Ludwig Eichrodt †

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: August Holder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ludwig Eichrodt †
Untertitel:
aus: Alemannia, Band XX, S. 1–6
Herausgeber: Fridrich Pfaff
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: P. Hanstein
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Bonn
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA*, Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Ludwig Eichrodt
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[1]
De Alemannia XX b 007.jpg
LUDWIG EICHRODT †
(1827–1892).

Am 2. Februar d. J., als an seinem heurigen Geburtstage, ist einer der liebenswürdigsten Vertreter der humoristischen Lyrik, dessen Muse zugleich die eigenartigste Ausprägung des schwäbisch-alemannischen Volkscharakters bezeichnet, aus dem Leben geschieden. Es ist – um ihn mit einem von ihm selbst erdachten Beiwort einzuführen – L. Eichrodt der „Rheinschwabe“.

Daß er ein richtiger Schwabe war, konnte er an seinem Stammbaume beweisen. Es war ums Jahr 1720, dass der jugendliche Arzt Dr. Friedrich Andreas Eichrodt aus der württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart nach Karlsruhe übersiedelte, um daselbst zu praktiziren. In die „Tabell samtlicher [2] Burgerschaft der Fürstlichen Residenz-Statt Carolsruhe“ ward er fälschlich als Eychenroth eingetragen. Doch hat er bald seinen richtigen Namen vorteilhaft bekannt gemacht. Er erwarb sich das Vertrauen aller Kreise in hohem Grade. Im Jahr 1738 wurde ihm das Amt eines „Stadt- und Landphysikus“ übertragen, das er bis zu seinem Tode 1747 begleitete. Zwischenhinein war er auch Ephorus des dortigen Staatsgymnasiums. Als tüchtiger Botaniker ward er mit der Herausgabe eines Teiles des Pflanzenkatalogs über die bedeutenden Gärten des damaligen Markgrafen Karl betraut. Das war der Ururgroßvater des jüngst verstorbenen Dichters. Die Zwischenglieder der wirklich „guten Familie“ bildeten ein hervorragender Mediziner, (markgräflicher Leibarzt, tit. Hofrat) ein badischer General und ein Präsident im Ministerium des Innern († 1844).

Als der Sohn des letzteren, damals Kreisrat zu Durlach, wurde Ludwig geboren – „der geborene Dichter“ als Sohn eines Dichters; denn der glückliche Vater schuf in jenen glücklichen Tagen auf den Geburtstag des regierenden Großherzogs Ludwig (9. Febr.) ein „vaterländisches Drama“, ganz im Stile Schillers, schön in der Form, gedankenreich, gefühlvoll, echt poetisch, so dass wir uns hier in eine ganz andere Zeit als jene etwas steifleinene der zwanziger Jahre versetzt glauben.[1] Erzogen wurde Ludwig in Säckingen, Heidelberg und Karlsruhe. Zu Heidelberg, Freiburg und München studirte er die Rechtswissenschaft, daneben aber auch mit besonderem Eifer Archäologie, deutsche Kulturgeschichte und neuere Philologie. Als richterlicher Beamter war er angestellt in Karlsruhe, Stockach, Baden, Bühl (1864) und Lahr (1871).

L. Eichrodts Vorliebe für schwäbische Eigenart wäre also wol ein Stück geistiger Familienerbschaft. „Blut wird nicht zu Wasser.“ Es fand in Württemberg in den verflossenen 2–3 Jahrzehnten kaum irgend eine öffentliche Feierlichkeit [3] statt, die der Verherrlichung des poetischen oder künstlerischen Genius eines unserer Landsleute galt, wo er nicht durch seine Anwesenheit zur Hebung der geselligen Freude beigetragen oder wenigstens durch einen lyrischen Gruß der originellsten Art die Festgesellschaft aus der Ferne erfreut hätte. Gewöhnlich erschien er in Gesellschaft seines Studiengenossen und lebenslänglichen Freundes J. V. Scheffel auf schwäbischem Boden, wo beide in der Person des heiteren Oberamtsrichters W. Ganzhorn zu Neckarsulm den Dritten im Bunde wussten – gleich wolgemut bei Lied und Wein. (Vergl. Neue Wanderlust 1860: „Nach dem Württembergerländle lass mich rutschen, liebes Mändle“, Original im Lyrischen Kehraus 1869 II, S. 184).

