Louise

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Autor: Max Ring
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Titel: Louise
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1–4
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Louise.


Zur hundertjährigen Geburtstagsfeier der Mutter unseres Kaisers.


Am zehnten März dieses Jahres feiern wir den hundertjährigen Geburtstag von Preußens Königin Louise. Nicht durch männlichen Geist, durch Willenskraft und Herrschertalent, wie eine Elisabeth von England, eine Christine von Schweden und Katharina von Rußland, strahlt ihr Bild in der Geschichte, sondern durch echt weibliche Tugenden, durch Sittenreinheit, selbstlose Liebe und hingebende Treue hat diese echt deutsche Fürstin sich einen unsterblichen Namen erworben, als die edelste der Frauen und Mütter, als der gute Genius ihres hohen Hauses, der Schutzgeist ihres Volkes.

Da wir wohl voraussetzen dürfen, daß unsere Leser mit den bereits vorhandenen Biographien der gefeierten Königin durchweg vertraut sind, so wollen wir auf diesem Gedenkblatte nur einige weniger bekannt gewordene Herzenszüge der hohen Frau zur Vervollständigung des Charakterbildes derselben verzeichnen.

Als sechstes Kind des Herzogs Karl Friedrich von Mecklenburg zu Hannover geboren, verlor sie frühzeitig ihre Mutter, weshalb sie an dem Hofe ihrer würdigen Großmutter von mütterlicher Seite, der Landgräfin von Hessen-Darmstadt, erzogen wurde. In einem Alter von siebenzehn Jahren lernte sie bei einem Besuche in Frankfurt am Main den damaligen Kronprinzen von Preußen, den nachmaligen König Friedrich Wilhelm den Dritten, kennen. Ihre Schönheit, Anmuth und Liebenswürdigkeit machten den tiefsten Eindruck auf den jungen Fürstensohn. Noch im späteren Alter gedachte der um ihren Verlust trauernde Gatte dieser ersten Begegnung mit folgenden charakteristischen Worten: „Habe mal über diese wunderbare, wechselseitige Sympathie, in welcher verwandte Herzen sich gleich beim ersten Anblicke begegnen und finden, etwas sehr Schönes in Schiller’s Schriften gelesen, wo

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Die Gartenlaube (1876) b 005.jpg

Louise, Königin von Preußen.
Nach dem Oelgemälde von Kannegießer auf Holz übertragen von Adolf Neumann.

[6] treffend und wahr gezeichnet ist, wie mir und meiner seligen Louise zu Muthe war, als wir uns zum ersten Male sahen, und wie wir uns oft nachher bekannt haben. Es war keine verliebte Sentimentalität, sondern ein bestimmtes, klares Bewußtsein, was gleichzeitig im Lichtblicke ihre und meine Augen mit Freudenthränen netzte. Gott, was Alles liegt nun zwischen jenem ersten Anblick, wo ich sie fand, und diesem, wo ich ihren Verlust beweine! Weiß wohl, solche sympathische Gefühle sind die schönen Gefühle der ersten jugendlichen Liebe, sind nur einmal da und kommen nachher in dieser Reinheit nicht wieder. Aber gern denke ich daran zurück und möchte wohl mal jene Stelle im Schiller wieder lesen, habe sie aber nicht finden können.“

Bischof Eylert, an den der König diese Worte richtete, suchte in den Werken des Dichters die bezeichnete Stelle, welche er in der Braut von Messina in den bekannten Versen fand:

„–     –     –     –     –     –     –     Als ich
Die Augen wandte, stand sie mir zur Seite,
Und dunkel mächtig, wunderbar ergriff
Im tiefsten Inneren mich ihre Nähe.
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt –
Es war ihr tiefstes und geheimstes Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt,
Wie Zaubers Kräfte unbegreiflich weben. –
Die Seelen schienen ohne Worteslaut
Sich ohne Mittel, geistig zu berühren,
Als sich mein Athem mischte mit dem ihren;
Fremd war sie mir und innig doch vertraut,
Und klar auf einmal fühlt’ ich’s in mir werden:
Die ist es, oder keine sonst auf Erden.

„Ja, ja,“ bemerkte der König, nachdem er die herrlichen Verse gehört hatte. „Das ist die Stelle, die ich meinte; sehr schön! Macht aber jetzt einen anderen Eindruck. Die Rosen sind abgefallen, die Dornen übrig geblieben. In der Ehe selbst noch mehr gefunden als in der Poesie. Diese ist mir jetzt zu süßlich. Darf mich dem nicht hingeben. Macht mich weich und paßt nicht zu dem, was mir in böser, schwerer Zeit obliegt.“

Gleichzeitig mit dem Kronprinzen fühlte sich der jüngere Bruder desselben, Prinz Louis, zu der schönen Schwester der unvergleichlichen Louise hingezogen. Beide Paare feierten am 24. April 1793 in Darmstadt ihre Doppelverlobung, wogegen die Vermählung wegen des Krieges mit dem republikanischen Frankreich erst am 24. December desselben Jahres in Berlin erfolgte. Vom ersten Tage an war die Ehe, an der die Politik keinen Antheil hatte, die glücklichste, obgleich die Neuvermählten mit manchen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatten. Damals herrschte noch am Hofe ihres Vaters, Friedrich Wilhelm’s des Zweiten, die berüchtigte Gräfin Lichtenau, die preußische „Dubarry“, mit ihrem schamlosen Anhang charakterloser Männer und liederlicher Frauen. Man konnte sich in der That keine größeren Gegensätze denken, als den einfachen häuslichen, sittenstrengen, deutsch gesinnten Kronprinzen und den sinnlichen, verschwenderischen, französischen Moden und Galanterien huldigenden König. In einer Zeit, wo die Tugend verspottet wurde, die eheliche Treue lächerlich erschien, gab das junge fürstliche Ehepaar ein leuchtendes Beispiel der reinsten Liebe und Häuslichkeit. Beide vermieden, so weit dies ihnen nur möglich war, jede Berührung mit diesen unsauberen Elementen und bewahrten sich wenigstens im vertrauten Umgange den ihnen eigenen schlichten, keuschen Sinn. Während in den höheren Ständen Mann und Frau sich gegenseitig mit dem kalten „Sie“ anredeten, begrüßten sie einander mit dem alten vertraulichen „Du“, was förmlich Sensation erregte.

„Wie ich höre,“ bemerkte eines Tages der König mißfällig seinem Sohne, „nennst Du die Kronprinzessin Du.“

„Geschieht mit guten Gründen,“ entgegnete dieser, indem er scherzend die Erklärung hinzufügte: „Mit dem ‚Du‘ weiß man immer, woran man ist, dagegen bei dem ‚Sie‘ ist immer das Bedenken, ob es mit einem großen ‚S‘ gesprochen wird, oder mit einem kleinen.“

Trotz aller Vorstellungen der gestrengen Frau Oberhofmeisterin kümmerte sich der Kronprinz wenig oder gar nicht um die Etiquette, welche ihm vorschrieb, sich, wenn er seine Gemahlin sehen wollte, bei ihr vorher anmelden zu lassen. Zum Schein fügte er sich zwar, als aber eines Tages die würdige Dame mit feierlicher Miene in das Zimmer trat, um den ihr angekündigten Besuch des Kronprinzen in aller Form anzumelden, fand sie ihn bereits an der Seite seiner Louise sitzen, indem er rasch durch eine andere Thür unbemerkt ihr zuvorgekommen war.

„Sehen Sie, liebe Voß,“ rief er der erstarrten Oberhofmeisterin zu, „meine Frau und ich, wir sehen und sprechen uns unangemeldet, so oft wir wollen und wünschen. Es ist das, denke ich, in guter christlicher Ordnung. Sie aber sind eine charmante Oberhofmeisterin und sollen von nun an ‚dame d’étiquette‘ heißen.“

Aus diesem Grunde zogen auch beide ein stilles Leben in ländlicher Umgebung der geräuschvollen, aber lästigen Pracht des Hofes vor. Der König hatte seiner schönen Schwiegertochter, deren Tugend er wohl zu würdigen wußte und die er selbst nur „die Fürstin der Fürstinnen“ nannte, zu ihrem Geburtstage das Lustschloß „Oranienburg“ geschenkt, dessen Name an die erste Gemahlin des großen Kurfürsten, an die edle, fromme Namens- und Geistesschwester Louise von Oranien erinnerte.

Bei dieser Gelegenheit fragte der gutmüthige Monarch die Kronprinzessin, ob sie sonst noch einen Wunsch habe, worauf sie erwiderte: „Nur noch eine Hand voll Gold, um mit den Armen von Berlin mein Glück zu theilen.“ Als er dagegen lächelnd bemerkte, wie groß sich das Geburtstagskind wohl diese Hand voll Gold denke, gab sie die treffende Antwort: „Gerade so groß, wie das Herz meines guten Königs.“

In dem freundlichen Oranienburg verlebte Louise mit ihrem Gatten schöne, heitere Tage in ländlicher Abgeschiedenheit. Zum großen Verdrusse der Oberhofmeisterin ging es am kronprinzlichen Hofe so einfach und ungenirt zu, daß sie mehr als einmal schauderte. Die hohen Herrschaften machten sogar einmal eine Lustfahrt nicht in der sechsspännigen Staatsequipage mit obligaten Dienern und Lakaien, sondern auf einem – gemeinen Leiterwagen. Das war zu arg, und keine Macht der Erde, weder die freundliche Einladung des Gebieters, noch das liebenswürdige Zureden der hohen Herrin, konnten die „dame d’étiquette“ bewegen, den ominösen Leiterwagen zu besteigen.

