Lebenserinnerungen des Ernst Krieger

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Autor: Ernst Krieger
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Titel: Lebenserinnerungen des Ernst Krieger
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Entstehungsdatum: wahrscheinlich 1907
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Quelle: Kopie einer maschinenschriftlichen Abschrift der unveröffentlichten Erinnerungen, ersteigert aus Privatbesitz (siehe Archivalia, Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Lebenserinnerungen des pfälzischen Pfarrers
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[1] 
Heimat und Familie.

Meine Wiege stand zu Zweibrücken, der alten Herzogsstadt im westricher Hügellande der Rheinpfalz, am Zusammenfluss des Schwarz- und Hornbaches gelegen, die zum Erbache vereinigt ihre Wasser in die eine Stunde entfernte Blies ergiessen. In meiner Jugend zählte Zweibrücken 7000 Einwohner und war wesentlich Beamten- und Handwerkerstadt mit kleinen Anfängen von Industrie. Eine Garnison (5. bayr. chevauxlegers-Regiment) und das der Reformationszeit entstammende Gymnasium illustre Bipontinum beeinflussten nicht unbedeutend das Leben des Städtchens, welches geistig rege und als angenehm berühmt war. Allerdings soll es auch etwas locker gewesen sein, weshalb Zweibrücken den Namen Klein-Paris führte. Ich habe davon nichts verspürt, denn das Leben im Elternhause war einfach und fest geregelt. Aber die Stadt, ihre Umgebung, ihr geistiges und gesellschaftliches Leben und Regen gaben mir viel Anregung und Unterhaltung in meiner Jugend. Viel mehr als die Jugend habe ich dort nicht zugebracht.

Mein Vater Johann-Peter Krieger war bei allen Ständen in Zweibrücken hochangesehen. Als ich am 27. Mai 1830 geboren wurde, stand er im 34. Lebensjahre (geb. 27. Juli 1796) und war Professor am Gymnasium, Ordinarius der 5. Klasse (Unter-Sekunda).

Er war der Sohn eines Schuhmachers, früh verwaist, aber wegen besonderer Begabung durch Gönner zum Studium veranlasst, hatte das Stipendium Bernhardinum in Utrecht bekommen und studierte dort Theologie und Philologie, zog auch 1815 als holländischer freiwilliger Jäger gegen Napoleon I ins Feld ohne jedoch in ein Treffen zu kommen. Nach seiner Rückkehr von der Universität trat er zunächst als Philologe in Tätigkeit und übernahm das Amt eines Studienlehrers am Gymnasium in Zweibrücken. Erst 1834 trat [2] er ins Pfarramt über als 2. Pfarrer an der Alexanderkirche in Zweibrücken. Im Nebenamte bekleidete er eine Distriktsschulinspektion, die prot. Religionslehrstelle am Gymnasium, die Gefängnispredigerstelle, das Sekretariat der Kirchenschaffnei u.a. Eine ihm angebotene Stelle im Konsistorium schlug er aus, da er nicht frei reden könne. Den Kirchenratstitel und das Ehrenkreuz des Ludwigsordens nahm er nach 50 jähriger Dienstzeit an.

Als Theologe war mein lieber Vater Supranaturalist, voller Verehrung für Gottes Wort heiliger Schrift und für die Person des Heilandes, der ihm Versöhner nicht bloss Vorbild war. Als Prediger war er gern gehört, bereitete sich auch sehr sorgfältig vor; alle von ihm gehaltenen Predigten fanden sich in sehr sauberer Reinschrift vor. Als Seelsorger beliebt, bei Kasualhandlungen bevorzugt, nahm er sich besonders der Armenpflege an. Mit grossem Fleisse arbeitete er Tag für Tag den ganzen Vormittag, Nachmittags von 3-6 Uhr und nach dem Nachtessen noch 1 - 1 1/2 Stunden.

Litterarisch war er auf Anregung eines unternehmenden Buchhändlers besonders als Übersetzer aus dem Französischen thätig. Sein ”Gedichte eines Zweibrückers“ kaufte er vom Buchhändler zurück, nachdem er ihre Minderwertigkeit erkannt hatte. Im höheren Alter bearbeitete er mit viel Liebe und Fleiss die Psalmen im Versmasse deutscher Kirchenlieder und trug es schwer, dass diese Arbeit keinen Anklang fand

Für uns Kinder hatte er wenig Zeit. Wir sahen ihn meist nur Mittags und Abends bei und nach Tisch. Unsere Erziehung leitete er aber trotzdem sehr sorgfältig und bei mässigem Einkommen mit verhältnismässig schweren Opfern. Vermögen erheirathete er nicht und konnte er nicht erringen selbst wenn er Sinn dafür gehabt hätte. Bei regelmässiger, einfacher und überaus mässiger Lebensweise - nur Rauchtabak verbrauchte er viel - blieb er meist gesund und erreichte ein Alter von über 82 Jahren. Ein Gehirnschlag führte sein Ende herbei. [3] Mein Vater war seiner Kinder Ehre und Vorbild. Gott sei gedankt für allen Segen, der von ihm auch über mich kam.

Meine Mutter Marie Claudine Silly aus Vaux bei Metz[1] war einer Französischen Architektenfamilie entsprisst und früh verwaist zu entfernten Verwandten nach Zweibrücken gekommen, wo sie mein Vater kennen lernte und die um 4 Jahre ältere bald nach seiner Anstellung als Studienlehrer ehelichte. Sie war Katholikin, blieb es auch als Pfarrfrau und starb als solche. Der konfessionelle Gegensatz schlummerte zu Anfang des 19. Jahrhunderts so sehr, dass eine Israelitin zu den näheren Freundinnen meines Elternhauses gehörte. Ich lernte meine liebe Mutter kaum kennen. Offenbar erkrankte sie bald nach meiner Geburt schwer und lange, denn ich erinnere mich schwach, dass ich nach der Morgentoilette an ihr Bett gebracht wurde und mich nicht darauf freute, weil ich dann französisch sprechen musste, was ich ungern that.

Dass meine Mutter eine schöne Frau war, zeigt ein von ihr erhaltenes Bildnis; dass sie eine geistvolle Frau gewesen, haben mir solche, die sie kannten, oft gerühmt.

Sie starb an Magenkrebs im Jahre 1836. Ihr Grab habe ich erst im Jahre 1905 entdecken und der Vergessenheit entreissen können.

Von den näheren Verwandten mütterlicherseits wurden mir nur 2 bekannt oder genannt: eine Schwester und ein Bruder. Die Schwester war mit einem französischen Kapitän in Pension verheirathet, der unter Napoleon 1 gedient, an der Beresina einen Fuss verloren und von dem der Menschenverbraucher 21 Brüder (!) in den Tod geführt hatte. Der übrig gebliebene Onkel Dambrun wohnte in Metz und hatte nur einen Sohn, der Offizier wurde und als General im französischen Geniekorps nach 1870 starb, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen. Der Bruder meiner Mutter, Architekt und Baubeamter Silly, war in Zweibrücken verheirathet und starb vor meiner Geburt kinderlos. Seine [4] Witwe heirathete den Sohn des berühmten Berliner Philosophen Fichte[2]. Der Sohn war ebenfalls Philosoph und Professor in Tübingen. Mit meinem Vater war er nahe befreundet und korrespondierte mit ihm. Beinahe wäre ich deshalb auf die Universität Tübingen gerathen, aber es zog mich nicht dahin. Von anderen Verwandten meiner Mutter ist mir nichts Näheres bekannt geworden, es mögen aber in oder bei Metz noch solche entfernteren Grades stecken.

Meine liebe Mutter gebar dem Vater 4 Kinder, 3 Knaben und 1 Mädchen.

Der erste, im Jahre 1819 oder 1820 geborene Knabe starb sehr jung. Ich hörte von ihm , weil ein Bild im Elternhause vorhanden war, ein Kinderkopf mit Engelsflügeln, von dem mir gesagt wurde, es stelle meinen ältesten Bruder dar.

Der zweite Knabe, Karl, war 1821 geboren. Er wurde Mechaniker und bekleidete eine Stelle in der Dingler’schen Maschinenfabrik in Zweibrücken und ging als er in der grossen Geschäftsstockung des Jahres 1850 diese Stelle verlor, nach Amerika. Dort ging es ihm eine Zeit lang herzlich schlecht. Später kam er an der Süd-Karolina- Eisenbahn unter, wohnte verheirathet in Charleston und starb dort Ende der fünfziger Jahre, ohne Kinder zu hinterlassen. Seine Witwe liess nichts mehr von sich hören. Die Ursache konnten wir nicht erfahren.

Das dritte Kind meiner Eltern war meine Schwester Lina, geboren 1823. Sie war es, von der ein jüngerer Bruder sagte: ”Von all unseren Buben habe ich das Lina am liebsten.“ Und das war sie werth. Sie war ein schönes Mädchen, gescheit, lebhaft, selbstlos und von grosser Willenskraft. Leider lernte ich sie zu wenig genau kennen. Denn mit mir zusammen war sie wenig im Elternhause, vielmehr zuerst im Pensionat, dann als Lehrerin resp. Gouvernante auswärts in Frankenthal und Metz. In letzterer Stadt lernte sie ein bretonischer Edelmann und Gutsbesitzer kennen, der bretonische Heimathliebe und Zähigkeit mit [5] mit den nicht bretonischen Eigenschaften der Opposition gegen Katholizismus und Monarchie verband. Von seinem Namen Bachelot de Villeneuve strich er das Adelsprädikat und nannte sich einfach Bachelot. Er wohnte in Piriac bei Guerande (Loire inférieure) und zog später nach Vannes (Morbihan), wo er starb. Ich sah ihn nie. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, eine Deutsche und wo möglich eine protestant. Pfarrerstochter zu heirathen, liess auch seine Kinder protestantisch erziehen. Von diesen Kindern überlebten nur 2 Mädchen ihre Eltern: Therese und Emilie. Sie verheiratheten sich mit entfernten Vettern, Brüdern gleichen Namens Bachelot, deren Vater Schiffskapitän und wie seine Frau katholisch war, aber ihre Söhne protestantisch hatten erziehen lassen. So entstanden hier 2 protest. Familien bretonischen Blutes, die eine in St. Nazaire, die andere in Nantes wohnend. Dr. Erneste Bachelot ist Arzt in St. Nazaire, Der andere Alfons Bachelot Präsident des Apellhofes in Nantes. Beide haben Kinder und Lina suchte die Familienverbindung zu befestigen, indem sie es befürwortete meinen Sohn Karl als Pathen für Ernestes Sohn Maurice zu wählen, Alfons’ Tochter André als Pathin für meines Sohnes Ernst Sohn Rudolf zu bestimmen. Leider will die Verbindung von Linas Nachkommen mit der deutschen Stammfamilie nicht gedeihen. Die Franzosen haben nach Linas Tod die Korrespondenz abgebrochen, welche Lina sehr treu unterhielt. Trotz der Mutter Energie und Geschick lernten die Töchter nicht deutsch. Dies ist möglicherweise ein Grund des Abbruchs der Korrespondenz. Lina selbst war in ihrem ganzen Wesen Französin geworden, nur trat sie in Frankreich ebenso tapfer für Deutschland ein, wie in Deutschland für Frankreich. Sie hat 1870/71 viel für Deutsche Gefangene gethan, die in Port St. Louis bei Vannes interniert waren. Der deutschen Sprache blieb sie bis an ihr Ende in Wort und Schrift vollständig und korrekt mächtig. zum Theil mit Hilfe von Luthers deutscher Bibel, die sie fast täglich benützte. Als eifrige Protestantin bildete sie in Vannes den Mittelpunkt der dortigen Diaspora und [6] liess in ihrem Hause und auf ihre Kosten alle 4-6 Wochen Gottesdienst durch herbeigerufene prot. Geistliche halten. Ihr Alter war durch viele Gebrechen und Sorgen erschwert. Ein Schlaganfall nahm sie zu Weihnachten 1906 hinweg; in Vannes wartet sie ihrer Auferstehung.

Am 27 Mai 1837, meinem 7. Geburtstage ging der Vater seine 2. Ehe ein. Die Tochter des Appellationsrates Ludwig Hoffmann: Karoline Hoffmann wurde meine zweite Mutter, mir eine liebevolle Mutter, die mir ihre treue Liebe bis an ihr Ende bewahrte. Durch sie erweiterte sich unser Familienkreis bedeutend, denn ihre 4 Geschwister wurden mir Tanten und Onkel, alle bis auf Tante Nettchen in Zweibrücken gestorben. Es waren folgende:

1) Julie, eine kluge und selbstbewusste Dame, die eine Privatschule mit Pensionat unterhielt, sich damit ohne jegliche Unterstützung vonseiten der Stadt oder des Staates durchschlug unter viel Kämpfen mit der Empfindlichkeit der Eltern.

2) Henriette genannt Nettchen, die den Pensionshaushalt leitete, äusserst gutmüthig und bescheiden, im höheren Alter das Gedächtnis so vollkommen verlierend, dass sie Niemand mehr erkannte, alle Begebenheiten, gross und klein, vergass und sich in den bekanntesten Strassen verirrte.

3) Lili, unter ihren ausnahmslos religiösen Geschwistern diejenige, die das Evangelium am tiefsten in sich aufnahm. Sie verheiratete sich spät mit einem Gymnasialprofessor Helfreich. Ihre 2 Kinder starben erwachsen, der Sohn im Irrsinn, die Tochter an einem Rückenmarksleiden.

4) Karl, ein ausnehmend stattlicher Mann, der dem König Ludwig I so sehr gefiel, dass er bei einer Audienz zu Aschaffenburg seine Gemahlin Therese herbeirief und ihr sagte: Siehst Du, so sieht ein richtiger Pfälzer aus. Onkel Karl starb als Appellationsgerichtsrat in Zweibrücken, Seine Kinder sind zerstreut und mir aus den Augen gekommen.

Alle 4 Geschwister meiner Mutter haben mir viel Liebe erwiesen und ich bewahre ihnen ein treues, dankbares Andenken.
[7] Der zweiten Ehe meines Vaters entsprossten 3 Söhne:

1) Ludwig, geboren 1838, ein begabter Mensch, der es in seinen Studenten- und Kandidatenjahren oft etwas toll trieb, aber das Arbeiten nicht dabei vergass, sodass er ein sehr tüchtiger Jurist wurde. Als junger Gerichtsbeamter wurde er bei einer Reorganisation der bayr. Gerichte an das neuerrichtete Appellationsgericht in Aschaffenburg berufen, um dort als Ober-Sekretär den Geschäftsgang zu ordnen und zu leiten. 1871 trat er auf besondere Aufforderung nach dem Elsass in Reichsdienst über und wählte sich das Notariat in Gebweiler, unter der Bedingung, dass dort nur 1 statt bisher 2 Notariaten verblieben. Später siedelte er nach Colmar und endlich nach Mülhausen im Elsass, auf das einträgliche Notariat im Reichslande über, wurde Prüfungskommissär für den Notariatsdienst und schied 1901 mit Einführung des neuen bürgerlichen Gesetzbuches aus dem Dienst mit den Titeln Justizrat und Ehrennotar, sowie dem rothen Adlerorden ausgezeichnet. Im Jahre 1879 hatte er sich mit Marie Fink aus Glogau verehelicht. Das einzige Kind aus dieser Ehe starb als Säugling. Ludwig wählte sich als Ruhesitz München, besonders wegen der dort gebotenen musikalischen Genüsse, denn er trieb als guter Violinspieler viel Musik und hatte für klassische und ernste Musik ein tiefes Verständnis. Seinen Ruhestand genoss er nicht lange; zu Pfingsten 1907 starb er an Leberkrebs. Sein nicht unbedeutendes Vermögen verblieb seiner Witwe als freies Eigenthum. Es sei ihr von Herzen gegönnt! Aber es hätte mich gefreut und meinen Söhnen und Enkeln wohlgethan, wenn er einen Theil seines Vermögens seiner Stammfamilie wenigstens für die Zukunft zugewiesen hätte.

2) Mein zweiter Stiefbruder Paul, geboren 1840, war ein hochaufgeschossener, stiller Mensch, der das Ingenieurfach in Nürnberg und München studierte und in letztgenannter Stadt dem Thyphus erlag.
[8] 3) Fritz, der jüngste Stiefbruder, war 1843 geboren. Er machte den Eltern mehr Sorgen als die anderen Geschwister zusammen und brachte es zu höheren Ehrenstufen als wir anderen alle. Mit unbändigem Starrsinn setzte er es als 13 jähriger Junge durch auf See zu kommen. Eine Deutsche Kriegsflotte existierte damals nicht, so brachte ihn der Vater auf ein Bremer Handelsschiff, wo er als Schiffsjunge eintrat. Bald wurde er Matrose und lernte als solcher den bitteren Geschmack des Seewassers gründlich kennen. Auf seiner letzten Fahrt ging es dem nun 19 jährigen so übel, dass er weich wurde und den Familienvorstellungen nachgab, die ihn vom aussichtslosen Seedienste abzubringen suchten. Das Maschinenfach zog ihn an. Aber auf der polytechnischen Schule in Karlsruhe zeigte es sich, dass ihm die nötigen Vorkenntnisse fehlten, und der einjährige Kurs in der Maschinenfabrik Weyland, Lamarchet und Schwarz zu St. Ingbert befriedigte ihn auch nicht. Unterdessen war er konskriptionspflichtig geworden, zog bei der damaligen Auslosung der Militärdienstpflichtigen die höchste Losnummer und konnte darum als befreit angesehen werden. Er schlug vor, ihm nach Nord-Amerika zu helfen, da er in der dortigen Marine oder in sonstiger Stellung eine Existenz zu erringen sich zutraute. Vor der Abreise besuchte er unsere Schwester Lina, wo ein Freund der Bachelot’schen Familie, der Mitbesitzer des Kaufhauses Bon-marché war, eine Stellung und gutes Fortkommen in diesem Geschäfte in Aussicht stellte. So trat er dort als Lehrling ein, um vor allem der französischen Sprache völlig mächtig zu werden - englisch hatte er auf dem Schiff aus dem Umgange und der Grammatik sich angeeignet - und wurde dazu gutbezahlter Verkäufer und Kommis im Bon-marché in Paris. Da kam der Krieg von 1866. Bayern zog alle durchs Los Befreite und noch unverheirathete frühere Conskribierte ein, um die bei den Infanterieregimentern neuerrichteten Bataillone zu füllen. Mein Bruder wurde dem Leibregimente in München zugetheilt. Da es an Offizieren fehlte wurden aus Rekruten mit höherer Bildung Offiziere „auf Kriegsdauer“ und die von Fritz beigebrachten Schulzeugnisse wurden für ausreichend angesehen, ihn zum Unterleutnant im 4. Infanterieregimente [9] zu ernennen. Charakteristisch und komisch-ernst war sein Suchen und Finden des Depots dieses Regimentes während des sogen. Main-Feldzuges. Nach dem Friedensschlusse wurde der Leutnant ”auf Kriegsdauer“ abgedankt und wollte nun auf seine ihm offen gehaltene Stelle im Bon-marché zurückkehren, konnte aber hierzu keinen Pass erhalten, da er nicht mehr Leutnant im 4., aber noch Gemeiner im Leibregimente sei. Als alle Schritte einen Pass nach Paris zu erlangen fehlschlugen, stellte er sich beim Leibregimente zu Dienste, wurde zunächst Sergeante und auf Fürsprache seiner Kameraden im 4. und seiner Vorgesetzten im Leibregimente als Leutnant reaktiviert. So wurde Fritz eigentlich wider Willen Soldat. Als solcher aber war er an seinem Platze. Die Disziplin schliff seinen Trotzkopf ab, ließ aber einen festen und starken Willen zurück, durch Hindernisse und Gefahren hindurch eine gegebene Aufgabe zu lösen oder ein gestecktes Ziel zu erreichen. Der Krieg von 1870/71 fand ihn als Leutnant im Leibregimente, welches dem 1. bayer. Armeekorps unter General von Tann zugetheilt war. Das Leibregimente erlitt die schwersten Verluste im 1. Armeekorps, denn das Draufgehen war den oberbayerischen Gebirgssöhnen, aus denen es zur grösseren Hälfte bestand, eine Lust, aber - so sagte mein Bruder - sie aus einer gefährdeten Stellung oder dem übermächtigen Gegener gegenüber zurückzunehmen, das war eine Kunst. Fritz kam bei Wörth, Beaugency und Sedan-Bezeilles ins Feuer, dann machte er von Oktober bis Dezember den sogen. Loire-Feldzug mit seinen zahlreichen blutigen Gefechten mit, besonders 2 mal bei Artenai, 2 mal vor Orleans und zuletzt gegen die neue grosse Loire-Armee im Walde von Marchenoir am 7.-9. Dez. 1870. Von hier führte er als einziger noch übriger Offizier das auf 300 Mann zusammengeschrumpfte 3. Bataillon des Leibregimentes nach Fontainebeau zurück. Die erste Schlacht bei Artenai brachte ihm das eiserne Kreuz und das bayerische Militärverdienstkreuz, im Walde von Marchenoir bei Le Mons vereitelte er aus eigenem Antriebe die Umgehung des rechten deutschen Flügels [10] dadurch, dass er mit wenig Mannschaft ein Bataillon Mobilgarden zersprengte und theilweise gefangennahm und eine französische Batterie ausser Feuer setzte; die Geschütze konnten wegen mangelnder Pferde nicht geborgen werden. Hierfür wurde ihm der höchste bayr. Orden, der Max-Joseph-Orden, mit welchem der Adel und ein jährlicher Ehrensold verbunden ist. Fritz war nie verwundet worden, obgleich er als verwegener Offizier bekannt war, der zwar seine Soldaten möglichst deckte und schonte, nicht aber sich selbst. Mit seinem Humor wusste er seine Leute in den niederdrückendsten Situationen bei guter Laune zu erhalten, durch seine französ. Sprachgewandheit und seine Findigkeit leistete er auf dem Marsche und im Quartier viele wichtige, oft sehr belachte Dienste. Er kehrte als ein gefeierter Held in die Garnison zurück. Aber hier weckte seine mit Orden (darunter auch der italienische bei einer Vermählung im Königshause erlangte Mauritius- und Lazarus-Orden) und Ehrenzeichen breit bedeckte Brust den Neid und die Intrigue. Er wurde aus dem bevorzugten Leibregimente und aus der Residenz München hinausgeschoben, avancierte aber bei seinem tüchtigen Friedens- und Manöverleistungen durch das 1., das 10. Inf. Regiment in Ingolstadt als Major in das 11. zu Regensburg als Oberstleutnant, obgleich er weder Kriegsakademie noch auch Kriegsschule besucht hatte. Als Leutnant hatte er sich mit Marie Römer, Tochter des Mulde-Thal-Bahndirektors Römer in Dresden verehelicht. Ein dieser Ehe entsprossenes Kind starb bald. Die wohlunterrichtete, liebenswürdige Frau trug leider den Keim eines geistigen Defektes in sich, der zu einer schweren Katastrophe führte. Marie oder wie sie im Familienkreise genannt wurde Mieze brachte ihr eigenes Vermögen, über welches Fritz sie verfügen liess, durch und häufte Schulden über Schulden, kaufte theure Gegenstände ohne sie zu bezahlen und versetzte sie, um damit Geld zu erlangen; dazu verkaufte sie alle Wertgegenstände des Haushaltes. Wohin sie das Geld brachte ist bis heute ein Räthsel. Als Fritz aus dem Kaisermanöver bei Hanau heimkehrte, wo er sehr gut abgeschnitten hatte und seiner Bevörderung zum Oberst und Kommandeur eines [11] Regimentes sicher geworden war, kamen die Geldoperationen seiner Frau, die theilweise ins Zuchthaus führen mussten, zu Tage. Mieze kam wegen irrenärztlich konstatierten "moralischen Defektes" in eine Irrenanstalt und vom Kriegsministerium, wohin die Sachlage berichtet war, wurde Fritz genöthigt, den Abschied zu nehmen. Man benutzte die Gelegenheit einem Offizier, der ohne Besuch der Kriegsakademie Oberst werden sollte, die weitere Karriere abzuschneiden. Der Schlag war für meinen Bruder ganz furchtbar, aber er erlag nicht darunter, sondern setzte seine ganze Thatkraft ein, um sich durch das Geschick durchzuarbeiten. Um über die Schuldenlast Herr zu werden, richtete er sein Leben auf das Sparsamste ein, um der Langeweile zu entgehen, fing er an zu malen. Er hoffte in München nachholen zu können, was ihm zur Ausübung dieser Kunst fehlte. Dies war ein Irrtum. Darum sprang er auf geschichtliche und sprachliche Studien über und landete bei der Ägyptologie, die ihn hoch befriedigte. Seine einsiedlerhafte Zurückgezogenheit gab er erst auf, als Bruder Ludwig nach München gezogen war. Nach und nach thaute er auf, seine Schulden minderten sich und als sie alle beglichen waren, fing er ein neues Leben an. Mit seiner unterdessen aus der Irrenanstalt beurlaubten Frau wieder zusammen zu kommen, lehnte er ab. Er wollte kein zweites Debakel riskieren. Als er 1906 als General charakterisiert und vom Prinz-Regenten gelegentlich seines 40 jährigen Militärjubiläums ausgezeichnet wurde, lebte er erst recht neu auf, aber leider fing auch die Krankheit an, der er erliegen sollte; es war dieselbe, an welcher Ludwig starb (Leberkrebs), dem er nach 5 Wochen im Tode nachfolgte. Seine Asche wurde seiner Anordnung gemäss im Elterngrabe zu Zweibrücken beigesetzt.

Ich habe mit meinen Brüdern wenig zusammengelebt. Ich kam früh aus dem Elternhause fort und sie fanden ihre Stellungen weit weg von meinen Wohnorten. So sahen wir uns nur selten und kurz bei Besuchen, Briefe wurden wenig gewechselt und jene von Ludwig und Fritz waren meist im Depeschenstil gehalten. Im Elternhause traf man [12] man sich auch nicht. Dieses ging auch seit 1876 seiner Auflösung entgegen. Denn da starb meine zweite Mutter ziemlich plötzlich. Dem Vater trat Lina, die bereits Witwe geworden war, an die Seite. Im September 1878 erlag der Vater einem Schlaganfalle als ein aller seiner Sinne noch mächtiger, verhältnismässig rüstiger Greis, der bis zum letzten Tage und Abende noch einen Theil seiner Ämter geführt hatte. Im Pfarramte hatte er 5 Jahre lang Vikarsvertretung benützt.

Ich erwähne noch kurz der Verwandten väterlicherseits. Mein Vater hatte nur eine Schwester, die viel älter als er und mit dem Schuhmacher und Kirchendiener Hoigen (?) in Zweibrücken verheiratet war, einfachen und sehr bescheidenen Leuten, die 3 Kinder hatten: 2 Töchter, die nach Nordamerika auswanderten und einen Sohn, der Schriftsetzer wurde und von dem noch Nachkommen in Zweibrücken leben mögen.

Da mein Grossvater nicht aus Zweibrücken stammte, fehlen hier Blutsverwandte von ihm. Er war aus Baumholder oder dessen Umgebung eingewandert, stammte aber sicher aus Norddeutschland, denn in seinem Trauakte heisst er Krüger, einem speziell norddeutsch-dänischen Namen, während im Sterbeakt sein Name versüddeuzscht Krieger lautet. Durch meines Vaters Mutter, eine geborene Kurtz, hatten wir in Zweibrücken viele sogen. Vettern und Basen in den Familien Kurtz, Clemens, Daub u.a. Die Beziehungen zu denselben wurden nicht gepflegt und sind vergessen.

Familienkonnexionen standen mir und meinen Brüdern nicht zur Seite. Wir haben unseren Weg ohne Protektion gemacht, wären aber mit etwas konnexion und Pritektion vielleicht weiter und an schlimmen Stellen besser vorbeigekommen. Vielleicht hätte zeitweilig auch ein wenig Kriecherei und Windfahnennatur weiter geholfen, aber wir schrieben uns Krieger und mich reut es heute nicht, immer dem Wegweiser des Gewissens und der ehrlich bekannten Überzeugung gefolgt zu sein.

[13] 
II Kindheit und Schulzeit.

Ich hin, wie schon gesagt, am 27 Mai 1830 geboren. Der mir gegebene Vorname Ernst sollte wohl eine Mahnung für das Leben sein. Denn er war nicht in der Verwandtschaft und auch mein Taufpathe trug ihn nicht. Mein Pathe war der Dr. der Medizin Karl Schultz mit dem Beinamen Bipontinus, den er sich als berühmter Botaniker zum Unterschied von Fachgenossen beilegte. Ich lernte ihn erst kennen, als er zu Erlangen in meine Studentenbude trat und mir auf die Frage, wer er sei, vorwarf: Was? Du kennst Deinen Pathen nicht? – Worauf ich ihm kalt erwiederte: Daran ist mein Pathe selbst schuld. Er starb zu Deidesheim als Arzt. Meine Pathin sah ich nie. Sie war wahrscheinlich meine Cousine Sophie Silly und starb zu Düsseldorf als Ehefrau des Regierungsrathes und westfälischen Originales Sack, der um Menschen kennen zu lernen grundsätzlich nur in der 4. Eisenbahnklasse fuhr und mindestens 20 Kinder hinterliess.

Aus den frühen Kinderjahren dämmern nur noch einzelne Erinnerungen in meinem Gedächtnisse, so z.B. dass mich meine Grossmutter wie ein Bündel unter dem Arm die Treppe hinaufschleppte oder dass ich zu meinem Leidwesen in eine sogen. Strickschule beseitigt war, die von Mamsell Bayl im dritten Stockwerk etabliert war. Da sassen auf Bänken viele Mädchen und lernten stricken, ich der einzige Bube darunter half die eintretende Lehrerin begrüssen: ”bon jour Mamsell Bayl!“, was in immer gleichem Tonfalle und im Chor geschah. Dann sollte ich stille sitzen ohne Strickzeug und ohne irgend eine Beschäftigung, zog den Nachbarinnen die Stricknadeln heraus, bekam Schelte und dazu Schläge, so dass mir die Strickschule ein Greuel war. Eines Tages so scheint mir muss ich entwischt und bei der Eile der Flucht die hohe Treppe hinuntergestürzt oder vielmehr hinuntergekugelt sein, denn ich weiss heute noch, dass ich unten heil ankam, untersucht und nicht gehauen wurde. Das Hinunterkugeln erklärt sich vielleicht daraus, [14] dass ich ein sehr dickes Kind gewesen sein soll, das ”Kriegers Kugel“ genannt wurde. Angenehme Erinnerungen hinterliessen gelegentliche doch spärliche Spaziergänge des Vaters mit uns drei Kindern. Genau weiss ich noch, dass wir auf dem Rosenhof bei Bubenhausen waren und dass dort Apfelwein getrunken wurde, dem ich offenbar zu reichlich zusprach, denn auf dem Heimweg wurde ich von meinem Bruder Karl auf den Achseln geschleppt und wurde lange geneckt wegen meiner wiederholten Frage: Vater, warum geht denn alles so rundherum?

Der Vater hatte wahrscheinlich im Jahre 1835 kurz nach seiner Ernennung zum Pfarrer einen Vikar nöthig, der im Pfarrhause wohnte. Es war der heute noch lebende Thilo Krafft, mit dem ich später noch viel zu thun bekam. Er gab mir den ersten Höflichkeitsunterricht, indem er mir eintrichterte, ihn zu Tisch mit der Formel zu rufen: Herr Vikar, wenn es gefällig ist, so kommen Sie zum Essen! Die umständliche Formel und das Eintrichtern scheinen unangenehme, doch tiefe Eindrücke hinterlassen zu haben.

In die Löwenapotheke von Schulz und zu Dr. medic. Schulz sen. hatte ich täglich Botendienste als Zeitungsträger zu machen. Die Haushälterin des ledigen Doktors belohnte mich mit Obst oder Leckereien, aber in der Apotheke quälte mich der kleine Provisor mit Kitzeln und die folgende gelegentliche Begütigung durch Lakritz oder Jungfernleder [3] versöhnte mich wenig. Später als ich Ludwigshafen einmal als Student passierte, entdeckte ich den kleinen Provisor in einer dortigen Apotheke und erlaubte mir ihm seine Sünden vorzuhalten und in äusserste Verlegenheit zu setzen.

Bei kleinen Unfällen suchte ich nicht zu Hause sondern bei der Tante Hagen Zuflucht, die dann an mir flickte, wusch oder heilte; bei letzterer Prozedur spielte auch in ernsteren Fällen Zunder eine Hauptrolle.

Noch vor vollendetem sechsten Jahre kam ich in die Volksschule und passierte von unten aufsteigend die Klassen Jakobi, Seegmüller, Ottmann und Kramer. Aus Jakobis [15] Schule ist mir die Einübung des Schnurrlautes r… geblieben, bei Seegmüller machte der näselnde Ton, der grosse Eifer und die milden Strafen Eindruck und bei Kraemer dessen Tabakspfeife, die immer während des Unterrichts dampfte ausser wenn gelegentlich das Pfeifenrohr den Bakel (Stock des Schulmeisters) abgab.

Während meiner Schulzeit wurden mannigfache Beschäftigungen, Spiele und Kämpfe geübt. Die Garnison Zweibrücken gab Vorbilder zum Soldaten-Spiel und die im Grunde eintönigen Kavallerieexerzitien hatten wir bald gründlich inne. Eine gefundene Patrone reizte zu Schiessübungen und Feuerwerkversuchen; letztere wurden unterstützt durch den in Ställen und Kellern des Pfarrhauses reichlich vorhandenen Mauersalpeter, der zu Speiteufeln und dergl. verarbeitet wurde. Nur durfte der Vater nichts von Feuer und Rauch merken, sonst gab es Störungen und die eine Tracht Prügel von Zweien, die ich überhaupt erhielt, erging wegen eines Feuerwerks über mich.

Bei den gewöhnlichen Knabenspielen wurden die, bei welchen Bohnen oder Knöpfe gewonnen werden konnten, zur Ansammlung von Messingknöpfen gierig benutzt, denn diese konnten beim Gelbgiesser in Geld verwandelt werden. Ein mit einem Kameraden angesammeltes Kapital von 6 Kreuzern wurde einmal zu einer zwischen Schweineställen und Misthaufen verborgen gefeierten Orgie verwandt, bei der 2 Wecke, eine Knackwurst und ein Glas Bier draufgingen.

