätzen sollte wie mit Feuer geschrieben.

Derweil war es Heinrich gelungen, etliche Tage vor der Weihnacht mit seiner treuen Königin Bertha, seinem kleinen Sohn Konrad und einem braven Dienstmann von Speyer wegzukommen und nach Besançon zu gelangen, allwo er bei dem Grafen Wilhelm von Hochburgund, dem Ohm seiner Mutter, Rast fand. Heimlich hatte er sich aus Deutschland wegstehlen müssen, weil die verschworenen Fürsten im Einverständniß mit dem Papste des Königs Reise nach Italien gewaltsam verhindern wollten und zu diesem Zwecke auch die schweizerischen, tirolischen und kärntischen Alpenpässe versperrt hielten. Die Weiterfahrt von Besançon gen Genf hatte übrigens schon kein so ärmliches Aussehen mehr, sondern gewann Schritt für Schritt ein mehr königliches. Jenseits der Rhone am Fuße des zu überschreitenden Hochgebirges wurde Heinrich von seiner Schwiegermutter begrüßt, der Markgräfin Adelheid von Savoien, welche auch ihren Sohn Amadeus mitgebracht hatte. Die Fürstin hatte alles zum Ueberschreiten des Mont-Cenis-Passes vorbereitet, und alle damals bekannten Mittel, ein solches Unternehmen möglich zu machen, waren reichlich aufgeboten. Aber ein ungewöhnlich harter Winter hatte den Paß pfadlos gemacht, und der Alpenübergang Heinrichs mit Bertha und dem dreijährigen Konrad war in Wahrheit ein furchtbares Mühsal. Schwieriger noch als das Hinansteigen war das Hinabklettern. Die Frauen mußten streckenweise auf Ochsenhäuten geschleift werden. Im gastlichen Kloster Novalesa erholten sich der König und sein Wandergefolge zuerst von den winterlichen Bergstrapazen. Dann ging der Zug weiter gen Susa, Turin, Vercelli und Pavia.

Und nun zeigte sich das Ueberraschende, daß der aus Deutschland als ein Flüchtling entwichene deutsche König auf italischem Boden jubelnd bewillkommnet wurde und imperatorisches Ansehen genoß. Lombardische Bischöfe, Grafen und Bürgermeister, alles, was dem kirchlichen Absolutismus abhold und dem Papalismus, wie ihn Gregor verstand und übte, feindselig war, sammelte sich um den gebannten Heinrich. Es stand bei ihm, mit Heeresmacht nach Tuscien hinabzuziehen und dem „geistlichen“ Schwerte zu zeigen, daß das „weltliche“ noch nicht stumpf geworden sei. Aber der König war nicht mehr ein Sausewind von Jüngling, sondern ein in der herben Schule des Mißgeschickes belehrter Mann. Vor allem mochte er den italischen Sympathiebezeigungen mißtrauen als einem bloßen Strohfeuer. Sodann haben ihm die deutschen Prälaten und Barone, welche sich, zum Theil mit ihm gebannt, in der Lombardei mit ihrem Könige vereinigten, sicherlich dringend gerathen, bei seinem Entschlusse, die Ledigung vom Banne auf friedlichem Wege zu erlangen, fest zu beharren, weil nur dadurch der Rebellion in Deutschland die Spitze abgebrochen werden könnte. Endlich mochte in Vercelli oder Pavia wohl auch etwas davon verlautet haben, daß gerade das Auftreten Heinrichs in der Rolle eines friedsamen, flehenden Büßers dem Papste am allerquersten käme. Vielleicht gerade darum gelang es dem Könige, auch seine lombardischen Anhänger zu überzeugen, daß es für jetzt das Klügste wäre, so er die übernommene Rolle durchführte.

Und er führte sie durch; mit dem höchsten Heroismus von Duldmuth führte er sie durch.

