Kunst, Religion und Kultur

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Autor: Henry Thode
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Titel: Kunst, Religion und Kultur
Untertitel: Ansprache an die Heidelberger Studentenschaft gehalten bei der anlässlich seiner Ablehnung des Rufes an die Berliner Universität veranstalteten Feier
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Erscheinungsdatum: 1901
Verlag: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Heidelberg
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KUNST, RELIGION

UND KULTUR


ANSPRACHE

AN DIE HEIDELBERGER STUDENTENSCHAFT,

GEHALTEN

BEI DER ANLÄSSLICH SEINER ABLEHNUNG

DES RUFES AN DIE BERLINER UNIVERSITÄT

VERANSTALTETEN FEIER

VON

HENRY THODE


HEIDELBERG 1901

CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG.


Alle Rechte, besonders das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen, werden vorbehalten.


Die hier mitgeteilte Ansprache wurde am 19. Nov. 1900 aus dem Stegreif gehalten. Zu ihrer Veröffentlichung aufgefordert, bin ich bemüht gewesen, mit Hülfe der mir von

einigen Zuhörern freundlich zur Verfügung gestellten Nachschriften den Wortlaut aus der Erinnerung so getreu, als es mir möglich war, wiederzugeben. Dies zur vielleicht nötigen Erklärung der folgenden Ausführungen, die keinerlei litterarische Ansprüche erheben.

H. T.     

Tiefbewegt stehe ich vor Ihnen — und ganz überrascht. Überrascht nicht in dem Sinne, als ob ich nicht die festen Bande kännte und fühlte, die mich mit Ihnen Allen, mit dieser unserer Universität verknüpfen, sondern überrascht durch solche ungemeine, herzliche Äußerung der Teilnahme und der Gesinnung, die Sie mir entgegenbringen. Von Herzen, seien Sie dessen versichert, weit mehr als ich es mit Worten im Augenblick zu sagen vermag, bin ich Ihnen dankbar für die innigen Beweise Ihrer Zuneigung und Ihres Vertrauens, die mir auf das Schönste meinen Entschluß, den Berliner Ruf abzulehnen und in Heidelberg zu bleiben, rechtfertigen.

Sie haben es ausgesprochen: es war ein schwerer Kampf, es war eine Entscheidung für das Leben; Wochen lang habe ich geschwankt. Dort bot sich mir ein viel ausgedehnterer Wirkungskreis, eine der Zahl der Zuhörer nach weit umfänglichere Thätigkeit bot sich mir dar — die Möglichkeit, im Centrum Deutschlands mit den mir verliehenen Kräften für Das einzutreten, was ich als das Wichtigste der Zukunft betrachte: das Ideale. Auf der anderen Seite das Gegebene, Geschaffene, sich hoffnungsvoll Entwickelnde hier in Heidelberg: unsagbar schwer, sich davon zu trennen, hinaus in ein Neues, fort von Allem, was äußerlich und innerlich sich zu einem Lebendigen gestaltet hat. Alle Erwägung drängte sich schließlich in der Frage zusammen: wo kannst du deinem Wesen, deiner Art des Fühlens und Denkens entsprechend mehr wirken? Dies allein mußte entscheidend sein, und nach und nach trat die Erkenntnis ein: nur in der Beschränkung liegt die Kraft, nur aus der Beschränkung entwickelt sich die Freiheit. Dort in Berlin, inmitten aller der die Thätigkeit zersplitternden Ansprüche des öffentlichen und geselligen Lebens hätte ich bald nur noch in die Breite wirken können — hier in Heidelberg darf ich in die Tiefe gehen.