Die vielen Bäche und Kanäle um Zweibrücken luden zum Fischfange ein; einmal stürzte ich in der Freude über einen gefangenen Weissfisch in tiefes Wasser und nur eine barmherzig sich darbietende Weidenruthe errettete mich vorm Ertrinken; triefend kam ich heim, aber der Fisch war mein.

Grösstes und häufiges Vergnügen gewährten die Überschwemmungen, welche besonders im Frühjahr die halbe Stadt unter Wasser setzten bis Bachkorrektionen Besserung brachten. Bei ”grossem Wasser“ war vor allem keine Schule, dazu gab es allerlei Unterhaltung besonders mit [16] ’‘’‘Herbeischaffung von Lebensmitteln, die auf Stelzen herbeigeholt werden durften, weshalb das Stelzenlaufen fleissig geübt wurde.

Grosse Aufregung brachten die Kämpfe zwischen den Unterstädtern und den Oberstädtern vulgo Ratzgässern. Aus kleinen Plänkeleien und Prügeleien im ganzen Jahre entwickelten sich im Herbste nach der ?-Ernte und in der Ferienzeit wahre Feldzüge und Schlachten, die kaum nach dem Eintreten der Polizei und anderer Autoritäten aufhörten. Ein besonderes Vergnügen war die alljährlich vom Hausarzte verordnete Purganz. Das Erbrechen war ja ekelig, aber 3-4 Tage Schulfreiheit, behagliches Bettliegen und Gepflegtwerden, dazu Genüsse wie Himbeerwasser, Mandelmilch und dergl. wogen die ersten Unannehmlichkeiten weit auf.

Unterdessen kam die Zeit, mich dem Gymnasium bezw. der Lateinschule zu übergeben. Ich war 9 Jahre alt und wurde in der 1. Klasse vom Studienlehrer Krafft in Empfang genommen, der vom geistlichen ins Lehramt übergesprungen war. Vom Unterrichte ist mir keine Erinnerung geblieben, doch kam ich gut voran. Weniger gut ging es in der 2. Klasse bei Studienlehrer Sauber, wenigstens musste ich in den Ferien viel lateinische Grammatik nachstudieren. Der Studienlehrer der 3. Klasse, Görringer, galt als tüchtiger und strenger Lehrer, aber von seinem Unterrichte ist mir keine Erinnerung geblieben. Dagegen fasste mich der Schriftlehrer Sauber,[4] der Ordinarius der 2. Klasse, scharf aufs Korn und sperrte mich einmal nach drei aufeinanderfolgenden Stunden über Tisch wegen ungenügender Leistung ein, so dass sogar der Pedell Mitleid mit mir hatte. Wenn meine spätere leserliche Schrift die Folge der Sauterschen Gewaltkur war, – ich sage ”wenn“, – dann bin ich dem wunderlichen Schreiblehrer rechten Dank schuldig.

In der 4. Klasse war Onkel Helfreich, der Mann von Tante Lili, Ordinarius. Er war ein feiner, guthmüthiger, wohlunterrichteter [17] Lehrer, aber trocken als Lehrer und viel zu schwach und zart uns Rangen gegenüber, so dass er wenig Erfolge erzielte.

Den Religionsunterricht in Katechismus, Kirchenliedern und biblischer Geschichte ertheilte in den 4. Klassen der Theologiekandidat und Lehrer der 1. Klasse Krafft. Wir bereiteten uns schlecht vor und im Unterricht trug er uns unter viel Getöse und Geschwätze nichts vor, was Eindruck machte. Schlimmer noch stand es im Konfirmandenunterricht, den ich im 14. Jahre genoss. Pfarrer und Kirchenrath Kämpf trug uns nackten Rationalismus und Deismus vor, der mir kein Ärgernis aber doch Erstaunen erregte und mich an dem, was mir das Elternhaus gab, nicht irre machte. Für die öffentliche Konfirmandenprüfung erhielt jeder – Kämpf hatte nur Knaben – ein geschriebenes Heftchen, das in der Kirche wörtlich abgefragt wurde und wovon eine Abschrift für die Schüler des folgenden Jahrganges zurückzugeben war.

Die 1. Feier des heil. Abendmahles ergriff mich mächtig und mit strömenden Thränen empfing ich das Sakrament; nicht dass die Liebe zum Heilande oder der Dank für das Siegel der Sündenvergebung mich bewegt hätten, aber das mysterium tremendum packte mich und in der Folge zog es mich immer verlangend zum Altarsakramente.

Schon in der Lateinschule, wie auch später im Gymnasium wurde ich häufig zur Deklamation bei Schulfeiern herangezogen, wobei der mehrbesagte Professor Krafft als Einpauker fungierte. Vielleicht war mein Organ die Ursache, dass ich vorgezogen wurde. Jedenfalls hatte ich den Gewinn davon, von Jugend auf an freien und ausdrucksvollen Vortrag, sowie an öffentliches Auftreten gewöhnt zu werden.

Im Vortrag sowie im Erfinden und Gestalten des Stoffes übten die Vorstellungen im Figurentheater, die ich für Spielkameraden und Familienglieder veranstaltete. Die [18] Figuren und Dekorationen wurden vom Taschengelde, das für die ganze Gymnasialzeit 6 Kreuzer wöchentlich betrug, beim Papierhändler gekauft, von mir gemalt, auf Karton gezogen, ausgeschnitten, mit Draht und Aufsteckstiften versehen und im selbstgefertigten Theater vorgeführt. Den wohlvorbereiteten Stoff gaben Sagen, Balladen, Ritter- und Räubergeschichten ab.

Bei einem Buchbinder in einem Nachbarhause erwachte in mir die Lust zu Buchbinder- und Kartonagearbeiten. Ich sah mir die Handgriffe ab und als das Christkind die unentbehrlichsten Buchbinderwerkzeuge mir bescherte ging es mit grossem Eifer an die Buchbinderei, später an Kartonagearbeiten, die ich mit wachsendem Erfolge lange und noch im Ehestande anfertigte. Eine natürliche Veranlagung zum sogenannten Posseln half mir mein Leben lang, im Hause allerlei Handwerker um ihren Verdienst zu bringen. Selbst vor Eingriffen in weibliche Arbeiten schreckte ich nicht zurück. So verfiel ich als Bube mit mehreren Kameraden auf die Bäckerei, wahrscheinlich weil die Mütter uns nicht genug Kuchen lieferten. Als wir aber im Holzschuppen des väterlichen Hauses unsere Backstube einrichteten und den Backofen aufbauten und unter starker Rauchentwicklung heizten, fuhr der feuerängstliche Vater grausam darein, zerstörte mit Fusstritten den Ofen, regalierte die Kameraden mit Ohrfeigen und mich mit der zweiten mir erinnerlichen Tracht Prügel.

Den Glanzpunkt in meinen Erinnerungen aus meiner Progymnasialzeit bildet eine Ferienreise, die ich im Jahre 1843 ausführen durfte. Reisegenosse war der 3 Jahre ältere Traugott Hepp, Sohn eines badischen Pfarrers und Utrechter Kommilitonen meines Vaters. Traugott besuchte das Zweibrücker Gymnasium und war Pensionär in unserem Hause. Mit ihm durfte ich in seine Heimat fahren. Welche Eindrücke machten die Gegenden, die Menschen, die während 7 Wochen an mir vorüberzogen! Auf dem Deckensitze des 4 spännigen, vom Postillon im Sattel gefahrenen Postwagens ging es über Pirmasens, Kaltenbach, das Aurichthal [19] und seinen Wäldern, Annweiler mit dem Trifels nach Landau. Dort lehrte uns ein Mitreisender, als der Postkondukteur mitten im Essen, dessen Kosten der Wirt ganz berechnete, zum Einsteigen abrief, vom Braten und Brod so viel einpacken, dass wir nachträglich satt werden konnten. Über Speyer und die Rheinschanze, an deren Stelle jetzt Ludwigshafen a/Rhein steht, ging es über die Schiffsbrücke des Rheins nach Mannheim, wo wir bei einem Kaufmanne, Traugotts Vetter, dicht bei der Neckar-Kettenbrücke, Quartier fanden und einen Tag blieben, um die Stadt, das Schloss mit dem Museum, den Hafen u.s.w. zu besichtigen. Dann ging es mittels der gehörig angestaunten Eisenbahn nach Heidelberg, wo eine Tante von Traugott uns ins Studentenzimmer einlogierte. Die Studenten waren leider nicht da, aber das Schloss, das grosse Fass, der Blick von der Terasse und die sonstigen Herrlichkeiten Alt-Heidelbergs machten uns schier trunken.

Zu Fuss ging es dann über Sinsheim nach Kirchhardt, dem Pfarrsitze von Traugotts Vater, einem wohlhabenden Dorfe in flacher Gegend. Das gemüthliche Pfarrhaus mit Traugotts freundlichen Eltern, einer älteren Schwester und einigen jüngeren Brüdern, mit dem grossen Garten und dem ringsherum thätigen, mit neuen Dorfleben, bot köstliche Ferienunterhaltung. Ärgerlich war nur, dass bei den ziemlich häufigen Nachmittagsbesuchen Traugott und ich citiert wurden, um – wir waren beide Anfänger im Klavierspielen – 4händige Variationen über den ”kleinen Postillon“ zum Besten zu geben, wobei wir regelmässig ein oder mehrere Male umwarfen. Die Pfarrei genoss verschiedene Zehnten. Da war es ein Hauptvergnügen, mit dem Zehntknecht die Zehntgarben abzuzählen und aufzuladen, dazwischen Mäusejagd zu treiben und mit den Dorfbuben zu spielen und zu raufen. Nach circa 14 Tagen wurden Traugott und ich auf eine Fusstour in den badischen Odenwald geschickt. Mit wenig Geld und vielen Empfehlungsbriefen zogen wir aus, die Schulranzen als Tornister auf dem Rücken und das Wonnegefühl der Freiheit und der Erwartung grosser Dinge in der Brust. [20] Wir werkelten bei Vettern und Freunden herum und wurden überall mit offenen Armen aufgenommen. Über Heilbronn, dessen Sehenswürdigkeiten und Umgebung incl. Weinsberg mit der Weibertreu gründlich genossen wurden, ging es an den Kocher nach Neuenstadt an der grossen Linde, die mir unvergesslich blieb wie das ungewohnte tägliche Nachtessen bestehend aus Pfefferminzthee und Butterbrot. Dann wanderten wir an die Jaxt zum dortigen Kantor und Schullehrer, der uns zu Ehren die Lese seines kleinen Weinbergs arrangierte. Der Weinberg lag unmittelbar unter dem Schlosse wovon in Göthes Götz von Berlichingen der Kindermund sein Sprüchlein sagt: Jaxthausen, Schloss und Dorf, an der Jaxt gelegen, gehört seit alten Zeiten den Herren Götz von Berlichingen. Die berühmte eiserne Hand Götzens wurde dort von uns besichtigt; leider war sie erstarrt, weil ein moderner Mechaniker sie zerlegt, das Kunstwerk aber nicht mehr zusammengebracht hatte. Unser lieber Kantor lud zu seinem Herbste die Honoratioren des ganzen Städtchens ein. Für den Abend stellten Traugott und ich das Feuerwerk, nachdem wir mittelst starken Eingriffs in unser Reisegeld zahlreiche Schwärmer, Frösche, Feuerräder und Raketen beim Buchbinder erstanden hatten. Hochvergnügt wurde die Lese vollendet unter Vertilgung grosser Mengen von Schinken, weichem Käse, Trauben und süssem Most. Zum Abendessen ging es ins Kantorhaus, wo in später Stunde das "Schlappestosse" vor sich ging. Jung und alt, Männlein und Weiblein mussten sich nacheinander auf einen starken Prügel setzen, der auf zwei Stühlen lag und durch die Griffe eines Kartoffelkorbes gesteckt war; in den Korb, der zwischen den 2 Stühlen baumelte, mussten die Füsse gestellt werden und dann war mittels eines Steckens ein auf dem hinteren Stuhl liegender "Schlappen" (Pantoffel ohne Kappe und Seitenteile) heruntergestossen werden. Die hiermit sich abmühenden verloren meist das Gleichgewicht und fielen zu Boden. Mit diesem derben Witze schloss unter grossem Gaudium das schwäbische Herbstvergnügen. [21] Fast noch besser als in Jaxthausen amüsierten wir uns in Schillinsstadt,[5] wo die 2 uns ziemlich gleichaltrigen Töchter des Pfarrhauses liebe Spielkameraden und die Zwetschen des Pfarrgartens theils roh, theils als Kuchen und Compote leckere Kost abgaben. Ein Ausflug nach Tauberbischhofsheim führte uns einen Jahrmarktstrubel und überraschende Volkstrachten vor Augen, Alles für mich völlig neu. Die 14tägige Fusstour fand ihren Schluss in Wimpfen a/Berg, hochoben am Neckar gelegen, wo im Kurhotel den verspätet und sehr hungrig eintreffenden 2 Jungen die Reste des Diners serviert wurden mit dem Schliesstück eines ganzen Kuchens, den wir frohgemuth noch völlig vertilgten, worauf der Wirth uns lustig lachend entliess, nachdem er uns pro Kopf 24 Kreuzer aufgerechnet hatte.

Nach Kirchhardt zurückgekehrt machten wir eine Kirchenvisitation mit, die für uns mehr als Kuchenvisitation angesehen wurde, und griffen dann bei der Einbringung des Obstzehntens mit an. Ein Berg von Äpfeln thürmte sich im Pfarrhofe auf, den wir fröhlich keltern halfen. Dann holte uns der Vater ab. Auf die Freuden der Ferienreise folgte die Freude der Heimkehr und ich fühle heute noch den Jubel, womit ich die Strassen und Häuser der Vaterstadt bei der Einfahrt begrüsste. Im Vaterhause aber fand ich das Brüderchen Fritz in der Wiege. Wahrscheinlich verdankte ich seiner bevorstehenden Ankunft die Abschiebung auf die Ferienreise.

Noch nicht 14jährig kam ich in die 5. Klasse, die erste eigentliche Gymnasialklasse, (Untersekunda) zu Professor Friedr. Butters, einem tüchtigen Lehrer und Gelehrten, dabei positiv-evang. Christ. Er war ruhig und mild, anregend im Unterrichte, erfahren im Kampf mit Schwächen und Unarten. Wir lasen bei ihm Livius und Ovid, Xenophons Anabasis und Homer, sein Unterricht in der Geschichte und im Deutschen fesselte uns. Die ganze Klasse hing an ihm mit viel Achtung, viele mit Liebe. Wir freuten uns, als er in die folgende sechste Klasse mit hinüberging. Es sollte damals jeder Gymnasiallehrer seine Klasse 2 Jahre führen. Dr. Vogels, der mit Butters in der führung der [22] 5. und 6. Klasse abwechselte, war ebenfalls ein tüchtiger Lehrer. Wir hätten ihn gerne nach Butters bekommen, allein wir kamen zu Fischer, jenem Gymnasialprofessor, dem Oskar von Redwitz in seinem Hermann Stark ein böses Denkmal gesetzt hat. Fischer, früher kath. Geistlicher und dann konvertirt, wie man sagte, um heirathen zu können, war als Philologe schwach, als Lehrer ungeschickt und bissig, schimpfte und moquierte sich gern bes. in den Nachmittagsstunden, vielleicht auch nach dem Genusse von Wein, und sah im deutschen Aufsatze weniger auf gediegenen Inhalt und richtige Darstellung als auf blühenden Stil; die Klasse merkte dies bald und bot ihm in den Aufsätzen mächtige Blumensträusse. Bei ihm wurde Demosthenes und Euripides gelesen, im Lateinischen Cicero und Horaz; die Lektüre des letzteren Dichters fesselte uns am meisten, da Fischer eine horazische Natur war. Fischer ging nicht mit uns in die Oberklasse, da die zweijährige Führung der Gymnasialklassen durch denselben Professor unterdessen abgeschafft war. Aber wir gewannen nichts bei dem Rektor Teller, der auch als Philologe schwach, als Lehrer ledern war. Es gelang ihm, uns den Cicero und Virgil, besonders den Plato und Sophokles zu verleiden und den Geschichtsunterricht zu einem Greuel zu machen, denn wir hatten das Lehrbuch wörtlich auswendig zu lernen. Die Nebenlehrer am Gymnasium waren: mein Vater im Religionsunterrichte, in welchem mein guter Vater zu viel sprach und uns zu wenig in Schrift und Bekenntnis einführte. Dann Professor Zäch für Mathematik; er förderte nur wenige Auserwählte und überliess den Rest sich selber. Professor Koch hatte den französischen Sprachunterricht, bei welchem weder Formen- noch Wortkenntnis, am wenigsten Konversationsfähigkeit herauskam. Den hebräischen Sprachunterricht ertheilte Prof. Krafft mit dem Erfolge, dass wir die hebräische Sprache für unlernbar hielten. Ich war in der Oberklasse der Preisträger in diesem Fache, kannte aber weder Verba noch Nomina, konnte auch nicht übersetzen. Den Gesangunterricht ertheilte Prof. Fischer, den Zeichenunterricht der Schwabe Veiel; in beiden Fächern kam ich durch natürliche Begabung voran. Im Turnen und Schwimmen leistete ich wenig. Meine Klassengenossen, von denen keiner eine Berühmtheit oder ein hervorragender Beamter wurde, waren meist stattliche junge Leute, durchschnittlich fleissig, verständig. [23] In der Absolutorialprüfung erlangten 6 die Note I, darunter auch ich, 12 die Note II, 3 die Note III. Wir waren alle überzeugt, dass wir 2 Jahre früher, frisch aus Prof. Butters Hand weg, noch besser abgeschnitten hätten. Der von mir auf die Gymnasialfächer aufgewendete Fleiss war mässig. Aber proprio motu las ich in den Herbstferien Homer, insbesondere die Batrachomyomachie, und vor dem Eintritte in die Oberklasse besserte ich meine Mängel in Geometrie und Algebra aus, sodass ich als guter Mathematiker das Gymnasium verliess.

Viel Eifer und Fleiss verwendete ich während meiner Gymnasialzeit auf Nebenbeschäftigungen und Steckenpferde. Da war vor allem das Klavierspiel, in welchem ich schon frühe Unterricht erhielt. Leider war keiner meiner Lehrer selbst Klavierspieler, so dass mein Unterricht in Bezug auf Technik nicht sachverständig war. Ich übte aber fleissig und brachte es zu einiger Fertigkeit, fand auch Geschmack an klassischer Musik. Erst in der Oberklasse nahm sich meiner Fräul. Marie von Esebeck, später verehelichte von Loe an. Sie hatte in einem Schülerkonzerte mein Spiel gehört und nahm sich desselben an, übte mit mir schwierigere Sachen, spielte auch mit mir 4händig auf einem und auf 2 Instrumenten und brachte etwas Schliff in mein Spiel. Sie und ihre Mutter nahm sich auch meiner Singstimme an. Ich hatte nämlich einen vom Contra D bis zum eingestrichenen F reichenden, starken, klangvollen Bass. Bevor sich die Stimme brach hatte ich einen richtigen Knabenalt und weil ich sicher traf und taktfest war wurde ich Chorführer des Knabenalts bei der Vorbereitung eines grossen pfälzischen Musikfestes, in welchem Felix Mendelssohn Bartholdis Paulus und Walpurgisnacht aufgeführt wurde.[6] Vor dem Musikfeste brach meine Stimme, aber da ich die Säule des Knabenaltes war, musste ich dennoch mitsingen. Mendelssohn dirigierte selbst. In der Hauptprobe blieb er neben mir stehen, und horchte erstaunt auf meine Leistung, sprach dann mit dem Chorleiter, indem er auf mich deutete, schüttelte den Kopf, lachte und liess mich weiter mitsingen, wofür ich sehr dankbar war. Denn ich hatte meinen [24] Platz nahe hinter dem Meister und beobachtete bewundernd seine feine Art zu dirigieren; es wird wohl unter den Mitwirkenden seine Weisungen und Winke niemand williger und sorgfältiger beachtet haben als ich.

Im Gymnasialchor war ich des 2. Basses Halt. Hie und da wurde ich auch in Conzerten als Solist herangezogen trotz mangelnder Schulung. Da nahm sich Fräul. von Esebeck des ungeschliffenen Edelsteines an, übte mit mir Solfeggien, Solostimme und Duette und hätte vielleicht einen leidlichen Sänger aus mir gemacht, wenn mir die Sache gefallen hätte und ich nicht zur Universität abgegangen wäre. Ich konnte ihr später ihre Mühe einigermassen vergelten, als ihr aufgeweckter Sohn mein Schüler im Religionsunterrichte war.

Recht mit Lust übte ich das Singen als Mitglied und Dirigent eines Doppelquartettes, welches sich aus Mitschülern meiner Klasse bildete, fleissig übte und bei allen möglichen Gelegenheiten produzierte. Dieses Doppelquartett bildete den besseren Kern der Klasse und blieb durch seine Pflege des Gesanges vor mancherlei Ausschreitungen äusserlich und innerlich bewahrt.

Um im Orchester bei den sogen. Kasinoconzerten, die von Dilettanten gegeben wurden, mitwirken zu können, fing ich noch das Violoncello-Spiel an, brachte es auch zu einem Sitze im Orchester, da mein Lehrer Dirigent war, aber aus meinem Cello-Spiel wurde nicht viel. Wie war es auch anders möglich, da ich neben dem Gymnasialunterrichte zu vielerlei trieb.

Ich besuchte nämlich auch die Gewerbeschule (Realschule) als Hospitant einiger Fächer. Es war dies möglich, weil an der Gewerbeschule abends der Unterricht erteilt wurde. Hier trieb ich unter Rektor Dr. Reinsele Chemie und Physik, mit deren Grundzügen ich einigermassen bekannt wurde, besonders aber Botanik, die mich sehr fesselte und der ich viel Zeit opferte, selbst Morgenstunden von 4 Uhr ab vor den Gymnasialunterrichtsstunden. Die ganze Gegend bis auf 6 Stunden Entfernung von Zweibrücken suchte ich nach Phanerogamen[7] ab, denn nur mit diesen beschäftigte ich mich, [25] pflegte und mehrte mein Herbarium sorgfältig, stählte dabei meinen Körper durch die angestrengten Exkursionen, und schärfte meine Beobachtung der Pflanzenwelt und der ganzen Natur. Friedrich Wilhelm Schulz, der Herausgeber der Flora der Pfalz [8] und Bruder meines Pathen, nahm mich als Mitarbeiter an seinen Centurien an, in welchen er seltene und kritisch interessante Pflanzen in getrocknetem Zustande serienweise darbot. Mit besonderem Stolze aber übernahm ich die Mitarbeit an einem Programme der Gewerbeschule, welches die geografisch/geologisch/botanische Beschreibung des Bezirksamtes Zweibrücken enthielt und wovon ich den botanischen Theil erhielt.

Eine grössere Ferienreise durfte ich während meiner Gymnasialzeit nicht machen, es blieb bei kleineren Ausflügen. Wie gern wäre ich einmal in die Vorderpfalz und an den Rhein gewandert, aber der Vater hatte für Karl und Lina zu grosse Ausgaben, so dass für mich nichts übrig blieb. Ich wäre mit Wenigem ausgekommen, denn ich konnte im Fusswandern etwas leisten und war gewöhnt, mit knappen Mitteln auszukommen. Hatte ich doch nur 6 Kreuzer (= 17 Pfennige) wöchentliches Taschengeld. Märsche von 10 und 12 Stunden ohne Rast und mit einem Stück Brod als Mittagessen vollführte ich ganz vergnügt. Diese Schulung in körperlicher Anstrengung und Genügsamkeit kam mir in meinem ganzen späteren Leben sehr zu statten.

Zu einer Schulung anderer Art half mir das Pensionat der Tante Julie denn ich wurde als Spielkamerad gleichaltriger Mädchen zugelassen und später in die Gesellschaft jüngerer Lehrerinnen und deren Freundinnen herangezogen. Das gab etwas feineren Schliff. Es loderte auch eine kleine Flamme in meinem jungen Herzen auf und hätte die Kleine nicht unvorsichtigerweise mir allen Ernstes zugesetzt, nicht Theologe zu werden, so wär sie vermutlich eine Pfarrfrau geworden anstatt eine alte Jungfer zu werden, mit der ich bis an ihr Ende gute Freundschaft hielt. [26] Im Herbste 1847 machte ich das Gymnasialabsolutorium, schleuderte die Schulmappe wortwörtlich in eine Stubenecke und griff nach einer langen Pfeife, welche Bruder Karl mir stiftete in Erinnerung einer Tischermahnung des Vaters, die ich erhielt, als einer, der entlarvt wurde, sich mit Rauchversuchen abzugeben. ”Vor dem Absolutorium kommt keine Pfeife in Dein Zimmer!“ so lautete der Schluss von Vaters Rede. Als ich ihm nach dem Absolutorium mit der Pfeife entgegentrat, sagte er wohlgelaunt: ”Nun meinetwegen, aber ein Schornstein auf dem Hause wäre genug gewesen.“ Die Mutter braute mir und dem Doppelquartett einen Abendpunsch, nach dessen Aufsaugung wir auszogen, um unsere respektiven Flammen durch nächtliche Gesangständchen zu stören. Am folgenden Abend erschien das gesamte Lehrerkollegium bei unserer Abschiedsfeier und tröstete sich mit uns darüber, dass wir voneinander schieden.

So schloss meine Schulzeit mit einem schönen Akkord. Wie ein Idyll verlief sie mir im Schutz des Elternhauses unter mir zusagender Beschäftigung und im Kreise meist lieber Kameraden. Politische Stürme, soziale Wirren und religiöse Streitigkeiten bewegten den Strom der Zeit und meinen darauf hingleitenden Kahn nicht. Schulsachen und Liebhabereien bildeten den Unterhaltungsstoff unter den Klassenkameraden. Dem Studentenleben vorgreifende Schulverbindungen gab es nicht. In der Oberklasse wurden hie und da unter stillen Premissen des Lehrerkollegiums kurze Kneipabende mit wenig Bierverbrauch gehalten. Unanständigkeiten fanden keinen Beifall. Leider führte weder der Unterricht, noch die Anregung der Professoren gehörig zu der deutschen Litteratur. Auch im Elternhause wurde sie vernachlässigt. Hier lag ein Fehler in meinem Jugendgange. Ich kam später nie dazu, Versäumtes nachzuholen.

[27] 
III Universitätszeit.

Es stand seit langem fest, dass ich Theologie studieren würde. Ein Schwanken in der Berufswahl gab es nicht, obgleich meine Neigungen und besonderen Anlagen mehr auf Naturwissenschaft und Technik hinwiesen. Es war nicht der ausgesprochene Wille der Eltern, es waren auch nicht hervorragende Pfarrergestalten, die mich zum geistlichen Berufe zogen, auch nicht bewusstes und regeres religiöses Leben – so wird es das väterliche Vorbild und Wirken gewesen sein, was mich zum Pfarramt und zur Theologie zog.

Für bayerische und pfälzische Theologen stand nur eine bayerische Universität mit einer evangelisch-theologischen Fakultät offen, nämlich Erlangen, obgleich der pfälzische unierte Rationalismus gegen die orthodox-lutherische Erlanger Fakultät starken Widerwillen äusserte. Allenfalls konnte noch das holländische Utrecht in Betracht kommen, wohin das Stipendium Bernhardinum viele Pfälzer lockte und wo mein Vater selbst studiert hatte. Aber die Utrechter Professoren hatten keinen besonderen Klang in Deutschland und der Vater wollte nichts vom Stipendiumgenuss wissen; obgleich er kein Vermögen und kein glänzendes Einkommen besass, trat er jeder Bewerbung um Stipendien entgegen. Einen Grund hierfür hat er nie angegeben.

So zeigte mein Universitätsweg weiter zunächst nach Erlangen. Zu Fusse zog ich dahin aus. In der letzten Nacht hatte ich zu Zweibrücken noch einen Kasinoball durchtanzt, marschierte den denkwürdigen Weg nach Kaiserslautern wo Onkel Karl damals Bezirksrichter war, und ging dazu abends auf Onkels Anregung dort zu einem Balle, um bis Mitternacht das Tanzbein zu schwingen. Dies zeigt, dass ich wenig geistliche Gedanken im Kopfe, aber viel Tanzlust im Herzen und tüchtige Kraft in den Beinen hatte. Der weitere Weg führte über Frankenthal. Dort wollte ich meiner jetzt daselbst wohnenden Flamme ”auf Wiedersehen“ sagen, es wurde aber ein langes Nichtmehrwiedersehen daraus, denn wir brouillierten uns wegen der Theologie. [28] Vom Frankenthal ging die Reise mit meinem Gymnasial-Intimus Louis Heintz weiter über Frankfurt, theils mit dem mir neuen Dampfschiffe auf dem Main, theils über Land mit dem Wagen nach Würzburg und Bamberg. Wie viel boten diese alten Städte und durchzogenen Gegenden unseren schaulustigen jungen Augen. In Erlangen nahmen wir zusammen eine Wohnung mit grossem Arbeitszimmer und 2 Schlafzimmern, sahen uns die Stadt und besonders was zur Universität gehörte mit mehreren Konfüchsen an und wurden angesehen.

Namentlich die grünen Bayreuther Mützen suchten uns zu ködern, fingen aber nur einen. Die rothen Bubenreuther- und die weissen Utterreuther-Mützen lockten weniger zudringlich und ohne augenblicklichen Erfolg. Uns zusagende Burschen fanden wir bei einer Gesellschaft, die sich obskur trug, aber durch ungeschriebene Satzungen, also durch persönliche Freundschaft zusammengehalten wurde. Es war die durch die Scherzfarben braun, braun und nochmals braun zusammengehaltenen Bavaro-Cafaria. Die meisten Mitglieder waren Pfälzer (in Erlangen spottweise Kaffern genannt) dann Oberfranken, Oberpfälzer und Schwaben. Die Zahl schwankte in den verschiedenen Semestern zwischen 20 und 30.

Kameradschaftliches Zusammenleben war der Zweck der Verbindung, die ihr festes Lokal hatte und 3 offizielle Kneipabende wöchentlich hielt, ausserdem gemeinsam den Fechtboden belegte ohne dass Pauckzwang bestand. Die Kneipabende waren sehr gemüthlich, wurden öfter auch von Couleur-Studenten besucht. Die pfälzische Lebhaftigkeit machte sich dermassen geltend, dass man in Professorenkreisen auf starkes Trinken schloss. Gelegentlich interpellierte mich darüber der Prorektor und war sehr erstaunt, als ich ihm sagen musste, dass unser Kneipwirth den Zuschlag zum allgemeinen Bierpreise, durch welchen Zuschlag wir die Lokalmiethe bezahlten, wegen zu geringen Bierverbrauchs fortwährend erhöhte. Rohe und unsaubere Elemente duldeten wir nicht. Da wir viele musikliebende Leute hatten, wurde die Musik besonders an Sonntag-Nachmittagen gepflegt, scherzweise auch Musik mit Kindertrompetchen [29] und anderen Kinderinstrumenten, sogar auch einmal Blechmusik auf Instrumenten, die kunstvoll aus Pappdeckel fabriziert waren. Der grosse Tag im Jahre war der 1. des Narrenmonats, der 1. Februar, an welchem allerley Ulk getrieben auch ein Frühschoppen nicht nur erlaubt, sondern befohlen war. Wir haben in der fesst geschlossenen aber durchaus demokratischen Bav.-Caffaria (deren Präsident allwöchentlich durch Wahl bestätigt wurde) viel frohe Stunden erlebt; sie bestand aber nicht lange über meinen Abgang von der Universität hinaus, verwandelte sich dann in eine farbentragende Rheno-Palatia und verschied alsdann nach wenigen Semestern.

Jeder bayer. Student musste zu meiner Zeit behufs Aneignung allgemeiner Bildung (!) 6 vorgeschriebene Kollegien der philosophischen Fakultät, die sogen. Fuchskollegien hören und sich einer Prüfung in den betreffenden Fächern unterziehen. Demnach hörte ich in den 2 ersten Semestern folgende: 1) Logik und Metaphysik bei Prof. Schiller aus Schellings Schule und langweilte mich stark darin; 2) Allgemeine Geschichte bei Bötticher, der alljährlich dieselben Witze wiederholte aber immerhin nach dem unfruchtbaren Geschichtsunterricht in den letzten Gymnasialjahren einigermassen fesselte; 3) Naturgeschichte bei Karl Raumer, der nicht mehr bieten konnte als allgemeine Begriffe und Klassifikationen; 4) Mathematik bei Staudte, hier wich ich bald gründlich aus, denn ich fand, dass meine Gymnasial-Mathematik für meinen Bedarf ausreichte; 5) Physik bei Kastner, der verständigerweise uns viele Experimente vorführte; 6) Tacitus Annalen, bei Döderlein, auf welches Kolleg ich mich wegen des Stoffes und des Vortragenden gefreut hatte, allein die ewige Textkritik nebst Konjekturen Döderleins liess den Geist und Stil des Tacitus nicht voll zu Recht kommen. Die Examina rigorosa aus den genannten 6 Fächern wurden von den Studenten und Professoren verständigerweise nicht sehr ernst genommen und fast regelmässig bestanden, wenn auch nicht cum laude. Neben diesen sogen. philosophischen Muss-Fächern genoss ich noch ein Privatissimum bei dem Pfälzer und berühmten Botaniker Jos. Koch, an welchen ich Empfehlungen hatte. [30] Er war sehr freundlich gegen mich, vielleicht weil er merkte, dass ich nicht zu denen gehörte, deren botanische Zimmerstudien er wegwerfend mit dem Spruch charakterisierte: ”Die Kerls gehen nicht hinaus“, nämlich um die Pflanzen an ihren Standorten aufzusuchen und zu beobachten. Koch benützte mich als ammanuensis im botanischen Garten und wollte mich ganz zur Botanik hinüberziehen, was mich bewog, mich zurückzuziehen.

