Kein Hasenherz!

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Textdaten
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Autor: Wilhelm Eberling
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Titel: Kein Hasenherz!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 52
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[52] Kein Hasenherz! Der Hase steht, wie männiglich bekannt ist, bezüglich seines Muthes in nicht sonderlich gutem Rufe, und seinen lateinischen Beinamen, timidus, in der Zoologie verdankt er ja seiner eben nicht geringen Furchtsamkeit; daß aber auch er im Stande ist, furchtlos und muthig aufzutreten, wenn es die Vertheidigung seines theuersten Besitzes gilt, dürfte der nachstehend mitgetheilte Fall zur Genüge zeigen.

Einsender dieses war vor einigen Jahren in einem kleinen Dörfchen an dem östlichen Abhange des Westerwaldes in der Nähe des gewerbreichen Städtchens Haiger als Lehrer in Thätigkeit; die freien Nachmittagsstunden benutzte er meistentheils zu Spaziergängen in der nicht uninteressanten Umgebung und richtete dieselben so ein, daß er unterwegs mit einem Freunde, der als Geometer mit der Consolidation der Gemarkung des Dörfchens beschäftigt war, zusammentraf. Wir Beide, mein Freund und ich, waren denn eines Nachmittags aus ganz geringer Entfernung Zuschauer eines Kampfes, der zwischen einem Hasen und einem Raben auf freiem Felde entbrannte. Der Rabe umkreiste beständig die Stelle, in deren Besitz sich der Hase befand und an deren Eroberung ihm außerordentlich viel gelegen schien; der Hase, als Inhaber der gewünschten Position, schien aber nicht gewillt, dieselbe aufzugeben. Die größtmöglichsten Anstrengungen wurden von dem Raben gemacht, den Hasen zu vertreiben, über ihn wegfliegend, ihn dicht umkreisend, suchte er ihn durch Flügelschläge und Schnabelhiebe zur Flucht zu bewegen; mit der größten Gewandtheit und Kaltblütigkeit parirte der Hase und behauptete den Plan.

Nachdem dieses Kämpfen einige Minuten gedauert hatte, schien der Rabe die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen einzusehen und ließ vom Kampfe ab, aber nur, um mit List Das zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Er setzte sich, nicht weit von dem Lager des Hasen entfernt, auf die Erde, zu welchem Zwecke, sollten wir gleich sehen. Hatte sich nämlich der Hase bisher blos auf die Vertheidigung beschränkt, so ging er jetzt – wir trauten unseren Augen kaum – zum Angriffe über, offenbar willens, seinen lästigen Feind ganz aus dem Felde zu schlagen. Der Rabe, dessen Absicht augenscheinlich erreicht war, flog auf und war blitzschnell an dem von dem Gegner so sehr vertheidigten Punkte; letzterer aber, ebenso schnell hinter ihm drein jagend, hatte ihn rasch wieder vertrieben. Dieses aufregende Schauspiel hatte beinahe zehn Minuten Zeit in Anspruch genommen; da gab der Rabe den Kampf auf und ließ den Meister Lampe als Sieger auf dem wohlvertheidigten Schlachtfelde zurück. Und was war es, das den schwachen Hasen für einige Zeit alle Furcht bei Seite setzen ließ und ihm die Kraft gab, mit einem überlegenen Feinde siegreich zu kämpfen? Die Liebe zu seinen Jungen, denn diese waren es, die er gegen einen frechen Räuber vertheidigte.

Bad Ems.
Wilh. Eberling.