In die Tiefe! Sobald ich dies ins Auge gefaßt:
das eigene Bedürfnis nach Versenkung und die Gewißheit, mit Anderen mich hier in innerlicher Weise zu verbinden, konnte mir der Entschluß nicht mehr zweifelhaft sein. Wirkte bei ihm stark die Anhänglichkeit an diese Stätte der Lehre, an diese herrliche Stadt, an dieses Land, und ganz besonders stark auch die Verehrung für unsere geliebten Großherzoglichen Herrschaften mit — die Entscheidung kam doch von jener Erkenntnis her. Nur in der Vertiefung, in der Verinnerlichung vermag ich die Befriedigung meines Strebens und den Glauben an eine Wirksamkeit zu finden. Freudigen Herzens entsagte ich den doch verlockenden Aussichten, welche mir in Berlin eröffnet waren.

Sie Alle, die Sie so willig meinen Vorträgen Gehör schenken, besonders aber Diejenigen, welche seit länger in der Arbeit mit mir verbunden sind, werden diese Erlebnisse mit mir empfinden. Hat sich doch seit den sechs Jahren, während welcher ich an dieser Universität gelehrt habe, zwischen uns eine innere Gemeinschaft gebildet. Sie wissen, wohin ich ziele, was der Kern meiner Bestrebungen ist: eben diese Gemeinschaft!

Ich vertrete ein herrliches Wissensfach: die Wissenschaft, die sich mit der Welt der Kunst beschäftigt. Und gerade sie ist es, die mich immer wieder veranlaßt, mir der tiefen Verantwortlichkeit, die hierin liegt, bewußt zu werden, den einen Gedanken stetig fest zu halten, daß wir angesichts der Kunst nicht allein zusammenkommen, um uns Wissen zu erwerben. Wohl steht dieser Zweck an einer Universität in erster Linie, aber unser Wissen von der Geschichte der Kunst kann immer wieder nur in dem Nachfühlen der inneren Schöpferkraft großer Meister seine Begründung erhalten und mündet andererseits immer wieder in der reinen künstlerischen Anschauung. Und eben in diesem Nachfühlen, in dieser Anschauung gewinnen wir Das, was über das bloße Wissen hinaus wir erlangen wollen, was in schönen, begeisterten Augenblicken wir oft erlebt haben: die ideelle Gemeinsamkeit, ein Sichfinden in Dem, was, über die vielzerstreute und vielgetrennte Wirklichkeit individuellen Daseins hinausgehoben, als ein ungetrübtes Reich der Einigkeit sich unserem verklärten Auge erschließt. Was in der Welt und ihrer Geschichte die Ideen und die Innerlichkeit bedeuten, das offenbart uns, wie keine andere Kraft und Thätigkeit des Geistes, die Kunst. Und darum bedeutet für uns, die wir hier in solcher Meinung zusammenkommen, die Kunst nicht ein Spiel, sondern wir lernen sie erfassen als die höchste, ernsteste menschliche Angelegenheit, von allgemeinerer Bedeutung noch als die Wissenschaft, da sie die innere Gemeinschaft in einem Unpersönlichen lauterer Gefühlswahrhaftigkeit gleichsam von uns erzwingt.

Und mit jeder Stunde, jedem Tage, liegt an solchem unserem Streben mehr.

Nach heißem Sehnen, das ein Jahrhundert lang die Seele des Volkes erfüllte, haben wir Deutsche, dank der Kraft desselben, und dank der Kraft großer, genialer Männer, die äußere Gemeinsamkeit in der Einheit unseres Landes und zugleich das Bewußtsein der Einheit des Deutschtums gewonnen. Sehen wir die Stellung, die wir in der Welt erkämpft haben, so können wir nicht anders, als uns darüber freuen und auf unsere Errungenschaften stolz sein. Jede Nachricht, die wir lesen, berichtet davon, wie unsere äußere Macht wächst. Aber in dieser glänzenden Entfaltung liegt eine sehr große Gefahr, dieselbe, welche zu allen Zeiten allen Völkern nach ruhmreichen Siegen und großen Erfolgen nahe getreten, ja zumeist verhängnisvoll geworden ist. Was so hoch und herrlich dasteht und den Blick berauscht, es ist hohl und nichtig und trägt den sittlichen Verfall in sich, wenn der äußeren Macht nicht die innere Kraft entspricht. Wir Deutsche stehen vor der entscheidenden Wendung unserer Geschichte, und Alles kommt darauf an, wie wir uns verhalten. Alles Heil der Zukunft liegt in der Einsicht beschlossen: nur die Innerlichkeit macht uns der äußeren Weltstellung würdig, nur das Erstarken des inneren Lebens kann uns vor der furchtbaren drohenden Gefahr, daß wir unser Bestes im Äußerlichen verlieren; erretten.