Leider wurden die schönen Tage von Oranienburg durch den Aufstand in Polen gestört, zu dessen Bekämpfung der Kronprinz mit seinem Regiment in’s Feld zog, wo er bei dem Sturm auf Wola mit gewohnter Tapferkeit kämpfte. Damals äußerte die zurückgebliebene Louise: „Ich zittere vor jeder Gefahr, der sich mein Mann aussetzt, aber ich sehe ein, daß der Kronprinz, als der Erste nach dem König auf dem Throne, auch der Erste nach ihm im Felde sein muß.“

Aber auch sonst fehlte es dem jungen Ehepaar nicht an ernsten Prüfungen, welche besonders Louise’s Liebe zu bestehen hatte und aus denen ihr reines Herz wie lauteres Gold hervorging. Nach den vor Kurzem erst erschienenen Erinnerungen der eben genannten Oberhofmeisterin, der Gräfin Voß, wurde der geniale Prinz Louis Ferdinand, ein naher Verwandter des königlichen Hauses, von glühender Leidenschaft für die schöne Fürstin ergriffen. Mit Hülfe ihrer jüngeren, unerfahrenen Schwester suchte der Prinz sich der edlen Frau zu nähern und das reine unschuldsvolle Familienleben durch seine stürmische Neigung zu stören. Aber Louise fand die beste Stütze in ihrer Tugend und in ihrem streng sittlichen Gatten den treuesten Freund, der sie vor jeder Versuchung beschützte und im Augenblicke der Gefahr, wo sich fremde Einflüsse zwischen ihm und ihr eindrängten und den ehelichen Frieden bedrohten, durch seine Güte, Wahrhaftigkeit und Festigkeit die störenden Elemente für immer bannte.

Das Glück des hohen Paares wurde durch die Geburt des ersten Sohnes, des nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm des Vierten gekrönt, nachdem die junge Mutter zuvor in Folge eines Falles von der kleinen Treppe des Palais von einer todten Tochter entbunden worden war. Mehr als je fühlten jetzt Beide nach solchen Ereignissen den Wunsch nach Zurückgezogenheit. Selbst das stille Oranienburg erschien ihnen nicht ländlich genug, das Schloß noch zu prächtig und die Umgebung noch zu geräuschvoll. Aus diesem Grunde kaufte der Kronprinz für dreißigtausend Thaler das Landgut Paretz in der Nähe von Potsdam, und ließ sich daselbst nach seinen eigenen Angaben ein bescheidenes Haus bauen, wie es sich „für einen armen Gutsbesitzer“ schickt. Hier führte die glückliche Familie ein idyllisches Dasein, besonders Louise, welche die Natur über Alles liebte.

[7] „Ich muß,“ sagte die sinnige Frau, „den Saiten meines Gemüths jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, muß sie gleichsam wieder aufziehen, damit sie den rechten Ton und Anklang behalten. Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit, aber nicht im Zimmer, sondern in dem stillen Schatten der freien, schönen Natur. Unterlasse ich das, dann fühle ich mich verstimmt, und das wird noch ärger im Geräusche der Welt. O, welch’ ein Segen liegt doch in dem abgeschlossenen Umgang mit uns selbst!“

Trotz dieser Neigung zu Einsamkeit und innerer Sammlung verschmähte sie keineswegs den Verkehr mit gleichgesinnten Freunden, mit ehrenwerthen Männern und Frauen, welche in Paretz stets willkommen waren. Auch nahm sie an dem Leben und selbst an den Vergnügungen ihrer Untergebenen lebhaften Antheil. Die hohe Fürstin vergaß gern ihre Hoheit und mischte sich bei passender Gelegenheit in die lustigen Tänze der jungen Bauernburschen und Mädchen. Selbst die strenge Frau Oberhofmeisterin legte zuweilen die steife Etiquette ab und ließ sich von dem Kronprinzen zu einem „Hopser“ im Freien verführen, wie der alte General von Köckeritz in einem begeisterten Briefe über seinen Aufenthalt in Paretz berichtet. Der genannte Herr, welcher sich weniger durch feinen Geist als durch biedere Gesinnung und Gemüthlichkeit auszeichnete, gehörte als Adjutant des Kronprinzen zu den Freunden des Hauses und erfreute sich der besonderen Gunst seines Gebieters. Um so mehr fiel es auf, daß der General sich stets nach aufgehobener Tafel sogleich entfernte, ohne sich an der Unterhaltung zu betheiligen. Man glaubte, daß der alte Herr sich zurückzöge, um sein ihm unentbehrliches Mittagsschläfchen zu machen, bis es der hohen Wirthin gelang, den wahren Grund seiner Abwesenheit zu entdecken. Das nächste Mal, als Köckeritz wieder vom Tische aufstand und forteilen wollte, trat ihm die Kronprinzessin mit einer gestopften – Pfeife und einem brennenden Fidibus in den Händen entgegen, indem sie mit bezaubernder Liebenswürdigkeit ihn anredete: „Heute, lieber Köckeritz, sollen Sie mir nicht wieder entschlüpfen. Sie werden bei uns Ihre gewohnte Pfeife rauchen.“

Mit besonderer Heiterkeit und ungezwungener Lust wurde in Paretz das Erntefest gefeiert. Gleich nach Tisch zogen die Arbeiter, Schnitter und Mägde nach dem Schloß unter den fröhlichen Klängen der Dorfmusik, um der Herrschaft den mit frischen Blumen und Bändern gezierten Kranz zu überreichen. Der Kronprinz trat mit seinen Gästen in ihre Mitte und hörte die an ihn gerichtete Rede der Großmagd an, worauf dieselbe den Erntekranz zu den Füßen der Herrin legte. Das Erscheinen der „gnädigen Frau von Paretz“ gab das Signal zu einem allgemeinen Vergnügen. Die Damen und Herren des Hofes drehten sich mit den flinken Dirnen und Burschen im Kreise und folgten dem Beispiel der hohen Gebieter, welche sich durch ihr freundlich herablassendes Benehmen alle Herzen gewannen. Ein nicht minder fröhliches Volksfest war der Jahrmarkt in Paretz, wo zahlreiche Besucher aus Berlin herbeiströmten. Mitten in dem Gewühl erschien die gütige Louise und vertheilte Kuchen, Pfeffernüsse und andere Kleinigkeiten an die Dorfkinder, welche sie zutraulich umringten und mit ausgestreckten Händen ihr entgegenriefen: „Mir auch, mir auch, Frau Kronprinzessin!“

Diese schönen, sonnigen Stunden und Tage wurden jedoch durch eine Reihe trüber, folgenschwerer Ereignisse unterbrochen, welche die Glücklichen in tiefe Trauer versetzten und sie an den Ernst des Lebens mahnten. Während der Vorbereitungen zum heiligen Weihnachtsfeste erkrankte Prinz Louis, der geliebte Bruder, und starb. Der herzzerreißende Abschied von dem Sterbenden und der Schmerz um diesen Verlust erschütterte den Kronprinzen so sehr, daß sein Leben in Gefahr schwebte. Wenige Wochen nach dem Begräbnisse des liebenswürdigen Prinzen folgte ihm die verwittwete Königin, die würdige Gattin Friedrich’s des Großen, Elisabeth Christine, welche von Louise wie eine Mutter geliebt wurde, und endlich am 16. November 1797 der regierende König, Friedrich Wilhelm der Zweite, der in seinem Marmorpalais zu Potsdam den Folgen seiner körperlichen und geistigen Erschöpfung erlag.

Mit schweren Sorgen und im vollen Gefühl seiner ernsten Pflichten übernahm der Kronprinz die Regierung, von den edelsten Vorsätzen und Wünschen für sein Volk beseelt. Sogleich nach seiner Thronbesteigung ließ er die Gräfin von Lichtenau verhaften und später aus Berlin verweisen. Der intriguante General von Bischofswerder, der bekannte Geisterbeschwörer, verlor seinen mächtigen Einfluß, und der Urheber des berüchtigten Religionsedictes und der theologischen Prüfungs-Commission, der pietistische Wöllner, erhielt seinen Abschied, nachdem ihm der König eigenhändig geschrieben: „Früher ist kein Religionsedict im Lande gewesen, aber gewiß mehr Religion und weniger Heuchelei.“ – Trotz des Geschreies der Dunkelmänner wurde dem freisinnigen Philosophen Fichte der Aufenthalt in Berlin mit den schönen Worten gestattet: „Wenn es wahr ist, daß der Fichte mit dem lieben Gott in Feindseligkeiten begriffen ist, so mag dies der liebe Gott mit ihm abmachen. Mir thut es nichts.“ Den Behörden wurde die Entfernung träger, unfähiger und unredlicher Beamten empfohlen und die strengste Ordnung, Sparsamkeit und Thätigkeit zur Pflicht gemacht; eine eigene Cabinetsordre wurde erlassen, welche den damals so übermüthigen Officieren das „Brüskiren“ von Civilpersonen auf das Strengste verbot. Dagegen aber konnte der damals siebenundzwanzigjährige König, der in Folge seiner Erziehung an allzu großer Bescheidenheit litt und kein Vertrauen zu seiner eigenen Kraft besaß, sich leider nicht entschließen, vollständig mit dem alten, verrotteten System zu brechen und die charakterlosen Räthe seines verstorbenen Vaters, den Minister Haugwitz und den Cabinetsrath Lombard, zu beseitigen.

