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MKL1888:Geldmarkt und Börse 1889/90

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Geldmarkt und Börse 1889/90“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 18 (Supplement, 1891), Seite 327332
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Geldmarkt und Börse 1889/90. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 18, Seite 327–332. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Geldmarkt_und_B%C3%B6rse_1889/90 (Version vom 07.07.2025)

[327] Geldmarkt und Börse 1889/90. Im europäischen Börsenverkehr hat sich eine bemerkenswerte Umgestaltung der Verhältnisse vollzogen. Auf dem Gebiete des Kapitalmarktes hat sich der internationale Verkehr und auf dem Spekulationsmarkt der Lokalverkehr verschärft. Diese Erscheinung ist besonders in Berlin sichtbar geworden. An der Londoner Börse beschränkte der Handel in Minenaktien jede andre Transaktion. Die Wiener Börse wollte dem Berliner Vorbild folgen und schob einige Industrie- und Bergwerksaktien in den Vordergrund. In Berlin hatten anfangs die Aktien industrieller Unternehmungen, zunächst Brauereiaktien, die Gunst der Spekulanten erworben. Es entwickelte sich ein interessantes Treiben. Heute wurde für Brauereien, morgen für Maschinen- und am folgenden Tage für Zement- und andre Aktien agitiert. Kurssteigerungen um eine ganze Hand voll Prozente waren keine Seltenheit. Diese Bewegungen waren der Ursprung eines Gründungsfiebers, wie es nicht schlimmer in den sogen. Gründerjahren bestanden hat. Infolge der neuen Gesetzgebung konnte der Gründergewinn nicht dem Kapital zugeschlagen werden. Er wurde deshalb in [328] Form eines Aufgeldes auf die Aktien erhoben, und das führte dazu, daß 30 Proz. und mehr Aufgeld gezahlt wurde und sich dasselbe in den meisten Fällen sofort weiter erhöhte. Diese Bewegung war nicht das Werk von Fachspekulanten, sondern des Publikums, welches durch Kursgewinn Reichtümer erwerben wollte und erworben hätte, wenn es mit dem erzielten Gewinn sich befriedigt erklärt und, wie man an der Börse sagt, „herausgegangen wäre“; aber statt dessen war jeder neue Erfolg nur eine Anregung für eine Ausdehnung der Engagements, bis sich endlich eine Reaktion entwickelte. Die spekulative Beteiligung des Publikums ging von Brauerei- und ähnlichen Aktien auf Bergwerkspapiere über. Der Mangel an spekulativer Teilnahme für andre Industriepapiere wurde durch Täuschungen in der Dividendenfestsetzung einiger industrieller Gesellschaften verschärft, während sich die spekulative Teilnahme für Bergwerkspapiere steigerte, weil der Markt für Montanerzeugnisse in eine steigende Preisbewegung trat und diese eine Auffassung der Verhältnisse hervorrief, welche nur den günstigen Erscheinungen Rechnung trug und jedes ungünstige Moment einfach von der Tagesordnung absetzte. Im Mai kam die Arbeiterfrage in Fluß. Arbeiterausstände in den Kohlenrevieren, besonders in Rheinland-Westfalen, veranlaßten eine Verminderung der Förderung über die Ausstandszeit hinaus, weil die Überschichten in Wegfall kamen und die Betriebsunterbrechungen Störungen verursacht hatten. Die Kohlenpreise stiegen, weil sich auch der Bedarf zu nicht kleinem Teile infolge der großen Arbeiten für Rüstungszwecke erweitert hatte. Die Steigerung der Kohlenpreise und des Arbeitslohnes beeinflußte auch die Bewegung in andern Bergwerksartikeln, besonders des Eisens, und so entwickelte sich eine allgemeine Preisbewegung, welche von den zum Abschluß gekommenen Konventionen und errichteten Verkaufssyndikaten zu einer Preisfixierung benutzt wurde, welche eine Reaktion veranlassen mußte. Diese Reaktion trat im J. 1890 sehr scharf in die Erscheinung und übertrug sich auf die Preise aller Rohmaterialien und Kurse, nur mit dem Unterschied, daß im Januar, Februar und März die Kurse fielen, während die Eisen- und Kohlenpreise noch stiegen. Letztere gingen dann aber ebenfalls scharf zurück.