Was ist denn dieses Deutschtum, das sich seine äußere Form in der politischen Einheit endlich gebildet hat, das uns zu einem großen, ja gewaltigen Volke gemacht? Und worin liegt die Kraft seines Wesens? Es ist ja nichts Anderes als eben jene Fähigkeit, jene Notwendigkeit der Verinnerlichung, wie sie kein anderes Volk in solchem Maße hat, es ist jener Drang und jenes Vermögen, von aller äußeren Erscheinung zu gunsten des im Innern erkannten und geglaubten Wesens abzusehen, es ist jenes lautere Streben nach der Tiefe. So kann es gar nicht anders sein, als daß unsere Aufgabe uns hell und leuchtend vor Augen steht: die Versenkung, weitab vom Schein, in die Tiefe!

Und hier muß es nun ganz ersichtlich werden, welche Bedeutung in dieser Zeit die Kunst für uns hat. Sie wird uns zur Führerin in jene Regionen, wenn wir sie nach ihrer ganzen unvergleichlichen Bedeutung erkennen lernen. Aber welche Kunst? Giebt es denn eine lebendige, unserem Fühlen und Sehnen unmittelbar und ganz entsprechende? Ja, es giebt eine solche, und sie ist der Inbegriff des Deutschtums in aller Welt geworden: jene erhabene Kunst, die auf der tragischen Bühne von Bayreuth daheim ist. Sie, die umfassend Das ausspricht, was von je im tiefsten Grunde der Volksseele lebte, was seit Jahrhunderten immer stärkeren und deutlicheren Ausdruck in Tönen, Worten und Gestalten sich schuf, bis das gewaltige Genie die dem Germanen eigenste Gefühlssprache: die unerforschlich-dunkle, ewig geheimnisvolle Sprache der Musik, den hellen dichterischen Ideen zuführte, den Abgrund der Urgemeinsamkeit von Denken und Fühlen enthüllte und in der lebendigen Gestalt des Dramas ewiges Gesetz und Notwendigkeit menschlichen Wollens und Handelns offenbarte. Hier ist die Kunst, eine größte Kunst, die uns zur Führerin vor allem Anderen bestimmt ward.

Aber die bildende Kunst, sie, deren Betrachtung mir zur Lebens- und zur Lehraufgabe wurde? Wir dürfen es uns nicht verhehlen: das bildnerische Schaffen des XIX. Jahrhunderts wurzelt nicht in der Tiefe, sondern schwebt an der Oberfläche, es ging nicht aus der Notwendigkeit des Volkslebens und allgemeiner Kulturideen hervor, wie unsere Musik und Dichtung des germanischen Protestantismus, wie die Bildnerei der Griechen, der Renaissance, sondern sie ist eine Erscheinung des Luxus. Daher auch an ihr nichts Sicheres, Festes, in sich Gegründetes ist; es fehlt ihr eben jene Beschränkung, welche die Konzentration und damit die Freiheit in der Gesetzmäßigkeit mit sich bringt. Die beständig wechselnden Theorien und Prinzipien verraten ihre Haltlosigkeit. Wohl zeigt sich vereinzeltes echt künstlerisches Schaffen, ja in Einem vor Allen, der unserer Zeit geschenkt ward, in Hans Thoma[WS 1], gewann deutsches Gemüt und deutsche Phantasie von Neuem einen universalen Ausdruck — aber gerade das abgesonderte Schaffen solcher wahren Künstler läßt uns den Mangel jeglicher Einheitlichkeit und natürlichen Notwendigkeit in der bildnerischen Bethätigung um so deutlicher erkennen. Wie also könnten wir in ihr ein Bestehendes, einen sicheren Grund, eine ideelle Bestimmung unseres Gefühles finden, wie in ihr eine Quelle der Gemeinsamkeit entdecken? — bringt sie in ihrer Willkür doch im Gegenteil die Verwirrung der Meinungen und den verderblichen Wahn mit sich, die Kunst sei nur ein Spiel, bestimmt zur Zerstreuung statt zur Sammlung, zur Kritik statt zur Hingebung, zur Selbstbetonung statt zur Selbstentäußerung.

