Keine Apotheken mehr

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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Keine Apotheken mehr
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 192-194
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Anleitung zur Gesunderhaltung
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[192]
Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre.
I.
Keine Apotheken mehr!

Aber auch fort mit den Quacksalbern, mit Magnetiseuren und Somnambülen, mit Amuletten und Geheimmitteln. So lange dieser Hokuspokus und Betrug noch existirt, wird die Menschheit niemals ordentlich gesunden; so lange der Mensch nicht schon in der Schule Kenntniß von seinem Körper bekommt, wird er sich fortwährend selbst die Gesundheit und das Leben untergraben; so lange die Aerzte ihren Nimbus als heilende Engel zu erhalten streben und nicht lieber im Gefühle ihrer menschlichen Schwäche anstatt des Curirenwollens von Krankheiten dieselben dadurch zu verhüten suchen, daß sie die Menschen mit denjenigen Bedingungen und Gesetzen bekannt machen, durch welche der Körper gesund, kräftig und schön erhalten und gegen die vielen krankmachenden Einflüsse geschützt werden kann, so lange wird auch das allopathische, homöopathische und isopathische, hydropathische, dynamische, schrothsche, rademachersche, sympathische, mystische und gymnastische ärztliche Gaukelspiel noch Manchem Geld und Gesundheit, wo nicht gar das Leben kosten.

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Es ist wahrlich merkwürdig, wie Curirer und Curirtseinwollende seit Jahrhunderten so hartnäckig an Heilmitteln hängen, die zur Zeit der Noth fast immer im Stiche lassen. Es verhält sich aber hier ganz wie bei der alten Großmutter-Regel vom Einflusse des Mondes auf das Wetter. Trifft nämlich zufällig einmal die Witterungsveränderung mit dem Mondwechsel zusammen, dann ist der Mond natürlich Schuld daran und man staunt dessen wetterverändernde Kraft an; ändert sich aber das Wetter zehnmal und hundertmal dabei nicht, dann hat wahrscheinlich der Mond gerade keine Macht gehabt, das Wetter zu ändern und die alte dumme Regel bleibt baumfest stehen. Wer die Augen gehörig aufmachen kann, sollte doch wirklich sehen, wie trotz der gerühmtesten und angeblich sichersten Heilmittel, deren es eine Unzahl gibt, die aber noch von Tage zu Tage wie eine gefahrbringende Lawine wächst, die Masse der Kranken fortwährend zunimmt; wie der Leberthran die Zahl der Schwindsüchtigen noch durchaus nicht gemindert hat, wie Kinder am Scharlach und an sogenannten Hirnkrämpfen trotz Calomel und Blutegel in Menge dahin sterben, wie den Hunderten von Arzneibüchsen in den Apotheken zum Hohne und zur Freude der Apotheker, der Brunnenärzte in den Bädern, der Kaltwasserdoctoren und der mit Geheimmitteln handelnden Buchhändler, die große Mehrzahl der Menschen bleich und [193] mager aus Blutarmuth, mißmuthig und verdrießlich durch Hypochondrie und Hämorrhoiden, hinkend und steifbeinig in Folge von Rheumatismus oder Gicht, hinten und vorne, oben und unten von Schmerzen aus Nervenschwäche und Hysterie geplagt, hohläugig, kahlköpfig, zahnlos und bucklig auf unserer schönen Erde herumwankt. Sind das etwa die Ebenbilder Gottes? das die Herren der Schöpfung?

Sehr treffend sagt Dr. Mises (im „Panegyrikus der Medicin“): „unsere heutige Medicin ist ein sich durch sich selbst immer mehrendes Kapital. Wie wenig Aerzte konnten ehedem davon leben; jetzt nachdem die Medicin zu einem so hohen Gipfel gebracht worden ist, finden Legionen Aerzte ihr Brod in Besorgung von Krankheiten. Man fahre nur fort, tapfer darauf los zu curiren und der Fond wird sich schon noch mehr vergrößern; und wenn die göttliche Kunst am höchsten gestiegen sein wird, dann wird hoffentlich auch die Welt ein Lazareth, in dem der Arzt alleinherrschend umhergeht, und das allgemeine Speisehaus wird die Apotheke sein.“ Nicht minder wahr schreibt Dr. Steudel (in der lesenswerthen Schrift „die medizinische Praxis, ihre Illusionen und ihr Streben zur Gewißheit“) über unsere Arzneimittel: „wenn aus der Reichhaltigkeit des Heilapparates, der Verschiedenheit der Heilmittel, aus der Sorgfalt, mit der jedes derselben präparirt und aufgehoben wird, und aus der Schnelligkeit, mit welcher dem bereits fast unermeßlichen Material stets neue, natürlich untrügliche und vortreffliche Ingredienzien zugeführt werden, ein Schluß gemacht werden dürfte auf entsprechende, zunehmende Sicherheit im praktischen Handeln und auf reelle Bereicherung unsers Wissens, so müßte es glänzend stehen um das leibliche Wohlsein des Menschengeschlechts; denn fast aus allen Reichen hat man die Körper, die sich durch irgend eine besondere Eigenschaft auszeichnen, zusammengeholt, dieselben auf die verschiedenste Weise unter einander verbunden, und aus den einzelnen wieder die wirksamsten Theile ausgezogen, um das vermeintlich heilende Princip in absoluter Reinheit und in möglichster Concentration zu besitzen. Leider muß man aber gestehen, daß mit der Vermehrung des Materials nur die Unsicherheit und Willkür im praktischen Handeln zugenommen hat und eine solche Verwirrung eingetreten ist, daß es eigentlich gar kein Gesetz mehr gibt und Jeder thun kann, was er will.“

