MKL1888:Differentialrechnung
[967] Differentialrechnung, der erste Hauptteil der Infinitesimalrechnung. Ist eine Funktion (s. d.) von , so wird eine Änderung der letztern Größe auch eine Änderung der erstern zur Folge haben. Wir wollen annehmen, die unabhängige Variable wachse um (gelesen „Delta x“, d. h. Änderung oder Differenz von ), dann wird sich ändern (zu- oder abnehmen) um die Größe , die wir mit oder bezeichnen. Den Quotienten
nennt man den Differenzenquotienten, und die nähere Untersuchung desselben und überhaupt der Beziehungen zwischen und bildet den Gegenstand der Differenzenrechnung. Von besonderer Wichtigkeit für die Untersuchung und Anwendung der Funktionen ist aber der Wert, den der Differenzenquotient für annimmt; er heißt dann Differentialquotient und wird mit bezeichnet. Seine Bestimmung für jede beliebige Funktion bildet die erste Aufgabe der D. Da für auch ist, so erscheint der Differentialquotient zunächst in der unbestimmten Form ; daß er aber gleichwohl einen bestimmten Wert besitzt, erkennt man zunächst an einzelnen Beispielen. Ist z. B. , so ist , mithin
und wenn man hier setzt, so ergibt sich
Man findet auch leicht verschiedene Bedeutungen des Differentialquotienten. Wenn die Länge des Wegs bedeutet, welchen ein Punkt in der Zeit von Sekunden zurücklegt, so ist der in dem Zeitteilchen zurückgelegte Weg. Je kleiner nun dieses Zeitteilchen ist, mit desto größerer Genauigkeit kann man die Bewegung während desselben als gleichförmig betrachten, und es bedeutet daher
annäherungsweise den Weg, welcher in 1 Sekunde zurückgelegt wird, oder die Geschwindigkeit. Diese Behauptung wird ganz richtig für , d. h. der
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Differentialquotient des Wegs ist die Geschwindigkeit. Ist aber die zur Abscisse gehörige Ordinate einer ebenen Kurve (s. Figur), ferner und die Ordinate , und zieht man parallel zur Achse , so ist
[968]wofür man wegen der Ähnlichkeit der Dreiecke und auch setzen kann . Der Differenzenquotient erscheint also als die trigonometrische Tangente des Winkels, den die Sekante mit der Achse einschließt. Läßt man nun stetig abnehmen bis zur Grenze Null, so geht die Sekante über in die geometrische Tangente des Kurvenpunktes , und es ist daher
Durch den Differentialquotienten ist also die Richtung der geometrischen Tangente an eine ebene Kurve bestimmt. Dadurch wird es begreiflich, wie das sogen. Tangentenproblem, d. h. die Aufgabe, an einen beliebigen Punkt einer ebenen Kurve die Tangente zu legen, zuerst Anlaß gab zu dem Streben, den Differentialquotienten für jede beliebige Funktion zu finden, und damit zur Schöpfung der D. Übrigens ist mit den beiden hier gegebenen Deutungen des Differentialquotienten der Bereich der Anwendungen desselben nicht erschöpft, doch können wir hier nicht weiter darauf eingehen. Die Größen und oder , welche streng genommen gleich Null sind, bezeichnet man auch als unendlich kleine Größen, um anzudeuten, daß sie durch unbegrenzte Abnahme aus und entstehen, und nennt sie Differentiale von und . Der Differentialquotient wird auch die erste abgeleitete (derivierte) Funktion von genannt und mit bezeichnet. Sein Differentialquotient ist die zweite abgeleitete Funktion . Bedeutet den Weg, die Geschwindigkeit zur Zeit , so ist die Beschleunigung. Der Differentialquotient von ist die dritte abgeleitete Funktion u. s. f.
Die D. ist überall, wo es sich um Untersuchung stetig veränderlicher Größen handelt, unentbehrlich. Ihre Erfindung fällt in die zweite Hälfte des 17. Jahrh., und wenn wir unter D. den bestimmten Algorithmus verstehen, den wir jetzt so nennen, so ist Leibniz als der Erfinder zu bezeichnen. Geometrische Betrachtungen, wie die vorstehende, bildeten bei ihm den Ausgangspunkt. Er hat seine Entdeckung zuerst in dem Oktoberheft der „Acta Eruditorum“ 1684 bekannt gemacht. Im Wesen mit der D. übereinstimmend ist die Fluxionsrechnung Newtons. Dieser geht vom Begriff der stetigen Bewegung aus und bezeichnet in der Gleichung die Größen und als fließende Größen oder Fluenten; die unendlich kleinen Änderungen derselben, die Leibnizschen Differentiale und , nennt er Fluxionen und bezeichnet sie mit , . Das Verhältnis beider ist der Differentialquotient. Obgleich älter als die D., hat die Fluxionsrechnung, wohl zum großen Teil wegen der unbequemen Bezeichnungsweise, nicht die hohe Ausbildung und weniger Anwendung gefunden als erstere. Über die Erfindung der D. und über den erbitterten Streit, der sich darüber erhoben hat, vgl. Gerhardt, Die Entdeckung der höhern Analysis (Halle 1855); Weißenborn, Prinzipien der höhern Analysis (das. 1856). Über Lehrbücher vgl. Integralrechnung.