Die Königin Louise gab das herrlichste Beispiel edelster und reinster Weiblichkeit. Der König und seine Gemahlin vereinigten sich, das durch französische Einflüsse zerrüttete Familienleben am Hofe wieder herzustellen, die vornehme Liederlichkeit zu unterdrücken und durch bürgerliche Einfachheit, strenge Sittlichkeit und Zucht Allen vorzuleuchten. Auch als König blieb Friedrich Wilhelm der Dritte ein abgesagter Feind jedes Ceremoniells; im Verkehre mit seiner Gattin behielt er nach wie vor das vertrauliche „Du“ bei. Seine Brüder mußten ihn Fritz nennen, und er selbst sprach nur von „seiner Frau“, sowie sie von „ihrem Manne“, was damals für eine unerhörte Neuerung galt. Selbst in Gegenwart der Diener wurde fast ausschließlich nur die sonst verpönte deutsche Sprache gebraucht. Wie früher sah man Beide Arm in Arm zu Fuß durch die Straßen Berlins wandern. Bei einem Besuche des Christmarkts im Jahre 1797 traten sie an eine Weihnachtsbude, um Einkäufe zu machen, und als eine gewöhnliche Bürgersfrau ehrfurchtsvoll ihren Handel abbrach, um dem Herrscherpaare Platz zu machen, sagte die Königin in ihrer leutseligen Weise: „Stehen bleiben, liebe Frau! Was würden die Verkäufer sagen, wenn wir ihnen die Käufer vertreiben wollten!“ Zugleich erkundigte sie sich nach den Verhältnissen der Frau, und da Louise von ihr hörte, daß Jene auch einen Knaben von dem gleichen Alter des Kronprinzen habe, kaufte sie einige Spielsachen, welche sie der erfreuten Mutter mit den Worten überreichte: „Nehmen Sie, liebe Frau, und bescheeren Sie diese Kleinigkeiten Ihrem Kronprinzen im Namen des meinigen!“

Auf einem Balle, den die Königin besuchte, bemerkte sie eine liebenswürdige junge Dame, welche wegen ihrer bürgerlichen Herkunft von den adeligen Herren der Gesellschaft nicht zum Tanze aufgefordert wurde. Kaum entdeckte sie die Ursache dieser Zurücksetzung, so bat sie den König, mit derselben Dame zu tanzen und sie so auszuzeichnen, damit die beschämten Herren ihren Fehler wieder gut zu machen suchten. Bald darauf redete sie bei der großen Cour die junge schüchterne Frau eines Officiers an, welche auf die Frage, „Was sie für eine Geborene sei?“ in ihrer Verlegenheit die von Allen belachte Antwort gab: „Ach, Ihre Majestät! Ich bin gar keine Geborene.“

„Ei, Frau Majorin,“ erwiderte die Königin mit feinem Lächeln. „Sie haben mir naiv-satirisch geantwortet. Ich gestehe, mit dem Ausdruck: von Geburt sein, habe ich nie einen vernünftig sittlichen Begriff verbinden können, wenn damit ein angeborener Vorzug bezeichnet werden soll; denn in der Geburt sind sich alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Allerdings ist es von hohem Werth, ermunternd und erhebend, von guter Familie zu sein und von Vorfahren und Eltern abzustammen, die sich durch Tugend und Verdienst auszeichneten, und wer wollte das nicht ehren und bewahren? Aber dies findet man Gott Lob! in allen Ständen und aus den untersten selbst sind [8] oft die größten Wohlthäter der Menschheit hervorgegangen. Aeußere glückliche Lagen und Vorzüge kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch Alles ankommt, muß jeder für sich und seine eigene Person durch Selbstbeherrschung erwerben. Ich danke Ihnen, liebe Frau Majorin, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, diese, wie ich glaube, für’s Leben nicht unwichtigen Gedanken unbefangen auszusprechen, und wünsche Ihnen in der Ehe viel Glück, dessen Quelle nur in unserem Herzen liegt.“

Durch solche humane Worte und rein menschliche Züge erwarb sich Louise die Liebe ihres Volkes, das in ihr den guten Genius des Königs verehrte. Um die hohe Frau schaarten sich alle guten und reinen Elemente der Gesellschaft; die Besten ihrer Zeit erblickten bereits in ihr das Ideal edelster Weiblichkeit und erkannten ihre Bedeutung für das durch ihren Einfluß wieder erstehende und aus tiefer Versunkenheit sich erhebende Familienleben.

[26] Die Reise des Königs und seiner Gemahlin zur Huldigung nach Königsberg glich einem Triumphzuge und gab Beiden vielfach Gelegenheit, durch ihre Güte, Freundlichkeit und Menschlichkeit das Herz des Volkes zu gewinnen. Auf ihrem Wege nach dort wurde Louise in einer kleinen Stadt Pommerns von neunzehn Mädchen in weißen Kleidern begrüßt, welche vor ihrem Wagen Blumen spendeten. Als die Königin in ihrer herzlichen Weise mit den Kindern sprach, erzählten ihr dieselben im Vertrauen, daß sie ursprünglich zwanzig gewesen, aber die Eine nach Hause geschickt worden wäre, weil sie gar zu häßlich ausgesehen habe. „Ach, das arme Kind,“ rief die mitleidige Königin, „hat sich gewiß auf meine Ankunft gefreut, und nun muß es zu Hause sitzen und wird bittere Thränen weinen!“ Zugleich gab sie Befehl, die betrübte Kleine zu holen. Louise beschenkte sie reich vor den anderen Kindern, um sie wegen der erlittenen Zurücksetzung zu entschädigen.

In ähnlich humaner Weise benahm sie sich gegen eine Frau, welche bei einem glänzenden Militair-Kirchenfeste zu spät kam und, da sie in der überfüllten Kirche keinen Platz fand, zufällig in die königliche Loge gerieth, wo sie auf die freundliche Einladung[WS 1] einer Hofdame sich niederließ. Nach beendigtem Gottesdienst[WS 1] wurde die unschuldige Frau von dem Ober-Ceremonienmeister so hart angefahren, als ob sie eine schwere Majestätsbeleidigung begangen hätte. In ihrer Herzensangst wandte sie sich weinend und tief betrübt an den Bischof Eylert, weil es scheinen könnte, als habe sie die der geliebten Königin schuldige Ehrfurcht verletzt. Unterdeß hatte diese den Vorfall bereits erfahren und sogleich den Bischof rufen lassen. „Aber ich bitte Sie um Himmelswillen,“ empfing sie ihn, „was ist in Ihrer Kirche geschehen? Soeben habe ich mit Unwillen gehört, wie eine würdige Frau Ihrer Gemeinde gekränkt worden ist. Warum? Sollte man es glauben – darum weil sie in meiner Loge während des Gottesdienstes Platz genommen hat. Man weiß, wie der König und ich über das Hof-Ceremoniell denken. Ganz läßt es sich nicht beseitigen, aber man sollte doch einen Unterschied machen. Und das nun vollends in der Kirche! Ich bin trostlos darüber, wiewohl nicht schuld daran – bitte, machen Sie es wieder gut! Essen Sie diesen Mittag bei mir und bringen Sie mir die Versicherung, daß die würdige Frau wieder zufrieden gestellt ist! Morgen aber kommen Sie mit ihr selber! Ich werde mich freuen, ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.“

Wo die Königin erschien, in Preußen, Schlesien und Westphalen, wurde sie mit Begeisterung empfangen, mit Liebe begrüßt und fast wie eine Heilige verehrt. Aber die glänzenden Feste des Adels, die Huldigungen der Stände und die rauschenden Vergnügungen der vornehmen Welt erfreuten und befriedigten sie weniger als die schlichte Liebe ihres Volkes, die Thränen in den Augen der Armen, welche sie als ihre Wohlthäterin priesen. Nach all den Zerstreuungen, Bällen und Aufzügen fühlte sie sich wieder am glücklichsten in ihrer Häuslichkeit, bei ihren Kindern im kronprinzlichen Palais unter den Linden, das auch Friedrich Wilhelm der Dritte bis zu seinem Tode bewohnte. Hier lebte sie ausschließlich ihrem Gatten und ihrer Familie als eine echte deutsche Hausfrau in treuer Erfüllung aller Pflichten, mit der Erziehung ihrer Kinder und mit ihrer eigenen Bildung beschäftigt. Von frühester Jugend an interessirte sie sich für Kunst, Wissenschaft und Literatur. Die deutschen Dichter Herder, Goethe und Schiller waren ihre Lieblingsschriftsteller, besonders der Letztere, den sie so gern in ihre Nähe gezogen hätte. Außerdem las sie die griechischen Tragiker in Uebersetzungen, die Dramen Shakespeare’s, Gibbon’s römische Geschichte und die besten französischen Memoiren.

Dieses schöne, friedliche Dasein sollte jedoch nur zu bald sein Ende finden. Immer mehr verfinsterte sich der politische Horizont; immer ernster und drohender gestaltete sich die Lage des Staates; immer näher rückte das unvermeidliche Verderben. Napoleon, das Genie des Jahrhunderts, hatte in Frankreich die Revolution bezwungen, durch eine Reihe glücklicher Kämpfe die Gegner der sogenannten Republik besiegt, das alte Staatensystem tief erschüttert, Oesterreich in Italien niedergeworfen, Rußland geschlagen, das verrottete deutsche Reich zertrümmert, sich zum Schiedsrichter Europas aufgeschwungen und die Kaiserkrone auf sein mit Lorbeeren geschmücktes Haupt gesetzt.

In diesem Weltkampfe war Preußen seit dem Baseler Frieden neutral geblieben, da Friedrich Wilhelm der Dritte, von seiner Friedensliebe verführt und von Mißtrauen gegen sich selbst erfüllt, die mit Recht vielfach angegriffene Politik der freien Hand verfolgte. Mehrfach aufgefordert, einer neuen Coalition gegen den ehrgeizigen Eroberer beizutreten, schwankte er unentschlossen hin und her, obgleich die Verhältnisse zu einem entschiedenen Handeln und schnellem Entschlusse drängten und jede Zögerung die Gefahr nur noch steigerte. An seiner eigenen Begabung zweifelnd, überließ er die Entscheidung seinen meist unfähigen und uneinigen Räthen und Ministern. Während der charakterlose Haugwitz sich zu Frankreich hinneigte, Hardenberg sich für England und Rußland erklärte, die Kriegspartei am Hofe, an deren Spitze Prinz Louis Ferdinand stand, mit wildem Ungestüm den Kampf gegen Napoleon forderte, verharrte der König in seiner unglücklichen Neutralität, unfähig, unter solchen Umständen einen kühnen Schritt zu thun.