Theologische Vorlesungen hörte ich in den 2 ersten Semestern bei Hofmann und dem für uns Pfälzer eigens angestellten Ebrard. Letzterer zog durch Frische und Verständlichkeit angehende Theologen an und seine Malicen gegen wissenschaftliche Gegner waren beliebtes Gewürz. In späteren Semestern befriedigte er mich und viele andere wenig. Ich hörte bei ihm Encyklopädie und Exegese, bei Hofmann Exegese. Er war der Stern erster Grösse in der theol. Fakultät, um dessenwillen besonders zahlreich norddeutsche Studenten nach Erlangen kamen. Mir war er nicht sympatisch; seinem geistreichen Vortrage fehlte die Wärme, der Herzton; sein Scharfsinn wurde in meinen Augen zu Haarspalterei und über der Gründlichkeit seiner Exegese bei einzelnen Partikeln verhüllte sich mir der Schriftinhalt mehr als er sich aufhellte. Er las für den dienstuntüchtigen Prof. Kaiser auch über das Alte Testament und hier kam ich bei meiner Schwäche im Hebräischen erst recht nicht nach.

Im 3. und 4. Semester belegte ich weiter besonders Exegese bei Ebrard und Hofmann, dann Kirchengeschichte bei Schmid, der mich langweilte. Ich kann nicht sagen, dass ich in den 4 ersten Semestern fleissig war. Auch der zwangsweise Besuch des Repetitoriums brachte mich nicht dazu. Es waren nämlich für die Theologen 4 Repetanten aufgestellt, die in 2 wöchentlichen Abendstunden die Theologen in kleineren Gruppen vor ihre Schmiede zu holen hatten. Der Zwang schmeckte uns schlecht und dem Repetanten des 1. Jahres, Wiessner, wusste uns die Unterhaltung über neutestamentlich Abschnitte nicht anziehend zu gestalten. – Die Abschaffung der Zwangsrepetitorien gehörte zu den Märzerrungenschaften des Jahres 1848. [31] Die Stürme dieses Jahres traten bereits in meinem ersten Semester ein. Mein Stiefelfuchs kündigte sie mir an, als er an einem Fehruarmorgen in mein Zimmer trat mit dem Weckrufe: ”Herr Krieger, stehen Sie auf, die Freiheit ist aus Paris angekommen.“ Was sich mein guter, ehrlicher Stiefelfuchs wohl unter dieser Freiheit dachte? Was sich alle die Massen, die der von Paris ausgehende Erdstoss taumeln machte, hofften und wünschten? Denn in allen Köpfen gärte es, in vielen Bereichen kochte es, da und dort krachte es: Throne wackelten, Ministerien stürzten, in den Residenzen flammte Aufruhr empor, in Provinzen bereitete sich der Aufstand vor. Konnte da das junge Studentenblut ruhig bleiben? In dem sonst so ruhigen Erlangen thaten sich Studenten und Professoren, Beamte und Bürger zu Volksversammlungen zusammen, in denen begeisterte Gesänge, feurige Reden und leichtfertige Schwüre erklangen. Imponierend und hochamüsant war in der allgemeinen Erregung die konsequente Haltung des Fürther Tagblattes, welches unser Kneipenwirt für sich hielt. Auf seinen 2 Quartblättern berichtete es kurz die zum Theil furchtbaren Weltbegebenheiten, um dann in behaglicher Breite seinen Lesern die gewohnte Kost vorzusetzen: In Wien stützte ein Kind aus dem 3. Stockwerke ohne sich Schaden zu thun, denn es kam auf den Wäschekorb einer vorübergehenden Frau zu liegen; in X spaltete sich ein Mann beim Holzhacken den Fuss, so dass er abgenommen werden musste; in N bekam eine Frau Drillinge, die alle wohlauf sind, u.s.w.

Wir Studenten fanden es an der Zeit, zu der akademischen Freiheit noch einigen Zuwachs zu wünschen und zu fordern; ich weiss nicht mehr welche, aber in allgemeinen Studentenversammlungen wurden diese Wünsche diskutiert und formuliert, ohne dass es zu den üblichen Reibereien zwischen den Verbindungen und zu gehäuften Paukereien kam. Die Studentenschaft schloss sich sichtlich enger zusammen und dieser Zusammenschluss hielt längere Zeit stand und fand seinen Ausdruck in allgemeinen Kommersen bei besonderen späteren Ereignissen. Zunächst aber nahm die Studentenschaft Stellung gegen eine bedrohlich scheinende Bewegung innerhalb des Erlangerischen Pöbels, in welchem die Strumpfer, d.h. [32] die in den zahlreichen Strumpfwirkereien thätigen Arbeiter den Grundstock bildeten. Da die Polizey und die krähwinkelmässige Landwehr zu Fuss und zu Pferd trotz ihrer regelrechten Bewaffnung, stattlichen Uniformen und militärischen Gliederung nicht ausreichend erschien, übernahm die Studentenschaft die Garantie für die Ruhe und Sicherheit der Stadt mittels regelmässigen Wach- und Patrouillendienstes. Die Ruhe blieb ungestört. Ich selbst fand auf meinen Patroullengängen nur einmal etwas Verdächtiges und dies war ein besoldeter Nachtwächter, der in einer dunklen Ecke unziemlich rumorte und auf unseren Anruf mit herabgelassenen Hosen und bösem Gewissen die Flucht ergriff, aber gestellt wurde.

Das Studium litt natürlich stark in diesem Jahre und kam erst im folgenden Wintersemester wieder leidlich in Gang, um durch die Vorbereitung und den Ausbruch des Aufstandes in Baden und der Pfalz im Jahre 1849 wieder stark gestört zu werden. Die Zeitungsnachrichten und briefliche Mitteilungen erregten uns Pfälzer auf das höchste, wie leicht begreiflich ist. Dabei sah die Sache für uns in der Ferne anders aus als in der Nähe betrachtet. Galt sie uns doch als die berechtigte durchführung der vom Frankfurter Parlament beschlossenen Reichsverfassung, als deren Haupt wir den Reichsverweser Erzherzog Johann von Österreich in Nürnberg stürmisch begrüsst hatten. Ein Aufruf an die Pfälzer Studenten riss fast alle zur Abreise in die Heimath fort. Von meinen näheren Freunden blieb nur Einer zurück; er war beurlaubter Soldat und sein Fahneneid erhielt ihn nüchtern. Ich konnte mich den ”ins Vaterland“ ziehenden nicht anschliessen, weil ich kein Reisegeld hatte, schrieb aber dringend um solches. Mein Vater wusste nun, wie er mich in Erlangen festhalten konnte: er schickte mir erst dann Geld, als das Schicksal des pfälzischen Aufstandes entschieden war. Er hat mich dadurch vor grossem Unheil bewahrt, das über viele meiner Studiengenossen kam. Die sich als Civilkommissäre oder sonst als Gehilfen der provisorischen Regierung verwenden liessen, mussten den grossen Hochverrathsprozess über sich ergehen lassen, soweit ihnen nicht rechtzeitig die Flucht ins Ausland glückte. Von den unter die ”Freischaaren“ Eingereihten fiel einer durch eine [33] preussische Kugel im einem Gefecht bei Rinnthal, die anderen wurden nach vielen Scherereien amnestiert. Das Denkmal der im Gefecht bei Kirchheimbolanden gefallenen rhein-hessischen Freischärler auf dem Friedhof daselbst ruft mir, so oft ich daran vorübergehe, die Mahnung zu: Gedenke, wie Du durch Gottes Gnade vor Torheit bewahrt bliebst im tollen Jahre 1848.

Die Pfalz bekam nach Wiederherstellung der Ordnung starke und lange militärische Strafeinquartierung, womit auch mein Elternhaus reichlich bedacht wurde, denn der Unschuldige musste mit dem Schuldigen leiden. Für mich hatte dies eine sehr bittere Folge. Ich musste meinem Wunsche, eine oder mehrere andere Universitäten besuchen zu dürfen, entsagen. Ich hatte Bonn, wo Nitzsch dozierte, Heidelberg wegen Rothe, Allemant und Umbreit, besonders aber Berlin ins Auge gefasst, wohin mich die Stadt und an der Universität Neander und Hengstenberg zogen. Des Abgangs von Erlangen sicher hatte ich mein sehr gutes Quartier gekündigt und meine sämtlichen Habseligkeiten heimgeschickt. Aber der Vater erklärte mir, er könne den gegen Erlangen viel kostspieligeren Aufenthalt an einer der genannten Universitäten für mich nicht bestreiten. Aber auch für Erlangen musste ich um Erhöhung meines Wechsels bitten.

Für das 1. Universitätsjahr waren mir 300 Gulden = 515 Mark ausgesetzt, selbst bei den damals noch wenig theuren Verhältnissen viel zu wenig, da ich nicht nur Kost und Logis, sondern auch die Reise- und Kollegiengelder, Bücher, kurz Alles ausser der Kleidung damit bestreiten sollte. Ich nahm mich gehörig zusammen und schränkte mich auf das Äusserste ein, genoss z.B. Vormittags nichts und Abends das Billigste, sehr oft nur ein Stück trockenes Brod. Trotzdem reichten die 500 Gulden nicht, sie konnten nicht reichen. Im 2. Jahr erhielt ich etwas Zulagen, konnte aber trotzdem nicht auskommen. Erst im 3. Universitätsjahr konnte ich mir Kaffee zum Frühstück und ein warmes Abendbrod zulegen, dazu mir auch sonst eine Ausgabe gönnen, die nicht absolut notwendig war. Im letzten Jahr aber verbrauchte ich ausser den 600 Gulden, die der Vater mir sandte, noch weitere [34] 100 Gulden, von denen später die Rede sein wird, und hinterliess beim Abgange von der Universität noch eine später mühselig abgetragene Schuld beim Buchhändler. Die nach mir kommenden Brüder wurden weniger knapp gehalten. Mir aber kam die Sparschule auf der Universität später gut zu Statten, denn erst als meine Söhne eigenes Brod assen, kam ich aus der Geldknappheit heraus.

Im 5. Semester bezog ich also an der Stelle von Berlin oder einer rheinischen Universität wieder Erlangen. Das Semester fing mit einer grossen äusseren Kalamität an. Meine rechtzeitig abgesandten Habseligkeiten kamen nicht an, dagegen trat der Winter mit unerhörter Strenge an. Das Thermometer ging auf 28°R, also 35°C herunter. Die Kälte und der Mangel an Kleidungsstücken nöthigten mich zu der bis dahin als Luxus angesehenen Anschaffung eines Überziehers in Gestalt eines baumwollbibernen Burnus, der soweit ich mich erinnern kann 8 Gulden kostete – eine Illustration meiner dürftigen äusseren Umstände.

Mit dem Studium machte ich vom 5. Semester an Ernst. Dogmatik und Dogmengeschichte, dazu Ethik wurde in erster Linie getrieben. Thomasius, der Dogmatiker machte mir das Herz warm, die übrigen Professoren hatten bisher nur meinen Kopf beschäftigt. Thomasius hatte schon früher, als Universitätsprediger, mich eingenommen, obgleich ich nach der ersten Predigt der Meinung war, ich müsse in die unrichtige Kirche gerathen sein, denn der Mann, der im Nürnberger Dialekt sprach, einen in Aktion und Betonung unschönen Vortrag hatte, der ab und zu stockte und im Vater Unser Fehler machte, der könne nicht Thomasius gewesen sein. Er war es aber doch und später übersah und überhörte ich über dem Ernst und der Wärme, über der Tiefe und Klarheit des Inhalts seiner Predigten alle störenden Äusserlichkeiten. Sein Kolleg war bei aller Gelehrtheit und Gedankenschärfe erbaulich, man spürte den Herzton innerster Überzeugung und eigenster Erfahrung von dem Inhalt des Vorgetragenen, das auf festem und klarem Schriftgrunde stand. Ich verdanke dem theueren Mann das Beste, was ich von der Universität heimgetragen habe. [35] In mein 6. Semester fällt eine medizinische Zwischentour, zu der mich mein Hausbursche, der auch in der Caffaria häufig hospitierte, veranlasste. Wir nannten ihn den Babbe (pfälzisch Papa). Er war Chirurg, besass als geprüfter Zögling der früheren Chirurgenschule in Bamberg die Befugnis, gewisse Krankheiten etc. zu behandeln, hatte sich in einem katholischen Orte bei Landau niedergelassen und viel Vertrauen erworben und wollte jetzt als Witwer, um den Quertreibereien des ihn überwachenden Kantonsamtes zu entgehen, nachträglich Medizin studieren und doktorieren. Zu seiner Doktorpromotion hatte er eine Dissertation zu schreiben und mich schon früher gebeten, dieselbe stilistisch zu korrigieren. Da bringt er mir eines Tages ein Heftchen mit Notizen über von ihm behandelte Croup-Fälle (Diphterie), dazu einige medizinische Werke und sagt zu mir: So, da hast Du, was Du zu meiner Dissertation über den Croup brauchst. Alle Vorstellungen und Proteste gegen diese Zumutung, als Babbes alter ego die Dissertation zu schreiben, halfen nichts; ich musste an das Geschäft, vollführte es auch ohne wesentliche Hilfe meines Auftraggebers und die Dissertation ging an die medizinische Fakultät und später gedruckt in die Welt. Ermuthigt durch den Erfolg wurde auf dieselbe Weise noch die Inauguralfrage über den medizinischen Wert des Oleum jecoris oselli[9] (Walfischthran) verabfasst. Die bei der Doktordissertation zu vertheidigenden Thesen wurden mit Hilfe unserer Theologen in tadellosem Latein verfasst, die Opponenten veranlasst, unseren Babbe möglichst nicht zu Wort kommen zu lassen. So kam der neue Doctor medicinae, chirurgiae et atris obstretitiae zur Welt, zahlte seine Sporteln und setzte seine Praxis mit erhöhtem Vertrauen in der Heimath fort.

Durch diesen Zwischenfall hatte mein theologisches Studium keine besondere Störung erfahren. Es wurde durch Kommilitonen früherer Semester mehrfach gefördert. Mit solchen schloss ich deren letztes und mein 6. Semester ab durch eine ausgiebige und ereignisreiche Ferienthour, die in der Heimat endete. [36] Mancher kürzere Ausflug und einige interessante Reisen zur Universität und zur Heimath waren vorangegangen. Sie zeichneten sich meist durch geringen Geldverbrauch aus. Das 4 Stunden von Erlangen entfernte Nürnberg wurde oft besucht und gründlich besichtigt. Man ging aber nicht zu Fuss, benützte auch nicht die Eisenbahn, sondern zu dreien eine Droschke ohne Kutscher mit altem Klepper, dessen gehörige Verpflegung überwacht wurde. Preis neben den Kosten dieser Verpflegung ein preussischer Thaler (= 3 Mark). Unterwegs gaben die Bemühungen das Ross in Trapp zu setzen viel Unterhaltung ab. In Nürnberg konnte man beliebig lang bleiben. Zu beliebten Fusstouren lud die fränkische Schweiz mit ihren schönen Thälern, grotesken Felspartien, berühmten Höhlen und mit ihren billigen Preisen ein. Eine schöne Heimreise machte ich mit einem Kommilitonen zu Fuss durch das mittelfränkisch-bayer. und hohenlohisch-württembergische Land bis Heidelberg. Eine andere als Fusstour geplante Heimreise selb achte über Ansbach, Rothenburg/Tauber, Schwäbisch-Hall und Heilbronn wurde zu einer Wagenfahrt voll heiterer Lust. Auf der Reise nach Erlangen wurde einmal die Vorderpfalz zwischen Annweiler und Edenkoben gründlich durchforscht von den Wohnorten verschiedener Kommilitonen aus. Einmal wurde die Reise durch Schwaben über Nördlingen, zweimal mit Post von Heidelberg über Würzburg ausgeführt. Auf dieser Route machte ich die nähere, in des Postwagens sehr enge sehr nahe Bekanntschaft der Gemahlin des Chirurgie-Professors Heyfelder in Erlangen, welche Bekanntschaft angenehme Fortsetzung im Heyfelderschen Hause fand.

Die schönste und amüsanteste Reise war die oben berührte, welche ich mit 3 ins Philisterium heimkehrenden Kommilitonen über München machte. Zuerst wurde unter stadtkundiger, studentischer Führung alles genossen, was in 4 Tagen mitgenommen werden konnte. Dann sollte ein Abstecher ins Gebirge gemacht werden, aber vor dem Schlafengehen kamen die 4 Partner zum Kassensturz zusammen, welcher ein derart ungünstiges Ergebnis hatte, dass wir das Gebirge links liegen lassen mussten, um in beschleunigtem Tempo der Heimat zuzueilen. Augsburg wurde in Eile besichtigt, in Ulm nur das Münster bestiegen Stuttgart eiligst durchstreift. In Heilbronn geriethen wir [37] in den ”Falken“, der unsere Reisekasse so übel mitnahm, dass wir nach Bezahlung der Neckarfahrt bis Heidelberg per Dampfboot zusammen keinen Gulden mehr hatten und statt an materiellen Genüssen an der Schönheit des Neckarthales uns labten. In Heidelberg stiegen wir besorgt ans Land. Was nun? Uhren versetzen? Legitimationskarte und Ehrenwort verpfänden? Im Gasthof auf schnell von zu Hause verschriebenes Geld warten? Einen Freund anzupumpen versuchen? Da steht schon der Freund nichtsahnend und sieht der Landung des Dampfbootes zu. Unter seinen Flügeln genossen wir 3 Tage Heidelberg, aber kärglich war der Reisepfennig, den er darbieten konnte. Noch 2 mal musste ich zwischen Heidelberg und Zweibrücken pumpen und dazu mir und dem Vater die Freude des Wiedersehens mit Bitten um schleunige Tilgung meiner Anleihen zu vergällen. Aber schön wars doch!

In meinen 2 letzten Semestern suchte ich die noch vorhandenen Lücken theol. Wissenschaft mit wirklich grossem und anstrengendem Fleisse zu büssen. Jeden Morgen begann ich die Arbeit zwischen 4 und 5 Uhr und setzte sie bis nach 7 Uhr Abends fort. Die Alttestamentliche Professur war endlich besetzt mit Franz Delitsch, dessen Persönlichkeit und Vortrag mich sehr anzogen. Die praktischen Disziplinen lehrte Höfling, der mir im kathechetischen Seminar den Rath gab, doch Kinder in irgend etwas zu unterrichten, da ich mit Kindern nicht umzugehen wisse. Bei Thomasius repetierte ich Dogmatik; Engelhard, der nicht mehr las, sammelte einige Kommilitonen zu einem unentgeltlichen Privatissimum. Bei Schmidtlein wollte ich Kirchenrecht hören, bekam aber bei den meisten Materien nur zu hören: Vergleichen Sie darüber Dobeneck pag. x , oder Richter §so und so viel.

Im August 1851 endete meine Universitätszeit. Dass ich sie ganz in Erlangen zubringen musste, war mir kein Schade. Ich hatte eine gute theologische Stellung gewonnen und das ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.

Eine grosse Freude war es für mich, als ich kurz vor dem Schlusse des letzten Semesters am schwarzen Brette die Ankündigung [38] entdeckte, dass meine auf das Ausschreiben der Fakultät eingereichte Predigt über 1 Cor.15, 1-11 preisgekrönt war. Mit der Ehrengabe von 100 Gulden konnte ich einige fatale Löcher verstopfen, leider nicht alle. Dem Vater offenbarte ich diese noch offenen Wunden nicht und er forschte auch nicht darnach.

Die nächsten Wochen bis zur Prüfung benutzte ich nicht, um nach Höflings Rath Kinder zu unterrichten, denn ich hatte mit mir und einigen Prüfungsfächern noch genug zu thun. In diesen Wochen bestieg ich auch zum ersten Male eine Kanzel. Selbst im homiletischen Semester war ich nicht zum Kanzelvortrage gekommen und als Student den Chorrock anzuziehen hatte ich mich gescheut. In Massweiler, dem weltabgeschiedenen Filialdorfe der Pfarrei Rischweiler[10] wagte ich es zum erstenmale, im Gottesdienste zu fungieren unter Assistenz des Schullehrers Petri, der mich später öfters daran erinnerte, dass er mir bei meiner 1. Predigt geholfen habe. Ich hielt meine bereits gefertigte Prüfungspredigt über Joh.11, 25.26 ohne irgend einen Unfall. Damit hatte ich den Schritt ins geistliche Amt gethan und dankte Gott, dass es ohne Unfall geschehen war.

[39] 
IV. Vikariatszeit.

Die Aufnahmeprüfung der Pfarramtskandidaten leitete im Jahre 1851 der Konsistorialrath Börsch; als Examinatoren fungierten der Konsistorialrath Wand senior und die Dekane Fischer, Hollenstein und Moschel. Letzterem hatte mich mein Vater gelegentlich vorgestellt und ihn ermahnt: Fahret mir fein säuberlich mit dem Knaben Absalom! Mir war nicht gerade bange, nur der theilweise Gebrauch der lateinischen Sprache war mir unheimlich. Den Examinatoren ging es damit wohl ähnlich. In der mündlichen Prüfung hiess es sehr bald: utamur lingua nostra vernacula! und bei den schriftlichen Arbeiten wurde es nicht gerügt, dass wir dem Latein möglichst aus dem Wege gingen. Die Examinatoren waren durchweg wohlwollend, ein Durchfall war nicht zu beklagen. Mit der Note III zu II kehrte ich heim.

Die Einberufung zum kirchlichen Dienste liess auf sich warten. In der Wartezeit wagte ich mich 2 mal auf die Zweibrücker Kanzel und predigte das 1. mal Nachmittags über die Epistel Eph.6,10ff, das dazu gesungene Lied fing an: Ernst ist der Kampf. Ein Freund machte dazu den Witz, ich habe über meinen Vornamen singen lassen und dann über meinen Nachnamen gepredigt. Die 2., Vormittags gehaltene Predigt über Matth.18,20ff trug mir die Zensur von Professor Butters ein: gut verständlich und orthodox. Sonstiges Lob erinnere ich mich nicht, auch keinen Tadel.

Durch Freundesmund kam die Anfrage an mich, ob ich nicht an die Deutsche Evangelische Gemeinde in Odessa gehen wolle. Die Stellung war verlockend, der Gehalt glänzend, zur Vorbereitung auf französische Predigten sollte ich 2 Jahre Zeit haben. Trotzdem bewarb ich mich nicht, weil die Gemeinde reformierten Charakter hatte, ich aber milder Lutheraner war, der wohl in der unierten Kirche, nicht aber in einer reformierten Gemeinde ein Amt suchen konnte. [40] Noch vor meiner Berufung als Vikar wurde ich conskribiert zum Militärdienste, zog eine niedrige Losnummer und glaubte, bei der körperlichen Visitation rasch freigegeben zu werden, da ich kurzsichtig war und Brille tragen musste. Zu meinem Schrecken machte der visitierende Arzt aus der Kuzsichtigkeit nichts und erklärte mich als diensttauglich zu allen Waffengattungen. Da zog ich mein Prüfungszeugnis aus der Tasche und beanspruchte von der Aushebungskommission zunächst Zurückstellung vom Dienst und nach der Ordination völlige Befreiung. Darauf gab der Arzt klein bei und meinte, unter diesen Umständen erkläre er mich sofort für untauglich zu allen Waffengattungen.

Ich glaubte schon, Weihnachten und Neujahr noch einmal im Elternhause verleben zu dürfen, als ich am 15. Dez. 1851 die Weisung erhielt, "angesichts dieses" nach Freinsheim mich zu begeben und das Privatvikariat bei Pfarrer Bickes dort anzutreten. Beide Namen waren mir unbekannt. Die Karte belehrte mich, dass der Pfarrort bei Dürkheim[11] im Dekanate Neustadt a/H[12] liege, also in einem der schönsten Striche der Pfalz. Über den Pfarrer und Prinzipal wollte ich von meinem Vorgänger, den ich unterwegs auf einer Bahnstation sah, schnell einiges hören, aber er rief mir nur zu: Du bekommst es gut, denn ich habe die Kapaunen[13] alle essen müssen. Aus diesem Orakel war nichts zu entnehmen. Die kinderlosen Pfarrersleute aber waren freundlich; der Pfarrer hatte merkwürdigerweise keine Studierstube, sah auch nicht sehr geistreich aus, aber es liess sich mit ihm und seiner den Haushalt eifrig regierenden Frau ganz gut plaudern. Ich hatte im Hause zu wohnen. Das mir angewiesene Zimmer war klein und sehr dürftig möbliert. Ich legte darauf kein Gewicht. Die Verpflegung war soweit recht gut, doch eigenthümlich. Dasselbe Gericht erschien oft mehrere Tage hintereinander. Dies wurde unangenehm, als ein Schwein geschlachtet wurde. Denn nun kam Schweinefleisch und Schweinernes ohne Ende, Noch bedenklicher gestaltete sich die Sache, als im folgenden 2. Jahre, ein Rehbock erschien, der nun nacheinander von 3 Personen (die Magd erhielt nichts davon) wegzuessen war. Nach kurzer Pause erschien der 2. Bock und wurde ebenso weggearbeitet. Nun verstand ich meines Vorgängers Orakel; [41] er hatte helfen müssen, den Hühnerhof von Kapaunen zu befreien, und ihm war das modifizierte toujour perdrix ebenso lästig geworden wie mir. Über Tisch wurde Wein getrunken, guter Wein. Aber nach einiger Zeit erschien ein zweiter Weinkrug, der mir zur Selbstbedienung hingeschoben wurde. Er enthielt Taglöhnerwein, den ich stehen liess, um fortan auch vom Prinzipalswein nichts mehr zu trinken. Den Morgenkaffee konnte ich nicht bekommen, ehe der Prinzipal aufgestanden war, d.h. gewöhnlich nicht vor 9 oder 1/2 9 Uhr. Ich schlief deshalb auch lange in den Morgen hinein und blieb bis Nachts 12 oder 1 Uhr am Arbeitstische. Der starke Ölverbrauch wurde oft beanstandet, aber auch mit dem Versprechen, weniger Öl zu verbrauchen, wenn ich meinen Morgenkaffee früher bekäme, konnte ich die Situation nicht ändern. Dies sind Kleinigkeiten, aber immerhin Unanehmlichkeiten. Schlimmer war es, dass der Prinzipal mich nicht in Berührung mit der Gemeinde wollte kommen lassen. Ich sollte die Gottesdienste, Christenlehren, Beerdigungen und den Pfarr-Religionsunterricht halten, sonst nichts: Die Taufen, Trauungen und den Konfirmationsunterricht nebst der Konfirmation behielt sich der Pfarrer vor. Man könnte meinen, dies sei wegen der Sporteln[14] geschehen, aber von den Beerdigungen zog er doch auch die Sporteln ein. Er wollte mich möglichst wenig mit den Gemeindegliedern in Berührung kommen lassen. Darum untersagte er mir alle Kranken- und Hausbesuche, hatte aber nichts gegen Besuche auswärts. Auch von der amtlichen Korrespondenz, den Kirchenbüchern, den Presbytersitzungen hielt er mich fern und selbst die dekanatliche Intervention änderte hieran nichts.

Mit den Predigten ging es mir geleich zu Anfang hart heraus. Am 4. Adventssonntage predigte ich zum ersten Male. Dazu kamen nacheinander ein Vorbereitungsgottesdienst, 3 Weihnachtsgottesdienste, am Sonntage nach Weihnachten wieder Gottesdienst, desgleichen am Silvesterabende, Neujahrstage und dem Sonntage darnach. Für einen ungeübten Anfänger etwas viel, sodass ich von meinen 4 früher gehaltenen Predigten zwei zu Hilfe nahm, obgleich sie in die Weihnachts- und Neujahrszeit nicht passen wollten. Dass ich in der Filialkirche zu Dackenheim ebenfalls zu predigen hatte, beschwerte mich nicht, da [42] ich dort dieselben Predigten wie in der Mutterkirche hielt und der Weg bequem in 25 Minuten zurückzulegen war. In der folgenden Osterzeit ging es noch härter her, weil ich in 11 Tagen 7 Predigten und noch 4 Leichenreden in der Muttergemeinde zu halten hatte. Mein guter Vater war darüber entsetzt, denn er hatte als Zweibrücker Stadtpfarrer in derselben Zeit 2 Predigten und 2 Leichenreden gehabt und gemeint, das sei viel. Für gewöhnlich hatte ich nicht viel zu thun, auch nach meiner Ordination am 2. Sonnt. nach Trin. 1852 nicht; nur bei den öffentlichen Kommunionen durfte ich von da ab den Kelch reichen.

In der Mutter- und der Filialgemeinde war der Kirchenbesuch gut, soll sich seit meinem Amtsantritt noch gehoben haben. Es war ein gutsituierter und gutgesinnter Mittelstand da, im Filial waren einige Pietisten, in der Muttergemelnde einige unkirchliche Familien und eine sehr liberale und leichtlebige Kasinogesellschaft von Gutsbesitzern und Beamten. Dass ich dort keinen Anschluss suchte, wurde mir sehr verübelt. Im Übrigen fand ich trotz des vom Prinzipale um mich gezogenen Bannkreises Fühlung mit Gemeindegliedern und Eingang in das Haus von Wilhelm Retger jun. Seine Frau war religiös angeregt, hatte litterarisches Interesse und war musikalisch. Ich konnte dort Klavierspielen und mich sonst trefflich unterhalten, machte aber höchstens alle 14 Tage einen Besuch.

Die Nachbargeistlichen waren theils alte Rationalisten, theils moderne Liberale, sie hatten mit dem Freinsheimer Pfarrhause keinen Verkehr, denn mein Prinzipal war orthodox-reformiert, suchte auch keinen kollegialen Umgang. Mein Dekan, Pfarrer Saul in Neustadt, ein positiver und freundlicher Herr, war 4 Wegstunden entfernt. Als Freinsheim später zu dem neuerrichteten Dekanate Dürkheim kam, wurde Pfarrer Fleischmann in Dürkheim Dekanatsverweser, zog mich aber nicht besonders an, dagegen suchte ich eine Konferenz von positiven Geistlichen in Grünstadt auf, die mir zusagte, aber selten tagte. Am meisten verkehrte ich mit dem älteren Kandidaten Redel, der als Pfarrverweser in Herxheim a/Berg, mit württembergischen Pietisten Fühlung hatte und mir ein ernster Berather und Führer wurde. Leider starb er frühe. Mit weiter entfernt [43] wohnenden Gesinnungsgenossen wurde ich bei Missionsfesten, allg. Pastoralkonferenzen und Jahresfesten des Hasslocher Rettungshauses bekannt.

Unterdessen wurde in Freinsheim daran gearbeitet, mich von dort wegzubringen. Im Pfarrhause war man mit mir unzufrieden. Es gab zwar keinen Zank, aber allerlei spitze Reden. Im Kasino und in einem Damenkranze beschäftigte man sich mit meinem Verkehr im Retzerschen Hause und suchte denselben zu beschmutzen. Bei dem Dekanatsverweser muss allerlei gegen mich vorgebracht worden sein, denn ”sein Angesicht gegen mich war nicht wie gestern und ehegestern“. Darum kam es mir sehr gelegen, dass mein Vater andeutete, er werde mich als Vikar brauchen. Ich kam um meine Versetzung nach Zweibrücken ein und erlangte sie. Beim Scheiden erfuhr ich von Gemeindegliedern viel Zeichen der Anhänglichkeit und Dankbarkeit und das Pfarrhaus verehrte mir – den Stoff zu einer schwarzen Tuchweste! Woher dieser Tuchrest stammte, erforschte ich nicht.

In Freinsheim hatte ich manches nicht gelernt, was ich von der Amtsführung hätte lernen sollen, aber ich hatte doch predigen gelernt mit Hilfe des Vorbildes guter gedruckter Predigten, die ich studierte und analysierte. Auch war ich im Stande zu predigen, wenn ich nur eine etwas ausgeführte Disposition oder einige Notizen hatte, doch schrieb ich möglichst alle Predigten ausgeführt nieder – und that dies in der Folge regelmässig – nur memorierte ich nicht mehr. Ein zweimaliges Durchlesen des Konzeptes genügte mir, um das Konzept ziemlich wörtlich frei vorzutragen, aber ich band mich nicht mehr an das Manuskript, sondern gestaltete es auf der Kanzel je nach Umständen mehr oder weniger um. Durch die Meditation und sorgfältige schriftliche Ausarbeitung war ich des Stoffes vollständig Herr und konnte mühelos die Form und den Zusammenhang der Gedanken umgestalten.

In Zweibrücken trat ich mit dem Mai 1853 als Vikar resp. Pfarrverweser bei meinem Vater ein. Er stand schon länger in ärztlicher Behandlung und sollte auf längere Zeit die Arbeit niederlegen, auch eine Badekur gebrauchen. Diese unfreiwillige Musse benutzte er zu einem längeren Besuche bei [44] meiner Schwester Lina, wo er zugleich das Seebad gebrauchen konnte.

Die 2 anderen Pfarrer Zweibrückens hatten schon längere Zeit Vikare und zwar im Jahre 1853 zwei Universitätsfreunde von mir. Mit ihnen schloss ich mich eng zusammen zu gemeinsamer Arbeit und Erholung, zu Schutz und Trutz. Wir hatten sehr verschiedenes Temperament, Oberlinger war lebhaft und formlos, selbstlos und offen, in seinen Predigten scharf an die Gewissen und doch tröstlich zu Herzen redend. Stock war verschlossen, trocken, sarkastisch, seine Predigten feilte er sorgfältig und stellte oratorisch seinen Mann. Beide wurden gern gehört und zogen verschiedene Kreise an, erregten aber auch Unwillen. Mir erging es ähnlich und ich bekam aus dem Familienkreise heraus die Stimmen des Tadels und Beifalls bald mehr, bald weniger lebhaft zu hören. Unsere Jugend – wir zählten zusammen etwa 75 Jahre – trug uns den Titel Lausbuben ein, worüber wir uns mit dem Apostel Paulus zu Athen trösteten, dem das Wort Lotterbube nachgerufen wurde.