Unter dieser Gestaltung der Verhältnisse hatte besonders der deutsche Ausfuhrhandel zu leiden. Die Einfuhr fremder Erzeugnisse ist trotz der Schutzzölle gestiegen, die Ausfuhr gefallen. Die stattgehabte Bewegung ist aus folgenden Zahlen erkennbar. Es war in Tonnen für

  Roheisen Brucheisen Eisen- u. Stahl-
Fabrikate
Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr
1889 339264 156435 15059 35284 69757 817524
1888 216958 144251 7623 28439 47270 879999
1887 157102 212293 6634 60548 54148 989466

Ähnliche Verhältnisse entwickelten sich im Kohlen- und Koksverkehr. Es betrug in Tonnen an

  Steinkohlen Koks Braunkohlen
Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr
1889 4573209 8860247 387394 814613 5650966
1888 5252409 9459769 268635 917684 5211667
1887 2674739 8781377 236798 724763 4424327

Mit dem Plus der Einfuhr und dem Minus der Ausfuhr ist eine Steigerung der Produktion Hand in Hand gegangen, dieselbe betrug in Tonnen:

  1889 1888 1887
An Steinkohlen 67311337 65386120 60333984
Braunkohlen 17551411 16487728 15883694
Roheisen 4524759 4337121 3954413

Der Hauptgrund der sich entwickelnden Reaktion lag in der Identifizierung der Worte Verbrauch und Absatz. Die statistischen Aufzeichnungen haben allerdings niemals das Wort Verbrauch in Anwendung gebracht, aber der Spekulation entsprach diese Praxis nicht; sie adoptierte das Wort Verbrauch und fand, daß dieser die Produktion decke. Aber das war eine Täuschung, welche besonders in der ersten Hälfte des Jahres 1890 in dem stärkern Angebot seitens der Händler unter Kartellpreisen zum Ausdruck kam.

An der Börse entwickelte sich, nachdem die Kurse fast das ganze zweite Halbjahr 1889 gestiegen waren, die Reaktion infolge der Gestaltung der Verhältnisse am Geldmarkt, welche die leichten Hände zur Liquidation ihrer Engagements zwangen und einen Kursdruck veranlaßten, der aus folgender Aufstellung hervorgeht. Dieser Kursdruck mußte sich am stärksten für Bergwerksaktien geltend machen, weil auf diesem Gebiete die größte Anspannung der spekulativen Kräfte stattgefunden hatte und hier jede Arbitrage fehlte. Mit derselben fehlt auch das besonders im internationalen Verkehr arbeitende Sicherheitsventil, d. h. der Abzug, bez. der Bezug von Material, wenn dasselbe zu stark vorhanden ist, bez. fehlt. Es notierten:

1889 Diskonto-Kommandit-Gesellschaft Deutsche Bank Darm­städter Bank Berliner Handels­gesellschaft
Höchster Kurs 254,90 177,90 182,75 207,75
Niedrigster Kurs 224,60 166,90 161,30 166,40
31. März 1890 230,25 166,80 163,25 166,50
30. Juni 1890 222,90 168,00 158,50 168,90
1889 Dresdener Bank Nationalbank für Deutschland Inter­nationale Bank
Höchster Kurs 192,60 155,00 135,00
Niedrigster Kurs 146,00 128,75 119,10
31. März 1890 155,10 124,00 114,00
30. Juni 1890 157,50 135,25 118,80
1889 Harpe­ner Hiber­nia Gelsen­kirchen Laura­hütte Dort­munder Union
Höchster Kurs 327,70 245,30 228,00 189,25 142,90
Niedrigster Kurs 128,60 137,00 139,75 126,75 82,00
31. März 1890 203,50 176,60 166,10 138,50 88,75
30. Juni 1890 196,10 166,50 165,50 145,00 89,10

Von dem durch den Wert des Bezugs neuer Aktien entstandenen Kursdifferenzen haben wir bei dieser Aufstellung abgesehen.

Die veränderte Gestaltung der Geldverhältnisse war eine Folge des gesteigerten Bedarfs der Industrie, welcher besonders in der Erweiterung der Unternehmungen durch den Erwerb von Zechen und dem herrschenden Gründungsfieber zum Ausdruck kam. Auch andre Gründe haben mitgewirkt. So wurde durch Suspension der Ankäufe von Diskonten in den Provinzen seitens der Reichsbank das Angebot derselben am offenen Markte gesteigert. Die großen finanziellen Operationen, welche stattfanden, haben ebenfalls die Kräfte der Banken in Anspruch genommen. Auch sind wohl fremde Guthaben, welche in Deutschland standen, besonders seitens der russischen Regierung, zurückgezogen worden. Zuerst (im April) sprach sich der gesteigerte Geldbedarf in der Vermehrung der Anlage von Wechseln und Lombarddarlehen bei der Reichsbank aus. Es waren durchschnittlich bei letzterer angelegt:

[329]