Von anderer Seite her, von der wahrhaft großen Kunst vergangener Zeit, der Antike, des Mittelalters, der Renaissance müssen wir die Hilfe suchen. Sie wird uns zur Ergänzung unserer deutschen Musik und Dichtung, denn sie lehrt das selbe. Unserem Sehnen kommt sie entgegen, ewig wirkend und ewig gültig, wie alle vollkommene Schöpfung menschlichen Geistes, und nimmer alternd in der Kraft, uns über die Not dieses schmerzenreichen Daseins zu erheben. — Wenn wir sie in uns lebendig werden lassen! Und das ja ist es, worin Ihnen behilflich zu sein meine hohe Aufgabe ist, durch alles Historische hindurch Ihnen immer von Neuem das Wunder zu erschließen, wie inneres Erleben zur äußerlich sichtbaren Gestalt wird, wie Wesen und Erscheinung ineinander aufgehen, wie alles große Bilden ein Bekenntnis der Seele von ihrer Liebe und ihrem Glauben ist, wie im Bildwerk alles Natürliche durch die Seele gereinigt und heilig gesprochen wird, wie das Schaffen eine Liebeswerbung ist, wie es aus dem unwiderstehlichen Drange, die Menschen innerlich zu verbinden, hervorgeht — aus der Tiefe hervor!

Dann aber wäre Kunst Religion? Wer es behauptete, würde wohl von der Wahrheit sich nicht allzusehr entfernen — und doch ist es nicht so. Nur nahe verwandt sind die beiden erlösenden Mächte, denn sie beide führen in ein Reich, das über diesem Leben steht, und sie beide begründen eine ideelle Gemeinsamkeit, — und wunderbar, sie scheinen sich in ihrer Aufgabe einander abzulösen. Aus der Religion erwächst die Kunst, und wenn die Glaubenskraft erlahmt, tritt an ihre Stelle die Kraft des Schauens, wo immer einem Volke diese vergönnt ist. Wir stehen in einer geheimnisvollen Zeit: aus der seelischen Bewegung des Protestantismus Luthers ist unsere Weltanschauung Kants und Schopenhauers hervorgegangen, das uralte arische Erbtum seit den Tagen indischer Weisheit ward durch sie als Neues uns eigen, und aus dem Protestantismus erwuchs unsere Dichterherrlichkeit, unsere Musik bis zur vollendeten Freiheit. Alles ward uns gegeben, wir erleben es. Und es konnte scheinen, als bedürfe es des Glaubens und der Religion nun nicht mehr. Und doch, nun Philosophie und Kunst ihr höchstes Wort gesprochen haben, zeigt es sich wieder wie ein sehnsüchtiges Ahnen und Suchen eines vertieften und vereinfachten Christentums; in allen Fibern des Gefühlslebens empfinden wir es, gewahren es auf allen Gebieten geistiger Arbeit. Noch erscheint das Große in der Zukunft verhüllt, noch möchte man nicht wagen, von diesen zarten Regungen laut zu sprechen. Die Wege, die bisher eingeschlagen wurden, lassen uns nur die Richtung erkennen, in welcher das Neue, Ersehnte liegt, sie führen nicht zu ihm hin. Wie und wann und ob es erscheinen wird, ist nicht voraus zu verkünden, wir dürfen nur das Eine sagen: die neuere Philosophie und Kunst in ihren höchsten Äußerungen haben ja selbst die ewige Wahrheit der Erlösungsthat Christi und seiner Liebeslehre erwiesen, und so wird und muß das neue Christentum, vertieft und vereinfacht, alle Gegensätze ausgleichend und alle Kluft der Stände und der Bildung überspannend, dem seelischen Bedürfnis des Gebildeten wie des Ungebildeten in gleichem Maße gerecht werden, soll es sich selbst und seiner erhabensten Bedeutung entsprechen.