Mir war es betrübend, wie sich das Bild meiner Vaterstadt gegenüber dem von früher in mir haftenden Eindrucke trübte und veränderte. In meinem Elternhause wurde jedermann Ehre gegeben. Die Skandalchronik wurde wenigstens vor uns Kindern nicht besprochen, üble Nachrede nicht geduldet, das Gute stets hervorgekehrt. Demnach hatte ich in der Zweibrücker Bürger- und Beamtenschaft überwiegend brave und würdige, geachtete und achtbare Männer und Frauen gesehen. Ach wie viele sanken herab, als ich nun in das Leben und Treiben der Stadt tiefer und schärfer hineinsah und hineinsehen musste. Viel Hohlheit, viel Leichtfertigkeit, viel Sittenlosigkeit machte sich breit und die Unkirchlichkeit war in den meisten Familien die Regel, von ernst-religiösem Sinn und evang.-frommen Leben nur wenige Reste in den Familien, nur wenige neue Ansätze bei einzelnen Personen. Vielleicht hätte sich das Bild der Gemeinde freundlicher und hoffnungsvoller gestaltet, wenn ich länger geblieben wäre. Ich sah und merkte ja zunächst nur, was sich hervordrängte, zu eingehendem seelsorgerlichem Verkehr mit allen Schichten der Bevölkerung kam es nicht und konnte es nicht kommen in der kurzen Zeit meines Zweibrücker Vikariates, in welcher ich viel Arbeit hatte [45] theils durch die Vertretung meiner in Urlaub gehenden Vikariatskollegen, theils durch besondere Geschäfte, die ich in Freinsheim nicht kennen gelernt hatte. Ich hatte meinen Vater in seinen Funktionen als Gefängnisgeistlicher, als Religionslehrer an der Töchterschule und als Kirchenschaffney-Sekretär zu vertreten, und alle drei Funktionen brachten mir mancherlei Noth.

Als Neuling in der Seelsorge wurde ich im Gefängnisse anfangs viel angeschwindelt, bis ich lernte, die Schleier zerreissen, die Masken zerreissen und die Aufrichtigen von den Schwindlern mehr unterscheiden.

In der Töchterschule sollte ich gleichzeitig Kinder von 6 Jahren bis hinauf zu Backfischen von 16 Jahren in 2 Wochenstunden den gesamten Religionsunterricht ertheilen und mühte mich ehrlich damit. Dass das Resultat sehr unbefriedigend war, lag zu Tage, aber bei dem interimistischen Charakter meiner Stellung konnte ich an der Art der Unterrichtsertheilung nichts ändern.

Als Kirchenschaffney-Sekretär stand ich wie ein neugeborenes Kind da. Hatte ich doch mit der Verwaltung von Kirchengütern und sonstigem Kirchenvermögen gar keine Bekanntschaft. So musste ich denn mich und den Vorstand der Kirchenschaffnei recht plagen. Letzterer, Herr Kirchenrath Kumpf, nahm Rücksicht und übte Geduld. So lernte ich hier Vieles, was mir später recht zustatten kam.

Von grosser Bedeutung für mein inneres Leben und meinen äusseren Lebensgang wurde mein Bekanntwerden mit einigen Pfarrern der Umgebung, bes. mit dem Inspektor Helfenstein in Hornbach, an den ich mich nahe anschloss und der mir ein treuer, hochverehrter Freund wurde. Er war wissenschaftlich und praktisch gleich tüchtig, eim fester Charakter, und sein Junggesellenhaus zog durch den Geist ernster Besinnlichkeit und herzlicher Gemüthlichkeit mich und andere ausserordentlich an. Er war milder Lutheraner und einer der Führer der aus der Erlanger Schule hervorgegangenen jüngeren pfälzischen Geistlichen. Diese gingen harten Kämpfen entgegen [46] einerseits mit dem älteren Rationalismus und jüngeren Liberalismus, andererseits mit dem Streben Dr. Ebrards, der 1852 unter Aufgabe seiner Erlanger Professur in das Pfälzische Konsistorium eingetreten war, der pfälz.-unierten Kirche einen reformierten Charakter aufzuprägen. Meine Stellung in diesen Kämpfen musste ich meiner theologischen Überzeugung entsprechend auf der positiven Seite nehmen. Der konfessionelle Zwiespalt zwischen dem lutherischen und reformierten Flügel der Orthodoxen berührte mich wenig; obgleich ich lutherisch gerichtet war, konnte ich reformierte Anschauungen tragen und mich mit ihnen vertragen. Aber mit der Mittelpartey, die Liberalismus und Orthodoxie zusammenschmelzen wollte, konnte ich mich nicht vertragen und den Lockungen, mich ihr anzuschliessen, widerstand ich, obgleich mein lieber Vater zu ihr neigte und wir dadurch etwas auseinander gehalten wurden.

Der Vater übernahm im Oktober 1853 wieder alle seine Funktionen und setzte mich in ”ruhende Aktivität“. Ich musste bis zum November auf weitere Verwendung warten, bekam aber dann die mir sehr angenehme Weisung, als ständiger Vikar nach St. Ingbert zu gehen, also in eine bevorzugte Kandidatenstellung in der Nähe des Elternhauses und vieler Freunde.

Mit hochschlagendem Herzen hielt ich von Sulzbach aus durch theilweise prachtvollen Hochwald meinen Einzug zu Fuss in den Ort, wo ich die beste und schönste Zeit meines Lebens verbringen sollte.

St. Ingbert war 1853 schon Stadt genannt, war aber eigentlich ein grosses Arbeiterdorf mit einer Anzahl von Handwerkern, Kaufleuten und wenigen Beamten. Die Kaiserstrasse (von Paris nach Mainz) zog durch. Südwestlich liegt der Weiler Sengscheid, westlich das Kramersche Eisenwerk, nördlich das Schlösschen Elsterstein, ebenfalls nördlich auf 4- 5 km Entfernung die zur St. Ingberter Kohlengrube gehörenden Gebäude, dann die Salzbacher und Marianenthaler Glashütte, zusammengefasst unter dem jetzt auch offiziellen Namen Schnappach. Die Seelenzahl betrug in der Stadt und den Annexen zwischen 5000 und 6000. [47] Das prot. ständige Vikariat war erst seit einem Jahr errichtet und gehörte zur Pfarrei Neuhäusel, deren Pfarrsitz 2 Std. entfernt lag. Der Vikariatssprengel umfasste ausser der Stadt und ihren Annexen die Dörfer Oberwurzbach und Heckendahlheim (1 gute Stunde entfernt), Ommersheim (1 1/2 Std.), Ensheim (2 gute Std.), Eschringen und Ehrmesheim (2 1/2 Std.) In Ensheim und Eschringen wohnten einige prot. Familien, in den anderen Orten nur vereinzelte Evangelische. Die Vikariatsgemeinde zählte im Ganzen zwischen 300 und 400 Seelen. In St. Ingbert war eine prot. Schule mit circa 35 Kindern neu errichtet. Zu Schnappeck war eine gemischte Schule mit einem prot. Lehrer.

Die prot. Gemeinde setzte sich aus prot. Bergleuten und Grubenbeamten, aus Glashüttenarbeitern und -Beamten, Eisenwerksarbeitern und -Beamten, den 2 Familien Kraemer, den Besitzern des Eisenwerks, endlich aus einigen Handwerkern und dergl. zusammen und enthielt sehr viele gemischte Ehen. Der Gottesdienst wurde in einem gemietheten Saale mit dürftiger Einrichtung ohne Harmonium gehalten.

So sah mein Arbeitsfeld aus. Meine Wohnung nahm ich in dem Hause, woselbst die Gendarmeriestation war. Die Gendarmen waren anfangs meine Begleiter nach auswärts. Mein Kosthaus war in der 1. Zeit im Gasthaus des Bürgermeisters Chandon, bei welchem ich mich über viele Verhältnisse orientieren konnte. Meine Bezüge um auch das zu erwähnen, sollte aus 400 Gulden und den Kasualgebühren bestehen, sowie aus einer Wohnungsentschädigung von 50 Gulden. Dieser Betrag reichte für eine Wohnung von 2 Zimmern und 1 Kammer nicht aus. Das war schlimm. Woher ich die 400 Gulden beziehen sollte, war mir nicht mitgetheilt; der Kirchenrechner sagte mir, ich habe von ihm 150 Gulden zu beziehen, aber er habe kein Geld. Das war schlimmer. Aber das schlimmste kam auf dem ki. Rentamte, das mir nach meiner Rechnung 250 Gulden jährlich auszahlen sollte. Der Rentmeister legte mir eine Regierungsanweisung vor, wonach ich 400 Gulden bei ihm zu empfangen habe. Ich erklärte ihm, dass hier ein Irrthum walten müsse und bat, bei der Regierung anzufragen. Als ich wieder erschien, versicherte er mir, der Betrag von 400 Gulden aus der Staatskasse [48] sei richtig. Das war ja sehr schön und ich kaufte mir darauf hin ein Klavier und freute mich des abnorm hohen Einkommens. Aber den hinkenden Boten bekam ich 1855 nach, wo mir das Konsistorium eröffnete, ich habe für 14 Monate den Betrag von 175 Gulden zu viel bezogen und solle denselben zurückerstatten. Auf schriftliche und mündliche Vorstellung hin sollte der Betrag vorläufig als Schuld gegen 5% Zinsen stehen bleiben und mir später als ausserordentliche Unterstützung zugewandt werden. Als ich nach 8 Jahren auf Erfüllung jenes schriftlichen Versprechens drang, zog das unterdessen erneuerte Konsistorium das frühere Konsistorialversprechen zurück und die 175 Gulden wurden erbarmungslos eingezogen, nachdem ich 70 Gulden für Zinsen eingebüsst hatte. Ich habe mehrere Ungerechtigkeiten im Leben erfahren, aber die an jene 175 Gulden geknüpfte verstehe ich bis heute noch nicht. Wahrscheinlich habe ich nicht wehmütig genug gejammert, nicht demütig genug gefleht. Dass ich es nicht gethan habe, reut mich bis heute nicht.

Niemand stellte mich der Gemeinde vor und führte mich in mein Amt ein, nicht der Dekan, nicht der Pfarrer, dem ich unterstellt war. Ich musste mich selbst vorstellen, und die Leute glaubten mir merkwürdigerweise, dass ich der ihnen geschickte Vikar sei. Niemand übergab mir ordnungsmässig das Inventar der Kirche und des Vikariates. Später stellte sich heraus, dass gar kein schriftliches Inventar vorhanden war. Am 2. oder 3. Abend meiner Anwesenheit aber brachten mir 2 Presbyter in einem Waschkorb die Vasa sacra, einige Papiere und sonstige Gegenstände mit dem Beifügen, dies sei Alles, was ihnen mein Vorgänger Heinz zur Auslieferung an mich übergeben habe. Ich musste es ihnen glauben, nahm ihnen die Sachen ab, gab keine Empfangsbescheinigung und errichtete kein Protokoll.

Das ganze Kirchenwesen war in primitivem Zustande und ich, der dahin gesetzte Vikar, hatte bisher von der pfarramtlichen Geschäftsordnung und Geschäftsführung nichts gesehen und nichts gelernt, hatte keine Amtsinstruktion, kein Amtshandbuch, keine Akten, aus denen ich etwas entnehmen konnte. Ich suchte mich da und dort zu informieren und brachte nach und nach in meine Unwissenheit Licht und in das Kirchenwesen der [49] jungen Gemeinde Ordnung.

Die Gottesdienste waren gut besucht. Meine erste Predigt hielt ich über 1 Kor. 2,1-5. Die Predigt machte Eindruck. Der Beetsaal füllte sich je mehr und mehr bis zu beängstigender Überfüllung. Ich durfte bald merken, dass ich das Vertrauen der Gemeinde gewann. In den hervorragenden Familien kam man mir sehr freundlich entgegen. Als ich die Gemeindeglieder, soweit man sie mir bezeichnete oder ich sie ausfindig machte, Haus für Haus besuchte, erregte dies überall Freude. Auch der katholische Pfarrer, Dechant Duy, empfing mich zuvorkommend. Er hatte den Ruf, ein römischer Eiferer zu sein, war es aber nicht. Nur hatte er seine Hand gerne in allen Angelegenheiten, auch die nicht seines Amtes waren und hatte als gescheiter, gewandter und energischer Mann grossen Elnfluss, aber er liess uns Protestanten unangefochten. Später hörte ich, dass er nach einigen meiner Leichenreden, die auch von Katholiken aufmerksam gehört wurden, davor warnte.

Das Verhältnis zu der katholischen Bevölkerung war eher ein gutes. Der ganze Vikariatssprengel war früher ungemischt katholisch; erst seit 70 Jahren hatten sich einzelne Protestanten darin angesiedelt mit Ausnahme von Eschringen, wo schon lange wenige prot. Familien ansässig waren. Von fanatischem Eifer war äusserst selten etwas katholischerseits zu spüren. Eine Anzahl von besseren Familien in St. Ingbert kam dem prot. Vikar sehr freundlich entgegen. Die geringen Leute grüssten meist zuerst; wenn sie es nicht thaten, grüsste ich und beim Wiederbegegnen kamen sie sicher mit ihrem Grusse zuvor. Das freundliche und friedliche zwischen den Konfessionen zu pflegen und zu hüten, hielt ich für meine Aufgabe und wo sich protest. Übereifer und Katholikenfresserei regen wollten, trat ich ernstlich entgegen. Leider kamen später einige kath. Geistliche und Kapläne in den Vikariatssprengel, die es für ihre Amtspflicht hielten, uns Protestanten entgegenzutreten. Dies hätte vielleicht wenig Erfolg gehabt, wenn nicht das Wachsthum der prot. Seelenzahl und der Ausbau ihres Kirchenwesens die Furcht erweckt hätten, es könne die dominierende Stellung der Katholiken erschüttert werden. Dadurch wurde das Verhältnis gespannter. In den Stadtrat [50] kamen keine Protestanten, während Juden noch zugelassen wurden. Dass nach dem Auftreten des Zentrums und des Kulturkampfes die Situation noch unerquicklicher wurde ist begreiflich. Persönlich aber fand ich im Grossen und Ganzen während meiner ganzen Wirksamkeit in St. Ingbert katholischerseits Achtung und Vertrauen.

Mit der eigenen Gemeinde wuchs ich rasch innig zusammen. Die aus allen Gauen der Pfalz, aus Rheinland, vom Main, aus Oberfranken und vereinzelt aus Sachsen und den alten preussischen Provinzen herstammenden Gemeindeglieder schlossen sich enger zusammen und freuten sich ihres gemeinsamen Glaubens und der Pflege ihres Glaubenslebens.

Viel Arbeit und Sorge machten die Schulen. Zu Schnappach war der Lehrer an der dortigen gemischten Schule ein begabter, aber zurückgekommener Mann mit ungeordnetem Haushalte, der keine Achtung genoss und unterrichtlich wenig leistete. Die prot. Schule zu St. Ingbert war neu gegründet und mit einem Schulgehilfen besetzt, der in leichtfertige Gesellschaft gerathen war und sein Amt lässig betrieb. Eines Morgens stürmten ein paar Jungen zu mir herein mit der aufgeregten Meldung: Unser Lehrer ist durchgebrannt! Es war so. In der Nacht waren seine Möbel fortgeschafft worden und er selbst verschwunden. Zunächst übernahm ich selbst den Unterricht, der aus inneren und äusseren Gründen unbedingt fortgeführt werden musste. Und als ich den Regierungsbescheid erhielt, dass für die nächste Zeit keine Lehrkraft zur Verfügung stehe, musste ich wohl oder Übel den regelrechten Unterricht in den 6 Klassen übernehmen, was mich viel Mühe und Arbeit kostete, aber den Kindern und besonders mir selbst gut bekam. Ich lernte mit Kindern umgehen und wurde mit dem praktischen Schulbetriebe gründlich bekannt. Von der geringen Remuneration blieb mir wenig, da ich sie grossentheils zur Vermehrung der dürftigen Lehrmittel verwendete.

Viel Freude machte mir der Konfirmandenunterricht, auf den ich mich sorgfältigst vorbereitete und in welchem ich den künftigen Stock der Gemeinde heranzog. Eine solenne Weihnachtsbescherung für die Konfirmanden half die Herzen der Kinder gewinnen. [51] Dass die finanziellen Verhältnisse der Gemeinde höchst mangelhaft waren, hatte ich bald merken müssen. Die Kirchenkasse wurde aus freiwilligen Beiträgen gefüllt, was für die Dauer nicht bleiben konnte. Der Kirchenrechner hatte noch nie Rechnung gestellt, schaltete frei ohne Kontrolle des Presbyteriums und Vikars über die ihm anvertrauten Beträge und weigerte sich, etwas daran zu ändern. Zweifellos war er treu und gewissenhaft und die Gemeinde war ihm zu Dank für die unentgeltliche Führung seines Amtes verpflichtet. Aber das ganze Gebahren war unzulässig und ungesetzlich. Als auf mein Betreiben von der zuständigen Verwaltungsbehörde Rechnungsstellung verlangt wurde, legte der Rechner sein Amt nieder und überliess mir die Stellung der Rechnung. Da galt es, in die Verordnungen über das Kirchenrechnungswesen und in dessen Formen sich einzuarbeiten. Es gelang auch und hat mir mein Leben lang viel genützt. Der neu aufgestellte Rechner, ein einfacher Bergmann, der mir durch seine Unwissenheit – er konnte nicht einmal ordentlich addieren –, sein Misstrauen und seine Starrköpfigkeit viel Mühe und Noth machte, nötigte mich dadurch aber auch das Rechnungswesen erst recht gründlich zu studieren und zu praktizieren, und als er endlich abtrat, war es leicht aus seinem Nachfolger, ebenfalls einem einfachen Bergmanne, aber mit verständigem Kopf und lenkbarem Sinn, bald einen ganz brauchbaren Kirchenrechner heranzubilden.

Im Herbste 1854 musste ich mich zur Anstellungsprüfung stellen. Die Prüfungskommission war aus denselben Konsistorielräten und Kommissionären gebildet, wie bei meiner Aufnahmeprüfung. Die Kommissäre waren sehr wohlwollend. Aus ihrem Munde wurde den Mitprüflingen und durch sie mir kund, dass meine Predigt über Offenb. Joh. 3,20 Aufsehen machte. Aber beim Predigtvortrag liess mich der Dirigent in der Mitte der Predigt beginnen und nach 2 Sätzen blieb ich stecken – das einzige Mal, dass ich in einer Predigt richtig stecken blieb. Ich meldete meinen Unfall von der Kanzel, worauf im Manuskripte eifrig nach der Unglücksstelle gesucht wurde; ehe es gelungen war, wurde ich wieder flott und fuhr ohne Erregung fort. Bei der kirchengeschichtlichen Arbeit erlaubte ich mir die Frage, ob die Formulierung der Aufgabe über [52] die Reformatoren vor der Reformation dahin deute, den inneren Zusammenhang der reformatorischen und der vorreformatorischen Bewegung hervorzuheben. Der herbeigerufene Dirigent, welcher offenbar das Thema formuliert hatte, liess einen Zornerguss über mich ergehen mit den 2 Pointen, dass ich nicht Deutsch verstehe und ein suffisanter Mensch sei. Ohne zu antworten setzte ich mich nieder, zückte die Feder und schrieb uno tenore 3 oder 4 Bogen voll. Als ich die Arbeit abgab, erschien der Dirigent wie gerufen noch einmal, warf einen Blick in das Manuskript und brummte, dass ich ja über das Thema etwas zu schreiben gewusst habe. Wach der Prüfung aber erfuhr ich, dass wegen meiner exegetischen Arbeit über 1 Kor. 11, 17-31 Konsistorialrat Dr. Ebrard meinen Durchfall beantragt hatte. Ich hatte in der Stelle die lutherische Abendmahlslehre begründet gefunden. Von Durchfall blieb ich jedoch ziemlich weit weg, denn ich bekam die Note II.

Sehr gemüthlich war das Zusammenleben der Kandidaten im rothen Ochsen zu Speyer, wo auch der Prüfungskommissär Moschel wohnte. Als wir eine Mysogynia II stifteten, weil wir sämtlich, wie die Kandidaten unseres Vorkurses, unverlobt waren, rückte Moschel erstaunt seine Perücke, warnte uns vor Verachtung des Ehestandes, aber auch vor dem Bach- und Landadel (d.h. vor den reichen Müllers- und Bauerntöchtern) und empfahl uns, im Stamme Levi zu bleiben mit der triftigen Begründung, wir würden unsere künftigen Töchter auch gern standesgemäss verheirathet sehen.

Aus der Prüfung zurückgekehrt fand ich den Typhus in St. Ingbert, musste in einer fast ganz aussterbenden Familie mit Pflegedienst und Nachtwache eintreten und erkrankte selbst zwar nicht sehr schwer, denn ich konnte nach 3 Wochen wieder amtieren, aber die völlige Genesung zog sich 4 Monate hinaus, vielleicht weil ich die Arbeit zu frühe wieder aufgegriffen hatte.

Aber ich hatte keine Zeit zum Kranksein. Die Schule stand ohne mich stille und mein einziger für Aushilfe zu habender Nachbar wohnte 2 Std. entfernt und hatte eine arbeitsreiche Pfarrei. Auch der Dekan konnte mir keine Stellvertretung beschaffen. Mein Dekan war anfangs Pfarrer Göppel in Homburg. [53] Ich hatte nicht über ihn zu klagen, fand aber auch wenig Rath und Beistand bei ihm. Er visitierte nur einmal das Vikariat und fand alles sehr befriedigend, doch nicht im Sinne jenes Visitators, der erklärte, wenn er ”befriedigend“ ins Protokoll schreibe, so heisse dies ”nicht befriedigend“. Während des Gottesdienstes im dicht gefüllten Betsaale flüsterte er mir ins Ohr: so denke ich mir die Gottesdienste der ersten Christengemeinden. Er ermunterte mich, von meinen Predigten in den Druck zu geben. Er selbst liess gerne drucken. Ich habe mein Leben lang nur dann etwas in die Druckerei gegeben, wenn ich selbst unter starkem Druck von Verhältnissen oder Freunden stand.

Auf Dekan Göppel folgte Dekan Windisch. Er war ein unterrichteter und fleissiger Mann mit hervorragendem Gedächtnisse, ehrbedürftig und empfindlich. Er war Mittelpartheyler und suchte mich zu seiner Parthey zu ziehen. Als dies nicht gelang, wurde ich zurückgeschoben. ”Der Krieger kann ein guter Unteroffizier werden, aber nie ein rechter Offizier“, äusserte er. Später that er so, als habe er mir vorwärtsgeholfen. An seiner Rüstigkeit und geistigen Frische in hohem Alter musste man seine Freude haben. Viel verdankte ich in St. Ingbert meinem Freunde Helffenstein in Hornbach, dem als Schulinspektor meine Schulen unterstanden. Wenn er zu Schulvisitationen oder bei anderen Gelegenheiten kam, hatte ich immer Genuss und Gewinn davon. Zu den Lehrerkonferenzen in Hornbach, welchen auch andere Pfarrer beiwohnten, marschierte ich 6 gute Stunden mit gutem Vergnügen. Bei den Schulvisitationen von Breitenfurt und Walsheim stellte ich mich ziemlich regelmässig ein. Die Pfarrkonferenzen in Ernstweiler, wo circa 15 positive Geistliche sich 3 - 4 mal im Jahre vereinigten, waren mir Festtage. Dort wurde von 10 - 1 Uhr wissenschaftlich gearbeitet; beim Mittagstische und bis zum Abende wurden amtliche und kirchliche Fragen besprochen und frohe Unterhaltung gepflegt.

Ausser diesem Verkehr auf pfälzischer Seite ergab sich auch Verkehr auf preussischer Seite. Besonders Pfarrer Roebenacke aus Bischmisheim wurde mir ein lieber Freund. Wie oft machte ich spät Nachmittags den 2stündigen Weg zu ihm, verbrachte den Abend mit Roebehacke und seiner liebenswürdigen, gescheiten [54] Frau bis tief in die Nacht mit Gespräch und Musik und ging in der Morgenfrühe wieder Heim, wenn ich nicht noch einen vollen Tag zulegte. Auch mit Superintendent Schirmer und Pfr. Engel in Saarbrücken, wie mit Pfr. König in Sulzbach trat ich in Verbindung. Letzterer, ein tüchtiger Theologe und ganz hervorragender Klavier- und Orgelspieler, war leider sehr launisch und brach unseren Verkehr aus mir unbekannt gebliebenen Gründen plötzlich und vollständig ab, so dass er bei zufälliger Begegnung nicht mehr meinen Gruss erwiederte.

Mit Pfr. König war ich durch die Familie Wagner in Sulzbach bekannt geworden. Mit dieser wie mit der Familie Vopelius daselbst war mein Vater seit Jahren befreundet und ich war mit ihm schon als Knabe nach Sulzbach gekommen und hatte als Gymnasiast öfters frohe Tage dort verlebt. Als Vikar suchte ich sie bald wieder auf schon darum, weil die beiden Glashütten zu Schnappach diesen Familien gehörten. Den Beamten und Arbeitern dieser Hütten gegenüber war mir die Beziehung zu den Hüttenherren werthvoll, denn die Glasmacher, damals eine wohlbezahlte und sich als höhere Arbeiter fühlende, förmliche Kaste, hatten ihre Eigenheiten und waren theilweise schwierig zu behandeln. Der Rückhalt an den Hüttenherren unterstützte mich und grade die Glasmacher wurden nach und nach ein sehr guter und treuer Bestandtheil der Gemeinde.

Den Grubenbeamten und Bergleuten gegenüber hatte ich an dem Bergmeister und späteren Bergrath Sievert eine starke Stütze. Er war der höchste Beamte in St. Ingbert, ein sehr kirchlicher und ernster Mann, der die von seiner verstorbenen Frau ihm hinterlassenen 2 Kinder in Kornthal und bei einem sehr positiven Pfarrer erziehen liess. Gegen mich war er überaus freundlich und sein verständiger Rath hielt mich jungen Mann oft auf dem richtigen Wege. Besonders nahe trat ich dem Direktor der Maschinenfabrik und Kesselschmiede Weyland, der bald in das Presbyterium kam, dessen intelligentestes Mitglied er war. Die Freundschaft zwischen ihm und mir pflanzt sich in unseren Familien fort. [55] Am meisten ragten in St. Ingbert die Familien der Eisenwerksbesitzer Heinrich und Fritz Kraemer hervor, die an der Saar und in der Pfalz hochangesehen waren, aber in St. Ingbert sich ziemlich abgeschlossen hielten. Mir gegenüber waren die 2 alten Herren, die bald Witwer wurden, sehr höflich, bei geschäftlichen Verhandlungen verschiedener Art sehr entgegenkommend, aber leider unkirchlich, wenn sie auch darauf sahen, dass ihr Hauspersonal fleissig zum Gottesdienste kam. Das Vertrauen der alten Herren ging auf ihre Söhne über, leider auch deren Unkirchlichkeit, während später der weibliche Theil der Familien sich gern, theilweise regelmässig zur Kirche hielt. Während meiner Vikariatszeit konnte und wollte ich der Kraemerschen Familie nicht näher treten. Später gestaltete sich das Verhältnis etwas anders. Leid war es mir, dass ich die prächtigen Erzählungen des alten Heinrich Kraemer aus seinen Jugendjahren nicht niederschrieb. Es waren kulturhistorische und soziale Bilder von frischer Ursprünglichkeit. Als ich sie später fixieren wollte, liess mich mein Gedächtnis im Stich.

Vom Jahre 1856 an wuchs die prot. Gemeinde spürbar. Die Schule, welche jetzt wieder einen Schulgehilfen hatte, füllte sich. Der Betsaal wurde zu klein. An den hohen Festen musste ich mehrere Gottesdienste, zuletzt 3 am 1 Festtag, halten. Die Nothwendigkeit eines Kirchenbaues wurde immer dringlicher, da auch der Eigenthümer des Betsaales die Absicht äusserte, das betreffende Haus zu verkaufen. Die Beschaffung der Mittel für einen ausreichenden Kirchenbau musste energisch angegriffen werden. Der pfälzische Gustav Adolf Verein hatte St. Ingbert schon seit 1853 mit Gaben bedacht. Aber es galt grössere Gaben zu erlangen, weitere Gustav Adolf Vereine heranzuziehen und vor allem musste der Gemeinde selbst etwas leisten, und die Willigkeit hierzu war vorhanden. Die Gebr. Kraemer stellten 2000 Gulden zur Verfügung und erklärten sich für später zu weiteren Leistungen bereit, namentlich auch dazu, alle eingehenden Gelder in Depot zu nehmen gegen 5% Verzinsung. Die übrigen Gemeindeglieder hielten wöchentliche und monatliche Sammlungen für den geeignetsten und ausgiebigsten Weg um Kirchenbaumittel aufzubringen. Die Gemeinde wurde so zu einem Kirchbauverein, eine grössere Zahl von Sammlerinnen erhob die Beitrage und dies Verfahren wurde fortgesetzt bis [56] es später nöthig wurde, Kultusumlagen nach gesetzlicher Norm zu erheben. Ohne die Unterstützung des Gustav Adolf Vereins wären die von der Gemeinde aufgebrachten Mittel in absehbarer Zeit nicht ausreichend gewesen. Ein gedrucktes Flugblatt sollte allen Gustav-Adolf Haupt-Vereinen unsere Lage schildern, aber mündliche Bitten bei den Vereinsversammlungen und persönliche Vorstellungen bei den Vereins-Vorständen mussten die Herzen erwärmen und die Vereinsgaben nach St. Ingbert ziehen. Ich war viel unterwegs und wurde auf den pfälzischen Gustav Adolf-Festen eine typische Figur, machte Baden, Hessen und das Rheinland unsicher und kam sogar bis nach Bremen zu dem dort im Jahre 1856 oder 1857 abgehaltenen Jahresfeste des Centralvereins. St. Ingbert war unter den 3 dort für die sogen. grosse Liebesgabe vorgeschlagenen Gemeinden, erhielt diese Gabe zwar nicht, wurde aber durch andere Zuwendungen getröstet, namentlich durch 1000 bremische Goldthaler, welche der Zentralversammlung zur Verfügung gestellt waren.

Diese Reisen kosteten mich schweres Geld, denn ich brachte es nicht über mich, ihre Kosten der Kirchenkasse zur Last zu legen; lieber wollte ich Mangel leiden und Schulden machen, als die mühselig zusammengebrachten Mittel der Gemeinde angreifen. Besondere Unfälle trug ich mit Humor, so auf der Bremer Reise den Verlust von 20 Thalern, die mir aus dem Reisesack entwendet wurden, und den Verlust meines Examensfracks, den mir ein Mainzer Kutscher durch den von seiner Pfeife gefallenen Schwamm in Brand setzte und mich danach noch so mit Grobheiten bediente, dass ich einen Begriff davon erhielt, was das Sprichwort besagte: grob wie ein Mainzer Kutscher. Dagegen habe ich selten eine grössere Freude erlebt als in Bacharach, wo der spätere Feldprobst Thielen mir die Bitte um eine kleine Gabe aus Gustav Adolf-Mitteln rund abschlug und darauf die Burschen und Mädchen des Städtchens rasch eine Sammlung in den wohlhabenden Familien vornahmen, deren Ertrag von 37 Thalern sie mir in den Gasthof brachten.

Als Gewinn für mich brachte ich von meinen Bettelfahrten den Einblick in Gegenden und Orte mit, die ich vielleicht nie gesehen hätte, und die Bekanntschaft mit vielen, theilweise [57] hervorragenden Männern.

Daheim konnte und musste unterdessen dem Kirchenbau näher getreten werden. Zunächst galt es einen geeigneten Bauplatz zu finden. In aller Stille hatte ich gesucht und verschiedene Plätze förmlich studiert. Als ich den richtigen glaubte gefunden zu haben, ging ich zu dem Eigenthümer und kaufte den Platz auf meinen Namen um 800 Gulden. Das war eigenmächtig, zwar gut gemeint, da ich in aller Stille den Besitz des Platzes sichern wollte, aber doch recht unklug, weil ich nicht bedachte, dass bei der Wahl eines Kirchenbauplatzes viele Berufene mitreden dürfen und noch mehr Unberufene mitreden wollen. Mein Vorgehen rief einen Oppositionssturm hervor und mein sorgsam gewählter, schöner Platz wurde so schlecht gemacht und von so viel angesehenen Leuten verworfen, dass ich mich fast meiner Wahl und meines Kaufes geschämt hätte, wenn ich nicht gar zu allseitig und gründlich die Vorzüge des Platzes erwogen gehabt hätte. Ich gab darum nicht nach und hatte die Genugtuung, dass nach genauer Prüfung aller sonstigen Vorschläge - der Regierungspräsident hatte persönlich Einsicht genommen - der von mir gekaufte Platz fast einstimmig vom Presbyterium und der Kirchenbaukommission angenommen und von den Behörden genehmigt wurde.

Unterdessen hatte der grossh. hessische Baurath Weyland, der Bruder unseres Presbyters, einen sehr schönen Plan für die Kirche im romanischen Stile unentgeltlich gefertigt. Das Ministerium genehmigte die Ausführung desselben nicht, sondern schrieb die Ausführung eines Planes im sogen. neumünchener Stile mit dem sogen. gothischen Eselssattel vor. Wir konnten den Beginn des Baues nicht hinausschieben, da uns der Betsaal bereits gekündigt war, und so schritten wir denn zur Ausführung des vorgeschriebenen bezw. aufgezwungenen Planes. Ein zu Schnappach wohnender preussischer Grubenbaumeister, Karl Schultheiss, übernahm unentgeltlich die Bauleitung. Auf seinen Rath übernahm das Presbyterium die Lieferung der Haupt-Baumaterialien in Regie. Der Rat war gut, brachte mir aber eine schwere und ärgervolle Arbeitslast. Wer einen Bau ausführt, muss sich unausbleiblich vielfach ärgern, aber wer dabei noch einen Steinbruch betreiben, die Beifuhr der Materialien zu überwachen, Kalk und Holz [58] abzumessen und auf ihre Beschaffenheit zu prüfen hat, bekommt ein gedrückt und gerüttelt Mass von Ärger und Zank zugetheilt. Die Freude am Werk half Ärger und Mühsal überwinden. - Im Herbste 1857 begannen die Arbeiten, im Anfange des Sommers 1858 wurde feierliche Grundstein- (richtiger Eckstein-) Legung, im Anfang November 1858 das Richtfest gehalten und im Jahre 1859 der Thurm ausgebaut und der ganze Bau fertig gestellt.