Bei der allopathischen Quacksalberei, welche auch Kranke heilt ohne dieselben gesehen zu haben, kann jede Krankheit so ziemlich mit demselben Mittel (am liebsten aber mit Jod, Quecksilber, rothen Fingerhut oder Leberthran) curirt werden, da jedes Mittel fast bei allen Krankheiten probat gefunden wurde. Beim homöopathischen (oder Samuel Hahnemann’schen) Aberglauben soll Nichts mit Milchzucker vor unsern sichtlichen Augen überirdische Dinge thun, während man bei der Vincenz Prießnitz’schen Kaltwasserquälerei die alten Sünden des Patienten und seiner frühern Aerzte stromweise in’s Bett laufen und ersaufen sieht. Durch die altbackene Semmel- oder Austrocknungscur des Bauer Schroth, wird die Krankheit zum Verdursten gebracht und dann ihre Leiche in einem Semmelsarge aus dem Körper geschafft. Die Rademacher’sche oder Erfahrungsheilkunst probirt an einem Kranken erst Salpeter, Eisen oder Kupfer, und war die Krankheit zufällig keine Salpeter-, Eisen- oder Kupferaffection d. h. wurde der Kranke beim Gebrauch dieser Mittel nicht gesund, dann versetzt man ihm noch so lange dieses und jenes Medicament (am liebsten nach dem Alphabet) bis seine unverwüstliche Natur doch noch über die Krankheit siegt oder Patient sich durch den Tod seinen Quälern entzieht. Der Trost bleibt aber dann den Hinterlassenen, daß der Verstorbene bei der schrecklichen Salpetereisenkupferquassiabrechnußchininarsenikkrankheit, von welcher er heimgesucht worden war, nicht länger leben konnte.

Daß durch Sympathie in der That bisweilen Erfolge bei Krankheiten erzielt werden, liegt nur darin, daß die jetzige Menschheit große Sympathie für Unsinn hat und beweist recht deutlich, auf welch’ niederer Stufe wir in geistiger Beziehung stehen. Die Isopathik, ein Absenker oder wie sie sich selbst rühmt, eine Veredelung der Homöopathie und von einem Landarzte Hermann erfunden, strebt mit den Pulvern oder Tinkturen gesunder thierischer Organe die entsprechenden kranken Organe des Menschen zu heilen. Ist z. B. die Leber krank, gleichviel wie, so ist das beste Heilmittel pulverisirte oder in Weingeist ausgezogene Fuchsleber u. s. f. Es ließe sich übrigens diese Heilmethode dadurch noch wirksamer machen, daß man kranken Menschen präparirte Organe von solchen Thieren verordnete, welche mit den Patienten einige Aehnlichkeit hätten. Wie theuer würden da nicht die Eselsgehirne werden? Was die mystische Heilmethode betrifft, so muß wohl an dieser Etwas sein, da selbst ein Professor der Medicin, Hr. Ringseis in München, predigt, daß die Krankheiten von der Erbsünde, dem Schlangensamen u. s. w. herkämen und daß Rückkehr zur Frömmigkeit, Buße und Gebet die Hauptsachen bei der Herstellung von Krankheiten ausmachen. – Die gymnastische Heilmethode der Neuzeit, in Schweden durch Ling und Branding am weitesten gediehen und jedenfalls mit eine der naturgemäßesten Methoden zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit (wenn sie nämlich zweckmäßig angewendet wird), artet auch schon wieder durch Einseitigkeit und Pedanterie aus und nimmt, nach ihrer eigenen Ausdrucksweise, eine linksstreckrechtsklafterrechtsseitfallrechtshalbstehende Stellung ein. Uebrigens empfehlen wir doch unsern Lesern gegen verdorbenen Magen folgendes gymnastische Recept als probat:

     R     Sturzstehende concentrische Quermagenwalkung.
 Spalthochsitzende Hüftrollung und Magenlinddrückung.
 Streckspaltsitzende Brustspannung.
 Halbstreckgangstehende Vorwärtsdrehung.
 Spaltstehende Doppeltkniebeugung.
 Lastneigende Rückenerhebung.
 Hochstehende Beinvorwärtsdrückung.
 Klafterstehende Planarmbeugung von hinten nach vorn.
 Gehsitzende Wechselkniestreckung.
 Halbliegende Plandrehung. aa.