  Wechsel Lombarddarlehen
in Tausenden Mark
1889 1888 1889 1888
Januar 465429 503279 54932 57110
April 462598 434460 55521 50980
August 538586 384448 64095 42412
September 591990 418145 81803 53838
Dezember 538673 467443 115425 59372

Die Reserve steuerfreier Noten betrug durchschnittlich in 1889: 193,627,000, in 1888: 275,001,000 Mk. Am 31. Dez. 1889 überstieg der Notenumlauf die steuerfreie Grenze um 109,473,000 Mk., während in 1888 noch 66,143,000 Mk. steuerfreie Reserve vorhanden war. Der Bankdiskonto wechselte im J. 1889 fünfmal zwischen 3 und 5 Proz. und betrug durchschnittlich 3,676 Proz. gegen 3,324 Proz. in 1888. Am offenen Markte wechselte der Diskontosatz zwischen 1,521 und 4,776 Proz. gegen 1,409 und 3,505 Proz. im J. 1888. Der durchschnittliche Satz betrug in 1889: 2,629, 1888: 2,056 und 1887: 2,304 Proz., im Dezember 1889: 4,776 Proz., 1888: 3,505 und 1887: 2,418 Proz.

In der nachstehenden Aufstellung zeigt sich die Geldbewegung des ganzen Jahres sehr deutlich. Es stellte sich am offenen Markte der durchschnittliche Diskontosatz wie folgt:

  1889 1888
Prozente Prozente
Januar 2,158 1,678
Februar 1,521 1,501
März 1,770 1,829
April 1,573 1,543
Mai 1,570 1,555
Juni 2,265 1,753
Juli 1,768 1,409
August 2,157 1,671
September 3,151 1,830
Oktober 4,185 3,250
November 4,702 3,159
Dezember 4,776 3,505
im ganzen Jahre 2,629 2,408

Im ersten Semester des Jahres 1890 berechnet sich der durchschnittliche Diskontosatz auf 3,366 Proz. Auf dem Kapitalmarkt hat sich eine bemerkenswerte Veränderung der Verhältnisse vollzogen. Die fremden Anleihen haben den deutschen Anleihen in der Kursentwickelung den Rang abgelaufen. Die Kursbewegung war folgende:

1889 deutsche Reichsanleihe preußische Konsols
4 Proz. 31/2 Proz. 4 Proz. 31/2 Proz.
Höchster Kurs 109,60 104,40 109,10 105,80
Niedrigster Kurs 106,60 101,70 105,00 102,10
Schlußkurs 107,40 103,10 106,00 104,45
1890        
31. März 106,00 101,00 106,00 101,40
30. Juni 107,40 100,50 106,50 100,70
1889 4proz. Ägypter Italien. Rente 6proz. Mexika­ner Österr. Gold­rente Ungar. Gold­rente
Höchster Kurs 95,00 97,90 99,50 95,00 89,20
Niedrigster Kurs 84,00 91,90 92,70 93,60 84,80
Schlußkurs 94,20 93,80 95,90 93,75 87,10
1890        
31. März 94,10 91,80 95,20 94,10 86,50
30. Juni 97,50 94,30 98,00 95,00 89,90

Diese Aufstellung bedarf kaum eines Kommentars. Die Kurse fremder Anleihen haben allermeist das höchste Niveau des Jahres 1889 überschritten, während die Kurse der deutschen Reichsanleihe und Konsols, besonders 31/2proz., erheblich unter den höchsten Kurs gegangen sind. Die Bewegung des Kapitalpreises spricht sich weit mehr in den Kursen der Reichsanleihen und Konsols als in denjenigen fremder Anleihen aus. Daß der Kapitalpreis im J. 1889 gestiegen ist, bekundet die matte Haltung fast aller 31/2proz. Anleihen und die Thatsache, daß dieselben nur schwer und sehr langsam verkäuflich sind. Die Kurse der fremden Anleihen standen unter dem Einfluß von Konvertierungen, welche sich nicht mehr an die Bewegungen des Kapitalpreises anschließen, sondern Finanzoperationen geworden sind, deren Erfolg in der Schwierigkeit liegt, die Gläubiger zu einer gemeinsamen Opposition zu veranlassen. Auch fehlt für größere Summen, und um solche handelt es sich, der Ersatz von besser verzinslichen Papieren. Diese Gestaltung der Verhältnisse findet darin eine Stütze, daß 31/2 Proz. der in Deutschland vertretenen großen Zahl kleinerer Kapitalisten nicht genügen und auf Kosten der Sicherheit ein wesentlicher Teil des Kapitals Veranlagung in fremden Anleihen vorzieht.