Während der Bauarbeiten erwachte in mir das Architektenblut meiner mütterlichen Familie und der es weckte, war unser Bauleiter. Er merkte, dass ich einen Begriff von Bauzeichnungen hatte. Mein Zeichenlehrer vom Gymnasium hatte einmal auch Bauzeichnen im Maassstabe mit uns getrieben und uns dabei allerley drastische Rathschläge gegeben z. B. bei einem Wohnhause muss zuerst die Küche und der Abtritt am richtigen Orte plaziert werden, denn darum dreht sich die Bequemlichkeit des ganzen häuslichen Lebens. Unser Bauleiter, der sehr beschäftigt war, zog mich darum als Gehilfen und zum Gehilfen heran, liess mich erst leichtere, dann schwerere Zeichnungen machen, gab mir Winke über die Ausführung der Arbeiten, liess mich Einzelheiten besonders überwachen. Unter der Hand unterrichtete ich mich aus Büchern und im Gespräch mit Arbeitern weiter und übte mich im Zeichnen. Zuletzt kam unser Bauleiter nur selten an den Bau, besprach vollendete oder anzugreifende Arbeiten mit mir und überliess mir die Detailaufsicht. So wurde ich zu einem halben Baumeister herangebildet der sich später an kleinere Aufgaben heranwagte und heranwagen konnte. Der Kirchenkasse wurden durch mein Reissbrett und meine unausgesetzte Bauaufsicht manche Kosten gespart.

Die Beschaffung von Orgel und Glocken führte zu lebhaften Verhandlungen. Ich bestand darauf, dass zu dieser Anschaffung die Unterstützung des Gustav Adolf-Vereins nicht herangezogen werden dürfe, da wir auch ohne Glocken und ohne Orgel Gottesdienst halten könnten und da wir die Unterstützung anderer, bedürftigerer Gemeinden nicht beeinträchtigen dürften. Ich drang damit durch. So wurde denn nur ein billiges Harmonium statt der Orgel in die Kirche gestellt und weil für ein Bronze- Geläute unsere Mittel nicht ausreichten, so wurde zu Gussstahlglocken [59] aus dem Gussstahlwerke zu Bochum gegriffen, die zwar einen harten aber sehr durchdringenden Klang hatten. Den Tadlern stopfte ich den Mund, indem ich ihnen die hohle Hand hinhielt: geben Sie mir das Geld, dann sind Bronzeglocken bald gekauft.

Am 8. Sept 1859 wurde die Einweihung der Kirche unter riesiger Betheiligung aus der Nähe und Ferne und mit verhältnismässigem Pompe gehalten. Der Festzug bewegte sich durch die ganze Stadt. Ich höre noch das Brausen des Gesanges der während des Zuges gesungenen, von der Knappschaftskapelle begleiteten Lieder: Lobe den Herren, den mächtigen König... und Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ. Die Weihe vollzog Konsistorialrat Börsch, die Predigt hielt ich über Petri 2,5-9. Meinen Freunden war bange, ob ich sie halten könne, denn bei Beginn des Weihe-Gottesdienstes hatte mich die Freude über die Vollendung des Werkes und über die Überwindung der langen Kämpfe und Mühen so ergriffen, dass mir die Thränen strömten und ich das laute Weinen kaum unterdrücken konnte. - Ich rede thörlich, wenn ich sage: die Kirche war mein Werk, wie noch selten eine Kirche das Werk des Geistlichen der Gemeinde war. Ich sage dies hier zum ersten Mal und rede die Wahrheit. Gott sei Dank, dass ich noch gewisser zur Wahrheit komme und kund thun kann: nicht ich habe gearbeitet und Opfer gebracht, sondern Gottes Gnade, die mit mir war.

Es focht mich wenig an, dass die Gustav Adolfs Kirche in St. Ingbert von gewisser Seite scharfe Angriffe erfuhr, die zu bitteren Vorwürfen für mich wurden. Im ”Pfälzischen Kurier“ wurden das Kreuz auf dem Thurme, die Chornische, das Cruzifix über dem Altare, der Taufstein als spezifisch katholische Wahrzeichen hingestellt und schrecklich darüber gezetert, dass protestantisches Geld zu einem solchen Bau missbraucht worden sei. Das böse Gerücht, welches das Scheelauge des Pfarrers B. B. (Bährig) der Kirche und mir angehängt hatte, hielt sich bis zu dem in St. Ingbert im Jahre 1868 gefeierten pfälz. Haupt-Gustav Adolf Feste, bei welchem ich in der Kirche selbst aufforderte, jenes böswillige Gerede zu prüfen, und die Genugthuung bekam, dass dessen Grundlosigkeit konstatiert wurde. [60] Im Jahre 1857 hätte ich nach meinem Platze in der Reihe der pfälz. prot. Pfarramtskandidaten zur Anstellung als Pfarrer gelangen können. Es war schon die mir zugedachte Pfarrstelle (Siebeldingen) bezeichnet. Ich hatte damals gebeten, mich noch länger in St. Ingbert zu belassen unter der Bedingung, dass mir künftig die Dienstjahre als Pfarrer von der Anstellung meines Nachmannes in der Konkursreihe an gerechnet würden. Die Gemeinde überreichte mir als Entschädigung für den Entgang eines höheren Einkommens, das ich als Pfarrer genossen haben würde, ein namhaftes Geldgeschenk (400 Gulden), das freilich kaum ausreichte, meine Baarauslagen für Reisen u. a. zu ersetzen. Nach Vollendung des Kirchenbaues wollte ich die Vikariatsstellung aufgeben. So war denn nach Erreichung dieses Zieles die Zeit meines Abschiedes von der Gemeinde gekommen. Der Abschied geschah ohne Sang und Klang, wurde mir aber recht schwer.

Ich hatte die Gemeinde in ihren Kinderjahren gepflegt. Unter meinen Augen war sie an Seelenzahl fast auf das doppelte gewachsen, äusserlich war ihr Kirchenwesen geordnet und gefestigt, innerlich war ihr geistliches Leben gefördert. Vielen Gliedern der Gemeinde stand ich persönlich nahe, alle kannte ich äusserlich und innerlich ziemlich genau, fast allen hatte ich dienen können, mit wenigen hatte ich Konflikte gehabt und diese hatten sich wieder ausgeglichen. Ich wünschte an dieser Gemeinde weiter arbeiten zu dürfen. Vorläufig ging es nicht an. Ob es später geschehen würde, stand in Gottes Hand. Die 6 Jahre meiner Vikariatszeit in St. Ingbert gehören zu den schönsten meines Lebens. Die letzten Gottesdienste in der stets dichtgefüllten neuen Kirche sind mir unvergesslich. Ich war bewegt von dem bevorstehenden Abschiede, die Gemeinde war bewegt von Freude und sichtlich gesteigerter Andacht und mächtig wogte der Gesang auch ohne Orgelbegleitung, denn wir hatten in der neuen Kirche das neue Gesangbuch in Gebrauch genommen.

[61]
V Professurzeit.

Während ich mich nach erledigten Pfarrstellen umsah, um eine mir Zusagende zu entdecken, hatte mein Vater andere Pläne. Am Gymnasium stand die Erledigung der Professur für prot. Religionslehre, für Geschichte und hebräische Sprache in Aussicht. Mein Vater wünschte, dass ich mich darum bewerbe, damit ich im Falle ihrer Erlangung ihn, der im 66. Jahre stand, unterstützen könne. Er hatte wohl auch den Gedanken, mich auf diesem Wege auf eine Pfarrstelle in Zweibrücken zu bringen. Mir sagte die betreffende Professur nicht besonders zu, doch bewarb ich mich meinem Vater zu Liebe um dieselbe, wurde vom Rektor Dr. Dittmar begünstigt und erhielt die Ernennung zum Lehrer der prot. Religion, der Geschichte und dar hebräischen Sprache mit dem Titel, Rang und den Ehrenrechten eines k. Gymnasialprofessors, leider aber nicht mit dem Gehalte und den pragmatischen Rechten eines solchen.

Im November 1859 trat ich die Stelle an. Im Elternhause konnte ich nicht wohnen. Dort waren Gymnasiasten in Pension genommen. Ich brachte mich anderweitig unter in einem Hause, woselbst mehrere Gymnasiasten Quartier hatten. Ich überwachte sie väterlich mit 2 Augen, wurde aber von ihnen mit 8 Augen scharf beobachtet, sodass das ganze Gymnasium über mein Thun und Lassen sehr genau Bescheid erhielt. Dies schadete ja nichts, war aber doch unangenehm. Ein Pfarrer wohnt in einem Glashause, ein Gymnasialprofessor desgleichen und die, welche ihn beobachten, haben sehr scharfe Augen, sehr feine Ohren, ein sehr nachhaltiges Gedächtnis und sehr geschäftige Zungen, dabei aber auch für aufrichtiges Wohlwollen und für unpartheiische Gerechtigkeit meist ein sehr richtiges Gefühl.

An der Spitze des Gymnasiums stand als Rektor Hofrath Dr. Dirrmar, der bekannte Verfasser von Geschichtslehrbüchern. Trotz seiner vielen guten Eigenschaften befriedigte er als Lehrer und als Rektor wenig. Von meinen früheren Lehrern waren nur noch Fischer, Butters und Krafft im Amte. Der jetzige Geheimrath und ordent. Universitätsprofessor Dr. Iwan von Möller und der jetzt pensionierte Gymnasialrektor [62] Doepkorn wurden mir die liebsten Mitglieder im Lehrerkollegium. Der kath. Religionslehrer Dr. Ochs, jetzt geistl. Rath in Bacharach, war ein offener und umgänglicher Mann mit dem ich oft verkehrte nicht, weil wir die einzigen Raucher im Kollegium waren, sondern weil wir 2 Jahre lang als Nachbarn denselben Schulweg hatten. Die Zahl der prot. Schüler war ca. 200, mehr als 2/3 der Gesamtschülerzahl. – Bei meiner Einführung und Vorstellung redete ich alle Anwesenden zusammenfassend mit: Meine Herren! an, anstatt Lehrer und Schüler geziemend zu scheiden. Die Schüler fühlten sich natürlich sehr gehoben. Aber Prof. Butters meinte: Unser Kollege Krieger wird die Burschen bald anders titulieren. Er hatte recht. Aber nur einmal musste ich einem Schüler sagen, er sei ein Lausbub, und nur einmal verabreichte ich eine Ohrfeige und der Empfänger wurde einer meiner anhänglichsten Schüler. Im Grossen und Ganzen kam ich mit den Schülern gut zurecht, obgleich ich auf häuslichen Fleiss und auf ungetheilte Aufmerksamkeit im Unterrichte strenge hielt. Ich trug frei und lebhaft vor, suchte die Hauptsachen klar und bündig einzuprägen, regte zur Aussprache und zu Fragen an, etwas Humor lag mir nahe und ein heiteres Lachen in einer Unterrichtsstunde ist jedenfalls mehr werth als schläfrige Augen und gähnende Mäuler.

Den Religionsunterricht hatte ich in 4, später wegen grosser Schülerzahl in 5 Abtheilungen zu geben, in jeder Abtheilung in anderer Weise, dem Alter und der geistigen Entwicklung der Schüler entsprechend. Am meisten Noth machte mir die 3. Abtheilung, in welcher Schüler von verschiedenen isolierten Lateinschulen zusammenkamen und in diesen Schülern die mannigfachen Stufen positiver relig. Kenntnisse. Ich sah mich gezwungen, entgegen der Instruktion noch einmal Katechismus zu treiben, um in allen Schülern Grund zum Weiterbau zu legen. Im Oberkurs sollte ich wissenschaftlicher verfahren nach Winken, die mir der Rektor auf Grund von Schüleraussagen ertheilte, denn er selbst hatte meinem Unterrichte nicht beigewohnt. Ich sagte ihm, erst müsse das Wissen kommen, dann eventuell auch Wissenschaftlichkeit, die meiner Ansicht nach nicht in hochklingenden Floskeln bestehe, sondern im logischen Aufbau und im Nachweis des inneren Zusammenhanges und der sachlichen Gliederung der dogmatischen und ethischen [63] Heilswahrheit. Nach der ersten Absolutorialprüfung hörten die Rektoratsermahnungen gänzlich auf.

Im Geschichtsunterrichte hatte ich allgemeine Geschichte der alten Zeit zu lehren. Ich liess hier nichts memorieren als einige sorgfältig von mir ausgearbeitete Tabellen mit Zahlen, Namen und Tatsachen, erzählte dazu frei und anschaulich und liess die Schüler im Lehrbuche und anderen Geschichtswerken die betreffenden Abschnitte nachlesen und so gut sie konnten wiedergeben. Repetiert wurde durch Zurückgreifen auf Vorereignisse und durch Vergleiche mit ähnlichen oder anders gearteten Vorgängen. Diese Methode schlug gut an, erregte das Interesse der Schüler und erzielte sichere Kenntnisse. Manche Schüler dankten mir später besonders für den Geschichtsunterricht.

Im hebräischen Sprachunterricht begab es sich, dass auch solche, die nicht Theologie zu studieren beabsichtigten, sich in grösserer Zahl dazu meldeten. Ich richtete deshalb 3 Abtheilungen ein statt der vorgeschriebenen 2 Abtheilungen. Die gefordertesten Schüler nahm ich hinterher auf mein Zimmer zu leichter, kursorischer Lektüre.

Meine Professur war ziemlich überraschend an mich gekommen, so forderte die Vorbereitung für die verschiedenen Fächer und Abtheilungen viel Arbeit und auch Mühe.

Eine sehr unangenehme Überraschung eröffnete mir im Laufe des 1. Schuljahres der Rektor durch die Mitttheilung, dass mein Gehalt abgemindert sei. Er hatte mir beim Antritt der Stelle eine Gehaltserhöhung in ziemlich sichere Aussicht gestellt. Da ich 20 Wochenstunden zu ertheilen hatte und dafür 800 Gulden (= 1371 Mark) bezog, so war eine Aufbesserung wohl am Platze. Nun kam eine Ministerialverfügung, durch welche die Bezüge fast aller Lehrer der Anstalt aufgebessert wurden, mein Gehalt aber 750 Gulden betragen sollte. Bei näherer Prüfung ergab sich, dass für den hebr. Sprachunterricht nichts ausgeworfen war. Daraufhin erklärte ich dem entsetzten Rektor, dass ich demnach kein Hebräisch mehr unterrichten und baldigst die Anstalt verlassen werde. Der Erfolg war, [64] dass ich für den hebr. Unterricht 100 Gulden bewilligt bekam, dafür hatte ich 4 Wochenstunden zu geben, gab aber nothgedrungen 6, bezog also für die Stunde 30 Pfennig. Da war doch wohl das Wort jenes Lateinschullehrers am Platze: Für mein Gehalt kann man gar nicht wenig genug thun! Für den nunmehrigen Gesamtgehalt von 850 Gulden (= 1460 Mark) arbeitete ich einstweilen eifrig fort.

Meine Nebenämter brachten wohl vermehrte Beschäftigung, aber keine wesentliche Erhöhung meines Einkommens.

Zunächst musste ich meiner Tante Julie Hoffmann zu Liebe den prot. Religionsunterricht und den Geschichtsunterricht an der höheren Töchterschule übernehmen. Die Tante hatte die Töchterschule zwar abgegeben, sich aber dafür verbürgt, dass ich die gedachten Fächer um ein Billiges übernehmen werde. Die Höhe bezw, Geringfügigkeit der Entlohnung ist mir nicht mehr gegenwärtig, den Unterricht übernahm ich und er machte mir Freude, besonders als ich durchgesetzt hatte, den Religionsunterricht nicht gleichzeitig an Mädchen von 6-16 Jahre zu ertheilen, sondern in 2 getrennten Abtheilungen. Mit der unteren Abtheilung ging es trefflich voran, in der oberen fehlten Fundament und Unterbau, so dass es zu keinem förderlichen Aufbau kommen konnte, wenn auch einzelne Mädchen viel Eifer zeigten. Den Geschichtsunterricht sollte ich – das war bald zu merken – nur pro forma ertheilen, den häuslichen Fleiss nicht in Anspruch nehmen, die Mädchen schonen. Nach anfänglichem Sträuben ergab ich mich drein. Ich erzählte und schilderte, wie ich es für passend hielt, und kümmerte mich nicht darum, ob etwas hängen blieb. Das war ja den Mädchen sehr angenehm und sie folgten aufmerksam. Ob Interesse für Geschichte dabei geweckt wurde, weiss ich nicht; positives Wissen kam nicht zu Stande.

Ein 2. Nebenamt übernahm ich in der Gefangenenanstalt, um meinen Vater, der Gefängnisgeistlicher war, zu entlasten. Ich hatte immer am 2. Sonntage zu predigen und wöchentlich eine Katechese mit den Gefangenen, abwechselnd mit Männern und Frauen zu halten. Dass eine richtige Katechese nicht mit Erwachsenen zu Stande kam, die längst einer derartigen Unterredung entwöhnt sind, liegt auf der Hand; Gefangene aber sind [65] erst recht verschlossen, wenn man nicht durch längeren Verkehr ihr Vertrauen gewonnen hat. So wurde aus der Katechese mehr eine Bibelstunde, in der ich Abschnitte aus den Evangelien auslegte. Die Leute waren aufmerksam, ebenso bei der Predigt. Hoffentlich haben einige einen Eindruck davongetragen; von etlichen wurde ich getäuscht, da sie nach ihrer Entlassung rasch zu leichtfertig-gottlosem Treiben sich wendeten.

Mein lieber Freund Helffenstein übertrug mir als Nebenamt fleissige Mitarbeit am ”Evang. Kirchenboten für die Pfalz“, dessen Redakteur er war, und ausserdem die Korrektur des Blattes, die recht lästig war.

Auch Privatstunden musste ich übernehmen, doch nur in beschränktem Masse. Einem Basler Patriziersohn ertheilte ich Konfirmandenunterricht und einem Neufchateler Theologiestudenten, der sich in Zweibrücken aufhielt, um Deutsch zu lernen, nahm Unterricht im Hebräischen bei mir und löste das vor Beginn des Unterrichts gegebene Versprechen so glänzend ein, dass er nach etwa 24 Stunden die Formenlehre sicher inne hatte, mit den Hauptregeln der Syntax bekannt war und auch eine schöne copia vocabularum besass, so dass er sich leicht weiterhelfen konnte. Ich habe diesem Schüler herzlich gedankt für die Freude, die er mir machte.

Trotz recht vieler Arbeit fand ich Zeit, den Weg von Zweibrücken nach Einöd fleissig zu gehen, nicht des Spazierganges wegen, denn ich war nie ein Spaziergänger der Luft und Bewegung wegen; auch zog mich die schöne Gegend nicht an, wohl aber ein Mann, den ich auf diesem Wege öfter traf, und der am Wege liegende Kaplaneihof, in welchem jener Mann mit 2 Töchtern und einem Sohne wohnte. Eine seiner Töchter hiess Amalie, mit der ich mich da und dort unterhalten hatte und die ich fleissig in der Kirche sah; der Mann hiess Erlenwein und ich wollte sein Schwiegersohn werden. Die Entscheidung kam mitten in der Absolutorialprüfung und der Revision des Unterrichts in sämtlichen Klassen. Für mich war es die erste Prüfung, die über mich als Gymnasialprofessor erging, also hätten Herzensangelegenheiten eigentlich ruhen sollen. Aber da gab sich nach einer Probe des Kirchenchores, dessen Mitglieder [66] ich und jene Amalie waren, eine gute Gelegenheit Fräul. Erlenwein zu begleiten und ihr meinen Schutz auf ihrem abendlichen, weiten Heimwege anzubieten. Sie wies mich ängstlich ab. Ich bat, mich noch wenige Schritte zu dulden bis zu einer gewissen Stelle, wo sie dann entweder: gerade aus! oder: links um! kommandieren möge. Und sie kommandierte: links um! Also hätte ich mir sagen können: du hast deinen Korb! sagte aber: aufgeschoben ist nicht aufgehoben, denn ich war doch ziemlich sicher, zu meiner Herzdame so etwas wie Herzkönig zu sein. Und richtig kam auch sehr rasch ein Vertrauensmann an mich heran mit der Frage, ob ich böse sei? und da ich lachend das Gegentheil versicherte, erschien nach wenig Stunden mein Schwager in spe und lud mich ein, mit ihm gerade aus auf den Kaplaneihof zu gehen, wo am Abend des 25 Juli 1859 ein Brautpaar den Papa Erlenwein um seinen Segen bat. Mein Vater hatte meine Wahl mit Freuden gebilligt.

Im Vorhofe des Ehestandes wurden wir alle Tage glücklicher, dies sagten wir uns einander sehr oft und immer nachdrücklicher, beschlossen aber mir den täglichen Weg von Zweibrücken nach dem Kaplaneihof so bald als möglich zu ersparen und in den ersten Ferien Hochzeit zu machen. Die Weihnachtsferien lagen gerade weit genug weg, um noch alle Besorgungen und Arbeiten zur Einrichtung des neuen Haushaltes bis dahin zu beendigen. Und so wurde der 29. Dez. 1859 als Hochzeitstag festgesetzt und eingehalten.

In Begleitung unserer Väter und Trauzeugen fuhren wir durch das von Hochwasser überfluthete Wiesenthal nach Bubenhausen, wo auf dem Bürgermeisteramte der Zivilstands-Akt zu vollziehen war. Bei der vorgeschriebenen Verlesung des Abschnittes von der Ehe im code civil zitterte meine liebe, an mich gelehnte Braut bei der Aufzählung all der schrecklichen Möglichkeiten im Eheleben und der hierfür vorgesehenen gesetzlichen Bestimmungen. Die Väter und Trauzeugen hatten ihr Alter anzugeben. Als der letzte es gethan, korrigierte er sich und sagte: wenn man es genau nimmt, bin ich ein Jahr älter; worauf die übrigen der Reihe nach bekannten, dass sie 1 oder 2 Jahre älter seien, als angegeben. Ein schallendes Gelächter über diese Verjüngungs-Versuche unterbrach den höchst nüchternen Akt und hob die Stimmung. Dann ging es – aber nicht wieder [67] durch das Hochwasser sondern auf einem Umwege durch Zweibrücken - zur Kirche in Ernstweiler. Vor dem Eintritt in dieselbe bekam die Braut auch das zu Hause vergessene und gar nicht vermisste Brautbouquet. Pfarrer Roebenacke führte die Braut, meine Schwägerin Marie mich zum Altare, mein Vater vollzog die Trauung und gab uns als Losung für die Ehe Röm. 12,12 mit. Unerwartet erklang es dann im vollen 4stimmigen Chore: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen! Der Zweibrücker Kirchenchor, von welchem 2 Mitglieder vor dem Altare standen, stimmte es an zur Erbauung der die Kirche füllenden Hochzeitsgäste, Freunde und neugieriger Nachbarn.

Nach dem Hochzeitsmahle, an welchem ausser Verwandten nur Pfarrer Roebenacke, als Brautführer, Appellationsgerichtsrat Seriné und Prof. Iwan Müller als Trauzeugen und Frau von Luisenthal nebst Sohn als getreue Nachbarn des Kaplaneihofes theilnahmen, trat ich mit meiner jungen Frau die Hochzeitsreise an: sie ging vom Kaplaneihofe nach Zweibrücken in unsere Wohnung, denn wir wollten nicht in der Fremde sondern im eigenen Heim unseren Ehestand anfangen, hielten die 1. Abendandacht mit Psalm 121 und dem Liede: Jesu voran! und gingen am folgenden Tage, es war Sonntag, miteinander zur Kirche zum grossen Staunen von Zweibrücken, als sei dies unerhört und ungehörig, am 1. Tage des Ehestandes zu Gottes Haus und Gottes Wort zu kommen. Meine Mutter aber nahm mich, als wir Nachmittags in unserem Hause mit den Nächststehenden den Kaffee getrunken hatten bei Seite und sagte mir: Ich komme jetzt ein Jahr lang nicht zu Euch, ausser wenn Ihr mich ruft. Die kluge Frau wollte nicht die meisternde Schwiegermutter ihrer Schwiegertochter spielen.

Mit meiner Verehelichung war ich in einen ziemlich grossen Familienkreis getreten, den die Damen Erlenwein, Brömme, von Langsdorff und Deneys bezeichnen.

Mein Schwiegervater Joh. Seb. Erlenwein, der Sohn eines aus Königsbach stammenden, nach Empfang der ersten Weihen aus dem geistlichen Stande ausgeschiedenen Privatlehrers und einer Schweizerin, war in St. Petersburg Mathematiklehrer und Architekt gewesen und hatte sich dort mit der Kaufmannstochter Wilhelmine Brömme verheirathet. Nach Deutschland [68] zurückgekehrt hatte er sich den Kaplaneihof gekauft und war nach dem Tode seiner 1. Frau mit Josephine Ziegler von Königsbach in die Ehe getreten, hatte dort auch ein kleines Gut erworben und später seinen Wohnsitz dorthin verlegt. Er war lebhaft, gesellig, sehr liberal und vielgeschäftig und starb als Altkatholik 1883 in Königsbach, 80 Jahre alt.

Von seinen vielen Kindern überlebten ihn aus 1. Ehe (alle protest., da die Mutter evg.-protest. war):

I) Marie, eine feine, reine, selbstlose Seele, treue Schwester und Tante, unverheirathet im Jahre 1893 gestorben.

II) Theodor, Ökonom dann Stärkefabrikant in St. Petersburg, verehelicht mit Kathinka geb. Krüger. Von ihren Kindern leben noch: Emmy, verehelichte Stender in St. Petersbg.

Otto, Kaufmann in Charlottenburg, verehelicht mit Julie Zimmermann aus Stuttgart.
Sasche (Alexander) Kaulmann in Kopenhagen.

III) Amalie, meine 1. Frau, geb. 1837, 3. Febr. in St.Petersbg. aus 2. Ehe (alle kath., dann altkatholisch)

I) Rudolf, Chemiker in St. Petersbg., ledig (gest. in München 1908)

II) Auguste, zur prot. Kirche übergetreten, verh. mit Fritz Schröppel Kaufmann, 1 Tochter, (gest. 1907)

III) Emilie, led. in Königsbach wohnend. (gest. 1907) Die Mutter, Josephine Ziegler starb 1869 in Königsbach.

Geschwister meiner Schwiegermutter, alle verstorben, waren:

1) Christian Brömme, Apotheker und Hofrath in Paulowski, später in Wiesbaden, verh. mit Sophie v. Langsdorff, 2 Söhne.

2) Fritz Brömme, Kaufmann in Amorbach, verh.

3) Alexander Brömme, Arzt

4) Eduard Brömme, Architekt und Fabrikant in Moskau, gest. in Wiesbaden, hinterliess seine in St. Petersbg. lebende Witwe, Minna, 3 Söhne und 1 Tochter, in England verh.

5)Adolf Brömme, Professor der Musik in Wiesbaden, verh. 2 Kinder.

6) Emilie, vermählt mit dem Bildhauer Deneys, 3 Kinder, Karl, Alexandrine (Sascha), und Emilie.

7) Marie, verehelicht mit dem Lycealprofessor Gust. v. Langsdorff[15] in Mannheim. Von den zahlreichen Kindern ist nur noch vorhanden der sächsische geheime Ökonomierath Karl[16] [69] v. Langsdorff in Tharandt, 1 Sohn, 2 Töchter, wovon die ältere mit Univ. Professor Study in Greifswald verh. ist. Von den Brüdern des Lycealprofessors v. Langsdorff waren der Pfarrer v. Langsdorff, genannt Onkel Daniel[17], und der Kirchenrath v. Langsdorff besonders freundlich zu den Erlenweinschen Töchtern, Beziehungen zu den Nachkommen jener Männer und zu ihren Schwiegersöhnen bestehen nicht mehr.

Der das neuvermählte Ehepaar Krieger-Erlenwein umgebende Familienkreis war auf beiden Seiten etwa gleich gross, überliess aber das junge Paar zunächst sich selbst und der Ordnung seines Haushaltes.

Wir hatten eine schöne Wohnung im Hause des Fabrikanten Schwinn (neue Vorstadt, jetzt Herzogsstr., Ecke gegen den Auerbacherweg.) Wie ging ich früh um 8 Uhr so fröhlich in meine Unterrichtsstunden und wie freute ich mich der Heimkehr zu meinem Frauchen und an den eigenen Tisch. Studiertisch und Nähtisch standen neben einander und an beiden ging die Arbeit munter fort, die Arbeitspausen aber waren erst recht munter. An den freien Nachmittagen und Sonntagen ging es nach dem Kaplaneihofe, wo in Ferienwochen wir uns auch länger einnisteten und wo ich in der Geräthekammer Schreinerei trieb, deren Produkt allerlei Hausrath zweiten Ranges war. Am Kaplaneihofe hatten wir Antheil, nachdem Papa Erlenwein ihn seinen Kindern aus 1. Ehe übergeben hatte.

Meine Berufsarbeit, in die ich allmählich völlig eingelebt war, ging ihren regelmässigen Gang fort, darneben wurde ich zur Aushilfe von Pfarrern und Vikaren der Stadt und Umgegend fleissig in Anspruch genommen. Besonders die Vikare in der Stadt, die wenig zu thun hatten, kamen häufig mit der Bitte um Vertretung und der Begründung, ich müsse ja froh sein, nicht aus der Predigtübung herauszukommen. Thatsächlich hatte ich aber im Gefängnisse regelmässig fast ebenso oft zu predigen, wie sie in der Stadt. Meine Frau stellte sich zuletzt den Petenten empört in den Weg. Geselligen Verkehr suchten wir nicht und huldigten ihm nur, so weit es durchaus nöthig war. [70] Eine gründliche Veränderung des häuslichen Lebens brachte der 31. Oktober 1861. Es erscholl Kindergeschrei! Unser Karl Gottlob verkündete sein Erscheinen. Den am Reformationstage Geborenen taufte am Tauftage Luthers (11. Nov.) der Grossvater väterlicher Seite, der Grossvater mütterlicher Seite und die Grossmutter väterlicher Seite hoben ihn aus der Taufe. Neues Leben füllte das Haus, neue dankbare Freude unsere Herzen.

Unterdessen war der traurige Gesangbuchstreit in der prot. Kirche der Pfalz zum vollen Ausbruche gekommen. Er sollte mir noch manche bittere Stunde bereiten und griff auch in meine Gymnasialthätigkeit ein. Die Fehler und Mängel an Inhalt und Form des alten Gesangbuches von 1828 waren offenkundig. Das neue, hauptsächlich von Kons. Direktor Frey und Kons. Rat Ebrard ausgearbeitete war von der Generalsynode 1857 angenommen worden mit einigen gefährlichen Bestimmungen. Das Buch hatte grosse Vorzüge, bot aber auch den Gegnern verschiedene Angriffspunkte, die von den Gegnern unter rühriger und organisierter Agitation ausgenützt wurden, während die Behörden ungeschickte Fehler begingen. Der dem positiven kirchl. Bekenntnisse des Evangeliums entsprechende Inhalt war es, gegen welchen der Rationalismus und Liberalismus sich aufbäumten. Aber er stellte Vorwände in den Vordergrund, welche die Hauptsache verhüllten. Die angeblich archaische oder unästhetische Sprache mancher Lieder, die doch, wo sie wirklich im Urtext vorhanden war, Änderungen erfahren hatte. Dann die zahlreichen Jesue-Lieder, die Lieder der Böhmischen Brüder, vor allem die übergrosse Zahl der Lieder, welche das Buch allerdings unhandlich machten, endlich die Menge der Lieder, welche die Generalsynode nicht gebilligt hatte. Die Generalsynode hatte ja das Konsistorium bevollmächtigt, zu den genehmigten Liedern noch einige zu fügen, die besonders für Gustav Adolf-Feste sich eigneten oder sonst werthvoll erschienen. Diese Vollmacht war allerdings in sehr weitgehendem Masse benutzt worden. Dass man den Presbyterien vorläufig die Ingebrauchnahme des Buches in den einzelnen Gemeinden überliess, war an sich kein Fehler, aber dass darnach doch die allgemeine Einführung in den Schulen angeordnet wurde, erregte mit Recht grossen Unwillen. Einzelne Taktlosigkeiten und Missgriffe pastoralen Übereifers und behördlicher unzeitiger Schärfe kamen hinzu. Und als gar entdeckt [71] und ausposaunt wurde, durch das neue Gesangbuch sei die pfälz. kirchliche Union in Gefahr, loderte ein förmlicher Kirchenaufruhr durch die Pfalz. Auch die lange sich ruhig verhaltende Stadt Zweibrücken wurde davon ergriffen und in Folge hiervon erschienen Proteste einzelner Eltern gegen den Gebrauch des Buches vonseiten ihrer das Gymnasium besuchenden Söhne. Ich setzte zunächst das Lernen von Kirchenliedern stillschweigend aus, um Weiteres abzuwarten. Aber in einer Anzahl von Schülern war deutlich ein Widerstand gegen den Religionslehrer zu spüren, der als Gesangbuchsfreund bekannt war und dies mit Recht. Hatte ich doch, was allerdings nicht bekannt war, indirekt an dem Buche mitgearbeitet in Gemeinschaft mit meinem Freunde Helffenstein.

Abgesehen von den Unannehmlichkeiten infolge des Geangbuchstreits ging meine Arbeit im Gymnasium ruhig fort, fand auch Anerkennung gelegentlich eines Besuches der Anstalt durch den Ministerialrat Dr. Rust, bei dessen Anwesenheit mich mein Vater an seiner Stelle auf die Kanzel schickte. Auch vom Konsistorium kam eine Belobung. Aber ein Umstand versetzte mich in steigendem Maasse mit der steigenden Schülerzahl in Aufregung. Es war die Zensur der Schulaufgaben, von welchen die Jahresnoten der Schüler hauptsächlich abhingen. Die Zensur-Note war in 4 Hauptstufen (I, II, III, IV) mit je 10 Unterstufen in den 3 Hauptnoten, also thatsächlich in 30 Noten auszudrücken. Ich brauchte zu wiederholtem Durchlesen, Erwägen und Vergleichen ausserordentlich viel Zeit, marterte mich ab darüber, ob mein Urteil über die einzelne Arbeit und im Vergleich mit annähernd gleichwertigen gerecht sei, wenn ich z.B. II,6 gäbe anstatt II,5 oder II,7 und fand keinen Weg und keine verlässigen Anhaltspunkte oder Berechnungsfaktoren, um mir die Arbeit zu vereinfachen und das Gewissen zu beruhigen. Nach jeder Scription (Schulaufgabe) erstarkte mein Vorsatz, die Professur bald aufzugeben.

