La Morgue (das Findelhaus des Todes) in Paris
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Im Menschenmeere sind Paris und London die Punkte, wo das Senkblei keinen Grund mehr findet. Aufdecken wollen das ganze Leben dieser Städte, es in allen seinen Beziehungen, es in allen seinen Höhen und Tiefen anschaulich machen, ist vergebliches Streben. Eher könnte man ein Gemälde Dessen entwerfen, was auf dem Grund des Oceans sich regt und bewegt.
Aber wie man mit der Taucherglocke leichter Mühe Einzelnes aus der Liefe zu Tage holen mag, so mag auch der Beobachter einzelne Szenen des Lebens jener Riesenstädte beleuchten und den Stoff zu tausend und aber tausend Genrebildern herausnehmen, ohne ihn je zu erschöpfen. Die neue Sippschaft der Mysterienschreiber kann noch tausend Bände füllen; sie wird doch nur Tropfen aus dem Eimer schütten. Jederzeit wird in Paris und London dem Psychologen das belehrendste Feld zur Entdeckung und Forschung bleiben, jederzeit wird die Beobachtung Neues daselbst finden, und niemals wird die Aufgabe, das geheimnisvolle Leben jener Städte vollständig darzustellen, mehr als eine unvollkommene Lösung finden.
Es leben in Paris 1¼ Million Menschen. Vielfach geschichtet ist diese Bevölkerung; sie steht, nach Bedarf und Fähigkeit zu genießen, wie nach Rang und Vermögen, auf einer Leiter mit tausend Sprossen. Unser Bild nöthigt uns nicht, weit hinan zu steigen; denn zur Morgue, zu des Todes Findelhaus, schicken vorzugsweise Elend und Verbrechen auf den tiefsten Staffeln ihre Contingente.
Komm mit mir, Leser! und schaue. Folge mir in die Säcke und Höfe der Cité, in die finstern Gäßchen von St. Denis und du Temple, in die schmalen, schmutzigen Häuserchen von sechs Stockwerken, zu denen zwei Reihen Dachkammern als ein siebentes und achtes sich gesellen. Jedes Stock wird von 3 bis 4 Familien oder Genossenschaften bewohnt. Es sind Arbeiter; Arbeiter der untersten Klasse; Arbeiter, deren Beschäftigung das Leben nur zur äußersten Nothdurft fristet; doch ist’s nur der Armuth Jammer; das menschliche Auge darf wagen, ihn anzublicken. Aber eine Stufe tiefer – in jenen Hinterkämmerchen, wohin nie ein Sonnenstrahl dringt und nie ein reiner Lufthauch hinkömmt, – begegnen wir dem Elende der Nahrungslosigkeit. Hier, in dem Zwielicht ewiger Dämmerung, verwischt sich das Bild in ungewissen Umrissen, und wir weichen mit gepreßtem Herzen von [30] einer näheren Einsicht zurück. Noch tiefer kömmt das Laster, kommen die strafbaren Gewerbe und das Verbrechen in üppiger Entfaltung. Hier wird uns ein berechnetes Dunkel entgegen gehalten; wir wissen Vieles, wir vermuthen manches Andere über das innere Treiben dieser entsetzlichen Wohnungen; aber jeder Tag, jeder neue Prozeß vor den Assissen bringt uns den Beweis, daß wir nur einen Zipfel des geheimnißvollen Schleiers gelichtet haben, und wir erfahren mit Trauer, daß nach der Entdeckung und Bestrafung eines bisher unbekannten Lasters stets ein anderes, neues entsteht und an die erledigte Stelle tritt. Die Mythe vom Sündendrachen, dem für jedes abgeschlagene Haupt ein neues wuchs, findet hier ihre entsetzliche Lösung.
Man schätzt den Theil der Pariser Bevölkerung, welcher aus Laster und Verbrechen seine Nahrungsquellen schöpft, auf nicht weniger als 80,000 Individuen. Der Zahl nach stehen oben an die öffentlichen Dirnen; ihrer sind allein über 10,000, von denen 4000 die Polizei registrirt hat. Fast jede hat ihren bevorzugten Vertrauten, ihren Souteneur, und die Mehrzahl dieser Letztern gehört zur Kategorie der Beutelschneider und Betrüger. Von diesen Individuen sind die meisten ohne Wohnung und Heimath; sie sind die gewöhnlichen Besucher jener Nachtherbergen, die in den elendesten und ärmsten Quartieren von Paris der Verworfenheit offen stehen. Wer in einer solchen Höhle des Lasters übernachtet, zahlt zwei Sous; darnach beurtheile man die Schlafstelle und das Haus. Mit ihnen rivalisiren die untersten Klassen von hotels garnies, wo sich die Hefe der Heimathlosen auf Wochen, Monate, Jahre um unglaublich geringe Preise einmiethet. Ihrer sind in Paris an 300, die über 10,000 Miethleute haben. Die Polizei überwacht diese Brüteplätze schauderhafter Laster und Unthaten mit Argusaugen, duldet sie aber, weil sie sonst die Fäden zu den Schlupfwinkeln des schlimmsten Theils der Bevölkerung zu verlieren fürchtet. In Privathäusern wohnen die Preller, Betrüger und Schwindler von Profession; ferner die Schmuggler; diese, 8000 an der Zahl, meistens an den Barrièren.