Gleich Scheffel war und blieb er auch als Dichter der Liebling der goldenen Jugend, d. h. des deutschen Studententums. Enthält doch das Allg. deutsche Kommersbuch (Verl. v. M. Schauenburg, Lahr) nicht weniger als 30 Proben seiner lebensfreudigen Muse, welche zum größten Teil heute noch mit Wonnegefühl gesungen werden! Unbestritten groß war er auf dem Gebiet des studentischen Heldengedichts („Der verlorene Sohn“) und des kulturhistorischen Scherzlieds („Diogenes“, „Gotenlied“, „Krok der Alemanne“, „Altes Schwedenlied“ u. s. f.); durchaus einzig sind seine Biedermaierschen Satiren auf die (vielfach mit der Politik verquickte) litterarhistorische Kritik um die Mitte unseres Jahrhunderts („Litteraturballade“, „Matthi-sonate“, „Heines letzter Gedanke“, „Hoffmännischer Tropfen“, „Nach Scheffelmaß“ u. a. m.), wodurch er weder dem Ansehen seiner dichterischen Persönlichkeit, noch dem freundschaftlichen Verhältnis zu den Betroffenen, soweit sie noch lebten, Schaden brachte. Seine patriotischen Gesänge (z. B. „Reichschoral“, „Lied vom deutschen Volk“) sind stimmungsvolle Widerspiegelungen der deutschen Reichsbegeisterung im großen Jahre 1870/71.[2]

[4] Für uns Schwaben sang er sein „Rheinschwäbisch“, eine köstliche Sammlung mundartlicher Gedichte in mittelbadischer [altkarlsruher] Sprechweise. Verlag v. G. Braun, Karlsruhe, 1868, 2. A. 1873. Es sind gar herzige Grüße, die der patriotische Dichter ins „linke Elsass“ (wie der Breisgauer das württembergische Schwaben nennt) herübersendet. Diesmal redet er nicht mit den sieben Schwaben (siehe Widmung von „Biedermaiers Liederlust“), sondern mit allen Schwaben, die ein Herz für das große Deutschland haben. Schon früher hatte er dann und wann „politisirt“, einige seiner hiehergehörigen Gedichte übertrug er später sogar aus dem ursprünglichen Hochdeutsch ins geeignetere Rheinschwäbisch.[3] Ein köstliches Gedicht ist „Reichsäpfel“ (1860), eine übermütige Satire (Faustiade) auf die lächerliche Triasidee vor 30–40 Jahren. (Kehraus II, 169 – in die Ges. Dicht. leider nicht aufgenommen). Im „Frankforder Firschtedag“ 1863 lässt er seinen Volkspolitiker Horat. Treuherz, einen Vorgänger des im neuen Reich beliebt gewordenen „Bartikülier Bliemchen“ (der G. Schumannschen Muse), anlässlich des Ausbleibens des Königs Wilhelm I. von Preußen in ahnungsvoller Weise folgende Worte singen:

Kommt odder kommt er net? so hat’s als ghaißa,
Un in sei’ Feischtle sich der Bismarg lacht.
Ja der! Mer sagt, dass er seim Herr sei’ Ohr hat –
Wer waißt, was der verleicht noch alles vorhat!

Den schützenfestlichen Patriotismus jener wortreichen und tatarmen Tage illustrirt er in den „Sprachforschern“ 1864, wenn er z. B. einen großdeutsch gesinnten Festgast seine begeisterte Tischrede also beschließen lässt:

Das große Deitschland werd se balvol macha,
We-mir recht oft un vil nor zammekeemte:
Wie mehnder as wie ehnder – horra hoch!

Gegen die undeutsche Weltbürgerlichkeit mancher Politiker sang er das Letzenburger Nationallied 1866:

Bin nicht französisch, nicht holländ’sch,
Geschweige deutsch, ich bin ein – Mensch.
Dazu ein durch und durcher
Geborner Letzenburcher.

[5] Er selbst behandelt die große deutsche Frage vom Standpunkt des beglückten Schwaben. Wer erinnert sich hier nicht jener humoristisch-satirischen Gesänge vom Hauptröhrle Kutschke, von Lulus Feuerdauf, vom Grammont, die – obwol von ihm ursprünglich kraichgauisch gesungen – doch sofort zu allgemein deutschen Zeitliedern wurden!

Die landläufige Auffassung der poetischen Muse L. Eichrodts hat unsern rheinschwäbischen Vetter mit Vorliebe der Scheffel-Baumbachschen Schule des lebenslänglichen Studententums zugeteilt. Nicht mit Recht, auch nicht im Sinne des Dichters. Nicht als ob er es als eine Beleidigung empfunden hätte, gleichsam nur im Schatten des berühmteren Freundes zum Dichter gediehen zu sein, sondern weil es ihn schmerzte, dass das eigentliche Wesen seiner Poesie ganz und gar verkannt werden sollte, hat er bei jeder Gelegenheit aufs entschiedenste sich verwahrt gegen die beliebte Zusammenstellung „Scheffel-Eichrodt-Baumbach“. In Wirklichkeit hatte er mit ersterem nur gewisse gesellige Tugenden und Neigungen gemein. Vor einigen Jahren schrieb er mir z. B. „Meine letzten Verse sind wie meine ältesten, die ich zusammenschrieb, ehe Scheffel nur ein Gedicht veröffentlicht hatte,“ und an anderem Orte im Scherz: „Sagen Sie doch Ihren Landsleuten, dass wir beide uns lieber zutrinken als nachdichten.“