Aber auch hier heißt es: wir müssen uns eines solchen neuen Evangeliums würdig erweisen, wir müssen in uns selbst die Kraft des Gefühles wecken, denn nur aus der Kraft germanischer Innerlichkeit kann es hervorgehen. Gehen wir ihrer mehr und mehr verlustig, so ist die Hoffnung auf das Wiedererstehen einer rettenden lebendigen religiösen Gemeinschaft ein leerer Wahn. Und auf sie kommt es an, denn alle Erkenntnis der Wissenschaft, wie sie fortschreitend Geschichte und Natur erhellt, alle philosophische Weisheit vermag uns nicht mehr zu befriedigen.

Auch hier auf dem Wege zur Religion darf die Kunst unsere Führerin sein. In der Gemeinschaft, die sie schafft, in der Selbstentäußerung, die sie uns lehrt, findet die Liebe und der Glaube ihre Nahrung — durch das Schauen des Göttlichen wird der Glaube an die Gottheit entbunden. Die Kunst übt unsere Seele in dem Verkehr mit dem Wunder und dem Geheimnis, welches diese ganze Welt und unser eigenes Leben ist.

Ein Drittes aber noch giebt es zu bedenken, wenden wir den Blick von den eben berührten Mysterien ab und hin auf unser geistiges Leben überhaupt, wie es nach Inhalt und Form, innerer wie äußerer, sich gestaltet hat. Die Frage drängt sich uns auf: haben wir eine deutsche Kultur? Civilisation, Gestaltung der äußeren Lebensbedingungen, in höchstem Maße, ja mehr wohl, als von Heil ist. Aber Kultur, darunter wir ein sehr Hohes verstehen: das einmütige Erstreben eines Vollkommenheitsideals, wie es sich aus bestimmten Ideen, aus einer geschlossenen Weltanschauung und Geistesbildung ergiebt? Eine Kultur, wie es die des Griechentumes, ja auch die der italienischen Renaissance war — wie sie die Vorstellung vom harmonisch in allen seinen Kräften entwickelten Menschen zu verwirklichen bemüht war und wie sie aus solcher Vorstellung die äußere Lebensgemeinsamkeit in künstlerischen Formen der Sitte gestaltete? Von einer deutschen Kultur in diesem Sinne können wir nicht sprechen. Wir sind in ihrer Ausbildung durch das furchtbare XVII. Jahrhundert unterbrochen worden: jene langen Jahrzehnte des Leidens, Entbehrens und Vernichtens, die das Volk auseinanderrissen, sie haben auch das Zusammenwirken der pulsierenden geistigen Bestrebungen gelähmt. Mit um so eindringlicherem Bemühen aber haben dafür, aus der tiefsten Erkenntnis dessen, was uns not that, und aus dem Drange der Not, die sie selbst fühlten, heraus, alle unsere großen Geister: Denker, Dichter und Musiker seit Jahrhunderten das Ideal einer neuen christlich-germanischen Kultur gestaltet und mit aller Wunderkraft der Worte und der Töne gepredigt. Aus dem Allgemeinsamen, dem Heiligsten, was im Volke schlummerte, gewannen sie es; so ward es zum Lichte geboren! Welchem anderen Volke wohl, das eine der Griechen ausgenommen, ist so viel von seinem Wesen, von seiner Seele offenbart worden? Alles ward uns