Erst der Besuch des Kaisers Alexander von Rußland und des Erzherzogs Anton von Oesterreich, die sich nach Berlin begeben hatten, um ihn zur Theilnahme an dem bevorstehenden Kriege zu bewegen, ließ ihn einen Vertrag abschließen, worin er sich erbot, zunächst den Frieden mit Frankreich zu vermitteln und für den Fall, daß Napoleon die Vorschläge Preußens zurückweisen sollte, der Coalition beizutreten und am 15. December den Krieg an Frankreich zu erklären. Zufrieden mit diesem Abkommen, äußerte der Kaiser Alexander am Abend seiner Abreise über Tisch, daß er gern die Gruft Friedrich’s des Großen gesehen hätte, um dem todten Helden seine Ehrfurcht zu bezeugen. [27] Obgleich kein besonderer Freund solch einer romantischen Ueberschwänglichkeit, gab der König sogleich den Befehl, die Garnisonkirche in Potsdam, wo die Särge des großen Friedrich und seines strengen Vaters standen, zu erleuchten. Um Mitternacht führte er selbst seinen hohen Gast in Begleitung der Königin in die Gruft. Ueberwältigt von seinen Gefühlen, küßte Alexander den kalten Marmorsarg und die warmen Lippen der von ihm angebeteten Louise, indem er mit erhobener Hand den neuen Bund zwischen Rußland und Preußen feierlich beschwor und unerschütterliche Treue gelobte. Schweigend knieten die Anwesenden nieder und beteten leise um den Segen des Himmels, worauf sie unter nochmaliger Versicherung ewiger Freundschaft von einander Abschied nahmen.

Alexander eilte zu dem Heer nach Mähren, wo die vereinigte russisch-österreichische Macht bei Austerlitz von Napoleon auf das Haupt geschlagen wurde. Der stolze Sieger, empört über die vermeintliche Treulosigkeit der preußischen Regierung, brannte vor Begierde sich an dem heimlichen Gegner zu rächen, der jetzt ohne genügende Vorbereitung, ohne erprobte Führer und ohne Bundesgenossen ihm rath- und hülflos gegenüber stand. Während der König durch Unterhandlungen noch den drohenden Kampf zu vermeiden suchte, rüstete Napoleon mit der ihm eigenen Energie und traf alle Vorbereitungen, um den längst geplanten Todesschlag gegen die Monarchie des großen Friedrich zu führen. Plötzlich rückte er nach Thüringen vor, wo er mit bewunderungswürdiger Kraft und Schnelligkeit die wichtigsten Punkte besetzte. In dieser Zeit der allgemeinen Rathlosigkeit, Verzagtheit und Verwirrung war die Königin Louise nach dem Zeugniß des bekannten Staatsmannes Gentz die einzige tröstliche und bedeutende Erscheinung. Weit entfernt davon, im kriegerischen Getümmel, wie es in den lügenhaften Berichten der französischen Blätter und in den späteren Bulletins hieß, die Amazone zu spielen und das Feuer unweiblich zu schüren, bewahrte sie auch unter den traurigsten Verhältnissen ihren sanften, echt weiblich-deutschen Charakter.

„Donnerstag den 9. October,“ schreibt Gentz in seinen denkwürdigen Aufzeichnungen, „um 9 Uhr Vormittags erhielt ich in Erfurt Zutritt bei Ihrer Majestät der Königin. Schon seit einem Jahre hörte ich beständige Lobpreisungen dieser Fürstin; ich war daher ganz darauf vorbereitet, sie anders zu finden, als ich sie früher mir gedacht. Die feinen, erhabenen Eigenschaften aber, die sie während einer dreiviertelstündigen Unterhaltung jeden Augenblick entwickelte, hatte ich nicht erwartet. Sie berathschlagte mit Präcision, Selbstständigkeit und Energie, zu gleicher Zeit eine Klugheit offenbarend, die ich selbst bei einem Mann bewunderungswürdig gefunden hätte, und doch zeigte sie sich bei Allem, was sie sagte, so voll tiefen Gefühls, daß man keinen Augenblick vergessen konnte, es sei ein weibliches Gemüth, dem man Bewunderung zollte. Nicht ein Wort, das nicht zum Zweck gehörte, keine Reflexion, keine Gefühlsäußerung, die nicht in vollkommenster Harmonie gestanden mit dem allgemeinen Gegenstande der Besprechung, so daß eine Combination von Würde, Wohlwollen und Eleganz, wie ich nie etwas Aehnliches mich zuvor besinne, das Resultat war.

Ihre erste Frage war, was ich von diesem Kriege denke und welche Ansichten ich hege. Ich suchte Alles hervor, was sich mir selbst bei dieser Frage von der schönen Seite bot. Besondern Nachdruck legte ich auf den Zustand der öffentlichen Meinung, auf die günstige Stimmung von Seiten der Zeitgenossen und auf die eifrigen Wünsche, die von allen Parteien Deutschlands dahin getheilt würden, daß ein günstiger Erfolg Preußens Unternehmung krönen möge. Die Königin bemerkte, sie habe schon seit langer Zeit Betrachtungen darüber gehegt, in welchem Lichte die öffentliche Meinung und vor Allem die der fremden Länder diesen Feldzug betrachten möchte, da sie wohl wisse, daß die Gesinnungen gegen Preußen nicht die günstigsten seien; jedoch habe sie seit einigen Wochen in dieser Beziehung Erfahrungen gemacht, die ihr wieder großes Vertrauen eingeflößt hätten. Sie fuhr fort, sie kenne die Vergangenheit besser als ich; ‚aber ist jetzt nicht der Augenblick, wo sie vergessen sein sollte!‘

Sie lenkte das Gespräch auf den für Oesterreich so unglücklichen Krieg von 1805 – unauslöschlichen Eindruck machten auf mich die liebenswürdigen tiefen Gefühle, die sie offenbarte, als sie auf die Mißgeschicke des Hauses Oesterreich anspielte. Mehr als einmal sah ich dabei ihre Augen voll Thränen. Unter Anderm erzählte sie mit rührender Einfachheit, daß an dem Tage, wo sie die Nachricht von den ersten Unglücksfällen der österreichischen Armee erfahren, der Kronprinz, ihr Sohn, sich zum ersten Male in der Uniform gezeigt habe. Als sie dies gesehen, habe sie gesagt: ‚Ich hoffe, daß an dem Tage, wo Du Gebrauch machen wirst von diesem Rocke, Dein einziger Gedanke der sein wird, Deine unglücklichen deutschen Brüder zu rächen.‘ – Sie rechtfertigte sich gegen den in französischen Blättern ihr gemachten Vorwurf der Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten, erklärte jedoch freimüthig, sie würde, wenn sie darum befragt worden wäre, für den Krieg gestimmt haben. In Bezug auf die ihr angedichtete Parteilichkeit für Rußland sagte sie: ‚es sei dies von allen die ungerechteste und absurdeste Beschuldigung. Was den Eifer, die Hingebung und persönlichen Tugenden des Kaisers Alexander anbeträfe, so habe sie diesen stets alle Gerechtigkeit angedeihen lassen und werde dies auch immer thun, allein weit entfernt, Rußland als das Hauptwerkzeug der Befreiung Europas zu betrachten, habe sie dessen Beihülfe nur immer als letzte Hülfsquelle angesehen und sie sei fest überzeugt, daß die großen Rettungsmittel einzig und allein in der engsten Verbindung aller Derer zu finden wären, die sich des deutschen Namens rühmten.‘“

Unaufhaltsam jedoch brach das Verhängniß über Preußen herein, an dem die Sünden der Vergangenheit gerächt wurden. Eine einzige unglückliche Schlacht genügte, um die Monarchie Friedrich’s des Großen zu zertrümmern. Der Tag von Jena mit den darauf folgenden Ereignissen, jene Zeit der Schmach, des Abfalls und Verraths offenbarte die allgemeine Demoralisation, die von dem scharfblickenden Mirabeau bereits bezeichnete „Fäulniß vor der Reife“, die Erbärmlichkeit der höheren Stände, die Unfähigkeit und Feigheit der Beamtenwelt, die Gesinnungslosigkeit der Bürgerschaft in der entsetzlichsten Weise. Der König sah sich gezwungen, mit seiner Familie und den Resten seines zwar tapferen, aber schlecht geführten Heeres über die Oder zu fliehen. In jenen traurigen Tagen der Prüfung, als eine Schreckensnachricht die andere jagte, sprach die betrübte Königin in ihrem Schmerze die prophetischen Worte zu ihren Söhnen:

„Ihr seht mich in Thränen; ich beweine den Untergang meines Hauses und den Verlust des Reiches, mit dem Eure Ahnen und ihre Generale den Stamm der Hohenzollern gekrönt haben und dessen Glanz sich über alle Völker verbreitete, die ihrem Scepter gehorchten. Ach, wie verdunkelt ist jetzt dieser[WS 2] Glanz! Das Schicksal zerstörte an einem Tage ein Gebäude,[WS 2] an dessen Erhöhung große Männer zwei Jahrhunderte hindurch gearbeitet haben. Es giebt keinen preußischen Staat, keine preußische Armee, keinen Nationalruhm mehr; er ist verschwunden wie jener Nebel, welcher auf den Feldern von Jena und Auerstädt die Gefahren und Schrecken dieser unglücklichen Schlacht verbarg. Ach, meine Söhne, Ihr seid in dem Alter, wo der Verstand die großen Ereignisse, welche uns jetzt heimsuchen, fassen und fühlen kann; ruft künftig, wenn Eure Mutter und Königin nicht mehr lebt, diese unglückliche Stunde in Euer Gedächtniß zurück, weint meinem Andenken Thränen, wie ich sie jetzt in diesem Augenblicke dem Umsturze meines Vaterlandes weine! Aber begnügt Euch nicht mit Thränen allein! Handelt, entwickelt Eure Kräfte! Vielleicht läßt Preußens Schutzgeist auf Euch sich nieder; befreiet dann Euer Volk von der Schande, den Vorwürfen und der Erniedrigung, worin es schmachtet! Suchet den jetzt verdunkelten Ruhm Eurer Vorfahren von Frankreich zurück zu erobern, wie Euer Urgroßvater, der große Kurfürst, einst bei Fehrbellin die Niederlage, die Schmach seines Vaterlandes an den Schweden rächte! Lasset Euch, meine Prinzen, nicht von der Entartung des Zeitalters hinreißen! Werdet Männer und geizet nach dem Ruhme großer Feldherrn und Helden! Wenn Euch dieser Ehrgeiz fehlte, so würdet Ihr des Namens von Prinzen und Enkeln des große Friedrich’s unwürdig sein. Könnt Ihr aber mit aller Anstrengung den niedergebeugten Staat nicht wieder aufrichten, so suchet den Tod, wie ihn Louis Ferdinand gesucht hat!“

Auf der Flucht nach Preußen lernte die Königin das Elend und die Noth im vollsten Maße kennen. Die pflichtvergessenen [28] Commandanten und feigen Behörden überlieferten dem Feinde ohne Widerstand die Festungen Küstrin und das starke Magdeburg, alle Vorräthe und Schätze des Staates. Nicht nur die französischen Zeitungen und lügenhaften Bulletins des übermüthigen Siegers, sondern auch feile deutsche Lohnschreiber verfolgten die reine, unschuldige Königin mit den gemeinsten Schmähungen und Verleumdungen. Elende Menschen, welche sie mit Wohlthaten überhäuft, lohnten ihr mit Undank.