Weiter mußte der bedeutend günstigern Gestaltung der finanziellen Verhältnisse verschiedener Staaten, besonders Rußlands, Erwähnung gethan werden. Dieselbe wurde allerdings durch Konvertierungen älterer Anleihen und eine dadurch veranlaßte Entlastung bewirkt; es sind aber auch die Steuerkräfte ganz bedeutend in Anspruch genommen worden. Das große Publikum sieht nur die Thatsache, ohne die Ursache zu untersuchen. Diese Thatsache wurde durch die bedeutende Kurssteigerung der fremden Anleihen gegenüber dem Rückgang der deutschen Anleihen verschärft, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der deutsche Kapitalbesitz in Wertpapieren durch die Aufnahme fremder Anleihen im J. 1889 bedeutend gestiegen ist.

Im J. 1890 sind in Wirkung dieser Erscheinungen die Kurse der deutschen Reichsanleihen und preußischen Konsols unter Pari gegangen. Einem Konsortium der angesehensten Banken und Firmen, an welchem auch die Reichsbank und die Königliche Seehandlungs-Societät beteiligt waren, war es in einem Zeitraum von einem halben Jahre nicht möglich, 120 Mill. Mk. 31/2proz. Reichsanleihen und 50 Mill. Mk. 31/2proz. preußischer Konsols unterzubringen.

Ein bedeutender Teil 31/2proz. Konsols kam allerdings im Austausch gegen Prioritäten verstaatlichter Bahnen zur Ausgabe; aber die Voraussetzung ist gerechtfertigt, daß ein Teil dieser Konsols zum Zwecke des Tausches gegen fremde Anleihen verkauft worden ist. Jedenfalls ist die sich widersprechende Kursrichtung fremder und deutscher Anleihen ein bemerkenswertes Symptom der neuesten Zeit, in welcher die Höhe des Zinsertrags bei der Wahl der Anlagepapiere eine größere Rolle als die Sicherheit spielt. Diese Kursbewegung ist ferner ein bemerkenswertes Symptom, weil sie mit der in neuester Zeit vielfach behandelten Frage im Zusammenhang steht, wohin die fortdauernde Belastung der Völker für Rüstungszwecke führen soll.

Der Wechselmarkt stand mit den Bewegungen des Geldmarktes im engsten Zusammenhang. Berlin war jahrelang der billigste, im J. 1889 wurde er der teuerste Geldmarkt. Teures Geld wirkt drückend auf die Wechselkurse. Auch wurde der Wechselmarkt sehr stark durch die großen finanziellen Operationen beeinflußt. Rußland hat den Schwerpunkt derselben von Berlin nach Paris verlegt; aber der Berliner Wechselmarkt stand doch unter dem Einfluß auch der großen russischen Konvertierungen. Die Konvertierungen [330] Österreich-Ungarns wirkten in derselben Richtung. Frankreich hat bedeutende Posten italienischer Wertpapiere abgegeben. Ein bedeutender Teil derselben ist von Deutschland aufgenommen. Die Effektenarbitrage war ebenfalls ein den Wechselmarkt beeinflussender Faktor. Die deutschen Handelsbilanzen trugen gleichfalls dazu bei, die Wechselkurse zu beeinflussen. In dieser Beziehung ist das Resultat der Handelsbilanz von 1889 sehr bemerkenswert. Deutschland hat infolge der durch Kartelle und Konventionen eingetretenen einseitigen Preisfestsetzung vieler Artikel seine Stellung auf dem Weltmarkt teilweise verloren. Die stattgehabte Umgestaltung des Saldos war aber auch eine Folge des Eintritts Hamburgs und Bremens in das deutsche Zollgebiet. Im J. 1888 wurde von den Zollanschlüssen an der Elbe und Weser in den freien Verkehr des deutschen Zollgebietes für 808,13 Mill. Mk. ein- und für 854,99 Mill. Mk. Waren und Produkte nach diesen Zollanschlüssen ausgeführt. Der Verbrauch derselben erscheint in den 1889er Listen nicht mehr als Ausfuhr. Während der Wert der Ausfuhr in den Vorjahren meist einen Überschuß ergeben hatte, blieb er im J. 1889 um 83,27 Mill. Mk. gegenüber der Einfuhr zurück. Im J. 1889 ist der Wert der Einfuhr auf 4087,06 Mill. Mk. gestiegen und derjenige der Ausfuhr auf 3256,42 Mill. Mk. gefallen. Der Überschuß des Einfuhrwertes betrug also 830,64 Mill. Mk. Deutschland war in der Lage, diesen Überschuß aus dem dem Besitz fremder Wertpapiere entspringenden Guthaben decken zu können. Die russische und österreichisch-ungarische Valuta waren steigend, obgleich der 1889er Ernteausfall die Ausfuhr dieser Länder ungünstig beeinflußte. Rußland hat mit alten Vorräten einen Teil dieses Ausfalls gedeckt. In Österreich-Ungarn wirkte die Absicht einer Valutaregulierung und in neuester Zeit die durch die Silberfrage in den Vereinigten Staaten veranlaßte Steigerung des Silberpreises in London. Die italienische Valuta stand unter dem Einfluß großer finanzieller Operationen, an welchen große deutsche Banken und Bankhäuser beteiligt sind. Die Kursbewegung am Wechselmarkt war folgende:

  Anfang des Jahres Höchster Niedrigster Ende des Jahres
Kurs
Amsterdam 168,850 169,650 168,25 168,500
London 20,380 20,485 20,32 20,380
Paris 80,600 81,350 80,55 80,850
Wien 168,750 173,600 167,75 172,400
Petersburg 208,900 219,050 206,10 218,250
Italien 79,800 81,100 78,85 79,900

Die große Bedeutung der Berliner Börse als Geld-, Wechsel-, Kapital- und Spekulationsmarkt sprach sich zunächst in dem 1889er Jahresbericht der Bank des Berliner Kassenvereins aus. Es betrug der Inkasso-Verkehr (in Tausenden Mark):

  Einlieferungen
Insgesamt Höchste Niedrigste Durch­schnittlich

pro Tag
1889 14099176 528664 10954 46226
1888 10165171 389868 549 33438
1887 7178059 221510 4657 27051
1886 8277699 275606 4300 24507
1885 7450279 258786 3446 25877
1880 7354595 249579 3279 19236
1872 13433402 268082 15657 43900

Hiervon fielen auf Ultimo-Einlieferungen 5121,61 Mill. Mk. in 1889 gegen 3214,72 Mill. Mk. in 1888 und 2001,02 Mill. Mk. in 1887. Beachtenswert ist, daß von den eingelieferten Summen durch Abrechnung geordnet sind in 1889: 88,32 Proz., in 1888: 86,02 Proz., in 1887: 80,076 Proz. Es betrug der Gesamtumsatz im Giroverkehr 12,465 Mill. Mk. gegen 10,577,42 Mill. Mk. in 1888 und 8417,71 Mill. Mk. in 1887.

Die zweite Hälfte des Jahres 1889 brachte für die Banken ein sehr lebhaftes, fast noch niemals zuvor erreichtes Geschäft und infolgedessen auch fast durchweg höhere Dividenden. Aber auch die Reserven wurden mit ganz außerordentlichen Beträgen bedacht, durch welche sich die Situation der Banken nicht unerheblich gebessert hat. Diejenigen Banken, welche ihr Kapital erhöht haben, konnten aus dem Agiogewinn ebenfalls bedeutende Summen den Reserven überweisen. Im Laufe des Jahres 1889 erhöhten folgende in Berlin domizilierende Banken das Kapital:

Diskonto-Gesellschaft um 15 Mill. Mk.
Bank für Handel und Industrie um 20
Berliner Handels-Gesellschaft um 10
Dresdener Bank um 12
Deutsche Genossenschaftsbank um 06
Nationalbank für Deutschland um 09

Über die in Berlin mit einem Gesamtkapital von 702,939,800 Mk. vertretenen Banken geben wir in nachstehendem eine Zusammenstellung, welche über das Kapital und die in den letzten Jahren gezahlten Dividenden Auskunft gibt.

Banken Kapital Dividende
Mk. 1888 1889
Allgemeine Deutsche Handels­gesellschaft 1000000 4 10
Bank für Sprit und Produktenhandel 5000400 32/3 21/3
Berliner Bank 5000000 71/2
   Kassenverein 9000000 51/3 6
   Handelsgesellschaft 40000000 10 12
   Maklerverein 3000000 10 10
   Produkten- u. Handelsbank 4200000 5
Börsen-Handelsverein 3000000 101/2 12
Bank für Handel u. Industrie (Darmstädter) 80000000 9 101/2
Deutsche Bank 75000000 9 10
   Genossenschaftsbank 21000000 71/2 8
   Grundschuldbank 3000000 6 61/2
   Hypothekenbank 9000000 61/4 61/4
Diskontogesellschaft 75000000 12 14
Dresdener Bank 60000000 9 11
Internationale Bank 20000000 9
Maklerbank 3000000 8 9
Mitteldeutsche Kreditbank 30000000 6 7
Nationalbank für Deutschland 36000000 9 10
Norddeutsche Grundkreditbank 4500000
Preußische Bodenkreditbank 30000000 61/3 61/2
   Zentral-Bodenkreditbank 36000000 91/2 10
   Hypothekenaktienbank 6000000 61/2 61/2
   Hypothekenversicherungs­gesellschaft 13500000 8 8
   Immobilienbank 1500000 7 71/3
Preußisches Leihhaus 1995200 10
Realkreditbank 2200000 9 81/2
Reichsbank 120000000 5,4 7
Rheinisch-Westfälische Bank 1669200 9
Vereinsbank (Berlin) 2000000
Weimarische Bank 3375000 23/4 81/2
Gesamtes Nominalkapital: 702939800    

