Leben, Literatur und Kunst (Wünschelruthe Nro. 52)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: tn.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Leben, Literatur und Kunst
Untertitel:
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 52, S. 208.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[208]
Leben, Literatur und Kunst.
Die Nonne von Dülmen.

Im Städtchen Dülmen im Münsterlande lebt eine gewesene Nonne Anna Catharina Emmerich, die nach Aufhebung ihres Klosters (Agnetenberg in Dülmen) zu ihrer Schwester daselbst gezogen ist. Diese hat jetzt schon seit sechstehalb Jahren an ihrem Körper die sogenannten Wundmaale, nehmlich im Innern und auf den Rücken der Hände und Füße, länglichte mit einer bräunlichen Kruste überzogene gegen einander überstehende Wunden, eben so eine in der rechten Seite; rings um den Kopf laufen viele kleine röthliche Stippen, und auf der Brust ein sonderbar geformtes Kreuz aus zusammenhangenden rothen Streifen. Wunden kann man jedoch alles dieses eigentlich nicht nennen, indem sie nicht offen sind, und nur zu gewisser Zeit, meist Mittwochen oder Freytags, Blut schwitzen. Sie ist etwa 40 Jahr alt, sehr mager, hat ein eingefallenes Gesicht, das sehr weiß, sehr lieblich und fromm, und schöne sanfte Augen. Ihr früherer Lebenswandel ist unbescholten, sie ging früh ins Kloster, und war immer still und freundlich, lebte sehr fromm, und hielt viel auf die strengern Andachtsübungen. Schon im Kloster kränklich, ward sie bald nach Aufhebung desselben bettlägerig. Vier Jahr vorher empfand sie an jenen Stellen immer einen heftigen anhaltenden Schmerz und Brand, aber erst am Ende des Jahrs 1812 und im Anfang von 1813 entwickelte sich jenes Blutschwitzen. Zu gewissen Zeiten meistens gegen Abend verfällt sie in eine sogenannte Extase, einen Zustand, der sich nur darin von dem magnetischen unterscheidet, daß sie in einer bloß religiösen Verzückung und Erleuchtung versinkt, sie liegt dann in einer tiefen Ohnmacht und ihr Körper scheint steif und gefühllos; befiehlt ihr alsdann die Geistlichkeit kraft des kirchlichen Gehorsams zu sprechen, so antwortet sie auf alle Fragen.

Sie genoß vom Anfang ihrer eigentlichen Krankheit an nichts mehr, als Wasser mit etwas Wein vermischt, und von Zeit zu Zeit sog sie einen gebratenen Apfel oder eine gekochte Pflaume ans, nicht als ob sie einen Wiederwillen gegen andere Speisen hätte, sondern sie bricht diese augendblicklich wieder von sich; ihr Arzt, ein Doctor Wesener, bereitete ihr eine Zeitlang die leichtesten Speisen von Sago, geperlter Gerste etc., es erfolgte aber ein anhaltendes Erbrechen, so daß sie auch selbst ihren gewohnlichen Trank Wasser und Wein nicht mehr bey sich behielt, welches jedoch durch Essig-Compressen auf den Magen wieder gehoben wurde. Nur das heilige Abendmahl, das sie häufig empfängt, bleibt bey ihr.

Daß diese seltsamen Ereignisse bald Aufsehen gemacht, läßt sich denken, die ersten 3 Monate ward es von den Ihrigen verhehlt, dann aber kam manches Gerücht darüber unter die Leute und während das Volk Wunder darin sah, versuchte die französische Regierung verbunden mit dem General-Vicariat in Münster das Dunkel aufzuhellen, es ward eine Zeit, der 10te Junius 1813 festgesetzt, und vom General Vicar v. Droste einländische und auswärtige Aerzte dazu eingeladen eine Untersuchung und Bewachung der Nonne vorzunehmen, es erschien aber keiner, und nun wurden aus der Stadt 30 rechtliche Bürger unter Aufsicht des Doctor Ringenberg bestellt, die sie abwechselnd 16 Tage lang bewachten. Ihr Bericht und eidliche Bekräftigung desselben ist in dem Vicariatsarchiv niedergelegt. Auch untersuchte der Professor und Medicinalrath v. Drussel ihren Zustand, sein Bericht der mit dem obigen übereinstimmt ist abgedruckt in der medicinisch chirurgischen Zeitung. Salzburg 1814. Th. I. p. 145. und Th. II. p. 17.

