Linde auf dem Schloßwalle zu Pyrmont

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Textdaten
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Autor: Robert Geißler
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Titel: Linde auf dem Schloßwalle zu Pyrmont
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 292
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[277]
Die Gartenlaube (1889) b 277.jpg

Deutschlands merkwürdige Bäume: Alte Linde auf dem Schloßwalle zu Pyrmont.
Nach einer Zeichnung von Robert Geißler.

[292] Deutschlands merkwürdige Bäume: Alte Linde auf dem Schloßwalle zu Pyrmont. (Mit Abbildung S. 277.) Der Erdboden zu Pyrmont, aus welchem blutstärkendes und blutbildendes Wasser hervorquillt, scheint auch den Pflanzen, namentlich den Bäumen, besonders zuträglich zu sein. Das überaus kräftige Grün zeugt davon und das Alter vieler mächtiger Stämme, welche die herrlichen Alleen und Parkplätze zieren. Eine Linde auf dem Schloßwalle thut sich besonders hervor; lustig ist sie durch Jahrhunderte fortgewachsen, ohne bis jetzt einen Abgang an Kräften zu zeigen, wenn nicht die zum Theil unverhältnißmäßig langen und dabei nach den Spitzen zu ungewöhnlich dünnen Ausläufer der Aeste dahin zu deuten sind. Diese lose herunterhängenden, dem Greisenhaare vergleichbaren Zweige würden gewiß noch ausgebreiteter auf der Erde lagern, wenn nicht die Hauptäste, von welchen sie kommen, mit Ketten und Krampen aneinander geschlossen wären; man bemerkt indeß kaum etwas davon. Der Stamm des gewaltigen Baumes hat einen Umfang von über 7 Meter.

Der Schloßwall soll sehr alt sein. Schon im Mittelalter bestand das mit Kasematten versehene fürstliche Schloß und hat verschiedene Belagerungen ausgehalten. Unter dem Laubdache haben viele Geschlechter geruht: gepanzerte Ritter und ihre Frauen und der Troß ihrer Hörigen; Landsknechte und Soldaten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges; dann gelehrte Männer, das Zöpfchen im Nacken, gepuderte und geschminkte Damen; Friedrich der Große und seine Begleiter, Goethe, ja so ziemlich alles, was die neuere Zeit in Deutschland an hervorragenden Männern und Frauen aufzuweisen hat; dazu viele Gäste aus fremden Landen.

Allem Anscheine nach wird der uralte Lindenbaum noch lange fortgrünen, wenn neuer Geschlechter Erinnerungen unseres Heute als einer verblaßten Vorzeit gedenken.

Robert Geißler.