Dazu kamen die erbärmlichen Einkünfte, die für einen einfach und sparsam geführten Haushalt nicht ausreichen konnten und nicht ausreichten. Ich hätte mich auf das Halten von Pensionären einrichten können, wurde auch dazu mehrfach aufgefordert. Aber meine Frau hatte dazu gar keine Lust und ich wenig. Die Verantwortlichkeit, welche man mit den Pensionären [72] auf sich nahm, fiel mir schwer aufs Herz; von der Mühe und dem Ärger, den die jungen Leute verursachten, hatte ich genug gehört, das finanzielle Ergebnis war unter Umständen zweifelhaft, jedenfalls nicht sehr gross, wenn man nicht einen Pensionspreis ansetzte, welcher den damals üblichen wesentlich überstieg. Hätte ich überhaupt Lust gehabt, Professor zu bleiben, so würde am Ende doch von uns zur Errichtung eines Pensionates gegriffen worden sein mit Einrichtungen, welche meiner Frau und mir etwas von den damit verbundenen Lasten abgenommen hatten.

Da kam die Nachricht, dass in St. Ingbert anstelle des ständigen Vikariates eine Stadtpfarrei errichtet werde. Der Entschluss, mich um diese Stelle zu bewerben, wurde alsbald gefasst. Als dieser mein Entschluss bekannt wurde, fand sich kein weiterer Bewerber ein, so dass mir die Ernennung nach St. Ingbert in sicherer Aussicht stand. Der Abschied von der Professur fiel mir nicht schwer. Viele meiner Schüler haben mich bei späteren Begegnungen freudig und herzlich als ihren alten ”Professor“ begrüsst, einer hat mir sogar nach 45 Jahren vor vielen Zeugen eine warme Ansprache voll lebhaften Dankes für den genossenen Unterricht gehalten, und dieser war ein Soldat, k. bayer. Oberstleutnant. Andere und darunter etliche Pfarrer haben mir das Gegentheil von Ehrerbietung und Dankbarkeit gezollt. Es hat mir nicht nahe gethan, mich nicht einmal gewundert, denn ich habe mit der Zeit allgemeine Menschenkenntnis genug gesammelt und kannte jene Herren ja von ihrer Schulzeit her.

Einen wunderlichen Schluss bekam meine Besoldungsabrechnung. Ich war vom 16. Oktober 1862 ab zum Pfarrer in St. Ingbert ernannt, beanspruchte also meinen Professor-Gehalt bis incl. den 15. Oktober. Der Rentbeamte verlangte eine Rektoratsbescheinigung, dass ich bis dahin fungiert habe. Am 15. Okt. war der Königin Geburtstag, darum kein Unterricht. Der Rektor weigerte sich, mir zu bestätigen, dass ich bis zum 15. Okt. fungiert habe, und bescheinigte, dass ich am 14. den letzten Unterricht ertheilt habe. Darauf berechnete mir der Rentbeamte 14/31 Monat Gehaltsanspruch. Beim erstmaligen Bezug vom Gehalt als Pfarrer in St. Ingbert verlangte ich 16/31 Monatsgehalt pro Oktober, wurde aber damit abgewiesen und erhielt nur 1/2 Monatsgehalt. Sonach wurde mir für 1 1/2 [73] Tage des Oktober der Gehalt vorenthalten. Ich beschwerte mich nicht. Wofür sind die Revisionen der Rentamtsrechnungen bei der k. Regierung, Kammer der Finanzen? Aber die Kammer fand scheints alles in Ordnung. Ich hatte nun einmal in Geldsachen kein Glück, und sollte auch ferner kein besonderes Glück haben, bekenne aber trotzdem, dass ich schliesslich nicht zu kurz kam, ja noch übrig hatte. Wo es ein mal fehlte, hatte ich Gelegenheit, St. Pauli Spruch zu lernen: Ich habe gelernt, bei welchen ich bin mir genügen zu lassen; ich kann beides: satt sein und hungern, beides Mangel leiden und übrig haben.

[74]
VI. Pfarrerszeit von 1862 - 1870

Die Übersiedlung nach St. Ingbert machte Schwierigkeiten. Denn trotz meiner Lokalkenntnis dort und trotz eifrigen Suchens meiner Freunde daselbst war eine genügende Wohnung nicht zu finden, ein Pfarrhaus aber existierte noch nicht. Es blieb nur der Ausweg, meine Familie nebst Hausrath auf den Kaplaneihof bei Schwager Theodor unterzubringen und für mich ein Junggesellenquartier in St. Ingbert zu nehmen und mich als Strohwitwer einzurichten.

Die Gemeinde nahm mich Ihrer Mehrzahl nach mit Freude auf, doch gab es auch kalten Empfang und finstere Gesichter, es waren aufsteigende Gewitterwolken, die ich zunächst nicht sonderlich beachtete. Installiert wurde ich durch Dekan Windisch. Meine Antrittspredigt hatte den Text Röm. 1,16. Nach pfälzischem Herkommen gab ich den Presbytern ein Installationsessen, welches nothgedrungen im Gasthofe eingenommen werden musste. Dieses vom Pfarrer gegebene Installationsessen war und ist theilweise noch eine Unsitte, die dem Pfarrer vor der Installation ruhige Sammlung unmöglich macht, ihm grosse Kosten und dem Haushalte - der meist noch unfertig ist - grosse Beschwerde verursacht und als ein Stück verkehrter Welt bezeichnet werden muss. Denn nicht der Pfarrer hat die Gemeinde bezw. deren Vertreter zu empfangen, sondern die Gemeinde ihren neuen Pfarrer. Darum soll die Gemeinde das Mahl bestellen und es sollten nicht nur die Vertreter der Gemeinde sondern alle Gemeindeglieder, die dazu Lust haben, dazu kommen können. Ich habe später den vom Pfarrer zu gebenden Installationsschmäusen nach Kräften entgegengearbeitet, besonders nach Einführung der sogen. Pfarrwahl, nach welcher jener Modus noch den üblen Beigeschmack einer Dankes-Abfütterung für die getroffene Wahl bekommen kann.

Im Januar 1863 konnte ich ein Häuschen als Pfarrwohnung beziehen, welches aus einer Scheuer entstanden und äusserst beengt war. Unsere Möbel konnten kaum untergebracht werden [75] und das grösste Zimmer war so niedlich, dass 5 Personsn es vollständig füllten. Trotzdem musste ich auf die ausgesetzte Wohnungsentschädigung noch 50 Gulden drauflegen zur Fortsetzung des mich verfolgenden finanziellen Missgeschicks. Die Kirchengemeinde aber führte mir zu Gemüthe, dass ich eine sehr einträgliche Pfarrei habe, sie ertrug nämlich ausser angeblich freier Wohnung und den Kasualgebühren 1000 Gulden = 1721 Mark! -

Es war hohe Zeit gewesen, dass wir unseren Haushalt in Ordnung brachten, denn am 31. Januar 1863 kam unser Ernst-Friedrich. Wir hatten Noth, in dem kleinen Häuschen Mutter und Kind leidlich unterzubringen, und bei dem Tauffeste war Gefahr, zerquetscht zu werden, obgleich die Zahl der Geladenen auf das Minimum reduziert wurde.

Die Taufe selbst wurde nach St. Ingberter Sitte gehalten und darum in der Kirche am Taufsteine vollzogen. Mein Vater war Täufer, Pathen waren Pfarrer Roebenacker und meine Schwägerin Marie, die bei unserer Trauung Braut und Bräutigam zum Altare geführt hatten. In feierlichem Zuge, voran der Täufling von der dicken Hebamme getragen, gingen die Pathen und anderen Taufgäste zur Kirche. Die Schuljugend, auf dem langen Wege in Menge angelockt, stellte sich vor der Kirche auf und streckten den Pathen nach vollzogener Taufe die offenen Hände, die aufgehaltenen Schürzen und Kappen entgegen, um "Zuckerbohnen" zu empfangen, ein Zuckerwerk, welches in verschiedener Güte massenhaft verbraucht wurde. Wehe dem Pathen, welcher nicht ausreichend Vorrath hatte; ihn geleitete die Jugend mit dem Spottverse: Strohpath, hat nichts im Sack als ein bischen Schnopptabak! Der Pathe Roebenacke hatte sich so vorgesehen, dass seine Taschen strotzten und die Frackzipfel steif vom Leibe abstanden, aber er musste unterwegs bei einem Konditor Ersatzmunition holen, die er, um freien Pass zu bekommen, unermüdlich den Jungen ins Gesicht schoss. Die Reservemunition in der Pfarrwohnung wurde noch vom Fenster aus verfeuert unter Assistenz der Pathin und zum grössten Amüsement der Pathen und zum Staunen der Nachbarschaft. [76] In die Gemeindeverhältnisse mich einzuleben ward mir sehr leicht. Den Grundstock und die Mehrzahl der Gemeindeglieder kannte ich ja. Aber in den 3 Jahren meiner Abwesenheit hatte bei dem schwunghaften Betriebe der industriellen Werke nicht nur die Bevölkerung der Stadt, sondern auch die Seelenzahl der prot. Gemeinde sich sehr stark gehoben. Es waren neue Elemente hereingekommen, darunter solche, die vom pfälzischen Aufruhr gegen das neue Gesangbuch angesteckt waren und es für angezeigt hielten, den Krieg in die prot. Gemeinde St. Ingbert hineinzutragen, die in ihrer neuen Kirche nur aus dem neuen Gesangbuche sang und darum bereits wusste, was sie an dem Buche hatte.

Ein neues Presbyterium stand bevor und dieses sollte das neue Buch abschaffen. Trotz aller Agitation kam aber nur eine Minorität von Gegnern des neuen Gesangbuches in das Presbyterium; es waren Wirtshausschreier, die weder ein altes noch ein neues Gesangbuch brauchten, weil sie in der Kirche fast nicht gesehen wurden. Den Angriff auf das neue Buch unterliessen sie klüglich, denn im Presbyterium konnten sie nicht durchdringen und die Gemeinde war über das Ergebnis der Presbyterwahl erschrocken. Einer der betreffenden Herren trat sehr bald aus dem Presbyterium aus mit der zutreffenden Erklärung: ich gehöre eigentlich nicht ins Presbyterium. So verlief der drohende Sturm denn ohne Schaden.

Nur in meinem Hause und im Leben meines Dienstmädchens richtete er Unheil an. Das brave und treue Mädchen, eine Konfirmandin von mir, war aus St. Ingbert und seit unserer Verheirathung bei uns. Der Vater, ein aufgeregter Mann, kündigte den Dienst des Mädchens: weil ich das neue Gesangbuch nicht abschaffen wolle, müsse seine Tochter aus meinem Hause. Sie bekam leicht andere Stellen, wollte später, nach ihres Vaters Tod, wiederholt wieder zu uns, aber wir konnten doch ihretwegen nicht andere brave Mädchen entlassen. Sie ging auswärts, verlor den inneren Halt, wohl auch ihre Ehre und suchte den Tod im Rhein. Hier will ich erwähnen, dass wir eine Reihe von Dienstmädchen hatten, mit wenigen Ausnahmen sehr brave, die es nicht waren wurden rasch, wenn nöthig Knall und Fall entlassen. Die Dienstmädchen bekamen ihre Weisungen präcis und kurz, wurden sonst freundlich und geduldig behandelt, [77] vertraulich nur 2 der besten, von denen eine Diakonisse wurde, die andere den Dienst verliess, weil er ihr zu schwer wurde. Alle Mädchen nahmen selbstverständlich an der Hausandacht theil und waren dafür dankbar, wie auch für den ihnen möglich gemachten regelmässigen Gottesdienstbesuch. Nur ein älteres Mädchen, das sehr ehrlich und sittlich tadellos war, beschwerte sich über Gottesdienstbesuch und Hausandacht und schalt auf unsere Frömmigkeit. Wir liessen sie gehen, obgleich sie schliesslich nicht ungern geblieben wäre. Dass uns Gott der Herr fromm Gesinde, als einen Theil des täglichen Brodes, schenkte, muss ich dankbar preisen, weil wir zumal in späteren Jahren erfahren mussten, dass es manchmal ausserordentlich schwer fällt, selbst um hohen Lohn Dienstboten zu erhalten, deren man froh werden kann.

Grosse Hoffnungen knüpfte ich daran, dass die jetzt verwitweten Gebrüder Heinrich und Friedrich Kraemer sich sehr freundlich und vertrauensvoll zu ihrem Pfarrer stellten. In kirchlich-religiöser Beziehung erfüllten sich diese Hoffnungen nicht; die Herren und ihre Söhne kamen nur bei besonderen Veranlassungen zum Gottesdienste, während sie sonst mich kräftig unterstützten, meinen Rath suchten und hörten und dem Pfarrhause alle Arten von Aufmerksamkeiten und Achtung erwiesen. Die Damen der Familie besuchten den Gottesdienst; besonders regelmässig Herrn Heinrich Kraemer seniors Tochter, verehelichte Böcking in Antwerpen, sie fehlte bei ihren Besuchen in St. Ingbert an keinem Sonntage und ebenso kam Frau Heinrich Kraemer Jun. geb. Stumm von Neunkirchen immer häufiger und endlich ganz regelmässig zu den Gottesdiensten und trat zum Pfarrhause in ein näheres freundschaftliches Verhältnis. Ihrem ältesten Sohne, Heinrich, gab ich so lange er in St. Ingbert war, Religionsunterricht. Ihr 2. Sohn, Friedrich, brachte uns bei seiner Geburt eine Orgel für die Kirche mit.

Dies ging so zu: Bei dem Tauffeste sass ich neben Frau Eisenwerksbesitzerin Stumm in Neunkirchen und konnte ihr danken für einige unentgeltliche Lieferungen ihres Werkes zu unserer Kirche. Auf ihre Frage, warum noch keine Orgel in der Kirche sei, gab ich ihr an, ich habe keine Orgel gewollt, bevor die [78] Kirche 5 Jahre alt und ordentlich ausgetrocknet sei, und dann seien bisher noch Schulden zu decken gewesen, weshalb ein Orgelfond nicht habe gesammelt werden können. Als sie fragte, was eine Orgel kosten könne, ward ich aufmerksam auf die Situation und hielt einen launigen Vortrag über grosse und kleine, über schlechte billige und gute theure Orgeln, über den Charakter der einzelnen Register und darüber, dass man eine Orgel grösser anlegen, und doch mit wenigen Registern beginnen, später mehr hinzufügen könne. Die Sache interessierte sie je mehr und mehr und als die Frage kam: wieviel Geld für eine gute, dem Kirchenraum angemessene Orgel nöthig sei, erwiederte ich kurz entschlossen: 1600-1700 Thaler. "Ich stelle sie Ihnen zur Verfügung; mein Schwiegersohn wird sie Ihnen auszahlen."

Ich verhandelte mit Ladegast in Weissenfeis, dem Erbauer der Leipziger Thomasorgel; seine Disposition sagte mir zu und er nahm die Bestellung an, obgleich sein Arbeitsfeld, wie er sagte, der Osten sei, aber er wolle einmal nach Paris, den Franzosen in die Werkstatt sehen, und sehe St. Ingbert als Sprungbrett dahin an, weil er doch sonst nicht zur Reise nach Paris käme. Für nicht ganz 1700 Thaler wurde die Orgel fertig aufgestellt, denn ich war stets darauf aus, zur Verfügung gestellte Summen nicht ganz aufzubrauchen, namentlich aber Geschenkgeber durch Ersparungen zu erfreuen und nicht durch Nachforderungen zu verstimmen. Dies Verfahren rentiert sich, probavi!

Die nächste Aufgabe war die Erbauung eines Pfarrhauses, Geld hatten wir hiezu noch keins, aber mit Hilfe des Gustav Adolf Vereins und einer nachgesuchten Kirchenkollekte konnte die Gemeinde das Nothwendige aufbringen. Der Bauplatz nebst Raum für einen Hausgarten war zugleich mit dem Kirchenbauplatz erworben worden. Freilich waren etwa 100 Kubikmeter Erde wegzufahren, um das Haus auf gleiches Niveau mit der vorüberziehenden Strasse stellen zu können. Der mit Lehm stark untermischte Sand des Terrains half dazu, die Räumungsarbeit grossentheils unentgeltlich, im Ganzen aber billig auszuführen, nur musste ich viel rennen und reden, um genug unbezahlte Liebhaber beizubringen. [79] Die Grundrisse des Hauses hatte ich längst überlegt und festgestellt; dem Bezirks-Bauschaffner überliess ich die Aufrisszeichnungen und wies dessen Eingriffe in die Grundrisse zurück. Im Jahre 1865 wurde der Grundstein gelegt, 1866 der Bau vollendet. Ich hatte beim Kirchenbau so viel vom Bauwesen gelernt, dass ich die Bauleitung und Bauaufsicht selbst übernahm, wogegen niemand etwas einwandte, auch der in Zweibrücken wohnende Bauschaffner nicht. Die Handwerker mit ihren Ausflüchten und Intriguen, ihrer Unzuverlässigkeit und Lügenhaftigkeit in Versprechungen lernte ich diesmal erst recht kennen. Dagegen auch einen Maurermeister, der kein rohes und zorniges Wort hören liess, seine Leute ruhig und höflich behandelte, aber sehr bestimmt in seinen Anweisungen und scharf in der Überwachung der Ausführung war. Die Leute folgten ihm ehrerbietig und willig, um so mehr da er sehr tüchtig und erfahren war. Ich habe von dem feinen Herrn viel gelernt und war mit ihm nahe befreundet, als er von St. Ingbert wegzog, um in Wien sich bei dem Bau von Donaubrücken zu beteiligen.

Mitten in die Bauarbelt am Pfarrhause fiel im Jahre 1865 eine Generalsynode, zu deren geistlichen Vertreter der Diöcesansynode Homburg ich gewählt wurde. Die liberale Linke der Synode war der positiven Rechten um wenige Stimmen überlegen, aber wegen persönlicher Differenzen nicht ganz einig. So erlangte von den geistlichen Kandidaten der Linken und Rechten durch mehrere Wahlgänge hindurch keiner die nöthige absolute Majorität. Schliesslich schwenkte das rabiateste Mitglied der Linken zur Rechten herüber und gab mir seine Stimme, denn - so sagte er - bei mir wisse man woran man sei, aber bei dem Gegenkandidaten sei man nie sicher, ob er die sachlichen Gründe persönlichen Rücksichten vorgehen lasse. So kam ich als jüngstes geistliches Mitglied in die Generalsynode zugleich mit meinem Vater, welchen die Diözesansynode Zweibrücken entsandte. Es machte Aufsehen, dass Vater und Sohn zusammen in der Gen.Synode sassen und wurde auch sehr bemerkt, dass Vater und Sohn, obgleich sie ein Zimmer bewohnten, bei den Abstimmungen auseinandergingen, bei welchen Mittelparthey und Rechte sich scheiden. Die Linke, durch ihren Erfolg im Gesangbuchsstreite ermuthigt, griff die im Gebrauch befindlichen Lehrbücher an, nämlich Zahn's biblische Geschichte und den Unionskathechismus, der aus dem Heidelberger [80] und dem kleinen Kathechismus Luthers zusammen gearbeitet war. Es war der Anfang weiterer Kämpfe.

In der Gen.Synode hatte ich meinen Sitz neben meinem derzeitigen Dekan Ritter, dessen Ernennung zum Dekan ein Missgriff gewesen war. Er war, abgesehen von kulinarischen und sonstigen Eigenheiten, in der theolog. Wissenschaft und im amtlichen Wirken schwach und gewann weder bei Geistlichen noch bei Laien Ansehen und Achtung. Bei den Kirchenvisitationen legte er grosses Gewicht auf die Verpflegung. Als Konsist.Rat König in St. Ingbert visitierte, kam er als überflüssiger Begleiter mit, wohnte aber den Verhandlungen mit dem Pfarrer und Presbyterium nicht an, sondern liess sich unterdessen das ganze Mittagessen auftragen und meinte vor dem Braten, er sei beinahe schon dreiviertels satt, ass sich dann völlig satt, setzte das Dessert drauf und reiste ab, um daheim irgend eine Funktion zu versehen. In der Gen.Synode von 1865 erregte er Aufsehen mit der Äusserung: Ich bin in der individuell befriedigenden Lage, bei vorwürfiger Frage mit Ja und mit Nein stimmen zu können. Er holte sich damit die Erwiederung, er gleiche nicht dem Apostel Paulus, dessen Rede nicht: Ja, ja und Nein, nein gewesen sei, und von Göthe müsse er sich sagen lassen, dass Ja und Nein eine schlechte Theologie abgebe.

In mir juckte und zuckte es oft, bei den Gen.Synodal-Verhandlungen das Wort zu nehmen, aber als jüngstes Mitglied hielt ich mich zurück und als Sohn schwieg ich, wenn mein Vater anders gesprochen hatte, als ich hätte sprechen müssen. Desto fleissiger folgte ich den Verhandlungen mit der Feder und reproduzierte sie darnach im "Evang. Kirchenboten" Vielen zu Dank.

In St. Ingbert entwickelte sich die prot. Schule sehr günstig. Lehrer Friedr. Vogelsang hatte zu Ende der 50ger und zu Anfang der 60ger Jahre schon sehr im Segen gearbeitet. Im Jahre 1864 war der hervorragend tüchtige und fleissige Lehrer Drumm gekommen. Die wachsende Schülerzahl forderte weitere Lehrkräfte. Im Konfirmandenunterrichte merkte ich, wie gut unterrichtet und geistig geschult die Kinder waren; das kommende Geschlecht versprach eine gute Zukunft der Gemeinde. In den Familien wurde ich mehr und mehr bekannt. Durch einen [81] Lesezirkel, den die Konfirmanden bedienten, versorgte ich die Häuser mit kirchlichen und Missions-Blättern; mein Bücherdepot erleichterte den Bezug von Heil. Schriften und Gebetbüchern. Ein Missionsverein brachte ganz nennenswerthe Gaben auf.

Meine Anregung, für die Kranken- Armen- und Kinderpflege Diakonissen zu berufen fand reges Entgegenkommen und kräftige Unterstützung namentlich auch bei der Familie Kraemer. Zunächst wurden 2 Schwestern für St. Ingbert berufen, eine für die Kranken- und Armen-Pflege, die 2. für eine Klein-Kinder-Schule. Leider wurde deren, kaum begonnene Thätigkeit durch die Kriegsereignisse des Jahres 1866 unterbrochen, denn beide Schwestern wurden in Kriegslazarethe berufen.

Noch vor Beginn des Krieges waren wir in das fertig gestellte neue Pfarrhaus gezogen. Wie wohl war uns in den ausgiebigen Räumen! Als die Fundamente des Hauses aus der Erde wuchsen, wurde dessen Umfang als klein angesehen. "Unser Pfarrer baut sich ein Gartenhäuschen", so spotteten Vorübergehende. Als das Haus fertig war, hiess es: "Unser Herr Pfarrer hat sich einen Palast gebaut"! Die ganze Ausführung war solid, aber einfach. Grundsätzlich widerstand ich dem Drängen mancher Presbyter, reichere Steinhauerarbeit, moderne Gipserarbeit und dergl. anzubringen. Ein Pfarrhaus soll einfach gehalten sein, auch in seiner Möblierung. Unsere Einrichtung war einfach und ein Kollege, der meinte, ich sei fürstlich eingerichtet, bewies mit seiner Bemerkung nur, dass er wohl Bauernhäuser, aber keine besser eingerichteten, geschweige luxuriöse Bürger— und Beamtenhäuser kannte.

Meiner lieben Frau that Luft und Licht im neuen Hause besonders wohl. War sie doch seit der Geburt unseres Ernst infolge einer Rippenfellentzündung und einer angegriffenen Lunge leidend. Eine 11wöchentliche Kur in Reichenhall hatte zwar sehr befriedigenden Erfolg, aber ihre Gesundheit war noch immer nicht fest. Später hatte sie mit Lungenentzündung, mit Magenleiden, mit schweren Krampfanfällen zu thun und unsere sehr tüchtigen Hausärzte und lieben Hausfreunde hatten sie beständig in Behandlung. Die Zeiten relativen Wohlbefindens waren kurz. [82] In das neue Haus waren als erste Hausgenossen die Diakonissen mit eingezogen auf so lange, bis sich ein besseres Unterkommen für sie fand.

Ein lieber Hausfreund wurde uns der damalige Polizeykommissär Jakob Krieger, später in das Reichsland übergesiedelt, und als Landgerichtsdirektor in Strassburg verstorben. Dr. Joseph Krieger, als geh. Medizinalrath in Strassburg verstorben, kam regelmässig einmal in der Woche zu einem musikalischen Abende, wie vor ihm der Notariatspraktikant Vogel, als Notar im Elsass verstorben.

Mancherlei Besuch, auch Logierbesuch von Verwandten und Freunden ging aus und ein. Ich hatte dabei gar oft den Führer durch die industriellen Werke (Eisenwerk, Bergwerk und Glashütte) zu machen, welches Amt ich auch für Töchterschulen, Gymnasialklassen, einmal für das ganze Lehrerkollegium in Kaiserslautern übernehmen musste. Wurde dann trotz meines Abmahnens auf Befahren der Kohlengruben bestanden, so diente mir nachträglich stets ihr Jammern über den Schmutz und die Beschmutzung zur Genugthuung und Erheiterung, denn wer nicht hören will, muss fühlen.

Schon vor Vollendung des Pfarrhauses drängte sich mir eine besondere Arbeit und Sorge auf. Zum Pfarrbezirk waren ausser den zum ständigen Vikariat gehörigen Orten noch einige weitere Orte gezogen worden, die früher zur Pfarrei Walsheim, Dekanats Zweibrücken, gehörten. Sie waren zum Theil 4 Stunden von St. Ingbert entfernt. Die Zahl der darin zerstreuten Protestanten betrug etwa 150, wovon die meisten in Ensheim und Eschringen wohnten. Zu ihrer geistlichen Pflege musste etwas geschehen. Auf der nahe bei Ensheim gelegenen Ziegelhütte wurde mir ein grosses Zimmer zur Verfügung gestellt, um Gottesdienst darin abzuhalten. So machte ich mich denn alle 8 Wochen auf den Weg, an Sonntag Nachmittagen Gottesdienst abzuhalten. Doch dies genügte nicht. Nach Ensheim war ein katholischer Geistlicher gekommen, der im Gymnasium mein Klassengenosse gewesen war und den ich bei erster Gelegenheit besuchte, in der Absicht, den freundschaftlichen Verkehr fortzusetzen. Aber der Mann war ein eifriger katholischer Priester geworden, erwiederte meinen Besuch nicht und fing an, meine prot. [83] Pfarrkinder mit Bekehrungsversuchen zu belästigen. Sein Fanatismus ging so weit, dass er bei prot. Sterbefällen und Beerdigungen das Recht anfocht, die kathol. Glocken zu benutzen. Wegen der Glocke in Eschringen musste ich das prot. Recht im Verwaltungswege sicherstellen. Zu Ensheim half der Bürgermeister, dessen Frau protestantisch war, das verfassungsmässige Recht der Glocken durchsetzen, einmal mit Gewalt. Der Pfarrer hatte bei einer prot. Beerdigung sich in den Glockenthurm begeben, die Thüre verschlossen und die Glockenseile sich um die Arme gewunden, um das Läuten unmöglich zu machen. Der Bürgermeister liess aber die Thurmthüre durch einen Schlosser öffnen und schickte 2 grosse Männer, die über dem Kopfe des Pfarrers die Seile fassten und anzogen, so dass der aufgezerrte Pfarrer sie freigeben musste.

Ich liess meinem Freunde sagen, auf sein Treiben werde ich eine passende Antwort zu finden wissen und diese Antwort sollte in dar Erbauung eines Bethauses und der Errichtung eines ständigen Vikariates in Ensheim bestehen. Das Vikariat war nicht zu erlangen, wenn nicht vorher das Bethaus da war. Ich nahm meine Bittgänge und Bittgesuche an den Gustav Adolfs Verein wieder auf und konnte dies um so freudiger thun, als das Presbyterium St. Ingbert mich beauftragt hatte, zu dem innigsten Danke für die Unterstützungen des G.A. Vereins die Anzeige zu fügen, dass St. Ingbert weiter keiner Hilfe bedürfe, da die erstarkte Gemeinde die für das Pfarrhaus noch erforderlichen Mittel selbst aufzubringen vermöge.

Ich hatte aber den Plan erwogen, das Bethaus in Ensheim als Privatbau aufzuführen, um so ohne jede behördliche Verzögerung zum Ziele zu gelangen. Dann mussten freilich die G.A.-Gaben mir persönlich für die Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. Herr Bürgermeister Arz war bereit, die Gaben für das Bethaus gegen Zins in Depot zu nehmen und auf den Bau Vorschüsse zu gewähren. Die sämtlichen prot. Hausväter der prot. Gemeinde in Ensheim und Eschringen erklärten sich schriftlich bereit - darauf bestand ich - mir das Bethaus um die nachgewiesenen Baukosten abzukaufen.

Die Baupläne entwarf ich bis ins Detail selbst, legte sie aber geprüften Architekten , sowie dem Konsistorium und den [84] Vorständen des G.A. Vereins vor. Die Bauleitung übernahm ich selbst. Die ganze Sache war mit grosser Verantwortlichkeit und Mühewaltung für mich verbunden, aber ich wagte mich in Gottes Namen hinein und mit Gottes Hilfe gelang die Durchführung überaus rasch und glücklich.

Der nach meinem fanatischen ehemaligen Freunde in Ensheim fungierende Pfarrer hatte mir einmal gesagt, dass ich in Ensheim doch eigentlich nur zu begraben habe. Ich benützte das Wort zu einem Sporne für die G.A. Vereine, dass sie helfen möchten aus einer sterbenden eine kräftig lebende Gemeinde machen, in der getauft und getraut, Schule gehalten und konfirmiert werde und das Evangelium hell und hoch auf dem Leuchter stehe als Wort des Lebens und Kraft zur Seligkeit.

Die Gaben flossen reichlich. Und als beschlossen war das Jahresfest des pfälz. G.A. Vereins im Jahre 1863 zu St. Ingbert zu feiern, sagte ich dem Bürgermeister, wenn ich einen Bauplatz hätte, müsste bis zu diesem Feste das Bethaus fertig sein. Da wies er auf einen grossen, im Dorfe gelegenen Acker mit der Frage: Gefiele Ihnen dieser Platz?, und auf meine Erwiederung, ein besserer sei nicht zu finden, sprach er ruhig: Der Acker war bisher mein, er gehört von nun an Ihnen für das Bethaus! Durch dieses werthvolle Geschenk war der sofortige Angriff des Baues ermöglicht. Die Arbeit ging im Frühjahr und Sommer energisch vorwärts. Freilich musste ich wenigstens 2 mal wöchentlich den 11 Kilometer langen Weg zur Baustelle machen und dort alle Einzelheiten ordnen, beaufsichtigen und im Gange halten, aber der rüstige Fortgang der Arbeiten gab Freudigkeit.

Den Versuch des Bezirksamtes, dem Bau Einhalt zu gebieten, da ein öffentliches Gebäude ohne behördliche Erlaubnis aufgeführt werden solle, wies ich kalt ab mit der Erklärung, der Bau sei meine Privatsache, was mir vom Presbyterium und vom Bürgermeisteramte bestätigt wurde.

Als kirchliche Nachfeier des G.A. Festes zu St. Ingbert konnte der Betsaal feierlich eingeweiht werden. Alle Festtheilnehmer waren tief ergriffen, das ganze Dorf froh bewegt, ich aber erwiederte einen Toast auf meine Person mit der [85] Nachahmung eines bekannten Blücherschen Spruches: Was hat das Werk zustande gebracht? Meine Verwegenheit, des G.A. Vereins Mildthätigkeit, Herrn Bürgermeisters Freigebigkeit und Mitthätigkeit und des grossen Gottes Barmherzigkeit!

Ich hatte im Bethause nur noch wenige Gottesdienste zu halten, denn meine Berechnung, dass dem Bethause das ständige Vikariat bald folgen werde, erwies sich als richtig. Im Jahre 1869 konnte ich als ersten ständigen Vikar von Ensheim meinen Schüler und Freund Hermann Jung einführen und mein langjähriges Sorgenkind seiner Pflege übergeben.

Das Bethaus wurde von der Vikariatsgemeinde bald förmlich in Eigenthum übernommen, nachdem es vorher eine gründliche bautechnische Prüfung bestanden hatte. Später hatte es unter den Händen verschiedener Vikare viel zu leiden. Der eine wollte eine zweite Glocke haben und liess den ursprünglichen Dachreiter durch einen allzuschweren ersetzen, der dem Dachstuhle und Dache gefährlich wurde. Ein anderer wollte heirathen und veranlasste die Erweiterung der im Hause befindlichen Vikarswohnung. Ein 3. liess den ebenfalls im Hause befindlichen Schulsaal erweitern. Ein 4. machte einen Abortanbau. Ein 5. wollte einen steinernen Thurm anbauen, der einstürzte und schwere Beschädigungen brachte. Ein 6. baute den steinernen Thurm neu auf. So ist der ursprüngliche Bau kaum mehr zu erkennen.

Noch während der Arbeit am Ensheimer Bethause hatte ich einen weiteren Bau als Planfertiger und verantwortlicher Bauleiter unternommen, nämlich den Bau einer Diakonissenwohnung mit Kinderschule in St. Ingbert. Hiezu hatten die Erben des im Jahre 1867 verstorbenen Heinr. Kraemer sen. 4000 Gulden zur Verfügung gestellt, wovon 1000 Gulden für das Grundstück abgingen, so dass für den Bau nur 3000 Gulden übrig waren. Damit auszukommen war keine leichte Aufgabe, aber sie wurde gelöst. Die Diakonissenarbeit war nun für St. Ingbert gesichert. Die Kleinkinderschule gedieh trefflich.