Nachdem er in Erfahrung gebracht, daß sich Gregor zu Kanossa befände und daß die Gräfin Mathildis und der Abt Hugo von Kluny, des Königs Pathe und bewährter Anhänger, bei ihm wären, brach er nach Reggio auf. Hier ließ er Weib und Kind, sowie sein ganzes Heergefolge zurück und ritt mit seiner Schwiegermutter Adelheid, seinem Schwager Amadeus, dem Markgrafen Azzo von Este, dem Bischof Gregorius von Vercelli und den deutschen Bischöfen, die ihm aus der Heimat gefolgt waren, auf Kanossa zu. Halbwegs zwischen Reggio und dem Felsenschlosse kamen die Gräfin Mathildis, von der in jenen Tagen gesagt ward, daß sie „ihren päpstlichen Gast bewirthete wie Martha und seinen Worten lauschte wie Maria“, und der Abt Hugo dem Königs-Büßer entgegen. Man sprach hin und her, wie eine Vermittelung, welche die Gräfin und der Abt gern übernommen hätten, zu ermöglichen wäre, wußte aber keinen zielsicheren Weg ausfindig zu machen. Mathildis und Hugo begaben sich nach der Burg zurück, und Adelheid, Amadeus und Azzo ritten mit ihnen. Gemeinsam wollten sie beim Papste die Fürbitte einlegen, daß er die Unterwerfung des Königs annähme und ihn vom Banne losspräche. Sie thaten so, allein Gregor wies sie ab und verlangte, daß Heinrich ihm seine Königskrone übergäbe und derselben für immer entsagte. Um diesen Preis wollte er den Bannfluch von ihm nehmen. Der Papst mochte überzeugt sein, daß der Gebannte diese Bedingung nicht eingehen würde, nicht eingehen könnte, und gerade darum hatte er sie aufgestellt. Schon die Rücksicht auf seine Bundesgenossen, die deutschen Fürsten, mußte ihn hierzu bewegen, da er sich ja denselben gegenüber verpflichtet hatte, nur gemeinsam mit ihnen den großen Streit zu entscheiden. Ledigte er nun aber den König des Bannes, so war damit der scheinbar berechtigten Verrätherei der deutschen Aristokratie die Basis entzogen und mußte dieses Präcedens dem ganzen Handel eine andere Wendung geben. Es ist daher nur gerecht, zu sagen, daß Gregor sich in einer häßlichen Klemme befand, als der König durch sein unvermuthetes Erscheinen in Italien ihm den Weg nach Deutschland abgeschnitten hatte und sich anschickte, ihm, so zu sagen, auf den Leib zu rücken, obzwar nur als bittender Büßer. Das Verhalten, welches der weiland Bauernjunge von Roavakum, der es dahin gebracht hatte, in den Augen der Gläubigen für den „fleischgewordenen Christus“ zu gelten, in den nächsten Tagen dem gebannten Könige gegenüber einhielt, sieht allerdings wie steinherziger Größenwahn aus, stellt sich aber bei näherem Zusehen als die Logik des gregorischen Papstprincips und der aus diesem erflossenen Politik dar. Daß die Logik doch nicht aushielt bis zuletzt, daß Gregor schließlich in der Hauptsache nachgab, lieferte den Beweis, daß der Vicegott eben auch ein Mensch war, dessen Nerven nur bis zu einem gewissen Grade der Bestürmung standhielten.

Derweil war Heinrich mit seinen Begleitern an den Fuß des Felsens von Kanossa herangekommen. Seine Fürsprecher haben ihm zweifelsohne sofort von der Burg herabsagen lassen, daß ihre Bemühungen fruchtlos gewesen und welche Bedingung ihm der Papst stellte. Der König scheint darauf vorbereitet gewesen zu sein; denn während seine Begleiter in dem Weiler am Fuße des Burgfelsens sich einherbergten, beschloß er, mittels eines auffälligsten Aktes der Welt zu zeigen, daß er bis zum Aeußersten sich demüthigen und durch Vornahme der strengsten Bußübungen seine Lossprechung vom Banne erkaufen wollte.

Noch am Tage seiner Ankunft vor Kanossa, wie es scheint, am 25. Januar von 1077 erschien der König barfüßig und mit dem härenen Bußhemd angethan, umgeben von seinen gleich ihm gebannten Getreuen, barfüßigen Grafen und Bischöfen, vor dem Hauptthore der Burg und verlangte als unterwürfig flehender Büßer Einlaß. Da stand der erste König der Christenheit, der Sohn Kaiser Heinrichs des Dritten, bei strenger Winterkälte mit bloßen Füßen als weinender Bettler im Schnee bis zur sinkenden Nacht. Umsonst. Am anderen Tage ging das klägliche Schauspiel auf’s neue in Scene und währte vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Umsonst. Droben im Schlosse bestürmten Adelheid und Mathildis, Hugo, Amadeus und Azzo den Papst mit Weinen und auch im Zorn: er selbst hat nachmals ausgesagt, sie hätten ihn einen hartherzigen Menschen und grausamen Tyrannen gescholten. Aber noch hielt er aus. Und ebenso der König: auch am dritten Tage that er unverdrossen seine bittere Bußarbeit und führte das Unerhörte durch. Da endlich wichen die Nerven des Papstes dem unausgesetzten Ansturm der Vermittler und Vermittlerinnen. Und auch dannzumal nur bis zu einem gewissen Punkt. Er willigte ein, die Bürde des Bannes von des Königs Haupt zu heben, aber nur unter schweren Bedingungen. Bevollmächtigte von beiden Seiten traten mitsammen in Verhandlung: von seiten Gregors sieben Kardinäle, von seiten Heinrichs der Erzbischof von Bremen, die Bischöfe von Osnabrück und Vercelli, der Abt Hugo und etliche Barone. Man kam überein, daß der König vor seiner Lossprechung feierlichst versprechen müßte, die Ausgleichung seines Zwistes mit den rebellischen deutschen Fürsten dem Urtheil und der Zeitbestimmung des Papstes zu unterstellen, sowie, die Reise Gregors nach Deutschland, falls dem Papst dieselbe zu unternehmen beliebte, mit allen Mitteln zu sichern und zu fördern. Der König gab das geforderte Versprechen. Es wurde eine Urkunde über das erreichte Einvernehmen aufgesetzt und von den beidseitigen Bevollmächtigten unterzeichnet. Für Heinrich auch von Adelheid und Mathildis.