Im Juny 1813 reiste auch der Professor der Chemie Bodde aus Münster mit 2 Damen hin, untersuchte die Kranke 4 bis 5 Minuten, und erklärte kurz ab, es sey alles Betrug, die Wunden Klebwerk und Mahlerey etc. Erst 1817 machte er sein Urtheil, zuerst in der holländischen Zeitschrift der Rezensetn, dann auch in der deutschen: Hermann 33stes Stück d. 22. April 1817 bekannt. Dieser Bericht ward 1818 vom Dechant Rensing in Dülmen mit Entgegnungen von neuem herausgegeben (Dorsten bey H. Heß). Diese sind gewandt und ruhig geschrieben, und wenn auch keine neue Beweise für die Wahrheit der Erscheinungen darin liegen, so wird doch der Art Betrug, wie ihn Bodde glaubt, gänzlich abgewiesen, diesem vielmehr seine Arroganz und Ungründlichkeit mit Höflichkeit vorgeworfen. Die Lage der Dinge ist noch dieselbe, das Vicariat und die Geistlichkeit von Münster hat sich sehr anständig und klug bey der ganzen Sache benommen, Niemand wird ohne ausdrückliche Erlaubniß der höhern geistlichen und weltlichen Behörden zu ihr eingelassen. Ihr selbst ist jeder Besuch lästig, sie nimmt nie ein Geschenk an, auch hat ihr ganzes Wesen nichts von einer Betrügerin, und um eine ausserordentlich feine zu seyn, fehlt es ihr gänzlich an jener Umsicht und Erfahrung in Weltverhältnissen.

Als ein hoher münsterscher Geistlicher bey einer Audienz dem Papste von ihr erzählt, hat dieser sich alles auf das genaueste berichten lassen, darauf aber gesagt, man müsse die Zeit erwarten, und vor Trug sich ernstlich hüten.

Ein sehr geistreicher Mann hat vor kurzem das Urtheil über sie gefällt: Er halte sie für wahrhaft, wenn aber ein Betrug bey ihr möglich wäre, so sey dieser vielmehr ein geistger als ein leiblicher, doch sey der Zustand, worin sie sich jetzt befinde, nicht mehr jener, worin sie die Stigmata hätte bekommen können, es sey natürlich, daß durch die fortdaurende Aufmerksamkeit durch die vielen Urtheile über sie, die ihr nicht verborgen geblieben, jenes Versinken in sich selbst, jenes Vergessen der Welt, und die Beschaulichkeit des innern Lebens zum Theil von ihr gewichen, wie denn auch ihre Leiden jetzt nicht mehr so groß sind als sie Anfangs gewesen.

Einige Stunden von ihr entfernt lebt in der Gemeinde Albachten ein armes Mädchen, eines Taglöhners Tochter, die von Jugend auf bettlägerig, ganz in einander gewachsen, in dem traurigsten Zustand der Welt liegt, die hat nun vor einigen Jahren auch allmählig knorpliche Auswüchse auf dem Rücken und der innern Fläche der Hände und Füße gegen einander über bekommen, es sind jedoch entschieden nur flechtenartige Gewächse, von Blutung, von Extase keine Spur; es hat sich jemand vor einiger Zeit das grausame und schändliche Vergnügen gemacht, um einen vermutheten Betrug zu entdecken, einen dieser knorplichen Gewächse abzubrechen, worauf natürlich eine starke Blutung und die heftigsten Schmerzen erfolgten. Es ist dieses Mädchen, dessen ganzer Krankheitszustand sonst weiter nichts seltsames hat, in sofern ein Beweis für die Nonne von Dülmen, als es zeigt wie eine Fixirung der Gedanken, hier offenbar der durch die Nonne von Dülmen von Nachahmung des Leidens Christi erweckte, den Krankheitsstoff auf eine bestimmte Stelle werfen kann, ohngeachtet im übrigen die Krankheiten beider ganz verschieden sind.

tn.