Daß die Badecuren von allen Curen die glücklichsten Resultate bei Krankheiten liefern, ist nicht zu bewundern, wenn man bedenkt, daß in Bädern der kranke Mensch auf vernünftigere Weise als zu Hause Wasser, Luft, Sonne, einfache milde Nahrung und körperliche, so wie geistige Ruhe genießt. Wer aber dem Geiste der Quelle, dem sogenannten Brunnengeiste, oder was so [194] ziemlich dasselbe ist, den Paar im Wasser aufgelösten Salzen und andern Stoffen die gute Wirkung der Bäder vorzugsweise zuschreibt, verdiente wirklich in den Brunnengeist einer Bitterwasserquelle verwunschen zu werden. Die Geheimmittel, in welchen jetzt größtentheils Buchhändler machen, wahrscheinlich weil diese gewöhnt sind, durch ihre Bücher längstgefühlten Bedürfnissen abzuhelfen, stehen auf dem Höhepunkte der medicinischen Betrügerei, weil bei diesen Mitteln, die aus ganz billigen entweder nichtsnutzigen oder wohl auch aus giftigen Substanzen zusammengesetzt sind, dem Dummen das Geld geradezu so gut wie aus der Tasche gestohlen wird. Daß auch die Tischrückerei und die Geisterklopferei zum Heilen von Krankheiten benutzt werden müssen, versteht sich von selbst, da alle die vorher angeführten Heilmethoden so wenig im Stande sind Krankheiten zu heben.

Man sieht, es fehlt der leidenden Menschheit nicht an allen möglichen Wegen, auf welchen man ihr die Wiederherstellung ihrer Gesundheit anbietet, und dabei sind noch nicht einmal die Elektrisirer und Magnetiseurs (dynamische Heilkünstler), Barbiere, Thierärzte, Apotheker, Schäfer und Hufschmiede mit ihren Hexereien mitgerechnet. Alle stellen sich brüstend hin und rufen (oder lassen es durch Zeugnisse in den Zeitungen bekannt machen): „unsere Kranken werden durch unsere Mittel gesund.“ Natürlich! Die günstigen Resultate (sagt Steudel), die meist die unverwüstliche Natur hervorbrachte, die aber die Heilkünstler immer nur sich selbst und ihren Mitteln zuschreiben, waren von jeher das Schlagwort für jeden Unsinn, der in der Geschichte der Medicin so reichlich zu finden ist. Jede Partei behauptete immer, ihre Vorgänger seien Narren und Mörder gewesen, und sie allein habe den wahren Stein der Weisen entdeckt und wisse die Kranken zu heilen. Wir kennen das! Und wenn es auch nur ein einziges Mal wahr gewesen wäre, die Welt müßte längst ausgestorben sein, da nach diesem Grundsatz alle Aerzte bis auf die neueste Zeit Giftmischer und Todtschläger gewesen wären. Da aber von jeher das Verhältniß der Genesenden und Sterbenden bei den verschiedenartigsten Behandlungsweisen unter den Kranken im großen Ganzen so ziemlich dasselbe blieb, so kann der denkende Mensch nicht anders, als annehmen, daß zu allen Zeiten die Genesung von ganz andern Ursachen abhängig war, als von den medicinischen Lehrsätzen und ihren sich stets widersprechenden Heilmitteln und Heilmethoden. Diese Ursachen finden sich aber im menschlichen Körper selbst vor und sind die von Natur ihm inwohnenden Gesetze, durch deren Kenntnisse wir uns vor Krankheiten zu schützen und beim Kranksein selbst zu helfen im Stande sind.

Haben wir die gehörige Einsicht in die Oeconomie unseres Körpers gewonnen, was gar nicht so schwer ist, dann werden mit den Apotheken (bis auf eine Büchse mit betäubenden Mitteln) alle die angeführten Quacksalbereien und Betrügereien allmälig von selbst verschwinden und durch die richtige Anwendung der Luft, des Wassers, der Nahrung und Bewegung endlich ganz verdrängt werden. – Die Nothwendigkeit einer guten Luft und gesunder Athmungsorgane wird Dir, lieber Leser, aus den vorigen Nummern klar geworden sein; über den großen Einfluß des Wassers, der Nahrungsmittel und der Bewegung auf unsern Organismus sollst Du später unterrichtet werden. Vorläufig beschaue Dir die beiden abgebildeten Brustkasten, von denen der enge und abgezehrte durch vernünftiges Turnen allmälig zum weiten und kräftig-musculösen geworden ist. Möchtest Du nicht auch solch’ eine Brust? Nun da laß Dir doch ja von Deinem Arzte etwas Stärkendes verschreiben, wenn Du den erbärmlichen Brustkasten wünschest, und komm’ auf den Turnplatz, wenn Dir der andere und naturgemäße besser gefällt.

(B.)