Luther am Sarge seines Töchterleins

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Titel: Luther am Sarge seines Töchterleins
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 12–13
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Luther am Sarge seines Töchterleins.

Es dürfte die schöne und sicher auch dankbare Aufgabe eines deutschen Geschichtsschreibers sein, das Haus- und Familienleben Luthers in seiner ganzen Traulichkeit und stillen Würde zu beschreiben. Die meisten Biographen des großen Reformators schildern den Mann nur als zürnenden Kämpfer gegen Mißbrauch des göttlichen Wortes, als kühnen Streiter für seine Ueberzeugung, als überall gewappneten und schlagfertigen Krieger auf dem Felde des Geistes. Von dem liebenden Gatten Luther, von dem lehrenden und sorgsamen Vater, dem sinnigen Freunde der Musik und der Natur, von dem Manne der Wohlthätigkeit, der überall Thränen trocknete, so weit seine arme Hand reichte, von diesem erfahren wir nur wenig. Und doch welcher Reichthum an Liebe und Gemüth, welche Männlichkeit bei aller kindlichen Einfalt, welch ein treues echtdeutsches Gemüth! Bei seiner Arbeit, im Kreise der Seinen an der heitern Tafelrunde und am Krankenlager, spielend mit den Kleinen und mit ihnen betend, überall und in allen Lagen des Lebens – die große edle Natur! Sein Zusammenleben mit den Kindern ist ein wahres Idyll an Harmlosigkeit und stillen Freuden, dem es dabei nicht an kräftigen festen Zügen fehlt. Bei aller tiefen und echten Frömmigkeit des Gemüths strebte doch Luther stets danach, aus seinen Kindern – nicht verhimmelnde Duckmäuser – sondern edle, kräftige Menschen zu erziehen.

Eine der ergreifendsten Scenen aus dem Familienleben des wackern Mannes, in der er sich so recht in seiner ganzen Weichheit [13] und doch auch wieder in der alten Markigkeit seines Charakters zeigt, finden wir in den Sterbetagen seiner dreizehnjährigen Tochter Magdalena.

Das schwerkranke Kind lag im Sterben. Still weinend warf sich der Vater neben das Bette des frommen Kindes auf die Kniee und betete, mit Liebe und Schmerz ringend, um die Auflösung der Kranken. „Ich habe sie so sehr lieb,“ rief er, „aber lieber Gott dort oben, wenn es Dein Wille ist, so will ich sie gern bei Dir wissen!“ Darauf beugte er sich über das Bett des leidenden Kindes und indem er ihre Wangen strich, fragte er leise: „Magdalenichen, mein Töchterlein, bliebest Du gerne hie bei Deinem Vater, oder ziehest auch gern zu jenem Vater?“

„Ja, herziger Vater,“ antwortete das Kind und schlang die matten Arme um seinen Hals, „wie Gott will!“ – Da brach sein Schmerz in helle Thränen aus, er wandte sich ab, um dem Kinde seine Bewegung zu verbergen, und schluchzte: „O Herr, wie habe ich sie so sehr lieb! Und dennoch, wir leben oder sterben, so sind wir dein! –“

Als nun das letzte Stündlein des Kindes gekommen – es war am 20. September 1542, – seine Gattin, die liebe Käthe, in einer Ecke des Zimmers saß und das mit Thränen überfluthete Antlitz in den Händen verbarg, weil sie den Jammer nicht mit ansehen konnte, da warf der gebeugte Vater sich wieder vor das Bett auf die Kniee und betete, daß Gott es wolle erlösen – bald, recht bald! Dann umfaßte er das Töchterlein mit beiden Armen und legte seine Wangen an die ihren und suchte ihr den letzten Kampf zu erleichtern, obwohl ihm fast das Herz dabei brach. Ihr letzter Blick galt dem Vater!

Zwei Tage später lag die Todte, von Blumen überdeckt, im Sarge, in einem Gewölbe des Unterhauses. Als die Leichenträger und Leidtragenden kamen und dem armen Vater ihr Beileid bezeigen wollten, ergriff er die Hand des Einen und sagte in seiner milden Weise: „Ihr solltet nicht klagen, denn ich habe eine Heilige gen Himmel geschickt! O hätten wir Alle einen solchen Tod!“

Dann begab er sich still und allein hinunter in den kleinen Raum, wo jetzt sein Töchterlein die letzten Augenblicke im elterlichen Hause verschlief, öffnete den Sarg wieder und weidete sich zum letzten Male an dem Anblick des lieben Kindes, das nicht mehr, wie sonst, ihm sein „herziger Vater“ zurufen konnte. Für seinen Schmerz gab es keine Worte! „Du liebes Lenichen, wie wohl ist Dir geschehen!“ sagte er nur leise weinend, küßte noch einmal den kalten Mund und beugte dann seine Kniee zu einem Gebet um Trost und Kraft in seinen Leiden.[1] Gestärkt erhob er sich und schloß dann für immer das kleine Haus seines Lieblings. Als er wieder hinauf zu den Seinen kam, tröstete er sie und sagte: „Mein Kind ist nun wohlbeschicket, sowohl an Leib, als an Seele!“ Seiner Frau, der weinenden Kathi, sagte er tröstend: „Ein wunderbares Ding, zu wissen, daß sie in Frieden und ihr wohl ist und daß wir doch so traurig sind.“

Dann gab er ruhig Befehl sein Töchterlein hinauszutragen auf den stillen Friedhof.


  1. Diese Scene ist es, die unser Künstler zur Darstellung gebracht hat. Die wunderbar erschütternde Wirkung des Bildes beruht hauptsächlich in seiner Einfachheit und tiefen Wahrheit. Wir haben dasselbe mit ausdrücklicher Genehmigung des Künstlers (Gust. König) und des Verlegers (Rud. Besser) in vergrößertem Maßstab einer der vielen vortrefflichen Illustrationen des unter dem Titel: „Luther, der Reformator" erschienenen Prachtwerks nachgebildet. Das schön ausgestattete Buch enthält 48 Stahlstiche, sämmtlich nach Zeichnungen von G. König.  Die Red.