Aber für Schnappach war eine solche noch nöthiger wegen der dortigen Arbeiterbevölkerung. Die Errichtung wurde gewagt, aber die finanzielle Grundlage war sehr unsicher und machte [86] viele Sorgen, denn die Glashüttenbesitzer, auf deren Unterstützung gerechnet war, hielten sich abseits. Ich musste mit eigenem Gelde aushelfen und hatte doch wenig. So blieb die Schule ein Sorgenkind bis zu meinem Wegzuge von St. Ingbert.

Der Aufschwung der Industrie, die wachsende Seelenzahl, das Aufblühen zahlreicher Geschäfte liessen St. Ingbert sich immer mehr zu einer wirklichen Stadt umgestalten. Unter anderen städtischen Bedürfnissen machte sich auch das der Errichtung höherer Schulen geltend. Merkwürdiger Weise verlaute man nicht eine Gewerbe- oder Realschule, sondern eine Lateinschule, denn die Urtheile der auswärts befragten Kaufleute, Industriellen und Handwerker gingen dahin, dass in ihren Geschäften die Lateinschüler brauchbarer seien als die Realschüler. Die öffentliche Meinung ist heute anderer Ansicht. Was ist die Ursache? Der Betrieb der Realschulen hat sich geändert. Ist vielleicht auch der Lateinschulbetrieb ein anderer geworden? Nun, St. Ingbert bekam eine Lateinschule, die stark frequentiert wurde und noch wird; bald darauf auch eine höhere Töchterschule, die aber nicht gedieh. Für mich mehrte sich die Arbeit durch den Religionsunterricht an beiden Schulen, auch durch aushilfsweisen sonstigen Unterricht. Als später freilich einmal der Subrektor der Lateinschule wieder Aushilfe bei mir suchte, da man ihm und seinen Kollegen nicht zumuthen könne, mehr als 22 Wochenstunden zu ertheilen, musste ich ihm antworten, dass ich neben meinem Pfarramte noch 24 Wochenstunden ertheile und darum nicht weiter zu haben sei. Ich hatte nämlich neben den verschiedenen Schulunterrichts- und Konfirmandenstunden noch Privatunterricht im Hause Kraemer-Stumm, dann bei Schullehrlingen etc.

Recht viel wurde ich angesprochen, auswärts Festpredigten zu halten. Bei grösseren und kleineren Missions- und Gustav Adolf-Festen, bei Jahresfeiern von Rettungshäusern und des evang. Vereins, bei Diakonissenhausfesten und Kircheinweihungen wurde ich alle Jahre mehrmals um Predigten gebeten und kam gerne nach. Besonders die preussischen Brüder riefen mich oft und ich leistete ihnen gern Nachbarsdienst, bis sie mich einmal bei einem St. Ingberter Missionsfeste gänzlich im Stiche liessen. Daraufhin ging ich nicht mehr über die Gränze zu Festpredigten, sondern nur noch zu nachbarlicher Hilfe bei [87] näherstehenden Freunden.

In meiner eigenen Gemeinde hatte ich, abgesehen von den äusseren Angelegenheiten und den zahlreichen Unterrichtsstunden, Arbeit genug. Der Bevölkerungszuwachs durch Einwanderung ging stetig fort und es war viel population flottante darunter, die Mühe und Noth machte. Um den Überblick über alle prot. Gemeindeglieder nicht zu verlieren, musste ich mir ein Familienregister anlegen und dasselbe sorgfältig evident halten. Dadurch und durch persönlichen Verkehr war es mir möglich, die ganze Gemeinde mir stets gegenwärtig zu halten und alle ihre Glieder zu kennen. Ich kannte sie schliesslich ziemlich ausnahmslos Alle nach Zunamen, Vornamen und Spitznamen, nach Kinderzahl und Verwandtschaft, nach Heimath und Charakter u.s.w.; die Bergleute besonders noch mit ihrem Sonntagsgesichte und ihrem kohlengeschwärzten Werktagsgesichte. Wie ich mir auf der Bürgermeisterei manche Notizen holte, so konnte ich der Bürgermeisterei auch wieder mancherlei Aufschlüsse geben. Ich habe später meinen Kollegen oft den Rath gegeben, sich diese detaillierte Kenntnis ihrer Gemeindeglieder zu erwerben. Sie ist für die gesamte pfarramtliche Thätigkeit nöthig. Der Einblick in das innere Leben ist ohne Kenntnis der äusseren Lebensverhältnisse nicht möglich und praktischen guthen Rath kann man nur dem geben, dessen Lage man genau durchschaut.

Zu meinem grossen Leidwesen standen viele Gemeindeglieder noch in Opposition zum neuen Gesangbuche. [18] Die alten Gegner wurden verstärkt durch neue pfälzische Einwanderer, welche ihre alten Gesangbücher mitbrachten, und wurden von aussen z.B. durch Zweibrücker Advokaten und sonstige liberale Führer aufgestachelt. So kam zu Ende der 60er Jahre eine Petition um Beseitigung des Buches zu stande, welche viele Unterschriften trug, allerdings nicht die der Mehrzahl aller Familienväter. Ich stemmte mich den Petenten fest entgegen und liess ihr Gesuch, weil es unbegründet und nicht ausreichend unterstützt sei, unter den Tisch fallen. Einen tiefen Eindruck aber machte es auf die Gemeinde, dass nach kurzer Frist die unterschriftlich an der Spitze stehenden Männer verdorben und zum Theil jäh gestorben waren. [88] Unterdessen war die politische Weltlage in höchste Spannung gerathen. Die Ergebnisse des Krieges von 1866, der die Pfalz ja nicht direkt berührte, hatten die Gemüther mehr und mehr beunruhigt, aber das Verhalten Frankreichs bezw. Napoleons III, der Luxemburger Handel, die Hetzereien in der französischen Kammer stellten einen neuen Krieg in Aussicht. Die spanische Thronkandidatenfrage brachte die höchste Aufregung , und der Hoffnung, dass der Frieden erhalten bleibe, folgte im July 1870 blitzartig rasch der Krieg.

[89]
Die Kriegszeit 1870/1871

Der Krieg war noch nicht erklärt. Ich hatte Sonntags Nachmittags eben die Christenlehre beendet, als ein Zug preuss. Ulanen feldmarschmässig ausgerüstet am Pfarrhause vorüberritt, den Elsterstein besetzte und Patrouillendienst einrichtete. Kein Zweifel, der Krieg war da. Wir, die wir nur 3 Stunden von der französischen Gränze und dazu an der Kaiserstrasse von Mainz nach Paris wohnten, mussten uns darauf gefasst machen, dass sich das Kriegsungewitter mit voller Wucht über uns entladen, unter Umständen hin- und herziehend mehrfach und lange über uns entladen werde. Wir schafften von Vorräthen ins Haus, was irgend zu bekommen war und wir thaten wohl daran, denn in kurzer Zeit waren alle Läden ausverkauft. Dauervorräthe von geröstetem Brode und Rauchfleisch wurden an verschiedenen, sicher scheinenden Plätzen versteckt, Werthsachen wurden bei Seite geschafft, theilweise vergraben, das Haus auf grössere Einquartierung eingerichtet. Vor allem wurde der Muth gestärkt, den kommenden Ereignissen getrost entgegen zu gehen.

Wir hofften zu Gott, dass der Sieg, wenn auch nach schwerem Ringen, dem Deutschen Heere zufallen werde. Dass man in Frankreich nicht ganz siegesgewiss war, im Gegentheil eine Niederlage fürchtete, zeigte mir zu meinem Troste folgender kleine Vorfall an: am Tage der Kriegserklärung sah ich den Wagen der Sulzbacher Glashütte In raschestem Laufe von Schnappach her kommen, sprang auf die Strasse und fragte den darin sitzenden Hüttenbeamten, wohin des Wegs und warum die Eile? Er gab die Auskunft, dass er die Werthe des Geschäftes nach Mannheim zu bringen habe. Nun war der Haupteigenthümer der Sulzbacher Glashütte Herr Chevandris de Valdrome, der im Amte befindliche Handelsminister Napoleons. Und dieser liess die Werthe des Geschäftes nicht nach Paris oder Frankreich, sondern nach Mannheim auf Deutschen Boden jenseits des Rheins bringen! Er rechnete demnach darauf, der Krieg werde auf französischem Boden ausgefochten werden und Deutschland in Sicherheit bleiben. [90] Die sichere Erwartung, dass es in der Nähe, zu Zusammenstössen der beiden Armeen kommen werde, drängte zur Errichtung von Lazarethen und einer Sanitätskolonne. Ein Komité nahm die Sache in die Hand. Ein grosses und 4 kleinere Lazarethe konnten mit dem Nöthigsten versehen werden. Zur Pflege wurden Diakonissen, barmherzige Schwestern, Männer, Frauen und Mädchen herangezogen. 3 kleinere Lazarethe mit Diakonissen kamen unter meine spezielle Oberleitung. Die Sanitätskolonne wurde nothdürftig ausgebildet und ausgerüstet, war aber im Stande, ganz nennenswerthe Dienste zu leisten.

Indessen hatten die Plänkeleien bei Saarbrücken und weiterhin an der Grenze begonnen. Wir wussten, dass zwischen uns und dem Feind nur ein Regiment Ulanen, beide noch nicht recht auf dem Kriegsfusse, und eine Batterie standen. Sie konnten einen ernsthaften französischen Vorstoss nicht aufhalten. Sonach konnten wir Tag für Tag des Einmarsches der Feinde gewärtig sein. Die Lage war drückend angstvoll, aber man wurde sich derselben kaum recht bewusst vor lauter Geschäften und in der Hoffnung auf raschen Vormarsch der deutschen Truppen. Es kam auch Kavallerie und immer wieder Kavallerie, da und dort errichteten sie ihre Biwaks, auf allen ritten und kreuzten sich ihre Patrouillen. In der Stadt lagen zuerst Ulanen und dann Dragoner. Der berühmte Kavallerieschleier hatte sich über uns ausgebreitet. Französische Deserteure, die über Hunger klagten, und angebliche Spione und Spioninnen wurden eingebracht. Sehr erheiterte die Nachricht, dass an der Blies eine französische Offizierspatrouille, die im Schulhause nach Karten der Pfalz forschte, eine Karte von Palästina als Karte der Pfalz (Palatinat) mitgenommen hatte.

Unter den Kriegsvorbereitungen starb mein Freund Bürgermeister Atz in Ensheim. An seinem Grabe musste ich unter allen Umständen stehen, je nach dem Verhalten des katholischen Pfarrers auch das Wort nehmen. Im Trauerhause fehlte Bürgermeister Peter Atz von Forbach; ein Bote meldete, er könne wegen massenhaften Truppeneinmarsches nicht kommen. Den Boten nahm ich vor und fragte ihn gründlich aus, um sofort nach dem Begräbnisse dessen wichtige Mittheilungen an die [91] nächsten deutschen Postierungen gelangen zu lassen. Dicht vor Ensheim kam mir eine Ulanenpatrouille entgegen. "Halt! Wer sind Sie? Woher? Wohin? Haben Sie keine Franzosen gesehen?" Nein, aber ich habe Wichtiges von ihnen gehört. Nehmen Sie Ihre Brieftasche und schreiben Sie. Und nun diktierte ich ihm, dass General Frossard gestern Abend in Forbach eingetroffen sei mit einem ganzen Armeekorps, welches in und dicht bei Forbach stehe, gab die Nummern einzelner Regimenter an, dazu die Quelle meiner Nachrichten und meinen Namen. Ein Ulan musste die Meldung sofort nach Blieskastell bringen, ich eilte - nachdem ich die Patrouille über ihren ferneren Ritt instruiert hatte - nach St. Ingbert und übergab meine Notizen dem Dragonerrittmeister von Schulenburg, der sie als sehr wichtig sofort telegraphisch weiter meldete.

Die Stimmung der kathol. Bevölkerung von St. Ingbert war entschieden antipreussisch und darum den Pranzosen freundlich. Frankreich hielt ja seinen Schild über Rom und der Papst war die morsche Stütze, welche die Kaiserin Eugenie für ihren unfehlbaren Halt hielt. Die einberufenen Reservisten aus St. Ingbert wurden antideutsch bearbeitet und ein solcher rief laut, beim Einrücken in die Kaserne zu Zweibrücken: "vive l'empereur!" Man erzählt sich, dass der die Männer erwartende Offizier nicht weiter als mit einem unfreiwilligen Bade in der Jauchegrube der Chevauxlegers-Stallungen gestraft und so die französischen Sympathien ersäuft habe.

Was in St. Ingbert geschehen wäre, wenn die französischen Waffen gesiegt hätten, lässt sich nicht sagen, aber Drohungen gegen uns Protestanten wurden ausgestossen. Man meinte auch offenbar, dass wir uns fürchteten, denn als ich einmal neben einem hoch mit Kisten beladenen Wagen rasch dahin ging, rief mir ein katholischer Bürger zu: Nun, Herr Pfarrer, flüchten Sie Ihre Möbel? Ich erwiederte ihm laut: Bei uns bleibt der Hirt bei seiner Heerde und ausserdem braucht man vor deutschen Soldaten nichts zu flüchten!

Indessen war unsere Lage doch sehr besorgniserregend. Die deutschen Heere standen am Rhein und die französischen rückten bereits an die Saar vor. Die schwache Besatzung von [92] Saarbrücken hütete zwar muthig und keck die Grenze und suchte den Feind über ihre geringe Zahl zu täuschen. Die Ulanen ritten bald mit, bald ohne Lanzen, bald mit Helm statt der Tschapka, bald in Stalljacken hinaus, um die franz. Vorposten glauben zu machen, es ständen ihnen viele Regimenter entgegen. Aber als am 2. August Frossards Armeekorps gegen Saar-brücken vormarschierte, um unter den Augen Napoleons und unter Mithilfe des kaiserlichen Prinzen Lulu, der selbst eine Mitraillese abfeuerte, die Saarlinie zu nehmen, musste die klein entgegenstehende Streitmacht weichen. Der in St. Ingbert laut hörbare Kanonendonner lockte mich auf die Saarbrücker Chaussee, auf welcher die bei uns liegenden Dragoner vorjagten. In Scheidt horte ich, Saarbrücken sei von den Franzosen genommen, über die Saar seien sie noch nicht gekommen, aber der Bahnhof von St. Johann brenne, die preussische Infanterie sei auf den Eschberg zurückgegangen und die am Halbberg und dem Rastpfahl stehende Artillerie könne nichts ausrichten.

Da kehrte ich schweren Herzens heim und musste meiner Frau sagen: es ist möglich, dass heute oder morgen die Franzosen da sind. Sie kamen nicht, wohl aber gehäufte preussische Kavallerie und am 4. August Abends die Siegesnachricht von Weissenburg. In einem grossen Kreise – denn seit Wochen fand ich mich Abends mit vielen anderen zusammen – hielt ich eine flammende Rede und warf beim Hurrah für die deutsche Armee meinen Hut in die Luft, dem alle anderen Hüte nachflogen.

Aber beim steten Gedanken an die nur 2 Stunden entfernt stehenden franz. Heermassen seufzten wir: käme doch endlich zur Kavallerie auch unsere Infanterie und Artillerie. Letztere zeigte sich am 5. August Abends; allerdings war es reitende Artillerie, gehörte also noch zu den vorausmarschierenden aufklärenden und verhüllenden Kavalleriedivisionen. Doch am 6. August rückte die Infanterie heran, das 52. Regiment, zum 3.(brandenburgischen) Armeekorps gehörig, welches die Avantgarde der 2. Armee unter Prinz Friedrich Karl bildete. Zu meinem Staunen zog gleichzeitig mit der Infanterie eine endlose Wagenkolonne mit fourage und manage durch die Stadt. Ich stand auf eine Lücke in der Wagenkolonne [93] wartend auf der Strasse unter den auf ihre Quartierbillette wartenden 52.ern. Ein alter Mann ging neugierig um die Soldaten herum und fragte endlich einen auf sein Gewehr gelehnten Musketier: von welchem Regimente sind Sie? ”Das will ich Ihnen sagen, erwiederte launig lächelnd der Brandenburger, wir sind das Regiment, das nie zurückgeht.“ Er hatte Recht. Das 52. Regiment hat es bei Mars-la-tour, wo mehr als 1/3 seiner Mannschaft gefallen sein soll, und dann im Januar 1871 auf dem Zuge und in der Schlacht bei Le Mans bewiesen, dass es nicht zurückgeht, auch vor erdrückender Übermacht nicht.

Wir bekamen gehörige Einquartierung, darunter 2 Offiziere. Als ich dem einen sein Zimmer anwies, sah er vorerst das Bett an und sagte mir: wenn man, wie wir diese Nacht, in strömendem Regen in nassen Wiesen biwaquiert hat, so ist schon der Anblick eines Bettes ein Hochgenuss. Derselbe Offizier neckte mich, als Aprikosen zum Nachtisch kamen: Ich sah Sie Aprikosen pflücken und meinte, Sie wollte dieselben vor uns in Sicherheit bringen. Ich erwiederte ihm: Sie mussten mit Blechlöffeln speisen, denn das Silber haben wir in Sicherheit gebracht, nicht vor Ihnen, sondern vor den Franzosen, die seit 8 Tagen 2 Stunden von hier stehen. Ihnen geben wir, was wir haben, auch die letzten Aprikosen. Gehen Sie nur hin und schlagen Sie die Franzosen.

Sie kamen noch denselben Tag zum Schlagen. Denn um 4 Uhr rief der Generalmarsch das Regiment in die Schlacht bei Spicheren.

Ich hatte um 11 Uhr einen preussischen Feldprediger aufgesucht, um mir für die Soldatenseelsorge einige Instruktionen und Hostien zu erbitten. Als wir miteinander verhandelten, erdröhnten die ersten Kanonenschüsse. Alles eilte auf die Strasse und die Offiziere steckten die Köpfe zusammen und jubelten: Wir kommen heute noch ran! Am Abende vorher hatten die Artillerieoffiziere das Terrain genau angesehen und in einzelnen Häusern gemahnt: wenn wir zurückgehen müssen, bleiben Sie nicht in Ihren Häusern. Auch dem Pfarrhause galt diese Mahnung, denn die Kirche bildete eine Verteidigungsposition. Diese Mahnung wirkte niederdrückend. Aber der Kampfesmuth, mit welchem das Regiment, ”das nie zurückgeht“ [94] in die Schlacht zog, verscheuchte alle Beängstigungen. Unsere Sanitätskolonne zog dem Regimente nach und brachte am folgenden Morgen viele Wagen mit Verwundeten in unsere Lazarethe.

Am folgenden 7. August war Sonntag und in der Pfalz der vor dem Krieg angeordnete Buss- und Bettag. Die Kirche war fast leer. Die Leute hatten alle Hände voll zu thun. Denn es folgte nun die Hochflut der Durchmärsche. Unsere Häuser lagen voll Soldaten, rings um die Stadt waren Biwaks. Die Ortsschelle machte bekannt, dass es in den Biwuaks an Lebensmitteln mangele. Wir schickten hinaus, was von Essbarem gerade vorhanden war. Zu den im Hause einquartierten Offitieren, Johannitern und Ärzten kamen noch evang. Feldgeistliche, die eine Ansprache, ein Glas Wein oder eine Tasse Thee suchten. Quartierzettel gab es nicht mehr. An der Hausthüre konnte man lesen, für wieviel Mann Unterkunft und Kost beansprucht wurde. Einmal fehlte es in einem Massenquartier der Kirche gegenüber an Nahrung. Ich liess die Leute antreten, setzte mich an ihre Spitze und fragte in der vom Pfarrhause aufwärts führenden Strasse von Haus zu Haus, wer noch Speise habe. Am Ende der Strasse waren Alle untergebracht.

Der Bürgermeister wollte einmal auch die Kirche belegen. Ich erwiederte ihm, wenn Noth an Mann gehe, werde ich die Kirche öffnen. Aber vorher müsse die kathol. Kirche belegt werden, da in St. Ingbert doch die Katholiken immer den Vorrang beanspruchen. Darauf blieb die Kirche verschont. Mein Haus nahm natürlich Alle auf, die ihm zugewiesen wurden. Nur gegen einen Marketender mit Frauensperson, die als Frau figurierte, protestierte ich, weil er nicht ins Pfarrhaus, sondern in eine Kneipe zu Kollegen gehöre. Zum Glück konnten die Metzger und Bäcker uns liefern, was wir an Fleisch und Brod verlangten und der Garten lieferte trotz des trockenen Sommers Gemüse, besonders Bohnen, die ich mit Hilfe meiner Buben gehörig gegossen hatte. So gab es Mittags ohne Menuwechsel Bohnen und den immer neuen Gästen mundeten sie trefflich.

Welche Armeekorps bei uns durchmarschierten, erinnere ich mich nicht mehr, Theile des 3. und 9. sicher, wahrscheinlich Hessen und Sachsen, zuletzt sicher die Pommern, welch einige [95] widerwillige Quartierträger prügelten. Nach einer Pause kam posen’sche Landwehr, die von Bazaine vor Metz so oft angegriffene Brigade Kummer. Zwischen und hinter den fechtenden Truppen zog der grossartige Train, Munitionskolonnen, Pontonbrücken, Feldlazarethe und Feldbäckereien. An einem Tag hatte Herr Heinrich Kraemer 50 Ärzte im Quartier, die seinem Rothspohn sehr gefährlich wurden. Ein ganzes Bataillon Bäcker sahen wir nach Metz durchmarschieren.

Die Leute waren durchweg sehr anständig und mit dem dargebotenen zufrieden. Nur einmal war ein unanständiger Kerl, mecklenburgischer Artillerist, im Hause. Unser sehr braves Dienstmädchen traute dem Burschen nicht und schlief in ihrer Küche auf einem Stuhle. Am anderen Morgen fand es sich, dass der Kanonier die Magdkammer erbrochen und in des Mädchens Bett geschlafen hatte. Wäre das Mädchen in seiner Kammer gewesen, es hätte sicher gehörig Lärm geschlagen und ich hätte dem Mecklenburger das Erbrechen der Kammer nach gebühr versalzen.

Am 10. August passierte das Hauptquartier der Armeen durch St. Ingbert. Schon an 2 Tagen vorher wurde immer gemeldet, König Wilhelm kommt und ich war nach der Hauptstrasse geeilt. Am 10 August sass ich mit meiner Offizierseinquartierung zu Tisch, als meine Buben athemlos meldeten: der König ist da! Ich stürzte natürlich sogleich fort – kam aber zu spät. Der König hatte 2 an der Hauptstrasse gelegene Lazarethe besucht, Bismarck und andere Zelebritäten waren auf der Strasse auf und ab gegangen. Welche Gelegenheit, dem König vorgestellt zu werden und Bismarck meine Wünsche wegen der künftigen Gränzregulierung vorzutragen. Diese Wünsche wurden ja in der Hauptsache erfüllt, aber trotz Moltke halte ich es heute noch für einen Fehler, dass man aus Belfort und Montbelliard nicht ein deutsches Befort und Mömpelgard wiederhergestellt und statt dessen die gehäuften Milliarden genommen hat, die ein sehr zweifelhafter Segen waren.

Der Jubel über den 2fachen Sieg am 6. August zu Wörth und Spicheren und über das Zurückgehen der franz. Armee hinter die Vogesen und bis Metz brachte auch viele bisher wenig patriotisch gesinnte Leute herum. Die folgenden viel entscheidenderen Siege vom 14. 16. und 16. August waren noch [96] entscheidender und nach ihnen kam in St. Ingbert nichts mehr vor, was ein Deutsch gesinntes Herz betrüben und ärgern musste.

Unsere Lazarethe waren gefüllt. Neben den Verwundeten von Spichern viele auf dem Marsch erkrankte oder marode gewordenen Soldaten darin. Die verwundeten Franzosen zeichneten sich durch Wehleidigkeit und Geschwätzigkeit aus. Nur ein korsikanischer Sergeant war auch auf seinem Schmerzenslager tapfer und über Frankreichs Missgeschick traurig. Als ich ihm nach Sedan die dortigen Ereignisse schonend berichtete, rann eine Thräne nach der anderen über die braunen hageren Wangen. Er sagte aber nichts als: merci Monsieur! Mein Französisch reichte schlecht aus zur Verständigung mit der grande nation, elsässische Verwundete mussten manchmal dolmetschen. Die preussischen Verwundeten waren gefasst, auch religiösem Zuspruche meist zugänglich, wünschten aber von den Franzosen wegzukommen.

Wir hatten viele schwer Verwundete, z.B. mehr Oberschenkelfrakturen als im ganzen Feldzuge von 1864 zu behandeln waren, wie mir ein Arzt sagte. Es fehlte an Ärzten; die durchmarschierenden Militärärzte durften nicht dableiben und konnten nur vorübergehend Hilfe leisten. Auch die durchmarschierenden Feldgeistlichen gingen eilend vorüber. Einer fuhr lieber nach Spicheren, um das frische Schlachtfeld zu sehen, statt mir zu helfen, sterbenden Soldaten das Abendmahl zu reichen. Die verstorbenen Tapferen beerdigte ich mit allen kirchlichen Ehren, später auch mit militärischen, nachdem eine Kompagnie bayer. Landwehr nach St. Ingbert gelegt war.

Die Leitung meiner Spitäler, die Listenführung, Korrespondenz, auch die Beschaffung von Nahrung, Erquickung und Medikamenten machte viele Arbeit. Einmal mussten die zu den Operationen nöthigen Betäubungsmittel von Kaiserslautern her mittels Extra-Lokomotive beschafft werden, weil in der Nähe keine zu haben waren. Um Wein, Suppeneinlagen, Verbandzeug und Leintücher in ausreichender Weise zu bekommen, musste ich mich mit mehreren Wagen zum Johanniter-Depot in Saarbrücken begeben. Dort sah ich ein grossartiges Bild des Kriegselendes. Auf der Etappe war ein beängstigendes Gedränge. Zum Glück war ich dem bayer. Delegierten zur Etappe, [97] Regierungsrath Graf Fugger begegnet; mit seiner Hilfe kam ich vor und wurde mein Ansuchen bewilligt. Während meine Sachen bereit gestellt wurden, half ich, wo man mich brauchen konnte. Es war am 20. oder 21. August. Eben fuhr ein Zug mit 3000 französischen Gefangenen ein, 60 gefangene Offiziere einen General an der Spitze, hatte ich schon im Lokomotivschuppen gesehen. Die Gefangenen wurden gespeist: warme Reissuppe ad libitum, dazu reichlich Brod mit Rindfleisch. Kaum ist der Zug fort, kommt ein Reihenzug mit Verwundeten. Die nicht weiter transportabeln werden in Lazarethe gebracht, die übrigen erquickt: wieder Reissuppe ad libitum (Einer nahm 4 volle Teller an), dazu Rindfleisch mit Schwarzbrod, dann noch weissbrod mit Schinken und pro Kopf 2 Cigarren. Dazwischen fuhr ein Munitionszug ab, ein Zug mit Truppen wurde angemeldet, dann kamen wieder Verwundete, drüben kam ein Zug über Trier mit aus Paris ausgewiesenen Deutschen jeden Alters und Geschlechts, dort wurde ein Sanitätszug fertig gestellt, der ausser Material ungezählte Ärzte und Pfleger aufnahm: Diakonissen, barmherzige Schwestern, Ordensbrüder, klein und grosse Sanitätskorps in allen möglichen Uniformen. So kam und ging es die 3 Stunden bis ich meine Sachen übernehmen und fortbringen konnte. Die Riesenvorräthe des Johanniterdepots beruhigten mich hinsichtlich der Verpflegung unserer und anderer Verwundeten.

Daheim wartete neue Arbeit. Unsere industriellen Werke standen still. Der Verdienst fehlte den Arbeitern. Der Bahnbetrieb war eingestellt, die Zufuhren fehlten. Die Umgebung von St. Ingbert, meist Wald, bietet wenig Nahrungsmittel. Die starken Durchmärsche hatten die Vorräthe aufgezehrt. Es fehlte in vielen und immer mehr Familien an Nahrung. Dem Pfarrer kamen die Klagen immer häufiger und dringender vor die Ohren. Die Behörden regten sich nicht.

Da bildeten wir ein Hilfskomitee, erliessen weithin einen Nothruf und organisierten die Vertheilung von Nahrungsmitteln an die Nothleidenden. Es war keine kleine Arbeit, die Liste der zu unterstützenden aufzustellen und die Quote von Lebensmitteln je nach der Kopfzahl der Familien und sonstiger Verhältnisse festzusetzen. Mir fiel die Hauptarbeit zu, obgleich [98] die Komitemitglieder sich betheiligten. Unser Nothruf hatte grossen Erfolg; Baden und Württemberg schickten viele Wagenladungen von Lebensmitteln aller Art. Im Güterschuppen der Eisenbahn wurde die Vertheilung begonnen. Aber hier nahmen die Komitemitglieder Reissaus. Es ist ja das Austheilen von Geschenken oder unentgeltlichen Wohlthaten an Arme in grösserem Maasstabe immer ein sehr undankbares Geschäft; die steigende Unerquicklichkeit desselben habe ich bei der Lebensmittelvertheilung im Herbst 1870 durchgekostet. Zweimal wöchentlich wurde je nach den Vorräthen Brod, Mehl, Fleisch, Suppeneinlagen, Hülsenfrüchte, Kartoffeln u.a. 200 bis zu 300 Familien herausgegeben. Der Empfang war bei mehreren ein sorglich dankbarer, aber welche Unzufriedenheit und Begehrlichkeit, welcher Neid und welche Zornausbrüche, welches Zanken und Schreien, ja welche Drohungen kamen da zu Tage. Ich musste schliesslich die ganze Polizey- und Gendarmerie-Mannschaft neben dem die einzelnen Lebensmittel abgebenden Bahnpersonal zu Hilfe nehmen, um die Menge in Zucht und Ordnung zu halten. Und wie war ich herzlich froh, als die Wiederaufnahme der Arbeit in den Werken und die Auftheilung der Vorräthe die Einstellung der Lebensmittelabgabe herbeiführte!

Gegen das Ende dieses recht unangenehmen Geschäftes erschien der Regierungspräsident v. Pfeiffer und entbot das Verteilungskomite nebst dem Stadtrathe vor sich. Der letztere empfing eine Strafrede wegen der unpatriotischen Stimmung und Haltung eines Theils des Bevölkerung, an der der Stadtrath nicht schuld war.; das Verteilungskomite bekam Vorwürfe wegen seines Aufrufes, durch welchen die Pfalz in ein übles Licht gestellt worden sei. Im Namen des Komites wies ich die Vorwürfe zurück, schilderte die Lage, betonte die Unthätigkeit der Behörden und erklärte, die bittere Noth habe zum Handeln gezwungen, und ein anderes Mal müsste in gleicher Lage wieder ebenso gehandelt werden, wie geschehen war. Die riskierte Ungnade traf mich nicht, vielleicht weil der Präsident nicht aus eigenem Antriebe sondern auf höhere Weisung geredet hatte.
[99] Die Thätigkeit in den Lazarethen ging fort, obgleich stark evakuiert worden war. Zur Abschiebung der Franzosen drängte theilweise deren Unbotmässigkeit. Ein solcher widersetzte sich in einem der mir unterstellten Lazarethe der Schwester, warf die ihm gebrachte Kost zum Fenster hinaus und randalierte derart, dass die preuss. Rekonvaleszenten ihn prügeln wollten. Ich liess ihn sofort durch die Gendarmerie zur nächsten Etappe bringen. Das Gegenstück war ein franz. Fussjäger aus Rouen der sich zum Lazarethgehilfen herausarbeitete und bei seiner Evakuierung unter Thränen bat, bleiben zu dürfen oder doch wieder in ein Spital mit Diakonissen verbracht zu werden.

Da wir Pflegekräfte und Vorräthe, dazu in den auf 3 reduzierten Lazarethen gute Betriebseinrichtungen hatten, erbaten wir einen neuen Transport von Verwundeten und erhielten Ostpreussen aus den Kämpfen vom 1. Sept. vor Metz. Es waren sehr schwer Kranke darunter und nach wiederholten Evakuierungen wurden die letzten Pfleglinge in das mir unterstellte Diakonissen- Lazareth verbracht, das sie erst im März 1871 verliessen.

Die Korrespondenzen über die bei uns verpflegten Verwundeten zogen sich 2 Jahre fort und gaben mir einen Einblick in die skrupulöse Arbeit der preuss. Revisionsbehörden.

Dem verdienstvollen Leiter des grossen St. Ingberter Kriegslazarethes wurde eine höhere Auszeichnung für seine Thätigkeit aus mir unbekannten Gründen versagt. Daraufhin verzichtete ich auf eine solche Auszeichnung und begnügte mich mit der Kriegsdenkmünze. Meine Frau aber erhielt verdientermassen das baier. Verdienstkreuz.

Nach dem Tage von Sedan und seinem hohen Siegesjubel trat grössere Stille ein. Wir waren dem Kriegsleben ferner gerückt. An die Truppendurchmärsche erinnerte nur noch das abgelegte Gepäck eines Bataillons, welches lange Wochen auf einer Wiese seiner Abholung wartete. Der Soldat liebt sonst seinen Tornister nicht sonderlich, aber jenes für seinen beschleunigten Vormarsch erleichterte Bataillon mag sich doch sehr nach seinen ”Affen“ gesehnt haben.
[100] Die lange Zernierung von Metz und der darin eingeschlossenen Armee Bazaines brachte aber ein eigenthümliches Leben auf unsere Kaiserstrasse. Sogenannte Marketender brachten alle möglichen Bedürfnisse vor die zernierte Festung. Wer einen Wagen hatte oder etwas Geld, oder wer beides geliehen bekam, wagte die Spekulation der Verbringung aller denkbaren Bedürfnisse dorthin, denn flotter Absatz war sicher. Als Rückfracht wurde allerlei Kriegsbeute mitgebracht.

Dann erschienen grosse Ochsen- und Rinderherden, die ihren Weg theilweise in den ungarischen Pussten angetreten hatten. Leider brachten sie die Rinderpest mit, so dass besondere Schutzregeln nöthig wurden, zu deren Durchführung bayer. Landwehr erschien. Wer zur Stadt ein- und ausging musste sich in einer Räucherhütte durch Chlor desinfizieren lassen. Ich genoss dieses Vergnügen nur einmal und verschaffte mir dann einen Passe-par-tout, den die Schildwachen ungern respektierten, denn es machte ihnen Vergnügen, alle Menschen als Träger von Rinderpest-Bazillen zu behandeln.