Es ist ein Merkmal, zu welcher Höhe in Paris die Kultur des Verbrechens gestiegen ist, daß die Dieberei sich förmlich zur Wissenschaft ausgebildet hat und ihre Jünger nach gesetzlichen Vorschriften Jahre lang das Noviziat und die Gesellenschaft durchgehen müssen, ehe sie zur anerkannten Meisterschaft gelangen. Die Pariser Diebe haben ihre Klassen und jede Klasse hat ihre Regeln und ihren Cursus zur Ausbildung. Das erste Glied der langen Reihe ist der Taschendieb (voleur à la tire), ein Künstler in Bezug auf das leichte Spiel seiner Hände, unschädlich für das Blut, aber sehr gefährlich für das Gut des Menschen, besonders für Uhren, Börsen, Taschentücher und Schmucksachen. Dann kommen die Bonjouriers, leicht, gewandt, gut gekleidet, sehr artige und zuvorkommende Leute, die unter zwanzig Vorwänden in einer Stunde in zwanzig verschiedenen Häusern die Treppe hinaufsteigen, das Zimmer eines Freundes suchen, stets ein Bon jour! in Bereitschaft haben, durch das Adreßbuch wenigstens die Namen von zwei Miethleuten der besuchten Hauser kennen und bei dem Pförtner nach einem dieser Miethleute fragen, [31] wenn sie bei dem andern stehlen wollen. – Die Rouletiers durchwandern die Orte, wo die Schiebkärrner vom Lande, die Wäscher mit ihren Wägelchen und Waschkörben anhalten, gutmüthige Leute, denen sie immer einige Worte zu sagen haben, während ein gewandter Zunftbruder jede Unachtsamkeit benutzt. – Der Diebstahl à la détourne verlangt schon elegantere Manieren und bessere Kleidung. Man tritt in eine Boutique mit dem Anstand eines Mannes von Welt, die Verbündeten erscheinen einer nach dem andern, jeder besieht die Waare, jeder handelt, mancher kauft, und der über den glücklichen Tag vergnügte Kaufmann merkt das Verschwinden seiner kostbarsten Gegenstände nicht eher, als bis die Kunden weg sind und er seine Kästen wieder ordnen will. – Der Carreur verlangt in jedem Laden Münzen aus der Republik oder der Kaiserzeit für seine Münzsammlung, er bietet hohes Agio, und während der Krämer gewinnsüchtig seine Kasse umstürzt und durchsucht, haschen des Sammlers gewandte Finger unbemerkt Gold- und Silbermünzen jeden Geprägs weg. – Der Floueur unterscheidet mit seltenem Scharfblick den Niais aus der Provinz, den arglosen Mann vom Lande, dem er sich zutraulich nähert, den er in ein Kaffeehaus begleitet und endlich zu einer Spielpartie bringt, deren Kosten der Arme allein zahlen muß. – Noch gewandter ist der Amerikaner, der stets seine Fünfdollarstücke gegen vier Fünffrankenstücke auswechselt, aber in der That den Betrogenen nur schlechten Beischlag statt der guten Münze gibt. – Der Ramastique endlich findet neben jedem Pinsel, der ihm Glauben schenkt, werthvollen Schmuck und tritt ihm um wenig Geld seinen Antheil an den Edelsteinen von Glas ab.
Wir haben in den obengenannten Klassen die leichten Truppen der Pariser Diebsarmee gemustert; betrachten wir nun die Mannschaft der Linie. Das Gros derselben bilden die Boucardiers. Gewandt, klug und verwegen treten sie in einen Laden, handeln um Etwas, kaufen eine Kleinigkeit; aber während sie ausschließlich mit ihrem Gegenstand beschäftigt scheinen, erfaßt ihr forschender Blick in einem Moment die ganze Lokalität, die Schwäche und die Stärke des Orts, und in der nächsten Nacht kommen sie mit Zangen, Hebeln und Monseigneurs (Dietrichen), um ihn zu belagern und mit Sturm zu nehmen. – Hinter den Boucardiers steht die Garde des Verbrechens, jene verruchte Genossenschaft, welche, Hyänen gleich, in der Gesellschaft umher wandert, Alles an Alles setzt, und beim Einbruch und Raub jeden Augenblick bereit ist, beim ersten Schrei, beim ersten Zeichen von Widerstand ihre Hände in das Blut ihrer Opfer zu tauchen. Diese Banditen sind selbst von ihren Genossen gefürchtet, denn nur die verworfensten Naturen sind ja im Stande, mit kaltem Blut einen Mord an dem Wehrlosen zu begehen, den sie bestehlen wollen. Leider ist es gerade diese Klasse der Diebsbevölkerung von Paris, welche sich von Jahr zu Jahr rasch vermehrt. Die meisten dieser Verbrecher gingen aus der Schule hervor, welche mit ihrem Unglauben alles Heilige höhnt und die Gesetze der Moral und Sittlichkeit als Vorurtheile oder Sklaverei des Geistes verspottet. Nicht blos die niedrigsten Stände steuern zu dem Noviziat; Handlungsdiener, [32] Schreiber, Studenten sieht man in Menge darin, Menschen, die, nachdem sie sich im Schmutz der Bordelle gewälzt und an den Spieltischen die Gelder verschwendet haben, welche sie ihren Herren und Aeltern veruntreuten, nur noch den Muth übrig haben, den Fuß vorwärts zu setzen auf der betretenen Bahn des Verbrechens. – Die Veteranen endlich in dem Heere der Diebe sind die freigelassenen Sträflinge, jene abgehärteten Verbrecher, welche von den Bagnos, mit dem Meisterbrief der Verruchtheit versehen, ausgespieen werden, – Ungeheuer, die vor keinem Gräuel zurückweichen.