An die schon oben gemachten Bemerkungen über die Reichsbank anschließend, sind noch folgende Daten aus dem 1889er Jahresbericht derselben von Bedeutung. Die folgende Aufstellung gibt die außerordentliche Zunahme, welche der Verkehr bei der Reichsbank, ganz besonders aber bei der Zentrale in Berlin erfahren hat. Die Umsätze bei der Reichsbank betrugen:

[331]

Jahr Gesamt­umsatz der Reichsbank davon bei der Reichs­hauptbank (Berlin)
1889 99708,89 31964,12
1888 84337,56 26520,75
1887 79839,10 25679,02
1886 76565,42 26153,32
1885 73199,04 24458,18
1884 71590,79 23028,45
1883 62619,71 17326,77
1882 56005,69 14704,73
1881 56336,06 15720,04
1880 52193,51 12502,77
1879 47458,75 12320,93
1878 44254,71 11616,52
1877 47541,62 13726,27
1876 36684,83 9227,25

Der Gesamtumsatz im Giroverkehr, einschließlich der Ein- und Auszahlungen für Rechnung des Reichs und der Bundesstaaten, betrug im J. 1889: 79,026,106,958 gegen 66,904,378,757 Mk. im Vorjahr. Es fielen auf Berlin 26,306,938,100 Mk. gegen 21,561,214,300 Mk. in 1888, und auf Giroguthaben wurden

  1889 1888
vereinnahmt 37855035118 Mk. 31896030110 Mk.
verausgabt 37821283898 31928946779

Diese Bewegungen hatten ein durchschnittliches Giroguthaben von 239,998,000 Mk. (gegen 235,088,000 in 1888) zur Grundlage. Das durch die Reichsbank organisierte Zahlungswesen Deutschlands bildet eine der Hauptgrundlagen der Machtstellung, welche der deutsche Geld- und Kapitalsmarkt gewonnen hat, der Kapitalsmarkt, weil derselbe nur in der intimsten Verbindung mit dem Geldmarkt gedacht werden kann.

Die umlaufenden Noten waren im J. 1889 mit 88,28 Proz. (gegen 96,82 Proz. im Vorjahr) Metall gedeckt. Der niedrigere Prozentsatz ist aus der Steigerung des durchschnittlichen Notenumlaufs von 933,042,000 auf 987,314,000 und dem Rückgang der durchschnittlichen Metallreserve von 903,403,000 auf 871,592,000 Mk. hervorgegangen. Am 31. Dezember 1889 lagerten bei der Bank 244,668,696 Mk. (in 1888: 436,308,886 Mk.) Gold in Barren oder ausländischen Münzen, das Pfund fein zu 1392 Mk. gerechnet. Die im J. 1889 stattgehabte Verminderung ist hauptsächlich durch Ausprägung deutscher Goldmünzen eingetreten. Der Bestand an kursfähigem deutschen Gelde ist von 422,171,997 auf 489,930,670 Mk. gestiegen. Die Ausprägung und der Verkauf (zu industriellen Zwecken) betrug im J. 1889: 203,748,252 Mk. Am 31. Dez. 1889 lagerten bei der Reichsbank 188,161 offene Depots über 2,042,261,892 Mk. gegen 175,999, bez. 1,900,526,691 Mk. im Vorjahr. Diese Angaben genügen für den Nachweis, daß die deutsche Reichsbankanstalt mit ihren 232 Bankstellen eine dominierende Stellung in Deutschland im Zahlungs- und Kreditwesen und als Wächter der deutschen Goldwährung einnimmt. Weiteres s. im Art. Reichsbank.

Seit der Verstaatlichung der preußischen Eisenbahnen ist das Geschäft in deutschen Eisenbahnaktien verhältnismäßig klein geworden, und nur periodisch zeigt sich in dem einen oder andern Eisenbahnpapier ein regerer Verkehr. In der nachfolgenden Aufstellung befinden sich die an der Berliner Börse noch im Handel befindlichen deutschen Eisenbahnstammaktien, Stammprioritäten und Prioritätsobligationen nebst Betriebslänge der einzelnen Bahnen und der in den letzten beiden Jahren bezahlten Dividenden.