Auf dem Wege von Stettin nach Küstrin versagte ihr der rohe Amtmann in Bärwalde frische Pferde zu ihrem Fortkommen, sodaß sie mit den abgetriebenen Gäulen weiterfahren mußte. Mitten in ihrem größten Unglücke erinnerte sie sich jener rührenden Strophen des „Sängers“ in Goethe’s „Wilhelm Meister“, die sie damals zu Ortelsburg in ihr Tagebuch einschrieb:

„Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt in’s Leben uns herein
Und laßt den Armen schuldig werden;
Dann überlaßt ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“

[54] Dazu erkrankten noch ihre jüngeren Kinder auf der in der rauhen Jahreszeit doppelt beschwerlichen Reise; sie selbst erlag den auf sie einstürmenden Gemüthsbewegungen und verfiel in ein Nervenfieber, von dem sie jedoch in verhältnißmäßig kurzer Zeit genas. „In dieser Krankheit,“ bezeugt die bekannte Gräfin Voß, ihre Oberhofmeisterin, „habe ich den Muth und die Gelassenheit meiner theuren Königin wieder recht erkannt. Ihr Leben ist ihr selbst nur von Werth um ihres Mannes und ihrer Kinder willen, und die vollständige Ergebung in den Rathschluß des Allerhöchsten giebt ihr diese große Geduld und tiefen, inneren Frieden.“ – Kaum genesen, mußte sie mitten im Winter das vom Feinde bedrohte Königsberg verlassen und nach Memel flüchten. In Betten gehüllt, wurde sie auf elenden Wegen fortgebracht und, zu schwach zum Gehen und in Ermangelung eines Sessels, auf den Armen eines Dieners in ihre Wohnung getragen, aber keine Klage, kein unwilliges Wort entschlüpfte den bleichen Lippen der starken Dulderin, welche mit rührender Ergebung ihr hartes Geschick trug.

Unterdessen schlug sich der Rest des preußischen Heeres, in Verbindung mit der russischen Armee unter Bennigsen, mit anerkennungswerther Tapferkeit gegen den überlegenen Feind. Nach der zweifelhaften Schlacht bei Eylau, wo Napoleon große Verluste erlitten, schickte dieser einen seiner Generale mit vortheilhaften Friedensvorschlägen an den König, welche dieser jedoch, aus Rücksicht auf seine Bundesgenossen zurückwies. Die Königin, welche von Memel wieder nach Königsberg zurückgekehrt war, bestärkte ihn in seinen hochherzigen Entschlüssen, obgleich sie am meisten unter den Drangsalen des Krieges litt. Leider sollte ihr Vertrauen auf Alexander bitter getäuscht werden. Nach der unglücklichen Schlacht bei Friedland sah sie sich von Neuem gezwungen, die Flucht zu ergreifen. „Es ist,“ schrieb sie an ihren Vater, wieder ein ungeheures Ungemach über uns gekommen, und wir stehen auf dem Punkte, das Königreich zu verlassen. Bedenken Sie, wie mir dabei ist; doch bei Gott beschwöre ich Sie, verkennen Sie Ihre Tochter nicht! Glauben Sie ja nicht, daß Kleinmuth mein Haupt beugt! Zwei Hauptgründe habe ich, die mich über Alles erheben. Der erste ist der Gedanke: wir sind kein Spiel des bloßen Zufalls, sondern wir stehen in Gottes Hand, und die Vorsehung leitet uns – der zweite: wir gehen in Ehren unter. Der König hat es bewiesen. Der Welt hat er bewiesen, daß er nicht Schande, sondern Ehre will. Preußen wollte nicht freiwillig Sclavenketten tragen. Auch nicht einen Schritt hat der König anders handeln können, ohne seinem Charakter ungetreu und an seinem Volke zum Verräther zu werden. Wie dieses stärkt, kann nur der fühlen, den wahres Ehrgefühl durchströmt.“

Noch war der Kelch des bitteren Leids nicht bis zum Grunde geleert. Von der stockrussischen Partei gedrängt, welche sich nicht länger für die persönliche Freundschaft der Monarchen schlagen wollte, schloß Kaiser Alexander auf Kosten Preußens seinen Frieden mit Napoleon, so daß dem Könige nichts übrig blieb, als sich dem Sieger zu unterwerfen, der, in seiner Eitelkeit durch den edlen Stolz des unglücklichen, aber nicht gedemüthigten Fürsten beleidigt, diesen mit rücksichtsloser Brutalität behandelte und ihn die ganze Wucht seines Zornes fühlen ließ. Da die Umgebung Friedrich Wilhelm’s des Dritten und auch Alexander’s durch die Gegenwart der Königin die schwebenden Verhandlungen zu fördern und mildere Bedingungen zu erlangen hoffte, so wurde der Wunsch ausgesprochen, die hohe Frau möge den Verhandlungen in Tilsit beiwohnen. Louise entschloß sich, wenn auch mit Widerstreben, diesen Wunsch zu erfüllen.

Von dem Dorfe Piktupönen[WS 3] wo der König während der Verhandlungen in einem Bauernhause wohnte, fuhr die Königin mit einer Escorte von französischen Garden in Begleitung der Gräfinnen Voß und Tauenzien nach Tilsit, wo jene historische Zusammenkunft stattfand. Eine Stunde nach ihrer Ankunft erschien Napoleon mit seiner glänzenden Suite, um sie zu sehen. Er ritt einen kleinen arabischen Schimmel; Generale hielten ihm den Steigbügel, als er sich vom Pferde schwang. Er hatte die Reitpeitsche in der Hand und trug den bekannten kleinen Hut, mit dem er nach allen Seiten hin grüßte. Der König und die Prinzen kamen ihm bis zur Haustreppe entgegen. Ohne sich aufzuhalten, ging er sogleich hinauf zur Königin, welche er äußerst höflich anredete. Mit bewunderungswürdiger Feinheit empfing sie den Kaiser, indem sie bedauerte, daß er genöthigt worden sei, eine so unbequeme Treppe zu ihr hinaufzusteigen; dann erkundigte sie sich, wie seiner Gesundheit das nördliche Klima während des Winters bekommen, worauf sie erst den eigentlichen Beweggrund ihrer Reise berührte. In brüskem Tone unterbrach er sie mit der Frage: „Aber wie konnten Sie den Krieg mit mir anfangen?“

„Sire,“ erwiderte die Königin, „dem Ruhme Friedrich’s des Großen war es erlaubt, uns über unsere Kräfte zu täuschen, wenn anders wir uns getäuscht haben.“

Auch der König benahm sich mit Würde, und als Napoleon die im Verlaufe des Gespräches ihm zugemuthete Aufopferung der alten Provinzen als gewöhnliche Wechselfälle des Kriegsglückes bezeichnete, gab ihm dieser zu verstehen, daß Napoleon [55] sich leichter über einen solchen Fall hinwegsetzen könne, da er nicht wisse, was es heiße, angestammte Länder zu verlieren, in denen die theuersten Erinnerungen wurzelten und die man so wenig vergessen könnte, wie seine – Wiege.

„Was Wiege!“ spottete Napoleon. „Wenn das Kind ein Mann geworden, hat es keine Zeit mehr, an seine Wiege zu denken.“

„Doch, doch,“ entgegnete der König mit rücksichtsloser Aufrichtigkeit. „Seine Jugend kann man so wenig vergessen, wie verleugnen, und ein Mann von Herz wird sich dankbar der Wiege erinnern, in der er als Kind lag.“

Bei der gemeinschaftlichen Tafel, wozu Napoleon die Königin geladen, war oder schien er sehr guter Laune und sprach eifrig und fast ausschließlich mit ihr; auch nach Tisch setzte er die Unterhaltung noch lebhaft fort, deren Resultat sie befriedigte. Sein ganzes freundliches Benehmen rechtfertigte den Glauben, daß der stolze Sieger, gerührt durch das Schicksal des unglücklichen Monarchen und durch die Schönheit und Liebenswürdigkeit der hohen Frau, geneigt sein werde, Großmuth zu üben und seine harten Forderungen zu ermäßigen. Um so größer war daher die Enttäuschung, als Graf Golz von einer Audienz bei Napoleon zurückkam, worin der Kaiser mit dürren Worten erklärt hatte, daß Alles, was er der Königin gesagt, nur höfliche Phrasen gewesen wären, die ihn zu nichts verpflichteten. Trotzdem versuchte sie noch einmal, sein Herz zu rühren, um von ihm billigere Bedingungen zu erlangen. Im Fortgehen sagte sie ihm: sie würde abreisen und empfinde es tief, daß er sie getäuscht habe. Wie man erzählt, soll Napoleon ihr zum Abschiede eine Rose von seltener Schönheit überreicht haben. Sie schien jedoch geneigt, diese Gabe abzulehnen, besann sich aber und nahm die Rose mit den Worten: „Zum Mindesten mit Magdeburg,“ worauf er kurz erwiderte: „Belieben Eure Majestät zu bedenken, daß ich es bin, der darbietet, und daß Eure Majestät nur anzunehmen haben.“