in Erkenntnis und Anschauung geschenkt, was aus sich eine höchste Kultur hervorbringen kann. Und wir sollten, besinnungslos über das Alles flüchtig hinwegeilend, immer Neues erwarten und verlangen, im Wahne hintaumeln, jetzt erst ständen die entscheidenden Offenbarungen bevor? Als habe der Genius des Deutschtums durch seine großen Verkündiger nicht seine Offenbarungen verschwenderisch, ja in unerhörter Fülle uns gespendet? Alle diese Großen sind Märtyrer für das Ideal der deutschen Kultur geworden — sie sind dahingegangen, ohne auch nur den Versuch der Verwirklichung ihrer Ideen zu gewahren. Was Schiller in flammender Begeisterung prophetisch gesungen, was Goethe in Bildern ewiger Harmonie gezeigt, was Richard Wagner im Verzweiflungsausbruch der Liebe in die Welt hinausgerufen, worauf unsere weltdurchdringenden Denker mit tiefem Blick sinnend hingewiesen — wir haben es nicht zur That gemacht. Immer wieder ist vor tauben Ohren der erschütternde Mahnruf verschollen, der Mahnruf: In die Tiefe und aus ihr die Kultur! Hier also liegt unsere heilige, unabweisbare Aufgabe! Die Verwirklichung einer deutschen Kultur von Innen heraus und im Aufblick zu den Ideen unserer germanischen Genies. Wir haben dies Werk erst zu schaffen — vielleicht, daß es ungethan blieb, weil unsere Kräfte auf die äußere Gestaltung der Einheit gespannt waren. Jetzt sind wir frei, und wir haben es gesehen, nur durch solche Bethätigung, durch solche seelische Schöpfung können wir der äußeren Machtstellung das innere Gleichgewicht verschaffen. Auf welchem geistigen Gebiete wir thätig sind, dies Ziel muß uns Allen stets vor Augen stehen, und nur was im Hinblick darauf hervorgebracht wird, ist von Bedeutung für unsere Zukunft.

Alle Kultur aber ist ein Künstlerisches, weil sie ein Einheitliches und Harmonisches in die Wirklichkeit einführen will. Und so kann sie auch nur aus künstlerischer Anschauung erwachsen. Was aber ist in dieser Hinsicht das Erzieherische in der Kunst? Gewiß die Erhebung zum Idealen, zur Idealität, davon ich schon gesprochen habe — aber diese Worte sind zu allgemeine, sie sagen uns nicht bestimmt genug, worauf es gerade bei der Gestaltung von Kultur ankommt. Vielleicht dürfen wir die von der Kunst uns werdende Lehre deutlicher bezeichnen mit dem Worte: Gesetzmäßigkeit!

Was innerlich begründete Gesetzmäßigkeit sei, lehrt uns nichts Anderes mit so heller Ersichtlichkeit, als eben das große Kunstwerk. Alle Willkür erscheint in ihm aufgehoben, im streng Gebundenen waltet edle Freiheit, das Natürliche erscheint als ein Notwendiges, dem schwankenden einzelnen Belieben wird das allgemeine innere Müssen als wohlthätige Fessel angelegt. Wie der Künstler sich selbst im Gesetz die Kraft der Schönheitsbildung giebt, so weist sein Werk uns den Weg, auf dem wir einzig einem schönen Menschtum zustreben können.

