Möbel und Menschen

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Möbel und Menschen
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 431–435
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1929
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: erstdruck im literaturblatt der „frankfurter zeitung“, 62. jahrgang, nr. 34, 25. august 1929
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: besprechung des buches „Abraham und David Roentgen und ihre neuwieder möbelwerkstatt“, jahresgabe des deutschen vereins für kunstwissenschaft, Berlin 1928.
Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[431]
MÖBEL UND MENSCHEN
Zu einem handwerksbuch
(1929)


Als ich als kleiner knabe zum ersten male das Österreichische Museum – so heißt in Wien das kunstgewerbemuseum – betrat, fielen mir vor allem andern zwei mächtige holztafeln auf. Sie waren so zusammengefügt, daß durch die farbe und den flader der verschiedenen hölzer ein historiengemälde entstand, und haben noch auf mich als mann den nachhaltigsten eindruck gemacht. Die figuren hatten lebensgröße, die tafeln maßen je 360 cm in der höhe und 373 cm beziehungsweise 377 cm in der breite. Woher ich das weiß? Ich entnehme diese daten dem biographischen werk von Hans Huth: „Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt“. Es ist der werkstätte gewidmet, aus der jene „hölzernen tapisserien“ hervorgegangen sind.

Dieses buch macht uns nicht nur mit dem leben und werk des größten „ebenisten des jahrhunderts“ – so nennt der enzyklopädist baron Grimm in einem empfehlungsbrief an Katharina II. David Roentgen – bekannt, sondern wir lernen auch seinen vater Abraham und die anfänge der werkstätte kennen. Abraham Roentgen, ein rheinländer, arbeitete in Holland und ließ sich dann in London nieder. Darin liegt das entscheidende. In Huths buch wird gezeigt, daß man, als die werkstätte schon nach Neuwied bei Koblenz verlegt war, stiche aus Chippendales werk verwendete. Auch wurden die schubladen nach englischem muster mit einem kleinen, vorstehenden wulst umrandet, was bei den deutschen tischlern nicht üblich war.

[432] Ich bin glücklich, dies buch in händen zu halten. David Roentgen ist immer als idol neben meinem leben hergegangen, obwohl ich nicht mehr von ihm wußte, als daß er gelebt und der großen Katharina einen schreibtisch für zwanzigtausend rubel verkauft hatte, den sie so exorbitant billig fand, daß sie den kaufpreis erhöhte. Wohl niemand hat diese geschichte so häufig und mit solchem nachdruck erzählt wie ich; denn ich bin davon überzeugt, daß sich das handwerk durch solche anerkennung zur vollsten blüte entfaltet. Aber die Katharinen scheinen ausgestorben zu sein.

Dabei war der schreibtisch schon fertig, er hätte nicht nach vorangegangenem preisdrücken schlechter ausfallen können. Aber der nächste wäre schlechter ausgefallen! Es ist selbstverständlich, daß die erzeugnisse einer werkstätte, wenn sie freiwillig überzahlt werden, immer besser und besser werden müssen. Deswegen gilt im gewerbe der grundsatz: die werkstätte erzieht die kundschaft.

Aus dem buche erfuhr ich, daß sich David Roentgen englischer tischler, nein, cabinetmaker nannte. Die folgende reklame wird darin wiedergegeben:

„David Roentgen, englischer cabinet-macher in Neuwied a. Rh. Fabriziert und verkauft alle möglichen sorten von cabinets-ameublements, sowohl nach dem englischen wie französischen gout, nach der neuesten art und erfindung, als nämlich schreibtische, commoden, toilettetische, spieltische, chatoullen, arbeitstische und tambourins, wohl fassonierte stühle, canapées etc.“