Eine andere Vergleichung dürfte mehr für sich haben. Eichrodt war bekanntlich ein besonderer Liebhaber der Kunst, ein Kunstkenner – ein glühender Verehrer des Aesthetikers F. Th. Vischer. Er lebte sich in die Theorien des berühmten Kritikers so tief hinein, dass sowol sein Kunstgenuss, wie auch sein poetisches Schaffen unter dem Einfluss jenes großen Meisters ein eigenes Gesicht gewann. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der litterarischen Erscheinung Ludwig Eichrodts. Was dieser an satirischen Dichtungen schuf, war nur eine glückliche Anwendung des geflügelten Worts vom Vischerschen Begriff des „Komischen“ als eines umgekehrten Erhabenen. Wie nahe er poetisch und politisch mit Vischer dem Schartenmeiersänger bekannt war, ist jedermänniglich bekannt. Auch Vischer selbst war ihm wol gewogen. Zum 50. Geburtsfest unseres Dichters 1877 schrieb der alte Schartenmeier dem jüngeren Biedermaier eine poetische Epistel, der wir folgende Stelle entnehmen:

[6]

Aeußerst gerne möcht ich sehen,
Dass Du so gesund verbleibst,
Dass Du – wenn’s um mich geschehen –
Mir dann meine Grabschrift schreibst.

Niemals kommt von Dir Zuwid’res,
Was wie hohle Gasluft kracht;
Du schreibst vielmehr stets nur Bied’res,
Das die Menschen besser macht.

Biedermaier-Eichrodt schrieb postwendend ein Antwortschreiben zurück („Gesammelte Dichtg.“ II, S. 158), das also beginnt:

Den Sie nennen Biedermaier,
Ihm war’s immer Himmelslust,
Schartenmeier’n mit der Leier
Sich zu werfen an die Brust.

Die bestellte Grabschrift, welche der überlebende Dichter jenem nach zehn Jahren (1887) schrieb, lautet:

 NACHKLANG.
Schartenmeier ist hinüber,
Seufzet Biedermaier jetzt,
Und die Zeit erscheint ihm trüber,
Die ihm diesen Schlag versetzt.

Und es hängt auch Biedermaier,
Welchen nicht mehr alles freut,
An die Holzwand seine Leier,
Denn es ist nun andre Zeit.

Eichrodt schickte sich an, sein Haus zu bestellen – der „letzte Wille“ des Dichters ist in der von ihm selbst besorgten Auswahl seiner Dichtungen niedergelegt. Schon im Vorwort zu den Lyrischen Karikaturen 1869 hatte er darüber geklagt, dass er vielfach nicht recht verstanden werde, weil eben „die Pfiffigkeit der Menschen allzu groß“ sei… Und heute wartet er noch auf eine nüchterne Würdigung seiner wahren Verdienste. Wird seiner heiteren Muse wol bald die wolverdiente litterarhistorische „Verklärung“ zu teil? Wir wollen hoffen, denn das Beste auf der Welt ist eben doch das Lachen.

Winzerhausen. AUGUST HOLDER.

  1. Wir halten uns in diesem Punkte an die hieraufbezüglichen Mitteilungen des Nekrologs der Karlsruher Nachrichten Nr. 21. 22 vom 17. und 19. Februar 1892. Zugleich nehmen wir Anlass, auch zu erwähnen, dass eine Tochter des Urgroßvaters (Schwester des Generals), die an Kirchenrat Prof. Böckmann verehelicht war, aus reiner Begeisterung für die Dichtkunst einen Freund ihres Gatten, den bekannten F. G. Klopstock, 1774 und 75 in ihr Haus (Schlossplatz 9) aufnahm.
  2. Schon als Student schuf er jene heiteren Verse, die ihn so rasch bekannt machten. Vergl. seine „Gedichte in allerlei Humoren“ 1853. Später erschienen von ihm (meist im Verlage seines Freundes M. Schauenburg, Lahr) „Die Pfalzgrafen“, „Lyrischer Kehraus“ I. II. „Lyrische Karikaturen“, „Biedermaiers Liederlust“, „Melodien“, „Hortus deliciarum“. Seine „Gesammelten Dichtungen“ sind als humoristisches Testament des Dichters 1890 in 2 Bünden bei A. Bonz u. Kp. in Stuttgart erschienen.
  3. Wol zu unterscheiden von dem Salondialekt (schwäbelnden Hochdeutsch) des Gebildeten. Vergl. „Der schwäbische Professor,“ Ges. Dichtg. II 453.