Unter solch traurigen Verhältnissen wurde der Friede unterzeichnet, welcher dem Könige fast die Hälfte seiner Länder kostete und dem Staate unerschwingliche Lasten auferlegte. „Der Friede,“ schrieb die Königin „ist geschlossen, aber um einen schmerzlichen Preis; unsere Grenzen werden künftig nur bis zur Elbe gehen – dennoch ist der König größer als sein Widersacher. Nach Eylau hätte er einen vortheilhaften Frieden machen können, aber er hätte freiwillig mit dem bösen Princip unterhandeln und sich mit ihm verbinden müssen – jetzt hat er unterhandelt, gezwungen durch die Noth, und wird sich nicht mit ihm verbinden. Das wird Preußen einst Segen bringen. Auch hätte er nach Eylau einen treuen Alliirten verlassen müssen; das wollte er nicht. Noch einmal: die Handlungsweise des Königs wird ihm Glück bringen; das ist mein fester Glaube.“

In dieser Zeit der größten Noth erkannte Friedrich Wilhelm der Dritte die begangenen Fehler und zugleich die Nothwendigkeit, dem dahinsiechenden Staatsleben einen neuen Geist einzuhauchen und die in seinem Volke schlummernden oder durch eine schlechte Verwaltung gefesselten und unterdrückten Kräfte zu wecken. Damals erinnerte er sich des einzigen großen Staatsmannes, dessen Warnungen und Rathschläge er in seiner Verblendung zurückgewiesen, den er aus seinen Diensten, verführt von seiner beschränkten oder böswilligen Umgebung, ungnädig entlassen hatte. Hauptsächlich durch die Vorstellungen der Königin ward der König bewogen, den von ihm verabschiedeten Freiherrn von Stein zurückzurufen und wieder an die Spitze der Regierung zu stellen. Dieser rechtfertigte durch eine Reihe durchgreifender Reformen und segensreicher Maßregeln das in ihn gesetzte Vertrauen. Bald stieß er jedoch auf Hindernisse und Intriguen von Seiten seiner alten Gegner, der feudalen Junker, der Schwächlinge und der französisch gesinnten Friedenspartei am Hofe, so daß er mehr als einmal im Begriffe stand, sein mühevolles Amt niederzulegen.

Nur die Königin, welche den vollen Werth eines solchen Mannes mit dem ihr eigenen Scharfblicke erfaßte und zu schätzen wußte, hielt ihn zurück und vermittelte mit echt weiblicher Milde und Klugheit zwischen dem unentschlossenen, vor jedem entscheidenden Schritte zurückschreckenden, peinlich ängstlichen Könige und dem schroffen, stolzen, energischen Freiherrn. Sie bat und beschwor den Minister, auszuharren, indem sie ihm unter Anderem den folgenden Brief schrieb:

„Ich beschwöre Sie, haben Sie nur Geduld in den ersten Monaten! Der König hält gewiß sein Wort; Beyme kommt weg, aber erst in Berlin. So lange geben Sie nach, daß um Gottes willen das Gute nicht um drei Monate Geduld und Zeit über den Haufen falle. Ich beschwöre Sie um König, Vaterland, meiner Kinder, meiner selbst willen. Darum – Geduld!

Louise.“

Sie selbst nahm in dieser Zeit, wo sie in Königsberg lebte, den innigsten Antheil an der Wiedergeburt des Staates und an der Erweckung des Volkes. Besonders beschäftigte sie sich mit der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend, die sie mit Recht für die Hauptquellen und Stützen eines gesunden Lebens hielt. Lebhaft interessirte sie sich für die damals aufblühende Lehrmethode des berühmten Pädagogen Pestalozzi in der Schweiz, über den sie sich nicht nur Bericht erstatten ließ, sondern dessen Schriften sie mit großem Eifer durchforschte. „Ich lese jetzt,“ schrieb sie, „‚Lienhard und Gertrud, ein Buch für’s Volk von Pestalozzi‘. Es ist mir wohl mitten in diesem Schweizerdorfe. Wäre ich mein eigener Herr, so setzte ich mich in meinen Wagen und rollte zu Pestalozzi in die Schweiz, um dem edeln Manne mit Thränen in den Augen und mit einem Händedrucke zu danken. Wie gut meint er es mit der Menschheit! Im Namen der Menschheit danke ich ihm. – Eine Stelle in dem Buche gefiel mir besonders, weil sie so wahr ist: ‚Leiden und Elend sind Gottes Segen, wenn sie überstanden sind.‘ – Ja, inmitten meines Elends sage ich schon: Es ist Gottes Segen. Wie viel näher bin ich bei Gott! Wie deutlich sind meine Gefühle zu Begriffen geworden über die Unsterblichkeit der Seele! Nicht ohne Thränen schmilzt das schöne Siegel – nicht wahr?“

Schon in Memel trieb sie geschichtliche Studien mit Benutzung der historischen Vorlesungen des später zum Staatsrath ernannten Professor Süvern, welche sie sich durch den ihr ergebenen originellen Kriegsrath Scheffner zu verschaffen wußte. Mit diesem hatte sie öfters auch lange Unterredungen über die Erziehung des talentvollen, hoch begabten Kronprinzen. Aus den Lehren der Geschichte und dem Verkehr mit bedeutenden Männern, zu denen auch der bekannte Bischof Borewski zählte, schöpfte sie Trost für die traurige Gegenwart und Hoffnung für die dunkle Zukunft, indem sie zwar für ihre Person auf das Glück verzichtete, aber von dem Sieg des Guten und von dem Walten einer weisen und gerechten Vorsehung durchdrungen war. Diese Gesinnung sprach sie in einem ihrer[WS 4] herrlichsten Briefe an ihren Vater aus, welcher ihr Glaubensbekenntniß enthält und das schönste Zeugniß für Herz und Geist der hohen Frau ablegt:

„Bester Vater! Mit uns ist es aus, wenn auch nicht für immer, doch für jetzt. Für mein Leben hoffe ich nichts mehr. Ich habe mich ergeben, und in dieser Ergebung, in dieser Fügung des Himmels bin ich jetzt ruhig und in solcher Ruhe, wenn auch nicht irdisch glücklich, doch, was mehr sagen will, geistig glückselig. – Es wird mir immer klarer, daß Alles so kommen mußte, wie es gekommen ist. Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich selbst als abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrich’s des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten; deshalb überflügelte sie uns. – Das sieht Niemand klarer ein, als der König. Noch eben hatte ich mit ihm darüber eine lange Unterredung, und er sagte in sich gekehrt wiederholentlich: das muß auch bei uns anders werden. –

Gewiß wird es besser werden: das verbürgt der Glaube an das vollkommenste Wesen. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Deshalb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher auf seinem, jetzt freilich glänzenden Thron ist. Fest und ruhig ist nur allein Wahrheit und Gerechtigkeit, und er ist nur politisch, das heißt klug, und er richtet sich nicht nach ewigen Gesetzen, sondern nach Umständen, wie sie eben sind. Dabei befleckt er seine Regierung mit vielen Ungerechtigkeiten. Er meint es nicht redlich mit der guten Sache und den Menschen. Er und sein ungemessener Ehrgeiz kennt nur sich selbst und sein persönliches Interesse. Man muß ihn mehr bewundern, als man ihn lieben kann. Er ist von seinem Glück geblendet, und er meint Alles zu vermögen. Dabei ist er ohne Mäßigung, und wer nicht [56] Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt. Ich glaube fest an eine sittliche Weltordnung. Diese sehe ich in der Herrschaft der Gewalt nicht; deshalb bin ich in der Hoffnung, daß auf die jetzige böse Zeit eine bessere folgen wird. – Hier, lieber Vater! haben Sie mein politisches Glaubensbekenntniß, so gut ich, als eine Frau, es formen und zusammensetzen kann.

Gern werden Sie, lieber Vater, hören, daß das Unglück, welches uns getroffen hat, in unser eheliches und häusliches Leben nicht eingedrungen ist, vielmehr dasselbe befestigt und uns noch werther gemacht hat. Der König ist der beste Mensch, ist gütiger und liebevoller, als je. Oft glaube ich in ihm den Liebhaber, den Bräutigam zu sehen. Mit einem Worte, er gefällt mir in allen Stücken und ich gefalle ihm, und uns ist am wohlsten, wenn wir zusammen sind. Verzeihen Sie, lieber Vater, daß ich dies mit einer gewissen Ruhmredigkeit sage! Es liegt darin der kunstlose Ausdruck meines Glückes, welches Keinem auf der Welt wärmer am Herzen liegt, als Ihnen, bester, zärtlichster Vater! Gegen andere Menschen, auch das habe ich von dem Könige gelernt, mag ich davon nicht sprechen; es ist genug, daß wir es wissen. – Unsere Kinder sind unsere Schätze, und unsere Augen ruhen voll Zärtlichkeit auf ihnen. Der Kronprinz ist voller Leben und Geist. Er hat vorzügliche Talente, die glücklich entwickelt und gebildet werden. Er ist wahr in allen seinen Empfindungen und Worten, und seine Lebhaftigkeit macht Verstellung unmöglich. Er lernt mit vorzüglichem Erfolge Geschichte, und das Große und Gute zieht seinen idealischen Sinn an sich. Für das Witzige hat er viel Empfänglichkeit, und seine komischen überraschenden Einfälle unterhalten uns sehr angenehm. Er hängt vorzüglich an der Mutter, und er kann nicht reiner sein, als er ist. Ich habe ihn sehr lieb und spreche oft mit ihm, wie es sein wird, wenn er einmal König ist.

Unser Sohn Wilhelm wird, wenn mich nicht Alles trügt, wie sein Vater, einfach, bieder und verständig. Auch in seinem Aeußeren hat er die meiste Aehnlichkeit mit ihm, nur wird er nicht so schön. Sie sehen, lieber Vater, ich bin noch in meinen Mann verliebt. Unsere Tochter Charlotte macht mir immer mehr Freude; sie ist zwar verschlossen und in sich gekehrt, verbirgt aber, wie ihr Vater, hinter einer scheinbar kalten Hülle ein warmes, theilnehmendes Herz. Karl ist gutmüthig,[WS 5] fröhlich, bieder und talentvoll; körperlich entwickelt er sich ebenso gut wie geistig. Er hat oft naive Einfälle, die uns zum Lachen reizen. Er ist heiter und witzig. Er wird, ohne die Theilnahme an dem Wohle und Wehe Anderer zu verlieren, leicht und fröhlich durch’s Leben gehen. – Unsere Tochter Alexandrine ist, wie Mädchen ihres Alters und Temperaments sind, anschmiegend und kindlich. Sie zeigt eine richtige Auffassungsgabe, eine lebhafte Einbildungskraft und kann oft herzlich lachen. Sie hat Anlage zum Satirischen und sieht dabei ernsthaft aus, doch schadet das ihrer Gutmüthigkeit nicht. Von der kleinen Louise läßt sich noch nichts sagen. Möge sie ihrer Ahnfrau, der liebenswürdigen und frommen Louise von Oranien, der würdigen Gemahlin des großen Kurfürsten, ähnlich werden!