Nebenbei hatten die Landwehrleute auch die Marketenderwagen zu kontrollieren und besonders die von Metz zurückkehrenden bezüglich der Rechtmässigkeit des Besitzes ihrer Kriegsbeute zu prüfen; die Waffen wurden sämtlich ihnen abgenommen.

Nach dem Falle verschwand auch dieses Kriegsbild. Der beständig am Telegraphen liegende, die durchgehenden Depeschen abhorchende Postbeamte, von dem wir manche Neuigkeiten früher als die Behörden und Zeitungsredaktionen hörten, ermüdete über dem so häufigen: ”Nichts Neues vor Paris.“ Die unmittelbare Berührung mit den Kriegsereignissen hatte aufgehört. Nur die tägliche Absendung von je 6 Cigarren und ausserordentliche Sendungen von Unterhosen, Socken, Stearinlichtern und Streichhölzern hatte ihren Fortgang. Das Haus wurde wieder auf den Friedensfuss eingerichtet. Die Betstunden, die ich Mitte August an Mittwochen eingerichtet hatte, wurden abgesagt, denn sie wurden nur noch spärlich besucht, namentlich von solchen, welche Söhne im Felde stehen hatten.


[101] Die Kämpfe um Paris, jene im Norden Frankreichs, an der Loire und bis nach Le Mans, dann im Süden an der Saone und Lisaine, bis zu den letzten Kämpfen bei Pontdarlier, die Kaiserproklamation, die Friedensverhandlungen und den Friedensschluss verfolgten wir mit ganz Deutschland an der Hand der Zeitungen.

Der Rückmarsch der deutschen Armeen machte sich uns nur wenig bemerklich und brachte nur etwas Kavallerie und Fussartillerie in unsere Quartiere. Das Schwerste bei dieser Einquartierung war die Aussprache des Namens eines Artilleriehauptmannes, der nur Pfarrhäuser als Quartier nahm und dessen Name neben 13 Konsonanten nur 1 Vokal hatte!

Mit vielen Festreden, zu denen ich mich gern heranziehen liess, und mit der Friedenspredigt schloss die grosse Zeit. Von Ihrer Schwere habe ich ein redlich Theil getragen, doch bin ich wie im Traum hindurchgegangen. Die Aufregung und Anspannung half über vieles hinweg. Schliesslich erging es mir, wie meinen 2 Buben, die nichts als Freude am Kriegstreiben hatten und eines Tages heimkamen und eifrig berichteten: die Soldatenpferde sind aber gut! Wir haben im Stalle unter ihnen gelegen und sie haben uns nicht getreten und nicht gebissen. Morgen dürfen wir auf ihnen reiten! Das Kriegstreiben hat uns nicht getreten, nicht gebissen, keinerlei Schaden gethan; es hat uns getragen und reich an mancherlei Erfahrungen Göttlicher Gnade und Hilfe sind wir auf unserem Lebenswege vorangekommen. Gott dem Herrn sei Lob und Dank und Ehre!

[102]
VIII Pfarrerszeit 1871 - 1881.

Der Krieg hatte keine Anregung in kirchlicher oder religiöser Beziehung gebracht, aber auch keinen Schaden. Kaiser Wilhelms I beständige Hinweisung auf Gottes gnädige Fügung und auf seine spürbare Hilfe hielt den Übermuth zurück und öffnete bei entscheidenden Wendungen die Augen, dass selbst sonst blinde und für Gottes Walten trübe Augen die Hand Gottes erkannten. Besonderen Eindruck machte das Standhalten des 3. Armeekorps bei Mars-la-Tour, das rechtzeitige Eintreffen der Pommern bei Gravelotte, das gelungene Abgedrängtwerden der franz. Armee von der belgischen Gränze bei Sedan, das rechtzeitige Freiwerden der Metzer Zernierungsarmee für den 2. Theil des Loire-Feldzuges und der fast wunderbare Widerstand Werders gegen Bourbackis Südarmee.

Im Pfarrhause zu St. Ingbert gab es kurz nach dem Friedensschlusse noch recht schwere Tage durch die Einschleppung dar schwarzen Blattern im Zusammenhang mit dem Eintritt eines Pflegekindes in die Pfarrfamilie.

Der Wunsch meiner Frau, ein Töchterchen zu haben, war versagt geblieben. Da ergriff sie mit mir die Gelegenheit, ein Pflegekind zu erhalten und zugleich einem verwaisten Kinde ein Heim zu bieten. Dies fügte sich durch unser Bekanntwerden mit Fräulein Weimann aus Köln a/RH., welche als Haushälterin bei dem Pächter Wedekind auf dem Ensheimer Hofe war. Frl. Weimann wohnte regelmässig den Gottesdiensten in Ensheim bei, kam gelegentlich auch in unser Haus und blieb bei ihrem Abgange vom Ensheimer Hof einige Tage bei uns. Im Jahre 1871 theilte sie uns mit, dass ihr Schwager Gross, Hausvater einer Rettungsanstalt, samt seiner Frau gestorben sei unter Zurücklassung mehrerer Kinder, darunter zweier Mädchen von 6 und 4 Jahren. Wir sahen darin einen Gotteswink und erbaten uns das ältere Mädchen. Frl. Weimann brachte zu unserer Überraschung beide Mädchen, um sie beide bei uns zu lassen. Das ging nun nicht, aber eine Zeit lang blieben doch alle 3 bei uns. [103] Denn das jüngere Kind erkrankte und unser Hausarzt konnte die Krankheit nicht sogleich feststellen, wollte dies am folgenden Morgen thun, gab mir aber eine Andeutung seiner Vermuthung. Am folgenden Morgen kam der neu eingetretene Dekan Rettig, mein Universitätsfreund, mit Frau und Sohn zum Antrittsbesuche. Während ich mit ihm mich unterhalte, tritt der Arzt ins Zimmer mit Lanzette und einem Glasröhrchen. ”Sind sie’s?“ frug ich und auf sein Ja musste ich meinem Dekan sagen: Erschrick nicht, ziehe den Rock aus, mache den Hemdärmel zurück und lasse Dich impfen, denn wir haben die Blattern im Hause. Kaum war es geschehen, da kam ein Schrei aus dem Fremdenzimmer; Frl. Weimann war in Ohnmacht gefallen, der Arzt ruft nach Wasser und Hilfe, ich eile um Frau Rettig vorzubereiten auf ihre Impfung. Ehe ich ausgeredet, fällt auch sie in Ohnmacht. Kaum ist sie versorgt, ruft mein Karl, der bereits geimpft war: es wird mir so schwarz vor den Augen. Also auch dieser ohnmächtig. Das Dienstmädchen wird ebenfalls kreideweiss. Ich schüttele sie, damit sie den Kopf oben behält. Endlich ist alles im Hause geimpft und beruhigt sich bis auf den Dekansbuben, der nicht aufzufinden ist, bis er nach langem Suchen auf dem Abort entdeckt wird. Die Verwirrung, das Entsetzen und die Ohnmachten lösen sich allmählich und nach 1 Uhr sitzen wir zu Tische. Niemand ass ordentlich, mühselig ging die Unterhaltung. Endlich sage ich dem Dekan: Lieber Freund, wenn Du die Flucht ergreifst, kann es Dir niemand übel nehmen; in 25 Minuten geht ein Zug nach Homburg. Sie reisten ab und konnten es ohne Gefahr, sie waren ja geimpft und noch dazu unentgeltlich.

Ich mache auf dem Bürgermeisteramte Anzeige vom Stande der Dinge und bekomme sofort die Tafel ans Haus mit der Inschrift: Hier herrschen Menschenblattern. Der Polizeydiener, der die Tafel anschlug, sagte theilnehmend zu mir: Nun bekommen Sie doch auch einmal ein wenig Ruhe. Er wusste, welche Unruhe und Anstrengung ich seit Monaten gehabt hatte.

So hatten wir also die Blattern im Hause. Schon 2 Jahre vorher hatten wir sie in der Gemeinde gehabt und ich hatte die Krankheit an Kranken- und Sterbebetten kennen gelernt. [104] Unser Besuch hatte sie in nicht desinfizierten Eisenbahnwagen aufgelesen, in welchen franz. Kriegsgefangene transportiert worden waren. Das Kind genas nach 4 Wochen. So lange waren wir eingesperrt und von aller Welt abgesperrt, kamen aber ohne weiteren Schaden, als den, welchen das Chlorgas anrichtete, davon.

Unser Pflegekind, vor dessen Aufnahme uns besonders meine Eltern dringend gewarnt hatten, machte uns wenig Freude. Es hatte allerley Untugenden; sie mit aller Strenge zu bekämpfen, scheuten wir uns. Bei unseren eigenen Kindern wussten wir, dass unsere Liebe die Zuchtruthe führte und dass ihre Liebe darunter nicht erkaltete. Des fremden Kindes Liebe wollten wir gewinnen und waren stets unsicher, wie weit wir in der Schärfe mit Wort und That gehen dürften. Wir haben da wohl manches Mal nicht ernst genug durchgegriffen. Es gelang uns nicht seine Lügenhaftigkeit und Unaufrichtigkeit auszumerzen, Gewissenhaftigkeit und Fleiss in ihm zu pflanzen, Vertrauen und innerlichen Gehorsam zu gewinnen, Anspruchslosigkeit und Zufriedenheit zu erzielen. Später setzte Emma unseren Plänen ihren Eigenwillen entgegen, trotzte und hinterging, verläumdete und verbitterte besonders meiner Frau das Leben. Sie wollte heirathen und wenn es mit einem Sackträger wäre. Als ich durch Vermittlung ihrer Tante Weimann eine Gelegenheit zur Heirath fand und zwar nach Braunschweig, gab ich ihr alles Pflegegeld, welches ich aus Köln empfangen hatte nebst sonstiger Aussteuer mit und liess sie nach 21jährigem Aufenthalte bei uns ziehen ohne sie auch nur einmal zu vermissen. Sie vermisste uns freilich sehr, denn sie gerieth theils ohne, theils durch eigene Schuld in grosses Elend und wird schwerlich aufhören, uns mit allen möglichen Ansprüchen heimzusuchen.

Die geistliche Arbeit in der Pfarrei ging ziemlich ruhig nach dem Kriege ihren Gang. Als Nebenarbeit hatte ich Unterricht bei dem jüngsten Sohn von Heinrich Kraemer und bei den Töchtern des verstorbenen Friedr. Kraemer jun. übernommen, die ältere empfing Konfirmandenunterricht, beide Töchter Unterricht in der deutschen Geschichte, dem als corona meist auch Erwachsenen der Famille beiwohnten, so dass ich mich sorgfältig vorbereiten musste. [105] Als weitere Nebenarbeit kamen verschiedene Bausachen, denn ich hatte als Baumeister grosses Vertrauen erworben und dies ging so weit, dass ich von auswärts um Gutachten angegangen wurde. In St. Ingbert wurde ich von den Gebr. Kraemer für die Pläne eines kleinen Spitals nebst Arztwohnung, von der Stadt für jene eines Lateinschulhauses, von der israelischen Gemeinde für die einer Synagoge (!) und von Privaten für solche von Wohnhäusern in Anspruch genommen. Die Pläne wurden mit allen Details gefertigt, die Bauaufsicht bei Ausführung lehnte ich ab und war froh als ich nach der Ernennung eines Distriktsbaumeisters für St. Ingbert alle ferneren Gesuchsteller an diesen weisen konnte. Dem Regierungsbaurathe in Speyer, der Wind von meiner Baumeisterei bekommen hatte und mich als Kollegen begrüsste, konnte ich sagen, dass ich ausser Dienst getreten sei mit Fortbezug meines Gehaltes.

Im Jahre 1873 kam auf die zu Elversberg neu errichtete evang. Pfarrstelle der Pfarrer Gerhard Berg, der sich bald als Nachbar vorstellte und mit seiner Frau uns so gefiel dass wir einen regen Verkehr anknüpften. Daraus erwuchs eine nähere Bekanntschaft mit anderen preussischen Kollegen und endlich eine regelmässige Famillenkonferenz mit Berg/Elversberg, Hermann/Friedrichsthal und Lichnock/Dudweiler. An Hermanns Stelle trat nach dessen Abgang als Divisionsprediger nach Osnabrück sein Nachfolger Spiess. Diese Konferenz gehört zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Wir standen fest auf positiv evang. Boden, dabei war Beck Reformierter, Hermann pietistischer Unionsmann, Lichnock und ich waren gemässigte Lutheraner; Spiess kam stark von Ritsehl angehaucht in die Konferenz. Diese Verschiedenheit gab zu lebhaften Verhandlungen Anlass, ohne je einen Riss herbeizuführen.

Alle 14 Tage kam man Nachmittags zusammen in einem der 4 Pfarrhäuser, der Kaffee wurde zusammen getrunken, dann zogen sich die Männer ins Studierzimmer zurück, wo der Hausherr über die Tagesordnung referierte. Wir lasen unter gründlicher Exegese die Sprüche, Hiob und Prophetenstücke, dann Ritsehls Rechtfertigung und Versöhnung und arbeiteten theolog. und kirchl. Tagesfragen durch. Die Frauen waren unterdessen sich selbst überlassen bis etwa 7 Uhr, wo bei den Herren angefragt [106] wurde, ob der Thee serviert werden könne. Frau Berg meldete einmal zurück: Sie stehen wie die Tiger gegeneinander und legen sich Gottes Wort aus, aber sie wollen kommen. Nach 8 Uhr ging man jedesmal hochbefriedigt und im Frieden auseinander. Ich habe bei diesen Konferenzen viel gelernt, besonders aber das, eine wissenschaftliche Debatte gründlich und ruhig zu führen. Enge Freundschaft verband uns, als wir nach allen Richtungen auseinander geführt wurden.

Auf unserer kleinen Konferenz wurde eine grosse preussisch-pfälzische Konferenz geplant, die auch ins Leben trat und die Kollegen hüben und drüben einander näher bringen sollte. Sie tagte abwechselnd in Homburg und Neunkirchen einmal im Jahre, schlief aber ein, nachdem ihre Veranlasser aus der Gegend fortgekommen waren.

Eine besondere Konferenz für das Dekanat Homburg wurde mit Mühe zusammengebracht, hatte aber keine lange Dauer; die Gegensätze innerhalb der pfälz. Geistlichkeit trafen hier zu scharf aufeinander, so dass keine erquickliche Verhandlung zu stande kam. Dagegen blühte die sogen. Ernstweiler Konferenz von der schon oben die Rede war, im Segen weiter. Dort wurde tüchtig wissenschaftlich gearbeitet und über kirchliche und praktische amtliche Fragen diskutiert. Ich stand also in einem reichen und anregenden Konferenz-Verkehr, auf den ich mit Freude und Dank zurücksehe.

Die Freunde in unserer kleinen Nachbarkonferenz drangen in mich, in die rheinische Kirche überzutreten und besonders Hermann wollte mir den Weg dahin ebnen, ohne dass ich einen freudigen Zug dahin verspürte. Er bot mir eine Stelle in Langenberg an, wo sein Vater wohnte, ein Mann von Einfluss in kirchlichen Kreisen. Als ich schliesslich bestimmt ablehnte schlug er mir eine Stellung in Bonn vor. Aber nach längerer Überlegung verlangte ich eine Berufung, mindestens eine Einladung dahin. Sie erfolgte nicht und auf weitere Anträge liess ich mich nicht ein.

Dagegen machten das evang. Gymnasiums in Gütersloh und das Gymnasialleben daselbst, welche mir Hermann und Berg als [107] ehemalige “Gützeler Gymnasiasten“ machten, einen solchen Eindruck auf mich, dass ich dem Gedanken, meinen Karl dahin zu bringen, näher trat, Der Subrektor der St. Ingberter Lateinschule behagte mir nicht und von den pfälzischen Gymnasien zog mich keines an auch das Zweibrücker nicht, wo sich seit meinem Abschiede von dort wichtige Veränderungen im Lehrpersonale ergeben hatten. Ich reiste darum nach Gütersloh, mir Land und Leute und die dortige Schule näher anzusehen. Die Eindrücke und Einblicke, die ich gewann, waren derart einnehmend, dass ich sofort eine Pension für Karl dort nahm und meinen Karl im Herbst 1874 dahin brachte, wo er in die Untertertia eintrat. Die Persönlichkeiten des Anstaltsgeistlichen Dr. Braun (später General-Superintendent in Berlin) und der Professoren Lungener und Zander, der frische, frohe Zug in den Gymnasiasten, die ich beobachtete, der patriotische und ernst-christliche Geist der Bevölkerung gab mir Freudigkeit, meinen Sohn hier, obwohl so fern von der Heimath, unterzubringen. Er hatte zwar mit Schwierigkeiten zu kämpfen, aber er überwand sie, wobei ihn besonders Oberlehrer Hartert als Inspektor des Alumnates, in welches Karl später aufgenommen wurde, zu Dank verpflichtende Hilfe leistete. Über Gütersloh führte der Weg Karls nach Brandenburg, wovon später mehr.

Auch meinen Ernst hätte ich gern dahin gebracht, aber es gelang nicht, einen Platz für ihn zu finden, da das Gymnasium in keine Klasse mehr als eine bestimmte Anzahl von Schülern aufnahm.

Das Jahr 1875 brachte mir und meinen näheren pfälzischen Freunden schwere innere Noth. Der von der Generalsynode 1873 angenommene, vom späteren Konsistorialrathe Hofer verfasste Katechismus wurde eingeführt, der sogen Unionskathechismus (aus dem Heidelberger und Luthers kleinem Kathechismus zusammengesetzt) wurde abgeschafft. Mit meinen Freunden war ich entschlossen, ihn zu halten. Als keine Exemplare desselben mehr abgegeben wurden, liessen wir in Basel eine neue Auflage drucken, auf die Gefahr hin, in Strafe zu fallen, weil die Pfarrwitwenkasse das alleinige Recht der religiösen Bücher besitzt. Die Pfarrwitwenkasse bezw, das Konsistorium strengte [108] keinen Prozess gegen uns an, disziplinierte uns aber durch einen auf der Synode veröffentlichten Verweis und legte unser Vorgehen lahm dadurch, dass es durch die Regierung den neuen Katechismus in allen Schulen einführen und den Lehrern den Fortgebrauch des Unionskatechismus verbot unter Androhung aller zulässigen Strafen. Es half nicht viel, dass wir im Konfirmandenunterrichte wenigstens noch einzelne Stücke des Unionskatechismus (z.B. die Auslegung der 3 Artikel des Apostolikums, die 1. Frage des Heidelberger Katechismus und die Frage von der Rechtfertigung) einprägten und auslegten. Die Freudigkeit und Freude im Unterricht war uns genommen und die Ertheilung des Unterrichts ausserordentlich erschwert und behindert.

Es sollte ja später noch schlimmer kommen, aber uns schien schon jetzt die Lage fast unerträglich. Aber wir beschlossen, nicht nach dem Vorgange einiger Freunde die Pfalz zu verlassen, sondern Stand zu halten und den uns verordneten Kampf fortzuführen in der Hoffnung, dass der Herr der Kirche den Leuchter des Evangeliums nicht gänzlich bei uns umstossen werde. Es ist auch nicht geschehen und ein muthiger und treuer Nachwuchs von positiven Geistlichen hält die Fahne des lauteren Evangeliums fort und fort hoch.

Für das Jahr 1876 erhielten wir das beste Dienstmädchen, welches wir je gehabt: Elisabeth Warth von Körbern, die Schwester einer lieben Diakonisse an der Kinderschule Schnappach, Julie Warth. Unsere Elisabeth wurde später, wie auch eine 3. Schwester (Luise) ebenfalls Diakonisse. In unser Haus war sie von Gottes Gnade gesandt, um in dem schwersten Jahre, welches wir erleben sollten, uns eine starke und trostreiche Hilfe zu sein.

Meine liebe Malchen, welche seit Ernsts Geburt mit den Folgen einer Rippenfellentzündung und anderen Leiden geplagt war, bekam schon seit einiger Zeit schwere Krampfanfälle hysterischer Natur, die zu einer Gemüthskrankheit mit allerley Wahnvorstellungen und zuletzt mit dem stärksten Verfolgungswahne hinüberleiteten. Die Arzte dachten zuerst an die Überführung in eine Irrenanstalt; aber die Anstaltsärzte riethen [109] ab und empfahlen nur die sorgfältigste Überwachung. Meine Schwägerin Marie eilte zu treuer Hilfe herbei. Ich übernahm den Wachtdienst bei Nacht, um bei Tage meinem Amte nachgehen zu können. Als nach Monaten bereits Besserung eingetreten zu sein schien, riss sich an einem Sonntage während des Gottesdienstes die arme Kranke von ihrer Schwester los und stürzte sich aus dem Fenster des vorher von ihr verschlossenen Schlafzimmers in den Hof. Das Becken war zerbrochen, aber das Leben erhalten. Der Bruch heilte langsam, noch langsamer das Gemüthsleiden, aber es heilte. Ruhe, Klarheit und Heiterkeit traten allmählich wieder hervor.

Wie dankte die Genesene Gott dem Herrn mit uns. Er hatte uns betrübt und sich wieder erbarmt nach seiner grossen Güte. Es war rührend gewesen, wie in Stunden grösster Verwirrung und höchster Aufregung jedes mal geistlicher Zuspruch, kurzes Gebet, besonders aber bekannte Lieder, langsam und gut betont gesprochen, oft augenblickliche Besserung brachten. Der tief im Herzen wurzelnde Glaube nahm die aus Gottes Wort dargereichte Stärkung auf und half dem trüben Geist und den aufgeregten Nerven zurecht.

In der Zeit der Erkrankung meiner 1. Frau kamen mir 3 Beweise des Vertrauens und der Anerkennung zu.

Die Familie Kraemer wies meinem Gehalte eine persönliche Zulage von 300 Gulden = 900 Mark jährlich aus der Kasse des Eisenwerkes zu. Ich hatte ja auch schon sonstige Beweise des Vertrauens dieser Familie empfangen. Als ich im Jahre 1873 eine 14tägige Fussreise mit meinen Buben nach der Pfalz und dem angränzenden Elsass plante, bat mich H. Heinrich Kraemer, seinen Sohn Fritz mitzunehmen und ging gern die Bedingung ein, dass Fritz sich ganz nach uns zu richten habe, nicht wir nach ihm. Dann wurde bei dem Tode des H. Friedrich Kraemer sen. ich zum Familienrathe zugezogen, der die Erbverhältnisse zu ordnen hatte. Bei der Engagierung von Hauslehrern und Hilfslehrern wurde mein Rath nicht nur erbeten, sondern jedesmal ganz befolgt. Die gewährte Gehaltszulage sollte es mir möglich machen noch länger in St. Ingbert zu bleiben. Sicherer wäre ich festgehalten worden, wenn nicht [110] nur die weiblichen sondern auch die männlichen Familienglieder sich am Gottesdienste und am kirchlichen Leben betheiligt hätten. Darum machten mir auch die 300 Gulden Zulage keine rechte Freude, wenn sie auch meiner Kasse sehr zustatten kamen.

Ein Zeichen grossen Vertrauens war es, dass ich im Frühjahr 1876 als Vertreter der prot. Geistlichen im Landrath der Pfalz durch die Wahlmänner der 9 westlichen Dekanate gewählt wurde. Wahrscheinlich hatte Dekan Rettig mich vorgeschlagen. Dringenden Bitten meiner Freunde nachgebend nahm ich die Wahl schweren Herzens an. Immer nach 6 Jahren wurde mein Mandat durch die Wahlmänner aller oder der westlichen Dekanate erneuert, zum letzten Male im Jahre 1906, so dass ich in diesem Jahre zum 30. Male an den Verhandlungen des Landrathes theilnahme und z. Zt. das älteste Landrathsmitglied an Jahren und an Funktionszeit bin, zugleich seit 15 Jahren Mitglied des ständigen Landrathsausschusses. Interimistisch habe ich ab und zu als Vorsitzender und als Schriftführer fungiert. Mit mir sassen zeitweilig die angesehensten Geistlichen: Prodekan Neysen, Kirchenrath Lyneker, Dekan jetzt Oberkonsistorialrath Dr. Ney und Kirchenrath Maurer. Unter schweren Kämpfen um die Schulaufsicht trat ich in den Landrath, war von Anfang an genöthigt, mich an den Verhandlungen in der Debatte und durch Referate zu betheiligen, arbeitete mich in sachlicher und formeller Beziehung rasch ein und gewann Einfluss. Der konservativen „pfälz. Post“ diente ich dabei als Berichterstatter, für den Landrath sah ich die Protokolle der 7 jenseitigen Kreise durch und arbeitete ich Übersichtstabellen über die Budgets der 8 k. bayer. Kreise aus, die von den Mitgliedern des Kollegiums, von der Regierung und dem Ministerium dankbar entgegengenommen wurden.

Über einige Einzelheiten meiner Thätigkeit im Landrathe werden meine Erinnerungen aus späteren Jahren Aufschluss geben. Hier will ich bekennen, dass ich sehr gerne Landrath war und dass trotz angestrengter Arbeit die Wochen der Landrathsverhandlungen wie angenehme Ferien, oder - um den Ausdruck eines anderen Landrathes zu gebrauchen - wie eine erfolgreiche [111] Badereise mich auffrischten, namentlich in der ersten Hälfte meiner Landrathszeit. Es wohnten da die meisten Landräthe in einem Gasthause, dem Wittelsbacherhofe zu Speyer, und bildeten eine ziemlich einige Familie. Viele Mitglieder waren hervorragende Männer der Pfalz oder doch angenehme Gesellschafter. Ich nenne als solche die Landrathspräsidenten: Dr. Jakob, dem ich oft und scharf als ganz ergebenster Opponent entgegentreten musste, Dr. Armand Buhl, [19] der zeitweilige Vizepräsident des deutschen Reichstages, vielfach mein verdeckter Gegner, Medizinalrath Dr. Zöller und Kommerzienrath August Schneider, die mir intime Freunde wurden. Sonstige mir werthe Kollegen waren: geh. Hofrath Mohla, die Ökonomieräthe Jean Jansen, Freudenberg und Golsen, Weingutsbesitzer und Reichstagsabgeordneter Schellhorn-Wallböhlich , die Herren Fröhlich und v. Hofenfels, Ulrich Brunck, Gustav und Heinrich Kraemer, Bassermann-Jordan,[20] Benzino,[21] die Bürgermeister Satter und Barth und mein allzeit getreuer Gegner Hofrath Dr. Orth. Letzterer brachte mit Hilfe von Agrariern einen Riss in den Landrath, der sich bei Verhandlungen und im geselligen Verkehr unangenehm bemerkbar machte.

Die Beziehungen zu den Mitgliedern der k. Kreisregierung waren anfangs kühl, wurden aber später wärmer. Lange Jahre war Staatsrath v. Braun [22] Regierungspräsident. Er erwartete vom Landrathe Ehrerbietung und gehorsam; erstere wurde ihm allseitig gezollt, letzterer nicht; auf mich fiel sein Zorn, weil ich ebenfalls oft ihm nicht zu Willen war, während er meinte, ich als Quasi-Beamter müsse ihm parieren. Es war mir ergötzlich zu beobachten, wie er bald durch Schmeicheln, bald durch Ignorieren und durch Auslassungen über meine Person auf mich zu wirken suchte. v. Braun war übrigens ein fleissiger und einsichtiger Beamter; die von ihm geplanten Verbesserungen wurden auch ausgeführt, nur nicht in dem schnellen Tempo, das er wünschte. Gewisse Anträge des Ministeriums, welche keinen Anklang fanden, hätte er ebenso kühl behandeln können und sollen, wie er dem Landrathe allerhöchste Bescheide kühl als Unbetheiligter mittheilte. Präsident v. Auer, sein Nachfolger, war nur kurz in der Pfalz und der ihn ersetzende Freih. v. Welser hielt auch nicht lange aus, zum Leidwesen des Landrathes, mir welchem er stets ein möglichstes [112] Einvernehmen suchte. Ritter v. Neuffer, der ihn ablöste, suchte persönlich-freundschaftliche Beziehungen im ganzen Kreise, namentlich auch im Landrathe. Bei seiner Ankunft in der Pfalz wohnte ich mit ihm und seiner Familie im Gasthofe zusammen, woraus sich sofort eine persönliche Annäherung ergab, die noch fortbesteht.

Schon bald nach meinem Eintritt in den Landrath bekam ich einige wichtige Referate z.B. über die Umwandlung der Gewerbeschulen in Realschulen mit 6 Kursen, über die Errichtung bezw. den Ausbau des Gewerbemuseums zu Kaiserslautern und die Baugewerbeschule daselbst, dann über die isolierten Lateinschulen, deren principlode und darum ungerechte Dotation aus Kreisfonds zu beseitigen mir gelang, nachdem ich gegen den Widerstand der Regierung die Principien für die Vertheilung und die in Berechnung zu ziehenden Faktoren bei dem Landrathe durchgesetzt hatte.

Mein genaueres Studium des pfälz. Kreisbudgets und die Vergleichung mit den Budgets der jenseitigen Kreise führte mich auf die Ausarbeitung vergleichender Zusammenstellungen der Einnahmen und Ausgaben der 8 bayer. Kreise mit verschiedenen Berechnungen des Prozentantheils der einzelnen Posten an den Hauptsummen und der auf je 1000 Köpfe entfallenden Beträge. Diese Zusammenstellungen und Berechnungen ergaben hochinteressante Aufschlüsse über die Belastung der Kreise und über die von ihnen gepflegten Interessen und fanden grossen Beifall im Landrathe, bei der Regierung und dem Ministerium, sowie in den sonstigen Kreisen. Ich setzte darum die Veröffentlichung lange Jahre fort, die Ausfertigung für meinen Gebrauch so lange der Zustand meiner Augen es zuliess.

Neben dieser Arbeit übernahm ich die Durchsicht der Verhandlungsprotokolle sämtlicher bayer. Landräthe, um daraus Anhaltspunkte und Fingerzeige für den pfälzischen Landrath zu gewinnen.

Diese Arbeiten verschafften mir mannigfache Einblicke in die Verwaltung und sichere Kenntnis der Finanzen aller Kreise besonders aber der Pfalz, was mir bei der Bildung meines [113] Urtheils und bei der Diskussion der Verhandlungsgegenstände sehr zu statten kam und meinen Einfluss im Landrathe erhöhte, mich zu einem gefürchteten Gegner und gesuchten Fürsprecher bei den verschiedenen Fragen machte. Von allen Seiten wurde ich angelaufen, von vielen Seiten aber auch geschmäht, von etlichen beneidet, letzteres mit Unrecht, denn nach Ehre oder eigenem Vortheil strebte ich nicht, und nur in ganz wenigen Fällen, wo es galt, ein wirkliches Unrecht abzuwehren, habe ich meinen persönlichen Einfluss in die Wagschale gelegt, damit Recht Recht bleibe.

Vielleicht hat aber doch meine Stellung im Landrathe mir persönlich Förderung gebracht dadurch, dass ich Dekanatsverweser, später auch Dekan wurde. Zeitlich fällt mit meinem Eintritt in den Landrath meine Ernennung zum Dekanatsverweser von Homburg im Jahre 1876 zusammen. Schon beim Abgange von Dekan Ritter aus Homburg hatte man erwartet, dass ich die Dekanatsverwesung erhalten werde.

Die Lebenserinnerungen brechen hier ab. Wahrscheinlich hat die Abnahme der Sehkraft ihre Fortführung unmöglich gemacht.[23]


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Artikel in der Wikipedia
  2. Immanuel Hermann Fichte, Sohn von Johann Gottlieb Fichte
  3. volkstüml. Bez. d. Apothekenproduktes Pasta Gummosa, welches v. a. als Naschwerk nachgefragt wurde und aus Gummi arabicum, Zucker, Eiweißschaum und aromatischen Pflanzenauszügen besteht. Andere Namen: Pasta Althaeae, weisse Reglise, weisser Lederzucker, Eibischpasta. Vgl. Hager, Handb. d. pharmaceutischen Praxis. Berlin, 1883.
  4. Im folgenden Satz wohl korrekt „Sauter“ genannt.
  5. Schillingstadt
  6. Mendelssohn reiste am 26. Juli 1844 zur Leitung des pfälzischen Musikfestes in Zweibrücken an. Am 31. Juli wurde »Paulus« und am 1. August die »Walpurgisnacht« aufgeführt. Vgl. Reissmann:Felix Mendelssohn-Bartholdy, 3. Aufl. 1893, S. 293
  7. Blütenpflanzen
  8. Friedrich Wilhelm Schultz (1804 –1876): “Flora der Pfalz“, Speyer 1846. Digitalisat Uni Straßburg
  9. Richtig: aselli
  10. d. i. Rieschweiler
  11. Bad Dürkheim
  12. Neustadt an der Weinstraße
  13. Masthähne
  14. Entgelt
  15. Es handelt sich um Gustav von Langsdorf (1803–1847), Ein Sohn des w:Karl Christian von Langsdorf
  16. w:Karl von Langsdorff (1834-1912) auch:Heinrich Kaak, Karl Alexander von, in: Sächsische Biografie, (28.11.2015)
  17. Gemint ist wahrscheinlich Daniel Tobias von Langsdorff (1796-1871), Kirchenrat Sohn von w:Karl Christian von Langsdorf
  18. Zum Gesangbuchstreit siehe Evangelischer Kirchenbote Nr. 38 vom 23. 9. 2007
  19. Franz Armand Buhl (1837-1896) Politiker und Weingutbesitzer im vorderpfälzischen Deidesheim.
  20. Emil Bassermann-Jordan (1835 –1915) Kommerzienrat, Weingutsbesitzer in Deidesheim und Landrat.
  21. Joseph Benzino (1819 –1893) Kaufmann aus Landstuhl/Pfalz, Landtagsabgeordneter und Kunstsammler, dessen Slg. den Grundstock der Pfalzgalerie Kaiserslautern bildete.
  22. Paul von Braun (1820 - 1892) Regierungspräsident in Speyer, regte die Errichtung des Gewerbemuseums (heute Pfalzgalerie) in Kaiserlautern an.
  23. Diese Bemerkung stammt offensichtlich vom Abschreiber der Lebenserinnerungen.