[Hier folgt in der Vorlage eine Tabelle, siehe unten.]

In nachstehender Aufstellung (S. 332) zeigt sich die Zunahme der an der Berliner Börse gehandelten Wertpapiere in einem Zeitraum von zehn Jahren. Dieselbe enthält sämtliche Papiere nach ihrem Nominalwert ausgerechnet. Der am 31. Dez. 1879, resp. 31. Dez. 1889 gezahlte Kurswert würde natürlich eine wesentlich veränderte Summe ergeben, da ein großer Teil der Werte unter, sehr viele aber auch bedeutend über Pari stehen. Besonders auffällig ist die bedeutende Zunahme der deutschen Fonds, welche zum Teil aus der Verstaatlichung der Eisenbahnen entsprungen ist, wodurch sich aber zugleich auch die Abnahme der deutschen Eisenbahnstammaktien und Prioritäten erklärt. Ferner ist die Rubrik: diverse fremde Fonds ganz außerordentlich gestiegen, und zwar stammt das Mehr erst aus den letzten Jahren, in welchen an der Börse argentinische, chilenische, chinesische, griechische, mexikanische, portugiesische, schweizerische, serbische und spanische Anleihen eingeführt worden sind. Sehr bedeutend sind auch die fremden Eisenbahnwerte gestiegen, sodann ist die Zunahme der Industrie- und Montanpapiere erwähnenswert, [332] welche zum größten Teil auf das letzte Jahr entfallen. Es betrug der Nominalwert des Berliner Kurszettels in Millionen Mark:

  1879 1889
Deutsche Fonds 1404,5 4969,2
Stadtobligationen 138,0 312,1
Provinzialobligationen 20,7 54,0
Berliner und landschaftliche Pfandbriefe 1148,3 1607,4
Rentenbriefe 360,7 319,9
Diverse deutsche Fonds 645,5 3058,0
Fremde
Fonds
Österreichisch-Ungarische 6586,3 9075,1
Russisch-Polnische 5894,1 6111,4
Diverse 1135,5 16154,2
Amerikanische 4687,6
Fremde Stadtobligationen 302,7
Deutsche Hypothekencertifikate u. Pfandbr. 838,7 1559,5
Fremde Pfandbriefe 801,2 1221,8
Prämienanleihen 2244,8 2403,9
Versicherungsaktien 54,9 253,8
Deutsche Eisenbahn-Stammaktien 1185,1 278,9
Deutsche Stammprioritäten 302,8 101,3
Österreichisch-Ungarische Stammaktien 1181,3 1205,4
Diverse fremde Stammaktien 744,1 1494,3
Deutsche Prioritätsobligationen 2096,6 1206,7
Österreichisch-Ungarische Prioritäten 3434,0 4058,0
Russische Prioritäten 664,4 1219,8
Amerikanische Prioritäten 187,6 1043,7
Diverse fremde Prioritäten 281,8 2107,9
Bankaktien 1319,5 1951,1
Bergwerksaktien 449,4 605,4
Brauereien 40,6 82,8
Chemische Fabriken 15,1 62,1
Pferdebahnen und andre Transportunternehmungen 24,5 140,8
Gasanstalten, Gas- und Wasseranlagen 30,9 29,5
Baugesellschaften 118,5 109,0
Spinnereien, Webereien, Tuchfärbereien 31,8 57,3
Papierfabriken 4,7 12,7
Zuckerfabriken 9,0 18,0
Maschinen- und Eisenbahnbedarfsaktien 99,7 121,9
Diverse Industrieaktien 99,9 308,0
Obligationen industrieller Gesellschaften 195,6
Zusammen: 38282,1 63812,9

Ein deutliches Bild der Geschäftsentwickelung der Berliner Börse in den letzten Jahren gibt eine Aufstellung der an der Berliner Börse gehandelten und der neu eingeführten Werte. Es wurde im Laufe des Jahres 1889 die amtliche Notierung vom Börsenkommissariat für 135 neue Werte genehmigt gegen 88 im J. 1888, 68 im J. 1887 und 72 im J. 1886. Auf das Jahr 1889 entfallen 18 inländische Staats- und Stadtanleihen, Pfandbriefe, Eisenbahnprioritäten und Bankaktien, 75 inländische Prioritäten und 42 anderweite europäische und überseeische Werte. In der ersten Hälfte des Jahres 1890 war die Emissionsthätigkeit infolge der anhaltenden ungünstigen Tendenz sehr gering und stand in keinem Verhältnis zum vorigen Jahre.