Da habe ich Ihnen, geliebter Vater, meine ganze Galerie vorgeführt. Sie werden sagen: das ist ja eine in ihre Kinder verliebte Mutter, die an ihnen nur Gutes sieht und für ihre Mängel und Fehler keine Augen hat. Und in Wahrheit, böse Anlagen, die für die Zukunft besorgt machen, haben sie nicht. Umstände und Verhältnisse erziehen den Menschen, und für unsere Kinder mag es gut sein, daß sie die ernste Seite des Lebens schon in ihrer Jugend kennen lernen. Wären sie im Schooße des Ueberflusses und der Bequemlichkeit groß geworden, so würden sie meinen, das müsse so sein. Daß es aber anders kommen kann, sehen sie an dem ernsten Angesichte ihres Vaters, und an der Wehmuth und den öfteren Thränen der Mutter. Meine Sorgfalt ist meinen Kindern gewidmet für und für, und ich bitte täglich Gott in meinem sie einschließenden Gebete, daß er sie segnen und seinen guten Geist nicht von ihnen nehmen möge. Erhält Gott sie uns, so erhält er mir meine besten Schätze, die Niemand mir entreißen kann. Es mag kommen, was da will, mit und in der Vereinigung unserer Kinder werden wir glückselig sein.“

[71] Bekanntlich gestalteten sich die Verhältnisse noch weit trauriger, als die Königin gefürchtet hatte. Napoleon kannte keine Schonung mit dem besiegten Preußen und legte dem bereits erschöpften Lande neue, unerschwingliche Lasten auf, taub für alle Bitten und gerechten Vorstellungen. Zu allem Unglück mußte auch durch Unvorsichtigkeit ein vertraulicher Brief des Ministers Stein über die Nothwendigkeit eines gemeinsamen Widerstandes der beiden deutschen Hauptmächte und die dazu nöthigen Hülfsmittel in die Hände der französischen Behörden fallen. Napoleon benutzte sogleich die Gelegenheit, um durch seine Drohungen eine Erläuterung zu dem Frieden von Tilsit zu erpressen, wodurch er die ohnmächtige Regierung fast zur Verzweiflung trieb. Außer den geleisteten Contributionen forderte er noch hundertvierzig Millionen Franken und als Unterpfand für diese Schuld die Festungen Glogau, Küstrin und Stettin mit einer Besatzung von zehntausend Franzosen und deren Unterhalt; außerdem mußte sich Preußen verpflichten, ihm sieben Militärstraßen frei zu geben, nie mehr als zweiundvierzigtausend Mann eigene Truppen zu halten, die Bildung der Landwehr und der Volksbewaffnung einzustellen und für den drohenden Krieg mit Oesterreich ein Hülfscorps ihm abzugeben.

Das Traurigste aber war, daß die Friedenspartei am Hofe wieder das Uebergewicht erhielt und die von Stein und Scharnhorst angebahnten Reformen in’s Stocken geriethen oder ganz unterblieben. Stein selbst mußte entlassen werden und flüchtete, von Napoleon geächtet und für vogelfrei erklärt, nach Oesterreich. Das ihn ersetzende Ministerium Altenstein war in keiner Weise seiner Aufgabe gewachsen; ohne Einheit, ohne Kraft und Energie verfolgte es wieder jene alte, unselige Politik des Abwartens. Als Oesterreich sich zum schweren Kampfe rüstete, die tapferen Tiroler und Spanier in ihren freien Bergen zu den Waffen gegen den Tyrannen griffen, die Flammen des Aufstandes hoch emporloderten und der große Augenblick zum vereinten Handeln gekommen war, verharrte die preußische Regierung in unbegreiflicher Unthätigkeit. Nur die Königin erkannte wiederum mit ihrem prophetischen Blick die Bedeutung dieser Volksbewegung, zu der Friedrich Wilhelm der Dritte nicht eher Vertrauen faßte, bis er 1813 von der allgemeinen Begeisterung mit fortgerissen wurde.

Noch einmal siegte jedoch Napoleon über das erschöpfte Oesterreich trotz tapferer Gegenwehr; Kaiser Franz sah sich gezwungen, einen schimpflichen Frieden zu schließen und diesen durch die Hand seiner eigenen Tochter, einer stolzen Habsburgerin, zu besiegeln. Die Hoffnungen der deutschen Patrioten wurden vernichtet und machten einer dumpfen Verzweiflung Platz. Besonders war die preußische Kriegspartei über diesen durch die Regierung mit heraufbeschworenen Ausgang des Kampfes empört. Der alte Blücher forderte seinen Abschied, den er jedoch zum Glück nicht erhielt. Die besten und talentvollsten Männer zogen sich grollend zurück oder traten, wie der alte Hartmann, in fremde Dienste, um gegen den fränkischen Tyrannen zu kämpfen. Andreas Hofer, der todesmuthige Schill, Dörnberg, der kühne Herzog von Braunschweig, welche zu früh aufgestanden, büßten mit ihrem Tode oder mit Verbannung ihre Liebe zu dem bedrückten Vaterlande. Damals stand Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht und vermaß sich, der ganzen Welt Gesetze vorzuschreiben. Das gedemüthigte, ausgesogene Preußen schmachtete in seinen Banden und erlag fast unter dem ihm aufgezwungenen Joch. Unfähig, die geforderten Summen abzuzahlen, sah sich die königliche Familie zu den peinlichsten Einschränkungen und Entbehrungen gezwungen. Eine beabsichtigte Anleihe mißlang und rücksichtslos drohte der Sieger mit einer französischen Executionsarmee, sodaß der damalige Finanzminister ganz ernstlich die Abtretung Schlesiens als das einzige Mittel zur Befriedigung des ungestümen Gläubigers vorzuschlagen wagte. Das war selbst für den geduldigen König zu viel; er entließ den unfähigen Altenstein und berief an dessen Stelle den bereits früher erprobten Grafen Hardenberg, um die von Stein bereits eingeleiteten Reformen zum Heile des Staates durchzuführen. – Alle diese politischen Ereignisse und Bestrebungen wurden von der Königin mit Begeisterung begrüßt und nach Kräften gefördert.

„Haben Sie schon gehört?“ schrieb sie bereits im September 1808, „der König hat befohlen, daß in den Kirchen Gedächtnißtafeln der um das Vaterland verdienten Krieger aufgestellt werden zur Ehre der Todten, zur Auszeichnung der Ueberlebenden und zur Nacheiferung der Anderen. Das ist ein Funken mehr, aus dem vielleicht noch die Flamme Gottes schlagen kann, welche die Geißel der Völker verzehrt. Hat es denn nicht wie in Spanien auch in Tirol schon gezündet? ‚Auf den Bergen ist die Freiheit.‘ Klingt diese Stelle, die ich jetzt erst verstehe, nicht wie eine Prophezeiung, wenn Sie auf das Hochgebirge blicken, das sich auf den Ruf seines Hofer’s erhoben hat? Welch ein Mann dieser Andreas Hofer! Ein Bauer wird ein Feldherr, und was für einer! Seine Waffen – Gebet; sein Bundesgenosse – Gott! Er kämpft mit gefalteten Händen, kämpft mit gebeugten Knieen und schlägt wie mit dem Flammenschwerte des Cherubs. Und dieses treue Schweizervolk,[WS 6] das meine Seele schon aus Pestalozzi angeheimelt hat! Ein Kind an Gemüth, kämpft es wie die Titanen mit Felsstücken, die es von seinen Bergen niederrollt. Spanien! Gott, wenn die Zeit der Jungfrau wiederkäme und wenn der Feind, der böse Feind doch endlich überwunden würde, überwunden durch die nämliche Gewalt, durch die einst die Franken, das Mädchen von Orleans an der Spitze, ihren Erbfeind aus dem Lande schlugen! – Ach, auch in meinem Schiller hab’ ich wieder und wieder gelesen! Warum ließ er sich nicht nach Berlin bewegen? Warum mußte er sterben? Ob der Dichter des Tell auch verblendet worden, wie der Geschichtsschreiber der Eidgenossen (Johannes von Müller, der in französische Dienste trat)? Nein, nein! Lesen Sie nur die Stelle: ‚Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre‘! Kann diese Stelle trügen? Und ich frage noch: warum er sterben mußte? Wen Gott lieb hat in dieser Zeit, den nimmt er zu sich.“

Endlich kam die heiß ersehnte Stunde der Rückkehr nach Berlin, nachdem das Königspaar noch zuvor einer Einladung des Kaisers Alexander zu einem Besuch in Petersburg gefolgt war, wo es mit verschwenderischer Pracht und wirklicher Verehrung aufgenommen wurde. Obgleich die Königin mit Beweisen der zartesten Aufmerksamkeit und Freundschaft von ihrem kaiserlichen Wirth überhäuft wurde, schrieb sie: „Ich bin gekommen, wie ich gegangen. Nichts blendet mich mehr, und ich sage noch einmal: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ – Mehr als alle die großartigen Festlichkeiten, Revuen und Aufführungen, die ihr zu Ehren in Petersburg veranstaltet wurden, erfreute und befriedigte sie die Liebe ihres Volkes und das rührende Wiedersehen mit ihrer Familie, besonders der Anblick ihres theuren Vaters, der sie in Berlin erwartete. So groß aber auch ihre Freude war, so hatten die vorangegangenen Leiden ihre ohnehin zarte Gesundheit doch erschüttert und einen dunklen Schleier über ihren sonst so hellen Geist, gleichsam eine Ahnung ihres frühen Todes über ihre Seele gebreitet. Als sie ihren Geburtstag im Kreise ihrer Angehörigen beging, sagte sie wehmüthig: „Ich denke, es wird wohl das letzte Mal sein, daß ich meinen Geburtstag hier feiere.“