Nach den Registern der Polizei halten sich durchschnittlich 1800 ehemalige Galeerensträflinge in Paris auf; viele andere stehen jedoch nicht in den Tabellen, die entsprungenen gar nicht, und gerade diese sind die allergefährlichsten. Unter diesen Menschen, die, geächtet und nirgends sicher, nur im Kriege mit dem Gesetz und der Menschheit ihr Daseyn fristen können, entstehen und organisiren sich jene Banden von Dieben und Mördern, die von Zeit zu Zeit die verschiedenen Quartiere der Hauptstadt beunruhigen, oder, von Paris aus, ihrem Hauptquartier, Eigenthum und Leben in den Provinzen bedrohen. Es sind diese Banden mehr oder minder zahlreich; im ersteren Falle theilen sie sich in Sektionen zu 12 oder 15 Mann, welche den Geschicktesten zu ihrem Anführer wählen. Den Oberbefehl übt immer ein entlaufener Galeerensträfling. Was die Sektionen erbeuten, das wird gemeinschaftlich nach einer gewissen, von allen Verbündeten anerkannten Rangordnung, vertheilt. Jene Autoritäten des Mordes und Raubes genießen unter ihren Genossen ein kaum glaubliches Ansehen, und sie sind immer von Klienten umgeben, welche sich bei ihnen um „Beschäftigung und Arbeit“ bewerben. Sie erhalten die Berichte von ausgesendeten Spionen, entwerfen darnach die Pläne zu den Raubthaten, vertheilen die Rollen und überwachen die Ausführung. Sie werden unterstützt von einer Hierarchie von Hehlern, Kundschaftern und Agenten aller Art, worunter sich nicht selten selbst solche befinden, die zugleich im Dienste der geheimen Polizei stehen, der sie sich durch Angebereien von Verbrechen in andern Sphären verpflichten.
Das Hauptquartier dieser Elenden ist, wie wir schon erwähnten, die Altstadt: – sie ist der Pfuhl für den faulen Sauerteig des Lasters seit zwanzig Jahrhunderten. In den feuchten, schmutzigen, engen und dunkeln Gäßchen, welche sich dort dem Auge des gewöhnlichen Fremden hinter schmalen Thorwegen verbergen, in jenen geschwärzten, faulen, dem Einsturz drohenden Häusern haben die Rogomisten, nämlich die Garköche für Lustdirnen und Diebe, ihre am Tage mit Lampenlicht erhellten Schenken, und in diesen Orten, – kenntlich durch eine Elster, die in einem Käfich über der Hausthüre hängt, und der dicken Firnißfarbe, mit der die Fenster der Schenkstuben überstrichen sind, – sammelt sich die Teufelsbrut zu Rath und zu viehischen Orgien. In der Nacht hört man aus diesen Höhlen nur Gezänk, Nothgeschrei und Fluchen, oft das Stöhnen der Geschlagenen, oder das Röcheln der Gequälten unter dem Satansgelächter der Uebelthäter. – Der unerschrockenste [33] Beobachter, der nach 11 Uhr Abends die kleinen, verrufenen Gäßchen zu betreten wagt, flieht vor solchem Lärm.
Und diese Höhlen sind’s, welche die Morgue zumeist mit todten Körpern versorgen, die daselbst, mit der Angabe ihres Fundorts versehen, auf langen Tafeln ausgestreckt, hingelegt werden. Es sind Zeichen Unbekannter, welche man aus der Seine fischt und in den Gossen und Kloaken der Stadt aufliest; die Körper von Menschen, welche Laster, Elend, oder Verzweiflung, oder der Mörderdolch aus der Welt geschafft und auf die Straße geworfen haben. – Welche Szenen des Wiedererkennens mögen hier vorgehen! – Zu graß zur Beschreibung, werfe ich einen Schleier über sie – und sage: genug!