Wollen wir ein solches, wollen wir eine harmonische Ausgestaltung unseres deutschen Wesens, wollen wir die Formen des Lebens zu einem Ausdruck dieses Wesens herausbilden, wollen wir mit einem Worte eine deutsche Kultur, so haben wir uns selbst Gesetze zu geben, wie der Künstler sie sich giebt — uns selbst müssen wir zu einem Kunstwerk zu machen bemüht sein. Und es gilt wahrlich nicht mehr zu zögern — wer möchte sich darüber täuschen, daß der egoistische Individualismus, die Willkür des Einzelnen, in einer erschreckenden Weise zunimmt, daß es für den ernsten Betrachter der Erscheinungen unserer Zeit Augenblicke giebt, in welchen er verzweifeln möchte an der Möglichkeit, diesem undeutschen und unchristlichen und unkünstlerischen blinden Walten roher Kräfte und Meinungen noch einen Damm zu setzen. Sehen wir denn nicht selbst von einer vorgeblichen «Philosophie», die in Wahrheit nur das irre Gedankenleuchten einer zum zerstörenden Wahn gewordenen Selbstvergötterung war, die verderblichsten Instinkte des brutalen Egoismus verherrlicht? Findet solche verführerisch blendende, den gemeinen Trieben schmeichelnde Lehre, welche alle unsere hohen Ideale in den Schmutz zieht, die ein schnöder Verrat an unseren größten Geistern ist, die an Stelle äußerer Beschränkung Zügellosigkeit, an Stelle innerer Gesetzmäßigkeit Willkür setzt, findet das Unsinnige der Aphorismen eines Nietzsche nicht sinnlosen Beifall?

Wenn solches möglich ist, was haben wir noch zu hoffen?

Und doch wollen wir uns die Hoffnung nicht rauben lassen, daß der Deutsche heute noch stark genug sei, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Unverwandt wollen wir das Auge — weg von der Zerstörung und dem Chaotischen - dorthin richten, wo uns ein Sehnen, ein Streben sich zeigt. Wir wollen inmitten brandender Willkür uns den Bau sittlicher und ästhetischer Gesetzmäßigkeit errichten. Alle Bausteine liegen bereit, denn die Gesetze und Formen selbst, wir haben sie nicht mehr zu schaffen, sie sind uns scharf ausgeprägt von unserer germanisch-christlichen Religion und Kunst gegeben. Es kommt nur darauf an, daß wir sie zur Kultur zusammenfügen; dann wird, dann muß — nicht ein Nutzbau — nein, ein Gralstempel deutscher innerer Gemeinsamkeit sich erheben.

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Und schaue ich nun wieder auf diese unsere gemeinsame Versammlung hin, so schlägt mein Herz Ihnen entgegen. Was ich in Ihren Blicken lese, während ich zu Ihnen von jenem Meister, in dem Kunst und Persönlichkeit zu Einem, zum fast überirdischen Ideale wurden, von Raphael spreche, — das verrät mir ein Streben, ein Sehnen. Und die Hoffnung erwächst immer von Neuem. Die Kunst wird uns Führerin zur Religion, zur Kultur. Sie verbindet uns mit der Kraft, die schließlich Alles schafft: der Liebe, zu feurigem Bunde. So danke ich Ihnen nochmals, daß Sie durch diesen Blumenschmuck, durch warme Worte die Herzlichkeit Ihrer Gesinnung und damit das Eine als vorhanden bewiesen haben, was ich immer fühlte, wenn ich hier sprach und Sie mir zuhörten: nämlich, daß wir auf dem richtigen Wege sind, der uns zur ideellen Gemeinsamkeit führt. Lassen Sie uns so weiter streben, unverwandt in die Zukunft des deutschen Volkes als die Zukunft der deutschen Kultur schauend, Alle mitwirkend an der einen großen Aufgabe, welche unsere, aller Verehrung würdigen Geister uns als heiliges Vermächtnis hinterlassen haben. Lassen Sie uns in den Vorlesungen über die große Kunst vergangener Zeiten den Antrieb zu gegenwärtigem inneren Werden und Erleben finden.

In die Tiefe und dann aus ihr empor zur Höhe! Möchte es uns noch lange vergönnt sein, in solchem Geist miteinander zu wirken! Möchte solche Gemeinschaft lange in Heidelberg bestehen!



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Hans Thoma, deutscher Maler und Graphiker (1839-1924).