An der Berliner Börse wurden 31. Dez. 1889 durch die vereideten Makler die Kurse von 1166 verschiedenen Werten notiert, abgesehen von den besondern Notierungen der sogen. kleinen oder großen Stücke der einzelnen Wertpapiere. Die Werte verteilen sich auf:

  1889 gegen 1888
Preußische und deutsche Fonds, Pfand- und Rentenbriefe, Stadtanleihen etc. 114   101
Inländische Hypothekenbank-Pfandbriefe 70 58
   Eisenbahn-Prioritätsobligationen 32 59
Österreichisch-Ungarische Prioritäten 54 49
Russische Prioritäten 34 36
Amerikanische Prioritäten 22 16
Andre ausländische Prioritäten 17 12
Ausländische Staatsanleihen, Kommunalpapiere und Pfandbriefe 133 121
In- und ausländische Eisenbahnstamm- und Stamm-Prioritätsaktien 83 79
Bankaktien 110 105
Industriepapiere und Bergwerksaktien 401 330
Obligationen industrieller Gesellschaften 53 49
Versicherungsaktien 43 42
Zusammen: 1166   1057

Während bei Bildung der Korporation der Berliner Kaufmannschaft, also im J. 1820, an der Berliner Börse 16 vereidete Fonds- und 21 vereidete Warenmakler den Verkehr vermittelten, sind jetzt 81 Fonds- und 30 Produktenmakler thätig.

Der außerordentliche Verkehr, welcher an der Berliner Börse im J. 1889 herrschte, wird auch dadurch bewiesen, daß im ganzen 440,000 telegraphische Depeschen oder 1490 Depeschen täglich aus- und eingingen gegen 370,000, bez. 1240 Depeschen im J. 1888.

Die Gründungsthätigkeit im abgelaufenen Jahre war sehr bedeutend. Das Nominalaktienkapital der neugegründeten Gesellschaften wird auf 402,544,000 Mk. gegen 193,685,000 Mk. im J. 1888 u. 128,414,000 Mk. im J. 1887 angegeben. Im ersten Halbjahr des Jahres 1890 stellte sich das Nominalaktienkapital der neugegründeten Gesellschaften auf 134,937,000 Mk.

[331]

Bahnen Stamm­aktien Priori­täts-Stamm­aktien Priori­täts-Obli­gatio­nen Betriebs­länge Dividende in Prozent
Stamm­aktien Stamm­priori­täten
Mark Mark Mark Kilo­meter 1889 1888 1889 1888
Aachen-Maastrichter 8250000 10582500 73,00 25/8 23/8
Altdamm-Kolberger 3150000 3150000 122,27 4,5 4,5 4,5 4,5
Altenburg-Zeitz 1905000 2205000 4500000 25,28 84/15 91/15 81/12
Breslau-Warschau 4005000 4005000 750000 55,34 0 0 1,80 2,25
Krefelder Eisenbahn 1500000 1500000 60,08 4,5 4,2
Krefeld-Ürdingen 1000000 0 1,3
Dortmund-Gronau-Enschede 18000000 3600000 95,49 3,75 3,25 4,5 4,5
Eutin-Lübecker 2400000 3276300 40,86 1,5 1
Frankfurter Güterbahn 3000000 4,50 0,5 4,5
Halberstadt-Blankenburg 2200000 1200000 3440000 55,08 4,5 4 5 5
Ludwigshafen-Benbach 19992342 65174128 306,00 9,8 97/8
Lübeck-Büchen 18474000 3276300 130,43 7,75 7,5
Mainz-Ludwigshafen 111900000 104971429 710,53 42/3 41/2
Marienburg-Mlawka 12840000 12840000 149,32 1/3 3 5 5
Mecklenburger Südbahn 2500000 3500000 116,46 3 3 4 4
Niederwaldbahn 1200000 650000 3,83 2,5 2,5
Ostpreußische Südbahn (inkl. Fischhausen-Palmnicken) 13500000 13500000 22900000 261,27 3 6 5 5,5
Paulinenau-Neuruppin 850000 850000 28,08 4,5 4,5
Priegnitzer 1350000 1350000 44,93 0 0 4,5 4,5
Saalbahn 6750000 6750000 4500000 90,63 1/3 0 5 5
Unterelbe 23500000 106,82
4A
2,04B
4A
11/6B
Weimar-Geraer 9000000 9900000 1500000 68,65 0 0 4 31/8
Werrabahn 15020700 11955600 207,01 3 3