[72] Mit der milderen Jahreszeit fühlte sie sich jedoch so gekräftigt, daß sie ihren längst gehegten Wunsch, eine Reise zu ihren Verwandten nach Mecklenburg zu machen, ausführen durfte. Von tiefer Sehnsucht getrieben, konnte sie den Tag kaum erwarten. Als sie ihren Vater, der sie auf dem Wege überraschte, sah, rief sie unter Thränen: „Ach, da ist mein Vater.“

Am Eingange des Schlosses wurde sie von ihrer Großmutter, der achtundachtzigjährigen Landgräfin von Hessen-Darmstadt, begrüßt. Tief bewegt stürzte Louise in die Arme der würdigen Matrone, welche einst die liebevolle Pflegerin ihrer Kindheit war. Nie war die Königin liebenswürdiger, nie hingebender, aber nie auch ernster und resignirter als in ihrer Heimath. Wie die Sonne vor ihrem Scheiden erschien auch sie gleichsam im Lichte der Verklärung. Bei der ihr zu Ehren gegebenen Cour bewunderten einige Damen ihren Perlenschmuck, den einzigen Schmuck, welchen sie damals trug. „Ich liebe sie auch sehr,“ sagte sie, auf die Perlen deutend, „und habe sie zurückbehalten, als es darauf ankam, meine Brillanten hinzugeben. Sie passen besser für mich, denn sie bedeuten Thränen, und ich habe deren so viel vergossen.“

Drei Tage später kam ihr der König nachgereist; sie empfing ihn mit der größten Freude und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit so glücklich, daß sie in ihrer Seligkeit ihrem Bruder, als sie mit ihm allein war, zurief: „Georg, nun erst bin ich ganz glücklich.“ Es drängte sie dieses Gefühl auszusprechen und festzuhalten; deshalb setzte sie sich an den Schreibtisch ihres Vaters und schrieb auf ein Blatt Papier folgende Zeilen: „Mon cher papa! Je suis bien heureuse aujourd’hui, comme votre fille et comme l’épouse du meilleur des époux. Louise. Neu-Strelitz, le 28 Juin 1810. Es war dies ihr letzter Brief, eine heilige Reliquie für ihre Familie, das herrlichste Zeugniß eines von Liebe überströmenden Herzens.

An demselben Abend fuhr sie mit den Ihrigen nach dem Lustschloß Hohen-Zieritz, wo sie plötzlich über heftige Kopfschmerzen und Brustbeklemmungen klagte. Da sie sich aber bald wieder besser fühlte, so nahm sie im Kreise ihrer Lieben den Thee im Freien ein. In der Nacht jedoch kehrte ihr Unwohlsein heftiger zurück, weshalb der hinzugerufene Hofarzt Hieronymi einen Aderlaß verordnete, der ihr am Tage Erleichterung verschaffte, sodaß der König unbesorgt nach Berlin zurückfahren konnte, wohin ihn dringende Staatsgeschäfte riefen. In der nächsten Woche verschlimmerte sich wiederum der Zustand der Patientin; sie fieberte heftig und schlief wenig oder gar nicht. Da der König, der täglich von dem Befinden der Kranken Nachrichten empfing, selbst leidend war, so schickte er in Abwesenheit seines Leibarztes Hufeland den berühmten Doctor Heim. Dieser fand das Leiden zwar bedenklich, aber nicht gefährlich. Kaum aber war er abgereist, so zeigten sich beunruhigende Symptome, besonders heftige Brustkrämpfe, welche das Leben der Königin ernstlich zu bedrohen schienen.

Nach dem einstimmigen Zeugniß ihrer Umgebung ertrug sie ihre Leiden mit bewunderungswürdiger Ruhe und Geduld. Die gleichzeitige Erkrankung des Königs beschäftigte sie weit mehr als die eigene Gefahr; es war ihr peinlich, daß sie nicht bei ihm sein konnte, um ihn zu pflegen. Ein Brief, den sie von ihm erhielt, rührte sie zu Thränen; sie trug ihn auf ihrem Herzen und konnte sich nicht davon trennen. „Ach, welch ein Brief!“ rief sie, ihn immer von Neuem lesend, „wie glücklich ist man, wenn man solch einen Brief erhält!“

Hauptsächlich beschäftigte sie sich mit ihren Kindern und nächsten Angehörigen. „Ach!“ klagte sie, „wenn nur die Angst um mich nicht auch die gute Großmutter und meinen Vater krank macht!“ Sonst war sie heiter, ihr Geist frei von allen Besorgnissen, sodaß sie und ihre Umgebung sich täuschen ließen und keine Gefahr befürchteten.

Am Morgen des 16. Juli trat beim Verlesen der Zeitung ein so heftiger Erstickungsanfall ein, daß man ihr Ende nahe glaubte. Sie überwand zwar durch Anwendung der geeigneten Mittel den Anfall, aber da sich derselbe im Laufe des Tages, wenn auch schwächer, wiederholte, so begab sich der bereits genannte Heim in Begleitung der Generalärzte Wiebel und Görke aus Berlin auf Befehl des Königs zu der Kranken. Leider war all ihre Mühe vergeblich; sie wurde immer schwächer und matter. „Ich bin Königin,“ klagte sie, „aber meinen Arm kann ich nicht bewegen.“ – Je näher sie sich ihrem Tode fühlte, desto mehr sehnte sie sich nach ihrem Gatten und den Kindern. In der Nacht des neunzehnten Juli traten neue Brustbeklemmungen ein; man hörte sie jetzt öfters stöhnen: „Luft, Luft!“ – Zu ihrem Arzte, der an ihrem Lager wachte, sagte sie, nur für die Ihrigen besorgt: „Aber bedenken Sie, wenn ich jetzt dem König und meinen Kindern stürbe!“

Erst gegen Morgen traf der König mit den beiden ältesten Prinzen ein. Bei seinem Eintritte röthete noch einmal die Freude ihre bleichen Wangen; sie streckte ihm die abgezehrten Arme entgegen und küßte ihn mit den blutlosen Lippen. Er aber konnte seine Thränen nicht zurückhalten und weinte bitterlich. Um ihr seine Erschütterung zu verbergen, trat er einen Augenblick in das Nebenzimmer, wo er sich unbeachtet seinem Schmerze überließ. „Der König,“ bemerkte die Kranke, „thut, als ob er von mir Abschied nehmen will; sagt ihm, er solle das nicht – ich sterbe sonst gleich.“ Zurückgerufen, suchte er sie zu beruhigen und ihr einzureden, daß er selbst die beste Hoffnung habe. Aber in seinem Innern tobte die düsterste Verzweiflung, und als ihn die greise Großmutter tröstete, erwiderte er mit der Bitterkeit des Unglücks: „Ach! wenn sie nicht mein wäre, würde sie leben, aber da sie meine Frau ist, stirbt sie gewiß.“ –

So nahte die schwere Todesstunde der herrlichen Frau. Der König saß auf dem Rande ihres Bettes und hielt ihre erkaltende Hand in der seinigen; zu ihren Füßen knieten ihre herbeigeeilte Schwester und die Oberhofmeisterin Voß, während ihr Haupt an der Brust ihrer treuen Freundin, der Frau von Berg ruhte. Die drei Aerzte standen rathlos vor dem Lager der Sterbenden. Es war gegen neun Uhr des Morgens; die Königin hatte ihren Kopf sanft auf die Seite geneigt und die Blicke fest zum Himmel gerichtet. Ihre großen Augen weit geöffnet und aufwärts schauend, rief sie noch mit vernehmlicher Stimme: „Ich sterbe – o Jesu, mach’ es leicht!“ Das waren ihre letzten Worte; nur noch einmal seufzte sie tief und hatte ausgelitten. Der König brach, vom Schmerze überwältigt, zusammen, doch raffte er sich auf, um seine Söhne zu holen; sie knieten vor der todten Mutter nieder und benetzten ihre kalten Hände mit heißen Thränen. Nur mit Mühe konnte sich der König von der geliebten Leiche trennen, zu der er immer wieder zurückkehrte. Seine Kinder allein, zu denen später noch der Prinz Karl und die Prinzessin Charlotte von Berlin hinzukamen, vermochten ihn einigermaßen zu trösten; er schlief in ihrer Mitte und ließ sie nicht von seiner Seite.

Die Leiche wurde nach Berlin gebracht. Groß war der Schmerz des ganzen Volkes, dem der berühmte Schleiermacher in seiner Trauerrede den tiefsten und wahrsten Ausdruck lieh. „Wir wissen,“ sagte er, „wie innig sie, ohne jemals die Grenzen zu überschreiten, die auch für jene königlichen Höhen der Unterschied des Geschlechts feststellt, Antheil genommen hat an allen großen Begebenheiten, wie sie eben durch ihre Liebe zu ihrem königlichen Gemahl, durch die mütterliche Sorge für die theuren Kinder sich Alles angeeignet hat, was das Vaterland betraf, wie lebendig sie immer erfüllt war von den ewig herrlichen Bildern des Rechtes und der Ehre, wie begeisternd ihr Bild und Name, eine köstlichere Fahne, als welche die königlichen Hände verfertigt hatten, den Heeren im Kampfe voranging.“

So war Louise, so lange sie lebte, die reinste deutsche Frau, die liebevollste Gattin und Mutter, der Genius der Familie, nach ihrem Tode aber war sie der Schutzgeist ihres Volkes, das sie noch immer wie eine Heilige verehrt und dem sie als das Ideal der reinsten Weiblichkeit unvergeßlich bleibt.

Max Ring.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. a b in Vorlage nicht lesbar, von Google-USA* übernommen
  2. a b in Vorlage nicht lesbar, von Google-USA* übernommen
  3. Vorlage: Pictügöhren; heute: Piktupėnai
  4. Vorlage: ihren
  5. Vorlage: gutmüthtg
  6. Vorlage: Schweizeroolk