[28] Und nun that sich das Burgthor endlich auf und ließ den König und seine Mitgebannten ein. Die Burgherrin mag den unglücklichen Gast im Hofe empfangen und in den „Palas“ geleitet haben, wo der Papst mit seinen Kardinälen der Ankömmlinge harrte. Da, als sie vor dem Angesichte des gewaltigen Priesters standen, geschah etwas, das trotz alledem und allediesem das Gefühl hervorruft, der Geist meistere die Materie. Heinrich und seine Mitgebannten warfen sich mit ausgebreiteten Armen zur Erde und stammelten unter Thränen ihr Schuldbekenntniß her. Der eiserne Papst selber vermochte sich des Weinens nicht zu enthalten. Dann richtete er Mahnungen und Tröstungen an die Büßer, sprach die Formel der Absolution und hob die also wieder in den Schoß der Kirche Aufgenommenen vom Boden auf. Hierauf schritt er ihnen voran zur Burgkirche, sprach ein Dankgebet und celebrirte selber die Messe. Der Mönch Lambert von Hersfeld meldet auch, der Papst hätte den König aufgefordert, gemeinsam mit ihm die geweihte Hostie zu genießen, dessen sich Heinrich im Gefühle seiner Unwürdigkeit geweigert habe, allein diese Meldung untersteht der Anzweiflung. Nachher tafelten König und Papst mitsammen, hatten dann noch eine Unterredung und hierauf verließ Heinrich mit seinen Getreuen die Burg.

Wie mag er aufgeathmet haben, als der Fels von Kanossa ihm aus dem Gesichte war! Was er dort gesucht, hatte er gefunden: die Lossprechung vom Banne und die Vereitelung der bedrohlichen Reichsversammlung zu Augsburg. Aber um welchen Preis? Um einen Preis, welcher den darum erkauften Vortheil weit überwog. Der Name Kanossa war fortan gleichbedeutend mit der Unterwerfung des deutschen Kaiserthums unter das römische Papstthum. Welche Fülle von Unheil, bis auf den heutigen Tag herab, für unser Land aus dieser Thatsache entsprungen ist, weiß jeder, wer es wissen will. Für uns Deutsche ist „Kanossa“ eins jener Schmerzensworte, wie jedes Volk deren eins oder mehrere besitzt, – so ein Wort, welches eine Welt von Scham und Zorn in sich faßt.

Selbstverständlich konnte ein Friede, wie er zu Kanossa zwischen Krone und Tiare mühsäligst zustandegekommen war, nur ein kurzlebiger Waffenstillstand sein. Denn auch mit dem besten Willen vermochte der König nicht zu halten, was er hatte versprechen müssen; er vermochte es nicht, weil die königliche Partei in Italien wie in Deutschland es nicht duldete. Und ganz abgesehen von allen Parteiverhältnissen und von der Politik überhaupt, wie konnte, rein menschlich genommen, eine „Versöhnung“ von der Art der zu Kanossa erzwungenen ehrlich und dauerhaft sein? Unmöglich! Der Gedemüthigte konnte dem Demüthiger nicht verzeihen und der Demüthiger ebenso wenig, ja noch weniger dem Gedemüthigten.