Wo bleibt aber das wichtigste möbel, nach dem sich die ganze profession nennt? Wo bleibt der schrein, der schrank oder meinetwegen nach damaliger form die armoire, die chiffonière? Der schrank wird in der anzeige [433] nicht angekündigt. Der autor des neuen buches bringt trotz der reichhaltigkeit und trefflichkeit der bildtafeln keine wiedergabe eines schrankes. Wird denn der schrank einfach verschwiegen? Nein, er wurde nicht mehr erzeugt, er war nicht mehr modern. Zur zeit der Roentgenwerkstätte wurden die kleider nicht mehr in mächtigen schränken aufbewahrt, sondern in kleinen gelassen, welche bei den engländern closets, das heißt verschluß, genannt wurden. (Daher kommt closet, wasserverschluß, was aber etwas ganz anderes ist.) Bei den franzosen hieß das penderie, was bei den deutschen wandschrank heißt. Engländer und franzosen hielten an dieser neuerung fest, die deutschen haben wieder die kleideraufbewahrung aus dem siebzehnten jahrhundert übernommen und dekorieren ihre räume mit kleiderschränken, und zwar selbst dann, wenn sie bloß einsiedegläser darinnen haben. Es liegt am architekten, den kleiderschrank abzuschaffen. Das moderne bestreben in der architektur in allen ehren, aber was nützt es uns, wenn wir noch gebrauchsgegenstände aus der zeit der lichtputzscheren benützen? Im gegenteil! Wir sind doch um mehr als hundert jahre weiter! Aus der liste Roentgens müßte man heute schon einiges streichen. Heute werden von den tischlern überhaupt nur möbel erzeugt, also nur mobiles zum kaufe angeboten. Alles übrige gehört zum haus, daher in das arbeitsgebiet des architekten. Der nachfolger in einer wohnung übernimmt alles von seinem vorgänger durch kauf oder miete. Mit decken, fußböden, wänden und schrankmöbeln (eingebauten möbeln) im stil unserer zeit ist heute jeder zufrieden. Natürlich darf aber der architekt dem tischler nicht ins handwerk pfuschen. Die möbel, die vom tischler herrühren, sind modern, die vom heutigen architekten [434] nicht. „Entwirft“ der architekt die möbel, so fragt man sich: werden alle diese dinge zusammenpassen? Sie tun das nur dann, wenn sie modern sind. Moderne dinge passen immer zusammen: schuhe, socken, kleider, hemden, lederkoffer. Vom architekten darf all das nicht sein. Denn er kann nicht wissen, was modern ist.

Aber zur zeit David Roentgens gab es so moderne menschen, wie es heute nur unsere ingenieure und unsere schneider sind. Menschen, die das beste schaffen wollen, was ihnen erreichbar ist, ohne zu wissen, was modern ist. Denn das wissen darum schließt die modernität aus! Hier ist die scharfe grenzscheide zwischen menschen und auchmenschen. Die zeit sondert die spreu vom weizen und läßt einmal nur die menschen gelten.

Durch seine hölzernen wandbilder ließ mich David Roentgen einen blick in mein jahrhundert werfen. Ich verstand ihn sofort: nicht mehr um möbel handelt es sich, sondern um wände. Wir würden sagen: um eingebaute möbel. Darauf beruht der starke eindruck jener tafeln auf jeden unverdorbenen menschen, also auf jedes kind.

Denn jeder mensch verläßt mit modernen nerven den mutterleib. Diese modernen nerven in unmoderne zu verwandeln, nennt man erziehung.

Der zufall wollte es, daß ich in Amerika in eine marqueteriemanufaktur hineingeriet. Zuerst als unterzeichner, dann als schattierer vor dem heißen sandteller, dann als parkettmacher (12 fourniere wurden immer geschnitten), dann als einleger, als säger. Der gedanke an jene „tapisserien“ gab mir die kraft, mein handwerk lieb zu gewinnen, obwohl ich ein gelernter maurer war, was ich [435] für wichtiger halte, als am polytechnikum studiert zu haben.

Jeder leser dieses handwerkbuches möge sich daran erinnern, daß es eine große umwälzung in der tischlerei war, an der David Roentgen teilgenommen hat: sie liegt in dem begriff der qualität. Es ist ganz falsch, wenn behauptet wird, daß so gute arbeit heute nicht geleistet werden könne. Das gegenteil davon ist wahr. Solche arbeit ist heute gemeingut jeder tischlerei. Für das handwerk hat der verstorbene künstlerhausmaler gewiß recht, der sagte: Wir wollten schon alle so malen wie der Raffael oder der Michelangelo, wenn es uns nur bezahlt würde.