Daß Heinrich aus der schrecklichen Prüfung von Kanossa als ein besserer Mensch und König hervorging, untersteht keinem Zweifel. Er war, wie schon gesagt, kein Nummer-Eins-Mann, aber als einen Nummer-Zwei-Mann hat er fortan sich ausgewiesen, und ein solcher will schon etwas bedeuten auf der Schaubühne der menschlichen Tragikomödie, allwo ja sogar Nummer-Zehn-Männer als Könige, Minister, Generale, Diplomaten und Parlamentarier eine immerhin recht leidlich gute Figur machen. Mannhaft führte Heinrich den schweren Kampf um sein königliches Dasein weiter. Er wurde mit den beiden ihm durch die päpstliche Politik erweckten Gegenkönigen Rudolf von Schwaben und Hermann von Lützelburg fertig; er wurde mit Gregor selber fertig. Im Jahre 1083 kam er mit Heeresmacht nach Italien, eroberte Rom, schloß den Papst in die Engelsburg ein, ließ den Eingeschlossenen durch eine Synode von deutschen und italischen Bischöfen des Stuhles Petri entsetzen und auf diesen den Erzbischof Guido von Ravenna als Klemens den Dritten erheben, welcher dann in der Peterskirche dem deutschen Könige die römische Kaiserkrone aufsetzte. Des Kastells San Angelo vermochte er sich nicht zu bemächtigen, und Gregor ist von dort nach des Kaisers Heimkehr nach Deutschland zu seinem treuen Freunde, dem Normannenherzog Robert Guiskard, nach Unteritalien entwichen. Aber seine weltgeschichtliche Rolle war ausgespielt: er war und blieb ein entthronter und verbannter Mann. Bis zu seinem letzten Athemzuge jedoch hat er, von seinem Rechte vollständig überzeugt, für das Papstthum, wie er es geschaffen, gedacht, gesprochen, geschrieben, gekämpft. Am 25. Mai von 1085 ist er zu Salerno gestorben. Die dem Sterbenden in den Mund gelegten Worte: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt; darum sterb' ich im Elend“ – klingen nicht sehr wahrscheinlich, weil sie keineswegs gregorisch klingen. Der größte der Päpste war nicht der Mann, sterbend sich und seine Sache für besiegt zu erklären. Er wußte ja, daß sein Werk ihn überdauern werde.

Es hat ihn überdauert und war mächtig genug, den Lebensrest Kaiser Heinrichs des Vierten zu einer Hölle zu machen. Der von Gregor i. J. 1080 zum zweitenmal auf Heinrich gelegte Bannfluch war eine Last, die der lebende Kaiser nicht mehr abzuschütteln vermochte und die noch auf dem Todten wuchtete. Und das Bitterste kam noch über ihn: der Verrath der eigenen Kinder. Nach einander erhoben seine beiden Söhne, Konrad und Heinrich, rebellische Waffen gegen den Vater. Vergebens hielten, wie immer, so auch jetzt die treuen Städte zum Kaiser. Er erlag der schnödesten Untreue und List des Verräthers Heinrich, und als sich der Greis noch einmal zum Kampfe für sein gutes Recht aufraffen wollte, trat ihn der Tod an. Zu Lüttich im Schutze des treuen Bischofs Otbert ist er am 7. August von 1106 gestorben. Der Haß der Kirche verfolgte ihn bekanntlich noch in's Grab hinein oder weigerte ihm vielmehr ein Grab. Denn die Priester der „Religion der Liebe“ besitzen unbestritten den Ruhm, die Kunst des Hassens bis zur höchsten Virtuosität ausgebildet zu haben. Aber nicht darum ist die Geschichte des Christenthums die gräuelvollste aller Religionsgeschichten, sondern deßhalb, weil der arme Ikaros Mensch, je höher er in den Aether des Ideals hinaufgeflogen ist, desto tiefer in den Erdenschmutz herabfällt. Man halte einmal mit der Bergpredigt die Kirchengeschichte zusammen oder mit dem „Kindlein, liebet einander!“ die Händel der Arianer und der Athanasier, der Päpstler und der Protestanten, der „Griechen“ und der „Lateiner“, der Lutheraner und der Kalvinisten, und man wird, so man nämlich nicht schlechterdings sich selber und andere belügen will, schaudernd erkennen und anerkennen müssen, daß das christliche Ideal in der geschichtlichen Wirklichkeit nur ein höllisches Zerrbild seiner selbst geworden ist. Nicht besser kann und wird es dem sogenannten humanistischen Ideal ergehen, falls man demselben die Flügel nicht bei Zeiten beschneidet. Der Menschenbruderschaftsschwindel kann nur Unheil anrichten, weil er Blick und Sinn für das Wirkliche und Mögliche abstumpft und aus falschen Voraussetzungen verrückte Schlüsse ziehen lehrt. Die Menschen, die Parteien und die Völker sind nicht dazu da, einander zu lieben, sondern einander Konkurrenz zu machen in tausenderlei Formen. Denn nur diese rastlose Konkurrenz in allen ihren zahllosen Geschäftszweigen erhält die Firma Menschheit tüchtig und leistungsfähig. Wir leben nicht in Utopia, sondern auf Erden, und das Dasein ist keine Schlaraffei, sondern Arbeit, Sorge und Kampf.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Bild erschien bereits in: Die Gartenlaube, 1862, S. 245
  1. Zum Gedächtniß der Januartage von 1077.
    D. Red.